Dic Harzreise. 45
der Welt, und endlich von der Geschichte; letztere aber teilen wir einin Positiv und spanische Fliegen —" Und so ging's weiter nnt Sinnund Unsinn.
Ein gemütlicher Mecklenburger, der seine Nase im Punschglasehatte, und selig lächelnd den Dampf einschnupfte, machte die Bemer-kung, es sei ihm zu Mute, als stände er wieder vor dem Theatcr-biiffett in Schwerin. Ein anderer hielt sein Weinglas wie ein Per-spcktiv vor die Augen und schien uns aufmerksam damit zu betrachten,während ihm der rote Wein über die Backen ins hervortretende Maulhinabließ Der Greifswalder, plötzlich begeistert, warf sich an meineBrust und jauchzte: „O, verständest du mich, ich bin ein Liebender,ich bin ein Glücklicher, ich werde wieder geliebt, und, Gott verdamm'mich! es ist ein gebildetes Mädchen, denn sie hat volle Brüste, undträgt ein weißes Kleid, und spielt Klavier!" — Aber der Schweizerweinte, und küßte zärtlich meine Hand, und wimmerte beständig:„O Bäbcli! O Bttbeli!"
In diesem verworrenen ^reiben, wo die Teller tanzen und dicGläser fliegen lernten, saßen mir gegenüber zwei Jünglinge, schönund blaß wie Marmvrbilder, der eine mehr dem Adonis, der anderemehr dem Apollo ähnlich. Kaum bemerkbar war der leise Rosen-Hauch, den der Wein über ihre Wangen hinwarf. Mit unendlicherLiebe sahen sie sich einander an, als wenn einer lesen könnte in denAugen des andern, und in diesen Augen strahlte es, als wären einigeLichttropfen hineingefallen auS jener Schale voll lodernder Liebe, dieein frommer Engel dort oben von einem Stern zum andern hinüber-trägt. Sie sprachen leise mit sehnsuchtbebender Stimme, und es warentraurige Geschichten, aus denen ein wunderschmcrzlicher Ton hervor-klang. „Die Lore ist jetzt auch tot!" sagte der eine und seufzte, undnach einer Pause erzählte er von einein Halleschen Mädchen, das ineinen Studenten verliebt war, und, als dieser Halle verließ, mit nie-mand mehr sprach, und wenig aß, und Tag und Nacht weinte, undimmer den Kanarienvogel betrachtete, den der Geliebte ihr einst ge-schenkt hatte. „Der Vogel starb, und bald daraus ist auch die Loregestorben!" so schloß die Erzählung, und beide Jünglinge schwiegenwieder und seufzten, als wollte ihnen das Herz zerspringen. Endlichsprach der andere: „Meine Seele ist traurig! Komm mit hinaus indie dunkle Nacht! Einatmen will ich den Hauch der Wolken und dieStrahlen des Mondes. Genosse meiner Wehmut! ich liebe dich, deineWorte tonen wie Rvhrgefliistcr, wie gleitende Ströme, sie tönen wiederin meiner Brust, aber meine Seele ist traurig!"
Nun erhoben sich die beiden Jünglinge, einer schlang den Armum den Nacken deS andern, und sie verließen das tosende Zimmer.Ich folgte ihnen nach und sah, wie sie in eine dunkle Kammer traten,wie der eine statt des Fensters einen großen Kleiderschrank öffnete,