Druckschrift 
1 (1887)
Seite
460
Einzelbild herunterladen
 

460

Professor von Engelhardt Mineralogie. Die anziehende geistreiche Belehrung und derliebenswürdige Umgang dieses Mannes gewährte ihm hohen Genuss und blieb ihm bis insein Alter unvergesslich. Bei Professor Parrot senior hörte er Physik; bei Struve übteer sich in der Behandlung des künstlichen Spiegelhorizontes. In Petersburg liess er sichvon einem Barometerfabrikanten, Bospini, Anweisung geben das Quecksilber in Barometer-röhren auszukochen, um in Sibirien an Ort und Stelle zuverlässige Barometer selbst an-fertigen zu können.

So vorbereitet und ausgerüstet trat er seine Beise an die Nordküste Sibiriens an,und nach den Hilfsmitteln jener Zeit war er mit allem versehen was für seinen Zweckirgend nützlich und praktisch erschien. Aber wie kümmerlich waren doch damals nochdie Hilfsmittel im Vergleich mit der Jetztzeit! Um nur ein Beispiel aus vielen herauszu-greifen, sei daran erinnert, dass die Erfindung der Schwefelhölzchen noch nicht gemachtwar. Man war zum Feueranmachen noch auf Feuerstein und Zunder angewiesen, eineManipulation, welche mit erstarrten Fingern bei 40° unter Null ausgeführt, in vielenFällen ganz resultatlos blieb, so dass die erschöpften und halberfrorenen Beisenden ge-nöthigt waren ohne die lebensspendende Wohlthat eines erwärmenden Feuers und heissenTrankes die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen, der ganzen Unbill des Polarklimaspreisgegeben. Auch die Conserven von Fleisch und Gemüse, die es jetzt ermöglichen kräftigeNahrungsmittel mit grösster Baumersparniss mit sich zu führen, existirten damals nicht.

Zum besseren Verständniss von Ziel und Zweck des Unternehmens sei es gestattet,an dieser Stelle einige erläuternde Bemerkungen einzuschalten und später auf den wei-teren Lebensgang Wränge Iis zurückzukommen.

Auf dem Gebiete der Geographie und Hydrographie an der Nordküste Sibiriensherrschte die grösste Unklarheit und Ungewissheit, indem sämmtliche Aufnahmen undKarten sogar in mehreren der wesentlichsten Ortsbestimmungen um 1y 2 und mehr Gradvon einander abwichen. Namentlich aber blieb die ganze Küstenstrecke vom Cap Schelagskojbis ans Nord-Cap noch völlig unbekannt, auch waren die Meinungen getheilt über dasDasein eines problematischen Landes im hohen Norden, der Kolyma-Mündung gegenüber,welches ein Kosake Andrejew entdeckt haben wollte.

Um nun diese grosse Lücke in der Geographie sowie in der Kenntniss des russi-schen Beiches auszufüllen, beschloss Kaiser Alexander I. die Aussendung zweier Expedi-tionen, welche unter die Leitung von Offizieren der kaiserlichen Marine gestellt werdensollten und die Aufgabe erhielten, eine genaue Aufnahme der Nord-Ost-Küste Sibiriensvon der Jana bis ans Cap Gchelagskoj, sowie der auf dieser Strecke befindlichen Inselnzu liefern und daneben hydrographische, meteorologische, magnetische und anderewissenschaftliche Beobachtungen und Arbeiten auszuführen.

Im Jahre 1820 wurden die beiden Expeditionen ausgerüstet, die gleichzeitig, jedochganz unabhängig von einander, ihre Thätigkeit auszuüben hatten. Der unter dem Ober-befehl des Lieutenants von Anjou stehenden ward der westliche Theil der Küstenstreckezur Durchforschung übertragen, der anderen, unter Wrangells Oberbefehl, der östliche,von der Kolyma an gerechnet. Ausserdem wurde diesem der specielle Auftrag zu theil:über die Existenz oder Nichtexistenz des Andrejew sehen Landes Klarheit zu verschaffen.