148 Wanderjahre.
fischen Roman „Ju-Kiao-Li, oder die beiden Basen", den Abel Remusat 1826unter dem Titel: „Des cksux vousüws" übersetzt und der ein Jahr darauf (Stutt-gart 1827) aus dem Französischen ins Deutsche übertragen wurde.
In den geisterbleichen „Florentinischen Nächten" erzählt Heine eine eigentümlicheGeschichte, halb aus Dichtung, halb aus Wahrheit gemischt, die uns von den beidenBasen und aus dem fernen China wieder nach Potsdam führt: „Ja, es ist höchstsonderbar, daß ich mich einst in ein Mädchen verliebte, nachdem sie schon seit siebenJahren verstorben war. Als ich die kleine Very kennen lernte, gefiel sie mir ganzaußerordentlich gut. Drei Tage lang beschäftigte ich mich mit dieser jungen Personund fand das höchste Ergötzen an allem, was sie that und sprach, an allen Neue-rungen ihres reizend wunderlichen Wesens, jedoch ohne dasz mein Gemüt dabeiin überzärtliche Bewegung geriet. So wurde ich einige Monate darauf nichtallzutief ergriffen, als ich die Nachricht empfing, daß sie infolge eines Nervenfiebersplötzlich gestorben sei. Ich vergaß sie ganz gründlich und ich bin überzeugt, daßich jahrelang auch nicht ein einziges Mal an sie gedacht habe. Ganze siebenJahre waren seitdem verstrichen und ich befand mich in Potsdam, um in ungestörterEinsamkeit den schönen Sommer zu genießen. Ich kam da mit keinem einzigenMenschen in Berührung und mein ganzer Ilmgang beschränkte sich auf die Statuen,die sich im Garten von Sanssouci befinden. Da geschah es eines Tages, daß mirGesichtszüge und eine seltsam liebenswürdige Art des Sprechens und Bewegensins Gedächtnis traten, ohne daß ich mich dessen entsinnen konnte, welcher Persondergleichen angehörten. Nichts ist quälender, als solches Herumstöbern in altenErinnerungen, und ich war deshalb wie freudig überrascht, als ich nach einigenTagen mich aus einmal der kleinen Venz erinnerte und jetzt merkte, daß es ihrliebes, vergessenes Bild war, was mir so beunruhigend vorgeschwebt hatte. Ja, ichfreute mich dieser Entdeckung wie einer, der seinen intimsten Freund ganz unerwartetwiedergefunden; die verblichenen Farben belebten sich allmählich, und endlich stand diesüße kleine Person bald wieder leibhaftig vor mir, lächelnd, schmollend, witzig und schönernoch als jemals. Von nun an wollte mich dieses holde Bild nimmermehr verlassen. Esfüllte meine ganze Seele, wo ich ging und stand, stand und ging es an meiner Seite,sprach mit mir, lachte mit mir, jedoch harmlos und ohne große Zärtlichkeit. Ich aberwurde täglich mehr und mehr bezaubert von diesem Bilde, das täglich mehr und mehr
Realität für mich gewann Ich konnte mich nicht mehr losreißen und ich verliebte
mich in die kleine Very, nachdem sie schon seit sieben Jahren verstorben. So lebteich sechs Monate in Potsdam, ganz versunken in dieser Liebe. Ich hütete mich nochsorgfältiger als vorher vor jeder Berührung mit der Außenwelt, und wenn irgendjemand auf der Straße etwas nahe an mir vorbeistreifte, empfand ich die miß-behaglichste Beklemmung. Ich hegte vor allen Begegnissen eine tiefe Scheu, wie