Druckschrift 
Zwei Buschmänner
(Börne und Heine)
Entstehung
Seite
238
Einzelbild herunterladen
 

238 Heine und Consorten.

Sehen Herr Doktor, ich Hobe gedacht: das ist freilich eineso aufgeklärte Religion, und es fehlt ihr an Schwärmerei undWundern; indessen ein bischen Schwärmerei muß sie doch haben,ein ganz kleines Wunderchen muß sie doch thun können, wenn siesich für eine honette Religion ausgeben will. Aber wer soll daWunder thun, dachte ich mir, als ich in Hamburg mal eine pro-testantische Kirche besah, die zu der ganz kahlen Sorte gehörte,wo nichts als braune Bänke und weiße Wände sind, und an derWand nichts als ein schwarz Täfelchen hängt, worauf ein halbDutzend weiße Zahlen stehen. Du thnst dieser Religion vielleichtUnrecht, dachte ich wieder, tnelleicht können diese Zahlen ebensoein Wunder thun, wie ein Bild von der Mutter Gottes, oderwie ein Knochen von ihrem Mann, dem heiligen Joseph, und umder Sache ans den Grund zu kommen, ging ich gleich nach Altonaund besetzte eben diese Zahlen in der Altonaer Lotterie, die Ambebesetzte ich mit 8 Schilling, die Terne mit 6, die Quaterne mit4 und die Quinterne mit 2 Schilling. Aber ich versichere Sieauf meine Ehre, keine einzige von den Protestantischen Nummernist herausgekommen. Jetzt wußte ich, was ich zu denken hatte,jetzt dachte ich, bleibt mir weg mit einer Religion, die gar nichtskann, bei der nicht einmal eine Ambe herauskommt werde ichso ein Narr sein, ans diese Religion, worauf ich schon 4 Markund 14 Schilling gesetzt und verloren habe, noch meine ganzeGlückseligkeit zu letzen?"*

Die altjüdische Religion scheint Ihnen gewiß viel zweckmä-ßiger, mein Lieber?"

Herr Doktor, bleiben Sie mir weg mit der altjüdischen Re-ligion, die wünsche ich nicht meinem ärgsten Feind, man hat nichtsals Schimpf und Schande davon. Ich sage Ihnen, es ist garkeine Religion, sondern ein Unglück. Ich vermeide alles, wasmich daran erinnern könnte, und weil Hirsch ein jüdisches Wortist und auf deutsch Hyacinth heißt, so habe ich sogar den altenHirsch laufen lassen, und unterschreibe mich jetzt Hyacinth, Collek-teur, Operateur und Taxator."

In dieser Weise behandelt Heine durch den getauften Kammer-diener die reformirte und die orthodoxe Judenschaft, beideaber mit einer Schonung, Zärtlichkeit und angebornenVorliebe, welche Eigenschaften Zeugniß geben, daß Heine einrechter Jude geblieben ist.

Das Religionsgespräch schließt Heine, indem er denKammerdiener Hyacinth das Crucifix geradewegsbespucken läßt, zur großen Genugthuung für die talmudische

* Diese dem Honorar für die Taufe wiederholt nachgewemten Thränensind so rechte Zeugen einer rechten Lvbuleban-urneb-Seele.