56 Die Harzreise.
ES ist heute der erste Mai, wie ein Meer des Lehens ergießrsich der Frühling über die Erde, der weiße Bliitcuschaum bleibt anden Bäumen hängen, ein weiter, warmer Nebelglauz verbreitet sichüberall, in der Stadt blitzen freudig die Fensterscheiben der Häuser,an den Dächern bauen die Spatzen wieder ihre Nestchen, ans derStraße wandeln die Leute und wundern sich, daß die Luft sv an-greifend, und ihnen selbst so wunderlich zu Mute ist, die bunten Vicr-länderinnen bringen Veilchcnsträuße, die Waisenkinder mit ihrenblauen Jäckchen und ihren lieben, unehelichen Gesichtchen ziehen überden Jnngfernstieg und freuen sich, als sollten sie heute einen Vaterwiederfinden, der Bettler an der Brücke schaut sv vergnügt, als hätteer das große Los gewonnen, sogar den schwarzen, noch nngehenktenMakler, der dort mit seinem spitzbübischen Mannfakturwaren-Gcsichteinherläust, bescheint die Sonne mit ihren tolerantesten Strahlen, —ich will hinanswandern vor das Thor.
Es ist der erste Mai, und ich denke deiner, du schone Ilse —oder soll ich dich „Agnes" nennen, weil mir dieser Name am bestengefällt? — ich denke deiner, und ich möchte wieder zusehen, wie duleuchtend den Berg hinablttufst. Am liebsten aber möchte ich nutenim Thale stehen und dich auffangen in meine Arme. — Es ist einschöner Tag! — Überall sehe ich die grüne Farbe, die Farbe derHoffnung. Überall, wie holde Wunder, blühen hervor die Blumen,und auch mein Herz will wieder blühen. Dieses Herz ist auch eineBlume, eine gar wunderliche. Es ist kein bescheidenes Veilchen, keinelachende Rose, keine reine Lilie, oder sonstiges Blümchen, das mitartiger Lieblichkeit den Mädchensinn erfreut, und sich hübsch vor denhübschen Busen stecken läßt, und heute welkt und morgen wieder blüht.Dieses Herz gleicht mehr jener schweren, abenteuerlichen Blume ansden Wäldern Brasiliens, die der Sage nach alle hundert Jahre nureinmal blüht. Ich erinnere mich, daß ich als Knabe eine solche Blumegesehen. Wir hörten in der Nacht einen Schuß wie von einer Pistole,und am folgenden Morgen erzählten mir die Nachbarskindcr, daß esihre „Aloe" gewesen, die mit solchem Knalle plötzlich aufgeblüht sei.Sie führten mich in ihren Garten, und da sah ich zu meiner Ver-wunderung, daß das niedrige, harte Gewächs mit den närrisch breiten,scharfgczacktcn Blättern, woran man sich leicht verletzen konnte, jetztganz in die Höhe geschossen war, und oben, wie eine goldene Krone,die herrlichste Blüte trug. Wir Kinder konnten nicht mal so hochhinaussehen, und der alte, schmunzelnde Christian, der uns lieb hatte,baute eine hölzerne Treppe um die Blume herum, und da klettertenwir hinauf wie die Katzen, und schauten neugierig in den offenenBlumenkelch, woraus die gelben Strnhlcnfäden und wildfremden Düftemit unerhörter Pracht hervordrangen.
Ja, Agnes, oft und leicht kommt dieses Herz nicht zum Blühenc