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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
14
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M

brach hervor aus dem Himmel und tränkte die Erde, das alte Kind,mit ihrer Strahlenmilch, die Berge schauerten vor Lust und ihreSchneethränen flössen gewaltig, es krachten und brachen die Eisdeckender Seen, die Erde schlug die blauen Augen auf, aus ihrem Busenquollen hervor die liebenden Blumen und die klingenden Wälder,die grünen Paläste der Nachtigallen, die ganze Natur lächelte, unddieses Lächeln hieß Frühling. Da begann auch in mir ein neuerFrühling, neue Blumen sproßten aus dem Herzen, Freihcitsgefühle,wie Rosen, schössen hervor, auch heimliches Sehnen, wie junge Veil-chen, dazwischen freilich manch unnütze Nessel. Über die Gräbermeiner Wünsche zog die Hoffnung wieder ihr heiteres Grün, auchdie Melodien der Poesie kamen wieder, wie Zugvögel, die den Winterim warmen Süden verbracht und das verlassene Nest im Nordenwieder aufsuchen und das verlassene nordische Herz klang und blühtewieder wie vormals — nur weih ich nicht, wie das alles kam. Istes eine braune oder blonde Sonne gewesen, die den Frühling inmeinem Herzen aufs neue geweckt, und all die schlafenden Blumen indiesem Herzen wieder aufgeküßt und die Nachtigallen wieder hinein-gelächelt? War es die wahlverwandte Natur selbst, die in meinerBrust ihr Echo suchte und sich gern darin bespiegelte mit ihrem neuenFrühlingsglanz? Ich weiß nicht, aber ich glaube, auf der Terrassezu Bogenhausen, im Angesicht der Tiroler Alpen, geschah meinemHerzen solch neue Verzauberung. Wenn ich dort in Gedanken saß,war mir's oft, als sähe ich ein wunderschönes Jünglingsantlitz überjene Berge hervorlauschen, und ich wünschte mir Flügel, um hinzu-eilen nach seinem Nesidenzland Italien. Ich fühlte mich auch oft an-geweht von Citronen- und Orangedüftcn, die von den Bergen herüber-wogten, schmeichelnd und verheißend, um mich hinzulocken nach Italien.Einst sogar, in der goldenen Abenddämmerung, sah ich auf derSpitze einer Alpe ihn ganz und gar, lebensgroß, den jungen Früh-lingsgott, Blumen und Lorbeeren umkränzten das freudige Haupt,und mit lachendem Auge und blühendem Munde rief er: Ich liebedich, komm zu mir nach Italien!

Kapitel V.

Mein Blick mochte daher wohl etwas sehnsüchtig flimmern, alsich, in Verzweiflung über das unabsehbare Philistergesprttch, nach denschönen Tiroler Bergen hinaussah und tief seufzte. Mein BerlinerPhilister nahm aber eben diesen Blick und Seufzer als neue Ge-sprächsfäden auf, und seufzte mit: „Ach ja, ich möchte auch jetzt inKonstantinopel sein! Ach! Konstantinopel zu sehen, war immer dereenzige Wunsch meines Lebens, und jetzt sind die Russen gewiß schoneingezogen, ach, in Konstantinvpel! Haben Sie Petersburg gesehen?Ich verneinte dieses und bat, mir davon zu erzählen. Aber nicht