Druckschrift 
[1] (1890)
Entstehung
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angenehm zu unterhalten wußte. Sic war eine stattliche, vornehmeErscheinung und trug auffallende, aber geschmackvolle Kleidung vonbesten Stoffen, erhob sich auch wohl über ihre Schwester und Ange-hörigen, am wenigsten aber über der Kinder Mutter. Sie war frühaus dem elterlichen Hause in die weite Welt, nach damaligen Begriffen,gekommen, war in Kopenhagen, auf Rügen, in Petersburg gewesen undhatte später Dresden mit seinen Kunstschätzen kennen gelernt. Sie ver-stand das Französische und Englische vorzüglich, unterrichtete in beidenSprachen ihre Neffen und unterhielt sich mit diesen viel darin; englischeund französische Ausdrücke gingen über in die Unterhaltung, welche sonstdeutsch geführt wurde. Im Unterricht machte sie die Kinder mit Schillerund Goethe, mit Shakespeare, mit dem Telemague, mit der Odpsseebekannt. Zu anderer Zeit ging sie mit ihnen spazieren, mitunter aufden ganzen Tag nach Frauendorf, wo frisches Brot, Butter und Käsezum Frühstück, Reis, mit Milch gekocht, Mittags auf dem Weinbergegenossen wurde. Sie machte ihre Zöglinge ans alle Naturschönheitenaufmerksam, auch auf den gestirnten Himmel mit Hilfe von Bode'sAnleitung. Die Kinder, auch sonst im Hause zum Gebet und zum Kirchcu-besuch von Jugend auf angehalten, waren für alle ihre Ermahnungenund für die Mittheilungen aus ihrem Reiseleben empfänglich. Siewaren fröhliche Geschöpfe und, weil die Tante den Scherz liebte, ihrnicht blos sehr zugethan, sondern auch aufmerksam auf fremde Schwächen,über die sie sich gerne lustig machten. Die Tante wurde geneckt, dar-über wurde gelacht, und die Tante lachte mit. Sie hatte nur eingeringes Einkommen, war aber zum Wohlthun geneigt, und wie sieihre Zöglinge auf Gott und den Heiland verwies, so öffnete sie auchihre Herzen zum Wohlthun und zur Theilnahme an fremdem Leid.Unter den deutschen Gedichten, die sie auswendig lernen ließ, wurde be-sonders Nachdruck gelegt aus „Irin" von E. v. Kleist, und darin aufdie Ermahnung des Alten an seinen Sohn'.

O bleib' der Tugend immer treu

Und weine mit den Weinenden

Und gieb von Deinem Vorrath gern.

Dem Armen, hilf, so viel Du kannst!