Hatte in Korea nach jenem Geister- oder Gespensterkultus, der einExsudat der Furcht vor Vorgängen und Erscheinungen in der Natur ist,denen gegenüber der Mensch sich Hülflos bekennt, der Buddhismusin den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung Aufnahme gefunden,so war er doch, nachdem chinesische Einflüsse mächtig geworden, unschwerden Vorschriften des Kon-fu-tse in den maßgebenden, den adeligenKreisen, die der herrschenden Dynastie nacheisern, gewichen, wie heutebei anklingenden Gebräuchen die römisch-katholische Kirche durch ihreMissionare rasch Anhänger findet: aber der Verehrung der Ahnen,die halb der Toten, halb der Lebenden Gebiet berühren, hat keinevon außen importierte Lehre Abbruch zu thun vermocht. Die Koreanerweisen ihren Lebendigen wohl Seelenleben zu; aber sie besitzen einedreiteilige Seele; ihre Sterbenden scheiden, während ein Seelenteilsie ins Grab begleitet, von zwei Dritteilen derselben; eines von ihnengeht in die Unterwelt, das dritte in die Ahnentafel, bleibt also hieroben und hält fest die Verbindung der lebenden Angehörigen mit demder Familie entronnenen Toten; die von der Bestattung Heimkehrendenbegleitet dies Dritteil in dem mitgeführten Namentäfelchen des Ge-schiedenen in die alte Wohnstätte, wo ihm in dem Zimmer, in welchemes Aufstellung findet, geopfert wird. In begüterten Familien wirdes nach Jahren der Trauer zu den anderen Tafeln in der „Ahnen-halle" gestellt, wo an den Opfertagen der Gesamtheit der Ahnen ge-opfert wird. Bei den bürgerlichen Familien gilt dies dem Vaterund dem Großvater; höher Stehende gehen bis zum Urgroßvater zurück;der König dehnt seinen Opferdienst auf seine nächsten fünf Vorfahrenaus, also bei normalen Lebenslängen der Vorfahren auf 5 Generationenrückwärts; denn ist er auch in der Wahl des Nachfolgers nicht auf seineDescendenten beschränkt, so ist doch die Wahl aus diesen, den Familienseiner Frauen, ohne Beschränkung auf die der Königin, nach Maß-gabe der Primogenitur, das Übliche. Und nur zu Besuchen an denGräbern der Vorfahren oder in der Ahnenhalle, einem besonderen,ansehnlichen Gebäude, wo die Vorfahrentafeln in geschnitzten undvergoldeten Schreinen bewahrt sind, verläßt er seinen Palast/) jeden-falls am Tage der Jahreswende, dem koreanischen Tage aller Seelen/)
') Hesse-Wartegg S. 63, S. t20.
2) Jüngst hat der König von Korea seinem Lande eine neue Verfassunggegeben und sie an den Gräbern seiner Vorfahren beschworen, wie dies vor