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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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Reise von München nach Genua. 15

er selbst, sondern sein Herr Schwager, der Kammergerichtsrat, warvorigen Sommer dagewesen, und es soll eine ganz eenzige Stadtsein. — „Haben Sie Kopenhagen gesehen?" Da ich diese Frageebenfalls verneinte und eine Schilderung dieser Stadt von ihm be-gehrte, lächelte er gar Pfiffig und wiegte das Köpfchen recht vergnügthin und her und versicherte mir auf Ehre, ich könnte mir keineVorstellung davon machen, wenn ich nicht selbst dort gewesen sei.„Dieses," erwiderte ich, „wird vorderhand noch nicht stattfinden, ichwill jetzt eine andere Reise antreten, die ich schon diesen Frühlingprojektiert, ich reise nämlich nach Italien."

Als der Mann dieses Wort hörte, sprang er plötzlich vom Stuhleans, drehte sich dreimal aus einem Fuße herum, und trillerte: Tirili!Tirili! Tirili!

Das gab mir den letzten Sporn. Morgen reise ich, beschloß ichauf der Stelle. Ich will nicht länger zögern, ich will sobald alsmöglich das Land sehen, das den trockensten Philister so sehr in Ek-stase bringen kann, daß er bei dessen Erwähnung plötzlich wie eineWachtel schlägt. Während ich zu Hause meinen Koffer packte, klangmir der Ton jenes Tirilis noch immer in die Ohren, und meinBruder, Maximilian Heine, der mich den andern Tag bis Tirolbegleitete, konnte nicht begreifen, warum ich auf dem ganzen Wegekein vernünftiges Wort sprach und beständig tirilierte.

Kapitel vi.

Tirili! Tirili! ich lebel Ich fühle den süßen Schmerz der Exi-stenz, ich fühle alle Freuden und Qualen der Welt, ich leide für dasHeil des ganzen Menschengeschlechts, ich büße dessen Sünden, aberich genieße sie auch.

Und nicht bloß mit den Menschen, auch mit den Pflanzen fühleich, ihre tausend grünen Zungen erzählen nur allerliebste Geschichten,sie wissen, daß ich nicht mcnschcnstolz bin, und mit den niedrigstenWiescnbliimchcn ebenso gern spreche, wie mit den höchsten Tannen.Ach, ich weiß ja, wie es mit solchen Tannen beschaffen ist! AnS derTiefe des Thals schießen sie himmelhoch empor, überragen fast diekühnsten Felseuberge — Aber wie lange dauert diese Herrlichkeit?Höchstens ein paar lumpige Jahrhunderte, dann krachen sie alters-miid zusammen und verfaulen auf dem Boden. Des Nachts kommendann die hämischen Käuzlein aus ihren Felsenspalten hervorgehuscht,und verhöhnen sie noch obendrein: Seht, ihr starken Tannen, ihrglaubtet euch mit den Bergen messen zu können, jetzt liegt ihr ge-brochen da unten, und die Berge stehen noch immer unerschüttcrt.

Einem Adler, der auf seinem einsamen Lieblingsfelsen sitzt, undsolcher Verhöhnung zuhört, muß recht mitleidig zu Mute werden.Er denkt dann an das eigene Schicksal. Auch er weiß nicht, wie tief