Recht und Bildung znsammeneristiren, so war cS klar, daß dieseein anderes Fundament als den Glauben haben müssen,
Staat, Wissenschaft und Kunst hatten also ihre alte Grund-lage und ihre alte Begränzung, die kirchliche, verloren. Der Staatbegann seitdem an dem Naturrcchte, die Wissenschaft an der Spe-kulation, die Kunst an der Aesthetik sich znrccht zu finden. DiePhilosophie, die damit wieder wie einst im Alterthum eine welt-umfassende Stellung erhielt, stellte sich zuweilen in freundliches, imvorigen Jahrhundert aber meist in feindseliges Verhältniß zur Kirche,Diese einzelnen Schwankungen interessiren uns hier nicht; das Eine,nns Wesentliche ist die allgemeine Wahrnehmung, daß sich diegesammte damals erwachsene Cultur unabhängig von der Kircheund gleichgültig gegen sie verhielt. Es gilt das von Lessing's undGoethe's, wie von Friedrich II, und Stein's Schöpfungen, vonBeethoven's und Rossini's, wie von Niebuhrs, Hegels und Hum-boldt's Werken, mit einem Worte, von den Leistungen sämmtlich,welche die heutige deutsche Welt geschaffen, genährt und befestigthaben, in deren Luft wir athmen, leben und eristiren.
In solcher Lage fand sich Europa, als die großen Umwälzungenzu Anfang des Jährhunderts hereinbrachen. Die Revolution warvon Anfang an kirchenfcindlich und erfüllt von spcculativer Kühn-heit erschienen; sie setzte zwar nicht alle Wünsche ihres Herzens inEuropa durch, dafür wurde in den Restaurationen von 1814 und1815 gesorgt: aber eben diese Restaurationen nahmen doch diewesentlichsten Besitzthümcr des Gegners in ihre Erbschaft auf. DieMacht der Kirche war und blieb vernichtet, die Kirche wurde durch-gängig jetzt dem Staate unterworfen und durch halb Europa dieFreiheit der Culte proclamirt. Es war das aber noch nicht dasschlimmste ihrer Erlebnisse, DaS „Princip der freien Forschung"war in der Welt erschienen, wenn auch nicht officiell anerkannt,doch auch nicht officiell geächtet; es blieb vorhanden, und wir mö-gen uns rühren, wo und wie wir wollen, in Staat, Wissenschaftund Kirche, wir empfinden seine vernichtende und lebenspen-dende Kraft,
Auf diesen Säulen ruht das Haus unseres Daseins, in diesenAdern strömt das Blut unserer Nationen. Unsere Staaten beherr-schen hier mehr, dort weniger, hier mittelbar, dort unverholendie Kirche, unsre Eonfessionen stehen paritätisch neben einander,