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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
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Reise von München nach Genua.

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Servilismus, der fast eine ironische Färbung trägt, aber doch gründeehrlich gemeint ist. Die Frauenzimmer in Tirol begrüßen dich sozuvorkommend freundlich, die Männer drücken dir so derb die Hand,und gebärden sich dabei so pnpig herzlich, daß du fast glauben solltest,sie behandelten dich wie einen nahen Verwandten, wenigstens wieihresgleichen; aber weit gefehlt, sie verlieren dabei nie aus dem Ge-dächtnis, daß sie nur gemeine Leute sind, und daß du ein vornehmerHerr bist, der es gewiß gern sieht, wenn gemeine Leute ohne Blödig-keit sich zu ihm herauslassen. Und darin haben sie einen natur-richtigcn Instinkt; die starrsten Aristokraten sind froh, wenn sie Ge-legenheit finden zur Herablassung, denn dadurch eben fühlen sie, iviehoch sie gestellt sind. Zu Hause üben die Tiroler diesen Servilismusgratis, in der Fremde suchen sie auch noch dadurch zu lnkrieren.Sie geben ihre Persönlichkeit preis, ihre Nationalität. Diese buntenDcckenverkäufer, diese munteren Tiroler Bna, die wir in ihremNationalkostüm herumwandcrn sehen, lassen gern ein Späßchen mitsich treiben, aber du mußt ihnen auch etwas abkaufen. Jene Ge-schwister Rainer, die in England gewesen, haben es noch besser ver-standen, und sie hatten noch obendrein einen guten Ratgeber, derden Geist der englischen Nobility gut kannte. Daher ihre gute Auf-nahme im Foyer der europäischen Aristokratie, in tbs vsst sink obt,bs torvn. Als ich vorigen Sommer in den glänzenden Konzert-sälen der Londoner fashionabeln Welt diese Tiroler Sänger, gekleidetin ihre heimatliche Volkstracht, das Schaugerüst betreten sah, undvon da herab jene Lieder horte, die in den Tiroler Alpen so naivund fromm gejodelt werden, und uns auch ins norddeutsche Herz solieblich hinabklingen — da verzerrte sich alles in meiner Seele zubitterem Unmut, das gefällige Lächeln vornehmer Lippen stach michwie Schlangen, es war mir, als sähe ich die Keuschheit des deutschenWortes aufs roheste beleidigt, und die süßesten Mysterien des deut-schen Gemütslcbens vor fremdem Pöbel profaniert. Ich habe nichtmitklatschcn können bei dieser schamlosen Verschacherung des Ver-schämtesten, und ein Schweizer, der glcichfühlend mit mir den Saalverließ, bemerkte ganz richtig: Wir Schwyzer geben auch viel fürsGeld, unsere besten Käse und unser bestes Blut, aber das Alphornkönnen wir in der Fremde kaum blasen hören, viel weniger esselbst blasen für Geld.

Kapitel xn.

Tirol ist sehr schön, aber die schönsten Landschaften können unsnicht entzücken bei trüber Witterung und ähnlicher Gemütsstimmnng.Diese ist bei mir immer die Folge von jener, und da es draußenregnete, so war auch in mir schlechtes Wetter. Nur dann und wanndurste ich den Kopf zum Wagen Hinansstrecken, dann schaute ich