— 462 —
Infolge den Ablehnung seines Gesuches musste Baron Wrangeil an die Riick-kehr denken und es war hohe Zeit dieselbe anzutreten. Zweimal war er dem Tode fastverfallen. Das erste Mal, als ein Eisfeld circa 200 Werst vom Ufer wie durch einenunterirdischen Schlag unter seinen Füssen in kleine Stücke zerschellte und sich offeneStrecken von etwa einer halben Werst Breite bildeten; das zweite Mal, als er auf einerlosgelösten Eisscholle zwei Tage und Nächte, fast ohne Nahrung, umhergetrieben wurde;hier rettete ihn nur seine Geistesgegenwart, Energie und die rechtzeitige Hilfe des Mid-shipman Matjuschkin. Gegen Ende seiner Reise stellten sich aber körperliche Leidenein. Die eiserne Constitution befiel der Rheumatismus, die Augen versagten infolge be-ständiger Entzündungen den Dienst, und freilich konnten in Nishne-Kolymsk bei —30 Gradund —40 Grad Reaumur die verlornen Kräfte nicht wieder hergestellt werden. Im Februartraf der Lieutenant von Wrangeil in Irkutsk ein, wo er, nicht mehr Herr seiner Füsse, denBefehl erhielt, nach Petersburg zu eilen. Auf eigene Verantwortung behielt ihn indessender General-Gouverneur Lawinsky in Irkutsk zurück, damit Wrangeil sobald wie möglichdie burgusinskyschen Heilquellen benutzen könne. Im Juli 1824 kehrte er erst nachSt. Petersburg zurück.
Der Kaiser Alexander empfing den Lieutenant von Wrangeil sehr gnädig undliess sich sehr viele Einzelheiten ausführlich erzählen. Für die gehabte Mühe avan-cirte Baron Wrangeil 1824 zum Kapitän-Lieutenant, wurde mit dem St. Wladimir-Orden IV. Klasse decorirt, erhielt zu seinem Gehalt als Zulage seine Lieutenants - Gageund die auf der Expedition zugebrachte Zeit bei der Pension als doppelte Dienstzeit inAnrechnung gebracht.
Wrangells Name war nun in der wissenschaftlichen Welt ein mit Ehren ge-nannter, und auch als Offizier war er geschätzt, so dass sich ihm eine glänzende Carrierein der Residenz eröffnete, wie ihn auch verschiedene einflussreiche Personen, die ihmwohlwollten, ermunternd aufforderten, seine günstige Stellung nicht ungenützt zu lassen.Allein dem kühnen Forschungsreisenden, der sich auf einer Eisscholle im Polarmeer weitmehr in seinem Elemente fühlte als auf den Teppichen und glatten Parquets der Peters-burger Paläste und Salons, war der Gedanke unerträglich, in dieser Welt, im büreau-kratischen Dienst und am Schreibtisch, seine ferneren Tage zu verbringen, und sollte ihndas auch binnen kürzester Frist zu hohen Aemtern führen. Er verhielt sich daher ab-lehnend gegen die „lockenden Aussichten" und war ganz glücklich, als ihm durch seinenfrüheren Kapitän Golownin, der jetzt General - Intendant war, der Vorschlag gemachtwurde: als Kapitän eines kleinen Fahrzeuges, der dreimastigen Brigg „Krotky", eineReise um die Welt zu unternehmen, mit dem Zwecke: den wohlfeilsten und zweck-mässigsten Modus zur Versorgung Kamtschatkas mit den nöthigen Materialien festzu-stellen und einen Anfang damit für die dortige Colonie zu machen. Der Bau des Schiffesward ihm anvertraut und hielt ihn fast ein Jahr in St. Petersbusg fest. Im Mai 1825wurde die „Krotky" vom Stapel gelassen und im September verliess sie die Rhede vonKronstadt.
Die Reise der „Krotky" dauerte zwei Jahre; im August des Jahres 1827, in einerNacht, die durch ein prachtvolles Nordlicht erleuchtet war, das den alten Bekannten aus