Druckschrift 
1 (1887)
Seite
415
Einzelbild herunterladen
 

— 415

I)a ging clie Sonne plötzlich blutroth auf, die Stadt lag von dicken Rauchwolkenumgeben, durch welche die Sonnenstrahlen kaum durchbrechen konnten. Um 7 Uhrmorgens zog der Feind mit den Waffen in der Hand aus der Citadelle und wir mar-scliirten hinein. Achalzig ergab sich nach fünfzehnstündigem Kampfe.

Paskewitscli sagte in seinem Bericht an den Kaiser Nicolaus: ,.Achalzig ist nachfünfzehn Stunden Stimm genommen, und liegt zu den Füssen Ihrer Majestät. Ich konntenicht zugeben, dass wir zum dritten Male vor dieser Festung zurückgehen sollten."

Ich commandirte als Garde-Lieutenant zwei abgetheilte Compagnien mit zwei Ge-schützen bis der Sturm zu Ende war. Durch das Vordringen und Brennen am 15. August1828 gewannen wir die Oberhand.

Am andern Tage wurde ich zum Diner beim Oberbefehlshaber eingeladen, der mirfür meinen Dienst dankte und mich laut lobte, was mir als jungem Offizier natürlichsehr schmeichelhaft und angenehm zu hören war, und gab den Befehl, mich zum Annen-Orden II. Klasse mit Brillanten vorzuschlagen.

Es versteht sich von selbst, dass mich dieses alles sehr beglückte, es brachtemich doch meinem heissen Wunsch und Ziele näher.

Da in den ersten Tagen des September Schnee fiel, so ward das Vorrücken nachArdagan aufgegeben und bestimmt, den Feldzug im Frühjahr wieder zu beginnen.

Baron Mengden und ich erhielten Befehl, den Winter über in Tifiis zu bleiben,wo wir alle ins Lehr-Bataillon kamen.

Bald darauf wurde ich in der Linie Stabs-Ivapitän. Paskewitsch wollte, dassich für Auszeichnung gleich Kapitän werden sollte. Kaiser Nicolaus beschloss es aberanders, ich bekam bloss eine Danksagung. Obgleich sich Paskewitsch wirklich dafürinteressirte, entging mir die verdiente Belohnung.

Im Januar 1829 reiste ich mit Baron Mengden zurück, und wir nahmen den Wegüber Livland, wo ich meine Schwester und Verwandte auf kurze Zeit besuchte. Danneilte- ich nach Narwa, wo meine Schwiegereltern lebten und ich eine geliebte Brautfand. Dem alten Papa musste ich viel von meinen Erlebnissen erzählen; er als alterMilitär interessirte sich besonders dafür und ich lebte mit ihm in der Rückerinnerung.Jetzt wurde meine Hochzeit bestimmt, sie sollte im Mai sein, und ich reiste glücklichund zufrieden nach Petersburg ab.

Ostern wurde ich auf der Wachtparade dem Kaiser vorgestellt. Der gütige Kaiserumarmte und kiisste mich, und war sehr gnädig zu mir, was vielfach von Kameradenund Zuschauern bemerkt wurde. Damals war ich der einzige Georgen-Ritter unter denOber-Offizieren der Garde, so dass mein weisses Kreuz Aufsehen machte.

Meine Hochzeit wurde am 14. Mai 1S29 ganz in der Nähe von Narwa, auf Annen-hof, dem kleinen Besitz meiner Schwiegereltern, gefeiert.

Meine Schwester feierte mit mir den glücklichsten Tag meines Lebens, denn nunbrauchte ich mich nicht mehr von meiner Caroline zu trennen. Meine Frau brachteich in eine Kronswohnung ins Gornofsche Haus, welches wir Garde-Jäger-Offiziere be-wohnten. Dort lebten wir eingeschränkt und sparsam, waren zufrieden und machtenkeine Schulden.