10 II. Brief. Die Königin
verspotten, und verächtlich von sich weisen — derglei-chen bedauernswürdigen Seelen bleibt in diesem Zustandeder Weg zur Wahrheit und zum Leben freilich verschlos-sen; bestrickt und beherrscht vom Geiste dieser Welt, ha-ben sie in sich selbst — in ihrem irdischen Sinn, denCherub mit dem feurigen Schwerd, der ihnen den Ein-gang ins Reich der Wahrheit verwehrt. Unter dieseElaste von Menschen geborte die Konigin nicht: Sie ach-tete auf das Gerücht von Salomo, welches so vielGroßes, Erhabnes und Göttliches enthielt; Und schondas ist ein Zeichen einer edeldenkenden Seele, die über-all auf das Gute, Bessere und Vollkommnere merkt,es achtet, schätzt und liebt, auch wenn sie es noch überden Grenzen ihrer Erkenntnis und Erfahrung erblickt.
In ihrem Innern lag der Trieb nach Wahrheit undVollkommenheit, ohne welchen keine Fortschritte zn denErfahrungen des Hvhern gemacht werden können.
Zwar geschieht es, daß in der ersten ungeordnetenBelebung und Entzündung dieses Triebes, zumal wennder Mensch beim Erwachen aus dem langen Schlaf derSinnlichkeit noch trübe Nebel vor den Augen hat, dieihm das Ziel, wornach der Geist sich ausstreckt, nochverhüllen, da geschiehtS, daß der Mensch oft getauschtwird, indem er seine zur Leitung willig ausgestreckte5?and ungeprüften Führern darbietet, die ihm Scheinfür Wesen, und Irrthum für Wahrheit geben, und ihndie Folgen deS Leichtglaubens zu seiner Beschämungerfahren lassen.
Aber dennoch, lieber Bruder! so aufhaltend, ver-säumend, selbst oft gefahrlich der Leichtglaube demMenschen auf dem Pfade der Wahrheit werden kann,so dünkt mich, ist er es doch nie in dem Maas , als derUnglaube, der sich selbst alle Wege vcrzäunt, die ihnnäher oder entfernter, zu der Wahrheit hinleitcn konnten.