6 Die Harzrcise.
einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Biersehr gut ist. Der vorbeifließcndc Bach heißt „die Leine," und dientdes Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an einigenOrten so breit, daß Lüder wirklich einen großen Anlauf nehmenmußte, als er hinüber sprang. Die Stadt selbst ist schön, und ge-fällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht.Sie muß schon sehr lange stehen, denn ich erinnere mich, als ichvor fünf Jahren dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiertwurde, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Ansehen, und warschon vollständig eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen,Thee dansants, Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Gnelfen-vrden, PromotionSkutschen, Pfeifenköpfen, Hvfräten, Justizrntcn,Relegationsräten, Profaxcn und andern Faxen. Einige behauptensogar, die Stadt sei zur Zeit der Völkerwanderung erbaut worden,jeder deutsche Stamm habe damals ein ungebundenes Exemplarseiner Mitglieder darin zurückgelassen, und davon stammten alle dieVandalen, Friesen, Schwaben, Teutonen, Sachsen, Thüringer n. s. w.,die noch heutzutage in Göttingen hordenweis und geschieden durchFarben der Mützen und der Pfcifcnquäste, über die Wccnderstraßeeinherziehcn, auf den blutigen Walstätten der Rasenmühle, desRitschenkrnges und Bvvdens sich ewig untereinander herumschlagen,in Sitten und Gebräuchen noch immer wie zur Zeit der Völker-wanderung dahinleben, und teils durch ihr Dnces, welche Hanpthühncheißen, teils durch ihr uraltes Gesetzbuch, welches Komment heißt undin den Isgübus barbarorum eine Stelle verdient, regiert werden.
Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt inStudenten, Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stände dochnichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der be-deutendste. Die Namen aller Studenten und aller ordentlichen undunordentlichen Professoren hier herzuzählen, wäre zu weitläufig;auch sind mir in diesem Augenblicke nicht alle Studcntennamen imGedächtnisse, und unter den Professoren sind manche, die noch garkeinen Namen haben. Die Zahl der Göttingcr Philister muß sehrgroß sein, wie Sand oder, besser gesagt, wie Kot am Meer; wahrlich,wenn ich sie des Mvrgens mit ihren schmutzigen Gesichtern und weißenRechnungen vor den Pforten des akademischen Gerichtes aufgepflanztsah, so mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur so viel Lumpenpackerschaffen konnte.
Ausführlicheres über die Stadt Göttingen läßt sich sehr bequemnachlesen in der Topographie derselben von K. F. H. Marx. Obzwarich gegen den Verfasser, der mein Arzt war und mir viel Liebes er-zeigte, die heiligsten Verpflichtungen hege, so kann ich doch sein Werknicht unbedingt empfehlen, und ich muß tadeln, daß er jener falschenMeinung, als hätten die Göttingerinnen allzugroße Füße, nicht streng