Reise von München nach Genua. 11
hat alles, was zu einem großen Dichter gehört, außer etwa Phan-tasie und Witz, und wenn er viel Geld hätte, wäre er ein reicherMann. Äas° uns aber an Quantität fehlt, das ersetzen wir durchQualität. Wir haben nur einen großen Bildhauer, — aber es istein „Löwe!" Wir haben nur einen großen Redner, aber ich binüberzeugt, daß Demosthenes über den Malzaufschlag in Attila nichtso gut donnern konnte. Wenn wir noch keinen Sokrates vergiftethaben, so war es wahrhaftig nicht das Gift, welches uns dazu fehlte,lind wenn wir noch keinen eigentlichen Demos, ein ganzes Dema-gogenvolk besitzen, so können wir doch mit einem Prachtexemplaredieser Gattung, mit einem Demagogen von Handwerk, aufwarten*),der ganz allein einen ganzen Haufen Großschwätzer, Maulanfsperrer,Poltrons und sonstigen Luntpengesindels aufwiegt — und hier sehenSie ihn selbst.
Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, die Figur, die sichuns jetzt präsentierte, etwas genauer zu bezeichnen. Ob diese Figurmit Recht behauptet, daß ihr Kopf etwas Menschliches habe und siedaher juristisch befugt sei, sich für einen Menschen auszugeben, daSlasse ich dahin gestellt sein. Ich würde diesen Kopf vielmehr für deneines Affen halten; nur aus Courtoisie will ich ihn für menschlichpassieren lassen. Seine Bedeckung bestand aus einer Tuchmütze, inder Form ähnlich dem Helm des Mambrin, und steifschwarze Haarehingen lang herab und waren vorn ä, 1'snk-rnt gescheitelt. Auf dieseVorderseite des Kopfes, die sich für ein Gesicht ausgab, hatte dieGöttin der Gemeinheit ihren Stempel gedrückt, und zwar so stark,daß die dort befindliche Nase fast zerquetscht worden; die nieder-geschlagenen Augen schienen diese Nase vergebens zu suchen und des-halb betrübt zu sein; ein übelriechendes Lächeln spielte um den Mund,der überaus liebreizend war, und durch eine gewisse frappante Ähn-lichkeit unseren griechischen After-Dichter zu den zartesten Gaselenbegeistern konnte. Die Bekleidung war ein altdeutscher Rock, zwarschon etwas modifiziert nach den dringendsten Anforderungen derncueuropäischen Civilisation, aber im Schnitt noch immer erinnernd anden, welchen Arminius im Teutoburger Walde getragen, und dessenUrform sich unter einer patriotischen Schneidergesellschaft ebenso ge-heimnisvoll traditionell erhalten hat, wie einst die gotische Baukunstunter einer mystischen Maurergilde. Ein weißgewaschener Lappen, dermit dem bloßen, altdeutschen Halse ticfbcdeutsnm kontrastierte, bedeckteden Kragen dieses famosen Nockes, aus seilten langen Ärmeln hingenlange schmutzige Hände, zwischen diesen zeigte sich ein langweiligerLeib, woran wieder zwei kurzweilige Beine schlotterten — die ganzeGestalt war eine katzenjämmerliche Parodie des Apoll von Bclvedcre.
-) Meßlimim.