Berlin, 1792. im Verlage der Königlichen Hofbuchdrnckerei. Unterhaltungen für . , gläubige Seelen. Sr. Majestät , dem Könige Friedrich Wilhelm von Preußen aller 11 nterthänigsi gewidmet von H. S. Oswald, König?, Preußischen Geheimen Rath und Leetcur Sr, Majestät, MZ KM Monarch, ^Hn den frohen süßen Gnaden-Zeiten, Wo uns offener der Hmnnel steht, — Wo der Vorfchmack künftger Seeligkeiten, Ueber Welt und Zeit, den Geist erhöht — Da — Monarch! brach ich vom Baum des Ledens, Diese Frucht zum Opfer Dir geweyht. Koste sie! — O dann hat nicht vergebens Sich Dein Knecht des süßsten Lohns erfreut! 8nns Louci, im März 179:. Der Verfasser. An den Leser. Äir, der Du gefunden die heilige Quelle, Die unserm Geist Stillung — und Ruhe der Seele gewährt; Dir schrieb ich in meiner vereinsamten Zelle, Nur Wahrheit des Lebens — vom göttlichen Geiste gelehrt! Wie ich es empfangen — so geb' ich Dirs wieder, Was Gott im Verborgnen mich lehrte, und deutlich mir sprach. Prüft alles, ihr Seelen begnadigter Brüder, Und spähet dem Schimmer der Wahrheit erleuchteter nach! Ich falle nur kindlich von göttlichen Dingen; Denn — fassen wohl Worte, was faßlich der Seele kaum ist? — Wenn Strahlen der Gottheit sie Heilig durchdringen — Wenn Fülle der Gnade aus Jesu, sich in sie ergießt? So schrieb ich; —So lies Du, im Glauben und Flehen Zu dem, der einig der Weg ist zur Wahrheit — zum Licht! Und so laß im Glauben verbunden uns gehen, Bis einst uns am Tage des Schauens die Sonne anbricht! — Wo keiner den Andern die Wahrheit wird lehren, Die ewig uns frei? macht, und ewiges Leben uns schenkt, — Wo jeder im Lichte der himmlischen Sphären, Sich sättigend — seelig und ewig, in Jesum versenkt. Dann, wenn wir geheiligt uns dorten begegnen. Und uns als Verklärte im Lichte der Gottheit erfreu n; — Dann wirst Du, mit mir auch die Stunden noch seegnen, Wo wir uns hienieden verbanden, uns Jesu zu weytzn! Inhal t. Erste Abtheilung. Die Königin von AraMeN. Eine Geschichte aus dem Alter- thum, in Briefen. Zweite Abtheilung. Betrachtungen. Erstes Kapitel. Ueber den natürlichen Zustand des Menschen. . . . Seite 49. Zweytes — Ueber den Ruf und die Veranstaltungen Gottes zum Heil der Menschen. . . . ^71. Drittes — Fortsetzung, und über die Annahme des Rufes der Gnade. . >— 91. Viertes — Ueber den Zustand und Sinn derer, die den Weg zum Leben betreten. — uz. Fünftes — Etwas über die Nachfolge Jesu. — iz?. Sechstes — Ueber den rechten Gebrauch der heiligen Schrifti;i. Dritte Abtheilung. Lieder. 1. Mein höchster Wunsch Seite 179. 2. Ueber Psalm 56, 9. Du zählest meine Thränen. — izc>. z. Um den Geist der Gnade — izz. 4. Ueber Matth. 26, 41. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. 5. In der Stunde meiner Berufung . . . — igs. 6. Bitten an den Heiland. . . . . ^. izz. 7. Verlangen nach Liebe — 1^. "5 Inhalt. 8. All Gott. . . ..... Seite 190. 9. Uebcr Hohel. Sal. 1,7. Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo du weidest zc. . . — 192. 10. Bitten an Jcsum — 194. 11. Trost in Prüfungen — 19;. la. Die höchste Freude — 19g. iz. Trost. ,. — 200. 14. Vertrauen zu Gott. . ..... — 201. 15. Blick auf die verlebten Tage. ... — 20z. 16. An die wahre Freude. — 204. 17. Uebcr das vergängliche Glück der Welt. . — 20;. 18. Au die Ruhe der Seele — 206. 19. An den Leidenden. — 207. 20. Wohl zu thuu und mitzuthcilcn vergesset nicht. — 208. 21. An einen Freund, über den Fortgang im Guten. — 209. 22. Gedanken unterm gestirnten Himmel. . . — 211. 2Z. Mein Lebenslauf. — 21z. 24. Mitternachts Gedanken. .... — 21;. 2;. Der Begnadigte. Ein Gedicht. . . . — 216. 26. Die Mutter, an der Sterbe-Stätte ihres Sohnes. — 221. Erste Abtheilung. D i e Königin von Arabien. Eine Geschichte aus demMerthum in Briefen an meinen innig verbundenen Freund den DeHeimen Rath H.,r. Die Königin von Arabien. Erster Brief. Mein lieber Bruder! ^8ci Deinem letztern Besuch fandest Du mich eben mit Betrachtung der biblischen Erzählung von der Königin in Arabien beschäftiget. Es gefielen Dir einige allegorische Anmerkungen und Parallelen, die ich Dir in Beziehung des Ganges der Gnade mit den Herzen der Menschen^ darüber Machte, und Du wünschtest, diese fürs Herz reichhaltige Geschichte, mit Betrachtungen und Anmerkungen begleitet, von meiner Hand zu erhalten. Ich gnüge Deinem Wunsch mit Freuden, weil ich dadurch Veranlassung habe, mich mit Dir auf eine für unser Herz nützliche Art zu unterhalten, und Dir über manche wichtige Wahrheiten, mein offenes Herz hinzulegen. Ich erzähle Dir die Geschichte^ so wie sie im i Konige ic>, i - ig. aufgezeichnet ist, und was mir dann bei Betrachtung derselben von der Gnade mitgetheilt wird, nun das theile auch ich Dir in meinen Anmerkungen ganz einfältig mit, wie ichs empfangen habe. Ich muß Dir gestehen, daß diese Geschichte von meiner Kindheit an, besondere Eindrücke auf mein .Herz gemacht hat, und je bfter ich darüber nachgedacht, desiomehr habe ich darinn Genuß und Seegen für mein Herz gefunden. A s " 4 I. Brief. Die Königin Und sollte sie nicht wichtig styn, da uns der Heiland der Welt selbst darauf verweiset, wie ich am gehe- rigen Orte eS bemerken werde? Verdient es nicht Bewunderung und Anbetung, wenn man auch nur die bcy- deu Extremitäten der Geschichte allgemein betrachtet, welche unS im Anfange eine Heydin, die den wabren Gott nicht kannte, und am Ende, Eine an den lebendigen wahren Gott Israels gläubig gewordene, erblik- ken lassen. Wie sie nun auö der Einen die Andere geworden,' dieses macht die Geschichte desto interessanter für ein Herz, welches auf die Wege der Gnade mit den Menschen achtet, je auszeichnender und sonderbarer die Führung war, welche die ewige Weisheit für das Heil dieser Seele entworfen hatte. Gewiß, des .Herrn Wege sind nicht unsere Wege, und seine Gedanken hoher als die mistigen. O! zu oft erkennen wir an uns und andern, die Veranstaltungen Gottes zum Heil der Seele; oft denken wir, eS sey unser Plan und Werk, das wir beginnen, und die Absicht, die Wir vermeyucn, werde damit erreicht werden; aber, wie oft lehrt die Erfahrung hintendrein, daß cS Gott entweder so ordnete, oder eS bei aller unserer, der seinen entgegenstehenden Absicht, so zu lenken wußte, daß —' und zwar allemal zu unserm Glück — nicht unser Wille, sondern der seine erfolgen mußte. Ich stelle mir vor, lieber Bruder! daß es eine unserer größten Secligkeiteu einst ausmachen wird, wen» wir im Buche der ewigen Weisheit und Liebe lesen, »der einander als Vollendete erzählen werden, auf welchen unendlich mannigfaltigen Wegen, sie einen jeden von und an sich zu ziehen, und auf den Pfad deö Heils und Lebens zu leiten wußte; o! da wird ewige Veranlassung zur ewigen Anbetung, zum Preis und Verherrlichung dss erwürgten Lammes seyn, das uns Gott, ans aller- von Arabien. 5 lei Volkern und Zeugen mit seinem Blut erkaufte, und uns alle als verlohrne und verirrte Schäflein der Heerde Gottes, einen jeden ans dem nächsten und besten, wenn auch uns unbegreiflichen Wege, aus dem Verderben zu fuhren, und zu retten wußte. Daß wir uns oft an das Sonderbare der gottlichen Wege frosten, ist Schwachheit, die sich auf die Eingeschränktbeit unserer Erkenntnis gründet; Allgemeine Regeln gehören nur für die Erkenntnis eingeschränkter Geschöpfe; je tiefer es steht, desto allgemeiner sind die Begriffe seiner Erkenntnis. Der Blick der Allwissenheit aber erkennet stets das Ganze mit allen seinen kleinsten Theilen, und in dem Moment, als sie das All, Millionen erschaffener Welten durchschauet, erblickt sie auch das geringste Würmchen, das im Staube sich fortwindet, und last es einen Gegenstand ihrer Vorsorge seyn. Die Führung Gottes richtet sich daher auch nach dem individuellen Standpunkt der Menschen, nach ihren Innern und äußern verschiedenen Lagen, Bestimmungen, Fähigkeiten u. s. w. Kurz, Gott führt einen jeden auf dem für ihn nächsten und kürzsien und besten Wege zu feinem Heil, den aber freilich nur die Allwissenheit zu erkennen, unser Verstand hingegen nicht zu ergründen vermag. Sonderbar scheint uns der Weg, auf dem Gott die Königin von Arabien leitete, um sie zur Erkenntnis ihres Heils zu bringen; Aber sind es die unzählbaren Beispiele in der heiligen Schrift weniger? und wenn ein jeder Begnadigter im Lichte der Gnade die Wege betrachtet > die ihn Gott von Jugend an, gcführct hat, um ihn zn sich zu ziehen, findet er da nicht lauter Wunder der Barmherzigkeit, durch die er, scys auch durch uns so scheinende Umwege, dennoch zum Ziele des Heils seiner Seele absichtlich hingeleitet wurde? Nur die cher A Z 6 I. Brief. Die Königin Gnade widerstrebende Seele des Menschen macht, daß mancher Mensch mehrere und weitere KreyS- länffe um den Mittelpunkt seiner Rüde in Gott durchlaufen muß! Je bereitwilliger aber die Gnade ein Herz findet, sich zum Ceutro und Ziele feiner Ruhe in Gott und Seeligkeit hinführen zu lassen: desto starker und schneller wird der Zug aus der Peripherie in den Mittelpunkt — desto bemerkbarer, auffallender scheint uns die Art und Weise, wie Gott einen Menschen, so zu sagen oft auf einen einzigen Ruck, aus einer uns scheinbar weiten Entfernung von Ihm, zu sich zieht, und das an ihm in Einer Stunde vollendet, wozu nach unserer Meinung Gott an Andern wohl Jahre nothig hatte. Da geschichts denn, daß uns das Mittel, der Weg und die Art der Führung und Bearbeitung Gottes sonderbar dünkt; Wir wissen aber nicht, was die Gnade an der Seele schon im Verborgenen vorgearbeitet hatte, ehe die Stunde schlug, wo sich ihre Kraft verherrlichen wollte, und wo das der Gnade vorbereitete Herz, dem machtigen Zuge nicht mcnr zu widerstehen vermochte. Und liebster Bruder! wenn wir von sonderbaren , sich auszeichnenden Wegen, uno Veranstaltungen Gottes zum Heil der Seelen reden, dürfen wir da mit unfern Blickender Verwunderung, nur im grauen Alterthume verweilen? Enthalt unsre Zeit, in welcher wir leben und heimgesucht werden — enthält sie wenigere und geringere dieser Wunder det Gnade und Barmherzigkeit? Was hat der Herr nicht an Dir und mir gethan? Auf welchen Wegen, durch welche Mittel zog er Dich und mich endlich ganz an sein Herz? Zu wgS für Werkzeuge» seiner Erbarmnng berief er uns ? Welch ein Werk der Allmacht, Weisheit und Gnade, hat Er unter uns aufgerichtet, woran sich Spotter, Frevler und Ungläubige den Kopf zerstoßen, und an welchem Halbgläubige, vom Uebergewicht des Sonderbaren und Unbegreiflichen, von Arabien. 7 zum Unglauben herabsinken? Wie vielen Seelen ist auf diesem Wege Heil wicdcrfahrcn? Wie viele mußten aus fernen Landen kommen, um gesceguct und begnadiget zu werden? Und denkst Dn nicht in diesem Augenblicke mit Dank und Anbetung gegen dicBarmherzigkeitGvttes, vorzüglich an Eine Seele, welcher Barmherzigkeit wic- derfuhr — Eines jetzt uns tveurc» Begnadigten, der wie jene Königin, aus der Ferne herbcigeführet wurde, um aus dem Munde der ewigen Weisheit Worte deS Lebens zu hören , die ihn zu einem begnadigten Kinde Gottes machten? Gewiß, als sein Fuß de» Weg betrat, wußte er nicht, waS Gott mit ihm vorhatte, wußte nicht, daß er den Weg zum Heil und Frieden seiner Seele betrat, — wußte nicht, daß er als ein Begnadigter und Gcseegucter des Herrn im Gcuuße seines Friedens in sein .Haus zurückkehren würde. Laß uns dessen WeiSbeit und Erbarmnng anbeten, der Gestern und Heute derselbe ist und bleibt in Ewigkeit; laß uns Ihn, auch in der Führung zu erkennen suchen, welche uns die nähere Betrachtung der Geschichte von der Königin von Arabien, zeigen wird. A 4 Zweyter Brief. ^^ie Konigin von Arabien, lebte zur Zeit der Regierung des Königs Salomo. Jbr eigentlicher Nadnic ist tinbekannt; In der l,eiligen Schrift, wird im i König in Eap. wo ihre Geschichte aufgezeichnet ist, ihr Nähme nicht genannt, sondern wenn der Heiland selbst idrcr Matth. 17, 42. gedenkt, so nennt er sie Königin von Mittag, so wie der Theil Arabiens, den sie beherrschte, das glückliche Arabien genannt wird, weil er viel Gold und andere Kostbarkeiten zeugte 2 Cdr. y, 1. Ps. 72, 10. 15. auch heißt es Saba. Ps. 72, io. Kedar Ps. 120, 5. und das Land gegen Mittag. i Mos. 20,1. Sic war die Regentin eines Hevdnischen Volks, und da sie selbst eine Heydin war, und ohne alle Verbindung mit erleuchteten Völkern lebte, die damals unter dem Namen der Israeliten, als ein Volk Gottes, von allen übrigen Völkern der Erde abgesondert lebten, und die Depositeurs es der nähern Offenbahrung Gottes, zum Heil der Menschheit waren; so konnte sie auch keine Erkenntnis von einer liöhern Weisheit haben, als welche sie ans den unreinen Quellen der heydnischen Orakels, Magier und Zauberer schöpfte. Man nehme auch an, daß ein Theil der Arabischen Völker, welche an die bewohnten Länder der Israeliten grenzten, nähere Wissenschaft vom Volke Gottes hatten; so waren sie doch voll feindseliger Gesinnungen gegen dasselbe, Hiob 1, 75. sie verfolgten und beraubten die Israeliten und hatten also keine Verbindung mit denensel- bcn, die sie für ihr Heil, und zur nähern Erkenntnis Gottes benutzt hatten, so wie heut zu Tage noch der Fall mit dein Bolle der Juden ist, welches zwar unter den Christen lebt, und in irrdischenVerbindungen mit ihnen steht; von Arabien. 9 aber es benutzt eben so wenig ihre Verbindung zum Heil ihres Glaubens. Wenn man sich nun die Königin von Arabien in einem doppelten Gesichtspunete vorstellt, einmal als die Beherrscherin eines großen Reichs, und als die Besitzerin großer Schatze und Neichthümcr, die ihr wohl die hohe Meinung von vorzüglicher irdischer Große geben mochten! Ferner, wenn man damit den hoben Begriff verbindet, den sie, wie schon gedacht, von der Weisheit und der Erkenntnis der heydmschen Weisen ihres Volkes hatte, und welcher dem Glauben wohl nicht leicht Raum geben konnte, daß eS noch irgend Menschen geben konnte, welche mit höherer Weisheit und Erkenntnis begabt waren, — wenn man, sage ich, die Königin aus diesem doppelten GesichtSpunctc betrachtet, so wird man leicht erachten können, welchen Eindruck cS auf sie gemacht, welches Erstaunen und Verwunderung — in ihr erweckt wurde, als ihr daS Gerücht zu Ohren kam, daß ihr Zeitgenosse, der regierende König Salomo zu Jerusalem derjenige sei, den Gott unter allen Regenten 5. in der Welt mit so großen Reichthümcrn, Macht, Ehre, Größe und Herrlichkeit, und mit so vieler Weisheit begabt habe, als sie noch nie ein König gehabt, und nach ihm auch keiner mehr haben werde, i Kön. g, go-gg. Cap. 10, iü-24. Prcd. Sal. r, rö. Niedren, nur am Sinnlichen Hangenden Seelen, denen der enge KrcyS ihrer alltaglichen Erfahrungen im Nichtigen, Eiteln und Irdischen genügt, die für sonst nichts Sinn und Empfänglichkeit — für sonst nichts'Oefnung und Begierde haben, als was im engen Bezirk der groben Sinnlichkeit liegt — die im Taumel des irdischen Sinns, die innern Ahndungen vom .Höher» und Göttlichen verdrangen, und die Zeugnisse desselben, die sich ihnen oft ungesucht darstellen, entweder gar nicht achten, oder als Thorhcit, Schwärmerei) und Aberglauben A Z 10 II. Brief. Die Königin verspotten, und verächtlich von sich weisen — dergleichen bedauernswürdigen Seelen bleibt in diesem Zustande der Weg zur Wahrheit und zum Leben freilich verschlossen; bestrickt und beherrscht vom Geiste dieser Welt, haben sie in sich selbst — in ihrem irdischen Sinn, den Cherub mit dem feurigen Schwerd, der ihnen den Eingang ins Reich der Wahrheit verwehrt. Unter diese Elaste von Menschen geborte die Konigin nicht: Sie achtete auf das Gerücht von Salomo, welches so viel Großes, Erhabnes und Göttliches enthielt; Und schon das ist ein Zeichen einer edeldenkenden Seele, die überall auf das Gute, Bessere und Vollkommnere merkt, es achtet, schätzt und liebt, auch wenn sie es noch über den Grenzen ihrer Erkenntnis und Erfahrung erblickt. In ihrem Innern lag der Trieb nach Wahrheit und Vollkommenheit, ohne welchen keine Fortschritte zn den Erfahrungen des Hvhern gemacht werden können. Zwar geschieht es, daß in der ersten ungeordneten Belebung und Entzündung dieses Triebes, zumal wenn der Mensch beim Erwachen aus dem langen Schlaf der Sinnlichkeit noch trübe Nebel vor den Augen hat, die ihm das Ziel, wornach der Geist sich ausstreckt, noch verhüllen, da geschiehtS, daß der Mensch oft getauscht wird, indem er seine zur Leitung willig ausgestreckte 5?and ungeprüften Führern darbietet, die ihm Schein für Wesen, und Irrthum für Wahrheit geben, und ihn die Folgen deS Leichtglaubens zu seiner Beschämung erfahren lassen. Aber dennoch, lieber Bruder! so aufhaltend, versäumend, selbst oft gefahrlich der Leichtglaube dem Menschen auf dem Pfade der Wahrheit werden kann, so dünkt mich, ist er es doch nie in dem Maas , als der Unglaube, der sich selbst alle Wege vcrzäunt, die ihn näher oder entfernter, zu der Wahrheit hinleitcn konnten. von Arabien, ii Der Leichtglanbe ist Schwache der Seele; diese zeuget zwar vom Mangel der Erfahrung; doch wenn glejch die Schwache das Maas der Vollkommenheit vermindert, sy hebt sie doch die Kräfte und Fähigkeiten der Seele zur Vollkommenheit nicht ans, und kann oft die Begleiterin eines edlen, und mit Trieben zum Gute;» und zur Wahrheit erfüllten Herzens seyn. Der Leicht glaube ist die Eigenschaft der Kindheit; und selbst die Leichtgläubigkeit eines Kindes, zeigt von der mindern Verdorbenheit seines Herzens, denn sie gründet sich auf den Trieb nach Wahrheit und Erkenntnis, und auf Liebe und Vertrauen gegen die, denen es glaubt, und denen es sich zur Belehrung und Leitung hingiebt; und ist alsdann ein Kind in guten Händen, so ist sein Leichtglaube vielmehr eine gute und wohlthätige Stimmung der Seele, und das Mittel zur Vermehrung seiner Erkenntnisse und Erfahrungen. Der Unglaube hingegen hat mit jenem nicht nur dis gemein, daß er von Ünvollkommenheit und Schwäche der Seele zeugt, sondern überdies verschlüßr er auch die Seele des Menschen und ihre Kräfte, mit denen sie die Wahrheit ergreiffen und zur Erreichung des Hbhern sich ausstrecken soll, und hält sie in der natürlichen Finsternis und Kraftlosigkeit zu allem Guten gefangen. Unglaube ist Härte und Unbiegsamkeit der Seele, welche den sanften Aufforderungen, Einladungen und dem Zuge der Wahrheit, Widerstand leistet. Der Leichtglanbe ist nur negativer Fehler und UnVollkommenheit der Seele; der Unglaube hingegen ist ein positiver Uebelsiand derselben, welcher dem Licht und der Wahrheit den Eingang in die Seele, mit eisernen Riegeln versagt. Nun — die Königin von Arabien horte das Gerücht von der .Herrlichkeit und Weisheit Salomons, und je mehr Ausserordentliches, Großes und Göttliches darin zvar, desto gewisser kann man annehmen, daß sie die 12, II. Brief. Die Königin Wahrheit dieses Gerüchts, durch genaue Kundschaften von Augen- und Obrenzeugen, zu erforschen gesucht hat. Nicht so handelt ein großer Theil der Menschen. So bald diese etwas über und außer der Athmosphärc der gewöhnlichen Ereignisse und Erfahrungen des Lebens erblicken, zumahlen, wenn es Dinge betrift, welche den Geruch des Göttlichen haben, und der forschenden Vernunft, die nur Werkzeuge deS Gesichts, aber nicht des Gefühls und der Empfindung hat, einige Ruhe und Stille, zur Pflicht machen. O, wie oft sieht man sehr vernünftige Menschen, die mir ihrer Klugheit und Weisheit sich brüsken, höchst unklug und unweise handeln, indem sie oft das verlachen und als Thorheit verwerfen, was sie selbst nie untersucht, wo sie zur Berichtigung ihrer Gründe, für oder wider die Sache, nie die Quellen gebraucht hatten, woraus sie Ucberzeugung und Wahrheit schöpfen konnten. Sie wabnen darum sich weiser als andere, weil sie schneller im entscheidenden Urthcil über Wahrheit, Irrthum zu sepn vermeinten, als die, welche der Regel der Weisheit folgen: „Verhöret eure Brüder, und richtet recht, „5 Mos. i, 16. verlaß dich nicht auf deinen Verstand! „ dünke dich nicht weise zu seyn. Spr. Sal. Z, 5 - 7» „Wer die Weisheit lieb hat, der läßt sich gern belehren, Sir. z, Z2. Ich verweise Dich hier noch auf die En fahrung, die wir selbst in der heiligen Sache machen—> in dem Werk der Gnade Gottes, welches er unter uns ausgerichtet hat. Wäre es möglich zu glauben, wenn wirs nicht sähen und erführen, wie wenig sich Menschen um dasjenige bekümmern — wie wenig sie es wert» der Untersuchung, der Prüfung, — der nähern Erkenntnis achten, was Gott doch wunderbahr vor ihren Augen, thut und geschehen läßt! — Werke, Zeugnisse der Barmherzigkeit und Gnade zum Heil derer, die an sei- mn Nahmen gläubig werden sollen — zum Seeg?» von Arabien. !Z und Heil derer, welche diese Einladungen der Gnade im Glauben annehmen, und auf diesem Wcne der Wahrheit, zum Licht und Leben hingeführet wurden. Aber wie Johannes schreibt „ Er kam in sein Eigen- thmn, die Seinen nahmen ihn aber nicht auf; Er rufte, sie mochten aber nicht hören :c. — so geht es noch jetzt; und allein in diesem Widerstreben des menschlichen Herzens gegen den Ruf der Gnade, darin allein liegt der Grund, daß man auch außerordentliche Thatcn und Dinge, die Gott zum Heil der Menschen auf Erden thut, und wunderbahr — der gewöhnlichen Vernunft unbegreiflich in Führung der Menschen geschehen last, nicht untersu ch e n m a g; sondern durch Verwerfung dessen, was ihm unbegreiflich scheint, dem Zuge der Gnade ausweicht, den wohl mancher, indem er spottet, und verlacht, in seinem Herzen fühlet. Die Arabische Königin mag nun von außen her mehr oder weniger Bestätigungen, mehr oder weniger blos historische oder Real - Zeugnisse von der Aechtheit des Gerüchts von Salomo erhalten haben; so glaubte sie demselben doch, und zwar beruhte ihr Glaube an die Sache auf zwiefachen Gründen: Einmal, weil die erhaltenen Zeugnisse von der Wahrheit des Gerüchts, ihr nicht verstatteten, eine Sache zu verwerfen, deren Ungewöhnliches, Uebernatürliches und Göttliches, sie mit ihrer eignen Fassungskraft, nicht bcgreiffen konnte; Zu diesem Bewegungsgrunde, der schon fähig war, der widersprechenden Vernunft, Stillschweigen zu gebiethen, gesellte sich ein zweiter, nehmlich: der innere Trieb ihres Herzens, und die durch jene Zeugnisse angefachte Begierde der Seele nach der Erkenntnis und lebendigen Erfahrung des Großen und Göttlichen, welches daS Gerücht von Salomo in sich enthielt; Der erste angeführte Beweggrund, erzeugt den tobten historischen Glauben, und ist ein bloßes Werk der ,4 Ii. Brief. Die Königin der Vernunft; Aber in der Verbindung mit dem zweiten, welche »eine Angelcgenbeit des Herzens ist, bekommt jener Glaube erst Leben; und dann erst setzt er die Kräfte der Seele, womit wir durch den Glauben Wahrheit erkennen und fassen, in den Zustand der Thätig- keit, in welchem der Mensch auf den Weg der Sclbst- crfabrung der Gegenstände seines Glaubens, geleitet wird. Nach diesen Betrachtungen müssen wir die Königin von Arabien als eine durch das Wort gläubig gewordene ansehen, die am Eingänge des Weges zu den seeligstcn Erfahrungen ihres Glaubens stehet. Auf dieseni seeligen Standpuncre wollen wir sie indes stehen lassen, che wir in ihrer Geschichte weiter schreiten ; Du wirst eS erlauben, daß ich Dir in meinem nächsten Schreiben einige Betrachtungen mittheilc, die mir so wobl über den todteN, als lebendigen Glauben, und über die Rechte der Vernunft und des Herzens gee worden sind; Vielleicht findest Du manches drin, was Dir lieb zu lesen seyn wird. Freilich sind es Betrachrungen, die eben nicht für jedtn Leser faßlich sind; doch Dein erfahrnes Herz, mein lieber Bruder, wird meine Anmerkungen saßen, und mich überall so verstehen, wie ich verstanden seyn will. Nichts ist, wovon mehr gesprochen und geschrieben wird, als vom Glauben, lind doch weiß unter Tausenden nicht Einer, waS Glaube ist, — was dazu gehört — worin dessen Wesen besteht, — was für ein Unterschied zwischen dem todten und lebendigen Glauben ist, n. s. w. Ich bin nicht gemeint, die große Lebrc vom Wesen des walncn Zustan- des einer würklich und lebendig an Icsum gläubig gewordenen Seele abzuhandeln; das ist ein Gegenstand, der mehr erfordert, als sich in rapsodischcn Anmerkungen sagen läst — ein Gegenstand, den man nur durch eigne Erfahrung kennen lernt, und selbst dann weiß von Arabien. man eben darum weniger vom Glanben zn sagen, weil die Realität seines Wesens nicht in den Begriffen des Verstandes liegt; sondern nur, mit dem Herzen gefaßt und erkannt wird. Es ist Gottes Werk, sagt CbristnS, daß ihr glaubet — je großer und zunehmender daher dasselbe im Menschen wird, desto weniger vermag unser äusserer Mensch daS Werk Gottes, daS ini innersten verborgene» Grunde unserer Seele vorgehet, zu begreiffen und mit Worten auszudrücken. Der wahre von Gott in der Seele gewürkte lebendige Glaube, ist das verborgene Manna, was jedem Gläubigen für sich aus der Hbhe mitgetheilet wird; Er lernt es durch den Genuß kennen, — und nun beschreibe man einmal einen Menschen, der nie de» Sinn des Geschmacks hatte, was süß schmecken heißt! könntest Du ihm was anders sagen, als: süße ist nicht sauer — und wüßte er durch diese Definition mehr als vorher? In diesem Blick, mein Theurestcr! betrachte meine folgenden Anmerkungen, so wirst Du sie für das erkennen, waS sie sepn sollen. ,6 III. Brief. Die Königin Dritter Brief. .^)cr historische Glaube — das heißt der Glaube, wo mau Etwas, blos um dcS Zeugnisses eines andern willen für wahr annimmt, ist zwar die Grundlage zu dem wahren lebendigen Glauben an höhere und Göttliche Dinge; aber ihrem Wesen nach sind sie ganz verschieden, wie oas blosse Wissen und Anschauen einer Frucht, von dem würklichen Genüsse derselben. Der historische Glaube — oder das todte Wissen Göttlicher Dinge — auch da, wo er die Vernunft zur Ruhe hinweiset, wirft er für sich allein noch lein Interesse fürs Herz ab, weil dieses seine Befriedigung nicht im Wissen; sondern im Haben, Werden, Erfahren und im Gcnüßen findet. Das Wissen ist die Grundlage und der Weg, der zum lebendigen Glauben führet; denn wie sollen die Menschen glauben, sagt Paulus, von dem sie nichts gehöret haben? Wie sollen sie hören, ohne Zeugen? Rom. lo, 14. Soll nun aber das Wissen der Vernunft, Leben und wesentlichen Gehalt bekommen; so muß diese sich mit dem Herzen verbinden; sie muß ihr erlangtes Einkommen im Wissen, dem Herzen so lange vorhalten, bis es von der Begierde nach dem Besitz und Genuß, auf den Weg der Selbsierfahruug hingctriebcn wird. Nach der ursprünglichen Bestimmung des Menschen ist seine Vernunft und sein Herz, durch ihre verschiedenen Kräfte berufen, das Heil des Menschen in der innigsten Verbindung zu bewürben; Sie sollen verbundene Beförderer und Theilnehmer eines gemeinschaftlichen Interesse seyn. Nach der jetzigen natürlichen Beschaffenheit des gefallenen Menschen aber stehen sie stets in Widerspruch von Arabien. 17 spruch, Uneinigkeit und Streit, der durch Nichts beigelegt werden kann, als durch die bbhere Kraft der Gnade, durch die wahre Bekehrung und Sinnesänderung des Menschen. So lange diese Einheit und Verbindung unter ihnen nicht durch das Licht und die Kraft der Gnade in der Wiedergeburt und Erneuerung des Geistes von oben hcrgestcllct ist, lebt der Mensch überhaupt in einem steten Znstande der Unruhe, Ungewißheit und Unbefrie- dignng, die aus ihm selbst herstießt, wenn er auch ausser sich mit allen Dingen in Frieden und Ruhe sepn könnte. Selbst alle Noth und Hindernis, die wir im Anfange und Fortgange auf dem Wege zum Leben erfahren, hat ihren einigen Grund in jener Disharmonie unsrer Vernunft mit dem .Herzen und in dem zwiefach und einander entgegen gestimmten Wollen und Begehren. Und doch sollen sie verbundene Gefährte eines Weges — zu einem Ziele sepn; Sie sollen dasjenige mit einander liebevoll theilen, was dem Einen an Erkenntnis und Wahrheit und Erfahrung zuwächst, und maS dem Andern auf der beschwerlichen Reise durch die Wüste, an Nahrung, Speise und Lebensunterhalt von Oben herab zugethcilt wird. Aber woher diese Uneinigkeit? — diese Lieblosigkeit? Lange habe ich mich selbst gefragt, che mir die rechte Antwort wurde; Und sie wurde mir weder von meiner Vernunft, noch von meinem Herzen; sondern von der Gnade in mir, die mich nach erlangter Begnadigung in den innersten, tiefsten Grund meines Wesens, wo der Ccntral-Punct meines ganzen Ichs ist, einführte; Da fand und erkannte ich den Grund der Feindschaft in den äußern Peripherien Meines Wesens und ihrer verschiedenen Kräfte; Und dieser erste und lezte, größte und am tiefsten eingewurzelte Feind des Menschen, B 18 III- Brief. Die Königin war der Stolz, welcher Herz und Vernunft, im steten Streite über gewisse vermeinte Vorrechte, verwickelt hat. Aber weiter — woher die gegenseitigen falschen Pratensionen über Vorrechte unter ihnen, da ste doch als gutgeartcte Kinder, zum gemeinschaftlichen, gleich gethcilten Genuß der Liebe, der Wohlthat und deS ScegcnS im vaterlichen Hause geschaffen und verbunden sind? Da erkannte ich im Lichte der Gnade: daß beide, sowohl die Vernunft als daS Herz unge- rathen, ausgeartete, vom Leben aus der Liebe, und vom Licht aus der Wahrheit abgewichene Kinoer sind. Das Herz hat die Liebe, und die Vernunft, oder daS natürliche Auge des Menschen, das Licht aus Gott, verlohren. Nach diesem Verluste, sieht nun das Eine nicht reckt, und daS Andere will nicht recht; und beides darum, weil sie nicht mehr in der Einheit mit Gott stehen, sondern sich jedes so zu sagen, sein eigenCen- t r u m bestimmt hat, wohin eS sich mit seiner Kraft bewegt. Was nun das Vernunft - Auge faßt, sieht und erkennt, daS will daS Herz haben und genüssen: und waS daS Herz empfängt und genüßt, das begehrt das Erstere zu sehen und zu erkennen. Dis gegenseitige Begehren zeiget zwar noch jetzt von der Einheit ihrer ersten hohen Bestimmung; aber sie können einander jetzt incht Genüge leisten, bevor sie nicht durch die wicdergebärendc Kraft der Gnade, nach einem Ziele perichtet, und in die Einheit in Gott zurück geführt sind. Ist dieses, alsdann erst haben beyde einen Zielpunkt ihres Willens, Begehrens und Snchens, und in dieser Einheit können sie einander gnügen, weil sie ans einer Quelle schöpfen. Die Vernunft will alles sehen, und hält es für Beleidigung, sich indem, was über ihren Gcsichtskrens von Arabien. -9 liegt, und was das Herz allein im Licht des Glaubens erkennen kann, dem letztern zu unterwerfen, nur in Göttlichen Dingen dem Glauben Gehorsam zu leisten. Um dieses Stolzes willen erklart das göttliche Wort, die Vernunft als eine Feindin des Glaubens, und dis Urtheil wird von der Erfahrung aller wahren Gläubigen unterschrieben. Hätte unsere Seele nicht das göttliche Licht ver- l o h reu; so konnten wir durch die Vernunft, Gott erkennen, und in ihrem Lichte den Weg zur Seeligkeit gehen; Jetzt aber bleibt für uns nur der Weg des Glaubens übrig, welcher zur Wiedererlangung des gottlichen Lichts leitet. Unsere Seele verlbhr aber das göttliche Lichts als Unser Herz die Liebe zu Gott verkehr; daher beruhet Nunmehr die Wiederkehr zum Lichte, aus der Wiederkehr des Herzens zur Liebe Gottes, Und die Grade des Lichts bestimmen sich Nach dem Grade der Liebe zu Gott, — eine der Vernunft eben so unbegreifliche als verhaßte Wahrheit! Diese Liebe nun Mit Vertrauen verbunden, ist daS Wesen des lebendigen Glaubens, der darum durch die Liebe gcwürkt, und würkend und thätig gcnennet wird: Galat. 5, 6. Das Gcbieth der Erkenntnis für unsere Vernunft ist nach dem Verluste des göttlichen Lichts, in die Grenzen des Sinnlichen und Jrrdischen eingeschränkt; das Gebicth des Glanbens aber geht über- wärts ins Ueberirrdische und Göttliche, wie Salomo Prov. i g, 2 g. anmerkt. PauluS setzt daher dem Glauben die Regel: Suchet, was droben ist, da Christus ist sitzend zu der Rechten Gottes; trachtet nach dem, was droben, und nicht nach dem, was ans Erden ist. Eol. z, Nicht allein in dieser Verschiedenheit der Wür- knngskrevse und Gesichtspmicte liegt der Grund, daß Bs" 2.0 III. Brief. Die Königin die Vernunft eine Feindin des Glaubens ist, sondern auch in den Eingriffen, welche Vernunft und Herz in ihr gegenseitiges Gebiet!? thun; und das geschichet, wenn sich das Herz mit seiner Liebe, nach den irrdischcn, sinnlichen und Niedern Dingen, die in die Region der Vernunft gehören, zum Besitz ausstreckt; und gegcntheils, wenn die Vernunft eS wagt, mit ihrer schwachen Sehekraft in das Gebieth des Uebcr- irrdischen und Göttlichen einzudringen, welches dein Herzen, in der Kraft des Glaubens angewiesen ist. Bleibt die Vernunft in den ihr angewiesenen Grciw zen, so sind zwei Fragen als Prämissen zur Friedens- punctarion mit dem Herzen in GlaubenSangclegenhciten zu beantworten : Erstens: welches ist der Werth und Gehalt der Vernunft für den natürlichen Menschen? Zweitens, welches für den, durch den Glauben Wiedergeborenen? Dem äußern Natur-Menschen ist sie ein hohes Gcschenk Gottes; eine ergiebige Quelle unnennbahrcc. Scegcns - Genusses für das Leben hienieden; ein unentbehrliches Requisit zum Betrieb des Werkes, welches den; Menschen in der Zeit aufgelegt ist. Sie ist das erste und edelste Orgau für das Sensorium der Seele, wodurch zwischen der menschlichen Seele und den Dingen ausser ihr, Verbindung, Verhältnis und Genuß, bewürkt und unterhalten wird; Sie ist daS Licht des natürlichen Auges der Seele, womit es vom Mittelpunct der Niedern Erde an, bis in die obern ätherischen Regionen, die Werke der Schöpfung beschauet, und dem Herzen, das Holz zun? Opfer der Anbetung, der Liebe, Weisheit und Allmacht zu sammlen bestimmt ist. Vermöge der Gabe der Vernunft tritt der Mensch auf die oberste Stusse in der Reihe der Geschöpfe, und wie gesagt, wäre er nicht im Fall der nähern Verbindung mit dem göttlichen Licht verlustig gegangen, so von Arabien. hatte er in ihrem Licht, den Weg zur Wahrheit und Vollkommenheit erkennen und wandeln mögen. Nach diesem Verlust aber, ist die menschliche Verminst nicht mehr fähig, durch die Gewißheit in der Erkenntnis unser Leben hienieden, sicher hindurch zu leiten, wovon einen.jeden die tägliche Erfahrung überzeuget. Hieraus nun folgt das Resultat: Wenn die Vernunft den Menschen schon in Ansehung des irrdtzchen Lebens in nnzählichen Verlegenheiten, durch Mangel an Gcwishcir in der Erkenntnis, und au steter sicherer Leitung stehen last: wie viel weniger kann sie der Wegweiser für unser Herz, auf dem Pfade zum gottlichen Lichte und Leben sehn! Und wie wahr hat der weise Salomo gesagt, „wir treffen kaum, was auf Erden ist, und erfinden schwerlich, was unter Händen ist! Wer will, — und wie viel weniger können wir erforschen, daS im Himmel ist! Wer will — o Gott! deinen Rath (zum Heil des gefallenen Menschen) erfahren? Es scy denn, daß Du Weißhcit gäbest, und Deinen heiligen Geist aus der Höhe, und also richtig werde das Thun der Menschen auf Erden, und sie lernen was Dir gefällt, und durch die Weisheit seclig werden, Sap. y, rtz-iy. Nun die Frage: was ist die Vernunft — und welchen Werth und Gehalt hat nnd empfängt sie in der Verbindung mit dem Glauben? In folgenden Sätzen liegt die Antwort. Die Wurzel des Glaubens an Gott und göttliche Dinge, welche eine Angelegenheit deS Herzens ist, ist die Liebe. Die Liebe ist ein Feuer, welches durch den Geist Gottes in unserm Herzen angezündet werden muß. B Z 22. III. Brief, Die Königin Dies Feuer giebt das Leben des Glanbens, und das Licht und der Schein dieses Feuers, ist das Licht des Glanbens, durch welches Herz und Geist zum ewigen Leben erleuchtet werden. Die menschliche Vernunft hat zwar ein Licht, aber dis Licht hat keine belebende Kraft in sich, weil es nicht ans dem Feuer - Leben der göttlichen Liebe urständet, von welchem der Mensch, wie der Apostel sagt, von Natur entfremdet ist. Eph. 4, ist. Das Licht der Vernunft gegen das Licht des Glaubens, oder oas göttliche Licht, ist das Licht oes Mondes — gegen das Licht der Sonne — Das Erstere ist ein schwacher Abglanz des Letztem, welches nur nothdnrstig die Finsternis, in Abwesenheit der Sonne erleuchtet; das Lichr der Sonne aber, giebt hellen Tag, «Nd Kraft zum Lebeil und WachSthmn. Nicht der Mond kqnn in seinem schwachen erborgten Licht die Sonne, wohl aber diese den Mond erleuchten; Eben das gilt von der Vernunft und dem Glauben- Das im Herzen aufgegangene Licht des Glaubens erleuchtet die Vernunft und ergänzt und berichtigt die Erkenntnis ans ihrem Lichte; aber nicht umgekehrt. Nur Zeugnis kann das Licht der Vernunft zur Bestätigung des Glaubens ablegen, so wie das Licht des Mondes vom Licht der Sonne zeug er, auch wenn wir zur Zeit der Nacht keine anschauende Erkenntnis von der Eristenz der Sonne hahen. Der Znstand des Gläubigen ist, daß das gottliche Licht, welches als ein Heller Schein in seinem Herzen ist, 2 Cor. 4, 6. zwar in seiner natürlichen Finsternis scheint und sie erleuchtet; die Finsternis selbst aber,— der natürliche Mensch, —- in seiner eigenen Vernnnst- kraft, dieses Licht nicht begreifst» kann. Joh. 1, 8. von Arabien. 2Z Aus diesem allen nun erhellet die Unterwürfigkeit der Vernunft unter das Gesetz, und unter das Lieht und die Leitung des Glaubens. So bald die Vernunft in Demuth und Gehorsam hierin mit unserm Herzen eins wird, so wird ihr Licht durch die Vcrbinoung mti dem Licht des Glaubens, erhöhet und gereinigt, und verstärket, und selbst daS irrdische Werk des Menschen hat Gewinn, und sein ganzer Sinn und Wandel, erhält Berichtigung und Uebereinstimmung davon; denn er hat, nach den schon angeführten Worten Salomons, die Weißheit und den Geist ans der Hohe, wodurch auch der Menschen Thun und Werk auf Erden richtig werden kann. — Sap. y, 18. Die, durch die Gnade geheiligte, geordnete und dem Gehorsam der ewigen Wahrheit unterworfene Vernunft, dient ocm Glauben zur Grundlage, und das verbundene Licht dieser bcvdcn giebt eine grade Linie für die Erkenntnis deS Geistes, die aus dem Gebiet h e der Zeit in die Ewigkeit reicht. Im natürlichen Menschen ist die Vernunft wür- kend in der Erkenntnis natürlicher Dinge; So bald sie es in gbttlichen Dingen auch fem, will, so ist sie blind; soll sie sehend und erleuchtet werden, so muß sie durch das göttliche Licht des Glaubens leidend gemacht werden, wie es das Organ des Auges, in Ansehung der Sehekraft meiner Seele ist. Der Glaube bedient sich der Vcrnunftkraft, wie die Seele sich des Auges , und der übrigen sinnliche» Werkzeuge bedienet. Was sich vom Verhältnis des äussern AugeS, und der innen, Seele sagen läst, daS gilt auch von dem Verhältnis zwischen der Vernunft und dem Herze»: denn der irrdische änssere Mensch trägt die Signatur des Innern. Alles nun, was wir da bemerken können, reducirt sich auf die Wahrheiten: Was der äussere Sinn empfängt, muß er der Seele B 4 24 III. Brief. Die Königin anvertrauen und überbringen; Vor ihrem Richterstuhl wird darüber das Urtheil gesprochen; und was sie als wahr erkennt und in sich aufnimmt, das erst bekommt durch die Aufnahme in der Facultät ihrer bildenden, belebenden und vereinigenden Kräfte, Wesen, positiven Gehalt und Werth im Menschen. Dis heißt alsdann, Zustand der Seele, wenn sie dasjenige nun in ihr Ich ausgenommen hat, was ihr durch die äussern Werkzeuge der Sinne übcrbracht wurde. I. B, wenn ich eine schone Gestalt erblicke, oder in grosser Noth eine Versicherung der Hülfe und Errettung höre, und ergreiffe jenes Bild und dieses Wort mit der Kraft der Liebe und Begierde der Seele, so Hab' ich das Geschehene und GeHorte in die Einheit mit mir gebracht, wodurch der Instand meines Innern verändert wird. In so fern ich mit dem Auge blos eine Sache anschaue, weiß ich ^ssop dis blosse Wissen und Anschauen gicbt aber der Seele noch keinen realen Genuß und Antheil an der Sache, sondern erst in der Vereinigung mit ihr, durch die Kraft der Begierde, wo denn in ihr, der äussern Form und Gestalt, so zu sagen, erst ein lebendigmachender Geist mitgetheilt wird. So geschiehet nun der Uebergang vom tobten Wissen der Vernunft, zum Werden und Besitzen, und zum würklichcn Ca fahrungS-Zustande der Seele; Und diese Erfahrung heißt die lebendige — reale und wesentliche Erkenntnis, welche also mit dem Herzen, nicht mit dem Kopfe erlangt wird. Weil nun das Herz der Mittelpunet unseres Wesens ist, in welchem alle Kräfte und Fähigkeiten des Geistes, der Seele und des Leibes, als so viel Linien in einem Mittelpunkte sich zu concentriren bestimmt sind; ferner, da das Herz die Werkstatt ist^ wo für alle Drey, Leben von Arabien. 25 z i V und Licht bereitet und erzeuget wird: So fordert nun die göttliche Gnade zum Wiederkehr deS Menschen, zum Licht und Leben, das aus Gort ist — sie fordert nur daS Herz; Und die beschauenden natürlichen Kräfte des Geistes, welche die äussern Sehewerk- zeuge der Seele sind, sino angewiesen, sich daS Werk GotteS in der Seele, und seine Wege Wohlgefallen zu lassen, Prov. 2Z, 26, In der Vereinigung mit einem Gegenstände, im Haben und Gcnüßen, gründet sich also das Wesen der wahren Erkenntnis, und der lebendigen Erfahrung; beider ist nun die menschliche Vernunft, in ihrer eignen Kraft nicht fähig, wohl aber das Herz in der Kraft des Glaubens. Die anschauende Erkenntnis des Geistes, ist das Ziel des Glaubens, welches wir jedoch erst im Gebietst der Ewigkeit vollkommen erreichen, wo wir erst vom Glauben zum Schauen kommen sollen. 1 Cor. i g, 12. DaS Beschauen ist nicht daS Wesen, sondern das Supplement zur Vollkommenheit der Erkenntnis, die der Glaube durch den Genuß in der Vereinigung hat. Wenn ich eine Frucht ge nüsse, so habe ich eine wesentliche Erkenntnis von ihr, und eine weit vollständigere, als die, welche ich von ihr durch das bloße Beschauen erlange. Vollkommen aber ist sie, wann Genuß und Anschauen mit einander verbunden sind, und dieser Erkenntnis geht der Glaube entgegen. Das reinste natürliche Licht der Vernunft gewährt nur eine bcsch a u ende Erkenntnis; Diese will die Vernunft nun auch in übcrirrdischen und göttlichen Dingen haben, und wegert sich daher die Binde zu nehmen, die unserm schwachen Auge auf dem Wege des Glaubens hicnieden, aus eine kurze Zeit, wohlthätig ange- seget ist. 2 Cor. 5, 7. B 5 26 III. Brief. Die Königin von Arabien. Der Glaubige gehet seinen Pfad zwar mit halb verbundenen Augen; Indes, das volle Licht, dessen Mangel hjenieden ihn hindert, seinen Weg bei Heller Mittags - Sonne zu erkennen, wird ihm durch den Schein des in seinem Herzen aufgegangenen Morgensterns ersetzt, 2 Pctr. i, iy. 2 Cor. g., 6. Und ist gleich dieses Licht des Glaubens minder helle, so leitet es doch sicher zum Ml der vollkommenen Erkenntnis hin; überdies nimmt es im Fortgänge auf dem Wege deS Lebens immer zu, wie Salomo so richtig sagt: Der Pfad des Gerechten glänzet, wie ein Licht, das da fortgehet und leuchtet bis auf den vollen Tag. Prov. 4, 18. Schlüßlich, um die Vorrechte des Herzens und Glaubens gegen die Vernunft zu bestätigen, und wie nicht nur unzulänglich, sondern auch hinderlich diese dem Herzen auf dem Wege zum Leben ist, so lange sie sich nicht in die Ordnung und unter das Gesetz des Glaubens begeben hat, so darf man nur davon die klaren und göttlichen Aussprüche der heiligen Schrift lesen, z. B. 2 Cor. 4, 4. Eph. 4, 18. 1 Cor. 2, 14. 2 Cor. 10, z. 1 Cor. 1, 21. 1 Cor. z, 19. Vollkommner und lebendiger aber wird man von dem allen überzeugt, und über alles das Angemerkte berichtiget werden, wenn man zur Erfahrung der Worte desjenigen gelanget, der das Licht und Leben der Menschen ist, als er sagt: Seelig sind, die nicht sehen, und doch glauben. Joh. 20,29. iPet. r,8. IV. Brief. Die Königin von Arabien. 27 Vierter Brief. 9^un ist es wohl Zeit, mein lieber Bruder! daß wir zu unserer guren Königin zurückkehren; wir verließen sie als eine solche, die durch alles das, was sie vom Salomy gehört, und auf das Zeugnis anderer für wahr angenommen hatte, begierig worden war, zu Befriedigung ihres Herzens und Geistes, davon lebendiger und gewisser überzeuget zu werden; und hierzu blieb ihr kein anderer Weg, als die eigne Erfahrung übrig. Sie machte sich also auf den Weg zum Könige Salomo, in der Absicht, ihm dunkle Rgthsel vorzulegen, und ihn über tief verborgene Dinge zu befragen, und dadurch Beweise seiner berühmten Weisheit zu erhalten. Ach! meiu Geliebter! Möchte sich doch eben so die ganze Welt auf den Weg zu Jesu machen! um Erfahrungen und eigne Ueberzeugung vom Ruhm seiner Gnade, Weisheit, Kraft und Seeligkeit zu erhalten. Gewiß, es würde keiner unbefriedigt bleiben! jeder würde überschwenglich mehr bei Ihm finden und erlangen, als er vermeint und verstehet! Eph. z, 20. Versuche es doch, der D» ein Verlangen hast aus der Ungewisheit Deiner Erkenntnis, aus Deiner Kraftlosigkeit zum Guten — aus Deiner Finsternis, aus Deiner Krankheit und Gebrechlichkeit errettet zu werden -»?» Versuche es, mache Dich auf den Weg! Gehe hin zu Jesu! Siehe! alle die je zu ihm gekommen, und glaubig an ihn wurden, sind Dir Bürge dafür, daß auch Du mit allen, die, wie David sagt, nach dem .Herrn fragen, und die sein Heil lieben, freudig 2.8 IV. Brief. Die Königin und frölich seyn, und alle Wege sagen wirst: Hochge- kobct sc» der Herr. Psalm 70, 5. Die Residenz Solomons war in Jerusalem; und gewiß, es setzt bei der Konigin von Arabien einen festen und wohlüberlegten Entschlns voraus, und zeigt von der Große der Begierde nach Sättigung ihrer erwach? ten Wünsche, daß sie sich zu einer so weiten und be- Hhwerlichen Reise entschlüsselt konnte. Wie beschämend ist ihr Beispiel für unser Herz, für uns — die wir nicht nöthig haben, die Weisheit, die Wah heit das Licht, das uns zum ewigen Leben erleuchtet, in fernen Landen aufzusuchen! — für uns, die Glücklichen, die wie Paulus Rom. 10, 6-8 sagt, weder in den Himmel hinauf, noch in die Tiefe hinabfahren dürfen, um den im Glauben zu ergreifen, der uns von Gott gegeben ist, zu un- srer Gerechtigkeit, Weisheit, zum Weg, zur Wahrheit, Leben und Seeligkeit — sondern von denen cS heißt: das Wort ist Dir nahe, in Deinem Munde, und in Deinem Herzen. Siehe, ist stehe vor derTh ü r e und klopfe an; so jemand meine Stimme hören und die Thure aufthun wird, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mir ihm halten — und er mit mir — Ostend, z, 20. Hobel. 5,2. Joh. 14, 2 Z. Ach! aber, wie lange lassen wir oft den Herrn Jesum vergeblich rüsten und anklopfen, che wir aufthun! ach! wie lange widerstrebe» wir, ehe wir seiner süßen Stimme folgen! Die Königin Arabiens war eine Heidin, und darum würde es ihr zu verzeihen seyn, wenn der Trieb, der sie zur Reise beseelte, nur die Wirkung einer bloßen Neugierde gewesen wäre, um etwas Ungewöhnliches zu hören und zu sehen. Auch dann würde ich ihre Entschlossenheit und Standhaftigkeit bewun- von Arabien. berns nöthige und schöne Eigenschaften eines Herzens, welches die Gnade in ihre Leitung auf dem Wege des Glaubens hingenommen hat. Da aber die Geschichte daS Gerücht vom Salomo, ein Gerücht vom Nahmen des Herrn nennt, so ist um so mehr gewiß, wie ich schon bemerkt habe, daß der Begriff von etwas Göttlichen, welches im Gerücht vom Salomo lag, und nach dessen Erfahrung das Her; der Königin begierig worden war, ihr hohes Ideal von Salomo geformt haben mochte, und daß also eine reinere Absicht, als eitle Neugierde sie ans den Weg trieb, und alle Hindernisse besiegte. Gewiß war es die Sehnsucht der Seele nach der Erkenntnis und Erfahrung göttlicher Dinge, die sie in ihrem Lande, und aus denen ihr bisher bekannten Quellen nicht schöpfen konnte. Die Neugierdeist eine Eigenschaft aller menschlichen Seelen; sie ist nur dann sträflich und Fehler, wann sie die Seele ganz heherrschc, wenn sie mehr, als Leiter, auf dem Wege zur Wahrheit ist; wenn sie die Thatigkeit unserer Kräfte erschlafft, so bald sie gestillet ist; wenn sie die Grenzen der Bescheidenheit im Weltlichen, und der stillen glaubigen Erwartung in göttlichen Dingen, überschreitet, und in ihrem Vorgreifst!! die ewige Weisheit und Gnadein ihren Wegen mit uns, beeinträchtiget. Ach! es gehört viel Licht der Gnade dazu, um in göttlichen Dingen überall die Grenzlinie zu erkennen, wo unserer Vernunft sowohl, als den würksamen Kräften unserer Seele, das bis hieher und nicht weiter, vorgezeichnct ist: Und Du, mein lieber Bruder! weißt es aus eigner Erfahrung, wie oft wir, besonders in Absicht und Besitz höherer Gnaden Gaben, mit denen wir nur ganz uns leidend verhaltende Werkzeuge in der Hand des Herrn sepn sos- ZO IV. Brief. Die Königin len, aller Neugierde zu entsagen, schlechthin verpflichtet sind, und ihr auch mit gänzlicher Verleugnung unseres der Gnade vorgreiffenden Wullens und Begehrens, entsagen müssen, wenn der Wille Gottes in — an und durch uns vollbracht werden soll. Die an und für sich betrachtete, wohlthatige und gute Eigenschaft der Seele, — ich mcyne die Begierde nach dem Verborgenen, Geheimnisvollen, und nach dem, was den Kreys Ihrer Erkenntnis erweitern kann, kann allerdings schädlich werden, wenn sie diejenige Stille und Ergebung unserer Seele siobrt, in welcher unser Herz seyn muß, wenn es der nahern Offenbahrung des Herrn gcwürdiget werden soll. Doch da Vis eine Würknng von der wahren Demuth des Herzens vor dem Herrn ist; so kann auch jener Trieb der Seele nur durch die Gnade geordnet und geheiliget werden. Die Geschichte merket an, daß die Konigin mit einem sehr großen Zug, mit Kamelen, die viel Gold und Silber trugen, ihre Reise angetreten habe. Ueber diesen Umstand wollen wir uns jetzt ein wenig Unterhalten. ES war die Gewohnheit unter den Großen damaliger Jeit, daß sie bei ihren Besuchen einander Geschenke mitbrachten; und so waren auch die großen Schatze, welche die Königin mitnahm zu einem Geschenke für Salomo bestimmt. Mit Unrecht würde man ihr die niedrige Absicht beylegen, als hatte sie mit diesen Schätzen die gute Aufnahme bei Salomo, und die Erreichung ihrer Wünsche, erkaufen wollen. War — so wie sichS in der Folge zeigen wird — war ihr Verlangen und ihre Absicht rein, — war der Trieb, der ihre Seele belebte, weniger die Frucht der Neugierde und des Eigenwürkens, als des Werkes Gottes in ihr, und des Inges der Gnade zu ihrem Heil; — und cnd- X von Arabien. lich, hatte sie den hohen Begriff vom Salomo, wie sie solchen aus dem Gerücht von ihm haben konnte und mußte, daß er ein Mann Gottes — ein erwählter begnadigter Gesalbter des Ewigen sey, der mit hohen Gaben und Vorzügen ausgerüstet war: So darf man vielmehr glauben, daß sie die großen Geschenke zu einem Opfer des Dankes, der Freude und der riefen Verehrung für Salomo bestimmte, so wie es die drey Weisen aus Morgenland für den neuge- bohrnen Heyland der Welt thaten; die zwar sehr wohl wußten, daß das Kind, welches sie suchten und in der Krippe fanden, der Herr vom Himmel und der Schöpfer aller Dinge war, und also ihrer armen Geschenke nicht bedurfte; deren Geschenke daher nur die Früchte der Freude und Liebe waren, die ihre Herzen gegen den gesuchten und gefundenen Gegenstand ihrer innigsten Wünsche erfüllten. Und, mein Theurester! gicbt man da nicht gern und mit Freuden Alles, auch das Beste zum Opfer hin? Nie können himmlische Güter, Gaben und Geschenke Mit i rrd isehen erkauft — nie vergolten werden; Aber der Herr stehet das Herz an, i Sam. 16, 7. und ist dis rein vor ihm, so erhält auch der Trunk Wasser, den ich in meiner sonstigen Unvermögenheit aus Liebe, Erkenntlichkeit und Dankbarkeit einem meiner Brüder reiche, der mich auf den rechten Weg zum Leben leitete — alle auchirrdischeAcußerungen derRegung und des Dankgefühls meiner Seele, erhalten dann einen Werth in den Augen Gottes, und daS irrdische niedre Opfer einer durch die Liebe gereinigten und geheiligten Seele ist köstlich und geltend vor den Augen desjenigen, vor dem auch selbst das heiligste Opfer des Seraphs in der gold- nen Schaale vor seinem Thron, nur darum heilig, rein und werth ist, weil crs in tiefer Demuth mit bedecktem Antlitz, im Gefühl seiner Unwürdigkcit, Ihm darbringt. z?. IV. Brief. Die Königitt Aber gesetzt, die Königin von Arabien hatte die Absicht gehabt, mit ihren Geschenken sich desto gewisser der gnten Aufnahme, und der Erreichung ihrer Wünsche zu versichern: gern würde man ihr verzcyhn, ohne daraus auf Unrcinigkeit ihrer Absicht zu schlüssen, dg sie als eine Hcydin, noch nicht wußte, noch wissen konnte, daß sich die Weisheit von oben nicht erhaschen, erschleichen, daß sich die Erfahrungen und Kenntnisse göttlicher Dinge — daß sich endlich die göttlichen Gaben, wie Petrus zum Zauberer Simon sagt, nicht durch Geld erkaufen lassen, Actor. 8,20. sondern daß solche umsonst empfangen werden, und umsonst wieder andern mirgctheilt werden müssen: Matth. 10, 8. Das, lieber Bruder! weiß nur der Christ, dem der Zuruf worden ist: Wer durstet, der komme! und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst: Offenb. 22, 17. der kaufe und esse ohne Geld-; Jes. 55, 1. sowohl Sättigung für die Seele, als Fülle der Weisheit für den Geist: Sir. 51, gz. Und demohngcachtet — ach! müssen wir es nicht schaam- roth bekennen! — wie nur zu oft, zahlen Wir Geld dar, da kein Vrod ist, und unsere Arbeit, da wir nicht satt von werden können! Wie oft vcrmcyncn wir die Weisheit auf Schleichwegen und mit unreinem Herzen zu erhaschen, da wir doch wissen, daß sie, wie Salomo sagt, nie in eine unheilige, boshafte Seele kommt, Sap. 1, 4.! Wie oft glauben Wir, daß Glück, Ehre, Vorzüge, nnS ein näheres Recht an die Fülle der göttlichen Gnaden-Gaben, geben, und daS können wir thun, die wir glauben und wissen, daß alle gute und vollkommne Gabe von oben herab kommt vom Vater des LichtS, Jac. 1, 17. — daß alles, was wir Gutes empfangen, uns nur aus freyer Gnade und Barmherzigkeit um Jesu Willen, von Arabien. Willen, ohn alles Verdienst und Würdigkeit, gegeben wird? Wäre also in dieser Betrachtung die hevd- uische Konigin nicht ganz zu entschuldigen, wenn sie auch würklich so gebändelt hätte, wie Wir als Christen oft handeln, bis wir vom Lichte der Gnade erleuchtet, und müde des vergeblichen Lauffens nach lbchrichten Brunnen, die kein Wasser geben, uns ganz und einig zu der lebendigen Quelle aller Vollkommenheit, Weisheit und Wahrheit alles Lichtes, Trostes und Lebens halten, die wir so lange verlassen, und uns dadurch, wie es Jerem. 2, i z. heißt, einer zwiefachen Sündb schuldig gemacht hatten? Jerem. 17, iz. Ps. z6,10, C Z4 V. Brief. Die Königin Fünfter Brief. Äls die Königin in Jerusalem ankam, erschien sie ungesäumt vor dem Könige Salomo, und legte ihm alle die Fragen und geheimen Dinge vor, aus deren richtigen Beantwortung sie die Große seiner berühmten Weisheit erforschen wollte. Dem Konig Salome», der mit oem Geiste der Weisheit und der Erkenntnis von Gott gcsalbct, und in so hohem Maaße begäbet war, daß er unter andern von sich rühmen konnte: Mir ist gegeben gewisse Erkenntnis alles Dinges — auch was die Leute im Sinne haben; alles was heimlich und noch so verborgen ist — weiß ich rc, Sap. 17. — ihm war eS wohl ein Geringes, der Königin nicht nur alle ihm vorgelegte Fragen zu beantworten; sondern ihr auch dasjenige zusagen, was sie vielleicht .verschwieg und im Verborgenen behielt. — Ohne Zweifel wird die Königin mit Erstannen über diese Erfahrungen und mit Gefühl des Göttlichen, was im Salome war, durchdrungen worden seyn. Doch ihr Begriff von der Grösse Salomons wurde noch mehr erhöht, als sie auch Augcnzeugin von dem Umfange seiner Reich- thümer und seiner äußerlichen Herrlichkeit wurde, in welcher sich (so zu sagen) seine Weisheit im majestätischen Gewände dem Auge der erstaunten Königin von neuem darstellte; besonders aber, da sie die unbeschreibliche Pracht des Tempels sähe, welchen Salomo Gott erbauet hatte; ferner den Ueberflus und die Kostbarkeit der taglichen Speisen; die große Anzahl seiner Diener, deren verschiedene Acmter, die Menge der Brand-Opfer, die er dem Herrn seinem Gott opferte u. s. w. Ihr Erstaunen war nun über alles, was sie gehört und von Arabien.^ ZH gesehen; sie konnte sich nicht länger enthalten den Zustand ihres Herzens, ohne allen Rückhalt darzulegen, der eine Folge von den Erfahrungen so viele? Göttlichen und Großen in ihrer Seele war. — Konig! sagte sie: es ist wahr, was ich in meinem Laude von Deinem Wesen und von Deiner Weisheit gehöret habe: aber das Hören befriedigte mein Herz nicht: Ich fand keine Ruhe, bis ich selbst kam, und mich von allem überzeugte. Und, siehe da! ich finde, daß man mir von dem allen nicht die Hä'lfte gesagt hat; Du hast mehr Weisheit und Gutes, als das Gerücht von Dir lauter. Das ist wohl das Geständnis aller, die im Zuge des Vaters durch den heiligen Geist, zu Jesu kommen sind. Auch da spricht und bekennt die gläübig gewordene Seele ihren: himmlischen Salomo: Ach! Du hast mehr Weisheit und Gutes — Du gewährst mehr Seeligkeit, Friede und Freude, als DaS Gerücht von Dir lautet! o! ruft sie im Gennße der Gnadenfülle Jesu auS: o welch eine Tiefe, beide der WctSheit und der Erkenntnis! Rom« ii, gz. Wie groß und theucr ist Deine Güte! Wir werden trunken von den reichen Gütern Deines Hauses! Du tränkest uns mit Wollust, als mit einem Strohn:! bey Dir ist die lebendige Quelle und in Deinem Licht sehen wir daS Licht: Ps. gü, 8 - 10. Dir .Herr ist niemand gleich! Du bist groß, Dein Nähme ist groß, und kannst cS mit der That beweisen! Wer sollte Dich nicht fürchten, Du König der Heyden! Dir sollte man ja gehorchen; denn es ist unter allen Weisen der Heiden und in allen Königreichen Deines Gleichen nicht! aber Du bist ein rechter Gott! ein lebendiger Gott! ein ewiger König! Jerem. io, 6 - ic>. . Seclig! sprach die Königin zü Salomo, seelig sind Deine Leute und Deine Knechte, die allezeit vor Dir stehen und Deine Weisheit hören! Ja! C 2 z6 V.Brief. Die Königin seelig, spricht die zu Jesu gekommene Seele, seelig ist das Theil der Maria, als sie zu Deinen Fussen lag, um von Dir Worte des LebenS zu hören! seelig ists, als Dein begnadigtes Kind, stets vor Deinem Angesichte zu stehen; freudig und unverrückt aufzuschauen, auf Dich, den Anfanger und Vollender des Glaubens! Seelig! wer mit Deinen Augen geleitet wird, und bei Dir stets Begnadigung sucht und findet, und so den ungestörten Frieden Gottes, in der Seele genüßt! seelig! dessen Der; stets am Herzen Jesu ruht, und wie ein Kind an der Brust der göttlichen Liebe saugend banget! Alles —> nur nicht dis seelige, beste Theil, o Jesu! laß von mir genommen werden! Wie belehrend ist nicht die schone Stuffensolge, welche bis Hieher in der Erzählung der heidnischen Königin liegt. Wie verschieden ist der Zustand ihres Herzens, als sie in Seeligpreisungeu gegen Salömo ausbricht, von demjenigen, da sie noch ohne alle die Erfahrungen war, die jetzt ihr inneres beseeligten. Aber, so lehrreich der Gang ihres .Herzens bis hieher ist, so ist es das Verhalten nicht minder, welches wir jetzt an ihr bemerken. O möchte solches mit unauslöschlicher Schrift, in das Herz aller, an den Nahmen Jesu glaubig gewordenen, eingeschrieben bleiben! Wie weit schneller würde unsere Beförderung auf dem Wege des Lebens seyn, wenn wir hierin rechte Treue übten! wie schnell würde unsere Besserung wachsen: Jeff. 58, Z. — wie gewurzelt und Fruchtbringend wüdren .Kr im Herrn werden: Jerem. 12, 2. Wie wüdren wir in der Rechtschaffenheit und Reinheit, in der Liebe und in allen Stücken wachsen an dem, der das Haupt ist, — Christus: Ephes. 4, i z. Coloss. 2, 19. und in der Erkenntnis des Herr» und HevlaudeS Jesu Christi. 2 Petrin von Arabien. Z7 z, 18. Eoloss. i, i i. Und nun, djS belehrende Beispiel der Königin besteht darum: „Sie hielt sich nicht lange bei den Gegcnsian- „den idrer gemachten Erfahrungen, in blosser „V e wunderung, oder kalter, nnfru chtb arer „Spcculation auf; eben so wenig blieb ste an der ,,Person, durch die ihr diese Erfahrungen gewor- „ den, mit ihrem Blicke geheftet; sondern sie wandte „ihr Herz von der Gabe zum Geber hin.,. Daher sie nun mit Preist, Lob und Dank sich zu dem Gotte wandte, der dem Salomo alle diese Gnade, Herrlichkeit und Weisheit gcschenkct hatte, und diese Motte sprach: Gelobet sei der Herr Dein Gott, der zu Dir Lust hat, daß er Dich auf den Stuhl Israels gesetzt; darum, daß der Herr Israel lieb hat ewiglich, und Dich gesetzt hat zum Könige, daß Du Gericht und Recht haltest! „Die Gaben sollen uns zum Geber hinleiten.,, O wie vieler Untreue machen wir nnS hier schuldig! Was hast du, o Mensch! ruft uns Paulus zu, das du nicht empfangen hattest? i Cor. 4, 7- Gilt nun das von allem Guten, waS wir erhalten, genichen und besitzen, wie vielmehr von den Gnaden- Gaben, die wir als Kinder GottcS ans der Fülle Jesu empfangen! Wir dürfen sie wohl schmecken und sehen und uns derselben erfreuen; aber ihre Erkenntnis und Genuß soll uns zur Erkenntnis der Freundlichkeit/Liebe und Gnade des Herrn hinleiten Ps. Zg, y. und durch diese, zur Liebe und Demuth gegen ihn, den Geber, anfdaß der Vater durch uns in seinem Sohne gepriesen, geehrt und, verherrlicht werde. Jvh. 14, iz. Statt dessen aber, lieber Bruder! vergessen wir nur zu oft über der Gabe und bei der Freude über derselben, deö GcbcrS; Nur zu oft verweilet unser Blick C Z Z3 V. Brief. Die Königin zu lange bei den Gnaden-Geschenken. Wir bespiegeln uns mit Wohlgefallen an uns selbst, im Abglanz der Klarheit vom gnädigen Angesicht Jesu, statt daß wir darum das Bild der Gnade und der Liebe Gottes betrachten, und in diesem Licht das Licht erkennen sollten, Ps. z6, iO. welches in unsere Finsternis scheint, damit mir durch die Erkenntnis unserer klnwnrdiglcit vor Gott, unserS Elends und Gebrechens, desto dcmntbigcr vor ihm — desto verlangender nach seiner Gnade würden: Nur zu leicht kann die selbstgefällige Bespiegeln»;; in den erlangten Gnaden-Gaben und Erfahrungen im Gnaden-Stande, unserm Stolz und Eigendünkel, ein gewisses Ziel von erlangter Vollkommenheit vormablen, — ein Ngheseyn am Ziel, welches doch selbst der vorzüglich begnadigte Paulus Pbil, Z, 12 :c. noch incht erreicht zu haben demütbig bekennt. Er, der von sich rühmen konnte ,.ich lebe: aber doch nun nicht ich; sondern Christus lebt in mir;,, Gal. 2,20, Nur zu leicht können wir in diesem Blick der Reinigung unserer Sünden vergessen — schläfrig und laß werden im verordneten Kampf wider die noch immer anklebende Sünde — nachlässig in der Heiligung ; Wir können selbst durch den Genuß der Gnade aus der Gnade fallen, so daß auch alsdann uns die Frage gilt, welche er an die begnadigte Galater mit Wchmuth des Herzens that. Ihr liefet so fein! Wer hat euch aufgehalten? Gal. 5,7. Wer hat Euch so bezaubert ? C.z, 1. Wer euch das Ziel v e r r ü ck t? Col. 2, l 8. Nicht so David, der einmal im seeligstcn Genuß der Freude am Herrn und seiner Gnade, sprach: ich will noch geringer werden, und will niedrig seyn in meinen Augen, 2 Sam. 6, 22. Nun das soll auch bei uns die Frucht aller uns geschenkten Gnaden-Gaben seyn; Wenn wir von Arabien. 39 unö derselben erfreuen, soll es in Gefühl unserer Un- würdigkeit geschehen, und unsere Seel und Geist soll, dech Herrn erhebend ig den Lobgesang der Maria einstimmen, Luc. i, 46 - zg, welcher alles in sich faßt, was über den rechten Blick auf die Gnaden-Gaben, und über deren rechten Gebranch zu n»scrm Heile, gesagt werden kann. C 4 40 VI, Brief. Die Königin Sechs ster Brief. ^Hetzt sehen wir nun, lieber Bruder! wie uns einer Heidin, welche den stummen Götzen fröhnte und sie anbetete, eine Verehrerin und Anbeterin des einigen wahren lebendigen Gottes Israels geworden! ! Wie wunderbabr war die Veranstaltung GottcS für ihr Heil! Schon als sie den wahren Gott noch nicht kannte, schon da war Er es, der ihr das Zeugnis werden lies, durch dessen Annahme sie auf den Weg des Glanbens und der Erkenntnis ihres Heils gelangte; Er war es, der ihr Herz darnach verlangend machte, der sie dahin leitete, wo sie zum reinen Licht seiner see- ligmachenden Erkenntnis gebracht werden konnte. Mit Freuden übergab die Konigin nun dem Salomo, als ein geringes Opfer der Dankbarkeit, was sie an Gold und Schätzen mitgebracht hatte. Salomo, der ihrer Gaben wohl nicht bedurfte, nahm sie dennoch an, und was davon brauchbar war, zum Baue des Tempels, daS heiligte er durch diesen Gebrauch zur Ehre Gottes, Würde es die gute Konigin nicht betrübt haben, wenn Salomo das einzige Opfer der Freude und Dankbarkeit, das sie ihm zu bringen vermochte, nicht angenommen hatte? Salomo nahm also ihre Geschenke um ihrer selbst willen, aus Liebe — nicht aus Bedürfnis an, und zum Beweise gab er ihr dagegen alles, was sie nur begehrte, und von ihm erbat; — ja, weit mehr als sie bat — oder zu bitten verstand und wagte. Zuerst hatte sie ans der Quelle seiner Weisheit und Erkenntnis, zur Sättigung aller ihrer Wünsche geschöpft; und nun wurde ihr auch die Fülle seiner übrigen Schätz? von Arabien. 41 eröfnet, aus welcher sie nicht nur nach eigner Wahl, waS sie begehrte, nehmen konnte; sondern noch überdem aus freier Gnade und Milde des Königs beschenkt wurde, und also reichlichen Ersatz für alles das empfieng, was sie ihm zum Opfer dargebracht hatte. Hierüber dringt mich mein Herz, noch einige Anmerkungen zur Anwendung für unser Heil zu machen. Was wir, wenn wir an den Heiland der Welt glaubig werden und zu Ihm kommen — was wir ihm da zum Opfer in und an uns darbringen, nimmt er alles gnadig an; Wir dürfen ihm nichts vorenthalten; wir müssen ihm alles, auch unsere natürlichen Gaben und Fähigkeiten zu seiner Disposition, willig und mit Freuden übergeben. Was Er nur heiligen, und zur Beförderung seiner Ehre und unsers Heils brauchen kann, das wirft er von unserm Mitgebrachten gewis nicht weg; Vielmehr heiligt und veredelt die Gnade auch unsere Natur-Gaben, Kenntnisse und Fähigkeiten — eine Wahrheit, die wenige recht erkennen — aber eine Wahrheit, die recht verstanden, zum Ziele der Vollkommenheit befördert, zu der wir berufen sind! Unser Geist sammt Seel und Leib ist zur Werkstatt — zum Tempel Gottes bestimmt, mit allen ihren verschiedenen Kräften und Fähigkeiten; Je vollkommene r und veredelter diese sind, desto schickliche r sind sie, um von der Gnade zum höhern Gebrauch geheiligt zu werden. Und überdem, da alle gute und vollkommue Gabe des Geistes, der Seele oder des Leibes, von Oben — dem Vater des Lichts herabkömmt, Jac. 1, 7. so ist das Bestreben nach höchster Vollkommenheit, aller unserer, auch natürlichen Kräfte, nicht nur eine Pflicht der Gläubigen, sondern deren Hintansetzung und Verabsänmung kann uns in vielem Betracht Hinderniß werden, daß wir nicht alle die C 5 4? VI. Brief. Die Königin Gnade und Schätze aus der Fülle Jesu nehmen und anwenden können, die in seiner Vereinigung jedem angeboten werden; Es bleibt wahr, daß ein jeder nwr in dem Maaße aus der ewigen Quelle aller Vollkommenheiten schöpft und empfängt, als er zubereitetes Gefäß bat: denn als es der Wittib zu Zarpath am Gesässc mangelte, stand der Oelfluß ans dem Wunderkrnge still; So viel aber, als sie dessen vor- täthig hatte, wurde aus ihm angefüllet. 2Kön. 4,3-7. Was die dem Gläubigen im Bestreben nach Vollkommenheit, nothigcn Einschränkungen betrifft; so wird der Hcyland eine mit ihm verlobte, und ihn als ihr höchstes Gut liebende Seele schon lehren, damit sie nur nach dem trachte, was dem Herrn angehört, und womit sie ihm gefalle. 1 Cor. 7, 32. Trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, Matth. 6, 33. — Trachtet nach dem, was droben ist, und nicht nach dem, was auf Erden ist. Col. 3, 2. Das wird und muß immer die erste und größte Sorge der Gläubigen seyn, deren Erfüllung ihn aber nicht von der Verbindlichkeit derselben frei spricht; sondern ihn vielmehr dazu auffordert, welches in den viel umfassenden Worten Pauli liegt: Ihr seyd thcucr erkauft, darum vcrherrlichet Gott in eurem Leibe, und in eurem Geiste, welche sind Gottes, 1 Cor.6,20. So durfte z.V. Paulus, der ein Weiser und Schriftgelehrter war, seine Kenntnis und die erlangten Vollkommenheiten seiner Geisteskräfte nicht wegwerfen, als er ein Gläubiger ward; Nein, die Gnade heiligte solche in ihm, zur Verherrlichung des Nahmens Jesu; Eben so sehen wir die Jünger und Apostel von so verschiedener Stimmung ihrer natürlichen Temperamente; Aber, geheiligt und gereinigt durch die Gnade, war das feurige Temperament des Petrus, so wie das sanftere des Johan- von Arabien. 4) ms, ein j edes in seiner Art nützlich zu dem Werke des Herrn, in welchem es mancherlei Berufungen gicbt, zu denen mancherlei Kräfte und Gaben erforderlich sind, welche der Herr auStheilet, wie er will, und welche durch einen Geist, gewürkt werden. i Cor. 12, 4-11, Das bleibt ewig wahr, daß jede Art der natürlichen Temperatur des Menschen verändert werden muß, so bald die Liebe Gottes die Oberherrschaft in uns erlangt; daß jedes Temperament seine eigne Feinde hat, welche in der Kraft Gottes ü berwunde n werden müssen; — daß jedes seine Unreinheiten hat, welche gereinigt werden müssen; Einen jeden Gläubiggewordenen muß der Heiland läutern und reinigen, —- er muß senn, wie das Feuer des Goldschmiedes, und wie die Geisse der Wäscher, Malach. Z, 2. Z. Das unreine heftige Natur-Feuer muß gemindert, und in die Sanftmuth der Liebe zurückgebracht, die träge Seele hingegen vom gottlichen Feuer ergriffen, erweckt, und würkend gemacht werden, um das Himmelreich an sich zu ziehen, welches nicht, wie der Heiland sagt, im schläfrichen unrhätigcn Zustande; sondern in der Gewalt und angestrengten Kraft aller unserer Seelen kr äste geschiehet, Luc. 16, 16. und Matth. 11,1?. Das alles ist nun wahr; aber, wenn man, (wie viele aus Mangel der Kenntnis und des Geistes der Unterscheidung thun) alle Gläubigen nach einer Form gebildet haben wollte und verlangte, daß sie in allen persönlichen und individuellen Verhältnissen und Benchnmngen gleich geartet seyn sollten, so würde das selbst unevangelisch scyn; denn alle sind zwar Glieder eines Leibes: aber ein jedes unter ihnen hat seine eigne Bestimmung und Berufung, und daher auch seine eigenthümlichcn Kräfte und Fähigkeiten, wie solches Paulus 1 Cor. 12,12-Zk, so herrlich bezeuget. 44 VI. Brief. Die Königin Der Mangel der Erkenntnis, vom noth wendigen Unterschiede der Gestaltung der Glieder Christi, wird oft die Quelle mancherlei Versündigungen, in unrechter liebloser Veurtheilung derer^ie dem Herrn angehören, und durch seinen Geist zu einem Leibe getauft, und zu einem Geiste getränkt sind, i Cor. 12, iz. Daher wir nicht behutsam genug im Urtheil über unser» begnadigten Mitbruder seyn können, wenn wir ihn nach seinem innern und äußern, von uns verschieden, gestellet und geordnet sehen. Genug, es bleibt dabei; Alle Crearur Gottes—- also auch aste Gabe, alle Kraft, die Gott in uns gelegt hat, ist gut und nichts verwerflich, 1 Tim. 4, 4. Die Gnade weiß alles, was wir auch verdorben und verunreiniget haben, zu läutern, zu reinigen, und zu gebrauchen, und was nicht taugt, wegzuwerfen, so bald wir uns ihr nur mit allem, was wir sind und haben, zum Opfer hingeben. Hier am Ende der Erzählung von der arabischen Konigin, fragen wir mit Recht, ob im Herze» der Königin nicht das Verlangen gewesen seyn sollte, eine mit dem Volke Gottes näher Verbundene zu werden, und durch eine eigentliche Aufnahme unter ihnen zu leben? Ferner, ob sie nicht deu Wunsch gehabt haben sollte, in Jerusalem zu bleiben, um einen steten Genuß an Salomo zu haben, und seine nähere Gemeinschaft, zur Befriedigung ihres HerzenS zu benutzen. Die Geschichte schweigt hievon, indem sie die Erzälung von der Konigin mit den kurzen Worten abbricht: Sie wand te sich, und zog in ihr Land, sammt ihren Knechten. Aber wir können sie uns selbst beantworten; Verkennen wir nicht, daß der ganze Gang der Königin, ihr Benehmen und Verhalten, und der Erfolg ihrer Reise und ihrer gemachten Erfahrungen, angefangenes Gnaden-Werk Gottes, in ihrer Seele, M von Arabien. 4) Beförderung ihres Heils war, so dürfen wir auch nicht zweifeln, daß eS Gott in ihr wird fortgesetzt haben, wenn wir sie auch für diSmal, ohne weitere Nachricht vom Uebergange zur Religion des Volkes Gottes in ihr Land zurückreisen sehen. Genug, sie ging als eine durch den Glauben an Gott, zur Erkenntnis Gottes Einge- wevbre zurück; und da sie der Heyland der Welt, den ungläubigen Juden selbst zum beschämenden Beispiele anführt, Matth. 12, 42. so zweifle ich für meinen Theil nicht daran, daß der Heiland auch sie vorzüglich mit unter die Zahl derer gerechnet hat, von denen er sagt: Es werden kommen von Mvrgen und Abend, vom Mitternacht und vom Mittag, die zu Tische sitzen werden im Reiche Gottes. Matth. iZ, 29. Ohnsireitig war wohl der Wunsch ihrer Seele, unter dem Volke Gottes zu seyn und zu bleiben; aber vielleicht war es noch nicht dem Wege Gottes mit ihr gc- mäs, daß ihr Wunsch grade jetzt erfüllt werden konnte und sollte. Was Gott hernach an ihr gcthan, wissen wir nicht; aber das weiß ich, hat sie die ersten Aufforderungen Gottes an ihr Herz treu benutzt, so wird er sie als ein ferneres Augenmerk seiner Erbarmung, weiter geführet haben, so daß sie ein zwar einzelnes, doch fruchtbringendes Saamen-Kornchen, in einem todten und unfruchtbaren Lande blieb, welchem nachher Gott die Gnade erzeigte, daß er es durch die Predigt des Evangclii von Jesu Christo, welche PaulnS -zuerst in Arabien hielt, Act. y, 20. 2 Cor. 11, Z2. Gal. 1, 17. zu einem für das Reich Gottes geseegne; ten und fruchtbringenden Acker machte. Und nun die zweite Frage, warum sie nicht in Jerusalem beim Könige Salomo blieb? Gewiß, die alle so seelig pries, welche stets um ihn seyn und vor ihm stehen, und seine Weisheit hdrcn konnten, wird sich selbst gewünscht haben, unter die Zabl 46^ VI.Brief. Die Königin von Arabien» dieser Glücklichen zu gehören. Aber ihre irrdische Bestimmung war, Regentin eines Volks zu senn, und alle unsere irrdischen Berufungen haben einen Werth in den Augen Gottes, da wo wir sie nach seinem Willen, durch Ergebung und Treue heiligen; und dem folgte sie gehorsam, und zog daher in Frieden, als eins Geseegnete in ihre Heimath zurück. Zweite Abtheilung. Betrachtungen in Sechs Capiteln. Erstes Capitel» Ueber den natürlichen Zustand Mensche n. „^u willst, o Herr! daß ich meinen Blick auf die ./Betrachtung des Zustandes werfen soll, uns welchem „mich Dein ewiges Erbarmen errettet hat — auf den „beweinungswürdigen natürlichen Znstand, von dem es „beißt: Ich ging vor Dir vorüber, und sähe Dich in „Deinem Blute liegen, und sprach zu Dir, da Du in „Deinem Blute lagst, Du sollst leben! Hesek. 16, 6. „Wohlan, o mein Gott! und Heiland! an Deiner „Hand, als ein durch Deine Gnade Erretteter, gehe „ich willig und getrost mit Dir, auch in den Abgruno „des Verderbens hinab; zeige mir dessen unermeßliche „Tiefe, in Deinem Lichte/ damit ich in erncnetcr tiefer „Dcmuth und Zerknirschung meines Herzens, es immer „mehr erkennen, und ein Zeugnis zum Heil derer, die „noch errettet werden sollen, in Deiner Kraft ablegen „mag: welch Elend und Unfall die Sünde, und welch „Herzeleid cS bringt, Dich den Herrn unfern Gott zu „verlassen: Ierem. 2, ly. Durch diese Erkenntnis „nnscrs Verderbens, würke, 0 Herr! Busse und Belehrung in allen Unbckehrten, und denen, die bereits „durch Dein Erbarmen vom Tode zum Leben gekom- „men sind, schenke dadurch neue Starke des Glaubens „an Dich, aller Welt Heiland! und neuen Zuwachs der „Freude an Dir, dem Herrn: Nehcm. 8, 10. je mehr „wirs erkennen und erfahren, daß, wo die Sünde „machtig worden, doch Deine Gnade noch viel „mächtiger worden ist, Rom. 5, 20. D 50 I. Cap. Ueber den natürlichen §. i. Von Natur sind wir alle nach der Erklärung des göttlichen Wortes, wie die Heiden, die von Gott nichtö wissen, I Thess. 4, Z.; Unser Verstand ist verfinstert, und wir sind entfremdet von dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, so in uns ist, und durch die Blindheit unseres Herzens: Ephes. 4, 18. In diesem Znstande sind wir Feinde Gottes, Rom. 5, io. die nicht den Willen Gottes, sondern den Willen des Fleisches und der Vernunft in bösen Werken thun. Col. 5,21. Wir leben ausser der Bürgerschaft Israel, und leben ohne Gott in der Welt, so lange wir ohne den Glauben an J'esum Christum sind. Ephes. 2, 12. iz. Wir sind entfernt von Gott, setzt der Apostel hinzu, so lange wir ihm nicht durch das Blut Christi uahe worden, durch welches allein die natürliche Feindschaft zwischen Gott uiid den, Menschen weggenommen, und der Friede her- gestellet werden kann. Jcs. zz, z. S> 2. „Wenn ich mir die traurige Beschäftigung mache, „meinen Sinn mtd Wandel und mein Leben, in inei- „nem vorigen unbekehrtcn Zustande zu untersuchen, so „muß ich vor Dir, 0 Herr! schaamroth bekennen, daß „mein ganzes Leben heydnischer Sinn und Wesen war. „Auch ich folgte den Trieben und Lüsten des Fleisches „ und der Vernunft. Zwar rühmte ich mich Deiner Er- „kenntnis, aber mit meinen Werken Verleugneteich Dich! „Tit. l, 16. Ich ging fremden Gottern nach, und „ opferte ihnen, wie es nur irgend Heyden thun. Augen- „lust, Fleischeslust und hoffärtigcs Wesen, waren die „Götzen, denen ich dienete, die ich liebte, und denen „ich mein Her; zum Opfer brachte. Zustand des Menschen. 5> ö. z. Wer kann wissen, wo er steht, wie es nm ihn aussieht, und wohin et gehet, wenn er in Finsternis herumirret? — Wie unsicher, gefahrvoll und freudenleer ist dieser Zustand! und ist dis nicht die Beschreibung unsers narürlichen Zustandes? aber wir lernen ihn nicht eher kennen, bis uns in der Bekehrung von der Finsternis zum Licht, und von der Gewalt des Satans zu Gott, das Licht des Glaubens aufgehet: Bis dahin sind wir von der Finsternis der Sünde, die in unS ist, und von der Macht der bösen Kräfte, die ihr Werk in der Finsternis haben, gebunden und gehalten, daß wir weder den Weg zum Leben erkennen, noch weniger denselben zu unserer Errettung, aus eigner Kraft zu gehen vermögen. Z. 4- Der Heyland sagt: ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in Finsternis; sondern wird daS Licht des Lebens haben. Ivb. 8, 12. 12, 46. und Johannes zeugt von ihm, daß Jesus das wahrhaftige Licht sey, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Jvh. 1, y. Ferner sagt JcsuS: ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, Joh. 14, ü. ich gebe den Menschen das ewige Leben. Joh. 10, 28. und der Evangelist spricht: In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Joh. r, 4. Jesus Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist, spricht er ein andermahl, hat uns den Sinn gegeben, daß wir wissen und erkennen, daß die Welt im Argen liegt, daß aber wir von Gott gebohrcn sind; — den Sinn, den Verstand, daß wir erkennen den Wahrhaftigen, und daß wir sind in dem Wahrhaftigen, nehmüch in seinem Sohne, Jesu D 2 Z2. I. Cap. Ueber den natürlichen Christo, welcher ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben, i Joh. z, 2 „liebster Heyland! — die noch das Wesen der Welt „mit heiterm, freudigem Blick betrachten können! „Mit Weinen, sagt Salomo, treten wir ins natürliche Leben ein, Sap. 7, Z. und dis ist auch die „ Stimme derer, die zum Leben, Kasans Gott ist, „ wiedergebohren werden. Weinend und flehend zu Dir, „oHcrr! zu kommen, ist die Bedingung für die, die „Du annehmen und leiten willst, Jerem. zi, 9. DaS „Lachen der Welt muß sich dann in Weinen, und die „Freude in Traurigkeit verwandeln, Iac. 4, 9. Und „wer vor Dir, 0 Jesu, noch nicht über sich selbst, „und seinen elenden Anstand gemeinet hat, wird „auch die Secligkejt der Thranen nicht erfahren, die „der Begnadigte im Genuße deiner unendlichen Liebe, „und im nie zu stillenden Hunger und Durst nach dei- „ncr Gnade und unendlichen Seegens-Fülle, um Dich „und nach Dir, weinet! S. 8. So traurig der innere Anstand des Menschen von Natur ist, so ist er dadurch zwiefach elend, da er auch von aussen her, durch den Genuß und durch die Verbindung mit der Welt, die mit ihm im Argen liegt, 1 Joh. 5, 18. 10. Gal. i, 4. mit unzählbaren Feinden umgeben ist, die im Trug-Gewände irdischer Glückseligkeit, ihn verblenden, und um die Liebe und Anhänglichkeit, seines von der Liebe zu Gott leeren Herzens buhlen, um ihn nur immer tiefer ins Verderben zu ziehen, D 3 54 I- Cap. Ueber den natürlichen Wären wir nicht des wahren Lichts beraubt, so würden wir den Betrug erkennen, und tausend Gefahren entgehen, wo uns Fallstricke gelegt werden. Aber wir sind, wie der Prophet sagt, verblendet, daß unsere Augen nicht sehen, und unsere Herzen nicht merken können Aes. gg, 18. den Betrug des Geistes dieser Welt, welcher der Ungläubigen Sinne verblendet. 2 Cor. 4,4. Wir sehen alle Dinge in einem falschen Schein, der unsere Sinne betrügt, so wie denn diese unser Herz verhören. Z. 9' Da wir ein Herz auf die Welt bringen, das nach dem angeborncn Verderbnis zu keinem Guten und Wahren, sondern zum Bosen geneigt ist, so sind wir desto nnwidersiehbahrer dem Betrug der Sinne ausgesetzt; denn daS Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf, und immerdar. Genes. 8, 21. Daher wir dasjenige, was die Sinne, unserm bösen, irdisch und fleischlich gesinnten Herzen vorstellen, begierig ergrcissc», und es lieb gewinnen. Darum sagt der Apostel Paulus gar recht, daß wir fleischlich unter die Sünde verkauft sind. Rom. 7, 14. „O wie schwer sind diese Fesseln, die nnsern Fuß „auf dem Wege zum Leben halten, und verweilen, auch „wenn die Kraft der Gnade unser Herz überwogen, und „hingenommen hat! wie groß sind die Lasten des Irdischen und Sinnlichen, die den sterblichen Leib — „den Leib der Sünden beschweren, und die Seele niederwärts ziehen, daß sie stetS im Fluge nach der.Hohe „ gehindert wird I wie schwer und aufhaltend ist der Druck „des zcrstrcutt» Sinns, Sap. y, iz. für das arme Zustand des Menschen. 55 „Herz, wenn es von der Begierde entflammt ist, stets „und allei» in seinem Gott und 5? eilande zn „ruhen! O gcwis, dann fühlen wir erst, wie gar „rief im Elende wir liegen, und wie ohnmächtig wir „sind, uns selbst zu erlösen, vom Leibe des Todes, und „von den Banden der Finsternis und Holle, die uns „gefangen halten; und wie unentbehrlich uns Christus, „der Heiland ist! S- ir. In die Beschreibung unseres tausendfachen inncrn und äußern Elends, gehört vorzüglich dieses, „daß der Weltmcnsch, so lange er ohne Jesum lebet, zu keiner Ruhe kom m en ka n n, auch wenn er im fortwährenden Genuße der Güter einer ganzen Welt seyn konnte, weil er doch bei aller noch so berauschenden Freude und Herrlichkeit des Lebens nach dem Willen des Fleisches, den Gedanken an den Tod nicht verbannen kann, der ihn überall verfolgt.,, Natürlich ists, daß der Mensch den Tod für seinen ärgsten Feind ansehen muß, so lange er das Leben des Fleisches und der Welt, als wahres Leben betrachtet und liebt. H. 12. Da dis der Zustand des unbckehrten Menschen ist, daß er sich stctS in der traurigen Nothwendigkeit stehet, wider seinen Willen, seines größten Feindes — des TodcS, eingedenk zu seyn, so ist er schon darum keines dauerhaften und wahren Ruhe- und Freuden-GcnußeS fähig; denn sein Feind begnüget sich nicht damit, dem armen Menschen die Offenbahrung seiner Schreckbildcr bis auf die letzte seiner Lebens-Stunden, zu versparen; sondern unter den unzähligen Gestalten im Gewände irdischer Lust und Freude, die der verblendete Mensch D 4 56 I. Cap. Ueber den natürlichen als Leben begierig umarmt, und liebend an sein Her; drückt, umsaßt er seinen Feind, vor dem er zurück- schauert, und im frohcsten Gcnuße gestohrec wird. §- iZ- Welch ein trauriger Zustand, sich überall so getauscht zu sehen; nie und nirgends vor dem Betrug und dem Schrecken eines Feindes gesichert zu seyn; zu wissen, daß, nachdem er uns lange genug getauscht hat, man ihm endlich selbst cinmahl, ohnfehlbar gewis zum Raube werden muß, so sehr man ihn und sein Andenken auch zu fliehen sich bemühet. Z. 14' In den abwechselnden Zerstreuungen der frühern Jahre, verscheucht der Leichtsinn den ernsten Gedanken des Todes: und wenn die Jahre des hdhern Alters kommen, wo der Tod immer entkleideter sich dem Menschen vor die Augen stellet, und in ungeschminkterer Gestalt auf seine Beute lauert, da sieht der Christ oft mit tiefer Wehmuth des Herzens, wie selbst der bejabrte Greis, die einzige Rctiradc, die ihm noch übrig ist, sorgsam zu benutzen und zu ergreifen sucht, nehmlich: alles das sorgfältig zu vermeiden, was ihm etwa einen zu ernsten und bleibenden Eindruck, von seinem nahen unvermeidlichen Schicksale machen konnte. S- iZ- Diese erzwungene scheinbare Ruhe und .Heiterkeit, oder eigentlicher gesagt — diesen unbeschreiblich großen Leichtsinn des unbekehrten Sünders, nennt die Welt nur zu oft „die Ruhe des Weisen, womit mancher dem Grabe entgegen gehet; Und, wenn er Nebuug genug erlangt hat, der rufenden Stimme der Gnade zu seiner Bekehrung, sein Herz zu verschleißen, und mich dem letzten Augenblicke seines Lebens, ein durch Zustand des Menschen. 57 Leichtsinn verhärtetes Herz entgegen zu stellen, wie uns die Schrift das Erempcl Agag anführt, der trotzig zu seinem Tode ging, und zum Samuel sprach: Also muß man des Todes Bitterkeit vertreiben; i Sam. 15, Z2. ZZ. so sagt man wohl: Er starb den Tod des Weisen, anstatt, daß es beißen sollte: er ging als ein Mensch aus der Welt, der von der Sinnlichkeit und vom Tode betrogen wurde, sich selbst betrog, und durch die assectirte Ruhe seiner letzten Augenblicke, auch andere zu täuschen, und dadurch zugleich seinem Stolz, das letzte Opfer zu bringen suchte. Z. 16. Ist dis zu viel gesagt? oder zeugt davon nicht leider die tägliche Erfahrung? Wahrlich, der Ruhm! Er lebte und starb als ein Weiser, ist der elendeste Nachruhm — das beweinungswnrdigste Epitaph — waS einem Menschen errichtet werden kann, welcher ohne Versöhnung mit Gott, durch Iesum unfern Heiland, die Welt verläst: denn wenn dieser Weise nicht ein begnadigter Christ war, der allein auf die Begnadigung und Rechtfertigung vor Gott durch Iesum, die Ruhe bauet und gründet, in welcher er die Welt verläst: so war er im Leben und Sterben ein Thor, — so war seine Ruhe Unwahrheit, womit er seine Verebrer und Bewunderer betrügt und ibr verblendetes Herz fälschlich überredet, der Mensch könne auch, ohne das gläubige Ergreifen deS Verdienstes Jesu, ruhig und freudig sterben, und sich in eigner Gerechtigkeit, dem Nichter der Lebendigen und der Tobten, in der Ewigkeit vor die Augen stellen. S- i?. Das ist die böse Frucht — die vergiftende Blume, die auf dem Grabe-Hügel derer wächst, die in uach- D 5 58 I. Cap. Ueber den natürlichen geahmter falscher Ruhe, den Tod zu umarmen scheinen; und alle Opfer der Bewunderung und Verehrung, die man der Asche eines dieser so gerühmte» Weisen bringt, sind Baumaterialien zur Erweiterung des Unglaubens. H. 18. Zum Leben ist der Mensch berufen und geschaffen. Es ist daher natürlich, daß er den Tod, als den Feind und Morder seines Lebens Haffen, fürchten und fliehen muß, so lang er das für Leben hält, welchem der Tod ein End? macht. S- 19- Ein Leben, auf welches der Tod folgt, kann kein wabreS Leben seyn, weil es keinen positiven und bleibenden Gehalt bat; Das Leben im Fleisch hat nichts Wahres in sich, als daß es die Wurzel ist, welche eine positive Frucht hervorbringt, ncbmlich die Sünde, welche nicht Leben, sondern Tod gebieret. Rom. 6,2z. Z. 2o. Das, was der Mensch als den Tod anstehet und haßt, ist nichts Verschiedenes von dem, was er für Leben hält und liebt; Das Erstere ist nur das Ende des Letztern. Die natürliche Verblendung von der Sünde macht nur, daß er sie als verschiedene — einander entgegengesetzte Dinge betrachtet, und daher» das eine liebt, und das andere verabscheuet. Ach! erkennte der' arme verblendete Mensch, daß das Leben des Unbekehrten, nach der Lust unseres von Natur von Gott abgewichenen und irdisch gesinnten Herzens, ein immerwährender Tod — ein stets fortgehendes Ersterben am wahren Leben, von Mntterleibe an, bis zur Grube ist, und daß der sogenante Tod in dem letzten Augenblick des Lebens, nur die bleibende Versiegelung des lebenslangen Todes ist; — 0! wie würde er eilen, dem Tode im Leben zu entfliehen! Zustand des Menschen. 59 H. 21. So lange der Mensch die Sünde liebt, und ihr- Gehorsam leistet, in ihren Lüsten, so fallt der Tod, wie der Prophet sagt Jerem. y, 21. zn allen Fenstern in ihn herein, welches die Sinne und die vernünftigen Kräfte der Seele sind. „Nur deine Kraft, „ 0 Jesu! kann diese Fenster in uns zuschlügen, die nach „unserm natürlichen Zustande, nach außen zn, in das „Gebieth des Todes und der Sünde gcofnet stehen, Z. 22. Liebte der Mensch nur das Natu rieben, welches er mit jedem Thiers gemein hat, gewis sein Zustand wäre minder elend, als er es ist, da er das Leben nach der Sünde und nach ibrer todtendcn Lust, mehr liebet, als das natürliche Leben; indem er das Letztere dem Ersten nur zu oft mit Freuden zum Opfer bringt, so daß wir den Menschen oft, vom Laster entstellt, tief unter das unvernünftige Vieh herabgewürdi- get, erblicken. S- 2z. Gehen wir von der allgemeinen Beschreibung unfers natürlichen verderbten ZustandcS, zur nähern Untersuchung unserS Innern über — 0! welch eine schwarze Chronik von Verderben, Boßheit und Elend, halt uns da unser eignes Herz vor. — Das Herz, welches steh Gott zu seiner Wohnung — zur Werkstatt seines heiligen Geistes, zum Ort seiner Ofsenbabrnngen 2 Eor. 6, 16. auSersehen — das Herz, um welches die Gnade, so herzlich und zärtlich bittet, Prov. 2Z, 26. wie sieht es aus? was ist darinn? Ach der .Heiland der Menschen, der Herzcnskündiger, zeigt uns die Gestalt unsers Innern mit den kurzen Worten: AuS dem .Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Die- 60 I.Cgp. Ueber den natürlichen herei, falsch Zeugnis, Lästerung, und alle Arten der Verunreinigung. Match, i 5, r y. Die Schrift beschreibt xS fast auf allen Blättern, und die Erfahrung aller, denen Erbarmung und Rettung durch Jesum widerfahren ist, bestätiget die Wahrheit der biblischen Zeugnisse, daß es eine vergiftete Quelle ist, Jcrcm. 6, 7. ein verfluchter Acker, Deut. 27,15-25. voll Unkraut und Raupen-Nester, voll böser Lüste und schändlicher Begierden, Mbm. 6, 12. C. 7,15. Eph. 2,2. Tit. z,z. Eine Mordergrube, Huren-Hans, Dicbeswinkel Rom. z, iz -15. Ein Götzentempel, eine Werkstatt der Lügen und der Bosheit, Ps. 5, iO, 140, 4, lo, 7. Prov. 1, iü. §, 24. So war auch mein Herz beschaffen, 0 Jesu! um welches du mir so lange mir unanssprechlichcr Liebe, Gedickt und Treue nachgelaufen bist, bis ich dirs hingab — das Herz, nm dessen Besitz du Blut und Leben hingabst! Ach! ich kann-deine Erbarmung nicht anders als scham- roth bewundern; nur schamroth tief im Staube gebückt, kann ich mich deiner göttlichen Art zu lieben, und der Gnade ersreun, daß du mich Unwürdigen je und je ge- licbet und darum allein auS lauter freyeu Gnade, Erbar- mnug und Güte zu dir gezogen hast! Jer. g i, z. So schändlich mich die Sünde zugerichtet hatte, so böse, krank, elend und entfernt ich von dir war, wäre es wohl ewig unmöglich geblieben, daß ich hätte zu Dir kommen können. Nng aber zog mich der Geist deines himmlischen Vaters zu dir hin, Joh. ü, 44. und in der Kraft dieses ZugcS konnte ich dem Verderben entfliehen und zu dir laufen, Hohelied 1, 4.! Habe Dank, ewig nie genug geliebter Heiland, daß Du mich an deine 5?and genommen hast! Nun hat es keine Nvth um mich, da ich von Dir ergrissen bin, daß Du auch mich z.um Ergreifen des vorgesteckten Ziels meiner Hvfnung Zustand des Menschen. und meines Glaubens hinbringen wirst, Phil. 3, 14. denn das Ziel meiner Hvsmmg, und einigen Sehnsucht des Herzens, bist Du selbst, mein Jesu, der Du erhöhet bist von der Erden und verheißen hast, alle die Deinen, die Dir von deinem himmlischen Vater übergeben sind, dahin nachzuziehen! Joh. 12, 32. §. 2 z. Sind denn aber alle Meeschen von Natur in gleichem Zustand des Verderbens, des Mangels am göttlichen Licht und Leben? Gleich nnwerth vor Gott? Gleich lieblos und feindseelig gegen ihn und seinen Sohn Jcsmn Christum gcsinnet? Ja, spricht Gott: sie sind alle abgewichen, und allesammt untüchtig; da ist keiner, der GneeS thue; auch nicht einer. Ps. 14,3. Sie sind alle Heuchler und Böse. Esaia y, 17. Narren und Thoren, Jcrem. lo, 8. an denen Gott Greuel hat, Tit. 1, 16. sind alle blind und verfinstert, Matth. 15, 14. alle sind Sünderund mangeln des Ruhms, der Herrlichkeit, die wir vor Gott haben sollen. Rom. Z, 23. Da ist keiner, spricht der Apostel Paulus, der vor Gott gerecht scy; der verstand! g sey; oer nach Gott frage, der den Weg des Friedens wüßte; keiner, der Furcht Gottes vor Augen habe. Rom. 3, io - 18. S. 26. Aber sollte denn ich, der ich nicht gemordet, gestohlen, und keines der Laster mich schuldig gemacht, womit sich andere beflecken, sollte ich gleiches Verderbens, gleicher Verwerflichkeit vor Gott mit ihnen seyn? ,, Habe ich auch alle dergleichen Sünden nicht verhübet; wäre meiu Leben auch frei, von allen solchen „schwarzen Ausbrüchen der Hölle; so danke ichs nur „deiner Gnade und Kraft, mein Herr und Heiland, „daß Du mich dafür bewahret hast! Mein Herz war 62. I. Cap. Ueber den natürlichen „ stet? fähig, und mein Wille wohl bereit, der ärgste „Bösewicht zu werden, wenn Dn mich nicht gehindert „-und mir Riegel und Zaum und Gebiß vorgelegt hät- „test, Ps. 32, y. Im Kerzen gab ich das alles ver- „übet, was je Menschen, Galgen und Rad zu Wege „gebracht hat. Wollte ich mir damit vor dir einen „Vorzug anmaßen, so würde ich in dieser meiner ver- „ meinten Gerechtigkeit, nur desto verwerflicher vor dir ,,seyn, o Du Heiliger, vor dem wir allesamt wie die „Unreinen geachtet sind, und vor dem alle unsere Gerechtigkeit — auch die beßte, wie ein beflecktes und „unflätiges Kleid ist. Fes. 64, 6. Ep. Fud. 2z. Vor „Dir, »Heiliger! ist kein Lebendiger gerecht! Ps. 143,2. „Was ist ein Mensch, daß er sollte rein seyn — und „daß er sollte gerecht seyn, der vom Weibe geboren „ist? selbst unter deinen 5?eiligen ist keiner ohne „Ntdcl, und sogar die .Himmel sind nicht rein vor Dir! „ wie viel mehr ein Mensch, der ein Greuel und Schnöde „ist, der Unrecht säuft, wie Wasser! Hiob 15, 14.15. 16. Hiob 4,18. S. 27. Soll es denn aber keinen Vortheil, keinen Gewinn haben, mich weniger der Sünde dahin gegeben zu haben, ihr Gehorsam zu leisten, in ihren Lüsten? Antwort: Vor der Begnadigung, die allein um der verdienstlichen Gerechtigkeit Jesu Christi willen, dem Sünder widerfährt, hilft ihm das alles Nichts; eS macht einen Menschen vor dem andern, auch nicht um ein Haar breit besser, annehmungSwürdiger, würdiger und gerechter; Aber nach der wahren Bekehrung, so bald ich Buße und Vergebung meiner Sünden von Gott durch Jesum erlangt habe; Act. 5,31. und durch den Glauben an seinen Nahmen vor Gott gerecht worden bin, dann bringt es mir Vortheil, jeweiliger ich Zustand des Menschen. 6Z im. m,bekehrten Zustande, mich mit dem groben Un- flatb der Sünde befleckt, mein Herz an das Böse gewöhnt und es in der Lasterliebe grübet, und je weniger ich der Seele eine Fertigkeit verschafft habe, denen Aufforderungen des Fleisches und Blutes zur Sünde, Gehorsam zu leisten. Es ist Vortheil in der Beförderung auf dem Wege der Heiligung unseres Herzens, Sinnes, Lebens und Wandels, und verspüret uns viele Versäumnis, Roth und Züchtigung, die auch begnadigte Kinder Gottes erfahren müssen, wodurch sie von ihrem Vater geübt werden , daß sie seine Heiligung erlangen. Ebr. 12,10. §. 28. „Also bleibts dabei: Du, o Herr, unser Gott, bist „allein gerecht, Syr. 18, 2. ich aber, und wir alle „ohne Unterschied sind gottlos! 2 Mos. y, 27. — „Du allein bist heilig, Offenbahr.iz, g. wir allzumal „sind Sünder, Röm. Z, 2Z. wir alle sind von Natur „gleich Abtrünnige und Ungehorsame, Dan. y, y. nicht „tüchtig von uns selber etwas Gutes nur zu denken, „viel weniger zu wollen und zu thun, 2 Cor. z,z. son- ,.dern Du allein mußt in uns, beide das Wollen und „Vollbringen, zu deinem Wohlgefallen würken. Phil. „2, iz. Wir alle verfehlen ohne deine Leitung, des „rechten Weges und wandeln wüste Umwege! Weis- „heit z, 6. 7. Wir alle stehen von Natur in einem „Bunde mit dem Tode, und Verständnis mit der Hölle. „Esaia 28, iz. Wir gehen alle in der Irre, wie „Schaafe. Es. zz, 6. und tappen herum wie die Blin- „den. Es. zy, lo. die kaum treffen, was auf Erden „ist, vielweniger Dich und Deinen Rath, das Himmlische „und Göttliche erforschen können; Weish. y, 16. Wir „alle sind Unweise und Uugerechtsamc, Tit. Z, z. Wir „alle sind Thoren, die darum des rechten Wegs ver- 64 I.Cap. Ueber den natürlichen „fehlen, weil wir widerspenstigen und trägen Herzens „sind, Deinem Wort zu glauben, Luc. 24, 25. §. 2y. Der Unglaube ist unser natürliches Hanptlasier, die Wurzel alles unserS Verderbens, Finsternis und Elends, und wir sind darum ungläubig, weil wir keine Liebe zu Gott, keine Sehnsucht und Verlangen nach ihm, in unscrm Herzen habe»: denn wo Liebe ist, da ist auch Vertrauen, und diese beide verbunden, sind das Wesen des Glaubens. Ist nun der Unglaube die Wurzel und der Grund unseres gesummten Elends, so ist der Glaube an Gott nun auch der einige Weg zn unserer Errettung und Begnadigung vor Gott, um Jesu willen: denn ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zn gefallen, und zu Gott zu kommen, Ebr. r 1, 6. von dem wir durch die Sünde so weit entfernt sind. Aber wir sind nicht allein ungläubig an Gott, sondern auch u n fäll ig, aus eigner Kruft, an Gott gläubig zu werden. Mitbin sind wir schlechtllin ohne Rettung unglücklich und verlohren, wenn wir nicht Je sinn Christum, als unfern Heiland und Erretter annehmen, als wozu ihn Gott uns geschenkt hat. An diesen nun müssen wir gläubig werden! weil in keinem andern Heil, und auch kein anderer Nähme dem Menschen gegeben ist, darum er scelig werden kann, als allein im Nahmen Jesu. Act. 4,12. Dieser Glaube aber in dem Nahmen Jesu, ist nicht ein Werk unserer eignen Kraft; sondern eS ist, wie der Heiland selbst sagt, Gottes Werk, daß wir glauben an den, den er gesendet hat, Joh. 6, 29. welches Werk er durch seinen heiligen G'dist in uns anfangen, fortsetzen und vollenden muß. Welche sich nun also von dem Geiste Gottes und Jesu Christi, ziehen und treiben lassen, und seinem Werke, in sich Raum geben, die allein werden und sind Gottes Kinder, und gelangen durch den Geist, zur Tbdtung Zustand des Menschen» 65 Tödtung der Geschäfte des Fleisches und der Sünde; die ihm aber widerstreben, nach dem Sinn des Fleisches fortleben, und dem Geiste dieser Welt folgen, der sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens, die werden sterben müssen. Rbm. 8, 13 .14. Z. 30. Wenn wir auch nach unserer Vernunft genothigt find, einen Gott zu glauben, der allmachtig, allweise, allgütig, heilig und gerecht ist, so macht uns doch dieser Nothg lande, nicht vor Gott gerecht und seelig, weil er ohne Wesen, Kraft und Bestand ist. Matth. 7, 26. 27. Er laßt Gott in seiner 5? eilig keit :c. und den Sünder in seinem Elend, seiner V e rwerf- lichkeit stehen. Diesen Glanben baben auch die größten Bosewichter, ja selbst die Teufel, Jac. 2, y. Der Unglaube, der die Wurzel alles Verderbens und Elends ist, besteht darinn, daß wir Icsum Christum verwerfen, und ihn nicht, als unsere Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung zu unserer Errettung und Begnadigung suchen und annehmen mögen. Gewis, wenn wir unser Herz recht aufrichtig vor Gott untersuchen, wie dessen Sinn und Beschaffenheit vor unserer Bekehrung war, so werden wir finden und es gestehen müssen, daß, wie Paulus von den Juden und Griechen sagt, auch unseren Herzen der gekreutzigte Christus ein Aer- gernis und eine Thorheit ist, i Cor. 1, 23. daß wir uuS sein, seiner Lehre und seines Nahmens schämen, Matth. 8, Z8. und kurz, daß wir von Natur, wahre Feindschaft und 5?aß gegen Jesum in unserm Herzen haben! „ O! und das beugt meine Seele so sehr tief, ö Jesu, „daß ich Dich so lange, wenn auch nicht vorsetzlich gelastet, doch nicht begehrt, und mich Deiner und deines „Nahmcns geschamet Habel Doch dieser Schandflecken „meiner Seele ist mit deinem Blute abgethan und zm E 66 I. Cap. Uebcr den natürlichen „gedeckt, und wenn ich in Beschämung daran gedenke, „so laß eS mir nur um so mehr zur Stärkung meines „Glaubens an deine unendlich große Erbarmung geiz reichen, und zur freudigen dankbaren Erhebung meiner „Seele und meines Geistes, daß ich nun daraus mit „Paulo in aller GlaubcnSzuversicht, den Schluß mache: „So wir nun durch dein Blut gerecht worden, und „mit Gott versöhnet worden sind durch deinen Tod, da „ w ir no ch Feinde w a ren; Vielmehr werden wir „seelig werden durch dein Leben, so wir nun versöhnet „sind! Rdm. 5, y. 10. §. Zt. Das Elend, die eigne Hülslossizkeit in unserer Blindheit; die unzählige Verlegenheit und Noth, die wir innerlich und äußerlich erfahren; — dis alles sollte uns nun zu Jesu hintrciben, und unS nach seiner Erbarmung und Hülfe begierig macheu. Aber, thut es der Mensch? O, welche Boßheit und Verstocktheit unsers HerzenS! Wie wahr sagt Jeremias: du schlägst sie, aber sie füh- lens nicht: du plagest sie, aber sie bessern sich nicht. Sie haben ein härter Angesicht, denn ein Fels, und wollen sich nicht bekehren. Jerem. z, z. und waS Gott zum Hesekiel sagte: Die Kinder, zu welchen ich dich sende — dis abtrünnige Volk, die sich wider mich thun — haben harte und verstockte Herze», Hes. 2,3.4. ihr Nacken ist eine eiserne Ader, und ihre Stirne ist ehern. Jes. 48, 4. Gcwis, die Tiefe unsers Elends und Verderbens und die Boßheit unsers Herzens, ist unserm natürlichen Sinn unbegreiflich; weil unsere Blindheit, Finsternis und Verblendung, worum uns der Geist der Welt und die Sünde gefangen halt, zu groß ist. „Nur deine Gnade, dein Erbarmen, 0 Jesu, „kann unsere Augen aufthun, daß wir zur Erkenntnis „unsers riefe» Verderbens kommen, und nach Dir, „unserm Erretter schreven! Zustand des Menschen. 67 S. 32. Wenn ich mir nun das ganze menschliche Geschlecht vorstelle, als eine vermischte Gesellschaft von Blinden, Kranken, Lahmen, von Bösewichten,, und des Verstandes beraubten; so wundert es mich auch nicht mehr, wenn ihnen die Verbindung mit der Welt, ihr Genuß und das ganze Wesen der Welt mit aller ihrer Lust, Gewinn und Freude, überall zum Stein des An- siosseS und tiefern Falls, zur Vermehrung ihrer Krankheit, zum Hindernisse auf dem Wege zur Errettung wird, da der „„bekehrte Mensch sie nur nach dem Sinn seines verdorbenen und der Gnade GorreS widerstrebenden Herzens, nicht aber nach der Absicht Gottes braucht, wo sie ihm in seinem Elende noch zur Verminderung seines traurigen Auslandes, und zu Mitteln seiner Errettung dienen sollte; Wenn nun die Philosophen mühsam beweisen wollen, daß diese Welt die beste sey, so finde ich die Beweise dieses Satzes alle unzulänglich und falsch, und nur ans dem einen GestchtS- puncte bejahe ich, daß diese Welt die beste ist: weil sie nach ihrer physischen und politischen Verfassung, nach den Bedürfnissen einer so jämmerlichen Gesellschaft genau eingerichtet ist, als ein Hospital für Kranke, als ein Zuchthans für Ungehorsame, als ein Arbeitshaus für Müssiggä..ger im Werk ihres ewigen Heils; und als eine Uebungsschule für die verlahmten Kräfte der Seele, womit wir das ewige Leben ergreifen sollen, als einen Ort der Reinigung, Läuterung und Bewährung Dan. 12, 10. derer, die sich erretten lassen. AuS diesem GestchtSpuncre betrachtet, findet das begnadigte Kind Gottes, die Natur und die Welt, bej aller ihrer Uuvollkvmmenheit, Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit, doch so, daß alles, was Gott gemacht hat, und wie er alles für die Menschen eingerichtet hat, noch jetzt sehr gut ist. i Mos. i, zi. — so gut, E 2 6Z I.Cap. Ueber den natürlichen als es nach unserer Beschaffenheit nur scyn kann, und daß Gott immer gerecht und heilig ist und bleibt in allen seinen Werken, Veranstaltungen und Wegen mit den Menschen, so sehr ihn auch der Sünder zu seinem Verderben verkennt, und die Güte und Erbarmung nicht achtet, mit welcher er ihn durch eben dasjenige zu sich zu ziehen sucht, woraus das bose und verblendete menschliche Herz, immer tiefres Verderben und Schaden zu ziehen sich bestrebet, und anstatt Gott naher zu kommen, ihn zu suchen und zu finden, sich nur immer mehr von ihm entfernt. O Mensch! willst du so in deinem Hcidenthume, in deinem Elend — in der weiten Entfernung von Gott beharren, und nicht die Aufforderungen beherzigen, dis zu deinem Heil, dir gemacht werden? Zweytes Capitel. Uebev den Ruf U»d die Veranstaltungen Gottes zum H 5 i l ' d ( r Menschen. §. I. 5aß uns, v anner, mir Ketten der Finsternis und de? Verderbens gebundener Mensch! daS Ohr und den Blick von allen denen rraurjgcn Zeugnissen des riefen Elends wegwenden, m welchen wir uns so ganz ohne Rettung sehen, wenn wir uns selbst, oder ein Mensch den andern erretten sollte; da eö doch unmbglich ist, daß ein Bruder den andern erlosen, noch Gott jemand versöhnen kann, weil es zu viel kostet unsere Seele zu erlosen, daß wirs müßten ewiglich anstehen lassen: Pf. 49,8- 9. Die Hülfe und der Helfer ist nahe, es kommt zu unserer Errettung nur darauf an, daß wir unfern Ucbel- stand erkennen, und errettet werden wollen. S» . 2. So entfernt wir in unserm bcidnischen Sinn und Leben von Gott sind; so entfernt der steinige und ode Ort unsers Aufenthalts, bis unser Arabien von Jerusalem ist, wo vor dem, mit Gerechtigkeit und Gnade regierenden Konig, Freude die Falle, und zu seiner Rechten liebliches Wesen, immerund ewiglich ist, Ps. ist, il. so haben wir doch auch das Gerücht von ihm vernommen — das Gerücht vom Nahmen des Herrn, durch den wir errettet und seelig gemacht werden: Actvr. 4,12. wenn wir daran glauben, und unS freudig entschlüßen> alles zu verlassen, und zu ilnn hinzureisen, wie es die Kbnigin von Arabien that, welche durch die gesuchte und erlangte Erfahrung der Weisheit und Herrlichkeit Salvmons, aus einer Heidin, eine Anbeterin dcS wahren, lebendigen Gottes wurde. E 4 72 II. Cap. Ueber den Ruf und die §. z. Dieser unser himmlischer und gottlicher Salome heißt Jesus Christus, Gott, hochgelobet in Ewigkeit! Rom. y, 5. dessen Königreich unvergänglich ist: Dan, 6, 26. und dessen Reich und Herrschaft ewig wahret, Dan. z, zz. Komm, laß uns das gbttliche Gerücht von Ihm, hören, und mit gläubigem Herzen annehmen! Laß nnS die Zeugnisse untersuchen, die uns in dem großen Briefe an die Menschen — in der heiligen Schrift, durch die Propheten und Apostel, durch Augen- und Ohrenzeugen aufgezeichnet worden sind; laß uns sehen, ob diese Zeugnisse von feiner Macht, Kraft, Wesen und Gesinnung von der Art sind, daß der gefallene Mensch daraus die Zuversicht schöpfen darf, daß ihm geholfen werden kann, und daß ihm Gott helfen will. S. 4» Derjenige, der uns zur.Hülfe und Errettung von Gott unscrm ewigen Vater angeboten wird, ist nach den Zeugnissen des göttlichen Wortes, nach seinem Wesen, selbst der wahrhaftige Gott und das ewige Leben 1 Joh. 5, 20. in welchem die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohner, Col. 2,9. der Schopfer aller Dinge, durch den alles geschaffen, was im .Himmel und auf Erden ist, Col. 1, 16. und in dem —und zu dem alles ist, webt und lebt,, was pur Seyn und Wesen hat, 1 Cor. 8, 6, Act. 17, 18. Sir. 4z, 28. Offenb. 4,11, 5' Als der ewige Sohn Gottes, gleiches göttlichen Wesens mit seinem ewigen Vater, heißt er auch im Stande seiner Niedrigkeit auf Erden, Gott Mensch, weil Gott in Christo war, 2 Cor. 5, iy. wegen der unzertrennlichen Vereinigung der göttlichen mit der ange- Veranstaltungen Gottes zum Heil d. M. 75 nommcnen menschlichen Natur, der wahre Gott, der Eins mit seinem Vater ist, Joh. 10, zo. so, daß wer ihn sieht, bat, und an ihn glaubt, der sieht, hat, und glaubt an den Vater. Joh. 1,2,4. 5- ist, Daher eS auch von ihm heißt: Wer den Sohn Gottes hat, der hat das ewige Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht, 1 Joh. z, 12. wer ihn leugnet, der hat auch den Vater nicht, 1 Job. 2, 2z. wer ihn nicht ehret, der ehret auch den Vater nicht, Joh. 5, 2Z. Wer aber an ihn glaubet, der hat Gott und das Leben, Joh. 6, 47. und ist vor Gott gerecht, Act. iz, Zy. §. 6. O wie viel mehr ist dieser unser Heiland, als Salome ! Er ist Gott, und heißt Wnnderbahr, Rath, Kraft, Held, Ewig Vater, Friede Fürst! Jes. y, 6. und alle diese Benennungen und noch unbeschreiblich mehr, find in seinem heiligen Nahmen Jesus vereinigt: in dem Nahmen, der über alle — und der Inbegriff aller göttlichen Nabmen ist, in welchem sich die Knie aller derer beugen sollen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erden sind :c. Phil. 2, y. 10. Jesus —- das ist die ausgeschüttete Salbe, Hohel. 1, z. aus der unermeßlichen Fülle der Vollkommenheiten und Seelig-- keiten Gottes, welche die zcrbrochnen Herzen heilet, alles bittere süße, alles schwere leicht macht. Jesus — heißt Heiland und Secligmacher, nach der Uebersetzung deS Engels: Matth. ,1, 21. das ist der Nähme, in welchem dem Menschen alles Heil, und alle Seeligkeit gegeben ist, Act. 4, 12. 1 Tim. 1, iz. und in dessen Kraft nicht nur Gnade und Vergebung der Sünden, Act. 10,4z. zu erlangen ist, sondern in welchem der Mensch auch alles bei Gott vermag, und von ihm erlangen kann: Joh. 14, iz. 14. 74 II. Cap. Ueber den Ruf und die s. 7. So wie nun in Jesu, die ganze Fülle Gottes wohnt, Col. i, 19. C. 2, 9. so liegen in ihm alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen, Col. 2, Z. Er ist die unergründliche Tiefe des Reichthums, beide der Weisheit und der Erkenntnis Gottes, Rbm. ii, 33. und aller göttlichen Kraft. 1 Cor. 1, 24. Er ist die lebendige Quelle alles Guten, Trostes, Hülfe, Heils und Seegens, und alles Lichts, Pf. 36, 19. ans der wir Gnade um Gnade nehmen, Joh. 1, 16. und ans welcher auch der ganzen Natur, Leben, Wohlseyn, Fruchtbarkeit, Kraft und Seegen zufleußt. Pf. 6 z, 10 -14. §. 8. Nicht wahr? hier ist mehr denn Salomo? Nun w er wollte bei der gläubigen Annahme dieser Zeugnisse von Jesu, an seiner Macht nnd Kraft zweifeln, um all unserm leiblichen und geistlichen, äußerlichen und innerlichen Elend und Verderben abzuhelfen! Wir haben an ihm einen allmächtigen und allwcjsen Gott, zum Heiland und Erretter, Rom. 16, 27. der alles in allem würkt, i Cor. 12, 6. der die Welt gemacht hat, und alles was drinnen ist, Act. 17, 24. der die Todten lebendig macht, und dem rufet, was Nichts ist. Rom. 4, 17. auf dessen Willen, wenn er spricht, alles geschieht, und wenn er gebeut, alles da steht. Pf. 33,9. Er ist groß von Rath, und mächtig von That. Jerem. 32, ?8. Er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort. Ebr. 1, 3. Er vermag alles, und nichts ist ihm verborgen Hiob 42, 2. und kann überschwenglich thun über alles, was wir bitten, verstehen und begreif-- fen. Eph. 3,10. §. y. Kann uns also Gott in Jesu Christo, alle Hülfe »gewahren, die wir nothig haben; so kommt es nun Veranstaltungen Gottes zum Heil d. M. 75 darauf an, ob wir das von Herzen glauben, daß er uns auch helfen will, so wie er die Macht und Kraft hat, uns zu helfen? — Und hier — o mein Herz, lies, hdre und glaube, und freue Dich Gottes Deines Heilandes, erhebe meine Seele den Herrn, Luc. i, 46, höre das gottliche Gerücht — die Aufforderungen an Dich und die Zeugnisse von seiner Liebe, Gnade und Barmherzigkeit: Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebohrncn Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verlohren werden, sondern das ewige Leben haben, Job. Z, 16. Gott will, daß allen Menschen geholfen werde, und daß sie alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Ich will nicht den Tod des Sünders, noch daß jemand verlohren werde, 2 Petr. z, y. sondern ich will, daß er lebe, und will gnadig seyn ihrer Untugend, und ihren Sünden, Ebr. 8, 12. und derselben nimmermehr gedenken, Jcr. Zi, 14. Ich will sie bauen und nicht abbrechen, Ier. 24, 6. auS der Holle erlösen und vom Tode erretten, Hosi iz, 14. sie heilen und gesundmachen. Jer. Zz, 6. Z. 10. Wie gnadig sind diese und unzahlig andere Versicherungen Gottes, daß er uns helfen und gnädig seyn will, wenn wir nur die Hülfe annehmen wollen, die er uns in seinem Sohne Jesu Christo, so liebevoll anbietet, den er darum für unS in Elend, Marter und Tod hingab, damit er würde die Versöhnung für unsere und der ganzen Welt Sünde, 1 Jvh. 2, 2. Rom. 4,2z. indem er ein Fluch für uns ward, Gal. Z, iz. damit er würde unsere Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, Rom. 1, 17. durch die Erlösung, so durch ihn geschehen ist, Rom. Z, 14. Dieser sein ewig geliebter Sohn trug unsere Krankheit, und lud auf sich unsere Schmerzen; zun unserer Mißcthat willen ward er verwundet, chm 76 II.Cap. Ueber den Ruf und die unserer Sünde willen zerschlagen; Unsere Straft lag ans ihm, auf daß wir Friede hätten, und durch seine Wunden gcheilet würden, Jef. zz, 4. z. Er brach den Zaun ab, der zwischen uns und Gott war; indem er durch sein Fleisch die Feindschaft wegnahm, Ephef. 2, 14. und Friede machte, durch das Blut au seinem Crcntz, durch sich selbst. Col. 1, 20. S> 11. Sehet, ruft der Apostel aus, sehet! welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget! 1 Joh. Z, 1. Nun aber auch unser lieber Heiland selbst, wie gnädig und liebreich hat er sich theils durch den Mund der Propheten und Apostel, chcilS selbst mündlich erklärt, wie einstimmend er in den Willen feines himmlischen Vaters sey — in den Willen zur Vollendung des großen Werks unserer Erlösung, Jvh. 6, z8. und unserer Heiligung. Joh. 17, iy. Meine Speise, sägte er, ist die, daß ich den Wille» des thue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollführe. Joh. 4, Z4. Und seine Aufforderungen und Versicherungen, die er den Menschen macht, um ihre .Herzen an sich zu ziehen, um sie für sich zu gewinnen, sie zu retten, und als Schäflein seiner Heerde, in seine Pflege und Leitung zu nehmen — wie voll Erbarmen, voll treuer Liebe sind sie! Wie zärtlich ist der Zuruf: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühseclig und beladen seyd, ich will euch erquicken: — und Ruhe der Seele svlt ihr bei mir finden, Matth, i i, 28. denn ich will die müden Seelen erquicken, und die bekümmerten Seelen sättigen. Jer. zi, 25. Ich will dem Durstigen geben vom Brunnen des lebendigen Wassers , Offenb. 21, 6. Ich will Dich unterweisen und Dir den Weg zeigen, den Du (zum Leben und Heil) wandeln sollst, und Dich mit meinen Augen leiten. Ps. Z i, 8. C. Z2, 8. Ich VeranMlungen Gottes zum Heil d. M. 77 will Dich nicht verlassen und versäumen. Ebr. iz, 5. Ich will euch ein neu 5?erz und einen neuen Geist geben, Ezech. 36, 26. 27. will euch heben, tragen und erretten, Esa. 46, 4. bis ins Alter tragen, bis ihr grau werdet, ebend. 4, y. will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, Esa. 66, z. und ob auch eine Mutter ihres Kindes vergessen könnte, so will ich doch Dein nicht vergessen, denn siehe, in meine Hände Hab ich Dich gezeichnet. Jesi 49, 15. 16. Ich will für euch väterlich, als für meine Sbhne und Tochter sorgem 1 B. Mos. zo, 21. 2 Cor. 6, 18. Ich will daS zerstoßene Rohr nicht zerbrechen — das glimmende Tocht nicht auslöschen, Jer. 42, Ich will die Blinden auf den Weg leiten, den sie nicht wissen, und auf den Steigen führen, die sie nicht kennen; ich will die Finsternis vor ihnen her zum Licht machen, und das Hbck'e- richte zur Ebene. Jes. 42, 16. Ich will vor Dir hergehen, und die Hdcker eben machen; ich will die ehernen Thüren zerschlagen, und die eisernen Riegel zerbrechen, Jes. 45, 2. Ich will mich meiner Heerde selbst annehmen, und meine Schaafe weiden; Ich will das Verlohrne wieder suchen; das Verirrte wieder bringen; das Verwundete verbinden; des' Schwachen warten; das Starke behüten, und aller pflegen, wie es recht ist. Hesel. 54, 11. 15. 16. Ich will die Lämmer in meine 'Arme sammle», und im Buscntragen. Jes. 40,11. Wenn eure Sünde gleich blutroth ist, soll sie doch schneeweiß werden:c. Jes. 1,18. denn ich tilge deine Misse- that und Uebcrtretung um meinetwillen, und gedenke aller deiner Sünden nicht. Jes. 45, 25. Ich will mich mit Dir verloben in Ewigkeit — vertrauen in Gerechtigkeit, Gericht, Gnade und Barmherzigkeit —- ja im Glauben will ich mich mit Dir verloben, und Du wirst den Herrn erkennen: Hos. 2, 1 y. 20. Es sollen wohl Berga weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll 73 41- Cap. Ueber den Ruf und die nicht von Dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr Dein Erbarmer: Jes. 54, 10. Z. 52. Diö sind die allgemeinen Erklärungen Gottes und nnserö Heilandes Jesu Ehrisii gegen das tief gefallene menschliche Geschlecht, die er ihnen durch die Predigt des Evangelii bekannt machen, und sie zum Glauben an seinen Sohn Jesum Christum, und an sein blutiges, verdienstliches, gemigthuendes und rechtfertigendes Ver- sohnungS-Opfer am Crcutz, auffvrdern laßt. Der Inn- Halt der ganzen heiligen Schrift und der Predigt deS Evangelii zeigt auf Jesum hin, den Gott den Menschen gegeben hat, zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung, und zur Erlösung, i Cor. i, 20. Alles weiset auf Jesum und ruft der Welt mit einladender Stimme zu: Siehe daS ist Gvrces Lamm, welches der Welt Sünden trägt! Job. i, 29. Dieser ist des Gesetzes Ende; wer an ihn gläubt, der wird gerecht! Rom. 10, -4. Dieser ist der Mittler zwischen Gott und dem Menschen! l Tim. 2, 5. welcher seelig machen kann, alle, die durch ihn zu Gott kommen, Ebr. 7, 2 z. Er ist gekommen, zu suchen und scelig zu machen, was vcrloh- ren ist. Lue. 19, 10. Kommt lasset euch versöhnen mit Gott. 2 Cor. 5, 20. Lasset unS hinzutreten Mit Freudigkeit zum Gnaden-Stuhle, auf daß wir Barmherzig- keir empfangen und Gnade finden! Ebr. 4, 1 ü. Gehet hinaus zu ihm, außer dem Lager! Ebr. iz, ig. Zerreißet die Bande der Sünde, und werfet von euch die Seile der Welt; Ps. 2, z. leget ab die Werke der Finsternis, Rdm. iz, 12, denn, siehe! Dein König kommt zu Dir, ein Gerechter und ein Helfer! Zach. 9, 9. der keinen von sich weisen will, der zu ihm kömmt. M). ü, Z7. Veranstaltungen Gottes zum Heil d. M. 79 S- iz. So nun hat Gott, seinen Sohn Jesnm, der Welt vorgestellct zu einem Gnaden-Stuhl, durch den Glauben in seinem Blut, damit er die Gerechtigkeit, die vor ibm gilt, darbiete, in dem, daß er Sunde vergiebt, Rom. z, 25. Und wie viele nun zu Jesu kommen, und ihn annehmen, denen giebt er Macht und Kraft, Gottes Kinder zu werden durch den Glauben an seinen Nahmen, Job. i, t2. sie erfahren denn auch, daß Gott, der seines eingebolmien SobneS nicht verschont, sondern ihn für unS alle dahin gegeben hat, uuS in ihm nun alles übrige schenkt, Rbm. 8, Z2. waS uns ruhig, glücklich und seelig. machen, und uns erfüllen kann mit allerlei Gottes-Fülle, über alles, was wir bitten und verstehen, nach der Kraft, die in uns würket. §. lst- „ Gewis, Du erbarmender Gott! Liebhaber unseres „Lebens; Du lastest cS an Rufen nicht fehlen. Du „hast alles vorbereitet, und wir alle, Krüppel, Lahme „und Blinde, die wir nackend, bloS, arm und elend, „ an der breiten Landstraße des Verderbens hülfloS lie- „gen, sind zu Dir eingeladen. Luc. ig, 20. Das hoch- „zeitliche Kleid ist uns in der Gerechtigkeit Deines Soh- „nes angeboten, ohne welches wir vor Deinem heiligen „Angesicht nicht erscheinen können — diS weiße Kleid, „das alle unsere Bloße und Schande bedeckt, Offenb. „16, 15. Die Augensalbe reichst Du nnS für unsere „blbden Augen dar, welche am Wege des Verderbens, „der Staub der Eitelkeit und Sünde, so sehr verdor- „ben und verfinstert hat. Offenb. Z, 17. 18. Das „Mahl ist bereitet, daS Lamm ist geschlachtet und cr- „ würget! Ja Du, o Jcsn! hast unS Gott erkauft, mir „Deinem Blut aus allerlei Geschlecht und Zungen und „Völkern und Heyden, wofür Du würdig bist, zn neh- I!. Cap. Üeber den Ruf und die 30 „nien Kraft, Reichthum, Weisheit, Stärke, Ehre) j,Preiß und Lob. Offenb. 5, y. 12. Du bist für m?S geschlachtet! — Nun können alle Arme, Hungrige und Durstige, Sättigung, Erguickung und Fülle bei Dir finden: denn Dein Fleisch ist die rechte Speise, und Dein Blut der rechte Trank, J0I1. 6, 55. wodurch wir Kraft, Starke und das gottliche Leben überkommen, Job. 6, ZZ. wodurch wir gereinigt, geheiligt und gerecht gemacht werden. Joh. 1,7. Ebr. iz, 12. Offenb. 7,145 O! daß doch keiner zurückblicbe! daß wir doch alle den Ruf Deiner Gnade annehmen mochten! daß wir uns die Nichtigkeiten deS Irdischen nicht abhalten ließen, Luc. 14, 20. Deinem Rufe zu folgen! O, daß wir eilen mochten, unsre Seele zn erretten, daß wir unsere Herzen Dir aufthun mochten, heut, so wir Deine Stimme hören, Ps. yz, 8. damit Du, ewiger Erbarmer! nicht auch über uns klagen darfst, wie Du ehemals klagtest: ich kecke meine Hand ans, den ganzen Tag, zu einem ungehorsamen Volke, das seinen Gedanken nachwandclt, auf einem Wege, der nicht gut ist, Jes. 6z, 2. Ich recke meine Hand aus, und niemand achtet darauf: Sprw. 1, 24. Ich lasse euch predigen und ihr wollet nicht hören! ich rufe euch, und ihr wollet nicht antworten: Jer. 17, ig. Laßt uns vom Haufen derer ausgehen, welche Deine gottliche Gnade anf Muthwillen ziehen, Ind. 4. denn so wir mnthwillig sündigen, haben wir forder kein Opfer mehr für die Sünde: Ebr. 10, z6. Stelle uns zum Häuflein derer, die da glauben und beharren bis ans Ende, und ihre Seele erretten. Ebr. 10, zo. S. iZ. Außer dem allgemeinen Rufe Gottes, an die Menschen, und denen Gnadenmitteln durch das Wort und die.Sacramente läßt er es aber auch an den besondern Aufforderungen eines jeden Menschen nicht fehlen. Veranstaltungen Gottes zum Heil d. M. 81 fehlen, um ihn vom Wege des Verdeibens ab, und auf den Pfad des Lebens zu ziebcn. Unglaublich bleibt es, auch unbeschreiblich, welche Mühe der liebe Heiland steh mit uns seinen abtrünnigen Kindern giebt, ehe er unS nur einigermaßen gewinnt, und ans dem größten Schlamm der Sünde herausziehen kann! O gewiß, seine unermeßliche Langmnth und Geduld müssen wir allein für unsere Sceligkeit achten, 2 Pet. z, 15. wenn wir erwcgen, wie lange und schnöde wir den Reichthnm seiner Güte und Geduld und Lang- nuith, verachtet haben. Rom. 2, 4. H. t6. Dis macht Mir den treuen Jesnm immer liebenswürdiger, je unbegreiflicher es mir taglich wird, daß er daraus so ganz sein angelegentlichstes Geschäft macht, dem Sünder, auch auf den ärgsten Lasterwegen so lange nachzugehen, bis er gerettet ist. §> l?. Sollte man nicht denken, er könne sich weit seeliger beschäftigen, als sich mit widerstrebenden Sündern so viel und lange zu plagen, die ihm für alle Mühe und Treue nichts als alles nur erdenkliche Herzeleid machen! Aber eben das heißt: göttlich lieben, und geht über unsern Begriff, weil wir solcher Liebe nie fähig sind. l8. >, O! Mein Muß Dich lieben, Herzens Jesu! so bald „Du einem die Gnade erwiesen, daß Man aus der „eignen Erfahrung zur Erkenntnis Deiner großen Erwärmung gekommen ist! Du bist wahrlich nur allein „der gute tzirte, weil Du auch sogar Dein theureS, „heiliges Leben für Deine verirretc Schaafe gelassen „hast. Joh. 10, is. Dafür bist Du den Deine» be- F 82 II. Cap. Ueber den Ruf und die „kannt, V. 14 die nun zu Die, dem Hilten, und Bi- „schof unserer Seelen bekehret sind, iPet. 2, 2 5. Aber „auch jetzt noch, seitdem Dich Dein göttlicher Vater „von den Todten ansgeführet hat, Ebr. 13,20. seitdem „Du erhöhet bist zu einem Fürsten und Heilande, zu „geben Deinem Volke Busse und Vergebung der Sün- „den, Act. z, Zt. seitdem Du in die Höhe gefahren „bist, das Gefängnis gefangen hast, und Gaben für „die Menschen, auch für oic Abtrünnigen, empfangen „hast, Ps. t>8, ty. — Auch seitdem setzest Du noch „mit aller Treue Dein Hirtenawt, in der Rettung, „Pflege, und Leitung, der Dir von Deinem Vater „übergebenen Heerde fort, Joh. 9, 12. Scclig ist die „Seele, die sich von Dir hat finden lassen! die Dei- „ncr rufenden süßen Stimme folget, und sich Denier „Leitung hingab! die es nun sieht und schmeckt, wie „freundlich Du bist, Ps. 34, 9. und wie mitDeincrPflege und Wartung und zärtlichen Vorsorge, keine Vatcr- „nnd Mutter-Treue, für ihr schwaches säugendes Kind, „ zu vergleichen ist. §- 19. Der liebe Heiland weiß alle Umstände im Leben der Menschen zu benutzen, um sie am Ende doch auf den rechten Weg zu bringen; Er geht so lange dem verirrctcn Schaafe nach; bis daß crS findet Luc. 15,5. und er findet eS gemeiniglich da, wo es selbst nicht mehr fortkann; wo der Mensch recht tief in den Koth der Sünde hineingelaufen ist; wo ihn sein Irrweg in Labyrinthe hineinführt, die ihn keinen Ausweg mehr sehen lassen; — wo er sich selbst nicht mebr zu rächen weiß, wo er es unter mancherlei drückenden Trübsalen und traurigen Erfahrungen, durch Krankheit, Verlust und Trübsale erkennen lernt, und erfahren muß, was für Jammer und Herzeleid es bringt, den Hertn seinen Veranstaltungen Gottes zum Heil d. M. 8Z Gott verlassen, Jer. 2, y. und einem andern, als Jesu Nacheilen: Ps. 16, 4. und daß auf dem Wege der Sünde, eitel Unfall und Betrübnis ist. Rom. Z, 16. K. 20. Da last denn der liebe Heiland den widerstrebenden Sünder, der im Taumel der Welt-Liebe und Freude, und aus Leichtsinn auf feine rufende Stimme nicht ach-"' ket, oft die traurigen Folgen feiner Abweichung erfahren, damit er feine Seele herumhohle auS dem Verderben , Hiob zz, zo. und sein Leben vom Verderben erlöse: Ps. ioz, 4. —- „Anbetungswürdiger Jesu! „wenw wir alle, die wir dereinst, als von. Dir und »»Deiner Gnade Errettete, vor Deinem Throne stehen, „ und unS einander erzählen werden, wie Du es mit „einem jeden von u»S angefangen hast, daß wir auf „den Weg des Lebens gekommen sind, welch eine un- „ endliche Aufforderung wird dis zur Verherrlichung Dei- „ »es großen Jesus Nahmcns gewähren! — Welch „eine beseeligende Erkenntnis, von der Unbcgreistiehkeit „Deiner Gerichte, von der Unerforschlichkcit Deiner „Wege, und von dem Reichthum Deiner tiefen WciS- „hcit, womit Du viele tausend vcrirrcte Schäflein zu „finden und zu erretten wußtest! Rom. ri, zz. Dann „erst im Licht Deines Angesichts, werden uns die „Schuppen von den Angen fallen, die uns hienicden „Deine Wege mit den Menschen zn ihrem Heil, nicht gnug- ,, sam, oft gar nicht erkennen lassen! Guter, treuer Hey- „land! Du bleibst nun zwar in der Welt verkannt von „dem Sünder! Jetzt, wie ehemals, da Du sichtbarlich „ auf Erden wärest! Joh. 1,11. Und auch wir, Deine „Erretteten — ach! waS können wir viel von Deinen „Wegen verstehen nnd sagen, als daß wir in Demuth „beschämt niederfallen, und bekenne» tnüssen: daß sie „alle eitel Güte und Wahrheit sind: Ps. 25,10. daß F - 84 II. Cap. Ueber den Ruf und die „sie alle zu unscnn Heil führen, und daß Du stets „Gedanken des Friedens und nicht des Leides über uns „hast: Icrem. 2y, 11. ach! und wenn Du uns auch „die Züchtigung zu unserer Heiligung Ebr. 12, io. erfahren lassest, oder wenn wir zuweilen im flüstern „Thale wandern müssen, wo uns kein Licht Deine „Wege sehen last, Pf. 23,4. daß Du doch nicht cwig- ,;lich verstoßt, —- wenn Du auch betrübest; daß Du „Dich wieder erbarmst nach Deiner großen Güte, und „daß Du nicht von Herzen die Menschen plagest und „betrübest: Klage!. Icrem. Z, Zi - ZZ» K. 21. Wie viel würde eS zur Verherrlichung des Nah- menS Jesu und zu seiner seeligmachendcu Erkenntnis beytragen, wenn wir mehr schriftliche Sammlungen von wahren; ich wiederhole es, von w a hrenBeke h r u n g S- Gcschichten hatten! wenn man es sich mehr angelegen seyu ließe, von Kindern Gottes, denen Busse, Vergebung der Sünden und Gnade von Jesu widerfahren ist, ihre Erfahrungen zu sammlen, und die Art und Weise, wie sie zur Annahme des göttlichen Gnaden-Rufes gebracht, und zum Heiland hingezogen worden sind; welch ein weit secligcreS Geschäft würde das seyn: als alles verderbliche Roman-und Historien-Schreiben, womit so viele ihr Leben verträumen, und die Seelen ihrer Leser durch falsche Spannung auf nichtige und eitle Dinge, für alles Gottliche unfalng machen, und die Herzen in der natürlichen uusecligcn Gewohnheit bestärken, auf alles mir Begierde zu achten, nur nicht auf das Werk des heiligen Geistes und dessen Zug zum Heil der Seele. Doch Gottlob! daß es noch immer ein Haustein Kinder GotteS giebt, die auch in diesem Betracht die Beobachtung des Werkes Jesu zum Heil der Mensche», Veranstaltungen Gottes zum Heil d. M. 85 zu einem angelegentliche»'», Geschäft ihres Lebens „lachen, und zum Jeuguis derer, die errettet »verde» sollen, und zur Befestigung und Freude derer, die errettet sind, Scegen im Verborgenen stiften! Seyd immerhin unwerth und verachtet vor der Welt, ihr treuen Knechte deS Herrn! der Lohn eurer Arbeit wird nicht aussen bleiben! der Herr selbst ist euer Schild und sehr großer Lohn! i Mos. 15, 1. Weish. z, 16. bald kommt der Herr des Weinberges, und sein Lohn mir ihm, Offcnb. 22, 12. und Er, der in daö Verborgne stehet, wird cS euch vergelten bffentlich, Matth. 6, 4., »ras ihr zun» Heil eines der Geringsten gethan habt, die das mit Jesu Blut erkaufte Eigenthum Gottes sind. Matth. 25, 40. Eph. 1, 14. Tit. 2,14. S- 22. CS ist meinem 5?erzen dringend, bei dieser Gelegenheit euch alle, denen Barmherzigkeit widerfahren ist, und denen nur allein das Heil und die Errettung der Menschen, und das Interesse Jesu an» Herzen liegt» und liegen kann, zu der großen Pflicht von neuem zu ermuntern, unter den mancherlei Bitten, die »vir für unser eigenes Heil taglich vor den lieben Heiland bringen, auch dieser nicht zu vergessen, daß der treue Heiland, der.Herr der großen Erndte, doch immer mehr treue Arbeiter in seine Erndte sende, da die Erndte groß ist, und der treuen, redlichen Arbeiter so gar »venig sind! Matth, y, 37. Z8. Das ist eine von Jesu selbst aufgetragene Pflicht,' uns die wir bethen können, und die »vir die Verheis- sung der Erhorung haben, wenn unser Gcbcth ernstlich ist: Ps. 145, iy. Jac. 5,16. Laßtuns, lieben Brüder! mit David, dem Herrn oft mit Wehmuth klagen, und flehen: „Hilf, Herr! die Heiligen haben abgenommen, „und der Gläubigen ist »venig unter den Menschenkindern. „Ei»»er redet mit dem andern »»»»nütze Dinge, und 86 II. Cap. Ueber den Ruf und die „heucheln, und lehren aus unreinem Herzen? „Pf. 12, 2. Z. Siehe Herr! wie viel falsche Apostel „und trügliche Arbeiter sich zu Christus Aposteln ver- „ stellen, welches auch kein Wunder ist, da der Satan „selbst sich zum Eilgeldes LichtS verstellet! 2 Cor. ii, „ iz. ig. Siehe! daß jetzt die Zeit da ist, von der „Dein Knecht Paulus gcweissaget: es wird eine Zeit „seyn, wo die Menschen die heilsame Lehre nicht „leiden; sondern nach ihren eigenen Lüsten, „sich selbst Lehrer aufladen und suchen werden, nach „denen ihnen die Ohren jucken — wo sie ihre Ohren „und das Herz von der Wahrheit abwenden, und sich „zu den Fabeln kehren werden! 2 Tim. g, g. g. „Schaue doch, o Gott! und siehe an das Reich deines „Gesalbten! Ps. 8g, io. Schaue umher im Lande, „auf die, so von ganzem Herzen au Dir sind, 2 Chr. „ r 6, y. und die nach Dir fragen, Ps. i g, 2. daß Du „sie stärkest, und sie Dir erhaltest! Thue ab die Hielten, die die Heerde Deiner Weide umbringen, und „zerstreuen! Jcrem. 2Z, r. und befordere selbst die „Ausbreitung Deines Nahmens, und Deines gottlichen „Worts zum Heil aller Menschen, für welche Du, „o Jesu! Dein Leben hingegeben hast, auf daß alle „zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, i Tim. 2, g. „und die an Dich glauben, nicht verlvhren werden, „sondern das ewige Leben haben! Jvh. z, 16. §. 2Z. Au den besonder» Veranstaltungen Gottes, durch die er den Menschen zu sich zu ziehen sucht, gehören auch die Verbindungen, in die er uns oft, ohne unser Zuthun, mit diesem oder jenem Menschen in der Welt kommen last, desgleichen mancherlei andere äussere Znstande und Verfassungen, die Gott zu uuserm .Heil grade so und nicht anders geordnet, und deren er sich als Mittel zur Erreichung seines göttlichen Zwecks mit Veranstaltungen Gottes zum Heil d. M. 87 uns, bedienet. Mit einem Wort, wohin wir uns wenden, in welcher Lage wir immer seyn mögen, so können wir versichert seyn, daß der liebe Heiland unS nachgehet, und sich aller möglichen Mittel bedient, nm uns mit Liebe nnd Erbarmen zu sich zu ziehen. ES ist kein SündenhauS, kein durch Lasier geschändeter Ort, keine noch so bbse Gesellschaft u. s. w-, wo der Heiland nicht schon Seelen für sich geworben hatte, und eS isi auch hier anwendbar, was David voll Erstaunen über die unbegreifliche Allgcgcnwart und Vorsorge Gottes ausruft: Wo soll ich hingehen vor Deinem Geist? wohin fliehen vor Deinem Angesicht? führe ich gen Himmel, so bist Du da, bettete ich mir in die .Holle, so bist Du da; Nähme ich Flügel der Morgenrothe, und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch Deine Hand daselbst finden, und Deine Rechte mich halten; Ps. izy, 8. y. 10. §. 24. So groß nun das Erbarmen Jesu ist, so unennüdct sein Rufen und Locken, so unbeschreiblich die Mühe und Treue ist, mit welcher er sich ohne Aufhören, für das Heil der gefallenen Menschheit, und für die Errettung eines jeden Sünders insbesondere verwendet; — so trostvoll diese Wahrheit für jedes arme Schaflcin ist, welches sich so weit von Jesu verirret zu haben meint, daß ihm keine Hülfe und Rettung mehr übrig sei, so erquickend und ermunternd diese Betrachtung der Liebe Jesu unv seiner Geduld und Langmnth, für das Herz seiner begnadigten Kinoer isi, die bei aller Sehnsucht der Seele, ihrem Heilande in unverrückter Treue nachzufolgen und anzuhangen, aus Schwachheit und Gebrechen ihn dennoch so oft durch Abweichung und Untreue betrüben, nnd die Hofnnng ihres BleibcnS in Jesu, nur auf die Glaubenszuvcrsicht gründen können, daß unsere Untreue, seine gbttliche Treue nicht aufhebet, 2 Tim. F 4 8g II. Cap. Ueber den Ruf und :c. 2, iz. ^— Eben so straffällig erscheint nun auch der Snnoer, der eine solche Liebe und ein solch Erbarmen seines Heilandes, mit welchem er ihm nachgebet, nicht achtet, ja wohl gar mutbwlllig von sich stoßet. Eben diese Erkenntnis der Menschen von der Liebe Jesu, nach welcher er sich an keinem unbezeugt last, ist das Gericht' über sie, wenn sie seinem Rnfc nicht folgen, und den Aug seines Geistes nicht achten, und darum sagt Jesus selbst: wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet; denn er glaubet nicht an den Nahmen des eingcbohrnen Sohnes Gottes» Loh. z, 18. H. 2Z. Uebrigens habe» wir eben nicht, wie die Kbnigin von Arabien, eine weite Reise zu unserm himmlischen Salomo zu machen! Sprich nicht in Deinem .Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren? oder hinab in die Tiefe? Siehe das Wort ist Dir nahe, nehmlich in Deinem Munde und in Deinem Herzen, Rbm. ro, 6. 7. 8. Und Dein Heiland, der um Dein Herz bittet, Sprw. 2Z, 2Ü. spricht selbst: Siehe ich stehe vor dcr Thüre und klopfe an; so jemand meine Simme hbren wird,' und die Thnre anfthun,zu dem werde ich eingehen, und dasAbcnd- mahl mit ihm halten, und er mit mir. Offenb. Z, 20. „O! wer dich, du ewig selbststandige Weisheit nur ,, gern haben will, der bedarf nicht vieler Mühe, er fiu- „ det Dieb vor seiner Thüre auf ihn warten! Sap. 6,1Z. z> Wer Dnh den Heiland und Seeligmacher nur begehrt zu ,.sciner Errettung und Begnadigung, o zn dem kommst Du „in DcinerMarter-Gesialt, — Dein Haupt voll Thaues, „und Deine Locken vollNachtStrvpfen, voll blutigen Ar-- „beitsschweißes aus Gethsemane, und rufst mit freund- „licher Stimme der Seele: Thue mir auf, liebe Freuu- „ dm! 5?ohel. z, 2. Darum, heut so ihr seine Stimme hbret, so verschlusse t und versteck,et eure 5?erzen nicht: Ps. 9 z, 9. Drittes Capitel» ' ^ Fortsetzung, und über die Annahme des Rufes der Gnade. s, I. ^s>on dem, der das wahrhaftige Licht ist, welches alle Menschen erleuchtet, der daS Leben der Menschen ist, und den uns Gott aus ewiger Liebe gesandt hat in die Welt, zur Versöhnung für unsere Sünde, und daß wir durch ihn leben sollen: 1J0H. 4,9. 10, von diesem unfern 5?e>land Jesu Christo, schreibt Johannes: Er kam in sein Eigcnthum, und die Seinen nahmen ihn u icht a uf. Joh. 1, 11. Diese traurige Wahrheit müssen wir auch noch heut zu Tage schaamroth zugestehen; da ist keiner von allen, welche an den Nahmen Jesu glaubig geworden sind, der es seinem Erlöser nicht eben so gemacht hatte, ein jeder muß bekennen: auch ich habe den Heiland, mir lange nachlaufen, ihn lange stehen und bitten lassen, ehe ich ihn aufnahm; ja ich hatte ihn wohl nie, wenigstens noch nicht gleich aufgenommen , wenn mich die Kraft seiner Gnade und Liebe nicht übermannet und überwunden hatte; aber er war mir zu mächtig und zu stark, der um mein Herz warb; Er nahm sich selbst das Herz, das ich ihm so lauge vorenthielt. Er hat mich erwählet und 'gerufen und gesucht, nicht ich ihn, Joh. iz, r6. Jes. 42, 22. und so war es die Uebcrmacht siiner zuvorkommenden Liebe und Gnade, die mich endlich überredete, daß ich ihn auf und annahm; Jer. 20, 7. S. 2, Auf jene Klage Jahannis aber, folgt nun auch ein tröstliches Wort, wenn es heißt: Wie viel ihn abep ^2. III. Cap. Fortsetzung, und über die aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Nahmen glauben. Ivb. i, 12. Jesmn, als seinen Heiland und Erloser im Glauben anzunehmen, ist nun alles, waS der Mensch zur Beförderung seines Heils zu thun hat! Alles übrige thut der Heiland alsdann selbst in unS, indem er uns die Kraft mitthei- ler, durch welche wir Kinder GotteS werden kbnnen, und sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben, »ehmlich Gottes Erben und Mircrben Christi, Rom. 8,17. s. z. Die Annahme des Heilandes geschieht durch den Glanben an scincnNahmcn, aber auch dieser Glaube an Icfnm ist GotteS Werk, wib der .Heiland selbst sagt. Job. 6, 29. und wenn nun der Mensch den Heiland auf und annimmt, so thut er eigentlich weiter nichts, als daß er dem Werke Gottes in sich nicht widerstrebet, und eS bleibt dabei: ich habe euch erwählet und gesucht, und nicht ihr mich! Joh. 1Z, 16. §. 4- Sprichst du: Wenn Gott der Anfanger und Vollender meines Glaubens und .Heils ist, wie soll ichS verstehen, wie soll ich die Aufforderungen GotteS an den Menschen damit verbinden, nach welchen eS scheint, daß wir den Anfang machen müssen, um durch Issum zu Gott zu kommen: z. E. wenn es heißt: die mich suchen: finden mich. Sprw. 8, 17. Die mich von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen; 5 Mos. 4, 29. und ferner: Ps. y, 11. Cap. Z4, i r. Cap. 6y, ZZ. Cap. iiy, 2. icz. 2 Chron. 1 z, iz. Es. 5Z, 6. Hof. 10, 12. Amos 5, 6. Jer. 2y, z. Kommet, denn es ist alleS bereitet. Lue. 14, 17. Ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben haben moget, Joh. 5, 40. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen, Joh. 6, 37. Kommet her alle Heiden um und um, Joelz, 16, kommt und kauft ohne Annahme des Rufes der Gnade. 9z Geld :c. Es. 55, i. Kommt zu mir alle, die ihr mein begehret. Syr. 2g, 25. — alle, die ihr mühseelig und beladen seid: Matth. 11, 28. u. s. w. Du fragst, ob diese Aufforderungen der Wahrheit nicht widersprechen, daß der Heiland uns suchet, und daß er die Hand zuerst anlegen, und uns aus dem Verderben ziehen muß? — §. 5» Die Antwort und Berichtigung dieser Frage, liegt in den Worten Jesu: Alles, was mir mein Vater glcbt, das kommt z u m i r. Joh. 6, z7. Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater. Joh. ü, 44. Niemand kann Jesum einen Herrn heißen, ohne durch den heiligen Geist —r Cor. 12, Z. so wenig niemand zum Vater kommen kann, ohne mich, .der ich der Weg, die Wahrheit und das Leben bin, Joh. 14, 6. Zuerst also muß allerdings Gott den Anfang machen, welches dadurch geschieht, daß er unS durch seinen heiligen Geist vom Sünden-Schlafe aufweckt, und durch dessen Treiben Und Würken in der Seele, unS zur Bekehrung auffordert. Dieser erste Ruf, der durch den heiligen Geist an jeden Menschen geschiehet, ist es denn, durch den sich Gott an keinem unbezeugr laßt, so daß auch keiner darum Entschuldigung haben wird, der verlobrcn geht; denn durch das Wort der Wahrheit und durch das Werk des heiligen Geistes im Gewissen und im Herz.ni, wird es jedem Menschen gesagt, was gut ist, und was der Herr sein Gott von ihm fordert, Micha 6, 8. wird jeder zur Busse gerufen; daher nun keiner etwas vorwenden kann, seine Sünde zu entschuldigen: Joh. 15, 22. Wer nun diesen allgemeinen Gnadcnruf Gottes annimmt, der wird durch den Zug des Vaters zum Sohne hingewiesen; Dieser ^4 III. Cap. Fortsetzung, und über die wird dcm Sünder nun zum Gnaden-Stuhle durch den Glanben in seinem Blut, Rom. z, 25. zur Gerechtigkeit, die allein vor Gott gilt, zur Erlösung und Heiligung 1 Cor. 1, 2O. und als derjenige vörgcsicllet, durch den wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden. Ebr. 4, 16. §. 6. Und hier ist es nun, wo vom Menschen gefordert wird, daß er kommen, den Heiland im Glauben a n- nehmen und ergreifen muß; Der Heiland dringt sich keinem Menschen wider Willen ans; der Mensch muß wollen errettet werden; Er muß dem .Heilande die Einwilligung seines Herzens und Willens geben; Er muß ihm aufthun, und sich im Gefühl seines Elendes und seiner eignen Hülflgsigkeit, begierig nach ihm ausstrecken, und ihn ergreifen. 5- f. So verbinden sich denn die Verhandlungen zwischen Gott und dcm Menschen, zu des letzter» Heile, und dasjenige, was dabcr Gott und der Mensch zu thnn hat, liegt in den angeführten Worten Christi: AllcS, waS mir mein Vater giebt, das kommt zu mir, und wer nun im Zuge deS Vaters zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen, Joh. 6, 37 - 44. Gott alfo ruft, sucht und ergreift den Menschen zuerst; alsdann aber muß der Mensch in der Kraft Gottes, Gott wiederum in Jesu sn ch e n, und ergreifen; und dann beißt es: ich werde gesucht von denen, die zuvor nicht nach mir fragten. Es. 6z, 1.10. und bin erfunden von denen, die mich zuvor nicht gesucht haben, Rdm. io, 20. §. 8. Der allgemeine Ruf GottcS Zur Seeligkeit der Menschen geschiehst demnach durch den heiligen Geist, — Annahme, des Rufes der Gnade. 55 durch das Wort GottcS und durch die Predigt des Evangelii; da wird der Mensch nun eingeladen, den Weg des Lebens zu betreten; und dieser Weg wird ibm in Jesu, im Glauben an ihn, und in seiner Nachfolge vorgestellct. Er ist der Weg, der uns zu Gott fübrt; die Wahrheit, die uns frei macht; dasLeben, das uns mit dem ewigen Urguel alles Lebens wieder vereinigt — und niemand, spricht der Heiland, kann daher zum Bater kommen, denn durch mich. Joh. 14,6. §. y. Ist uns denn nun in Jesu alles dargebothen und dargereicht, was säumst du noch, armer Mensch! in deinem tausendfachen Elende, Jesum als deinen Erretter zu ergreifen? Komm, laß uns die Zeugnisse von ihm, daß er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, näher betrachten. Von diesem Jesu, der uns zum Heilande von Gott verordnet ist, zeugen nun zufdrderst alle Propheten, daß durch seinen Nahmen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfahcn sollen, Act. 10,42.4g. Willst du diese Zeugnisse lesen, so kannst du sie deinem Herzen, in folgenden Stellen näher vorhalten: Jcs. 53,5-6. Jerem. zi, 34. Hes. 34, 16. Dan. y, 24. Hosea 1, 7. Cap. 13, 14. Mich. 7, i Z. §. 10. Sollte dir dis Zeugnis nicht genügen, konnte eS dein Herz noch nicht bewegen, deinen .Heiland Jesum anzunehmen; so Horb, was der Apostel sagt: So wir doch der Menschen Zeugnis annehmen; so ist Gottes Zeugnis ja noch großer: denn Gottes Zeugnis ist das, daß er gezcuget hat von seinem Sohne 1 Joh. 5, y. als er am Jordan und bei seiner Verklärung auf dem Berge das unmittelbare Zeugnis von ihm ablegte: das 96 III. Cap. Fortsetzung, und über die ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören! Marc.' 1, 11. C. y, 7. Matth, z, 17. Wenn wir mm die Zeugnisse der Propheten von Jesu, mit dem Zeugnisse seines himmlischen Vaters verbinden; 0! mit welcher göttlichen Kraft werden sie ein Her; ergreifen, das nun eiumahl sein Sünden - Elend durch den Geist Gottes lebendig erkannt hat, welches, wie das Herz Davids verlangend nach Hülfe zu Gott fchreyct; Pf. zo, 11. C. sc), 9. und mit ihm, redlich und verlegen ruft: Sei nicht fern von Mir! denn Angst ist nahe: denn es ist hier kein Helfer! Pf. 22, 12. Ich sehe mich um, und finde sonst keinen Erretter: Es. 6z, 5. Gewiß, sind wir nur einmal so weit, daß wir in unsrer Noth von Herzen verlegen um Hülfe sind, so werden die gültigen Zeugnisse von Jesu, uns gar bald bewegen, Herz und Hände ihm entgegen zu reichen, Ihm, der zu unS kömmt, ein Gerechter und ein Helfer! Zach. 9, 9. der den Armen errettet, der da schreiet, und den Elenden, der sonst keinen Helfer findet. Pf. 72, 12. der noch nie verachtet noch verschmähet hat, das Elend des Armen, Noch sein Antlitz von ihm verborgen: Ps. 22, 2Z. §. it. Wie nun von Jesu, Gott sowol selbst, als durch, den Mund der Propheten alten Bundes, gezeugct hat; so laßt uns nun auch die Zeugnisse derer hören, welche Zeitgenossen seines Lebens auf Erden, Und Augen- und Ohrenzeugen vom Werke seiner göttlichen Sendung auf Erden waren; welche sagen konnten: Wir verkündigen Euch, das da vom Anfang war, das wir gesehen haben mit unseru Augen, das wir beschauet haben, und unsre Hände betastet haben, vom Worte des Lebens: das Leben ist erschienen; und wir haben gesehen und zeugen, und verkündigen Euch das Leben, das ewig ist, welches war bei dem Vater, und ist unS erschienen. 1J0H. l, 1. Z. Annahme des Rufes der Gnade. 97 H. 12. Das erste und größte Zeugnis von Jesu, bat Johannes abgelegt, als er mit Fingern auf ihn wies> und sagte: Siebe! das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde tragt! Job. i, 29., Er stellet ibn der Welt, als den Heiland und Erlöser dar; als den ewigen und wabren Gott; als den Schöpfer aller Dinge; — als das Leben und das Licht der Menschen; als die unendliche Fülle Gottes, an Weisheit, Kraft, .Heil und Leben und 'Seeligkeit, aus der wir Gnade um Gnade schöpfen und nebmcn sollen: Joh. 1, 1 - 18. Seelig! seelig! wer mir einem gläubigen und nach Jesu verlangenden Herzen, die bohcn göttlichen Zeugnisse von Jesu annimmt, und sich zu ihm hinweisen last! Wahrlich er wird Hülfe, Trost, Sättigung, Ruhe der Seele finden, und erfahren, daß Gott, der uns seinen cin- gebohrnen Sohn gab, uns in ihm auch alles schenket; Rom. 8, 32. überschwenglich über alles, was wir bitten, und verstehen. Epb. Z, 2-0. §. 13- Doch wir wollen zu den eigenen wörtlichen Zeugnissen Jesu von sich, eilen! Haben Anderer Zeugnisse von Ihm, etwas über Dein Herz vermocht— bist Du nach Ihm, und nach Deinem.Heil in ihm, begierig worden, so muß Dein Herz vollends entbrannt nach ihm, und nach der Wahrheit, die das Leben ist, werden wenn Er selbst mit Dir redet, Luc. 24, 32. und Dir sagt, was Er für Dich ist, seyn, und Dir geben will. Er spricht: ich bin kommen, die Sünder zur Buße zu rufen: Matth. 9, 13. Ich bin kommen, daß sie das Leben und volle Gnüge haben: Joh. 10, 11. Ich bin kommen in die Welt, ein Licht, ans daß, wer an mich glaubet, nicht in Finsternis bleibe; Joh. 12, 46. Ich bin kommen, nicht daß ich die Welt richte; sondern, daß ich sie seelig mache: Joh. 12, 47. Ich bin G 98 II!. Cap. Fortsetzung, und über die daS Brod dcS Lebens, das vom fdimmel kommen ist; Wer zu mir komm?, den wird nicht hungern - und wer ein nuch glaubt, den wird nimmermehr dursten, der wird leben in Ewigkeit: Joh. 6, gz. 4t. 48. 50. Zt. Ich bin daö Licht dar Weit; wer mir nachfolget, der wird nicht wandeln in Finsternis, sondern wird das Licht dcS LebcnS haben. Joh. 8, 12. Ich bin gesandt zu den verlvhrnen Schaafen, Matth. 15,24. als ein guter Hirt, der auch sein Leben für die Schaafe last: Joh. iO, i i. 14. Ich bin dazu in die Welt gckom- wen, daß ich die Wahrycit zeugen sott — und wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme: Joh. 18, Z?. §. 14- Wenn sich der Heiland, den Weg, die Wahrheit und das Leben nennet, so begreift er in diesen drei Worten das ganze Werk seiner göttlichen Sendung vom Vater zu unserm Heil, Joh, 14, 6. Diese Worte enthalten alle übrige hohen Zeugnisse in sich, die wir von Jesu angeführt haben; und was der .Heiland damals darüber den Menschen nicht deutlicher und ausführlicher sagen konnte, das haben nach der Vollendung seines Erlösungswerks, seine Jünger und Apostel gcthan, und wenn man jene Worte mit der nahern Erklärung der Apostel und mir den Zeugnissen der Propheten verbindet, so erkennet man deren göttlichen, hohen Jnnhalt; und in dieser Absicht ist es für mein und Dein Herz eine seelige Beschäftigung, wenn wir solche naher betrachten. Je deutlicher und größer die Erkenntnis von einem Gute ist, je mehr wird unser Herz nach seinem Besitz entzündet, und darum können wir uns nie zu viel von Jesu unterhalten, weil wir ihn nie genug erkennen, lieben und begehren« H. 15» Jesus — der Weg. — Durch seine Menschwerdung, sein Leiden, Blutvergießen und Sterben, hat Annahme des Rufes der Gnade. 59 uns Jesus den Weg zum Leben gebabnct: denn nur durch ihn, kbnncn wir zu Gott kommen, Joh. ig, 6. Der Eingang in daS Heillgthum ist uns durch das Blut Christi erofuec: Ebr. 10, iy. den er uns bereitet hat zum neuen und lebendigen Wege, durch den Vorhang, d. i. durch sein Fleisch. Wer nun Christi durch den Glauben rhcilhaftig wird, und ihn ergreist, dem wird der Eingang zum ewigen Reiche unsers Herrn Jesu Christi dargereicht, 2 Pet. i, il. und der Weg der Gerechtigkeit, des Friedens, der Weg zur Heiligung, welcher uns in Christo offenbahrct ist: Ebr. y, 8. Den Weg, den der Heiland gegangen ist, welches ein Weg der Niedrigkeit, der Verleugnung, und des tiefsten Gehorsams war, bis er am Kreutz durch scin eigen Blut, in das Heilige einging, Ebr. y, 12. ist auch nun allen denen vorgezeichnet, welche durch ihn zu Gott kommen wollen: Ebr. 7, 2z. Und so wird uns Christus selbst der Weg, durch die Vereinigung im Glauben mit ihm, den er uns durch seine Lehre zum Leben kund gethau hat, Ps. 16, n. und von dem Gott durch den Propheten sagt: das ist der Weg, den gehet, sonst weder zur Rechten noch zur Linken. Es. zo, 21. DaS ist der richtige Weg, auf dem der Gerechte sicher wandelt, und das Ziel erreicht; auf welchem aber die Uebertrcter fallen. Hos. 14, io. DiS ist der schmale Weg, der zum Leben führet, den wenige finden, Matth. 7, 14. und, wenn sie ihn auch gefunden und betreten haben, so sind ihrer Wenige, die darauf fortwandeln, weil wir auf demselben durch viele Trübsal? inS Reich Gottes eingehen müssen: Act. 14, 22. Matth. lo, z8. weil er durch eine so enge Pforte führet, daß der Durchgang eines beständigen Kampfes mit Fleisch und Blut, eines steten Verleug- nenS, TvdtenS, Ersterbens, und Ringens bedarf. Luc. iz, 24. iso III.Cap. Fortsetzung, und über die Auch, als der zur Rechten GotteS erhohcte Jesus, ist er der Weg für die Seinen, auf dem er uns voran gegangen, und unS seine Glieder dahin nach sich zu ziehen Verl,eisten hat: Joh. 12, 32. Das wird nun künftig einmahi an uns, im eigentlichen Verstände erfüllt werden; aber hienieden schon, weil die Gläubigen mit ihm, noch auf dem Wege, mit gebundenen Augen, zum vorgesteckten Ziele wandeln, Luc. 24, 16. :c. auf diesem Emauntischen Gange empfindet es schon die Seele, daß der Weg zum Leben, wie Salomo sagt, überwLrtS gehet: Sprüchw. 15,24. indem sie nichts begehrt, mit ihrer höchsten Sehnsucht und Liebe nichts sucht, was unten auf Erden ist; sondern im steten Andenken, Hoffen, und innigsten Verlangen nur das sucht, nur nach dem trachtet, was droben ist, da Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Col. Z, 1 - Z. Und ach! in diesem seeligen Zustande der Seele, erfahrt man es erst recht lebendig, was das Wort Jesu heißt: ich bin der Weg! Daß Jesus wahrhaftig ist, und den Weg Gottes recht lehtt, das können und müssen auch Unbekehrte zugestehen. Matth. 22, 16. Aber daß er selbst der Wegist,— 0! diese Wahrheit begreift man im ganzen Umfange, nut in der innigsten Vereinigung mit ihm. Nun — diese Wahrheit, daß Jesus der Weg zur Wahrheit, zum Licht, Heil und Leben ist, heschlüsse ich mit dem wichtigen Worte Gottes, welches er uns durch den Mund des Propheten zuruft: Tretet auf die Wege und schauet und fraget nach den vorigen Wegen, welches der gute Weg sei; und wandelt darin», so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele, Jer. 6, 16. S. 17. Jesus — die Wahrheit. Cr ist die Wahrheit, die selbsistandige Wahrheit, i)wcil er wahrer Gott Annahme des Rufes der Gnade. ioi ist, i Joh. z, 2o. 2) Weil in ihm alle Vcrhcissungen Gottes, thejlS schon erfüllt sind, theils noch erfüllt werden. 2 Cor. i,2o. z) Weil er nnS die Wahrheit verkündiget hat, Joh. 8,40. — Die Wahrheit, die das Leben ist, und die nnS erlöset nnd frei macht: Joh. 8, Z2. und 4) weil unS Christus durch seinen Geist in alle Wahrheit leitet, Joh. 14, 17. Gnade und Wahrheit, sagt Johannes, ist durch Jcsum Christum worden, Joh. 1, 17. Mochten wir diesen Ausspruch in seinem ganzen Umfange fassen und verstehen können; so daß wir überzeugt würden, daß ohue Jesum, und ohne seine Erkenntnis, der Mensch schlechthin, weder von gottlichen, noch von irdischen Dingen, irgend etwas Wahres hat, noch erkennen kann; denn in allem Betracht ist Christus das Licht der Menschen, — der Aufgang aus der Hohe, der durch die herzliche Barmherzigkeit Gottes besucht hat, Luc. 1, 78. dgs Volk, so im Fürsten, wandelt: Es. 9,2. Matth. 4, 16. In ihm, und durch ihn, der die ewige Wahrheit und das Licht ist, sehen wir das Licht, Ps. z6, 10. welches alle Menschen erleuchtet, und wodurch sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, und von den Fesseln der Finsternis nnd des JrthumS frei gemacht werden, Joh. 8, 32^ in welchen der natürliche Mensch gebunden liegt, und die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalt. Rom. 1, 18, §. 18. Ja, nur in Dir, 0 Jesu! liegen alle Schatze, der Weisheit, des Lichts, der Erkenntnis und Wahrheit verborgen, Col. z, z. Nur in Dir, und durch Dich erkenne ich Gott, mich selbst, und alle Dinge ausser mir, recht! wenn Du nicht mein Herz, und meinen Verstand erleuchtest, so gehen beide die Wrge des Jrthums, wo keine. Gewißheit, keine Ruhe, keine G z lv2 III. Cap. Fortsetzung, und über die Sättigung, kein Friede ist! Welch ein unzählig Heer von Zweifeln, die Herz und Geist quälten, hat Dein Licht, und Deine Wahrheit in mir besieget! Wie hast Du so sanft mein Herz durch Deine bcsecligende Erkenntnis beruhiget! O! gewiß. Dein Licht ist daS Leben meiner Seele, und die Sättigung meines Geistes, auch da, wo ich noch nicht deutlich sehen kann, bin ich im Glauben ruhig und seelig! Ioh. 20, 2y. weil ich in Dir den Frieden Gottes genüße, der hoher ist, denn alle Vernunft: Pbil. 4, 7. . Habe Dank, ewiger Erbarmer! daß Du auch in meiyer Finsternis, Dein göttliches Licht hast aufgehen lasten — diesen hellen Schein, 1 Cor. 4, 6. der mich zum Leben erleuchtet! Eph. 5,14. Auch in mir hast Du Dich offenbahret, und hast verkläret Ioh. 17, 10. deinen Jesus-Nahmen in meiner Seele, und diö macht mich so unaussprechlich seelig, daß ich in dem engen Raum meines armen Herzens, die stille verborgene Freuden-Menge in Dir, oft nicht zn fassen vermag! daß. ichs fühle, daß Du, unendliches Gut! unendlich zu lieben und zu genüssen bist; daß Du einen Nahmen hast, der über alle Nahmen ist, den ich nicht aussprechen kann! daß Du alleS in allem bist, Col. 1, 17. daß Du, wie Dich Sprach nennt, das Gar meiner Seele, und meines Geistes bist! Syr. 43, 2y. „HZ Du mein Ein und alles, verkläre Dich doch „so in jedem Sünder-Herzen! Mit Deinem wunderba- „ren Lichte erleuchte alle zu Deiner Erkenntnis, welche „die Wurzel des ewigen Lebens ist: WeiSH. 15, 3. „und durch Deine Wahrheit laß uns alle frei gemacht „werden. Ioh. 8, Z2. Denn nur, wen Du frei „ machst, der ist recht frei! Jyh. 8, 36. 8. !h. Jesus — das Leben. Er ist die Quelle des Lebens, Pf. 36,10. Jer. 2, iz. aus welcher alles, was Annahme des Rufes der Gnade« ivz ist und lebt, das Leben hat. Daher nehmen wir alle, auch da schon, wenn wir Jesinu noch nicht kennen und lieben, aus seiner Fülle, Gnade, Leben und Wohlseyn. Syr. 34, 2v. A>st. 57, 25. Aber als das ewige Leben, das auS Gott ist, theilt er sich nun den Seinen, die ihn suchen und lieben, und im Glauben sich mit ihm verbinden, — die ihm durch die Liebe anhangen, und ein Geist mit ihm sind, 1 Cor. si, 17. denen theilt er sich auf eine innigere Art mir. Bon diesem Lehen beißt cS: Wer an den Sohn glaubet, der hat das Leben. Jos. 4, 15. Cap. 6, 54. Wer den Sohn GotteS hat, der hat das Heben. r Joh. 12, 20. Der Heiland nennt sich selbst das Leben, Job. 11,2 5. Cap, 14, 6. Joh. 8, 12. Joh. 6, 54. und dafür erklären ihn auch seine Jünger und Apostel, Col. z, 4. Plstl. 1, 21, Joh. z, 4. besonders sagt Johannes von dem im Fleisch geoffenbahrten Worte »das Lehen, das ewig ist. 1 Joh. 1, 2, §. 2O. Diese Kraft des LebenS auS Gott, in Jos', ist nun eine Frucht, Wirkung und Mittheilung seines Geistes in uns, welchen die Welt nicht kann empfahcn, noch erkennen: nur die, welche Jesu angehören, kennen ihn; denn er ist und bleibt in ihnen — Job. 14, 17, Die Worte des Heilandes: Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschcnsohnes, noch trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch, Job. 6, 54. zeugen nun von der höchsten und innigsten Verbindung der Gläubigen mit Christo, durch die sie seines Lebens theil- haftig werden. Diese Worte bleiben aber der Vernunft, und dem Weltmenschen ein Rathftl; Und nur in der Vereinigung durch den Glauben mit Jesu, können wir sie verstehen lernen — können wir zur Erfahrungs- Erkenntnis der Worte Pauli gelangen: Christus ist mein Leben! Phil. 1, 21, Ich lebe, aber doch nun nicht ich. G 4 ic?4 III. Cel p. Forlsetzung, und über die sondern Christus lebt in mir: Gnl. 2,10. Und wenn der Heiland sagt: ich lebe, und ihr solltauch leben: Joh. 14, 19. Das ist das verborgene Leben in Christo mit Gott, Eph. Z, Z. 4. ein kraft- und genußvolles Leben, wobei man der Welt so gern alle ihre Herrlichkeit und Freude laßt. Das ist das seelige Theil der zu dem Füßen Jesu sitzenden Maria; welches der Heiland, selbst der für ihn gewidmeten Geschäftigkeit der Martha vorzog, und es seelig pries,- mit der Verhcissnng, daß es nie von ihr genommen werden sollte. Luc. 10,40-4?.. O, du meines Lebens Leben! auch mir laß dis gute seelige Theil nie entnommen werden! Seitdem Du mein Herz mit Deiner Lebenskraft, entzündet, durchdrungen und ergriffen hast, scheint mir von nun an, alles übrige todt, was mir sonst Leben, alles Verlust, was mir sonst Gewinn war! Ich kann keine Ruhe, keine Freude mehr finden, die ich nicht aus Dir, der lebendigen Quelle schöpfe! Macht der kleine Tropfen vom Wasser des Lebens ans Gott, den Du meiner durstenden Seele darreichst, macht der schon so seelig, wie wirdS feyn, wenn er zum Brunn werden wird, der ins ewige Leben guillet—> der sich in Dich, den unbegreiflichen Occan des Lebens, zur ewigen Vereinigung ergießt, und einst von Dir ganz verschlungen wird! Joh. 4, iz. 14. Z. 21. Alles bisher gesagte, gehört nun zum Gerüchte von Jesu, zu denen der Welt geoffenbahrten Zeugnissen von ihm, welche die Menschen zu Ihm einladen, und zur Annahme des Worts zum Leben auffordern. Man sollte glauben, daß es in Ansehung Jesu, doch eben der Fall feyn müßte, als beim Salomo, von dem es heißt, daß alle Welt zu ihm hinlief, um seine Weisheit zu ho- Annahme des Rufes der Gnade. 105 ren — zu ihm, — der doch nur ein schwaches Vorbild Christi war; denn so wie Salomo der Fricdsame, der geliebte des Herrn, 2Sam. 12, 25. der weise König war, 1 Kon. 2, 2y. in Ruhe und Sicherheit regierte, und den Tempel des Herrn erbauete; 1 Kon. 4, 25. So ist Christus der rechte Friede-Fürst! Es.y, 6. Der Geliebte des Herrn, Matth, z, 17. Col. 1, iz. Die Weisheit selbst: Col. 2, z. Joh. 2, 25. ein König, in de,sein Reiche Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geiste wohnt: Rom. 14, 17. und der den Tempel Gottes, von dem er selbst der Eckstein ist, erbauet hat: Eph. 2, 20. 1 Pet. 2, 5. Aber, nein! so unendlich mehr Jesus, als Salomo ist, so sind ihrer doch nur wenige, die ihm zulaufen, seine Weisheit, die er vom Himmel hernieder gebracht hat, zu hören und zu lernen: Joh. 8, Z8. Woher kommt das? 22. Die heilige Schrift beantwortet diese Frage hinlänglich: sie sagt: die erste und allgemeine Ursache, warum die Menschen das Zeugnis von Jesu nicht annehmen, und warum sie von ihm entfernt und zurückbleiben, liegt darin«: weil sie nicht wollen: So sagt Johannes: der vom Himmel kommt, ist über alle, und zeuget, was er gesehen und gehöret hat, und sein Zeugnis nimmt niemand an, Joh. z, zi. 32. und der Heiland selbst klagt: ich bin kommen in meines VaterS Nahmen, und ihr nehmet mich nicht an;, So ein andrer wird kommen in seinem eignen Nahmen, den werdet ihr annehmen: Joh. 5, 43. Unser Wille aber ist dem Gnaden-Rufe darum widerstrebend, und zur Annahme Jesu abgeneigt, weil die Weltlicbe unS zurückhält, und nnsern Verstand verblendet, so daß wir in unserm Dichten eitel sind, und unser unverständiges G 5 zo6 lll. Cap. Fortsetzung, und über die 5?erz verfinstert ist, Rom. i, 21. Eph. 4, 18. Da verstehen und achten wir nicht das Uebersinnliche und Göttliche; und auch die zuweilen noch so kräftigen Aufforderungen der Wahrheit an unser Herz, bleiben so lange fruchtlos, als wir uns nicht, wie jene Konigin entschließen, Arabien zu verlassen, und auf dem Wege der Verleugnung, und Entsagung alles ungöttlichen Wesens und aller weltlichen Lüste: Tit. 2, 12. den König in Jerusalem aufzusuchen. Z. 2Z. Es würden derer, die das Wort vom Leben vernommen haben, weit mehrere zum .Heilande kommen, wenn die Conditionen des Kommens zu Jesu, der Weg zu ihm, und daS Schulgeld, was jeder für seine Lehre der Weisheit und Wahrheit, willig entrichten muß, sie nicht abschreckte —? Aber sich selbst verleugnen, alles, waS man in der Welt liebt, um Christi willen hintansetzen; Geistlich arm seyn, sich selbst und alles übrige für Nichts achten; Seiner eignen Liebe, Ehre, Willen, Lust, Nutzen, und dem eignen Leben absagen, Art. 20, 14. l Job. Z, ist. Matth. 16, 24. um nur Christum zu gewinnen, und ihn naher kennen zu lernen, Phil. Z, 7-11. Das ist ein Entschluß, der die Hingabe unsers ganzen HerzenS, Willens und Lebens und den Kampf bis aufs Plut erfordert. Ebr. 12, 4. Daher denn so viele schon auf dem betretenen Wege zum Leben, wieder umkehren, und Jesu untreu werden, 24. Unser lieber Herr hat aber, außer diesen allgemeinen Ursachen, von der Nichtannahme und von der Unfruchtbarkeit des Saamcnö, vom Worte des Lebens ig den Herzen der Menschen, in dem Gleichnis vom Sac- mann Luc. 8, 5-8. noch so verschiedene Zustande unsers Herzens angeführt, welche dem Menschen zum Hindernis werden, sein Heil und Lebe» in Jesu zu suchen und zu. Annahme des Rufes der Gnade. 107 ergreifen, und den Gnaden-Ruf Gottes, in sich lebendig und Fruchtbringend werden zu lassen. Erst spricht er, giebt es Menschen, die am Wege sind, die auf dem breiten Wege des Verderbens, Matth. 7, ig. in Welt- und Fleischeslust wandeln; diese hbren daS Wort vom Leben; aber sie hbren eS nur: denn der Teufel kommt in tausenderlei Gestalten der weltlichen Lust, und nimmt sofort das Wort von ihrem Herzen, auf daß sie nicht glauben und seelig werden. Und — ach! so ist der Zustand des größten ThcilS der Menschen! die unseclige Weltliche, der Hang zum Genuß der irdischen Freuden, der das arme Herz zum Tanzsaale aller unreinen Lüste macht, wo der eingestreute göttliche Saame, und der etwa aufsprossende Keim, sogleich wieder zertreten wird; der unbändige Leichtsinn, der dem Werke des heiligen Geistes in der Seele schlechthin nicht Raum gibt — dieser unseelige Zustand ist es, in welchem man so viele mit Freuden zumVer- derbcn hintaumeln siebt. Uno, kann diese traurige Scene schon daS begnadigte Kind GotteS nlcht ohne tiefes wehmü- thigeS Leid ansehen, welche Wemuth muß es, 0 Jesu! Deinem göttlichen liebevollen Herzen verursachen, wann Du so vom Himmel herab eine große Menge derer auf dem Wege des Verderbens wandeln stehest, für welche Du Dein Blut zur Errettung vergossen hast! Wie heiß müssen Deine Thränen gestoßen seyn, als D» über Jerusalem seufzend sagtest: O! daß Du bedächtest zu dieser Deiner Zeit, was zu Deinem Frieden dient, -— Aber — nzin ists vor Deinen Augen verborgen — Luc. iy, 42, Zweitens, sagt der Heiland, giebt es Herzen, die einem Felsen gleichen, nicht wegen vorsetz lieh er Härte und Widersetzlichkeit gegen den Ruf der Gnade, vielmehr nehmen sie solche willig und mit Freuden cm; Aber es ist bei ihnen keine ganze Hingahe IO8 in. Cap. Fortsetzung, und über die des Herzens: sie weisen der Gnade, so zu sagen, nur die Oberfläche desselben hin^ mitbin kann das Wort des Lebens in ihnen, nicht tief genug Wurzel fassen; Es ist nicht obne Würkung in ihnen; Es gehet, wie eine junge Saat auf, aber nicht lange, so verdorret sie wieder; dergleichen Menschen glauben eine Zeitlang, aber zu der Zeit der Anfechtung, wo der Glaube durch Verleugnung und Kampf geübct werden soll, fallen sie wieder ab. DaS ist der böse Znstand, wenn der Mensch sein Herz noch immer zwischen Gott und der Welt theilen will, da doch ohne eine ganze und vollige Hingabe unsers Willens, Herzens und Lebens an Gott, es nie zu etwas Ganzen und Bleibenden in unseren Christenthume kommen kann. Da sieht man leider, viele, von denen das Wort Pauli gilt: Ihr liefet fein! wer hat euch aufgehalten? Wer hat euch eines andern überredet? Gal. 5,7. fl. Wer hat euch bezaubert? daß ihr der Wahrheit nicht ferner folgt? Gal. z, 1. Ja, nur von zu vielen ists wahr, daß sie Christum, den sie mit Eifer suchten und fanden, wieder verlohren haben, und aus der Gnade gefallen sind, Gal. 5,4. und wodurch? blos, weil ihre Hingabe an Gott und ihren Heiland, nicht völlig und redlich genug ist. H. 26. Einen dritten Znstand der Menschen, beschreibt der Heiland, wenn er sagt: der Saame siel mitten unter die Dornen, die zugleich mit anfgiengen, und die Frucht erstickten: Viele, erklärt er sich ferner, die das Wort hören, gehen hin, unter den Sorgen, Reichthum uno Wollust dieses Lebens, wodurch sie gehindert werden, daß die Kraft der Gnade in ihnen, nicht Fruchtbringend werden kann. §. 27. Die Sorgen des Lebens; — Wenn der Mensch seine ganze Sorge hienicden auf das Geschäft dieses Lebens richtet, und darüber die Sorge für sein ewiges Heil Annahme des Rufes der Gnade. entweder gar vergißt, oder es mir als eine Nebensache anstehet, deren Betrieb sich nach Zeit und Gelegenheit seines irdischen Hauptgeschäfts richten mnß, o! da ist freilich kein Raum im Herzen für das Werk der Gnade! da Haider Mensch keine Zeit für den Heiland, wenn er anklopft und das Herz zur Unterhandlung mit Ihm auffordert! Da heißt es, wie der gerührte, erschrockene und von der Wahrheit überzeugte Felix zu Paulo sagte: Gehe hin für dismal! wenn ich gelegene Zeit habe, will ich dich lassen herrufen: Actor. 24, 2Z. Und der liebe Heiland ist denn auch wohl so gnädig, dergleichen Abweisungen sich lang und oft, mit unendlicher Geduld gefallen zu lassen, und ohne den Ruf solcher Herzen abzuwarten, mit Liebe und Gnade wiederholt bei ihnen einzusprechen, und um das arme Herz zu bitten, Sprw. 2Z, 26. — Aber, 0 Mensch! bedenke die endlichen Folgen der mißgebrauchten Gnade und Geduld des Herrn! Bedenke den Schaden; den Dir jede Versäumnis, jeder Aufschub, zuwege bringt; Ach! gewänne Dich auch einst der Heiland, zu seiner ganzen Beute, so wirst Du doch das Versäumte durch keine Thränen der Reue zurückkaufen können, und wenn Dir auch alles vergeben ist! Die Sorgen des Lebens, der irdische Beruf:c. wird nur zu oft, wie von jenen zur Hochzeit geladenen, zum Vorwand gebraucht, hinter welchem sich das widerstrebende Herz versteckt, und sich vor dem 5? ei lande zu entschuldigen glaubt. Luc. 14, 20. :c. Aber so gewis es ist, daß ein Stand und weltlicher Beruf, vor dem andern, mehr oder weniger bchülflich zu einem innigen Leben und Umgang mit Gott ist; So ist es doch schlechthin nur eine leere Ausflucht, daß irgend ein Stand in der Welt, uns schlechthin hindern könnte, den Ruf Jesu anzunehmen, und mit ihm ein verborgenes seeliges Leben zu führen. Betrachte und vollbringe nur erst, auch dein irdisches Geschäft, als ein Werk im Dienste des Herrn, nicht als einen Dienst, üo III.Cap. Fortsetzuug, und über die ze. den Du der Welt leistest, so wird er durch den Sinn der Treue und des Gehorsams gegen Gott gchciligct, Dir nicht zur Fessel werden, die deinen FUß ans dem Wege zum Leben verweilet, oder wohl gar hindert. S> 28. Reichthum und Wollust dieses Lebens — die unersättliche Lust am Besitz und Genuß derselben, und die Heisse Begierde derselben theilhaftig zu werden, das sind noch gefahrlichere Dornen, die den in der Seele ausgestreuten göttlichen SaaMen im Aufgehen ersticke», daß er nicht zum Fruchtbringen gelangen kann. Der HerzenSkündi- ger hat es ganz kurz entschieden': „wo euer Schatz ist, ist auch euer Herz! Matth. 6, 21. und unser Herz ist da, wohin unsre Liebe gehet, und die Liebe gicbt den Ausschlag, wem wir anhangen und dienen, und wen wir begehren und suchen. Beide handeln aus dem Triebe der Liebe und Begierde des HerzenS, sowohl der, welcher spricht: Herr! wenn ich nur Dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde, Psalm 73,25. als derjenige, welcher spricht: Lasset uns wohl leben, wcils da ist, und unseres Leibes gebrauchen :c. Wcish. 2, 6. so himmelweit auch die Gegenstands ihrer Liebe verschieden sind. Ilud doch bleibt eS bei dem wahren, entscheidenden Ur- thcil: Ihr könnet nicht zugleich Gott und dem Mammon dienen, Matth. 6, 24. S> 2y. Und nun endlich die vierte Beschreibung von Menschen, au die der Gnadenruf ergehet, macht der Heiland, wenn er sie einem guten Lande vergleicht und sagt: diese hören das Wort, behalten es in einem feine» guten Herzen, und bringen Frucht in Geduld; — Von deren Sinn und Zustand — im folgenden Capitel. Viertes Capitel. Ueber den Zl! stand und Sinn de r e r, die den Weg zum Leben betreten. H. i» a^enn der Mensch der rufender Gnaden-Stimme Gtt hbr giebt, und baS Wort vom Leben im Herzen bewahret; Wenn er auf die Würknngcn der Gnade in seinem Herzen achtet, ugd die Mihrungen und innigem Aufforderungen, die der Heiland an sein Herz macht, nicht für Würknngcn von Fleisch und Blut anstehet, auf welche man, als auf vorübergehende Bewegungen, weiter nicht achtet, und sie im Strohm weltlicher Zerstreuungen zu vergraben und zu verscheuchen sucht; sondern wenn der Mensch auf das Wort merkt, was die Gnade zn seinem Herzen spricht, und ibren Aufforderungen zu seinem Heil Gehör gicbt: so werden sich gar bald große Veränderungen seines inner» Zustandes zeigen, die bei aller Verschiedenbeit der Mittel und Wege der Gnade, wodurch sie die Herzen der Menschen zu gewinnen, und zu sich zuziehen sucht, sich doch auf die zwei Hanpt- Zusiände zusammen fassen lassen, nchmlich: daß wir unser Sünden-Elend, unsre Strafwürdigkeit vor Gott, unfern ganzen natürlichen Uebclstand und Unvermögen lebendig erkennen, das Heist kurz, daß wir durch wahre Buße und Bekehrung, Sünder vor Gott werden; und dann zweitens, daß wir als solche im Glanben, mit einem zerknirschten Herzen, voll Sehnsucht und Verlangen nach Jesu, das uns in ihm von Gott angebotene Heil begierig crgreifem H. 24 Es heißt von der arabischen Königin, daß sie mit großem Gezcuge beladen zu Salomo hinzog; Ach! H ii4 I^-Cap. Ueber d. Zustand u. Sinn derer, gewist alle, die den Weg des Lebens betreten, und sich zu Jesu hinmachen, kommen mühseelig und beladen zu ihm, Matth. 12, 28. Wenigstens ist dis der Zuruf Jesu Christian alle, welche Nuhe der Seele bei ihm finden wollen. S. 3- Erscheinet nicht leer vor mir, war die Forderung Gottes an sein Volk, 2 Mos. 2Z, iz. und noch ist eS dieselbe, an diejenigen, welche der Heiland zn sich ruft. Und was sollen wir denn dem Herrn darbringen? — All unser Sünden-Elend, — all unser Verderben, und alle die schweren Lasten, unter denen unser Herz, bei der lebendigen Erkenntnis unsers traurigen Justandcs in der Entfernung von Jesu, seufzet. §. st. Je beladcner wir sind, je mühseeligcr uns die Last unsers Verderbens macht, desto sehnlicher wird das Verlangen nach Jesu seyn; desto mehr werden wir eilen, seiner Hülfe und seines Trostes thcilhaftig zu werden. Uno gewiß, wenn diese Sehnsucht nur unser Herz belebt, so kommt der Heiland einem jeden, der es redlich meint, mit seiner Gnade und Kraft entgegen, und nimmt uns die Centner-Bürden unseres Elends liebevoll ab. Wenn er einer Seele die Worte klar macht, und ihr die G'laubenszueignung derselben schenkt: „Fürwahr er trug unsere Krankheit, und lud auf sich unsere Schmerzen — und um unserer Mifsethat willen ist er verwundet, um unserer Sünde willen geschlagen worden; die Strafe liegt auf ihn, auf daß wir Friede hatten, und durch seine Wunden sind wir gehcilct. Jes. 53, 4> 5' — O! dann wiro dem Menschen wohl, und die den Weg zum Leben betreten. 115 leicht zu Mnthe und d-ie Freude am Herrn und an seiner Gnade und ErbarimmA wird seine Stärke, Neh. 8, 10. daß er nun Kraft bekömmt, aufzustellen, und seine Füsse zu richten auf den Weg des Friedens: Lue. 1, 79. S. 6. Das ist nun ein gar seeliger Zustand, wenn uns der, Heiland durch seine Begnadigung und Vergebung aller Schulden und Sünden, und in der erlangten Rechtfertigung durch sein Verdienst, vor Gott, die niederdrückenden Lasten vom Herzen und Gewissen abgenvm- men hat; Wahrlich da erfährt man es: oaß der recht frei ist, den der Sohn frei macht, Ioh. 8, z6. O! da ist Gerechtigkeit/ da ist Friede und Freude im heiligen Geist. Rbm. 14, 17. Und nur dann, wenn Jesus in unfern Herzen die LebenSworte ausgesprochen: Dir sind deine Sünden vergeben! Gehe hin mit Frieden! Luc. 7, 48. 50. Nur dann sind'wir fähig, den Weg deS Lebens mnthig und freudig fortzugehen, so wie David spricht: Wenn du mein Her; tröstest, so laufe ich den Weg deiner Gebothe: Ps. i iy, 2Z. Dann können wir ans Erfahrung sagen: In dem Herr» habe ich G e r echti-gkeit und Stärke d. h. Kraft zum Guten, zunl heiligen, Gott wohlgefälligen Leben. s. 7. Da nnS der liebe Heiland unsere Lasten, und alles, was nnS auf dem Wege zum Leben hindert, liebevoll ab., und auf sich nimmt, so ist der nun am besten dran, und erreicht am leichtesten und geschwindesten das Ziel, der seinem guten Erloser recht viel zum Tragen auflegt, das heißt, der ihm alles, was er an und in sich selbst ist und hat, als Sünde und Unrath hingiebt, und sich wie Paulus, vor Jesu mit ganzer- H Z n6 IV.Cap. Ucber d. Zustand u.Sinn derer, Ueberzeugnng seines .HerzcnS für den größten und vornehmsten unter allen Sündern, in Demnth erklaren und niederwerfen kann, i Tim. i, iz. der es lebendig erkennt, daß das ganze Haupt krank, daS ganze Herz ohne Kraft und matt, und daß von der Fußsohle an bis aufs Haupt nichts Gesundes und Gutes an ihm zu finden ist. Jcs. i, z. 6. §. 8. So lange man das noch nicht erkennt -- oder so lange man dem Heilande nicht alles an und in sich, als sträflich, unrein und verwerflich hingeben will —- oder so lange man ihm tragen helfen will, bleibt man immer in Roth und Unruhe, und kommt nicht weiter; und diese Roth und Versäumnis ersparen wir uns, um so viel mehr, je mehr wir Sunder vor Jesu sind; Er ist nur so viel unser Heiland, Erloser und Arzt, als wir Sünder und Kranke vor ihm sind. Je mehr wir Sünder sind, desto mehr kann er uns vergeben, je mehr aber Vergebung der Sünden ist, desto mehr ist Leben und Seeligkeir. Z. Statt der Last, die der Heiland uns abnimmt, legt er seinen Nachfolgern die seinige auf, von der er versichert, daß sein Joch sanft, und seine Last leicht ist. Matth, l i, 28. 2y. Zo. Der Busenjünger Jesu erklärt diS Joch — diese sanfte Last, für die .Haltung seiner Gebote, und sagt, daß die Forderungen des Heilandes nicht schwer sind, wenn wir ein mit reiner Liebe Gottes erfülltes Herz haben. S. io. Wunderbar ist dieser Tausch der Lasten, welcher zwischen Jesu und den Seinen vorgehet; Der gute Hei- die den Weg zum Leben betreten. 117 land! Siebe doch, wie zärtlich er es mit Dir meinet! Er übernimmt Deine Lasten, die ihn vom Himmel bis ans Crentz in den schmählichsten Tod binnntcr drückten! daraus schlüße, wohin sie Dich würden gezogen haben, wenn er sie Dir nicht abgenommen hatte. Nun, und was Er Dir dagegen auflegt, ist nur ein leichtes, sanftes Joch, das Dich nicht drücken, sondern mit ihm verbunden, auf dem Wege zum Leben, in seiner Gemeinschaft und Leitung, im rechten Gleise erhalten, üben und vorwärtsbringen soll. Und konnte es Dich auch etwas drücken, so wirst Du nach genauerer Untersuchung finden, daß die Schuld allemal an Dir liegt, indem du es entweder nicht willig, oder aber nicht so trägst, als Er eS Dir nach seiner Weisheit und Liebe auflegte. Ohne dies Joch kann niemand den Weg zum Leben wandeln; der Herr legt es einem jeden ans die rechte Stelle. Willfi Du es da nicht tragen, so rückt Dir deine Ungeduld es nur auf einen Fleck, wo es Dich noch vielmehr drücken wird; Oder, willst Du es Dir ganz abschütteln, und das Creuz von Dir werfen, so wisse, das Du ein zehnfach schwereres und größeres dafür bek 0 m m st. Der Nutzen dieses Joches? O! der ist groß! so groß, daß ichs mir für Sünde rechnen würde, die Nachfolge Jesu, auch nur eine leichte Last, zu wissen, wenn er es nicht selbst gethan hätte. Der Nutzen des Joches Jesu, ist der: daß es uns sietS in seiner Nähe, Verbindung und Gemeinschaft erhält, weil wir auf dem Wege bis nach Jerusalem, gar zu viel von Jesu zu lernen haben, und dazu ist die stete Nähe und Gemeinschaft, und der vertraute Herzens-Umgang mit dem Heilande, ein seeliges Mittel. 5? z n8 IV. Cap. Ueberd.Zustand u. Sinn derer, Z. 12. Wir sollen in der Welt so seyn, wie unser Heiland in der Welt war; Wir sollen seyn eben so gcsin- net, Phil. 2, z. wie Er, so sanftmüthig, so demüthig, Matth, i i. 29. Zo. so des SinncS der Niedrigkeit, der Verleugnung, der Geduld, der Treue, und des unverbrüchlichen Gehorsams — eben so voll reiner zärtlicher Liebe und Treue u. s. w. wie er im Herzen und Leben unS zum Vorbilde geworden ist. DaS alles sollen wir nun von Jesu lernen; Und da wir von Natur zu allem, nur zu dieser großen Lection keinen gelehrigen Kypf haben, —da unser Herz in der Entfernung des Lebens, das aus Gott ist, Eph. 4, 18. so ganz von diesem Sinn des Heilandes entwöhnt ist, so müssen wir geübet werden, damit wir ihm ähnlich werden, und Cbristus in unS eine Gestalt gewinnen kann. Galat. 4, iy. ß> iI. Sehet, wir gehen hinauf nach Jerusalem, sprach Christus zu seinen Jüngern, Lue. 18, Zl. So geht auch unser Weg nach Jerusalem, was droben ist, Gal. 4,26. stets Berg an: Immer bleibt es ein mühsamer, steiler, und vcrlcugnungsvoller Weg, der uns stets zur Ucbung in der Geduld auffordert, die uns so nothig ist, wie Paulus sagt, damit wir den Willen Gottes thun, und die Verheißung cmpfahen: Ebr. 10, Zü. und der Wille Gottes bei allen Ucbnngen auf dem Wege, des Lebens ist der, daß wir seiner .Heiligung theilhaftig werden sollen, iThess.g,?. ohne welche niemand den .Herrn sehen wird. Ebr. 12,14. Z- ist- So wie unser Herz zun, neuen, heiligen, göttlichen Sinne aufgefordert und ermuntert wird, so bald wir Vergebung der Sünden und Gnade bei Gott durch den die den Weg zum Leben betreten. 119 Glauben an Issum erlangen; so muß nun dieser erlangte neue Sinn, in der Nachfolge Jesu thätig gemacht, befestigt und geübt werden, damit wir durch uud durch geheiligt, und an uuserm Geist sammt Seele und Leib unsträflich gemacht und bebakten werden auf die Ankunft unfers Herrn Jesu Christi i Tbess. 5, 2g. und das ist nun der Zweck des Joches und Kreutzes, welches wir dem Heilande nachzutragen be-- xufen sind. Luc. 9, 2Z. §. 15. Traurig ists — ein bewemungswürdiger Au stand, wenn ein Meusch den Weg zum Leben betreten hat, und nun untren der Leitung Jesu, in den vorigen Sinn und Leben wieder zurückkehrt. Je weiter wir denn schon auf dem Wege zum Aicl vorwärts gedrungen sind, je gefahrlicher ist die Aurückkchr, und der Rückfall ans der von Jesu gcnoßcnen Gnade; — ja endlich sagr -Paulus gar von einem erlangten Erfahrungszustande hoher Gnaden-Gaben und Gcnüße in der Vereinigung mit Gott: Es ist unmöglich, daß die, so einmal erleuchtet sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe, und theilhaftig worden sind deS heiligen Geistes, und geschmeckt haben das gütige Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt, wo sie abfallen, ihnen selbst den Sohn GotteS krcutzigen und für Spott halten, daß sie sollten wiederum zur Buße erneuert werden!, Ebr. 6, g. 5. 6. Ach! darum können wir nicht genug wachen und beten, uns nicht fest genug an Issum anfassen, wenn uns auf dem steilen Wege seiner Nachfolge der Muth irgend zu sinken anfangt — Darum laßt uns, lieben Brüder! die Stunden und Zeiten der Ruhe und Erquickung, die uns der Heiland schenkt, vorzüglich dazu anwenden, unfern Glauben, unser Vertrauen zu ihm, unsrc Hofnung und Geduld zu starken, 5? 4 i2c> IV.Cap. Ueber d.Zustand u.Sinn derer, damit mir halten mdgcn an der Erkenntnis der Hof? nung und nicht mankcn, und zur Zeit der Anfechtung nicht abfallen, und nicht von denen seyn, die da machen, und verdammet werden, fondern von denen, die da glauben und die Seele retten, Ehr, 10, 2Z. Zy. s. ist. So lange wir dgö Vaterland, unfern natürlichen verderbten Zustand — nicht schon so weit verlaßeu, und hinter dem Nucken haben, daß es uns ganz ans dcnz Gesicht und Gehdr ist, stehen wir stets noch in großer- Gefahr,, vor unfern machtigen Feinden, dem Teufel, i Pet. 5, 8. der Holle Es. Z, 14. und der Welt Joh. iz, iy. Und wenn wir auch unfern außer» Feinden noch so weit entflohen waren, bleibt uns dann nicht noch immer das große Heer von Feinden i n u n S selbst, übrig? so lange wir in der Behausung von Fleisch und Blut wohnen? - Z. 1?. Die Feinde nnsrer ewigen Wohlfarth, nehmen im Weitergehen auf dem Wege des Lebens, nicht ab, nur werden sie immer geistiger, folglich immer versteckter, gefährlicher und mächtiger. Die ersten offenbahren Feinde sind die, welche in der Welt durch Augen- und Fleisches-Lnst, unsere irrdische Sinne bestricken, und uns ins Verderben locken. Die zweite Classe liegt in unserm eignen Fleisch und Blute, in dem angeerbten .Hange unsers.Herzens und Willens zu alle dem, was wider Gott ist. Wären wir nun auf dem Wege zum Leben auch durch Verleugnung der Welt und ihrer Lüste den Erster» entflohen, so ruft unS Paulus zu:. Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden über dem Kampfe wider die Sünde. Ebr, 12, 4. Und wären wir auch in der Kraft Gottes übex die den Weg zum Leben betteten. 12 t diese Feinde Sieger geworden, so spricht ebenderselbe erfahrne Apostel: Seyd stark im Herrn, und in der Macht seiner Stärke! ziehet an den Harnisch Gottes, daß jhr bestehen könnet gegen die listigen Anläuffc deS Teufels; denn wir haben nicht mit Fleisch nnd Blut zn kämpfen, sondern mit Fürsien und Gewaltigen, nchm- lich mit den Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Eph. 6, 10-rZ. S> 18. Sind wir nun überall mit so vieler Gefahr umgebe», o wie sehr haben wir Ursach, ans unserer hnth zu sevn; und vorsichtig zu wandeln. Eph. 5, 1Z-17, Alle Gelegenheit zu vermeiden, die uns auf dem Wege zum Leben gefährlich werden konnte, 2 Pet. 1, 4. und uns im Glanben fest an Iesum anzuhalten, und unS auf seine Kraft und Treue einig zu verlassen. Und, wie wohlthätig und seelig ist daher sesn Joch, welches er uns darum anbietet und auflegt, um uns desto fester an ihn zu binden und unS desto gesicherter durch die Gefahrvollen Wüsten dieses Lebens hindurch zu leiten! §. iy. Auch in dieser Betrachtung wird der .Heiland unskr Friede, Eph, 2, 14. wenn wir willig sein so sanftes Joch auf uns nehmen, so wie dasselbe, wie schon gedacht, uns auf der andern Seite, den Vortheil gewähret, daß wir geläutert, geübt, gereinigt, bewährt und geheiligt werden, weil in die heilige Stadt, wohin wir gehen, kein Unhciliger eingehen darf; keiner daselbst Erbe bekommt am Reiche Christi. Eph. 8, 5. keiner die Bahn und den heiligen Weg betreten darf. Es. ZZ, 8. 5? 5 12.2. IV.Cap. Ueber d. Zustand u. Sinn derer, der »nrein an Sinn und Gewissen ist, Tit. i, iz. und weil ohne Heiligung niemand den Herrn sehen wird. Ebr. i, 12. 14. 2S. Der Zustand der Gläubigen hienieden, ist eine stcft Reise nach dem himmlischen Jerusalem, nach dem vom Herrn gegründeten Iion, wo die Elenden seines Volks, Zuflucht haben: Es. 14, Z2. weil daselbst der Herr in seiner Herrlichkeit wohnt. Joel. Z, 26. Da ist nun unser Bürger-Recht, so bald wir an Jcsnm gläubig werden, der es uns mit seinem Blut erworben hat, Epl>. 2, 12. iz. 14. Ja wir sind durch den Glauben schon Bürger mit den.Heiligen und Gottes Hausgenossen, und zwar in so fern, als unS durch den Glanben die Privilegien zum Gewinn der künftigen Bürgerschaft geschenkt sind, so wie es Gegentheils von den Ungläubigen heißt: Ihr habt keinen Thcil, noch Recht, noch Gedächtnis in Jerusalem. Nch. 2, 29. H. 21. Aber, da wir nun hier keine bleibende Stätte haben, sondern die zukünftige suchen: Ebr. iz, 14. so beschreibt David unsirn jetzigen Instand mit den Worten: Ich bin beide, Dein Bürger und Dein Pil- grim. Ps. Z9, iz. Und hierin liegt die doppelte Verpflichtung der Gläubigen: Einmal als Pilger, müßen wir den Weg durch dieses Leben, nur als einen Durchgang ansehen. Nur so viel, als wir ans der Reise nothig haben dürfen wir uns mit dem Irdischen und Weltlichen befassen; Wir dürfen uns nirgends und in keinem Dinge zu lange aufhalten, mit unserer Liebe uns mit nichts zu die den Weg zum Leben betteten. 12z fest verbinden, weil uns diS alles nur am Weiter- Geben hindern würde; freudige und drückende Umstände und Erfahrungen müssen uns gleich willkommen scyn, wenn sie uns nur weiter befordern. Wer eine Reise durch die Welt machen, und nur stets auf trockenem ebenen Wege, bei angenehmer heiterer Witterung, in anmnthigen Gegenden, und ohne alle Unbequemlichkeit reisen wollte, würde der seinen Zweck erreichen? Der Gläubige kann als Pilger dis um so weniger wollen und erwarten, da er weiß, daß wir durch viele Trübsale ins Reich Gottes eingehen müßeu, Act. 14, 2Z. ihn darf und wird bei einiger Erfahrung auf dem Wege zum Leben, dis um so weniger abschrecken, da in Ansehung aller nur möglichen abwechselnden Zustände auf unserer Reise, in der leitenden Liebe und Gnade Jesu, für die Seinen so reichlich und wohlthä- tig gesorgt ist, daß denen, die ihn nur lieben und sich kindlich und gläubig zu ihm halten, alle Dinge zum Besten und zur Beförderung ihres Heils dienen müßen. S. 2H. Es kommt nur darauf an, daß man seinem Heilande in allen Dingen von Herzen vertrauet, ihn in allen Vorfällen, wo wir in Roth und Verlegenheit sind, um Rath und um Hülfe anruft, daß man fest glaubt, daß er um alles weiß, was uns irgend betrifft und begegnet; und da ohne seinen Willen und Vorwisscn, kein Sperling vom Dach'e, kein Haar vom Haupte fällt, Matth. lo, 29.30. 1 Sam. 14,45. daß er mit verdoppelter Sorgfalt über uns wacht, über unS, die er als Schäflein seiner Weide an seiner Hand leitet, und in seinem göttlichen Herzen mit ewiger ErbarmunH trägt. Jes. 40, 11. 12-4 IV.Cap. Ueber d.Zustand U .Sinn derer, §. 2Z. Man muß nichts für klein und gering halten, bei keinem Vorfall, der uns drückend ist, wo wir uns nicht Räch wissen — niemals muß man denken, daS schickt ssch nicht, daß du in dieser Sache den Heiland angehen, und ihn um sein Verwenden bitten solltest; Ach nein! für den lieben Heiland schickt sich alles, wo man Hülfe, Rath und Trost bedarf, nachdem sein Erbarmen uns angenommen hat, die wir als Sünder doch wohl das aller Unschicklichste für ihn, den Allerhei- ligsten sind. Darum aber ist er unser Heiland geworden, daß er die Sünder annehmen kann. All euer Anliegen und Sorge werfet auf ihn: denn er sorget für Euch, r Petr. 5, 7. Ganz und in allen Dingen müßen wir ihm kindlich vertrauen, und wir werden es dann überall erfahren, daß er freundlich und gnadig und der Seele mit Hülfe nahe ist, die ihm vertraut, und sich snf ihn verlaßt. Klagl. z, 25. Z. 24. Wie viel weniger Noth würden wir wahrend unserer Pilgrimschaft erfahren, wenn wir festen Glauben und Vertrauen zu Jesu genug hatten, um ihn überall so zu benutzen, wie er sich als Heiland und Helfer, uns anbietet; Aber gewiß, wir machen viel zu wenig Gebrauch von der Seegens- und Gnaden-Fülle in Jesu, weil es unserm Herzen noch zu oft am Glauben und kindlichem Vertrauen fehlt, und wenn wir ihm auch alles mögliche Gute zutrauen, so ist das unverrückte gläubige Aufschann auf Ihn, noch immer nicht genug ein steter Zustand der Seele, und dadurch machen wir uns manche Noth, die wir vermeiden konnten und sollten. Und was gewinnen wir damit, wenn Wir es oft bis aufs äußerste ankommen lassen, ehe wir die den Weg zum Leben betteten. 125 in Noch und Verlegenheit, ein aufrichtiges, gerades und gläubiges Herz gegen den Heiland fassen? Nichts! am Ende müssen wir doch erfahren, daß wir sonst keine Hülfe haben, als an ihm dem Herrn unserm Gott. Jer. z,2Z» §. 25. Der Gläubige ist aber nicht nur Pilger, sondern darf sich auch schon hienieden als Bürger des h i m m lischen Ierusale m s ansehen, indem er durch den Glauben an Jesnm schon Theil hat, an der Stadt des lebendigen Gottes, und zu der Menge der viel tausend Engel, und zur Gemeine der Erstgebohrnen, die im Himmel angeschrieben sind, gehöret, Ebr. 12, 22. 2Z. Daher geht sein Sinn und Trachten nun nicht mehr nach dem, was ans Erden, sondern was droben im Himmel ist, Col. z, 1.2. nach dem unvergänglichen, unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das ihm im Himmel aufbewahret wird. 1 Pet. 1, 4. Dahin stehet sein ganzer Sinn, darnach ordnet er seinen ganzen Wandel; darnach mißt er den Werth und Unwcrth aller Dinge der Welt und Zeit ab: Alles, was dem Weltmenschen Glück und Gewinn ist, wird ihm nichtig; ja er achtet es nicht nur für Koth und Nichts; sondern als schädlich für ihn; Nur Jesnm Ehristnm immer mehr zu gewinnen, durch den Glauben immer inniger mit ihm verbunden, und in ihm, der unsere Gerechtigkeit ist, erfunden zu werden, — Ihn immer mehr erkennen zu lernen, seine Gotteskraft immer lebendiger zu erfahren, und seiner göttliche» Natur immer mehr theilhaftig zu werden, das ist sei» Wunsch, sein Verlangen, sein einziges Ziel, dem er nachjagt, um es zn ergreifen in der Kraft Jesu, von 4 26 IV.Cap. Ueber d. Austand u. Sinn derer/ der er ergriffe» ist, und getrieben wird, alles, was dahinten ist, zu vergessen, und sich einig nach diesem seinem Ziel, welches ihm die himmlische Berufung GotteS in Christo Jesu vorhält, auszustrecken, Phil, Z. 7 - 15- H. 26« Wer durch des Herrn Gnade, diese lebendige .Hof-' nung erlangt hat, wer seines Theils an Jesu, und seines künftigen Erbes versichert ist, dessen Wandel ist auch als Pilger hienieden, schon im Himmel, Phil. Z, 20. weil nichts verdammlichcs mehr an denen ist, die in Christo Jesu sind, und die nicht mehr nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geiste, Rdm. 8/r. weil sie mit voller Gewißheit versichert sind, daß nichts sie mehr scheiden kann, von ver Liebe Gottes, die in Christa Jesu ist, weder Tod noch Leben, weder Engel, noch Fürstenthum, noch Gewalt, weder Gegenwartiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine Kreatur. Rom. 8, Z5 - Zy. S. 27. In diesem Sinn und in dieser Glaubens-Gewißheit, ist man, ob zwar nur in der Hoffnung, dennoch aber schon sehr seelig hienieden! Rom. 8, 24. man erfahrt es, was der liebe Heiland sagt: Seelig sind, die nicht sehen, und doch glauben. Joh. 20, 29. Die Gewißheit der Hoffnung des Christen, ist dennoch weit fester und unwiderlegbarer, als alle mathematische Beweise es für die Erkenntnis unserer Vernunft sind; weil der Christ einen doppelten Anker seiner Hoffnnng hat, der nicht wanket — einen sichern und festen Anker der Seele, der bis ins Inwendige die den Weg zum Leben betreten« 12^ des Vorhangs, ins Allerheiligste hingehet, wohin Jesus für uns hingegangen ist. Ebr. 6, 18-20. 28. Diese Gewißheit macht den Gläubigen ruhig, heiter und frvlich; macht ihn geduldig , gelassen und ergeben in die Wege Gottes, auf welchen er ihn zu seinem Ziele hinführet. Dein Reich komme! Dein -Wille geschehe! Das ist das Symbolum seines Herzens, in welchem sich seine ganze Seele mit allem Verlangen, Begehren und Hoffen, als auf einem Punct vereinigt. Da achtet man auch aller Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht Werth, die an uns künftig offenbahret werden soll. Rbm. z, 18. Vielmehr freuet man sich seiner Leiden, Col. 1, 24. — denn man darf mit Paulo sich der bcsceligenden Erfahrung rühmen: Gleich wie wir des Leidens viel haben, also werden wir auch reichlich getröstet durch Christum. 2Cor. 1, z, 7. rPet. 5.1. Und eben diS fröhliche Herz macht, wie Salomo sagt, daß man sich in seinen Leiden zu halten weiß, Sprw. l8, 14. daß man den Mnth nicht sinken laßt, sondern sich dabei so verhalt, daß der Wille Gottes mit nnS »rreichr werden kann. H. 29. Wenn ich das einmahl von Herzen glaube, daß ich nach meiner ganzen innern und äußern Lage, ein Gegenstand der Gnade und Erbarmnng Jesu, und seiner Leitung und Führung bin; Wenn ich es von Herzen glaube, daß er mich weit inniger, herzlicher und zärtlicher liebt, und für mich sorgt, als ich nach aller Zärtlichkeit mein Kind lieben, und für dessen Wohl sorgen 128 IViCap. Ueberd. Zustand U .Sinn derer, kann; so darf und kann ich nun nicht anders, als alles, was mir irgend auf meiner Pilgrimschaft freudiges und trauriges begegnet, als von der 5? and meines lieben Heilandes so grade hin annehmen, sonst versage ich mir im Leiden, den einigen Trost, der den Frieren der Seele aufrecht erhält, und int freudigen Genuß würde ich nicht dem allein mein Freuden-und Dank-Opfer bringen, der doch allein die Quelle aller Freude, Ruhe und alles Wohlseyns ist. S. Zo. Aber es fällt schwer! Ach es kostet Kanlpf und Verleugnung, che unser Auge diese» einfältigen unverwandten Blick auf den Heiland bekömmt; denn er ist unfern: natürlichen gewohnten Sinn zu sehr entgegen, so daß er nur mir Verleugnung unserer selbst und der Welt erlangt und bewahrt werden kann. Wir sind Z. B. gewohnt, in Ansehung aller Noth, Trübsal, Beleidigungen :c. die uns im Leben von außen her begegnen, uns bei den Menschen aufzuhalten, durch die uns dergleichen zugefügt werden, anstatt daß sie nur Werkzeuge sind, deren sich Gottes Zulassung bedienet, um unfern Glauben, unsere Geduld und Anhänglichkeit am Herrn z» üben; und ist die Folge dieses Blicks auf die Werkzeuge unserer Trübsale nicht die Wurzel nn- zäliger neuer Unruhe, Noth und Versündigungen wider das Geboth der Liebe, Sanftmuth und Demuth, nach welchem wir auch unsere Beleidiger mit Liebe zu behandeln, verpflichtet sind? — Thun wir da nicht oft das im Unwillen, waS nicht Recht vor Gott ist ? Jac. i, 20. indem wir in den Stein beißen, mit dem wir geworfen werden? — Nein! so dürfen begnadigte Kinder Gottes nicht mehr denken nnd thun! Genug sie wißen, daß sie auf dem Wege zum Leben, geübt, geläutert die den Weg zum Leben betreten. 12.9 läutert und von den Schlacken des natürlichen, unreinen Sinnes, gereinigt werden müssen, um der Heiligung theilhaftig werden zu können, und daß dazu allerlei Arten der Leiden und Trüdsale innen so nochwendig und unentbehrlich sind, als es das tägliche Brod zur Unterhaltung des natürlichen Lebens ist; Und da kommt es ihnen nicht sowohl darauf au, durch wen ihnen die Gelegenheiten zu ihrer Uebuug gegeben werden, als vielmehr darauf, daß sie solche nach dem Willen Jesu, zu ihrem Heile recht benutzen. Man sieht oft, daß sich auch begnadigte Kinder Gottes mancherlei Noch selbst machen, deren sie nach unserer Meinung eutübrigt seyn können. — Ja oft erkaufen wir uns Noch und Leiden mit vielem Gelde, und bezahlen das sebr theuer, was wir alsdann als eine drückende Last hinweg wünschen: Aber man darf sich darüber nicht wundern; Wann uns andere keine Leiden verursachen; so läßt es der Heiland zu, daß wir uns selbst in allerlei Noch bringen, eben darum, weil es zur Beförderung unseres Heils uothig ist; Darum, weil Du Gott lieb wärest; so mußte es so seyn, sagte der Engel Raphael zum Tvbia, ohne Anfechtung konntest D» nicht bleiben, auf daß Du bewähret würdest. Tob. 12, iz. §. Z2. So stachlicht dieser Baum der Leiden und Anfechtungen ist, von welchem der Ehrist Früchte sammlcn muß; so herrlich sind doch die Früchte, die er von ihm tinärndtet. Hier sind einige dieser seeligen Früchte, die izo IV.Cap. Ueber d. Sinn u. Zustand derer, uns die Schuft nennt: Wir werden dadurch im Glauben und in der Geduld bewähret, i Pet. i, 6. 7. Wir werde» in Gottes Worte und dessen heilsamen Verstände gcübet: Pf. 119, 6. 7. 71. 92. Wir werden in der Hofnung befestiget Rbm. z, Z. 4. und in der Todtuug des sündlichen Fleisches befördert: 2 Cor. 4,16. Cap. 12,7. 10. und lernen desto bester die böse Frucht der Sunde erkennen; Jerem. 4, 18. Wir lernen aufs Wort der Gnade in uns merken. Es. 28, iy. worauf die Verheißung gegeben ist, daß unser Friede wie Wasserbäche, und unsere Gerechtigkeit, wie MeereSwcllen seyn oder werden soll. Es. 48, 18. Und endlich, unter vielen und andern Vortheilen, welche der Christ von Anfechtungen und Leiden hat, heißt eS: Seelig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet: den» nachdem er bewähret ist, wird er die Krone des Lebens empfahcn. Iac. 1, 12. §. 3Z- Das Kapitel von Leiden, Trübsal und Anfechtung ist eines der wichtigsten für diejenigen, welche in der Nachfolge Jesu den Weg zum Leben gehen wollen, mit welchem man sich nicht genug bekannt machen kann; Da uns die Sünde noch immer anklebt, so müssen wir auch immer Züchtigung erdulden, und das Creuz Christi tragen, damit wir die Welt nicht lieb gewinnen. Nicht nur willig und ergeben zu leiden, sonder» auch würdig und Jesu ähnlich leiden, so daß er auch durch unsre Leiden geehrt und gepriesen werde — dies ist die hohe heilige Wissenschaft, die die Nachfolge Jesu allein lehret; Es ist die Lecrion, an der wir in der Schule des Heilandes täglich zu lernen haben, bis es auch dereinst einmal von uns heißen wird: Diese kommen aus großem die den Weg zum Leben betteten, izt Trübsal, und haben ihre Kleider helle gemacht, im Blute des Lammes. Ostend. 7, 4. „O Heiland der Welt, der du uns auf dem schma- „len, dornichtcn Wege zum Ziel vorangegangen bist, „laß auch mich Dir auf demselben, im Glauben und „Geduld nachfolgen! Zeuch mich nach Dir, so lauste „ich den Pfad des Lebens! Hohel. 1, 4. wäre es „auch durch stetes Kreutz und Leiden, wenn ich Dir, „nur nachfolge — wenn ich Dir meinem einigen Ziele „nur naher komme! Nimm Dir dadurch nur im- „mer mehr und völliger mein Herz hin! gern will „ich meinen Augen Deine Wege Wohlgefallen las- „sen, Sprw. 2Z, 26. Und wenn ich nur Dich „habe, so frage ich nicht nach .Himmel und Erde, und „ob mir Leib und Seele verschmachtete, so bleibst Du „doch meines Herzens Trost und mein Theil! Psalm »73' 25. Und ich lauste den Weg deiner Gebothe; „bis zum Ziel meiner Vollendung, freudig, ruhig und „seelig, wenn Du, wahrend meiner Reise, durch die „Wüste zum himmlischen Jerusalem, mit Deiner Gnade „und Huld mein Herz tröstest und erguickest. Psalm. .. iiy, Z2. „Binde mich nur durch Dein sanftes Joch, recht „fest an Dich; Setze mich wie ein Siegel auf Dein „ göttliches liebevolles Herz! Hohel. 8, 6. Was kann „mich Dir dann entreißen? WaS kann mich von Dir „scheiden? Und so mag meine Reise wahren, so lange „wie Du willst, sie wird mich doch zum Ziele an den „Ort hinbringen, wo ich ewig bei Dir und mit Dir „seyn werde! Nur EinS, bester Heiland! gewahre mir! „einst am Ende meines Lebens, Ach! da zerreisse „nicht die Bande, womit meine mir Deinem Blute erkaufte Seele, an de» Leib deS Todes angebunden ist, I 2 iz2 IV.Cap» Ueberden Sinn u. Zustand „sondern löse sie mit Deiner liebevollen sanften Hand, „sanft auf, und sey mir dann nicht schrecklich, Herr, „meine Zuversicht, in der letzten Noth, Jerem. 17,17. „sondern laß mich Dein Kind, in Deinen Armen sanft „entschlummern! und im Frieden zur Ruhe der Gerech- „ten eingehen! Fünftes Capitel. Etwas ü b e 5 die Nachfolge Jesu. K. i. ^s ist in der Welt nichts so sehr verkannt, als ein Kind Gottes, weil so wohl die Ursachen, als der Zweck seines Denkens und Handelns, — weil sein ganzer Sinn von dem Sinne der Welt - Menschen verschieden ist. Diese denken und handeln nach dem Triebe nnd Znge des Geistes dieser Welt, welcher sein Werk in ihnen hat; Eph. 2, 2. Die Kinder Gottes aber werden vom Geiste Gottes getrieben, Rom. 8, 14. und weil sie dem Herrn anhangen und ein Geist mit ihm sind, 1 Cor. 6, 17. so ist ibr ganzer Sinn anch geistlich, himmlisch nnd gottlich. Die Welt, welche den Geist aus Gott nicht empfangen kann, und nicht hat, vermag daher anch nicht, geistliche Sachen geistlich zu benrtheilen und zu richten, 1 Cor. 2, 25. und eben darum auch nicht den Sinn und das Thun der Kinder Gottes; Diese denken und handeln nach der Kraft der neuen Geburt, die unser Herz, Geist, Sinn und Gemüth ganz verändert, umkehrt und erneuert, Eph. 4, 2Z. nusern ganze» Wandel heiligt, und uns zu neuen Menschen machr, die nach Gott geschaffen sind, und gebildet werden, mithin sind sie von der Welt verkannt, und sind ihr ein Gegenstand der Gleichgültigkeit, oder des Anstoßes und Acrgcrnis- ses, oder des Spottes, der Verachtung, der Lästerung und Verfolgung. Ä 4 zz6 V. Cap. Etwas über S. 2. Und dis ist eine neue Quelle von außen, aus welcher dem Glaubigen hidniedcn mancherlei Leiden zu- stiesscn, wodurch die Nachfolge Jesu zu einem Kreutzes- Wege wird. Es gehet so ganz natürlich zu, daß wir in unzähligen Dingen mit der Welt in Collisionen kommen müßen, daß es vielmehr ein schlimmes Zeichen wäre, wenn wir dergleichen nicht erführen, und unser Chrisienrhum und den Glaubens-Pfad, ohne allen Anstoß, ohne Widerstand von den Weltlichgesinnten, zu treiben und zu gehen uns rühmen wollten. Ach nein! Ein jeder, der sich von Herzen zum Heilande bekennt, seinen Sinn angenommen, und sich zu einem wahren heiligen Leben, Sinn und Wandel, vor Gott hingegeben hat, muß eS für sein Theil erfahren, daß ihn die Welt hasset, darum, weil, wie der Heiland sagt, er nicht mehr ihres Theils ist, und weil die Welt nur das Ihre lieben kann — Jvh. 15, 19. so wie Gegcn- theils die Frommen nur Lust an den Frommen haben. Sprw. 14, 9. daß wir darum in der Welt mancherlei Angst, Noth und Widerstand erfahren müssen, so bald wir uns ihr nicht mehr gleich stellen, sondern durch die Gnade verändert sind, durch Verncuerung unseres Sin« lies, Rom. 12, 2. Z. Wir dürfen zwar nicht mit der Welk, doch aber müssen wir in derselben leben; Die verschiedenen irdischen Berufungen und Bestimmungen, die wir haben, machen daher wegen der unvermeidlichen Verbindungen mit der Welt, den ungestörten Fortgang auf dem Lebens-Wege dem Einen freilich leichter, als dem andern. Mancher muß oft Zeitlebens mit Menschen in Verbindung seyn, die wegen ihres weltlichen Sinnes und Wesens, ihm seinen Sinn und Gang ganz ungemein er- die Nachfolge Jesu. 1)7 schweren, und seinem schnellen Fortgänge überall Widerstand entgegen setzen, während daß ein anderer das Glück genießt, auch nach seiner änßern Lage mit Kindern Gottes in Verbindimg zu seyn, die ihm durch ihren Sinn und Wandel immer mehr Aufforderung in der treuen Nachfolge Jesu werden, die chm seinen Fortgang aus dem Wege des Heils erleichtern, und seinen ungestörten Friedens - Genuß im Umgänge des Herzens mit Jesu, zu vermehren bemühet sind. Z. 4. Eine unbeschreiblich große Gnade ist eS für den, welchen der Herr in solche Verbindungen auch von aussen setzet, wo er weniger Hindernisse im Betrieb des Werks seines ewigen Heils findet — wem der Herr die Mittel und Wege so ordnet, baß er mehr von der Weltabgeschieden, sein Leben in nähererBerbindung mit Kindern Gottes zubringen kann. Aber, wenn dis nun der Weg, den Dich der liebe Heiland führet, nicht ist, wenn Deine ganze äußere Verfassung eS nicht znläßt, alle Dich drückenden und Deinem Herzen lästigen Verbindungen mit der Welt aufzuheben, so muß Dich das nicht beunruhigen — nicht unzufrieden mit seiner Führung machen, denn alle Wege des Herrn sind eitel Güte und Wahrheit — sind alle zur Beförderung unserS wahren .Heils abzweckcnd, wenn wir nur seinen Bund und Zeugnis halten, Ps. 25,10. wenn wir ihm nur treu sind, und nur stets seine Wege gehen, wenn wir nur mir einem in seinen heiligen Willen kindlich ergebenen Herzen, nach dem Zweck seiner Wege mit uns, forschen, und stetS dasjenige sorgfältig bedenken und benutzen, was zu unscrm Frieden dient. Lue. y, 42. ö. Z. Lieber Bruder ! der Du irgend in einer solchen Lage bist, die Dir drückend ist; der Du irgend Wege gelei- I 5 iz3 V. Cap. Etwas über tet wirst, die dem Verlangen Deines Herzens entgegen zu seun scheinen, nach welchem Du ganz und einiger, und nngestohrter, nur für Deinen Heiland zu leben wünschtest, laß uns über diesen Gegenstand mit einander ausreden! denn stehe, der Herr ist gerecht in allen seinen Wegen, Ps. 14z, 17. Er leitet die Elenden recht, Ps. 25, y. Er kennt die Tage der Frommen Ps 37, 18. und weiß und ordnet und leitet alles, waS sie betrift; daher müßen wir einmahl über seine Wege mit uns, so denken, daß Er recht behalte in seinem Worte, welches den Schaflcin seiner Heerde verheißt, daß er sie mit seinen Augen leiten, Ps. 32, 8. keines verlassen noch versanmen, Ebr. 13,5. sondern ein jedes unter ihnen führen und pflegen will, wie es recht ist, Hesel.- Z4, 16. — Wir müssen die Absicht seiner Wege mit uns so erforschen, damit er rein bleibe, wenn unser Herz ihn, über sein Thun mit uns richtet, Ps. 31, 6. Und übrigens in Ansehung unserer selbst, ist es doch auch ein seeligcs Theil, wenn wir unfern Augen, mit einem hingegebenen Herzen und Willen nicht nur die Wege des Herrn gefallen lassen, Sprw. 23, 26. sondern auch, wenn wir sie mit einem freudigen Herzen gehen; — Wir müssen unter allen Umstanden ein Herz haben, welches mit Dankbarkeit gegen den Heiland erfüllt ist, und wir werden eS so lange nicht haben, als wir uns nicht allewege im Herrn freuen, Phil. 4, 4. in Ihm frölich seyn, und sagen können, hochgelobet sei der Herr, Ps. 70, 5, S- 6. Damit wir nun sowohl unser» liebevollen .Heiland «icht mit Unzufriedenheit beleidigen, als auch uns selbst nicht den Genuß des Friedens und der Nnhe versagen und stdhren, den wir in seiner Leitung haben sollen die Nachfolge Jesu.' 1Z9 und können, so will ich Dir in einigen kurzen Sätzen sagen, was mir der liebe Heiland nach nnd nach darü- Iber hat klar werden lassen, worauf es bei uns eigentlich ankömmt, daß wir bei allen Führungen des Herrn, dennoch ein freudiges Herz zu ihm haben können, und wie wir gcsinnet sepn müssen, daß er seinen heiligen Zweck mit uns überall erreichen könne. §. 7' Die .Hauptsache ist, daß man nichts so sehr zu erlangen sich bestrebe,' als ein recht kindlich gesinntes Herz, was feinem Vater alles Gute zutraut, und in diesem Vertrauen, sich auch ganz einfältig alles gefallen laßt, was er mit ihm zu thnn für gut befindet. Wir müssen in der That umkehren, und wie die Kinder werden, Matth. 18, Z. wenn wir euren wahren Herzens-Genuß am Reiche Jesu Christi haben wollen, welches Friede und Freude im heiligen Geiste ist. Rom. 14, 17. §. 8. Nicht alle, die dem Herrn Jesu nachfolgen, thun es überall mit Freuden; Diese erschweren sich dadurch ihren Gang ungemein, und genau untersucht, liegt es blos daran, daß es ihnen noch an dem graben einfältigen Kindessinn mangelt; denn so lange das Herz nicht von allen vorgreissenden Prätensionen an den Heiland, von allem Richten und Klügeln über sein Thun mit unS abgestimmt ist; — so lange wir den Blick nicht grade ans den Herrn und seinen Willen mit uns richten, sondern seitwärts umher schielcu, nnd denken: ja, wenn ich den Gang gehen könnte, den dieser oder jener an der Hand deS Heilandes gehet! — wenn ich in dieser oder jener Verbindung mit Menschen, in dieser oder jener äußern Lage wäre! —- iHO V. Cap. Etwas über Wenn mir alles so leicht gemacht würde, wie diesem oder jenem sein Fortgang in der Nachfolge Jesu gemacht wird n. d. m. — So lange wir noch so denken, haben wir den Kindes-Sinn, den der Heiland von NnS fordert, noch nicht erreicht, und unser Herz kann so lange auch nicht mit aller Freude und Friede im Glanben erfüllet werde», Rom. iz, iz. die doch eine Frucht des Geistes, der wahren Liebe und des ganzen Vertrauens zum Heilande sind, Gal. z, 12. S, y. Und wäre eS nun auch, daß dieser oder jener unserer Bruder und Mitberufenen, auf seinem Wege weniger Noth, Kampf, Widerstand von Menschen, weniger Stohrnng, Leiden und Widerwärtigkeit zu erfahren hatte — wie wohl wir uns hierinn nur zu oft irren, indem viele begnadigte Kinder Gottes, im Stillen und Verborgenen, manch schweres Ercutz ihrem Heilande nachtragen, welches oft niemand, als Er und sie kennt und erfahrt, so wenig als im Gegentheil, den seeligcn Genuß, den sie auch im Verborgenen am Herzen Jesu haben — ich sage, wäre eS auch, daß Andere einen leichtern und ruhigern Weg, als wir, geführet würden, so fragt Paulus: Wer bist du denn, v Mensch, daß du mir Gott richten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst dn mich also? Rbm y, 20. 21. Ä, 10. Statt dessen halte ich es für ein Kind Gottes geziemender und vortheilhafter, wenn es so denkt: Ich bin verdorbner, unreiner, schwächer im Glauben, im Vertrauen, und in der Liebe zu Jesu, als dieser und jener meiner Brüder, darum muß ich mehr Züchtigung, mehr Ucbung und Läuterung haben, und daher meint die Nachfolge Jesu. 141 es der Heiland ja sehe gut mit mit, daß er mich Wege führt, die dazu abzwecken, mich zu einem Kinde nach seinem Herze» zu bilden und zu erziehen. Ich will ihm also recht dankbar dafür seyn, und mich auch da seiner Gnade erfreun, wo er mich auf rauhen Wegen zu leiten, für gut befindet. Für mich und mein .Heil giebt es nur einen Weg, welcher der beßte und sicherste zum Ziel ist, und das ist der, den er mich leitet; Alle übrige sind bester für andere, aber nicht für mich; WaS mich drückt, soll mich demüthig machen. Jeder Widerstand im Fortgange ans meinem Wege, soll mich fester im Glauben, treuer in der Liebe zu Jesu machen. Je mehr Aufforderungen ich in der Verbindung mit der Welt habe, dem angenommenen Sinne Jesu uutreu zu werden, desto fester soll mich das an ihn anschlügen — desto gegründeter und eingewurzelter durch die Liebe und den Glauben, und dessen unverbrüchlichen Gehorsam Eph. Z, 17. soll es mich in ihm machen. Jedes Trübsal, welches es sei, und woher cS auch komme, soll mich g edu ldig machen, Rom. Z,z. damit ich lerne den heiligen Willen des Herrn vollbringen, und seiner Verheißungen theilhaftig werde, Ebr. IO, z6. — eS soll mich desto mehr antreiben, bei ihm allein meine Hülfe und Zuflucht zu suchen, mich gelassen und ergeben in seinen Willen zu machen, und auf ihn mein ganzes kindliches Vertrauen zu setzen. Da eS eine feststehende Regel ist, daß alle, die gott- seelig leben wollen in Christo Jesu, Verfolgung leiden müssen, 2 Tim. Z, 12. So will ich alle Verfolgung, Verachtung und Widerstand der Welt, als Zeichen meines Thcils an Jesu, ansehen, mit Freuden annehmen, und für mein Heil benutzen. Kann ich meine Zeit und mein Leben nicht ganz so dem Heilande widmen, wie ich gern wollte — muß ich, statt in der Verbindung mit denen, die seines Sin- 142. V. Cap. Etwas über neö sind, in der Verbindung mit Weltlichgesinnten leben, so will ich es als einen hohen Beruf ansehen, durch meinen Sinn, Leben und Wandel, ein Licht unter ibnen — ein Zeuge der Gnade und Kraft Jesu in mir zu seyn, und seinen Nahmen zu bekennen und zu verherrlichen; Und diesen hohen heiligen Beruf, will ich mit Freuden erfüllen, auch wenn ich mich als ein abgesondertes geringes, uubcmcrkbarcS Gräschen ans dem Felde betrachten müßte, das auf niemanden harret, und keines Menschen erwartet, Mich, z, 6. Vielmehr soll mir daS tröstlich seyn, der unmittelbaren Pflege, Vorsorge und Führung des Heilandes gewürdiget zu werden. §. li. Ich mein«, wenn unser Herz so gestimmt ist, wenn «hin alles recht ist, was der Heiland mit uns thut, und wie er unS führt, so muß uns alles zum Beßren, zur Beförderung unsers Heils dienen, Rom. 8, 28- Und wir genüßen überall den ungestörten Frieden Gottes in d'er Seele, welcher das Zeichen der Kindschaft durch Jcsum ist. So lange wir noch zu sehr unfern Blick darauf richten, wie uns der Heiland im Verhältnis gegen andere leitet, und uns bei dem Unterschiede seiner Wege mit uns gegen andere, wohl gar mißmüthig aufhalten, so werden wir nie zum vollen Genuß seines Friedens gelangen; denn nicht darauf kömmt es an, wie Er uns führet, sondern darauf, daß wir fest glauben, und dieses Glaubens uns kindlich erfreuen, daß der Heiland einen jeden insbesondere auf den nächsten und beßtcn Wegen zum Ziel unserer himmlischen Berufung mit ewiger Weisheit und Liebe, leitet. die Nachfolge Jesu» Z4Z §, 12. Zum reinen kindlichen Sinn in der Nachfolge Jesu gehört auch, daß man sich des natürlichen Hanges zum Außerordentlichen und Sonderbaren, ganz begiebt. Zur Erläuterung dessen, was ich hier meine, führe ich die Geschichte des syrischen Feldhauptmanns Naeman an. Dieser war aussätzig und durch anderweitige Empfehlung an den Propheten Elisa gewiesen worden; welcher ihn auch von seiner Krankheit heilen wollte. Als er nun mit Roß und Wagen, seinem hohen Stande gemäß, vors Haus Elisa kam, und sich bei ihn, anmeldete, dieser aber ohne weitere Ceremonie ihm herab sagen ließ: Gebe hin und wasche Dich siebenmahl im Jordan, so wird Dir dein Fleisch wieder erstattet und rein werden; so war ihm das Mittel zu seiner Genesung, dieser Weg der Hülfe zu einfältig; Er erwartete vom Propheten eine umständlichere, sonderbarere, auffallendere und ausgezeichnetere Behandlung; daher erzürnte er, zog weg und sprach: ich meinte, er sollte zu mir herauskommen, zu mir treten, den Nahmen Gottes anrufen, und durch Handauflegen den Aussatz abthun. Er meinte, um sich im Wasser zu baden, und auf diese Art rein zu werden, hätte er der Weitläufigkeit nicht erst ndthig gehabt, sich vom Propheten in den Jordan verweisen zu lassen, da es anderwärts bessere Wasser, als den Jordan gäbe. Aber da ihm endlich seine Knechte zuredeten: Lieber Vawr! wenn Dich der Prophet etwas Großes geheißen hätte, solltest Du es nicht thun? wie vielmehr mußt Du es rhun, so er Dir das geringe Mittel räth. Dich im Jordan zu waschen, — Da that er es endlich, und ihm wurde geholfen. 2 Kön. 5, 1-1Z. 144 V- ^p. Etwas über §. iz. Grade so wie Naeman machen wir es nur alzu oft. Wir spannen unsere Erwartungen in der Leitung des Heilandes, nur zu leicht auf außerordentliche Dinge, besonders dann, wenn etwa unser Auge der Erkenntnis schon einiger tiefern Blicke gcwürdr- get worden ist. Da sind wir denn wohl, nach dem siolzen Sinne unseres Herzens, der Meinung und Erwartung fähig, daß der grade, simple und einfältige Glanbensweg, auf dem der Heiland diesen oder jenen zum Ziel des Heils hinführet, für uns nicht schicklich genug, und zu einfach sey! Man erwartet im Blick auf die Gnaden-Gaben und auf die Erfahrung,, deren uns der Herr vielleicht vor manchen andern unsrer Nebenbrüder gewürdigt, auch gewisse Vorzüge in seinem Thun mit unS; anstatt, daß uns eben dieses alles zur Erkenntnis unsrer Unwürdigkeit vor ihm, und zu desto tieferer Demuth hinleiten sollte, welche macht, daß das arme Sünder-Herz sich an der Gnade Jesu begnügt 2 Cor. 12, y. und sich auch der Erbarmung unwürdig achtet, womit er die allergeringsten, ärmsten und schwächsten unter der Heerde seiner erlose- ten Schäflein leitet, und nach der er auch den Mdrder am Creutz noch zu Gnaden annehmen konnte. Z. 14. Dieser Sinn ist eine Wurzel, die mancherlei bbsö Früchte hervorbringt — die schlechterdings ans einem Herzen ausgerottet werden muß, welches bei ihm, und in seiner Leitung, wahre Nuhe der Seelen, und den vollen Genuß seines göttlichen Friedens sucht. Erst alsdann lassen wir uns alle seine Wege Wohlgefallen, die er uns so wohl überhaupt, als unter allen Umständen insbesondere, zu unserm Heile zeigt und leitet, und ersparen dem guten Jesu die Betrübnis, und die Nachfolge Jesu. 145 und uns selbst die Noch und das Herzeleid, welches wir erfahren müssen, wenn wir Ihn in Versuchung führen, indem wir von der Bahn des kindlichen Glaubens abweichen, und mit vorgreifenden Pratensivnen, Eingriffe in die Weisheit seiner Wege thnn. §- 15- Laß uns noch etwas bei der Betrachtung dessen verweilen, wodurch wir so gleicht veranlaßt werden, vom graben Wege des Glaubens, des kindlichen Vertrauens, und reinen Sinnes gegen den Herrn abzuweichen, und Vorgriffe in seine Gnade zu thnn. Nach jener Erzählung vom Nacman sind wir oft mit ihm in gleichem Fall, daß wir in Noch und Verlegenheit dem Heilande, die Art seiner Hülfe vorschreiben, und wenns da nicht nach unserm Willen geht, nicht alles so erfolgt, als wir unö eingebildet haben, im Glauben an den Herrn wankend, und unzufrieden mit ihm werden. Ein wahres Kind GotteS soll lind darf sich in aller Noch und Verlegenheit, welche sie auch sei, an den Heiland wenden; und kann sich auch allemahl seiner Hülfe und Unterstützung gewis versichert halten; Aber, das darf es sich nie erlauben, zum Heilande zu sagen „Hilf mir so und so, mache eS mir mir auf diese oder jene Art; fübre mich aus meiner Verlegenheit heraus! Sondern: Herr! hilf mir! Herr zeige mir deine Wege, Ps. 2z, 4. DiS war die Sprache aller Hülföbe- dürstigen, die in denen aufgezeichneten Beispielen im E'vangelio zu Jesu kamen, und seiner Hülfe cheilhaftig wurden. H. t6. Wenn ich diese verschiedenen Leidenden ansehe, und die verschiedenen Arten und Mittel, durch welche ihnen der Herr half, so ist mirs ausgemacht, wenn ei» jeder von ihnen die Art und Weise dem K 146. V. Cap. Etwas über Heilllnde hatte bestimmen wollen, wie er ihm helfen sollte, so würde diese wohl selten oder nie mir der Weise übereingekommen, und die Mittel und Wege würden nicht diejenigen gewesen seyn, die der Heiland erwählte > und welche doch alle so simpel und kurz für das Heil des Leidenden waren, daß manchem nicht geholfen worden seyn würde, wenn er sich die Wege und Mittel Jesu, nicht hatte gefallen lassen, oder-auf der Art von Hülfe hatte bestehen wollen, die er von Ihm etwa erwartet hatte. S. i?' Um den Menschen zu zeigen, daß der grade einfältige Glaube und daS uneingeschränkte Vertrauen zu seiner ErbarmNng und Macht, das einige Bedürfnis auf unserer Seite sei, und daß wir uns übrigens seinem Willen, w i e er uns Helsen nud leiten will, schlechthin unterwerfen, und unfern Augen seine Wege mit uNs Wohlgefallen lassen sollen, so ging Heiland zum Beispiel nicht erst nach Capernanm zu dem Kranken, dessen Vater dem Herrn Jesu sehr dringend anlag, daß er bald kommen sollte, weil sonst sein Sohn stürbe. Der Heiland ging nicht; vielmehr, nachdem er dem Vater Vorwürfe darüber gemacht hatte, daß sein Glaube nicht rein wäre, weil er Zeichen und Wunder begehrte; sagre Er ihm: Gehe hin. Da er nun an dis Wort Jesu einfältig glaubte, und wider seinen Weg der Hülfe nichts einzuwenden hatte, so erfuhr er schon die Hülfe Jesu an seinem Sohne, noch eh er nach Hause kam, indem seine Knechte ihm entgegen kamen und versicherten, daß sein Sohn lebe! Und nach genauer Untersuchung der Umstände fand sichs, daß der Todtkranke in cbend emselben Augenblicke genesen war, als der Vater dem Worte Jesu geglaubt hatte. Ivb. 4,47-54. die Nachfolge Jesu. 147 S. 18. Fernes, um die Mensche» von der Weisheit und Verschiedenheit seiner Wege zu ihrem Heile zu überzeugen, um sie zu belehren, daß Seine Wege nicht die unsrigen sind, und wie sich seine Gnade und Hülfe an nichts binde, so heilte er oft einerlei Krankheiten durch verschiedene Mittel, und half einerlei Art von Elend und Noth ans ganz verschiedene Weise ab. I.E. zu dem einen Blinden sagte Jesus blos, sei sehend. Dein Glaube hat Dir geholfen, Marc. ic>, 52. andern hingegen rührte er die Augen an, Matt.9,29. und ein andermahl spützte er auf die Erde, machte einen Koth ans Speichel, schmierte solchen auf des Blinden Augen, und befahl ihm, in den Teich Siloha sich baden zu gehen, u. d. in. Joh. y,6. 7. Die Mittel und Wege waren verschieden — aber alle Leidenden erhielten Hülfe, die im Glanben und Vertrauen zu Jesu sich rathen ließen und seinem Willen kindlichen Gehorsam leisteten. §. 19. Ach! wie viel geHort dazu, wenn wir unser Herz durch die Bemühungen der Gnade zur wahren und ganzen Hingabe an den Herrn, zur kindlichen Einfalt, Ergebenheit und zum Gehorsam gegen ihn, bilden lassen! Wenn wir als begnadigte Kinder Gottes noch immer so viel zu klagen haben, so ist die Ursache mehrenthcils, weil eS uns noch immer an dem reinen, kindlichen Sinn, an dem ganzen Vertrauen, und an der uneingeschränkten, gläubigen Hingabe unsers Herzens und Lebens an den Herrn mangelt. Wir verrathen mit jeder Klage über das, was uns in der Nachfolge Jesu etwa drückend und lästig scheint, daß wir ihm noch nicht willig genug nachfolgen, daß es uns noch an der reihen Liebe, an dem festen Glauben und Vertrauen zu ihm fehlt; — Wir verrathen Unzufriedenheit mit der Führung des Herrn, anstatt daß wir uns seiner Wege, seiner stets über uns waltenden Gnade, und al- K s 148 V.Cap. Etwas über die NachfolgeJesu, les seines Thuns mit uns stets mit Preis und Anbetung erfreuen sollten. §. 20. Und, o mein Herz! ist das nicht Untreue gegen den, der Dich so unaussprechlich gelicbet hat? und fortwährend liebt? Schäme Dich derselben! beuge Dich in tiefer Schaam und Demutll vor Deinem Heiland, und ruhe bei jeder dergleichen Untreue, womit Du sein göttliches Herz betrübest, — ruhe nicht eher, bis Du im tiefen Gefühl Deiner Unwürdigkcit seiner Treue und Geduld, Vergebung erhalten hast, und durch die Freude am Herrn, Deinen Glauben, und Deine kindliche Hingabe an ihn, so gestärkt fühlest, daß Dir nun alles willkommen ist —> daß Du alles für lauter Liebe, Güte und Erbarmen von Ihm, und für Heil und Seeligkeit annimmst, was er nur irgend mit Dir, innerlich und äußerlich zu thnn für gut befindet, während daß Du noch mit Ihm auf dem Wege zum vorgesteckten Ziele Deiner himmlischen Berufung wandelst. Z. 21. Dieser Sinn in der Nachfolge Jesu, erfordert tägliche und fortgesetzte Uebnng; täglich erneuerte Treue und Hingabc an ihn, und täglich erstellte neue Gnade, weil mir zu aller Zeit, und in allen Lagen und Umständen, Veranlassungen finden und haben müssen, die unsern Glauben üben, uno unser Vertrauen zum Herrn befestigen; dadurch giebt uns die Gnade Kraft, stark zu werden am inwendigen Menschen Eph. z, 16. Je crgebe- bener wir so nach Herz und Willen, an den Herrn werden, je leidender wir sind, und je stiller wir in derHof- nung aufde» Herrn in allen Dingen werden, desto stärker werden wir in Ihm. Esaia zo, 15. In diesem Sinn, sagt Paulus, wenn ich schwach bin, so bin ich stark, 2 Cor. 12,10. und weiset seine Brüder auf eben diesen Sinn hin, wenn er ihnen zuruft: Seyd stark in dem Herrn. Eph. b, 10. Sechstes Capitel. V o n der rechten Anwendung der heiligen Schrift zum Seegens - Genuß für das Herz. H. i. ^he der Menftl) die heilige Schrift zum wahren Heil seiner Seele gebrauchen kann, muß ee erst davon lebendig uberzeugt seyn, daß sie Gottes Wort, und wahren göttlichen Ursprungs ist. So lange unser Herz noch hieran zweifelt, kann ups das göttliche Wort keine Quelle werden, ans der wir Hülfe, Trost, Belehrung, Heil, Seegen und Leben schöpfen; Es kann für uns nicht die Mutterbrust seyn, aus welcher xine Gott liebende und hungrige Seele himmlischen Trost und Lebensunterhalt sauget. ES kann nicht die Grundsaule unserer Hofnung, nicht der hellstralende Morgenstern des Glaubens von unserer ewigen Secligkeit werden. §> 2. Die Schriftgelehrten beweisen die Göttlichkeit der heiligen Schrift, auf eine zehnfache Art, alS: aus der Hinlanglichkejt ihrer Lehren zur Seligkeit; aus ihrer majestätischen Schreibart; a»S dem Altcrthume der Schrift; ans der Treue der Verfasser; aus den Wundern; aus der wunderbaren Erhaltung der Schrift, bei dem Haß des Satans und der Welt; Aus dem so lange Zeit her, mit Blut versiegelten Zeugnis der Kirche; aus der Wahrheit und Heiligkeit derselben, und endlich, ans dem innerlichen Zeugnis deS heiligen Geistes, im Herzen der Glaubigen. K 4 152 VI.Cap. Von der rechten Anwendung S. 3. Der letzte dieser Beweise, ist der wichtigste und ist eine Erfahrungssache des Herzens, wobei ich mich nur allein verweilen will. Die übrigen alle gehören mehr für die Ueberzeugung des Verstandes, und sind mehr oder weniger von Kraft, je nachdem unser .Herz, durch lebendige Erfahrung der Kraft des göttlichen Wortes, mit dem Zeugnisse des heiligen Geistes versiegelt ist. Z. 4. Die Erfahrung dieses Beweises von der Göttlichkeit der heiligen Schrift, können wir nun, wie der Heiland sagt, nur dadurch machen, wenn wir den in der Schrift geoffenbahrtcn Willen Gottes thun; durch das Vollbringen dcS göttlichen Willens, spricht er, werden wir inne werden, ob diese Lehre von Gott sei), Ioh. 7, 17. — an der Lehre selbst werden wir ihre Göttlichkeit erkennen, durch ihre Genußvolle Erfahrung an der Seele, Ps. 34,9. verbunden mit dem Zcngniße des göttlichen Geistes in uns. 1 Ioh. Z, ieil werden. Wenn mir also Gott sogleich alles nach meinen Wünschen gäbe, was er an Heils- und Seegens - Gütern verheißen hat: so geschähe mein Wille und nicht der Seine. Damit aber nun der göttliche Wille, der unsre Heiligung ist, i Thess. 4, z, von mir vollbracht werde, so muß der Gläubige das allerdings sehr oft erfahren, daß Gottes Wege nicht unsre Wege, und seine Gedanken nicht die unsrigcn sind, Esaia 55, 8. damit er darin zur Beförderung seines Heils geübt werde, seinen Willen dem Willen Gottes zu unterwerfen; dadurch wird der Glaube erst Fruchtbringend, je mehr er durch die Geduld, die eine Frucht der Ergebung in den Willen Gottes ist, geübet wird.. Die Geduld aber ist eine Frucht des Geistes, Gal. 5,2s. und wie Jac. 1, z. sagt, das Zeugnis von der Rechr- schaffenhcit unserS Glaubens; die Geduld gicbt dem Glauben erst Erfahrung Rom. 5, Z. 4. und die Starke, um zn laufen in den Kampf, der uns verordnet ist, Ebr. 12, r. Ohne die Uebung in der Geduld wird unser Glaube schwach und träge, daß wir nicht Nachfolger derer werden können, die durch Glanben und Geduld die Verheißung ererben, Ebr. 6, 12. Preis und Ehre und unvergängliches Wesen aber, ist denen verheißen, 1^8 VI. Cap. Von der rechten Anwendung die mit Geduld in guten Werken nach dem ewigen Leben trachten. Rom. 2, 7. §. 12. Ein Kind Gottes, das mit diesem Sinn die heilige Schrift liefet, und mit kindlich einfaltigem Herzen, sich über alles, was Gott ihm darum sagt, mit ihm besprechen kann, — und Gott sein eigen Wort so lange vorhält, Ps. 27, 8. bis das Herz, im Licht des göttlichen Angesichts es erkennen und verstehen lernt, was Gott ihm sagt, und von ihm haben will, und eher nicht ruhet, bis es, auch wenn ihm über manche Dinge vor der Hand, das helle Licht der Erkenntnis versagt wird, doch allemal einen Seegens-Genuß für sein Herz daraus geschöpft hat, findet nun das Wort GvtteS überall, als eine reiche Quelle der Weisheit, Erkenntnis und der Belehrung, des Zurechtweises, des Trostes und der Beruhigung, unter allen Umständen aufoem Wege des Lebens, wodurch es in der Lust und Freude am Herrn wächst, welche die Starke des Glaubens ist. Nehem. 8,10. §. iZ. Was übrigens aber die Aneignung, die Anwendung und den Gebrauch des göttlichen Wortes betrift, vermittelst dessen das Herz der Gläubigen, in allen Lagen und Umständen, sich Rath, Trost und Belehrung daraus holen kann; und was da für Unterhandlungen zwischen der Seele und dem Geiste Gottes vorgehen u. s. w. Dies sind Erfahrungssachen, worüber sich nichts sagen läßt; Es ist das verborgene Manna, welches jeder Seele insbesondere gereicht wird, und das sie nur durch den Genuß kennen lernen kann- d.h. Schrift, zumSeegens-Gen. fürs Herz. 159 §. 14. Und nicht nur dis, daß die Mitteilung der geheimen und verborgenen Lebensspeise des gottlichen.Geistes durchs Wort, derjenige Mensch gar nicht versteht, dessen Herz noch entfremdet ist von dem Leben, das aus Gott ist, Eph. 2, 12. sondern sogar Kinder GotteS wer- " den oft bei Mitteilung einzelner Erfahrungen in der Schule des heiligen Geistes, einander nicht ganz verständlich werden können, wo sich bei dieser oder jener Wahrheit des gottlichen Wortes, die der Geist ihrem Herzen in dieser oder jener Lage des Gemüts, — in diesen oder jenen Anständen der Seele und des Lebens — vorhält, Unterschiede in den cbengedachten Lagen und Anständen befinden. Ich will es durch ein Beispiel deutlicher machen. Wer wird es finden können, was der Geist Gottes damit hat lehren und bewürken wollen, und auch in der Tbat bewürkt hat, als er einem Gläubigen, mitten unter schweren Leiden, und auszeichnenden Uebungen seiner Geduld und seines Glaubens, wo er sich um Trost zum .Herrn im Gebete wandte, die simpeln und von so geringem Innhalt scheinenden paar Worte aus Hes. 37, 17. ans Herz legte, wo Gott zu dem Propheten sprach: „Thue eines zum andern zusammen, daß ein Holz werde in deiner Hand.,, Niemand wird in diesen Worten an und für sich das Geringste von einem so hohen Tröste, und von so wichtiger Belehrung finden, als es doch der Leidende darinn fand, und dadurch beruhiget und erguicket ward. Dis führe ich nur an, um zu zeigen, wie die Erklärung und Anwendung der heiligen Schrift, zum jedesmaligen Genuß nach dem Bedürfnis unserS Herzens, so ganz das Werk des heiligen Geistes ist, welches er in jeder ihm hingegebenen gläubigen Seele zu ihrem Heile verrichtet. 160 Vi. Cap. Von der rechten Anwendung Z- i5> Aus diesen? allen folgt nun endlich: daß wie uns bei Lesung des gdttlichcn Woetes mehr dein Zuge des Geistes, zum Gebet, überlassen müssen, als daß wie uns zu lange bei der specnlativcu Betrachtung, in so fern solche blos ein Act und eine Beschäftigung unsers Geistes ist, verweilen. §. 16. Die Betrachtung führt den Geist in die Vielheit, und nur zu leicht überschreitet er, in seinem Flug die Grenzen, die dem bescheidenen und dcmütbigen Blick des Glaubens in gottlichen Dingen vorgezeichnct sind; wodurch denn, so zu sagen, wahrend der Abwesenheit des Geistes im weiten Gebiethe der Erkenntnis, das arme Herz verwayset bleibt, und im ungestillten Durst und Hunger sehn? acht et. S- 17. Dagegen führt daS Gebet — oder die grade und unmittelbare Richtung und Unterhaltung des HerzcnS zu und mit Gott, auS der Vielheit, in die Einheit, im stillen Grunde der Seele, welcher der geheiligte Ort der Offenbarung Gottes in uns, und die Werkstatt seines Geistes ist. Ja, dieser stille Grund der Seele ist es, wo das saufte Wehen deS göttlichen Geistes empfunden, wo das Wort deS Lebens geHort und vernommen, wo daS Licht des Glaubens im Dunkeln zuerst erblickt wird, und wo es wohl gepflcget, bis zum hellen Schein, und endlich bis zum vollen Tageslicht sich ausbreitet. Prov. 4,18s §. iL. Die Betrachtung, so bald sie unS unsers Herzens vergessen macht, uud so bald sie, wie schon gedacht, ck in d. h. Schrift/ zumSeegens-Gen. fürsHerz. i <5l in das uusruchtbare Feld der kalten Spekulation ausschweift, versetzt uns zu leicht in den Zustand, den Jes. 50,11. beschreibt, wo der Mensch im Licht seines eignen angezündeten Feuers wandelt; und doch hatten die Weisen aus Morgenland, Jcsiim nicht gefunden, wenn sie nicht vom Lichte des ihnen aufgegangenen Sternes von Osten, auf oem Wege geleitet worden waren: Matth. 2, y -11. Sie hielten sich nicht bei der philosophischen Untersuchung des Sternes auf; sondern als sie ihn erblickten, wurde ihr Herz hoch erfreuet, und sie folgten ganz ein- faltiglich seiner Leitung, und so fanden sie, den sie suchten, um vor ihm niederfallen, und ihn anbeten zu können. §. 19. So auch isis mit dem göttlichen Wort, welches uns zu unsers Fußes Leuchte, und zum Licht auf dem Wege zum Leben gegeben ist: Ps. ny, 105. Dis Licht wird durch den heiligen Geist, durch das Wort der Wahrheit im Herzen der Gläubigen angezündet, und es wird desto Heller in uns, je mehr wir uns in unS selbst, und unser natürliches Licht, in dasjenige heilige Dunkel zurückziehen, welches sich das göttliche Licht zum Vehikul seiner Offenbahrung erwählet. Dchwr sagt Paulus: Wir haben ein festes prophetisches Wort; und ihr thut wohl, daß ihr darauf achtet, als auf ein Licht, das in einem dunkeln Ort scheint, bis der Tag anbreche, und der Morgenstern aufgehe in eurem Herzen. 2 Petri 1, 19. §. 20. Da nun überhaupt daS menschliche Herz der Ort ist, wo das göttliche Leben angerichtet, und die Heimlichkeiten der Weisheit aufgesiegelt, wo die Speise der 162 VI. Cap. Von dcr rechten Anwendung Seele, zum Wachsthum des geistlichen Lebens zubereitet und mitgeteilt wird, so muß dasselbe auch vorzüglich bei Lesung des göttlichen WortS, dem Geiste Gottes hingegeben und eröfnet, und für ihn gesammlet scyn, und diesen heilbringenden Zustand unsers Innern bewürkt die grade uud unmittelbare Richtung des Herzens zu Gott, im Gebet, wo sich alle Kräfte der Seele, auf einen Punct vereinigen, nehmlich in der Liebe zu Gott, und im Verlangen nach seiner see- ligmachendcn Erkenntnis, und zu der ungeteilten Aufmerksamkeit auf alles, was er uns in seinem Worte saget. Und jener Zustand, jene Richtung des Herzens z» Gott, bei Lesung der heiligen Schrift, ist auch unserm Verhältnis gegen Gott so ganz angemessen, wenn wir unS cinmahl vorstellen, daß er mit uns in seinem Wort rede t. Natürlicher Weise kann da unser Herz, bei den wichtigen, unser ewiges Heil betreffenden Unterhandlungen zwischen Gott und ihm, nicht kalt, stumm und müßig vor dem Herrn stehen bleiben, so bald es mit der Ehrfurcht und mit der Heilsbegierde erfüllt ist, mit der wir uns vor sein Angesicht stellen müssen, wenn wir Gnade und Secgcn von Ihm erlangen wollen. §. 22. Lesen wir in diesem Sinn und in diesem Blick die Schrift, so wird das Herz stete Aufforderung bekommen, Gott zu antworten, wodurch denn zwischen Gott und der Seele Gespräche und Unterhaltungen entstehen: und eben dies ist die einfältigste und Fruchtbringendste und Genußvollste Art im Gebranch des göttlichen Worts. Johann Arndt hat im d.h. Schrift, zumSecgens-Gen.fürsHerz. 16z zweiten Buche seines wahren Chrisienthnms davon gehandelt und in einigen Kapiteln es bewiesen, wie die rechte Zusammenstellung der Sprüche der heiligen Schrift, Gespräche und Antworten zwischen Gott und der Seele sind, und auf welche Art der in Gottes Worte geübte Glaubige, Gott mit seinen eigenen Worten antworten, und sich mit ihm zum Heil der Seele unterhalte» kann. §. 2Z. Dieser Weg, um zur lebendigmachenden und Genußvollen Erkcnutnis Gottes und unsers Heils, durch die heilige Schrift zu gelangen, möchte vielleicht manchem zu einfältig dünken; Aber dennoch ist es ein gar secliger und befördernder Weg, für eine nach Gott und seiner Erkenntnis hungrige Seele, auf welchem sie am aller sichersten und geschwindesten, zum Besitz und zur Erkenntnis der, unter den äußern tobten Buchstaben der Schrift verborgen liegenden heimlichen Schätze und Kleinode gelangt. §. 24. Auch paßt dieser Weg für alle Arten Leser, so wohl für Einfältige und Ungclehrtc, als für Verständige und Gelehrte. Daher kommt es denn, daß oft die Armen am Geiste, die eben keiner großen Kopf- und GeisteS- ErkenntniS fähig sino, und ungeübte Kräfte zu großen und weitläuftigen Betrachtungen des göttlichen Wortes haben, grade diejenigen sind, welche im seeligsten Licht, Kraft und Lebens-Gcnuße gm Herrn stehen, und denen oft vorzüglich erlaubt wird auS der gcoffcnbarten unendlichen Fülle GotteS, Gnade um Gnade im verdoppelten Maaße zu nehmen, Job. l, 16. 25. Nicht das Absehen, nicht die noch so gelehrte und gründliche Betrachtung der Speise giebt dem Körper L A 164 VI. Cclp. Von der rechten Anwendung Leben und Wachsthum, sondern allein der Genuß derselben. Und da nun, wie schon gedacht, das eigentliche innere Wesen des ChristenthnmS, des Glaubens und Gnaden-Standes, in einem lebendigen und Genußvollen Zustande der Seele bestehet: so thuk sich derjenige großen Schaden, und hindert sich am WachSthume und Fortgange in der wahren Gottseeligkeit, welcher die heilige Schrift mehr zur Belustigung und Befriedigung seiner eitlen Wißbegierde liefet und betrachtet, statt daß er suchen sollte, das geoffenbarte Wort der Weisheit, einig zum tz.eil seiner Seele zu gebrauchen und dasselbe mir dem 5? erzen zu fassen und verstehen zu lernen. §. 26. Haben wir nur erst den Mund der Seele begierig nach der lautern Milch'des Evangclii aufgcthan, 1 Pet. 2, 2. und lassen unS solchen zum Unterhalt für unser geistliches Leben füllen, Pf. 81, 11. so werden wirS schon erfahren, daß der beilige Geist auch daS Auge der Seele zur rechten Zeit bedenkt, wenn wir auch gleich anfangs nicht immer sehen, wie eigentlich das Manna aussieht, womit er uns speiset. §. 27. Auf diesem Wege lernen wir in der Schule des heiligen Geistes — auch gar bald, geistliche Sachen, welche den Jnnhalt der ganzen heiligen Schrift vom Anfange bis zu Ende ausmachen — geistlich zu richten; das heißt: wir lernen in der Schrift überall den Sinn Gottes treffen, in welchem sie uns gegeben ist zur Seeligkeit durch den Glauben an Je- sum Christum — zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, damit ein d.h. Schrift/zumSeegens-Gen.fürsHerz. 16; Mensch Gottes vollkommen, und zn allen guten Werken geschickt werde. 2 Tim. Z, iz-17. 2 Pet. 1, iy. Haben wir bis vom Geiste Gottes gelernet, so werden wir auS allem, was uns das Wort Gottes sagt, einen Sccgen für unser Herz zu ziehen wissen. Auch in der geheiligten Analogie, in Ansehung des bildlichen Jnnhasts der Schrift, wird unS der Geist Christi, der die Glaubigen in alle Wahrheit leitet, und den Schlüssel zu den Heimlichkeiten der gottlichen Weisheit hat, Seegensvolle Quellen für Geist und Herz ervfnen; — Kurz, wir werden es überall erfahren, daß die heilige Schrift Worte der Kraft und des Lebens, zur Speise für hungrige Seelen enthalt, Joh. 6, 68. Cap. 17, Z. Daß es einem steißigen Forscher im Buche des Herrn an Nichts fehlen wird, was zu seinem Heile dienet, daß man darinn auch nicht dieses oder jenes vermißt, sondern daß es ein vom Geiste GotteS zusammen gebrachtes Ganzes, zur Erkenntnis unsers Heils ist. Jcs. Zg, 16. Z. 28. In daS Kapitel vom rechten Gebrauch der heiligen Schrift gehört auch der mündliche oder schriftliche Vortrag über die Sachen unsers Heils, in so fern solcher zur Erbauung und Belehrung anderer abzweckt. Hier ist die Frage: welche Art des Vortrages die beste 'und Fruchtbringendste sei für den wahren Sce- gens-Genuß der Herzen? Folgende Anmerkungen wogen die Antwort darauf geben. §. 2Y. Alle Wahrheiten, in Betreff der Sache unsers ewigen Heils, müssen ihren Grund und Beweis, mittelbar oder unmittelbar in der heiligen Schrift haben, sonst glaube und lehre ich nicht schriftmaßig; und kann, sv L z i<56 VI. Cap. Von der rechten Anwendung lange ich nicht von Gott belehret bin, keine Gewißheit meines Glanbens und meiner Erkenntnis haben, noch in mir und andern, von dem unedlen Saamen, Frucht und Seegen erwarten: denn nur des Herrn Wort, spricht David, ist die rechte Lehre. Ps. yz, 5. §. Zo. Daraus folget nun, daß aller Vortrag ungöttlich, uuevangelisch und verwerflich ist, der nicht-ans der lebendigen Quelle der geoffenbarten Wahrheit, sondern aus den selbst gemachten lbchrichtcn Brunnen der bloßen Vernunft - Spöculation geschöpfet ist, die kein Wasser des Lebens zur Erguickung, für uns und andere geben können. Jer. 2, i z. §. Zi. Von göttlichen Wahrheiten, in so fern sie insbesondere die Geheimnisse des Glaubens betreffen, muß sich ferner anch der Vortrag, schlechthin nur biblischer Ausdrücke bedienen. Der Ausdruck der Bibel, und die Art, wie sich der Geist Gottes in derselben überhaupt, besonders aber über die Geheimnisse der Religion erklaret, bleibt immer die Kraftvollste und den Gegenständen angemessenste. Wie oft werden die höchsten Wahrheiten durch selbst gewählte Ausdrücke geschwächt, und die Gemüther dadurch zu unrichtigen Nebcnbegrissen hingeleitet I Wären alle, die je über das Wort der geoffcnbarten Wahrheit geredet und geschrieben haben, mit Einfalt und Treue beim Ausdruck der Bibel stehen geblieben, so würde dadurch unzählig vielen Trennungen, Streitigkeiten und Irrthümcrn , vorgebeugt worden seyn. d. h. Schrift, zumSeegcns-Gen. fürsHerz. i ^7 S- 2Z. Wenn die Vernunft da demonstrircn will, wo der Mensch nur glauben soll; oder, wenn ihr der Rock des schriftlichen Worts der Offenbahrung, in welchem die Wahrheit, die vom Himmel kommt, die Seelen der Menschen zum Glanben einladet, zu alltäglich und altmodisch dünkt, und sie sich unterstehet in ihrem »nachten Flitter-Gewände, die Wahrheiten der Offenbarung darzustellen, so entsteht daraus das leere, kraftlose und unfruchtbare Gewasche über die heiligen Gegenstande der Religion, welche mündlich und schriftlich, die bbse Seuche unserS Zeitalters ist, und die leider! nicht mehr im Fiusiern schleichet, sondern die im hellen Mittag verderbet. Ps. y r, 6. Hort, ihr nach eigner Ehre und Lob vor Menschen schnappenden Prediger der Vernunft-Religion, die ihr die lebendige Quelle verlasset, Hort was euch Moses zuruft: Warum übergehet ihr also das Wort des Herrn? ES wird euch nicht gelingen! §- ZZ. Aber auch das beiseite, daß die stolze Vernunft, die sich gern selbst prediget, dem kraftvollen Vortrage des Evangclii Abbruch, thut, so kann dieser, auch selbst von Glaubigen, durch —> zwar gut gemeinte und angewöhnte, aber doch unbiblische Ausdrücke und Vorstellungen gewisser heiliger Wahrheiten geschwächt werden, und durch manche damit verwebte unrichtige Nebenbegriffe, welche beim Ausdruck der Bibel nicht statt finden, können die Seelen in der Erkenntnis der Wahrheit gehindert, und am vollen Seegens - Genuße des HerzeuS, am göttlichen Wort, beeinträchtigt und gcstbhrct werden. Es wäre leicht, dergleichen eine große Menge anzuführen, welche theils gar keine Realität in sich haben, oder, die wohl L 4 168 VI. Cap. Von der rechten Anwendung gar dem Sinne der Schrift zuwider sind; aber, theils um nicht Aergernis zu geben, theilS anch, um einige gute Gemüther, die sich derselben auS Einfalt und Gewohnheit, ihrem 5?erzen unbeschadet bedienen, nicht zu stören, versage ich es mir, und wiederhole nur den Grundsatz, der zur Quelle der sichern und reinen Erkenntnis aller geoffenbarten gbtttlichcn Wahrheiten hinführt, nehmlich diesen: daß unser Glaube, unsere Erkenntnis, und der Vortrag der Religionswahrheitcn, nur so weit evangelisch, rein, richtig, und mit Kraft, Frucht, Leben und Seegcns-Genuß fürs Herz begleitet ist, als wir unmittelbar aus der Quelle des gbttlichen Worts schöpfen, und »ns überall treulich an dieselbe halten; Nach welcher Regel ein jeder seinen Glauben, seine Erkenntnis, Begriffe, Meinungen, Vorstellungen, von den Religionswahrheitcn untersuchen kann. S, Z4. Von allen dergleichen unbiblischen Vorstellungen, Meinungen und bildlichen Darstellungen, muß der Vortrag gereinigt seyn, der für ein reines Zeugnis oes Evangelii gelten, und in der Kraft desselben. Fruchtbringend werden soll. Wem es nun darum allein zu thun ist, daß des Herrn Wort verkündiget werde, und daß er nicht selbst predige, sondern Jesuin Christum, 2 Cor, 4, 5. der wird sich auch m seinem Vortrage an die Art der Vorstellung und Sprache, gewöhnen, welche der heilige Geist denen Propheten und Aposteln, dictirct hat; er wird sich nie erlauben, ohne die äußerste Roth, über irgend eine Wahrheit des Glaubens, mit andern Worten sich zu erklaren, als es die Bibel thnt. Und, wer darjnn treu ist, und mit David den Herrn von Herzen bittet: Nimm ja nicht von meinem Munde das Wort der Wahrheit, Psalm 119, 33- dex kann sich bei jeoesmaliger Ablcgung des d. l). Schrift, zumSeegens-Gcn.fürsHerz. 169 Zeugnisses des Evangelii, der gewissen Erfüllung der Verheißungen GottcS versichert halten: Siehe, i ch lege mein Wort in deinen Mund, Jerem. i,y. und kann glauben, daß es nach der Zusage Gottes nicht leer zurückkommen wird. Jes. 55, 11. §. 35' Der herrschende Vortrag in der Bibel ist überall simpel, nur nach der ungekünstelten Sprache eines Herzens, welches im Innern von der Kraft der Wahrheit des gottlichen Wortes, lebendige Ueberzengung und Erfahrung erlangt hat, und mit David und Paulo sagen kann: ich glaube — dar n m rede ich auch, Ps. 116,10. 2 Cor. 4, iz. Wer nun in sich selbst die Kraft der Wahrheit, von der er zeuget, erfahren und es lebendig erkannt hat, wie Sprach 1, Z. spricht, daß das Wort GvtteS des Allerhöchsten, der Brunn aller Weisheit ist, der wird auch aus keiner andern Quelle schöpfen mögen, und keine andere Sprache sich erlauben, als welche ihn der Geist der Wahrheit lehret; Nur der ist es, wie Jeremias 23, 28. sagt, welcher das Wort Gottes hat, und es recht predigen kann, und der die Regel Petri erfüllt: So jemand redet, der rede — als Gottes Wo rt, 1 Pet. 4, l 1. S. 36. Aber so wohl der Mangel an einer lebendigen Erfahrung der Kraft des gottlichen WortS, als die Abweichung von der Einfalt der Sprache der Bibel, in welcher es Gott gefiel, durch (dem verdorbenen Menschen also scheinende) thbrigte Predigt seelig zumachen, die, so daran glauben, 1 Cor. 1, 21. ist der Grund von der Verfälschung des gottlichen Worts, worüber schon Paulus zu seiner Zeit klagte, und seine Glaubigen dafür warnte, 2 Cor, 2, 17. und von welchen Jrrleh- L 5 170 VI. Cap. Von der rechten Anwendung rern Gott, im Ierem. 8, 9. saget: Was können sie Gutes lehren, da sie des Herrn Wort verachten! §. 37. So gewis es nun ist, daß die Erbauung und Beförderung in der Erkenntnis unseres Heils, der einige Zweck seyn muß, der uns zum fleißigen Forschen im Worte Gottes antreibt, eben so muß auch jeder mündliche und schriftliche Vortrag der Heilswahr- heilen, keinen andern Zweck, als diesen haben; und um diesen zu erreichen, so ist die einfältige und ungekünstelte Art des biblischen Vortrags grade diejenige, durch welche jener Zweck am nächsten erlangt werden kann. §. 38. Wer oft scheint es, daß viele überhaupt keinen richtigen Begriff von dem haben, was die Bibel unter dem Ausdruck: Einfalt des Herzens, Glaubens, des Lebens, der Erkenntnis:c. verstanden haben will; sie reduciren diese köstliche Tugend, aus falschem Begriff sehr oft, zu einem Benehmen und Thun herab, welches das Gepräge des eigentlichen Wortverstandes, der Eiu- falt trägt^ und von Schwäche und Kraftlosigkeit der Seele, bei aller sonst guten Meinung dabei, zeuget, und denen der Zuruf Syrachs gilt: Siehe zu, daß Dich deine Einfältigkeit nicht irrre führe: Syr. ig, 10. Wenn nach diesen: unrechten Begriffe, nun auch die evangelische Einfalt im Vortrag der Religions-Wahrheiten, verstanden wird, so entstehet daraus, was oft geschiehet, daß die erhabene Würde, die Heiligkeit und Kraft der Heilswahrheiten des göttlichen Wortes, durch Popularität, Unordnung, Unbestimmtheit im Vortrage, herabgewürdigt, und entkräftet wird, und bei vielen der Vortrag der Wahrheit, nicht den vollen Seegen der d. h. Schrift, zumSeegens-Gen. fürsHer;. r71 Erbauung bringt, ja wohl gar Veranlassung zum Aer- gernis und Spott derer wird, welche durch das Wort zur Annahme des Heils, erst gebracht werden sollen. §- 39- Das ist aber nicht der Sinn, in welchem die Schrift, das Wort von der Einfalt in der Lehre des Evangelii »immt; bei den vielen Dingen, die zum ganzen Umfange des rechten Begriffs desselben gehören, ast es genug, nur das anzuführen, daß die Einfalt zufbrderst und überhaupt genommen, einen graben, aufrichtigen, und durch die Gnade von aller Hcucheley und Falschheit gereinigten Sinn bedeutet; wo Mund und Herz einerlei Sprache reden —Herz und Hände' einerlei That verrichten, — einen Zustand der Seele, wo die Liebe Gottes, alle Kräfte der Seele, im Willen, Lieben, Begehren und Erkennen, zur Einheit gebracht, auf einen Punkt gerichtet, und nach einem Ziel gestimmt hat; wo der eine, feste und unvcrrückte Blick des Auges der Seele, dem der lebendige Glaube, der durch die Liebe würksam und thätig ist, die Richtung gegeben hat, — wo dieser stete Biick nach einem Ziel, Herz, Gemüthe, alle Neigungen und Begierden, Sinn und Verhalten, im Reden, Denken und Handeln, nach einerlei) Gehalt und Gestalt formt, —> mir einem Wort, Einfalt im evangelischen Sinn — heißt Einheit und Ucbereinstimmung unscrs inner» und äußern, gewürkt vom Geiste Gottes in der Einheit mit Jesu, durch Glauben und Liebe. H. 40. - Dis wenige mag hier zur Bestimmung des allgemeinen Begriffs genug scyn, den die Schrift mit dem Nahmen Einfalt verbindet; An seinem Ort das Weitere hierüber. Wenn nun von der Einfalt im Vortrage des Göttlichen Wortes, die Rede ist, so reducirt sich der evangelische Begriff davon ebenfalls auf jene 172 VI. Cap. Von der rechten Anwendung allgemeine Bestimmungen von der Einfalt des Herzens der Gläubigen, und laßt sich aus ihnen herleiten; Jn- deß erklärt sich die heilige Schrift kürzlich darüber, wenn sie die ndthige Einfalt der Gläubigen im Vortrage des gottlichen Worts, im Gegensatz des Vortrages gebietet, der von der unerleuchteten Vernunft, mit hohen und stolzen Worten irrdifcher Weisheit geschiehet, nehmlich nach der Vernunft-Weisheit, von der es heißt: dicweil die Welt durch ihre Weisheit, Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wM, durch thorigte Predigt seelig zu machen, die daran gläubcn. 1 Cor. 1. 21. §. 41« Die Predigt des Evangelii ist eigentlich darum der Welt, Thorheit und Aergernis, weil und in so fern sie zum Glauben an einen niedrigen und gekreuzigten Jc- sum auffordert, und diesen Glauben zur ersten und einigen Grundlage, aller wahren göttlichen Erkenntnis, und zum einigen Wege zum Heil und Leben der Menschen macht. Alle Wahrheiten der heiligen Schrift, alten und neuen Testaments, sind im Blick auf das Kreutz Christi, vom Geiste Gottes dictirt, und von den Propheten und Aposteln niedergeschrieben worden, im Blick auf Jesum, der als der ewige Sohn Gottes, am Stamme des Creutzes, das Opfer für die Sünde der ganzen Welt ward, und sein Blut und Leben, zu unserer Versöhnung mit Gott durch sich selbst, zu unserer Begnadigung, Errettung und Heiligung dahin gab; Und der Zweck der ganzen Offenbarung ^geht dahin, den Menschen zum Glauben an diesen .Heiland der Welt aufzufordern. Wie nun bis, so zu sagen, der Centralpunkt aller Wahrheiten der heiligen Schrift; der Schlüssel zu aller Weisheit, der Weg zur Erkenntnis, zum Licht und Heil der Menschen ist, den die heilige Schrift auf allen Blättern darbietet — Das .Haupt- d. h. Schrift, zumSeegens-Gen. fürsHerz. 17z objcct, welches sie dem Menschen stets vorhält, nnd in welchem sich alle Verhandlungen zwischen Gott und dem Menschen, alle Forderungen und Verheißungen, als in einem Punkte verbinden, so würde denn nun zu dem Begriff der in der ZZibel herrschenden Einfalt, auch ferner dis gehören, daß sie den Glanben an Jesum und sein Versöhnungs-Werk, überall zum Hauvr-Vorwurf hat, worauf sie alle Verpflichtung und Motive zum Guten, alle Bewegungsgründe, Mittel und Kraft zur Rückkehr und Errettung der gefallenen Menschheit herleitet. Und wenn diese in der Schrift herrschende Einheit, oder Einfalt ihrer Lehren, ihr den Charakter des Göttlichen geben, so würde endlich auch derjenige Vortrag der Wahrneicen der heiligen Schrift, der an- bcfohlnen Einfalt des Evangelii gemäß, und nach dem eigentlichen evangelischen Sinn, desto einfältiger seyn, je mehr er sich nach jenem Charakter der heiligen Schrift bildet, und Jesum Christum den Gekreutzigten, als die Hauptwahrheit und Lehre des ganzen Evangelii, zu der Quelle macht, woraus alles geschöpfet, nnd wohin alles geleitet wird, was irgend dem Menschen zur Beförderung seines Heils gesagt, und vorgestellt werden kann. §. 42. Endlich würde nach dem Angeführten, zur wahren Einfalt eines Herzens gehören, welchem das Wort der geoffcnbarten Wahrheit ganz zur Heils und Scegens- qnelle werden kann, daß eö mit jenem bemerkten unverrückten Blick auf Jefum, die heilige Schrift liefet und betrachtet, denn alSdenn erst können wirs erfahren, daß sie beides göttliche Kraft und göttliche Weisheit enthalt i Cor. 1,24. daß es eine GotteS- kraft ist, die da seelig macht alle, die daran glauben, Röm. 1, 16. daß unser Glaube nicht auf Menschen- Weisheit; sondern auf Gottes Kraft bestehet — daß sie 1^4 VI. Cap. Von der rechten Anwendung die verborgene himmlische Weisheit enthalt, welche Gott verordnet hat, vor der Welt, zn unserer Herrlichkeit, welche keiner von den Obersten dieser Welt, je erkannt hat, weil sie sonst den Herrn der Herrlichkeit nicht gckrcutziget hätten, — daß sie die Erkenntnis dessen enthält, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehöret, und in keines Menschen Herz kommen ist, daS Gott denen, die ihn lieben, bereitet hat, und daß diese Erkenntnis eine Offenbarung ist, welche durch den Geist Gottes, einer jeden gläubigen Seele, mitgetheilt werden muß. §. 43« Hier folgen nun noch einige allgemeine Anmerkungen über die heilige Schrift: So lange uns dieselbe zwar ein werthes und wichtiges Buch ist, waS mancherlei Gutes und wahres enthält, — aber noch nicht der Schatz aller Schätze, die Quelle aller Weisheit und Erkenntnis, nicht so ein wichtiges Buch geworden ist, daß wir mit aller Aufrichtigkeit und Wahrheit mit David sagen können: Herr! dein Wort ist mir lieber, denn viel tausend Stück Gold und Silber, Psalm 119,72. so lange ist uns ihr einiger, hoher und vorzüglicher Werth, vor allem, waS menschlicher Verstand und Weisheit je erkannt, geredet und geschrieben hat, noch unbekannt. §» 44' Nicht allein ist sie der einige, sichere und wahre Wegweiser für unser ewiges Heil der Seele; sondern sie enthält auch die ersten Grundprincipia, auf welche alle irdische und menschliche Weisheit, die noch so verschiedenen Gebäude ihrer Erkenntnisse, gründete; so daß alles, was in der Erkenntnis und in den Werken der Menschen, wesentliche, centrale und bleibende Wahrheit ist, in der geoffenbarten Wahrheit enthalten und aus ihr geschößsct ist. d. h. Schrift/ zum Seegens--Gen. fürsHerz. 175 Hier ist nicht die Rede von der Form der Gebende menschlicher Erkenntnis, sondern von der Basis, von den Grundpfeilern derselben — nicht von dem, was sie einzeln betrachtet, zu Wissenschaften macht, sondern was sie allgemein genommen Wahres und Feststehendes in sich haben, und dem die Wissenschaft nur die verschiedenen Gewände anlegt, in welchen wir solche als unterschiedene Produkte der Erkenntnis und als verschiedene Quellen der Erkcnntniß für unfern Geist, und des Nutzens und Seegcns für unser Leben, erkennen ^und betreiben. ^ 45- Die menschliche Vernunft kann überhaupt nicht Wissenschaften erfinden, und hat, solange die Welt steht, noch keine erfunden; Die ersten Grund-Wahrheiten aller Wissenschaften hat der Mensch durch Offenbarung, durch mündliche oder schriftliche Traditionen überkommen, und was er darauf bauete, waren bloß Folgerungen aus jenen ihm geoffcnbarten Grundwahrheiten, die er auf dem Wege der Analogie fand, und solche wieder zu Grundwahrheiten annahm, um darauf neue und anderweitige Systeme zu bauen. Es ist daher sehr uncigentlich gesagt, daß Menschen die Erfinder dieser oder jener Wissenschaft sind. S. 46. Wenn man alle menschliche Erkenntnis auf das re- ducirt, was darum wesentlich wahr ist, so werden ihrer Grundwahrheiten, welche die Wurzel von dem vielzwcigigen Baum unserer wissenschaftlichen Erkenntnis sind, sehr wenige scyn, und diese letztern alle mußten ihm offenbaret werden von dem Geist von oben ohne welchen, wie selbst der Weiseste aller Menschen gestand, kein Thun und Erkennen der Menschen auf Erden, wahr und richtig seyn kalnn, Weisheit 9, 16-18. 176 VI.Cap. Von der rechten Anwendung :c. §- 47- Der Mensch, der irgend eine Wissenschaft treibet, mag nun dis erkennen oder nicht, so ist das, was er als Wahrheit einsieht, und damit Wahres, Gutes und Nützliches bewürkt und schast, nur Folge der Grund-Wahrheiten, die ihm von Gott offenbaret sind, und die das schriftliche Wort Gottes, alle enthält, wo ein jeder sie finden und erkennen wird, der die Bibel in der Leitung desjenigen Geistes liefet, der uns in alle Wahrheit leitet. §. 48- ES ist hier nicht der Ort, noch die Absicht, über diesen wichtigen Gegenstand, das Nähere zu zeigen, und deutlicher zu beweisen; Nur das Allgemeine davon führte ich an, und hielt mich verpflichtet es zur Ehre des göttlichen Wortes zu bemerken, und das Zeugnis aller derer, die je in diesem Lichte, das Licht erkannt haben, zu bestätigen, daß die heilige Schrift der Weg, der Schatz und die Quelle aller Weisheit und Wahrheit zum zeitlichen und ewigen Heil der Menschen ist, und ich beschlüsse das Angeführte mit den Worten des Propheten: „Suchet nun im Buche des Herrn, und lefct, „es wird nicht an einem dcrselbigen fehlen; Man „vermißtauch lacht dieses noch das; denn Er ists, „ der durch meinen Mund gebeut, und sein Geist ists, „der es znsammmcn bringt. Jes. 34,16. I. Mein höchster Wunsch» ! könnt' ich gnngsam Dein gedenken, der Dn stets zärtlich mein gedenkst, und mir im gläubigen Ersenkcn, den Himmel schon auf Erden schenkst! Ach! mochten alle meine Triebe, ans Dich! ans Dich! gerichtet seyn! O! senktest D» — Du Meer der Liebe, mich ganz und gar in Dich hinein! O! käm' ich nimmer zum Besinnen an das, was Welt und irdisch heißt! Wärst Du allein nur mein Beginnen, das Eine Ziel, für Herz und Geist! So schmekte ich — der ich bienieden noch wall' im Stückwerk dieser Zeit, den süßen ungestortcii Frieden, im Vorgcnuß der Ewigkeit. Izt aber sind der Trcnnnngs - Stunden, in meiner Schwachheit noch zu viel! AnS Irdische noch vest gebunden, verliert mein Blick zu oft daS Ziel! Drum will ich einig darnach streben, Herr gieb mir Deine Kraft dazu! — Daß meine Seele und mein Leben, , nur ganz in Dir! mein Leben! ruh'! M 2 iZo III. A b t h e i l u n g. 2.. Ueber Psalm ;6, Du zählest meine Thräncn. 9Iach Dir, Herr! ist mir bange! Wie lange! ach! wie lange bleibst Du mir Jesu, fern! Sieh' meines HcrzenS Sehnen, sieh meiner Augen Thranen! und — 0! gewiß Du zählest sie! Wie lang' noch — mein El'barmer, bis ich Dich ganz — ich Armer, im Glauben fasten kann! — Daß ich aus Deinen Füllen, den heißen Durst kann stillen! ven Du allein nur stillen kannst! Noch bin ich voll von Sünden, und kann nicht Ruhe finden, bis ich Dir ähnlich bin; Nimm Jesu alle Sünde von Deinem armen Kinde! Dies ist eS, was mein Herz begehrt. Ach! laß mich nicht verzagen! Noch muß ich Lasten tragen, die mich zur Erde ziehn. Nur stetS in Dich — mein Leben, mocht' ich mich gern erheben! Doch Sünd' und Schwachheit hindern mich! L i e d e r< Zwar wünsch' ich stets zu siegen; Doch muß ich oft erliegen im Kumps mit Welt und Fleisch! Dies sind die bittern Schmerzen, die mit zcrbrochnen Herzen Dein schwaches Kind im stillen weint! — Doch sind Dir, mein Gebrechen, > und alle meine Schwachen, mein Heiland, wohl bekannt! Als Mensch, hast Du erfahren, was das für Lasten waren, Die mein Verderben auf mich legt. So hilf denn, mein Erbarmer! Wenn ich zu Dir, ich Armer, um Kraft und Starke schrcy! Von Deinem tbeuern Blute schenk' meinem Glaubens - Muthe, ein Trvpflein nur! Dann Hab' ich Kraft! Ich blick' zu Dir im Glanben, laß nichts, mein Heil! mir rauben den GlaubcnS-Blick auf Dich! — den Trost, in trüben Stunden, den ich so oft empfunden — den Frieden, den die Welt nicht giebt! Ich koste Dich Dein Leben, das Du für mich gegeben, ich bin mit Blut erkauft; Darum bin ich der Deine! Und wenn ich vor Dir weine, fühl' ich's, daß Du mein Jesus bist! M z 182- III. A b t h e i l u tt g. Wie stlß sind doch die Tbranen, die das verborgne Sehnen, nach Dir — mein Heil, erpreßt! Ach! daß die süßen Jahren, nie unterbrechend waren! Wie seelig würde ich dann seyn! Dann hatte Welt und Sünde, die ich noch in mir finde, nicht Macht mehr über mich! Stets siegt' ich dann im Streite, und jedes Kampfes Beute, war' neue Kraft und Seelen-Ruh'Z Nimm mich Dir hin aufs Neue! Dir schwor' ich neue Treue, mein bester Heiland zu! Gern will ich um Dich ringen, gern Dir zum Opfer bringen, was Dich, mein Heil! an mir betrübt! Lieder« z. An den Geist der Gnade» ^eist der Liebe und der Gnade komm', Ach! komm' herab auf mich! Trüb' und dunkel sind die Pfade meines Lebens ohne Dich. Ach! umsonst ist Kampf und Ringen rein und tugendhaft zu scyn; Kraft zum Wollen und Vollbringen giebt Dein Geist, o Gott! allein. Dich in meinen Brüdern lieben ist die höchste Wissenschaft; Aber kann ich Liebe üben, ohne Deines Geistes Kraft? Mit dem Glücklichern mich freuen, helfen dem, der Hülfe sucht, gern Beleidigung verzeihen, seeguen den, der mir geflucht. Keusch vor Dir, und heilig wandeln, ahnlich seyn, o Jesu! Dir, stets wie Du gehandelt, handeln, — kann ich's ohne Kraft von Dir? Ach! ein todter, ein entseelter Korper bin ich ohne Dieb! Du, auf Ewig mir Erwählter, Du belebst, beseelest mich. M 4 i84 HI- Abhandlung. 4. Ucber Matth. 2.6, 41. Der Geist ist willig — aber das Fleisch ist schwach. --^er Dn auf dem GlaubenS-Pfad hienieden, meiner Seele Ein und AlleS bist! Dessen Liebe sieh mit siißen Frieden in mein — nach Dir schmachtend Herz ergießt! Jesu! hübe auf der Liebe Schwingen sich dies Herz, stets zu Dir Himmelan! Welch ein Friede würde mich durchdringen! —> Und Vis Herz, wie seelig war' es dann! Aber Jesu! sich'! der Fesseln Menge, hemmt den Fortgang auf dem LebcnS-Pfad! Ach! der Weg ist schmal — die Pfort ist enge, die die Seele durchzuringen hat! Und, doch ist des Geists Gewinn und Freude Freiheit von den Fesseln der Natur; Sinnlichkeit und Welt begrenzen beide, das Erheben nnsrer Seele nur. Und die arme Seele sucht vergebens ihre Ruh' und ihre Seeligkeir., wenn der Geist, aus seinem Quell des Lebens, ihrem Hunger „jcht tch. Stillung beut. Aber, wenn die Seele da verweilet, wo der Geist aus Gott nie Ruhe fand, — wenn sie, seinem Zuge treu, nicht eilet bis das Herz auf neu sich Gelt verband. — Lieder. O dann fühlt sie hangsam ihre Leere, die kein irrdisch Glück der Welt ihr füllt; während daß den Geist in seiner Sphäre tiefe Traurigkeit für sie, umhüllt. Dann beginnt der Feind von allen Seiten seinen Angrif auf die Zagende; Furcht und Unruh', kämpfen, ringen, streiten ist ihr Theil — und Bangigkeit und Weh. Mindrc Jesu! diese Trcnnungs - Stunden! Mache Herz und Geist vereint in Dir! Mache sie zu Einem Ziel verbunden, als Gefährten Eines Weges hier! Lose täglich mehr die starken Seile, die ans Niedre binden noch mein Herz; daß die Seele nicht im Thal verweile, wenn der Geist sie rufet himmelwärts; — Da hinauf — wo Du in Zions Hohen aufgefahren bist zur Herrlichkeit, Dahin laß der Seele Sehnsucht gehen, der, der Geist, des Glaubens Schwingen beut,' Daß er stets sie möge fertig finden; Stets verlangender und mehr bereit, sich mit ihm, in Dir stets zu verbinde», zum Gcnuße reiner Secligkeit. M z 186 III. A b th e i l u ng. In der Stunde meiner Berufung. 3^>as soll ich, Herr, Dir singen? waS Dir für Opfer bringen? Dank? Flehen? oder Schaan: ? Mich überströmt die Gnade; Mich schmerzt Gebrech nnd Schade; Mich drängt Gefühl der Dankbarkeit. Nicht Ranm find' ich im .Herzen, für so viel Freud' und Schmerzen —> für so viel Gnade nicht! Nimm diese Heisie Thränen, — Nimm meiner Seele Sehnen, — Nimm Dir mein Herz zum Opfer hin! Ich bin ein Wurm im Staube!^ .Herr Jesu! ja ich glaube, ich bin geringer noch! Hier lieg' ich Dir zu Füßen! Laß mich den Trost genießen, den mein zerbrochncs Herz begehrt! Der Trost, den ich begehre — Mein Flehn ist dieS: ach! wäre ich ganz und gar nur Dein! Wär alles hingegeben was Dir an mir, mein Leben! nicht ganz zur Lust und Freude ist! Und könnt ich Deinen Willen, so treu, so ganz erfüllen, wie mir's Dein Ruf gebeut! Geschworncr Deiner Fahne — mocht' ich die Glaubens-Bahne, getrost in tiefer Demuth gehn! Lieder» 187 Mbcht' ich in mir stets kleiner, —- im Herzen immer reiner, ins Nichts versunken seyn! Daß ich in Dcmuth bliebe, mich nie der Gnad erhübe, mit welcher Du mich überströmst! War' jeder meiner Triebe, geheiliget durch Liebe, zu Deinem Preis und Ruhm.' bliebst du im Glück und Leide, nur einig meine Freude, und meiner Seelen höchstes Gut! Nun — hier sind Herz und Hände, .Herr! bilde mich, und wende wie Du mich haben willst! Herr! führ mich Deine Steige! Vernimm mein Flehn, und neige. Dein gnadig Ohr zu meinem Schrcrm! Ich harre Dein im Stillen, und folge Deinem Willen, wenn Deine Stunde schlagt! Ich geh' dann, oder stehe — wie'S Dein Rath in der .Höhe für mich und Andrer Heil beschloß! Schon strahlt mir aus der Ferne, das Licht vom Morgensterne, der mir den Tag verheißt, wo Du, 0 Lebens-Sonne mit Leben -- Kraft und Wonne, zum Tagewerk mich rufen wirst. i8g III. A b t h e i l u n g. Bitten an den Heiland. ^aß ich in der Vereinigung, mit Dir, mein Heiland! stehe, und auf dem Weg zur Heiligung mir frommen Herzen gehe! Daß ich mich kreuzige der Welt — und meinem Fleisch und Blute, nur liebe das, was Dir gefällt, Dir — meinem höchsten Gute! — Daß ich in Herzens-Reinigtest, vor Deinen Augen lebe, und nach dem Heil der Seeligkeit mit Furcht und Zittern strebe! — Und daß Du seyst mein Alles mir, wornach ich täglich ringe, bis daß ich einst vom Glanben hier, hindurch zum Schauen dringe! — Daß Du mir Beistand seyst und Kraft wenn ich im Streite liege, damit ich Welt und Leidenschaft im harten Kampf besiege! Dies mein Erloser! steh' ich Dich mit Jnnbrunst hier im Stillen! Ach! seegne mit Eihorung mich um Deiner Liebe willen. Lieder. 7. Verlangen nach Liebe. »^eillge Liebe! Du der Seelen schönste Zier! Band, das Zeit und Ewigkeit verbindet! Hellster Strahl der Gottheit! wer Dich findet, scelig, schon im Himmel lebt er hier. Hbchsie Liebe! die Unendlichliebender! uns den Sohn zn schenken Dich getrieben! Ach! die Liebe selbst, kann so nur lieben; Wer vermag sie zu ergründen, wer? Bruderliebe! süß zwar bist Du uns im Ohr; Aber, Ach! wo sind' ich, die Dich üben? Neid und Eigennutz hat Dich vertrieben; Zu den Engeln flohest Du empor. Kehre wieder, treue Liebe! kehr' herab! Ach! durchglühe unsre kalten Herzen! Du allein giebst Freude, heilst die Schmerzen^ Du allein begleitest unS ins Grab. Seel'ge Liebe! komm', ach wohn' in mir! Alles laß ich einst, Dich find' ich wieder! Du vereinst im Himmel alle Brüder! Komm', 0 seel'ge Liebe! wohn' in mir! IIS III. A b t h e i l u n g. 8. An Gott« ^uf dem Pfade meines Lebens leitest Du mein Vater mich; Und nie harrt' ich Dein vergebens, —- hvftc nie umsonst auf Dich! O! es lohnt, Dir zu vertrauen, ganz von Kerzen, Dir mein Gott. Gläubig nach Dir aufzuschauen schenkt uns Trost in jeder Nvth. — Macht, daß unS die schwere Kette unsrer Leiden leichter scheint; Wer Dir stets vertrauet hätte, hätte trostlos nie geweint! Oft war'S in der Seele trübe, und im Stillen klagt' ich's Dir; Aber Deine Väterliche trocknete die Tbränen mir. Mocht' ich doch auf Deinen Wegen, lebenslang geduldig gehn! Lehr' es mich; Dann wird Dein Secgen meiner Tage Werth crhohn. Dir mein Vater! sey aufs neue Geist und Scel' und Leib geweiht t zum Gehorsam und zur Treue sey mein Herz Dir stets bereit. Lieder. Unterm Fittig Deiner Liebe, werd' ich Deiner Huld mich freu»; War mein Lebens-Mittag trübe — heitrer wird der .Abend seyn! Dem, der dnldet, winken Freuden, in ein weit beglückter Land. Seelig! wer schon hier im Leiden, Bürger-Recht im Himmel fand. 192 III. A b t h e i l u n g. c). Ueber Hohelied Salom. 1,7. Sage mir an Du, den meine Seele liebet, wo Du weidest, wo Du ruhest! —- 9)?ein Ei» und Alles ist der Freund, den meine Seele liebet. O! die ihr Jcsnm sucht und meynt, und euch um ihn betrübet, und weinet, wie's Marin thnt, als sie den Unerkannten bat, den Heiland ihr zu zeigen. Kommt! weint mit mir im heissen Drang der Sehnsucht und der Liebe! Laßt uns ilm suchen lebenslang, im zärtlichsten der Triebe; Laßt uns ihn suchen, bis Er spricht: „Sey still, mein Sohn, und weine nicht; „Erkenne mich im Glauben! „Ich bin schon Dein! ich habe mich ,,mic Dir verlobt im Glauben! „Ich liebe Dich, und halte Dich! „Dich soll mir Niemand rauben! „Hier — mach ich Dir das Herz erst rein, „denn reines Herzens mußt dn scyn, „wenn du mich einst sollst schauen! „ Harr' nur an meiner Grabe Statt', „im Blick auf meine Wunden, „bis dir der Morgen-Stern aufgeht, „nach dunkeln Traner-Stnndcn! „Dann sollst du mich — im hellen Licht —> „der ewig lebt — von Angesicht „zu Angesicht erkennen. „Sei „Sei du mir immer nur getreu, „im Lieben, Glauben, Leiden! „Laß dich durch Nichts — was es auch sey, „von meiner Liebe scheiden! „Ich bleibe deine Stark und Kraft, — „dein Stab auf deiner Pilgerschaft — „dein Führer bis zum Ziele! Nun ja, Herr Jesu! lebenslang will ich mich nach Dir sehnen! Du trocknest mir — ach babe Dank! — So sanft der Liebe Thranen! Dir — meines Herzens Freud' und Ruh' Dir schwör' ich neue Treue zu, im Glauben an die Deine! Dein Schafleiu wirst Du selber Dir, O treuer Hirt! bewahren! Ach! laß nur Deine Gnade mir recht reichlich widerfahren! Bleib' Jesu mir stets innig nah', bis ich Dir mein Halleluja vor Deinem Throne singe! 194 Hl- A b t h e i l u n g 10. Bitten an Issum» Du, der mit Gebet und Thranen der Sünder 5?cil erfleht; Sieh' meines Herzens banges Sehnen! Erhöre mein Gebet! Ich kämpfe noch den Kampf der Sünden; verleihe Kraft und Muth! Laß mich, o laß Vergebung finden in dem Versohnungs-Blut. Noch regt im Busen sich die Liebe zur Eitelkeit und Welt. O gieß inS Herz mir Flammcntriebe zu dem, waS Dir gefallt. Daß ich Geduld und Demuth übe, verzeih' wie Du vcrgiebst, recht brüderlich die Brüder liebe, wie Du uns alle liebst. Mit Ehrfurcht jedermann begegne, gern trage jedes Last, von Herzen, die mir fluchen, seegne und liebe, wer mich haßt. Daß ich mein Kreuz stets auf mich nehme und willig folge Dir, mich Deiner Jüngerschaft nie schäme; das, .Herr! verleihe mir. Lieder. ii. Trost in Prüfungen. Ä>er gäbe mir wohl Trost und Licht, in meinen schweren Prüfungs-Tagen; warst Du mein Trost, o Jesu! nicht, so müßt' ich hvfnnngSlos verzagen. Sieh! meine Freunde treten fern, verdrängt von meiner Feinde Schaarcn! Der Spötter spricht: Er klag's dem Herrn, — der rette ihn aus den Gefahren. *) Psalm ?8, I-. ") Psalm 22, 9. Selbst der mir nah' am Herzen war, — der Freund in meinen frohen Stunden, beut seinen Mund der Schmahsucht dar, und hat sich gegen mich verbunden. Die Bosheit halt verborgnen Rath, mir eine Grube zu bereiten; "ch Sie legen Stricke auf den Pfao, damit mein Fuß zum Fall soll gleiten. *) Psalm 57, 7- **) Psalm 14-, 4. Angst und Gefahr umringen mich, und hemmen jeden meiner Tritte, mein steiler Pfad verenget sich- mir jedem mühevollen Schritte. N s 5^6 III. A b t l) e i l u n Z Auf Gutes hoft' ich — und auf Licht! für meine Füße — Raum zum gehen; Doch siehe! beydeS wird mir nicht! jm Finsicrn muß ich einsam stehen. *) Hieb zc>, 26. Auf Dich allein, Herr! hoffe ich, ") mit stillem Dir ergebnen Herzen. Wer sonst vermag'S zu trösten mich? wer lindert meinen Gram und Schmerzen? ») Psalm 7 ,5, 8. Mein Mund verstummt! Ergebener vertrau' ich Dir in allen Sachen! und gläubig ruft Dein Kind: O Herr! Du wirst es wohl und scelig machenh Psalm Z9, lo. Du meiner Seele Zuversicht! Mein Fels, auf dem ich mutbig stehe — ^ im finstcrn Thal bist Du mein Licht, mein Stab, an dem ich sicher gehe! '"y Psalm ü-, z -«. Psalm -z, 4- Einst wolltest Du, Allmächtiger, Dich Mosi berrlieh offenbaren; auf steilen Felsen mußte er der Offenbarung Deiner — harren! H *) 2 Mos. zz, 21.22. Und als Elia den Befehl auf Hmeb von Dir hören sollte, stand er au einer si'nstern Hb dl', indeß Dein Donner vor ihm rollte; Lieder. Gewitter tobten um ihn her eh' er Dein Antliz konnte sehen, erst dann erkannt' er Dich, O Herr! in Deines Geistes sanftem Wehen, i König 19, ii. I-. So einsam harrend stehe ich auf steilen Klippen hier, — ich Armer, und in Dein Her; Verberg' ich mich und warte Dein — o mein Erbarmer! Bald wird der Sturm vorüber zehn, der mich in Nacht und Schrecken hüllet; bald wcrd' ich die Verheißung selm, die meines Glaubens Sehnsucht stiller. Im Lande der Lebendigen, werd' ich noch einst daS Gute sehen, wenn sich die Leiden endigen dann wirst Du Deinen Knecht erhöhen. ») Psalm -7, iz. Wenn Du der Bosheit Zepter wirst vom Haustein der Gerechten wenden, ") wenn Du erscheinst — ein Held — ein Fürst, der Deinen Schmach und Noth zu enden: Psalm 12;, z. Dann preißt Dich freudig mein Gesang, mit denen, die verborgen litten; und Dir tönt Ruhm und Preis und Dank, zn Zion — in der Frommen Hütten. *) Psalm 118, 1;. N z An den schonen, milden Gaben, die uns die Natur gewahrt, sich nach Gottes Absicht laben, das ist gut und dankenswerth. ist's, an des FrüblingS Morgen sich der Schöpfung Gottes freun, und dem Schöpfer für sein Sorgen, Dank auf grüne Fluren streun. Süß ist'S, in des Freundes Armen seines Dasepns froher sehn, und in zärtlichem Umarmen sich, wie Gottes Eugcl freun. Doch mit Gott selbst stehn im Bunde, das ist Himmel auf der Erd'. Ach! nur Eine selche Stunde ist viel taufend Leben werth. Edel ist'S, und groß zu spähen in die Tiefen der Natur; und im Werk den Meister sehen,—. sehn Allmacbc'ger Liebe Spur. Aber edler ist'S, und wcrther unsers StrebenS früh und spat, ein zum Himmelreich Gelehrter seyn, der GottcS Rath versieht. 2.OO III. A b t h e i l u n g. iz. Trost. .^ouuu' ich meinem Ziel nur immer näher, mag mein Pfad auch dunkel seyu, und sieil! Ja — je dunkler er mir scheint — je jäher — desto sichrer führt er mich zum Heil. Nur, daß ich mein hohes Ziel ergreife, das mir vorhält die Vollkommenheit — daß ich wachse und als Pflanze reife, zur Versetzung in die Ewigkeit. — Nur dis soll mir stets vor Augen schweben; darnach mißt der Christ die Wallfarth ab; Dann — dann wird ihm Freud' und Leid im Leben, gleicher Seegen, welchen Gott ihm gah. Im Genuß der Ruh' und reiner Freuden, stärkt sein Glaube sich mit neuer Kraft, und sein Gang durchs Thal, in Kampf und Leiden, wird dann leichter seiner Pilgerschaft. Beut die Vorsicht ihm auch keine Menge, dieser Tage der Erquickung dar, — O! dann denkt er, daß die Pforte enge, die zum Leben führt, verordnet war. Nun so geh' ich mnthig und im Glauben, meinen Pfad an Jesu treuer Hand! nichts soll mir die schone Krone rauben, die mein wartet im verheißnen Land. Lieder. 2.O1 14. Vertrauen zu Gott. Äer Du Liebe zugemessen, jeder Deiner Creatur, und des Wurmes nicht vergessen, Herr und Schöpfer der Natur! — Und die Blumen auf den Feldern, schdn und lieblich hast gekleidt, und den Raben in den Waldern, Speis' und Wohnung zubereit't! Solltest Du wohl mein vergessen, der ich kindlich zu Dir fleh'? — der ich in der Reih' der Wesen naher Deinem Herzen steh? Nein! Du sorgst für mich mit Milde, Du, der Du mein Vater bist! für mich — der nach Deinem Bilde, herrlicher erschaffen ist. ^ ' . Dem Heil, Frieden, ew'ges Leben Dein geliebter Sohn erwarb, als — für?mich dahin gegeben, Er den Tod der Liebe starb. Sollt' ich nun nicht Dir vertrauen — kindlich nicht in Freud' und Leid, auf Dich meine Hofnung bauen, in der kurzen Dulde-Zeit? N 5 2V5 III. A b t l) e l l u Ist auch jetzt mein Auge trübe — und mein Pfad mit Nacht verhüllt; Ach! ich weiß, daß Deine Liebe, mein verborg'ncs Sehnen stillt. — Ja, ich weiß. Du wirst mich leiten, mich Dein Kind an Deiner Hand, wie Dein Plan seit Ewigkeiten für mein Heil eS dienlich fand. Gieb nur Kraft zu überwinden alles waS mich schmerzt und drückt! Laß mich Gnad' und Hülfe finden wenn mein Auge nach Dir blickt! Prüfe mich auf meinen Wegen! Siehe! ob ich's redlich meyn', und laß Deinen Vater-Seegen meines Glaubens Starke seyn. Lieder. 2.0) 15. Blick auf die verlebten Tage» Ä)andle meinen Blick vorüber, schnell verfloßne Lebenszeit! Ach! wo bist Dn? — langst hinüber^ in das Meer der Ewigkeit. Möchte keiner meiner Tage Aenge meiner Sünden sepn! — ^ Nicht der Vorwurf bittrer Klage vor dem Stuhl des Richters scyn! Aber ach! wie oft verträumte Stunden ich — und Tage gar! Acb! wie oft daß ich's versäumtes wenn mir Gott so nahe war! Doch, der Rückruf ist vergebens! Aber weiser will ich seyn, und die Zukunft meines Lebens zwiefach Dir mein Jesu! weyhn! —- Nutzen — sie die Augenblicke, wo uns Himmel offen stehn, die, versäumt von dem Geschicke Timmen nicht zurück erslehn. 204 III. A b t l) e i l u n g. 16. An die wahre Freude. Du, die auS dem Himmel, und göttlich hohen Ursprungs ist! Du, die im lauten Weltgetümmel das taumelnd trunkue Herz vermißt! Ach! allzu oft verkennen die Menschen Deinen hohen Werth! denn wo der Wollust Opfer brennen ^ da wird Dein Adel nur entehrt. Du stichst die bunten Reihen; wo eitle Lust die Losung ist — wo Ueppigkeit und Tandelcyen DaS arme Herz vor Dir verschließt. Denn nur den sanftcrn Seelen, nahst zur Beseligung Du Dich; Die, welche sich mit Dir vermalen, entziehn den schnöden Lüsten sich! Du kehrst in niedrer Hütte oft lieber ein, als im Pallast, in dessen schimmervollcn Mitte Du selten Deinen Liebling hast. In unentweihter Stille, besuchest Du den Frommen gern, und beutst ihm Deiner Wonnen Fülle und zeigst den Himmel ihm von fern. Lieder. 17. Ueber das vergängliche Glück der Welt. Was ist das Glück der Erden? Kann ich hier glücklich werden, wo die Vergänglichkeit der Dinge Wesen ist? Nein! Keine Erden-Güter, beseeligen Gemüther, im Schmachten nach der Nuh, nach der mein Geist sich sehnt! Nnr Trng ist hier und Schimmer; das beste Glück ist immer nnr Sand am Ocean, mit dem die Welle spielt. Wo ist die Flur der Freuden, der Trübsal nicht — und Leiden, — wie Deiner Rosenflur der Nord, Verwüstung droht ^ Dort — ttw.Tr ist erhöhet, nach dem mein Sehnen gehet, zeigt mir mein 5?ril nnd Glück, die frohe Ewigkeit! Dahin geht mein Verlangen, bald wird sie mich empfangen; Dann schwindet Glück der Welt, wie Traum der Mit ternacht! 2v6 III. A b t h e i l u lt g. ig. An die Nu he der Seele. Äie Du des Frommen Blust bewohnst, und seinem Pfade Rosen streuest den Müden stärkst, — den Dulder lohnst, daS 5?erz des Traurigen erfreuest. Auch ich bin Pilger, und mein Pfad, hat seine Dornen, seine Decken, hat Leiden, die oft früh und spat, mit Thranen meine Augen decken. Hier ist mein Herz. Zeuch ein zu mir, erfülle mich mit Deinem Frieden. Dies arme Dcrz sucht nur in Dir sein einig wahres Glück hienieden. Damit ich fest und muthig steh', wenn Trübsal ihren Kocher füllet, und meinen Weg gelassen geh', wenn ihn auch Nacht und Graus umhüllet. Bald leg ich meinen Pilgersiab, an meine Urne freudig nieder. Dann leite mich durch Tod und Grab den Weg zum tzcil verklärter Brüder. ^ Lieder. 207 ic>. An den Leidenden. 95rmer Bruder! dem die harte Bürde, dieses Lebens schwer und drückend fallt; Dulde muthig! Leiden bringen Würde — bringen Wonne in der bessern Welt. 5?br' und glaube: Wer mit Thranen saet, der soll erndten dort mit Freuden einst. Seelig bist du, wie's verbeißen stehet, wenn du hier gerechte Thranen weinst. WaS ist aller Kummer — alles Leiden, das dein kurzes Leben Dir vergällt, gegen die unnennbar großen Freuden, die der Himmel für Dich vorbehält. Er, dein JesnS kennt des Frommen Sehnen —- jede Zahre, die ihm rann herab; und einst troknet er ihm seine Thranen im Genuß der Liebe scclig ab. 2O3 III A b t l) e i l u l! g. 2.0. Wohl zu thun und mitzutheilcn vergesset nicht! ^8rich dem 5?ungrigen Dein Brod! Kleide den entblößten Annen, dann wird sich in Deiner Roth auch Dein Heiland, Dein erbarmen! Göttlich ist die süße Pflicht dem Verlaßnen bcizueilen; Gott befiehlt: Vergesset nicht; Wohlzuthun und mitzuthcilen! Was du Armen GutS gethan, in dem Kummervollen Leben! sieh'! Dein Heiland nimmt es an, als hatt'si du 'es Ihm gegeben. Wenn den Bruder Mangel druckt, und der Dürftigkeit Beschwerden, denke wie das Glück entzückt, Vater seiner Brüder werden! Aber wenn die Rechte gicbt, laß es nicht die Linke wissen! Nur, wer willig Liebe übt, wird der Liebe Lohn genießen. Jede Wvhlthat will schon hier Jesus Christus uns vergelten, und durch Liebe werden wir seelig seyn in bessern Welten. 21. V 21. An einen Freund. Ueber den Fortgang im Guten. Bruder auf dem steilen Dornen-Wege, der den Christen zur Vollendung führt, wandle muthig! sey nicht las nicht träge, wenn dein tzerz auch manchen Kampf verspürt! Dein und mein, und unser aller Vater, kennt die Seinen — prüfet ihre Treu; Trau' ihm vest, dem guten, lieben Vater! und sei muthig und getrost dabei. Wird er dich nur treu im Kleinen finden --- im vertrauten Pfunde für dein Äeil; O! dir wird gereiniget von Sünden, Licht und Stärke dann gewiß zu Theil. Flieh' die Welt und ihre bunten Freuden! ihre lose Speise sättigt nicht; Ach! sie trocknet dir zur Jeit der Leiden, deine Thränen nicht vom Angesicht! — Aber wenn wir diesem Ziel nachjagen hier vereinigt schon mit Gott zu seyn; jeden Tag von unfern Lebenslagen Ihm nach Geist und Seel' und Leib zu weih'n; O dann Bruder! strahlet seine Milde wie der Sonne Licht auf uns herab, und wir wandeln mit ihm — das Gefilde dieses Lebens secliger herab. O 2io III. A b t h e i l u n g. 5?and in 5?and —lomm Bruder! laß uns gehen, auf dem Pfade, der zum Ziel uns bringt. Bis wir einst daS Licht im Lichte sehen, wenn der Meister von der Arbeit winkt. 22. Gedanken unter dem gestirnten Himmel. ^ie Nacht mit schattigem Gefieder, senkt sich am Horizont herab; der blaßc Mond blickt ans mich nieder, der einsam mir oft Tröstung gab. Des Lebens bnnt gemalte. Freuden, verschwinden mit der Dunkelbcit; des Lebens Lasten, Mich' und Leiden, entfliehn in die Vergessenheit. Dn ziehest vor der Tborheit Scene, Allgütiger! den Vorhang hin, damit ich mich zum Ernst gewöhne, und Deines Seegens fähig bin! Es wallt mein Herz mit heißem Sehnen dort, über jene goldne Saat zu Dir hinauf, wo meine Thranen, Erhorung oft getrocknet hat. O trockne Du auch diese Aähre! Du kennst daS Herz, das sie gebärt! Sie heischt mein Heil und deine Ehre! drum sey sie deinen Augen werth, Sey Du der Führer meines Lebens! und bleibe Du, o Gott, mein Theil! ich bin Dein Kind! und nie vergebens, bat ich Dich um mein Wohl und Heil! O 2 212 III. A b t l) e i l u n Z. Last gleich dem Mond auf meinem Pfade, mich ruhig und gelassen geh»; so wird mein Heil und Deine Gnade, in seeligster Verbindung stchn. Folgt nur mein Wille Deiner Lehre, und bleibt mein Herz nur Dir geweyht, so leb' ich stets in höchster Sphäre der Ruhe und Zufriedenheit! Ich weiß, ich bin mit Dir im Bunde, wenn Erd und Himmel untergehn, und kann dann meiner letzten Stunde getrost und froh entgegen sehn. ' ! Lieder. 2IZ 2z. Mein Lebenslauf. Äls mich Dein gnädig'S Wohlgefallen ins Erdelcben rief; als ich noch keinen Dank Dir konnte lallen; da liebtest Du, Ach! da schon mich. Als ich, ein Kind, in Unschuld spielte, in Wahn und Thorheit ungeübt, wie scclig war ich da! ich fühlte, daß Gott auch kleine Kinder liebt. Ich wuchs heran; es regten Triebe zur Eitelkeit nud Sünde sich; Doch stets mit Schonung und mit Liebe trugst Du, o Gnadenvoller! mich. Ein Jüngling ward ich, von Gefahren umringt; es wuchs in mir empor der Sünde Lust; Doch Dein Bewahren kam mir, dem Abgrund nah', zuvor. Auch izt, Ach! Deine Huld und Liebe ist's, die mein Leben mir versüßt; War'S um mich her gleich noch so trübe; heil mir, wenn Du mir freundlich bist. Ach bald vielleicht, bald reif dem Grabe. O war' ich reif der Ewigkeit! Mein Herr! mein Gott! wenn ich Dich habe, dann ist der Tod mir Seeligkcit. O Z Lieder. 215 2-5. Mitternächtliche Gedanken. ,^)cr Erdkreis liegt im tiefen Schlummer, und Finsternis deckt Freud' und Kummer im Antlitz meiner Brüder zu. Nur mir Einsamen winken Sterne, mit goldner Schrift in ihre Ferne, dnrch die der Weg zur Gottheit führt. Dahin eil' ich mit meinen Blicken, die Hände faltend — und Entzücken der Ewigkeit ergreiffet mich. Ich trinke aus dem Meer der Wonne —- aus Jesu, der das Licht der Sonne von Myriaden Welten ist! So sink' ich ans mein Lager nieder, erquickend ruhen dann die Glieder wenn Scel' und Geist in Jesu ruh», bis daß der Sonue Morgen-Strahle»«, den neuen Tag in Purpur malen, der mich zur weitern Wohlfarth ruft. O 4 2.16 III. A b t h e i l u n g. 2^. Der Begnadigte. Ueder Psalm 54, O>. Ich halte viel Vekümmcrniß in meic nein Herzen; Aber Deine Trbsiunscn erquicke» meine Seele. immer fand ich nicht die Ruh', den Frieden meines Lebens. Ich lief so manchen Quellen zu, — doch — ach! ich lief vergebens! Kein Wasser reichten sie mir dar, das meiner Seele Labung war, im Durst nach Ruh' und Frieden. So lechzte ich bei Tag und Nacht im Durst, den Nichts kann stillen — Kein Glück der Welt — nicht ihre Pracht — nicht ihi er Freuden Füllen; zwar dünkte mich ihr Nektar schon; doch'Seelenruh' und Wohlergehn floh mich in dem Gennße. Angst, Unruh' und Bekümmerniß, verfolgten meine Schritte, und bange Nacht und Finstcrniß, umschwebten meine Tritte. Ich wankte zweifelnd hin und her, „Ob auch für mich Vergebung war, »für alle meine Sünden?,, Lieder. Es fehlte mir der Glaubens-Muth, dem Heiland mich zu nahen; ich konnte Ihn am Creuz — im Blut, nicht gläubig gnug umsahen: So blieb mein Herz des Trostes leer, daß Er auch mein Versöhner wär, mein Heiland und Erlöser. Der Herr sah meinen Jammer an, und sprach zu meiner Seele: „Nimm gläubig die Verheißung an, „ Den Trost für Deine Seele: „ Sieh! deiner Sünden großes Heer, „ in der Erbarmung Gnaden-Meer —° „ ist es versenkt, vertilget. „ Sich! meines Sohns Gerechtigkeit „ deckt alle deine Sünden; „in seinem Blut ist dir bereit, „ Vergebung deiner Sünden; „Komm, schmecke nun die Seeligkeit „ das Leben — die Gerechtigkeit, „ in Jesu meinem Sohne! „ Du bist geseegnet ewiglich ! ,» Geh' hin in meinem Frieden ! „ nimm diesen Trost, erquicke Dich, „ auf deinem Pfad hieniedcn! „ Mein AuSerwählter bist du mir! „ Gott — Vater — Heiland bin ich dir „mein Geist ist dein Regieret! O 5 21g III. A b t l) L i l u ll g. „Nimm diesen Ruf im Glauben an; „das ist mein Wohlgefallen! „ hinfort sollst du die Glaubens-Bahn, „in meiner Gnade wallen; „ und deiner Feinde stärksten Macht, „ die dich zu fallen ist bedacht, „soll's ewig nicht gelingen. „ Sich! eine Seele gab ich dir, „zum Vorwurf meiner Liebe; „ Im Glauben zog ich sie zu mir, „durch meines Geistes Triebe! „ drum zage nicht! Sie ist mein Ruhm, „ mein Ewig wertstes Eigenthum, „ das Niemand mir soll rauben! „Zwar hier, durch Prüfung, Kampf und Streit, „mußt du bewaret werden! „drum wache, bete! sey bereit! „ als Streiter jetzt auf Erden, „mußt du erringen erst die Krön', „ die dir dereinst als Siegcrlohn „ die Ewigkeiten geben! „Doch fürchte Nichts! ich bin mit dir, „auch in den Prüfungs-Stunden; -,Jm Glauben bleibst du vest mit mir — „ in Ewigkeit verbunden! „ Ich bin dein Stecken und dein Stab, „ dein Licht durchs finstre Thal hinab — „ dein Führer bis zum Ziele. Lieder. „ Geseegnet bist — und bleibest du! „ Faß dieses Wort im Glauben; „ laß Frevler dir nicht diese Rub' — „ dies Kleinod dir nicht rauben! „ Dir ward zu Theil ein lieblich Looß -— „— Ein Schaflein Jesu, in dem Scho „ der ewig treuen Liebe! „ Dein unvergänglich hoher Ruhm —- das Kleinod deiner Krone, „ ist das: Du bist mein Eigcnthnm „ in Jesu meinem Sohne; ,, Dn sollst es bleiben ewiglich, „nicht Welt, noch Aolle sollen dich, „aus meinen Händen reisten! So sprach der sperr — so rief er mich auS meinen Kümmernissen; und so ergoß die Gnade sich mit ihren SeegcnS-Flüßen; Mein Herz zerschmolz in Dank und Schaam, als es den Kelch des LebcnS nahm, und Himmels-Wonne schmeckte. Je mehr ich dieses Mostes trank, ward heißer das Verlangen, die süße Kost mein Lebelang genüßend zu empfangen, und an der treuen Liebe-Brust, Genade, Kraft und Himmelslust, in Ewigkeit zu saugen. 220 III. A b t l) e i l u n g. Was hat der Herr an mir gethan, seitdem ich Gnade stunden! Nun geh' ich froh znm Ziel hinan, der großen Last entbunden! Süß ist's, im Blute Jesu rein von Sünden abgewaschen seyn. und seinen Frieden schmecken. So kann mich nun hinfort nichts mehr, von seiner Liebe scheiden; nicht meiner Feinde großes Heer, nicht Schmach — nicht Kampf und Leiden nicht Erdenlust, und was die Welt für Wonne, Glück und Freude hält — kann mich von Jesu scheiden! Lieder. 2.6. Die Mutter an der Sterbe-Stätte ihres Sohnes. -^ier in dieser Dir gcwcyhten Stille, Dir —> der lebend mir mein Alles war, den der Vorsicht ewig weiser Wille mir so früh entriß — die Dich gebar. — Hier, an dieser Deiner Sterbe-Statte, wo der Seraph Dir die Krone wand; Hier, wo er bei Thrancn und Gebete Deine Seele von dem Staub entband. — Ach! hier find' ich Wonne oft zu weilen,, und der Liebe Opfer Dir zu weihn, und im Geist zu Dir hinauf zu eilen, und mich Deiner Seeligkcit zu freun! O! wie glücklich! Wer wie Du vollendet, und dem Thal der Sterblichkeit entging! Wer wie Du, den Pilger-Lauf vollendet, und so früh die Sieger-Krön empfing! Ach! Du warst zu gut für dieses Leben! Deine Seele — noch so nnschuldsvoll, eilte Gott zu sich empor zu heben, sie gefiel dem Ewigen zu wohl! Wenn ich betend mich gen Himmel wende, wo mein thranend Auge nach Dir blickt, O Du guter Engel! — o dann finde mir den Trost, den oft der Schmerz erstickt! 22.1 22.2 III. A l) t l) e i l u n g. Meine Thränen sollen Dich nicht stdhren, im Gennßc Deiner Seeligkcit, die Dir in des Himmels heil'gen Sphären Gott im Kreise reiner Wesen beut! Nur dies Herz — an dem Du einst gelegen und Dein kurzes Leben Du begannst — nur der zarten Liebe süßes Regen, das Du auS der Seele mir entwandst — Nur dies Herz fühlt noch die süßen Bande, die die Macht der Ewigkeit nicht stbhrt Ach! es sehnt sich nach dem Wonne-Lande, wo's mit Dir vereint zu seyn begehrt. O! so schau aus Deinen Wonn - Rcvircn — blick auf mich ins Thränen Thal herab! Laß mich Deine süße Nähe spühren, die so oft mir Trost und Nuhe gab. Reiche mir vom Nektar Deiner Freuden — Deiner Wonnen Becher — reiche mir, wenn ich in dem Drange mancher Leiden keinen Trost für dies mein Herz verspühr. Und — wenn in der Eitelkeit Gewühle meine Seele sich versenken will, wenn die Lust im Niedern Erden-Spiele, mir verrückt mein ewig hohes Ziel — So durchschaure heilig Deine Nähe 'eine noch zu schwache Seele dann, d —- wenn ich im Laufe stille stehe, mich zu meinem Ziel hinan! L r r 2 l. Ä, Gelte 4- Z> zi. von und — ließ von un« - 5. - i. Zeugen ließ Zungen - », , 17. es Dir ließ Dir » iz. , 19. Wahrheit, Jrrthum ließ Wahrheit und Jrrthum e 15. - nur ließ und - 24. - 14. Geschehene ließ Gesehene - 146. §. 17. Z. 7. Heiland ließ der Heiland - 160. z, 17. Z. 7. Wesen ließ Wehen,