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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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16
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16 Reiscbilder II.

er einst gebettet wird. Aber die Sterne funkeln so beruhigend, dieWaldwasscr rauschen so trostvoll, und die eigene Seele überbraust sostolz all die kleinmütigen Gedanken, daß er sie bald wieder vergißt.Steigt gar die Sonne hervor, so fühlt er sich wieder wie sonst, undfliegt zu ihr hinauf, und wenn er hoch genug ist, singt er ihr ent-gegen seine Lust und Qual, «eine Mittiere, besonders die Menschen,glauben, der Adler könne nicht singen, und sie wissen nicht, daß erdann nur singt, wenn er ans ihrem Bereiche ist, und daß er ausStolz nur von der Sonne gehört sein will, lind er hat recht; eskönnte irgend einem von der gefiederten Sippschaft da unten einfallen,seinen Gesang zu recensieren. Ich habe selbst erfahren, wie solcheKritiken lauten: das Huhn stellt sich dann auf eiu Bein und gluckt,der Sänger habe kein Gemüt; der Truthahn kollert, es fehle ihmder wahre Ernst; die Taube girrt, er kenne nicht die wahre Liebe;die Gans schnattert, er sei nicht wissenschaftlich; der Kapann kikert,er sei nicht moralisch; der Dompfaff zwitschert, er habe leider keineReligion; der Sperling piepst, er sei nicht produktiv genug; Wiede-höpfchcn, Elsterchen, Schuhnchcn, alles krächzt und ächzt und schnarrt— Nur die Nachtigall stimmt nicht ein in diese Kritiken; unbeküm-mert um die ganze Mitwelt, ist nur die rote Rose ihr einziger Ge-danke und ihr einziges Lied, sehnsüchtig umflattert sie die rote Rose,und stürzt sich begeistert in die geliebten Dornen, und blutet und singt.

Kapitel vn.

Es giebt einen Adler im deutschen Baterlande, dessen Sonnenlied so gewaltig erklingt, daß es auch hier unten gehört wird, undsogar die Nachtigallen aufhorchen, trotz all ihren melodischen Schmerzen.Das bist du, Karl Jmmcrmann, und deiner dacht' ich gar oft indem Lande, wovon du so schön gesungen. Wie konnte ich durchTirol reisen, ohne an das „Trauerspiel" zu denken?

Nun freilich, ich habe die Dinge in anderer Färbung gesehen;aber ich bewundere doch den Dichter, der aus der Fülle deS Gemütsdasjenige, was er nie gesehen hat, der Wirklichkeit so ähnlich schafft.Am meisten ergötzte mich, daß das „Trauerspiel in Tirol" in Tirolverboten ist. Ich gedachte der Worte, die mir mein Freund Moserschrieb, als er mir meldete, daß der zweite Band der Reiscbilder ver-boten sei: „Die Regierung hätte aber das Buch gar nicht zu ver-bieten brauchen, es wäre dennoch gelesen worden."

Zu Innsbruck im goldenen Adler, wo Andreas Hofer logierthatte, und noch jede Ecke mit seinen Bildnissen und Erinnerungenan ihn beklebt ist, fragte ich den Wirt, Herrn Niedcrkirchner, ob ermir noch viel von dem Sandwirt erzählen könne? Da war der alteMann überfließend von Redseligkeit, und vertraute mir mit klugemAugcnzwinkeu, daß jetzt die Geschichte auch ganz gedruckt heraus "sei,