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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
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Reise von München nach Genna. 17

aber auch ganz geheim verboten: und als er mich nach einem dunkelnStübchen geführt, wo er seine Reliquien aus dein Tiroler Krieg ansbewahrt, wickelte er ein schmutzig blaues Papier von einem schonzerlescncn grünen Büchlein, das ich zu meiner Verwunderung alsJmmermanns „Trauerspiel in Tirol" erkannte. Ich sagte ihm,nicht ohne errötenden Stolz, der Mann, der es geschrieben, sei meinFreund. Herr Niederkirchncr wollte nun so viel als möglich vondem Manne wissen, und ich sagte ihm, es sei ein gedienter Mann,von fester Statur, sehr ehrlich, und sehr geschickt in Schreibsachcn, sodaß er nur wenige seinesgleichen finde. Daß er aber ein Preuße sei,wollte Herr Niederkirchner durchaus nicht glauben, und rief mit mit-leidigem Lächeln: Warum nicht gar! Er ließ sich nicht ausreden,daß der Jmmermann ein Tiroler sei und den Tiroler Krieg mit-gemacht habe, — „wie könnte er sonst alles wissen?"

Seltsame Grille des Volkes! Es verlangt seine Geschichte aus derHand des Dichters und nicht aus der Hand des Historikers. Es ver-langt nicht den treuen Bericht nackter -vhatsachen, sondern jene Thal-sachen wieder aufgelöst in die ursprüngliche Poesie, woraus sie hervor-gegangen. Das wissen die Dichter, und nicht ohne geheime Schadcnlustmodeln sie willkürlich die Völkcrcrinnerungcn, vielleicht zur Verhöh-nung stolztrvckcncr Histvriographcn und pergamentener Staatsarchivare.Nicht wenig ergötzte es mich, als ich in den Buden des letzten Jahr-markts die Geschichte des Bclisar in grell kolorierten Bildern aus-gehängt sah, und zwar nicht nach dem Prokop, sondern ganz treu nachSchcnks Tragödie. „So wird die Geschichte verfälscht" — rief dergelahrte Freund, der mich begleitete, — „sie weiß nichts von jenerRache einer beleidigten Gattin, von jenem gefangenen Sohn, vonjener liebenden Tochter, und dergleichen modernen HerzenSgeburtcn!"— Ist denn dies aber wirklich ein Fehler? soll man den Dichternwegen dieser Fälschung gleich den Prozeß machen? Nein, denn ichleugne die Anklage. Die Geschichte wird nicht von den Dichtern ver-fälscht. Sie geben den Sinn derselben ganz treu, und sei es auchdurch selbstcrfundene Gestalten und Umstände. Es giebt Völker, denennur auf diese Dichtcrart ihre Geschichte überliefert worden, z. B. dieJndicr. Dennoch geben Gesänge wie der Mnhnbarata den Sinnindischer Geschichte viel richtiger als irgend ein Kompendienschreibermit all seinen Jahrzahlcn. In gleicher Hinsicht möchte ich behaupten,Walter Scotts Romane gäben zuweilen den Geist der englischen Ge-schichte weit treuer als Hnme; wenigstens hat Sartorius sehr recht,wenn er in seinen Nachträgen zu Spittler jene Romane zu denQuellen der englischen Geschichte rechnet.

Es geht den Dichtern wie den Träumern, die im Schlafe das-jenige innere Gefühl, welches ihre Seele durch wirklich äußere Ur-sachen empfindet, gleichsam maskieren, indem sie an die Stelle dieserHe ine's Werke. VI. Bd. 2