haltsamkeit in der Ehe. Die Neomalthusianer verwerfen dies undbefürworten statt dessen präventive Mittel oder andere Vorsichts-maßregeln gegen die Konzeption. Hierbei werden sie von derrichtigen Auffassung geleitet, daß das Zölibat oft ebenso wie diesehr späten Heiraten ein Unglück sind, ferner von der Hoffnung,daß dem Übel der Prostitution auf diese Weise gewehrt werdenkönne.
Allein außer dem genannten praktischen Lehrsatze, derintim privater Natur ist und an sich nichts für das Gefühl oderdie Sittlichkeit Anstößiges zu enthalten braucht, huldigt undpredigt der Neomalthusianismus eine Auffassung betreffs derKinderzahl, die von der größten allgemeinen Bedeutung ist und,wenn sie Volkssitte wird, eine große nationale Gefahr in sichträgt. Es ist das sogenannte Zwcikiiidersystem. Die Neomal-thusianer begnügen sich niemals damit, für die präventiven MittelPropaganda zu machen, sondern sie geben gleichzeitig sehr be-stimmt an, wie weit man die Natur ungehindert herrschen lassen sollund wo dem eine Grenze zu setzen ist. Die Familien dürfen niemalsmehr als zwei, höchstens drei Kinder haben, aber lieber daserstere als das letztere. Der Neomalthusianismus ist hierdurchmit dem Zweikindersystem identisch geworden, was er keineswegszu sein brauchte, was er aber jetzt faktisch ist. Man kann deshalbsagen, der Neomalthusianismus ist das Zweikindersystem in Theoriegesetzt. Dieses System ist nämlich viel älter als die besagteLehre. Dasselbe blühte schon im alten Griechenland und in Rom,und hat sich spontan als Volkssitte in Frankreich nach derRevolution, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der da durch-geführten Grundstücksparzellierung, entwickelt. Es ist ferner baldhier, bald dort in der neuen wie in der alten Welt, sowie unterden Bauern und noch mehr in den höheren Klassen zur An-wendung gekommen. Häufig ist diese Sitte gerade infolge desoffen gepredigten Neomalthusianismus oder nach dem bekanntenVorbilde Frankreichs eingeführt worden, nicht selten ist sie abervon selbst entstanden. Dieses System liegt nämlich zur Zeit inder Luft. Es verbirgt sich in jeder weit gelangten Zivilisation,wie der Wurm in der Rose. Im folgenden wollen wir es einerPrüfung unterziehen.