^ Die kleine Very. 149
solche vielleicht die nachtwandelnden Geister der Toten empfinden Zufällig
kam damals ein Reisender durch Potsdam, dem ich nicht ausweichen konnte, nämlichmein Bruder. Bei seinem Anblick und bei seinen Erzählungen von den letztenVorfällen der Tagesgeschichte erwachte ich wie aus einem tiefen Traume, und zusammen-schreckend fühlte ich plötzlich, in welcher grauenhaften Einsamkeit ich so lange fürmich hingelebt. Ich hatte in diesem Zustande nicht einmal den Wechsel der Jahr-zeiten gemerkt, und mit Verwunderung betrachtete ich jetzt die Bäume, die längst
Heinrich Heine. Gezeichnet von Franz Kugler 1829.
Nach dem Mandeischcn Kupferstich im Verlag von E. H. Schroeder in Berlin.
entblättert mit herbstlichem Reif bedeckt standen. Ich verließ alsbald Potsdam unddie kleine Very, und in einer anderen Stadt, wo mich wichtige Geschäfte erwarteten,wurde ich durch sehr eckige Verhältnisse und Beziehungen sehr bald wieder in dierohe Wirklichkeit hineingequält."
Trennen wir nun Dichtung und Wahrheit in dieser Erzählung, so werden wirzunächst zu konstatieren haben, daß Heine nicht sechs, sondern nur vier Monate inPotsdam gewesen ist. Und nun begreifen wir auch, warum Heine gerade dortin einer so quälenden, mißbehaglichen, traurigen Stimmung gewesen ist. Ja, nochmehr, um einmal ein ernsthaftes Wort zu reden: Man wird gut thun, wenn manheute die italienische Reise liest und die Ausfälle gegen Platen und viele andere