Ideen oder das Buch Le Grand. 125
Worte, um zu verberge», daß sie überhaupt kciue Gedanken haben,und halten lange Reden, und schreiben dicke Bücher, und wenn mansie hört, so preisen sie die alleinseligmachende Quelle der Gedanken,nämlich die Vernunft, und wenn man sie sieht, so treiben sie Mathe-matik, Logik, Statistik, Maschinen-Verbesserung, Biirgersinn, Stall-fütterung u. s. w. — und ivie der Affe um so lächerlicher wird, jemehr er sich mit dem Menschen ähnlich zeigt, so werden auch jeneNarren desto lächerlicher, je vernünftiger sie sich gebärden. AndereHäuptlinge der großen Armee sind offenherziger und gestehen, daßihr Vernunftteil sehr gering ausgefallen, daß sie vielleicht gar nichtsvon der Vernunft abbekommen, indessen können sie nicht umhin, zuversichern, die Vernunft sei sehr sauer und im Grunde von geringemWerte. Dies mag vielleicht wahr sein, aber nnglücklichermaßen habensie nicht mal so viel Vernunft, als dazu gehört, es zu beweisen. Sicgreifen daher zu allerlei Allshilfe, sie entdecken neue Kräfte in sich,erklären, daß solche ebenso wirksam seien wie die Vernunft, ja in ge-wissen Notfällen noch wirksamer, z. B. das Gemüt, der Glauben, dieInspiration u. s. w., und mit diesem Bernnnftsnrrogat, mit dieserRunkelrübcnvcrnnnft trösten sie sich. Mich Armen hassen sie aberganz besonders, indem sie behaupten, ich sei von Haus ans einer derIhrigen, ich sei ein Abtrünniger, ein Überläufer, der die heiligstenBande zerrissen, ich sei jetzt sogar ein Spion, der heimlich auskund-schafte, was sie, die Narren, zusammen treiben, um sie nachher demGelächter seiner neuen Genossen preiszugeben, und ich sei so dumm,nicht einmal einzusehen, daß diese zu gleicher Zeit über mich selbstlachen und mich nimmermehr für ihresgleichen halten — Und dahaben die Narren vollkommen recht.
Es ist währ, jene halten mich nicht für ihresgleichen, und mirgilt oft ihr heimliches Gekicher. Ich weiß es sehr gut, aber ich laßmir nichts merkeil. Mein Herz blutet dann innerlich, und wenn ichallein bin, fließeil drob meine Thränen. Ich weiß es sehr gut, meineStellung ist unnatürlich; alles, was ich thue, ist den Vernünftigeneine Thvrhcit und den Narren ein Greuel. Sie hassen mich, ich fühledie Wahrheit des Spruches: „Stein ist schwer und Sand ist Last,aber der Narren Zorn ist schwerer denn die beide." Und sie hassenmich nicht mit Unrecht. Es ist vollkommen wahr, ich habe die hei-ligsten Bande zerrissen, von Gott und Rechts wegen hätte ich unterden Narren leben und sterben müssen. Und ach! ich hätte es unterdiesen Leuten so gut gehabt! Sie würden mich, wenn ich umkehrenwollte, noch immer mit offeneil Armen empfangen. Sie würden miran den Augen absehen, was sie mir nur irgend Liebes erweisenkönnten. Sie würden mich alle Tage zu Tische laden und des Abendsmitnehmen in ihre Thcegcsellschaften und Klubs, und ich könnte mitihnen Whist spielen, Tabak rauchen, politisieren, und wenn ich dabei