Der Adel Schwedens (und Finlands). Pontus E. Fahlbeck, Professor an der Universität Lund. Mit 6 Figuren im Text. Verlag von Gustav Fischer in Jena. 1903. VERLAG VON GUSTAV FISCHER IN JENA. Kaiser lUilbelm und die Begründung des Reichs 1866 — 1871. 92ad) Schriften unb Mitteilungen beteiligter fjürften unb Staatsmänner. 5Soit Dr. Ottolnr £010113, B rD f- nu bcv Unioerfitöt Senn. 1903. Qmcitcv uiuievciubcvtev 9lbbrucf. ißreiS: 10 Mnrf, geb. 12 Marl. ßrcujjeitmtg 91v. 129 Hont 18. Märj 1903: . . . Sem e§ ihm hör allem borauf an, bie große ©eftalt ft'nifer Bülheims I., bie fiel) innner mächtiger erhebt, je weiter mir un8 ber ßeit und) toon ifjr entfernen, enbgiiltig in ben Mittelfmnlt ber Betrachtung jn rücfeti, fo ift it)in baS in überrafc()enbem föiafje gelungen, ohne bafi bieS auf Stuften anbeten BerbtenfieS gefetjehen märe. 9iorbb. 9111g. 3hl. 9?r. 252 Dom 20. ßftober 1902: ®ie Bebcutung biefeS ÜSevteS liegt in ber fyiille beS iteneu Materials, ba§ bem ffierfaffer gut Beifügung ftanb unb in ber Qualität bicfeS Materials, bie im Sitel bereits angebeutet ift. Befaß er bod) ein fo reiches authentifdjeä Material, um ben fchmierigen Berfud), ein objeftio gutreffcnbeS Biib einer fo jungen Bergangenheit 311 geben, mit uotlem Bertrauen magen ju fottnen . . . So ift ein BSeri guftaube gefommen, baS ber Bead)tung beS JjjiftorifcrS in eben folchem Maße toie beS gebilbeten Saiett lieber fein Larf. Breitfjifdjc 3afit'büd|cr 1902: . . . Mag man fiel) jtt beut SBcrt beä BitcheS als ©cfd)id)tfd)reibuug ftellen toie man mill — and) baS bangt ja guin Beil «on fierfönlicber Sluffaffung ab — fidjer ift, baf; mir hier eilt öuelleumerf erften SiangeS uor unS haben . . . 9(13 91 achtrag erfcf)ien foeben: Gegen Bismarcks Uerkleinerer. Nachträge ju „Saifer Bülheim unb bie Be= griinbmig beS 9teid)3". Bon Dr. Dttofar Sorcitj, ffärofeffor au ber ituioerfität jjena. 1903. BreiS: 2 Marl. Das Ucrbältnis zuliseben Geborenen und Gestorbenen in historischer Entwickelung. Von Dr. Johannes Wernicke. 18S9. Preis: 2 Mark 50 Pf. Statistik der Gb^ri. Auf Grund der sozialen Gliederung der Bevölkerung. Nach Volkszählungen und Kirchenbüchern in Dänemark von Markus Rubin, Direktor des städtischen statistischen Bureaus, Kopenhagen, und Harald Westergaard, Prof. der Statistik an der Universität Kopenhagen. 1890. Preis: 3 Mark. Der Staat und die Agnaten. Dr. ©jjfjMmg,«. o. B^f- ber siechte an ber llniberfität Breslau. 1902. B re >§: 1 Mar! 50 Bf- Die Cebre uon der TDortalität und IDorbilität. a .> thropoiogisch - statistische Untersuchungen von Harald Westergaard, Prof. an der Universität Kopenhagen. (Von der Universität in Kopenhagen preisgekrönte Schrift.) Zweite vollständig umgearbeitete Auflage. Preis: 20 Mark. Zeitschrift für Sozial wisse tisch alt: . . . Wie das Buch schon bei seinem ersten Erscheinen sielt in kurzer Zeit viele Freunde erworben hat, so wird dies noch viel mehr bei der vorliegenden 2. Auflage der Fall sein. Die rein wissenschaftliche Art der Behandlung des Stoffes, die strenge Absonderung des mangelhaften statistischen Materials, die fließende Darstellung sichern dem Buche in der statistischen Literatur eine bedeutende Stelle, zumal da ein zusammenfassendes Werk über das vom Verfasser behandelte Gebiet schon lange gefehlt hat. Der Adel Schwedens (und Finlands). Eine demographische Studie. Von Pontus E. Fahlbeck, Professor an der Universität Lnnd. == Mit 6 Figuren im Text. Verlag von Gustav Fischer in Jena. 1903. s I uw SS» "2£* IMtor'--- tll J!" i" r V Y H vr. ir.K. 1 Alle Rechte vorbehalten. &2S-J ^, lc^ Vorrede. Die vorliegende Arbeit bildet eine Zusammenfassung des in schwedischer Sprache in zwei Teilen erschienenen Werkes des Verfassers, Sveriges Adel I (1898), II (1902). In diesem Werke sind Nominaltabellen über sämtliche lebende und ausgestorbene adlige Geschlechter Schwedens aufgenommen, die, außer dem Namen und der Nummer im Ritterhause, das Jahr der Erhebung wie, falls das Geschlecht ausgestorben ist, des Erlöschens, die Nationalität und den Beruf des Stammvaters u. a. m. enthalten. Auch eine Nominaltabelle über die lebenden Geschlechter in Schweden und Finland mit Angabe der männlichen und weiblichen Mitgliederzahl jedes Geschlechtes findet sich dort (Teil II). Alles dies, welches mehr als eine Materialsammlung betrachtet werden kann oder vorwiegend historisches Interesse besitzt, ist hier fortgelassen. Ebenso mehrere Primärtabellen demographischen Inhaltes (über Fruchtbarkeit, Sterbetafeln u. a. m.). Auch manches andere ist ausgelassen oder gekürzt worden. Nicht zum wenigsten die Rücksicht auf den Leserkreis, für welchen diese Arbeit bestimmt ist, hat dies zur Pflicht gemacht. Mancher dürfte gleichwohl finden, daß der Umfang des Buches in Anbetracht des dem deutschen Publikum so fremden Gegenstandes, wie es der Adel Schwedens ist, sehr groß ist. Der einsichtsvolle Leser wird bald finden, daß die Untersuchung, obschon sie in erster Reihe nur den Adel Schwedens und teilweise Finlands betrifft, doch allgemeinere Zwecke verfolgt. Denn die Verhältnisse, die in dieser Gruppe der sogenannten gebildeten Klasse in den genannten Ländern herrschen, finden sich mit aller Wahrscheinlichkeit mehr oder weniger überall in derselben Klasse bei den anderen Völkern der Gegenwart wieder. Dies ist auch der Grund, warum die Dar- IV Vorwort. Stellung für eine größere Allgemeinheit abgepaßt, ist. Daß-hiermit gewisse Schwierigkeiten verbunden waren, ist selbstverständlich; denn es ist immer schwer, zween Herren zu dienen, in diesem Falle der Wissenschaft und dem gebildeten Publikum. Was für den einen zu viel sein kann, ist für den anderen vielleicht zu wenig, und umgekehrt. Auch das Zusammenschweißen zweier Bände in einen hat Mißlichkeiten mit sich geführt, deren Spuren in hier und da vorkommenden Wiederholungen vielleicht zu bemerken sind. Ich kann nur hoffen, daß sie dem Leser nicht zu lästig werden. Indessen ist für diese Aullage eine neue, von einem Sachverständigen (Kapitän Otto Bergström, einem der beiden Herausgeber der Nya Attartaflorna) ausgeführte umfassende Revision des genealogischen Materials vorgenommen worden. Ebenfalls ist die Untersuchung der lebenden Geschlechter hier viel umfassender, was die Resultate in einzelnen Fällen sowohl modifiziert wie befestigt hat. Bund, im September 1903. P. Fahlbeck. Inhalt. Seite Vorrede III—IV Inhalt V—VIII I. Einleitung. Erstes Kapitel. Stände und Klassen, sowie die statistische Beschreibung derselben 3—12 Altere und neuere Ansichten über das Standeswesen. — Entstehung und Verwandlung der Standesunterschiede. — Die Klassen und die Statistik. — Spezialisierung der Bevölkerungsstatistik. Zweites Kapitel. Der Adel Schwedens 13 — 27 Geschichtliche Übersicht. — Das Urteil der Geschichte. — Die Rekrutierung und der nationale Ursprung des Adels. — Die Erhebung in den Adelstand eine soziale Auswahl. Anmerkung. Quellen und Arbeitsweise 27 — 28 II. Demographie der Geschlechter. Drittes Kapitel. Das Geschlecht 3'—4^ Einige historische Bemerkungen. Unbekannte und bekannte Ahnen. Das Geschlecht als Bevölkerungsgruppe. Viertes Kapitel. Die im Ritterhause introduzierten Geschlechter . . 47—52 Aligemeine Übersicht, heraldische und selbständige Geschlechter. — Die Anzahl der adligen Geschlechter und die Zeit ihres Entstehens. — Lebende und erloschene Geschlechter. Fünftes Kapitel. Das Aussterben der Geschlechter 53—65 Das Aussterben von Geschlechtern. — Müssen die Geschlechter aussterben ? — Sterben die Geschlechter nur scheinbar aus ? — Erloschene adlige Geschlechter. Sechstes Kapitel. Lebensdauer der Geschlechter nach dem Alter und nach Generationen 66—77 Naliirliche und faktische Lebensdauer. — Das Alter der Geschlechter VI Inhalt. Seite beim Erlöschen. — Generationen und Generationenzählung. — Die Geneiationen der ausgestorbenen Geschlechter. — Mittlere Lebensdauer der ausgestorbenen Geschlechter. Siebentes Kapitel. Sterblichkeit und Absterbeordnung der Geschlechter 78—96 Historische Übersicht über ausgestorbene und fortlebende Geschlechter. — Sterblichkeit nach dem Alter. — Die Absterbeordnung der Geschlechter. — Sterblichkeit nach den Zeiten. Achtes Kapitel. Statistische Geschichte der ausgestorbenen Geschlechter 97— I2 7 Wie die Geschlechter erlöschen. — Familienstand und Zahl der stehenden Ehen. — Fruchtbarkeit. — Die kinderlosen Ehen. — Das Geschlecht der Geborenen. — Sterblichkeit. — Im Krieg Gefallene. Neuntes Kapitel. Die lebenden Geschlechter und ihre statistische Geschichte 128 — 137 Analyse der lebenden Geschlechter; gleichzeitige Generationen. — Ehelichkeit. — Fruchtbarkeit. — Kinderlosigkeit. — Das Geschlecht in den Geburten. — Sterblichkeit. Zehntes Kapitel. Alter und Größe der lebenden Geschlechter . . 138—152 Alte Geschlechter. — Das Alter der lebenden Adelsgeschlecbter. — Die Größe der lebenden Geschlechter. — Größe der Geschlechter nach dem Alter. — Auf der weiblichen Seite fortlebende Geschlechter. — Größe der finländischen adligen Geschlechter. Elftes Kapitel. Warum die Geschlechter aussterben. Kritik und Schlußfolgerungen 153—168 Das Aussterben nicht ein Werk der Zufälligkeiten allein. — Nähere und fernere, äußere und innere Todesursachen. — Innere physiologische Ursachen. Degeneration. III. Die Demographie des Adels als Volksgruppe. Zwölftes Kapitel. Die gesammelte Masse des Adels in Schweden und Finland 171 — 178 Der Adel Schwedens am 1. Januar 1895. — Die Masse des Adels in älteren Zeiten, sowie Veränderungen in derselben. — Die im Auslande wohnenden Mitglieder der Geschlechter. — Der Adel Finlands. Dreizehntes Kapitel. Das Geschlecht 179— 190 Das Geschlecht als natürliche und statistische Eigenschaft. — Das Gleichgewicht der Geschlechter. — Das Geschlecht im schwedischen Adel. — Das Geschlecht bei Geburten. — Der Adel Finlands. Vierzehntes Kapitel. Das Alter 191 — 201 Das Alter als statistische Eigenschaft. — Altersverteilung im Adel. — Die Alterspyramide. — Die Alterspyramide des schwedischen Adels. Die niedrigsten Alter. — Die höchsten Alter. — Die Altersverteilung des finländischen Adels. Inhalt. VII Seite Fünfzehntes Kapitel. Zivilstand und Ehelichkeit 202—220 Der Zivilstand als statistische und soziale Eigenschaft. — Der Zivilstand im Adel Schwedens. — Der Zivilstand in den verschiedenen Altern. — Intensität der Ehefrequenz, sowie Ehewahrscheinlichkeit in verschiedenen Altern. — Die allgemeine Tendenz der Ehelichkeit in der Gegenwart und die Stellung der höheren Klassen hierzu. — Ursachen und Wirkungen der geringen Ehelichkeit. — Der Adel Finlands. Sechzehntes Kapitel. Heiratsalter und Wiederheirat 221 — 230 Heiratsalter. Durchschnittsalter für die Eheschließungen im schwedischen Adel. — Sinken des Heiratsalters, sowie Erklärung der typischen Eigenschaften desselben im Adel. — Wiederheiraten. — Der Adel Finlands. Siebzehntes Kapitel. Alter der Ehen, sowie in- und außerhalb des Adels Verheiratete 231 — 240 Das Alter der bestehenden Ehen. — In- und außerhalb des Adels Verheiratete. — Finlands Adel. Achtzehntes Kapitel. Die Fruchtbarkeit der Ehe 241 — 259 Begriff und Darstellung der Fruchtbarkeit. — Fruchtbarkeit der Ehen. Allgemeine Übersicht. — Fruchtbarkeit nach dem Alter der Ehen. — Fiuchtbarkeit und Alter der Frau bei der Eheschließung. — Vergleiche. — Der Adel Finlands. Neunzehntes Kapitel. Unfruchtbarkeit und Größe der Familien 260 — 267 Kinderlosigkeit. — Größe der Familien. — Der Adel Finlands. Zwanzigstes Kapitel. Wohnsitz, Beruf und sozialer Niedergang 268—277 Wohnsitz. — Berufe. — Die in niedere Stände Zurückgetretenen. — Der Adel Finlands. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Lebensaussichten des Adels und seine Stellung als Volksgruppe 278 — 290 Einige Daten über die Bevölkerungsbewegung. — Ergebnisse der Bevölkerungsbewegung und Lebensaussichten des Adels Schwedens. — Der Adel als Volksgruppe — Liegt bei den höheren Klassen Degeneration vor? — Die höheren Klassen an der Spitze der Entwickelung. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Standeszirkulation .... 291 — 304 Wesen- und treibende Kräfte der Standeszirkulation. — Die aufwärtsgehende Bewegung. — Die abwärtsgehende Bewegung. — Das Aussterben der Geschlechter. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die allgemeine Regeneration und der Neomalthusianismus 3°5—34^ Die Lehre von Malthus. — Übervölkerung und Volksmangel. — Die richtige Volksmenge. — Volksmehrung und Volksmehrungstendenz auf niedrigerer Kulturstufe. — Volksmehrung und Volksmehrungstendenz auf höherer Kulturstufe. — Der Neomalthusianismus. — Fehler und Irrtümer des Neomalthusianismus. — Wirkungen und Gefahren des Zweikindersystems. — Was ist zu tun? VIII Inhalt. Anhang. Seite Tabelle I. Der Adel Schwedens am i. Januar i8gs 351 Tabelle II. Der Adel Schwedens am r. Januar 1895, gräfliche und freiherrliche Geschlechter 352 Tabelle III. Der Adel Schwedens am 1. Januar 1895, adlige Geschlechter mit dazu gehörenden freiherrlichen und grällichen . 353 Tabelle IV. Der Adel Finlands am 1. Januar 1895 354 Tabelle V. Analyse 825 ausgestorbener Geschlechter 355 Tabelle VI. Analyse 571 lebender Geschlechter 357 Falilbeck, Der Schwedische Adel. 1 Erstes Kapitel. Stände und Klassen, sowie die statistische Beschreibung derselben. Ältere und neuere Ansichten über das Standeswesen. Das Standeswesen hat frühzeitig die Aufmerksamkeit der Menschen erweckt und ihre Phantasie in Tätig'keit gesetzt. Davon zeugen die Sagen über seinen Ursprung-, die uns überall aus der Kindheit der Völker her entgegenklingen. Man sah in demselben eine von der Gottheit selbst geheiligte Institution. So erzählt die indische Mythe: Im Beginne der Zeit gingen aus dem Munde Brahmas Brahman, aus seinem Arm Xatrya, aus der Hüfte Vaisya und zuletzt aus dem Fuße Sudra hervor. Die nordische Sage läßt die Stände wiederum so entstehen, daß der Gott Rig oder Heim- dal mit „Edda" den Sohn Träl (Knecht), mit der „Amme" Karl und mit der „Mutter" Jarl erzeugte. Auch die alten Guanchen, die Ureinwohner der Kanarischen Inseln, wußten über diese Dinge eine Sage zu erzählen. Der große Geist, hieß es, erschuf die Menschen und die Ziegen und schenkte die letzteren dem Adel. Der gemeine Mann forderte da seinen Anteil an den Ziegen, aber der Geist antwortete: die Ziegen sind nur für den Adel, der gemeine Mann soll ihnen dienen. Auf diese Weise haben Völker verschiedener Rassen und unter allen Himmelsstrichen dem Stande einen göttlichen Ursprung angedichtet. Später, als die Religion, wie unter den christlichen Völkern, solche Sagen verdammte, entstand die Vorstellung, daß besonders der erste der Stände, der Adel, sowie der geringste, Bauern und Arbeiter, Wirkungen der Eroberung seien. Das Recht des Krieges und der Rassenunterschied wurden nun als ihre Ursache von 1* 4 der einen, Gewalt und List von der anderen Seite hingestellt. Aber diese Anschauung, die sich bis zur französischen Revolution erhielt, drückte ebenso wie die erstere, theologische, hauptsächlich die populäre Denkart aus. Was hat die wissenschaftliche Forschung und in erster Reihe die Geschichtsschreibung hierüber gesagt? Wie haben sie die Stände beurteilt? Und wie haben sie ihr Entstehen erklärt? Zuerst sei daran erinnert, daß die Geschichtsschreibung bis zum heutigen Tage gar keine Antwort auf diese Fragen gegeben hat. Mit so vielem anderen, hauptsächlich politischen Flandlungen und Personalien beschäftigt, ist die offizielle Geschichtsschreibung an diesem unzweifelhaft größten Ereignis der Geschichte meistens stillschweigend vorübergegangen. Von den Tagen Rousseaus an bis zur Gegenwai't sind es Philosophen, Ökonomen und Soziologen gewesen, die dieselbe zu beantworten versucht haben. Die Antwort ist sehr verschieden ausgefallen; man kann jedoch hierin zwei Richtungen beobachten. Die eine schließt sich an die letztere der oben genannten populären Anschauungsweisen mit oder ohne Zusatz der Selektionslehre an. Am konsequentesten, wenn auch einseitigsten, ist hierbei L. Gumplowicz 1 ) gewesen. Er sieht in dem ganzen Standeswesen ausschließlich ein Resultat des Rassenkampfes. Die Mehrzahl der s. g. Evolu- tionisten geht nicht so weit, betrachtet aber gleichwohl die Stände als ein Produkt des Konkurrenzkampfes und einer darauffolgenden natürlichen Auswahl. — Die andere Auffassung dieser Dinge ist neueren Datums, und man kann kaum sagen, daß sie bisher voll gewürdigt ist. Diese sieht in den Ständen eine für die Ent- wickelung der Gesellschaft unumgängliche Organisation und sucht die Ursache ihrer Entwickelung, von einigen Ausnahmen abgesehen, in der sozialen Arbeitsverteilung. Wahr ist zwar, daß betreffs des Kastenwesens Indiens, der ausgeprägtesten sozialen Organisation, welche die Geschichte kennt, schon vor langer Zeit eine ähnliche Auffassung sich geltend gemacht hat; aber man blieb hierbei stehen und versuchte nicht, dieselbe Anschauung auf die Erscheinung in ihrer Gesamtheit anzuwenden. Erst die Soziologen der Jetztzeit haben Ernst damit gemacht, obschon freilich ihrer Gewohnheit nach unter Beziehung auf mehr biolo- i) Der Rassenkampf. Innsbruck 1883. In späteren Schriften scheint Gumplowicz diese Auffassung mehr nach der unten im Text angeführten hin modifiziert zu haben. — .5 — gische und physiologische als auf historische Tatsachen. Analogien mit der Tierwelt und dem physischen Organismus sind schon von Comte und Spencer zum Tummelplatz dieser Wissenschaft ausersehen worden. Daraus holen sie sich den Schlüssel zu beinahe allen sozialen Erscheinungen. Auch E. Dürkheim, der die Bedeutung der Arbeitsverteilung für die Standesbildung am stärksten von Allen hervorhebt, tut dies unter Anführung ähnlicher Analogien ] )- Ausschließlich auf historischer Grundlage haben wiederum G. Schmoller 2 ), sowie Verfasser dieses 3 ), jeder auf seine Weise, die oben genannte Auffassung zu entwickeln gesucht. Der erstere glaubte indessen ausser im sozialen Prinzip der Arbeitsverteilung, auch in der biologischen Erblichkeit den Grund der Standes- und Klassenunterschiede zu finden. Dies veranlaßte eine Kritik von K. Bücher 4 ), welcher in der Hauptsache der Erblichkeit jede Bedeutung abspricht und gleichzeitig den Ursprung der Ständebildung in dem verschiedenen Eigentumsbesitz sucht 5 ). Dem ersteren Teil dieser Kritik, die sich, was die höheren Stände betrifft, auch auf die Tatsache stützt, daß deren Geschlechter bald aussterben, wodurch die Erblichkeit nicht so große Gelegenheit erhält, ihre Wirkungen zu zeigen, stimme ich vollkommen bei, muß aber die letztere Behauptung auf das bestimmteste zurückweisen. Es heißt Ursache mit Wirkung verwechseln, wenn man betreffs der ursprünglichen Standesbildung, um die es sich hier handelt, die tätige Kraft auf die Verschiedenheit des Besitzes verlegt. Die letztere ist jünger als die erstere. Im übrigen läßt sich schwer einsehen, wie ein größerer oder kleinerer Eigentumsbesitz an sich den Grund zu den verschiedenen sozialen Auf- 1) De la division du travail social, etude sur ^Organisation des societes superieures. Paris 1893. 2) Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, Bd. XIV (1890). — Zuletzt hat B. Gurewitsch, die Entwickelung der menschlichen Bedürfnisse und die soziale Gliederung der Gesellschaft, Leipzig 1901, eine ähnliche Auffassung mit Ausgangspunkt von den menschlichen Bedürfnissen geäußert. 3) P. E. Fahlbeck, Stand och Klasser, Luild 1892. 4) Die Entstehung der Volkswirtschaft. Sechs Vorträge. Tübingen 1893. Dritter Vortrag. 5) Eine ähnliche Auffassung, obschon mit Anschluß an die Selektionsiehre, ist schon früher von Alph. de Candolle, Histoire des Sciences et des Savants depuis deux siecles, 2 ed., Geneve 1885, S. 117 ff., ausgesprochen worden. Im übrigen liegt sie allem Sozialismus zu Grunde, wie sie auch den Grund für die Konstruktion der bürgerlichen Gesellschaft im 18. Jahrhundert bildete. 6 — gaben, die die Stände repräsentieren, hätte geben sollen. Diese Aufgaben treten unabhängig vom Besitz und dessen Verteilung auf und existieren unabhängig von diesen. Dagegen ist ohne weiteres klar, daß mit der Entstehung getrennter Stände ungleicher Eigentumsbesitz folgen mußte. Und ist dieser einmal da, so bewirkt er, daß die Individuen sich in die genannten Aufgaben verschieden verteilen, daß der Reiche Krieger und Staatsmann, der Arme Leibeigner und Bauer ist. Hieraus folgt dann wieder, daß das ursprüngliche Verhältnis sich umdreht. Zuletzt fällt dies mit der A^erwandlung der Stände in Klassen zusammen. Nun macht das Eigentum den Klassenunterschied, ebenso wie der Stand ursprünglich die Eigentumsverteilung bestimmt hat. Die beiden Erscheinungen sind während des historischen Verlaufes abwechselnd Ursache und Wirkung. Auf diese Weise versöhnen sich die streitenden Ansichten miteinander. Bereitwillig sei jedoch eingeräumt, daß es noch lange dauern dürfte, bis die Forschung in dieser für alle Gesellschaftslehre so wichtigen Frage, besonders wenn man zu den Einzelheiten kommt, ihr letztes Wort gesagt hat. Hier mögen nur noch einige allgemeine Gesichtspunkte betreffs der Geschichte des Standeswesens Platz finden. * * * Entstehung und Verwandlung der Standesunterschiede. Die unterschiedlose Gleichheit der Menschen ist der Anfang der Geschichte und dürfte ihr Ende sein. Zwischen diesen beiden Endpunkten treffen wir unter den Kulturvölkern nur Staaten mit sozialen Unterschieden. Dies liegt im Wesen der Kultur. Diese schließt immer eine Differenzierung in sich. Das Einfache und Unterschiedlose wird zusammengesetzt und voll von Verschiedenheiten. Die Gleichheit wird gebrochen, Stände und Klassen entstehen. Die vornehmste Triebkraft in dieser Entwickelung ist, wie oben angedeutet, das Bedürfnis der Arbeitsverteilung, und der Grund dieser ist wiederum das bewußte oder unbewußte Streben, ein besseres und vollkommeneres Arbeitsprodukt zu erzielen. Denn das ist die Bedeutung aller Arbeitsverteilung, besonders aber der ursprünglichen, von der hier die Rede ist, der Berufsbildung', wie Bücher sie nennt. Nur dadurch, dass getrennte Hände sich an die verschiedenen sozialen Aufgaben heranmachen, können diese vorwärts geführt und immer besser erfüllt werden. Besonders gilt dies für die höheren Kulturzwecke, die immer nur von einer geringen, sich ganz ihnen widmenden Anzahl gefördert werden können. Die Mehrzahl muß pflügen und säen, damit einige die Angelegenheiten der Gesellschaft leiten, Studien und Kunst treiben können. Das ist die Forderung der Kultur. Der äußere Verlauf dieser sozialen Arbeitsverteilung ist gewöhnlich durch Gewalt und List gekennzeichnet. Die Sklaverei ist der Anfang aller Gesittung; allein man sieht die Dinge nur an der Oberfläche, wenn man die äußere Gestalt des Verlaufes für den inneren Kern desselben ansieht. Hinter den Gewaltshandlungen des Einzelnen liegt das Bedürfnis der Gesellschaft nach Arbeitsverteilung, und hinter dieser am letzten Ende die angeborenen Triebe und Neigungen des Menschen. Diese sind, gleich den Kulturvorteilen, zweierlei Art, sinnliche und geistige. Eine materialistische Auffassung der Geschichte und des Weltlaufes glaubt in dem Eigennutz und der sinnlichen Natur des Menschen die einzige hier wirksame Kraft zu finden. Die Lust zu leben und zu genießen läßt den Starken den Schwachen unterdrücken, und auf diese Weise sollte, der Auffassung einiger nach, die ganze soziale Differenzierung und Kulturentwickelung stattgefunden haben. Diese Auffassung übersieht die andere Seite der menschlichen Natur. In letzter Reihe hat das Vorhandensein der geistigen Bedürfnisse, als Religion, Kenntnisse, Gerechtigkeit und Ordnung, die höheren und besseren Gaben der Kultur hervorgerufen. Nehme man die genannten Bedürfnisse fort, und die Kultur wäre niemals entstanden. Die rein geistige Natur des Menschen ist, wie man ja a priori sagen konnte, der eigentliche Kulturbringer. Denn warum hätte sonst der Mensch mehr als die Tiere eine Kultur hervorbringen sollen? Dies in bezug auf die Entstehung der Stände im großen und als soziale Organisationen. Sieht man dagegen, wie sie sich im kleinen und sozusagen Stück für Stück bilden und fortdauernd erhalten, so ist offenbar, daß der Konkurrenzkampf und die natürliche Auswahl so gut wie allein hierbei entscheidend waren. In diesem Punkte haben diejenigen recht, welche das Standeswesen als ein Produkt der genannten Mächte auffassen. Von ihnen hing es ab, welche einzelnen Personen in die höheren Stände eintreten und sich dort erhalten sollten. Hier hat die natürliche 8 — Auswahl das Zepter geführt, die einen eingeführt oder behalten, andere ausgeschlossen oder ausgestoßen. Mit Rücksicht auf ihre zufällige Zusammensetzung aus Individuen und Geschlechtern und ihre Rekrutierung neuer können somit die Stände, sowohl hohe wie niedrige, als ein Produkt des Kampfes um das Auskommen und des Kampfes um den Genuß und die Macht betrachtet werden — denn der letztere ist unter den Menschen nicht weniger hart als der erstere — aber dieses macht nicht die Stände als solche zu einem Produkt dieses Kampfes. Die Stände waren typisch vier, entsprechend den Bedürfnissen der Gesellschaft nach einer Leitung in Krieg und Frieden, nach religiöser und geistiger Kultur, nach höherer und niedriger materieller Arbeit. Seit einigen Jahrhunderten ist diese einst so einfache und feste Organisation in Adel, Priester, Bürger und Bauer sowie Arbeiter in Auflösung geraten. Die Entwickelung ist nämlich nicht nur in einer Richtung gegangen. Man kann innerhalb des Standes- und Klassenwesens ebensowohl abwärts- wie aufwärtsgehende Bewegungen wahrnehmen. Zu Anfang herrscht die aufwärtsgehende Bewegung, wo die Stände sich bilden und die Kultur durch Konzentrierung auf eine geringe Anzahl Hände wächst. Später folgt die abwärtsgehende, wo der scharfe Standesunterschied aufhört und durch die mildere Klassenungleichheit ersetzt wird. Gleichzeitig verbreiten sich die Gaben der Kultur unter immer größere Massen des Volkes. Den vollständigen Abschluß dieser Entwickelung haben wir noch nirgends gesehen. Wir befinden uns noch immer inmitten derselben. So viel ist indessen klar, daß das Standeswesen in dem Leben der zivilisierten Völker ein abgeschlossenes Kapitel ist. Noch immer sind dieselben sozialen Bedürfnisse vorhanden, sie sind aber nicht an gewisse Geschlechter und Individuen gebunden. Der frühere scharfe Unterschied ist auch im Gesetz und in der Verfassung aufgehoben. Alle die Bande, die das Individuum früher fesselten, sind gelöst. Es geht, wo es will, aus und ein und stellt sich in * den Dienst des einen sozialen Zweckes oder des anderen. Darum sind aber die Unterschiede unter den Menschen in der Gesellschaft nicht verschwunden. Die verschiedenen sozialen Bedürfnisse, denen die Einzelnen dienen, verhindern dies, noch mehr vielleicht aber — der Besitz. Die Verschiedenheit des Besitzes ist jetzt für sich allein imstande, die sozialen Unterschiede zu tragen. Die Klassen sind an die Stelle der Stände getreten. 9 Ohne Zweifel wird auch das Klassenwesen einmal einer neuen Ordnung Platz machen; dies wird dann die des Berufswesens sein. Die sozialen Unterschiede werden hierdurch nicht verschwinden, aber sie werden sich immer mehr mildern. Die in gewissen Beziehungen größte Scheidewand, der ungleiche Besitz, wird nicht dieselbe Bedeutung haben wie jetzt. Die Stellung in der Gesellschaft wird dann durch die Verschiedenheit in der Lebensweise bestimmt, und beide hängen allein vom Berufe ab. Dies ist, so weit der Blick jetzt reicht, die letzte Form der sozialen Organisation — ganz sicher besser und vollkommener, als die jetzige Klassenorganisation, die zuweilen mehr der Anarchie als der Ordnung gleicht; besser ebenfalls, als das alte Standeswesen mit seinem Zwang über die Individuen. * * * Die Klassen und die Statistik. Die Organisation der Menschen in Stände und Klassen hat die Demographie noch nicht zu durchdringen vermocht. Aus dem zuletzt Gesagten ist indessen klar, daß die soziale Differenzierung ein so wichtiges Moment im Leben der Menschen und Völker ist, daß eine vollständige Kenntnis des letzteren ohne Verständnis der ersteren undenkbar ist. Und nur die Schwierigkeit, zurzeit ein solches Verständnis zu gewinnen,, hat verursacht, daß die Bevölkerungsstatistik bisher hiervon hat abstehen müssen. Hätte es sich zur Zeit des Standeswesens um die Ausführung einer solchen Untersuchung gehandelt, so 'wäre diese unzweifelhaft sehr leicht gewesen, denn damals waren die Grenzen zwischen den sozialen Gruppen scharf und bestimmt 1 ). Ebenso wird die Demographie der Zukunft die soziale Organisation des Berufswesens sicher ohne Schwierigkeit beschreiben können, denn die Verteilung in Berufe ist ebenfalls verhältnismäßig klar und bestimmt. Viel schwerer ist es, die Organisation der Klassengesellschaft aufzufassen. Denn welches sind die Klassen, und wo sind ihre Grenzen ? Wir sprechen von der Arbeiterklasse, von einer Mittelklasse und von den Höchsten der Gesellschaft; man erwähnt auch die Klasse der Gebildeten im Gegensatz zu der der Handarbeiter. Allein nichts ist fest und bestimmt. Im großen i) Vor 1860 enthielt auch die allgemeine Bevölkerungsstatistik Schwedens gewisse Angaben über die Stärke der vier Stände. Zu dieser Zeit war das Standeswesen, jedoch schon lange tot, und deshalb ist die genannte Statistik ziemlich unzutreffend. IO gesehen entsprechen zwar diesen Klassen dieselben sozialen Funktionen, die im Standeswesen auf Adel, Priesterschaft, Bürger und Bauer, sowie Arbeiter verteilt waren. Aber die sozialen Aufgaben sind in Unendlichkeit spezialisiert worden, und vor allem, die Personen sind nicht länger an dieselben gebunden; und der Besitz, der wohl am meisten die Gruppierung der Individuen in der Klassengesellschaft bestimmt, bietet ebenfalls keine festen Grenzen. Zwischen den Reichtümern des Multomillionärs und der Armut des Proletariers liegt eine große Mannigfaltigkeit von Graden ohne bestimmte Uebergänge. Dies bewirkt, daß die sozialen Massen der Klassen schlecht begrenzt sind. Die Statistik wird niemals auf eine genaue Zahl bestimmen können, wieviele und welche der einen oder anderen Klasse angehören. Augenblicklich wird man deshalb kaum etwas anderes tun können, als den Typus für die verschiedenen Klassen zu beschreiben, indem man eine gewisse soziale Masse, die die ganze Klasse mit der größten Reinheit wiederzuspiegeln scheint, ausmustert und behandelt. Dies ist auch der Weg, dem die vorliegende Arbeit folgt, indem sie den Versuch macht, die allgemeine Bevölkerungsstatistik auf die neue Bahn zu führen, die sie, ihrer ferneren Entwickelung und einer eingehenden Kenntnis des Menschen und der Gesellschaft wegen, betreten muß. * * * Spezialisierung der Bevölkerungsstatistik. Für eine vollständige Volksbeschreibung genügt es nicht, daß man, wie es bisher geschehen, die Individuen und die Eigenschaften derselben in der ganzen Masse des Volkes ohne Unterschied kennen lernt. Sie muss in diese eindringen, sie in ihre organischen Bestandteile zerlegen und dann jeden für sich mit Rücksicht auf die genannten Eigenschaften u. a. m. betrachten. Nur in einer Beziehung ist es der allgemeinen Bevölkerungsstatistik bisher gelungen, in die Masse des Volkes zu dringen, nämlich mit Rücksicht auf ihre lokale Verteilung. Allein die Einteilung nach dem Räume gibt zwar besondere Massen, die in gewissen Fällen interessant zu beobachten sind, wie Land- und Stadtbevölkerung, Großstadt- und Kleinstadtbevölkerung, die aber auch oft ziemlich gleichgültig für die wissenschaftliche Erfassung des Volkes sind. Es gibt andere, die kennen zu lernen gewöhnlich viel wichtiger ist. Das Volk — II — ist nämlich in den Kulturstaaten keine unterschiedslose Masse, ohne eine andere Verteilung als die territoriale. Es ist vielmehr ein in soziale Gruppen verteiltes und aus solchen zusammengesetztes Ganzes, was man nach dem Vorbilde des Einzelwesens einen Organismus zu nennen pflegt. Die Glieder dieses Organismus sind die Stände und Klassen, sowie die Gewerbe. Eine jede solche Gruppe in allen demographischen Beziehungen auszusondern und zu beschreiben, ist noch nicht gelungen. Nur einzelne statistische Momente, wie Mortalität, Eheschließungsfrequenz und Kindcr- anzahl der Familien, sind in den verschiedenen sozialen Schichten zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht worden. Auf •diesem Wege müssen wir weitergehen. Man hat bisher in der ganzen Masse des Volkes nur einen Typus mit den lokalen Verteilungen als Variationen dazu erhalten. Aber dieser generelle Typus faßt eine Menge den verschiedenen Klassen und Gewerben ■entsprechende Spezialt} r pen in sich. Von diesen wissen wir, mit den eben genannten Ausnahmen, so gut wie nichts. Hier liegt •die wichtigste Aufgabe der Bevölkerungsstatistik der Zukunft. Und nicht allein die Wissenschaft ist hieran interessiert. Große und mächtige soziale Bedürfnisse fordern jetzt auch, daß die Statistik in die Masse der Bevölkerung eindringt, um wenigstens •eine besondere soziale Gruppe — die der Arbeiter — zu beschreiben und ihren Typus festzustellen. In fast allen zivilisierten Staaten werden gegenwärtig die größten Anstrengungen gemacht, um eine Arbeiterstatistik zustande zu bringen. Man will die Masse der Arbeiter herausnehmen, um sie in verschiedenen, in ■erster Reihe ökonomischen, aber auch rein bevölkerungsstatistischen Beziehungen für sich allein zu studieren und zu beschreiben. Die Bevölkerungsstatistik steht hier vor dem neuen Wege, den ich •eben angedeutet habe. Indem sie diesen betritt, wird sie die spezielle Statistik, die eine wissenschaftliche Bevölkerungslehre fordert, die sie aber mangels Materials bisher entbehren mußte. Hiermit ist der Platz vorliegender Untersuchung in der statistischen Forschung angegeben. Sie bildet einen Versuch, in die Masse des schwedischen Volkes einzudringen, eine gewisse soziale Gruppe davon, den Teil der gebildeten Klasse, der im Adel ein äußeres Kennzeichen besitzt, auszuscheiden und sie, soweit das Material es gestattet, zu beschreiben und ihren Typus festzustellen. In einer Beziehung geht sie gleichwohl noch weiter. Eine Untersuchung über den schwedischen Adel findet Gelegenheit, eine Bevölkerungsgruppe statistisch zu fassen, die bisher nicht der Gegenstand einer demographischen Beschreibung gewesen ist, nämlich die Geschlechter. Dieses ist keine auf eine gewisse Klasse begrenzte Gruppierung von Menschen; es kommt im ganzen Volke vor. Jedes Individuum in demselben ist Mitglied eines Geschlechtes, und das Volk in seiner Gesamtheit ist eine Summe von Geschlechtern. Der allgemeinen Bevölkerungsstatistik fehlt es aber an jedem Mittel, diese Bevölkerungsgruppe zu beschreiben. Sie macht bei der Familie und dem Haushalte Halt und berichtet notdürftig über diese. Dennoch ist das Geschlecht, obgleich es bei den Kulturvölkern jeder politischen und meistenteils auch sozialen Bedeutung entbehrt, eine interessante demographische Erscheinung, die es wohl verdient, studiert zu werden. Zweites Kapitel. Der Adel Schwedens. Geschichtliche Übersicht. Früher herrschte, wie oben angedeutet, in Europa vielfach die Ansicht, der Adel bestehe aus den Nachkommen eines erobernden fremden Stammes. Man hielt es für vornehmer, sich auf eine andere Herkunft berufen zu können, als die, welche der gemeine Mann hatte. Auf diese Weise wollte man auch die Macht und die Privilegien, die dem Adel zukamen, rechtfertigen: sie bildeten den Tribut des Besiegten an den Sieger. Jetzt wissen wir, daß der Ursprung des Adels nur in einer geringen Anzahl Fällen, wie in England, den Ostseeprovinzen, teilweise auch in Italien und Spanien, der genannte war. In den übrigen europäischen Ländern, und ganz besonders in Schweden, ist der Adel ein Kind desselben Stammes wie das übrige Volk. Die Wurzeln des schwedischen Adels gehen weit zurück in das große Heidentum. Die Großbauern, von welchen die Sagen und unsere ältesten historischen Dokumente reden, sind eine auf natürlichem Wege herangewachsene Aristokratie. Durch kriegerische Taten und allgemeine Vertrauensämter, wie Rechtsprechung u. a. m. sowie durch größeren Grundbesitz erhoben sich einige über die Menge anderer freier Grundeigentümer. Und dieselben Kräfte, die sie einmal hoch gebracht hatten, trugen dazu bei, ihre Stellung immer mehr zu befestigen. Eine wirklich durch Gesetz bestimmte Stellung in der Gesellschaft erhielt diese Aristokratie jedoch erst von der Zeit der Folkunger an, wo der Roßdienst (1280) eingeführt wurde und die adligen Privilegien hierdurch ein Glied in der Verfassung wurden x ). Die darauf folgende Zeit ist die politische Blütezeit 1) Das Bedürfnis nach Reiterei veranlaßte den kräftigen Magnus Birgersson (1275—1290) das Gesetz durchzuführen, daß jeder Bauer, der ein Pferd und einen Reiter für den Dienst des Staates stellen könne, . damit sein Eigentum von allen M — des Adels in Schweden. Hier, wie überall, zeichnete sich das Mittelalter durch das Übergewicht des aristokratischen Elementes in der Gesellschaft aus. Die erste Folge davon ist, daß die Großen sich gegen das Königtum wenden, sich dasselbe untertänig zu machen suchen, und daß ihnen, wie bekannt, dieses auch gelingt. Durch günstige Zufälle, das Aussterben des alten Königsgeschlechtes und die kurze Dauer der neuen, unterstützt, sehen sich die Großen imstande, das uralte schwedische Erbkönigtum in ein Wahlreich zu verwandeln. Gesetzlich festgestellt wurde dies durch das allgemeine Landesgesetz von 1347. Mächtige Adelsvereinigungen setzen nach dieser Zeit Könige ein und vertreiben sie. Die politische Macht liegt vollständig in den Händen des Adels. Die im Jahre 1319 eingeleitete und 1387 zum Abschluß gebrachte Union mit den beiden anderen skandinavischen Ländern, Dänemark und Norwegen, begünstigt diese Adelsgewalt in hohem Grade. Noch ist jedoch neben dem Adel eine Macht im Staate da, nämlich die Volksmacht, die freien Bauern. Gern wären die Großen in Schweden zu dieser Zeit dem Vorbilde ihrer Standesgenossen in Dänemark und Deutschland gefolgt, aber dazu war ihnen die Volksmacht zu stark, besonders nachdem dieselbe durch die Unionskämpfe in gewaltige Wallung gebracht worden war. Die Bauern erheben sich, das erste Mal unter Engelbrekt 1434, zunächst, um den vom Adel unterstützten König Erik von Pommern zu verjagen, gleichzeitig aber auch, um die drohende Bedrückung seitens der Herren von sich abzuwehren. Dies wiederholt sich dann mehrmals während der Unionszeit (bis 1,521), wo die Bauern Schwedens unter Karl Knutson und den drei Stures eine rein schwedische Regierung, gegenüber der vom Adel begünstigten unioneilen, unterstützen. Das Ende des zu gleicher Zeit politischen wie sozialen Kampfes war der durch Kristian II (1518—1521) mit ausländischer Macht, dann durch Gustav Vasa (1521—60) und Karl IX. (1595—1611) mit Hülfe der schwedischen Demokratie durchgeführte Sieg des Königtums. Das Blutbad auf dem grossen Markt zu Stockholm, 1520, macht der anderen Steuern und Lasten befreie. — Eine vollständigere Uebersicht über die innere politische Geschichte Schwedens findet sich in dem Aufsatz des Verfassers Die Grundzüge der Schwedischen Verfassung im Jahrbuch der Internationalen Vereinigung für Rechtswissenschaft, Bd. VI, i, Berlin 1902, S. 126 ff. i5 politischen Macht des Adels ein Ende, und Herzog Karls blutige Abrechnung, 75 Jahre später, sichert die neue Ordnung der Dinge. Hiermit ist das aristokratische Regime in der eigentlichen Bedeutung dieses Wortes in Schweden zu Ende. Der Adel bewahrt zwar seine soziale Stellung weiter, aber mit seiner politischen Uebermacht ist es für immer vorbei. Nach Karl IX. schließt sich der Adel der Krone an, wird ihr Diener und sichert dadurch auf einige Zeit seine Stellung gegenüber den übrigen Gesellschaftsklassen. Die soziale Uebermacht des Adels ist der kennzeichnende Zug der inneren Geschichte unserer Großmachtzeit (1611 bis 1718). Alle Aemter von einiger Bedeutung befanden sich in seinen Händen und ebenso der größere Teil des Grund und Bodens des Reiches, wodurch die Zahl der eigenen Boden besitzenden Bauern bedeutend sank. Auch Bürger und Priester hatten, jeder auf seine Weise, das Uebergewicht des Adels zu verspüren. Lange währte dasselbe jedoch nicht. Nach den Vorboten im Reichstag 1654 kam die große, 1680 von Karl XI. (1660—1697) mit Hülfe der bürgerlichen Stände und des niederen Adels ausgeführte Reduktion. Durch diese Revolution, denn einen anderen Namen kann man ihr nicht geben, wurde nun auch die soziale Macht des Adels gebrochen. Diese Reduktion der adeligen Güter ist, nächst der französischen Revolution, die- größte in neuerer Zeit in irgend einem Lande stattgehabte soziale Umwälzung. Es fällt uns schwer, uns jetzt vorzustellen, welchen Umsturz sie in der Stellung der grossen Familien verursachte. Der Adel ging mehr als der Hälfte seines Landbesitzes verlustig; und viele Geschlechter, die reich an Grundbesitz und Zinsen gewesen waren, waren nun verarmt und für die Zukunft auf den Staatsdienst als die einzige Einnahmequelle angewiesen. Haitte sich der schwedische Adel früher freiwillig in den Dienst des Staates gestellt, so war er von diesem Augenblicke an hierzu gezwungen. Der Adel des 18. Jahrhunderts ist beinahe ausschließlich ein Dienstadel. Mit der Staatsverfassung der sogenannten Freiheitszeit (17 19—1772) rächt sich die Gesellschaft an der Monarchie wegen des in der Person Karls XII. über das Land gebrachten mannigfachen Unglücks, und die Rolle des Rächers spielt in erster Reihe der Adel. Allein die Zeitverhältnisse sind nun derartig, daß derselbe jetzt weder die politische noch die soziale Uebermacht wiedergewinnen kann. Trotz des Uebergewichtes des ersten Standes 16 — in den Reichstagen war die aristokratische Periode in Schwedens Geschichte für immer zu Ende. Merkwürdig ist zu beobachten, wie unter den größten Umwälzungen auf politischem Gebiete der soziale Ausgleich seit Ende des 17. Jahrhunderts ununterbrochen vorwärtsschreitet. Von der Selbstherrschaft (1680—1719) wird das Staatsschiff in die Ständeherrschaft (171g —1772), und ■dann noch einmal in die Selbstherrschaft (1789—1809) geworfen, ■bis die politischen Gegensätze im Jahre 1809 zu dem Gleichgewicht des konstitutionellen Königtums gelangen. Auf dem sozialen Gebiete ist dem nicht so. Dort geht, ohne Umstürze und Rückfälle, die Abschreibung der Privilegien des Adels ununterbrochen fort. Die Standesgeschichte Schwedens seit der großen Reduktion ist eine fortlaufende Nivellierung, die 1809, kann man sagen, zu Ende geführt ist. Nach dieser Zeit und bis zur Einführung der neuen Repräsentationsordnung 1865 bildet der Adel zwar ständig ein Viertel des Reichstages. Allein der Adel repräsentiert nunmehr nur im äußeren einen besonderen Stand; in Wirklichkeit ist er nur ein Repräsentant der höheren gebildeten Klassen. Ihre Interessen sind nicht mehr andere als die der Gebildeten im allgemeinen. Was außer dem Repräsentationsrecht an Privilegien noch übrig bleibt, ist nicht nennenswert; und von den Reichtümern, die der Adel einmal besessen, ist nicht mehr viel übrig. Indessen, noch bestand das Recht des Adels, den einen der vier Stände im Reichstag zu bilden, und dies war das letzte Opfer, das der Adel auf den Altar des Vaterlandes niederlegte. Damit war die Mission des Adels im schwedischen Volke vollständig beendigt. Die beiden letzten Akte, die freiwillige Entsagung von den noch bestehenden ökonomischen Vorzugsrechten 1809 und von den politischen 1865, bilden einen würdigen Abschluß •einer im ganzen schönen und ehrenvollen Geschichte. * * * Das Urteil der Geschichte. Solange der Adel noch einen, wenn auch nur dem Namen nach, besonderen Stand bildete, waren die Urteile über seine Taten in der Geschichte Schwedens zugleich ein Widerhall der Stellung des Urteilenden zu den Parteifragen des Tages. Alle Schriften über den Adel, die früher das Tageslicht geschaut haben, waren Parteischriften. Meistens — 17 — war das Urteil verurteilend, selten freisprechend, aber so gut wie niemals unparteiisch. Noch vor fünfzig Jahren wurde in dieser Frage ein Kampf ausgefochten, der, wie er der gründlichste über diesen Gegenstand geführte, so auch der letzte war. Es war die litterarische Fehde Fryxells mit Geijer und dessen Freunden über die Beurteilung der Aristokratie in Schwedens Geschichte. Überall in diesen Schriften merkt man, daß ihre Verfasser unter dem Einflüsse der damals noch ungelösten Repräsentationsveränderung standen. Jetzt gibt es solche Fragen betreffs der Rolle des Adels in der Geschichte Schwedens nicht mehr, die die Gemüter in Wallung bringen. Seine Rolle ist ausgespielt. Nun ist es leichter, ein Urteil sine ira et studio abzugeben. Sieht man zu, in welcher Weise die Abrechnung mit dem Adel in Schweden von verschiedenen Seiten erfolgt ist, so findet man stets, daß auf sein Debetkonto sein Verhältnis in sozialer, auf das Credit sein Verhältnis in politischer Beziehung geschrieben ist, wobei indessen jede Seite in der Regel nur das von ihr hervorgehobene Konto hat sehen und gutheißen wollen. Auf dem sozialen Gebiete oder im Verhältnis zu den übrigen Klassen der Gesellschaft liegen in Schweden, wie überall, die Sünden des Adels. Er hat die übrigen Mitbürger unterdrückt, in Schweden jedoch weit weniger, als in irgend einem anderen Lande, selbst England nicht ausgenommen, dessen früher kräftiger Bauernstand vollständig der Lüsternheit des landbesitzenden Adels erlegen ist. Möglich, daß die genannten, für Schweden eigentümlichen Verhältnisse mehr durch die Widerstandsfähigkeit anderer Gesellschaftskräfte gegen Übergriffe, als durch die mangelnde Lust dazu seitens des Adels veranlaßt worden sind. Allein es ist doch der Adel selbst, der, überwiegend freiwillig, wenn die Meinung reif dafür war, auf die Reichtümer und Privilegien, die die aufwärtsgehende aristokratische Bewegung der Gesellschaft ihn früher hat einheimsen lassen, verzichtet hat. Ohne den eigenen, wiewohl teilweise durch die Eifersucht des niederen Adels auf die großen Geschlechter errungenen Beistand des ersten Standes hätte Karl XI. niemals die grosse Reduktion durchführen können. Und auch die ganze folgende Abschreibung der Privilegien des Adels bis 1865, wo er die letzte ihm gebliebene, die nackte Existenz als Stand, aufgab, ist mehr mit als gegen den Willen und die Zustimmung des Adels geschehen. Dieser letztere Fahlbeck, Der schwedische Adel. 2 i8 Teil der sozialen Geschichte des Adels versöhnt viel von dem; was der erstere Teil derselben verbrochen hat. Ist somit das soziale Konto des schwedischen Adels viel weniger belastet, als dessen Widersacher früher haben einräumen wollen, so strotzt dagegen das politische vor großen und schwerwiegenden Verdiensten, die selbst sein strengster Richter anzuerkennen nicht unterlassen kann. So hat man schon betreffs der Aristokratie des Mittelalters bemerkt, daß sie in hohem Grade die Einheit des Reiches gegenüber dem Provinzpartikularismus gefördert habe. Aber diese abgelegenen Zeiten und weniger bekannten Verhältnisse können wir übergehen und uns nur an die Wirksamkeit des Adels in der neueren Zeit halten. Schweden ist das einzige der Skandinavischen Reiche, das auf dem Welttheater eine Rolle gespielt hat. Die Rolle war kurz, denn sie begann bei Stolbora (1617) 1 ) und schloß bei Pultava (1709), aber sie war höchst bedeutsam für Europa und ehrenvoll für Schweden. Für diese Zeit steht unser Land bei dem Adel- stand in der größten Schuld. Wohl hatte Schweden das Glück, gleichzeitig einige große Könige zu besitzen, ohne welche dieses stolze Blatt in der Geschichte Schwedens sicher nie geschrieben worden wäre; ebenso bildete der schwedische Bauer ein durch die Gewohnheit an Entbehrungen kräftiges Geschlecht, mit welchem große Dinge ausgerichtet ■ werden konnten. Aber die tausendköpfige Leitung alles dessen, was geschehen sollte, war in die Hände des Adels gelegt. Und ohne diese zu gleicher Zeit kluge wie kräftige Leitung, nicht weniger in den Angelegenheiten des Friedens, als denen des Krieges wäre die Großmachtstellung Schwedens undenkbar gewesen. Sie ist in Wirklichkeit gleichwohl ein Rätsel. Man vergleiche nur Schweden mit seinen Nachbarn, die es bekämpfte und eine Zeit lang besiegte, nicht in bezug auf den Flächeninhalt des Landes, denn das ist ein schlechter Maßstab, sondern mit Rücksicht auf die Mittel und die Volkszahl. Schweden war, verglichen mit Deutschland, bevor der Dreißigjährige Krieg dies zugrunde gerichtet hatte, und wahrscheinlich auch im Vergleich zu Dänemark ein sehr armes Land. Und seine Volkszahl, auch den treuen Waffenbruder Finnland eingerechnet, überstieg vor der Eroberung Schonens, Hailands und Blekinges (1658) sicher nicht 3 /-i Million Menschen —- eine 1) Frieden mit Rußland. — ig — geringe Zahl, verglichen mit der seiner Nachbarn l ). Diese Großmachtstellung war ein Koloß auf Tonfüßen, deren selbst nur ein hundert Jahre langer Bestand sich, außer aus den genannten Faktoren, der Persönlichkeit der Könige und der rohen Kraft des Bauernstandes, nur aus der für die damalige Zeit vollendeten administrativen und militärischen Organisation — die Regierungs- förm von 1634 ist das Muster einer solchen Organisation — und noch mehr aus der überlegenen Leitung erklären läßt. Dies ist die politische Großtat des schwedischen Adels, und sie muß wohl ebenso schwer ins Gewicht fallen wie das, was derselbe in sozialer und auch in politischer Beziehung verbrochen hat. Denn auch dieser Seite der Geschichte des Adels fehlt es nicht an Flecken, deren schwärzeste jedoch mit einer Zeit — Gustavs III. Regierung (1772—1792) — zusammenfallen, wo der Adel sich als Stand faktisch selbst überlebt hatte, weshalb das damals Geschehene (die Ermordung des Königs) demselben bei einer Jahrhunderte umfassenden Abrechnung nicht allzusehr zur Last gelegt werden darf. Wird Gutes und Böses, werden Fehler und Verdienste auf die Wagschale gelegt, so muß das Endurteil über den Adel Schwedens doch stets dahin lauten, daß er zu großem Nutzen und Frommen des Landes seine Aufgabe als der erste Stand des Reiches erfüllt hat: primus in armis, primusque in consiliis. * * * Die Rekrutierung und der nationale Ursprung des Adels, Wichtiger als die äußere Geschichte des Adels und die Urteile über denselben sind für diese Arbeit die Fragen, die die Rekrutierung dieses Standes und die Beschaffenheit der im Laufe der Zeit in denselben eingetretenen Bevölkerungselemente behandeln. Der Adel ist, wie die höheren Klassen im allgemeinen, einem starken Umsatz 1) Die Volksmenge Schwedens für das Jahr 1571 ist, wie bekannt, auf niedrigstens 427400, höchstens 531400 Einwohner berechnet worden (H. Forssell, Sverige 1571, Stockholm 1872, S. 348); diejenige Finnlands kann sicher nicht auf mehr als die Hälfte der schwedischen zur gleichen Zeit geschätzt werden; und die Volksvermehrung war eine sehr langsame. Daher die im Texte gemachte Annahme. — Bezüglich der Volkszahl Dänemarks gibt es für diese Zeit keine auch nur annähernd zuverlässige Berechnung, aber nach der Ansicht Sachverständiger muß sie 1650, Schonen, Hailand und Blekinge, aber nicht die Herzogtümer und Norwegen mit eingerechnet, mindestens 3/ . ( Million betragen haben. 2* 20 unterworfen gewesen durch Aussterben und Hinzukommen neuer Geschlechter. Doch ist dies keineswegs gleichmäßig geschehen. Es hat Zeiten gegeben, wo der Zugang bedeutend grösser war als der Abgang, während zu anderen Zeiten das Entgegengesetzte stattgefunden hat. Sehen wir von dem früheren Mittelalter und dem da erfolgten natürlichen Zuwachs des Adels, worüber wir indessen nichts Näheres wissen, ab, so kann man zwei Perioden einer starken Vermehrung durch Neuhinzugekommene und ebenfalls zwei Perioden eines geringen oder gar keines solchen Zuwachses konstatieren. Die letzteren folgen auf die ersteren, wie Ebbe auf Flut. Die erste Periode eines starken Zuwachses durch Neuhinzugekommene datiert aus der Einführung des Roßdienstes 1280 und dessen Ausdehnung 1345. Durch diese Anordnung wurde es jedem vermögenden Bauer möglich, in den Adelstand zu treten; und es ist offensichtlich, daß eine große Menge von diesem Rechte Gebrauch gemacht hat. Zwar besitzen wir keine ziffernmäßigen Belege zur Unterstützung unserer Behauptung, aber das Uebergewicht der Aristokratie im 14. Jahrhundert, das in erster Reihe ihrer großen Anzahl zugeschrieben werden muß, sowie noch mehr die Bemühungen der Könige etwas später, der Ausbreitung des Adelsrechtes dadurch Einhalt zu gebieten, daß dasselbe von der königlichen Genehmigung abhängig gemacht wurde, sind Beweise genug hierfür. Aber gerade diese Bestrebungen bewirkten, daß allmählich ein Stillstand in der Zuströmung neuer Adliger eintrat. Die heftigen Unionskämpfe mit darauf folgenden Interregna und später der lange Kampf Gustav Vasas zur Befestigung des neuen Ivönig- tumes trugen ebenfalls dazu bei, derselben eine Grenze zu setzen. Noch mehr hat jedoch die zu dieser Zeit veränderte Art der Erteilung des Adelsschildes hierzu getan. Die Erwerbung des Adelsrechtes durch Roßdienst kam nach und nach außer Brauch und wurde durch königliche Nobilitierung ersetzt. Aber hiermit wurde unter Gustav Vasa und seinen Söhnen sparsam verfahren, obgleich Erik XIV. die Grafen- und Freiherrn würde stiftete (1561). Die letzte Hälfte des 15. Jahrhunderts, sowie das ganze 16. Jahrhundert bezeichnet also eine Periode schwacher Zunahme in der Zahl adliger Geschlechter. Die im Ritterhause aufgezeichneten Genealogien liefern hierfür einen untrüglichen Beweis. Denn, selbst wenn man annimmt, daß sämtliche hier als „alter Adel" bezeichnete Geschlechter aus dieser Zeit herstammen. so zeichnet diese sich doch durch eine starke Ebbe in der Zu- strömung neuer Männer und neuer Geschlechter aus. Mit der Regierung Gustav II. Adolfs ( 1611 — 1632) ändert sich das Verhältnis. Die Nobilitierung wird ein gewöhnlicher Ausdruck königlicher Gnade, und das Ritterhaus wird 1626 eingerichtet. Von diesem Augenblick an vermehrt sich die Zahl der Neuhinzukommenden sehr schnell. Eine kurze Unterbrechung bringt zwar die kurze, durch Kriege ausgefüllte Regierung Karl X. Gustavs (1654—1660), im übrigen geht aber, wenn auch mit wechselnder Stärke, die Rekrutierung des Adels bis gegen 1809 hin in sehr ausgedehntem Maßstabe vor sich. Dies ist die zweite große Periode einer starken Zufuhr neuer Elemente in den Adelstand. Hiernach nimmt der Zufluß, der ja nach dieser Zeit ein Anachronismus war, sehr schnell ab, und seit einem Vierteljahrhundert hat er vollständig aufgehört. Der Adel hört jetzt auf, ein Stand, oder richtiger eine besondere Klasse zu sein, und durch das Versiegen des Zuflusses wird er auch als Bevölkerungsgruppe auf den Aussterbeetat gesetzt. Die Ebbe, die jetzt eingetreten ist, bezeichnet den letzten Abschnitt in der Geschichte des Adels. Sein Zuwachs von unten ist abgeschnitten, und wie ein Baum, dem die Wurzeln abgehauen sind, scheint er zum Absterben verurteilt zu sein. Schon oben ist bemerkt, daß der Adel in Schweden, wie in den meisten Ländern einheimisch ist. Dies hindert jedoch nicht, daß demselben, wie wir gleich sehen werden, fremde Elemente in nicht geringem Umfange einverleibt sind. Kein Volk ist voll ständig rein und ungemischt. Auch die skandinavischen Völker haben eine Beimischung fremden Blutes, wenn auch in einem geringeren Grade als wohl alle anderen Völker erhalten; vor allem gilt dies von den Schweden. Diese Beimischung ist jedoch nicht in der Gestalt wandernder oder erobernder Stämme, sondern als Immigration einzelner Individuen erfolgt, und diese Einwanderung hat beinahe ausschließlich die höheren Klassen, vor allem den Bürgerstand, danach den Adel berührt. Die vielen Könige ausländischer Herkunft, die Schweden g-ehabt, noch mehr aber dessen kriegerische Berührung mit fremden Ländern, sowie die große Machtsphäre längs der ganzen Ostsee, die eine Folge davon war, sind die Hauptgründe für die Aufnahme von Ausländern in den Adel. Gleichwohl ist dies nie in so hohem Grade geschehen, daß der schwedische Charakter des Adels darunter gelitten hätte, denn wenn auch eine Zeit lang- im 17. Jahrhundert eine große Anzahl Männer fremder Herkunft in das Ritterhaus eintraten, so gehörten doch die meisten derselben dem schwedischen Staate an und waren dessen geborene Untertanen. Im übrigen haben die Fremden, die während unserer Großmachtstellung aus verschiedenen Anlässen der Ritterschaft und dem Adel einverleibt worden sind, dem Stande oft nur auf eine kurze Zeit und als Gäste angehört. Die Genealogien bieten viele Beispiele hierfür dar. Darum kann man ruhig sagen, daß der schwedische Adel aus dem schwedischen Volke hervorgegangen ist und somit das Gepräge der schwedischen Nationalität trägt. Ganz sicher liegt neben anderem hierin eine Erklärung seiner Geschichte und der Rolle, die derselbe in dem Leben unseres Volkes gespielt hat, besonders wenn wir ihn mit dem Adel unseres Nachbarlandes Dänemark vergleichen, der sich in neuerer Zeit meistens vom Auslande her rekrutiert hat. Da wir auf diesen Gegenstand später nicht zurückkommen, teilen wir in der Anmerkung die exakten Ziffern betreffs der Herkunft der adeligen Geschlechter mit 1 ). Werden, wie es füglich geschehen kann, die Geschlechter schwedischer und schwedischfinnischer Nationalität als, wenn auch nicht immer denselben ethnographischen Ursprung, so doch dieselbe Muttersprache habend, und andererseits alle übrigen zusammengerechnet, so zeigt es sich, 1) Ursprung sämtlicher erloschenen und lebenden Geschlechter: Nationalität des Stammvaters Anzahl Geschlechter mit °/ '0 Schwedische 1726 67,9 Schwedisch-finnische 203 7,9 von den Ostseeprovinzen . 195 7.6 Deutsche 290 n,4 Norwegische 5 0,2 Dänische 21 0,8 Russische 5 0,2 Polnische 3 0,1 von Oesterreich-Ungarn 8 0.3 Niederländische .... 19 0,8 Englisch-Schottische . 48 1,9 Französische 18 0,7 Schweizer 3 0,1 Italienische 1 0,05 Türkische 1 0,05 Summa 2546 100,00 Für 41 Geschlechter fehlt eine bestimmte Angabe der Nationalität des Stammvaters. daß genau 3 / i aller Geschlechter einheimisch und 1 / i ausländisch waren. Bleibt man indessen nicht bei dem Stammvater, d. h. der Person, die zuerst geadelt oder in den schwedischen Adelstand erhoben wurde, so ist die Anzahl Geschlechter mit ausländischem Ursprung eine viel größere. So waren in früherer Zeit insgesamt 468 Geschlechter vom Auslande gekommen. Rechnet man diese zu den oben erwähnten, so beträgt die Anzahl Geschlechter mit fremdem Blut ungefähr 56 °/ 0 . Hierdurch wird jedoch der Adel und das Ritterhaus nicht ausländischer, denn diese Geschlechter waren, als sie inkorporiert wurden, schon in schwedische verwandelt. Dagegen liefern diese Zahlen einen Beitrag zur Kenntnis der Ueberflutung des Bürgerstandes mit fremden Elementen, die in älteren Zeiten in Schweden eine sehr große war. Denn alle diese Fremden g-ehörten dem Bürgerstande an, bevor ihre Nachkommen im zweiten oder folgenden Gliede in das Ritterhaus kamen. Daß indessen, von den zuletzt genannten Elementen abgesehen, die Anzahl Fremder im schwedischen Ritterhause so groß war, beruhte, wie oben gesagt, auf der großen Ausdehnung der schwedischen Machtsphäre in älteren Zeiten. Der größere Teil der Ostsee lag innerhalb der Grenzen derselben. Eine andere Beobachtung, zu der die angeführten Zahlen Anlaß geben, möge gleichfalls flüchtig berührt werden. Sie betrifft das Heimatland dieser Fremden. Ein Statistiker, der die inneren und äußeren Wanderungen studiert hat, hat konstatieren zu können geglaubt, daß diese am meisten in der Nähe vor sich gehen, und dann immer weniger werden, je weiter das eine Dorf oder das eine Land von den anderen entfernt liegt 1 ). Ein solches Gesetz ist ja auch naheliegend. Es gibt sich auch betreffs der eingewanderten Adelsgeschlechter zu erkennen, aber nur in einer Beziehung, nämlich als die Macht der großen Entfernungen, solche Uebersiedelungen zu hindern. Aeußerst gering ist deshalb die Anzahl Geschlechter aus Ländern, die weiter entfernt sind als das Deutsche Reich. Dagegen trifft der zweite Teil des genannten Gesetzes nicht für die eingewanderten Geschlechter oder die Stammväter zu. Von unseren nächsten Nachbarn, Dänemark, Norwegen, Rußland und Polen, sind nur sehr wenig gekommen. Und hätte nicht die Eroberung Schonens und Bohusläns einen 1) E. G. Ravenstein, The La'ws ot Migration (Journal of Statist. Society, June 1889). Teil dänischer und norwegischer Geschlechter hinzugebracht, so hätten diese Länder einen ebenso geringen Beitrag zum schwedischen Ritterhause geliefert, wie Italien und die Türkei. Es ist demnach klar, daß bei den hier in Betracht gezogenen Ueber- siedelungen andere Kräfte als die bloße Entfernung oder Nähe mitgewirkt haben. Es ist auch leicht zu verstehen, daß dem Zuzug zum Adelstand andere Gesetze zu Grunde gelegen haben als die, welche die Wanderungen der niederen Volksklassen leiten. Am entscheidendsten hierfür waren die politischen Verhältnisse. Man könnte somit sagen, daß man aus diesen Ziffern betreffs der Herkunft der fremden Stammväter die ganze politische Geschichte Schwedens herauslesen kann. Man sieht deutlich, wie der Besitz der Ostseeprovinzen, Pommerns etc. in Deutschland im Ritterhause Früchte abgesetzt hat, aber auch, wie sich das Verhältnis zu unseren nächsten Nachbarn, Dänemark und Rußland, gestaltet hatte. Dies drückt indessen nur ein allgemeines historisches Gesetz aus, das Gesetz des politischen Verhältnisses der Völker zu einander, das kurz so wiedergegeben werden kann: Krieg mit den Nachbarn, Bund mit den dahinter Wohnenden. Dies Gesetz ist universal, und die wenigen Ausnahmen davon bestätigen es nur. Die äußere Politik der Völker und die ganze diplomatische Geschichte läßt sich in diesem einfachen, aber trostlosen Satze zusammenfassen. Auch die ausländischen Elemente des schwedischen Adels geben auf ihre Weise einen Beleg dafür. * * * Die Erhebung in den Adelstand eine soziale Auswahl. Obschon der Adel als solcher kein Produkt der natürlichen Auslese ist, haben doch die in den Adel erhobenen ihre Erhebung in denselben mehr oder weniger einer solchen zu verdanken. Auf welche Weise dies in dem früheren Mittelalter vor sich gegangen und welcher Art die Auswahl gewesen ist, das können wir nur in Analogie mit ähnlichen Verhältnissen an anderen Orten erraten. Während dieser Zeit und so lange noch der Roßdienst der einzige oder hauptsächliche Weg war, der zum Adelstand führte, hat unzweifelhaft „the fittest", der unter den vorhandenen Verhältnissen am besten Ausgerüstete, den zur Erreichung des Adelsrechtes erforderlichen größeren Reichtum erlangt. Unter allen Umständen wählte in jener Zeit das freie Spiel der in der Gesellschaft waltenden Kräfte unter der Masse der Bauern diejenigen aus, die zu Edelleuten wurden. Nur dürfte zu bemerken sein, daß sich in jener Zeit infolge der Stärke der Familien- und Geschlechtsbande ebenso sehr das Geschlecht als Ganzes, wie das einzelne Individuum durch die natürliche Auswahl über die Menge erhob. Hierin wirkte die neue Art der Erwerbung des Adels durch königliche Nobilitierung (mit Eingang des 16. Jahrhunderts) offenbar störend. Ein neues Moment kommt hinzu, die persönliche, formell allein bestimmende und auch tatsächlich sehr bedeutungsvolle Willkür der Regenten. Eine königliche Laune, eine persönliche Zuneigung oder eine zufällige Kameradschaft können jetzt über die Auswahl bestimmen. Hierzu kommt ferner, daß vor der Stiftung der Orden (Mitte des 18. Jahrhunderts) die Erteilung des Adels die gewöhnliche Art und Weise war, wodurch die Krone ihren Dank für geleistete Dienste verschiedener Art, darunter auch solche, die nicht an sich Proben persönlicher Verdienste waren, wie Geldvorschüsse und ähnliches, erzeigen konnte. „Das Adeln wäre für das Königtum erträglicher, als die Hergabe von Geld und Gut; auch für das Land wäre es berühmlicher, wenn es mit Adel verstärkt würde", heißt es in einem Aktenstück aus der Zeit unserer Großmachtstellung 1 ). Schließlich haben Familienverbindungen, oft ziemlich zufälliger Natur, durch Adoption, auch diese freilich auf königlicher Gnade beruhend, manchen dem Adelstand zugeführt. Alle diese Umstände haben natürlich dazu beigetragen, dem Adel in der zweiten großen Periode starken Zuwachses durch neue Geschlechter (1611—-1809) Elemente zuzuführen, die vielleicht nicht dazu berechtigt gewesen wären, wenn die natürliche Auswahl allein der Richter hierüber gewesen wäre. Die Schriftsteller, die in der einen oder anderen Hinsicht das Wort gegen den Adel ergriffen haben, haben auch nicht unterlassen, hieraus Waffen für den Kampf zu schmieden. Man hat den ganzen Stand um derentwillen herabgesetzt, die ohne eigenes Verdienst in denselben aufgenommen, worden sind. Diese Betrachtungsweise ist jedoch ungerecht und vor allem kurzsichtig. Wohl haben nicht so wenige ihren Adel Herren- 1) Axel Oxenstjerna in einem Briefe an die Räte 1635. 26 — und Frauengunst oder zufälligen Diensten und Verwandtschaft zu verdanken, aber ihre Zahl verschwindet hinter der großen Masse Geadelter, welche diese Auszeichnung infolge persönlicher Verdienste. errungen haben. Im großen gesehen ist daher auch betreffs des Adels der neueren Zeit die Rekrutierung durch Auswahl der Besten erfolgt. In der letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts wie während des größeren Teiles des 18. Jahrhunderts ist jeder Bürgerliche, der auf der civilen oder militärischen Beamtenlaufbahn eine gewisse höhere Stufe erreicht hatte, oder der durch Geschäftstätigkeit und dergl. sich ein großes Ansehen als Bürger ■erworben hatte, in den Adelstand erhoben worden. Offenbar haben aber im großen Durchschnitt gerade diejenigen, die diese Höhe der Beamtenleiter erklettert hatten, oder denen es gelungen war, sich Ansehen und Reichtum zu erwerben, die Begabtesten repräsentiert. Deshalb muß man einräumen, daß der Adelstand, wenn ihm in jener Zeit allerlei minderwertige Elemente zugeführt wurden, doch gleichzeitig das Beste erhielt, was die Nation an Mensehenmaterial besaß; besonders wenn man hierher die Bischöfe rechnet, die den Adel wohl meistens nicht ihrer selbst, sondern ihrer Kinder wegen annahmen. Man kann deshalb ruhig sagen, daß der Adel sich auch in neuerer Zeit aus der Blüte des schwedischen Volkes rekrutiert hat. Wahrscheinlich standen auch die demselben einverleibten Ausländer eher über als unter dem Mittelmaße der Tüchtigkeit. Endlich fand innerhalb des Standes selbst eine Auswahl statt, die denselben schon im Mittelalter in niederen und hohen Adel teilte, während diese Unterschiede in neuerer Zeit auf künstlichem Wege durch die Grafen- und Freiherrnwürde sowie durch die Klasseneinteiltung des Ritterhauses fixiert wurden. Hier dürfte indessen, infolge der geringen Größe der Masse, der persönliche Einfluß der Regenten, mehr störend gewirkt haben. Nichtsdestoweniger wird man wohl sagen können, daß diese höheren Stände in ihren Stammvätern faktisch die quinta essentici des schwedischen Volkes — und zwar mit Bezug auf bürgerliche und politische Verdienste — repräsentiert haben. In ihren verschiedenen Graden der Erhebung hat also die Rekrutierung des Adels eine natürliche Auswahl mehrfacher Art gebildet. Wären nicht die Spuren der Ueberlegenheit der Stammväter bei den Nachkommen oft so schnell ausgetilgt worden — eine eigentümliche und für die Vererbungstheorie unbequeme Tatsache — so hätte dieser Stand viel weniger unangenehme und noch leuchtendere Erinnerungen hinterlassen, als es jetzt der Fall ist. In jedem Falle ist die starke Rekrutierung des Adels sowie der Einfluß der natürlichen Auswahl dabei noch einer der Faktoren, welche die glänzende politische Rolle, die dieser Stand, besonders zur Zeit der Großmachtstellung, in der Geschichte Schwedens gespielt hat, erklären. * * Anmerkung. Quellen und Arbeitsweise. Das Material zu einer Statistik über den Adel Schwedens liefern die im Ritterhause geführten Genealogien. In diese Genealogien sind alle wichtigeren persönlichen Daten des Stammvaters und seiner Descendenten, wie Geburt, Heirat, Tod u. s. w. eingetragen. Das, Ritterhaus hat für diese Geschlechter als statistisches Bureau fungiert, das alles, was zu seiner Kenntnis gekommen ist, ununterbrochen registriert hat. Hierin bestehen jedoch, besonders für die ältere Zeit, grosse Lücken. Die Aufzeichnungen sind früher System- und kritiklos gemacht worden, und erst durch die Herausgabe der Geschlechtertafeln des schwedischen Adels in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts ist hierin eine Aenderung eingetreten 1 ). Seit dieser Zeit versucht man es, die Lücken auszufüllen und Unrichtigkeiten in den früheren Genealogien auszumerzen, und für die Zeitgenossen hat man sich an die allgemeine Bevölkerungsstatistik des Reiches gewendet. Seit 1866 werden die Aufzeichnungen über Geburten, Todesfälle und Eheschließungen nach den sogen. Ministerialbüchern der Priesterschaft, d. h. den allgemeinen Civilstandsregistern angefertigt. Schließlich sind für die Zeit nach 1857 neue Geschlechtertafeln erschienen, die die Genealogien des Ritterhauses bis zum heutigen Tage fortführen und in manchen Fällen vervollständigen 2 ). Die letzteren Geschlechtertafeln liegen der Statistik über den jetzt lebenden Adel, die älteren der Darstellung der erloschenen Glieder und Geschlechter zu Grunde. Wie oben gesagt, befinden sich in den älteren Genealogien viele Lücken und Unrichtigkeiten. Obschon diese für den Llisto- riker höchst fühlbar sind, wirken sie doch gar nicht oder nur 1) Svenska Adelns Ättartaflor, herausgegeben von Gabriel Anrep, I—IV, Stockholm 1858—1864. 2) Svenska Adelns Ättartaflor ifrän är 1857, herausgegeben von F. U. Wrangel und Otto Bergström, I. u. II, Stockholm 1894—1900. — 28 — wenig schädlich auf die Zuverlässigkeit des Materials in Bezug auf die folgende statistische Darstellung ein. Denn teils sind die Gruppen von Daten, die von uns aufgenommen sind, wie z. B. die Jahre des Ursprungs und des Erlöschens der Geschlechter, in der Regel vollkommen exakt, teils wählen wir zur näheren Behandlung nur diejenigen Geschlechter, deren Genealogien deutlich und von kompetenten Personen als zuverlässig erklärt sind. Betreffs des jetzt lebenden Adels wiederum sind die Angaben wahrscheinlich weniger mit Fehlern behaftet als irgendwelche andere neuere Bevölkerungsstatistik. Betreffs der Arbeitsweise wollen wir nur in Kürze bemerken, daß die Angaben in den gedruckten Quellen gestrichelt und dann auf gedruckte Blankette verschiedener Art überführt worden sind. Hierbei sind für die eingehender behandelten Geschlechter besondere Tabellen, für jedes Geschlecht je eine, aufgestellt, die die Entwickelung desselben Glied für Glied, und für die lebenden Geschlechter deren jetzigen Bestand aufnehmen. Für den lebenden Adel ist außerdem das Verfahren mit „Individualblättern" angewendet, so daß jedes Individuum auf einem besonderen Zettel, mit der Angabe seiner ganzen statistischen Geschichte, aufgeführt ist. Aus dem so gewonnenen Urmaterial sind dann alle folgenden Uebersichten und Tabellen angefertigt worden. II. Demographie der Geschlechter. Drittes Kapitel. Das Geschlecht. Einige historische Bemerkungen. Die menschlichen Vereinigungen haben im Laufe der Zeit nicht unbedeutende Veränderungen erfahren. Volksverbindungen, die früher mit großer Lebenskraft existiert haben, haben vollständig aufgehört oder führen nur ein Scheinleben, während andere an ihre Stelle getreten sind. Zu den ersteren gehören die Llorde und das Geschlecht, zu den letzteren der Staat und die Gemeinde. Dies ist eine Folge der Volksvermehrung gewesen, durch welche Bande des Blutes und gemeinsamer Ursprung als Bindemittel zwischen den Menschen der Nachbarschaft und dem Zusammenleben innerhalb bestimmter territorialer Grenzen weichen mußten. Bande des Blutes sowie die Vereinigung zwischen Mann und Frau in der Ehe, die die Blutsverwandtschaft begründet, sind die- ältesten und gleichzeitig die stärksten Vereinigungsbande zwischen den Menschen. Ehe und Familie sind gleichsam die Zelle der sozialen Verbindungen, der einzige feste Bestandteil darin. Jeder Zukunftsgedanke, der auf die Auflösung desselben hinausgeht, muß deshalb als utopisch betrachtet werden. Dies hindert jedoch nicht, daß andere auf Blutsverwandtschaft gestützte Verbindungen ihre Bedeutung verloren haben, und das ist, außer bei der Llorde und dem Stamme, auch bei dem Geschlechte der Fall. Geschlechter existieren bei den Kulturvölkern nur noch dem Namen nach. So sehr ist die Bedeutung einer solchen Zusammengehörigkeit verschwunden, daß, wo ein Geschlecht in der jetzigen Zeit nicht durch einen Namen, den Familiennamen, getragen ist, die Menschen von einem Vorhandensein desselben nichts wissen. Sämtliche Schichten in der Bevölkerung, die keine besondere Familien- 32 bezeichnung besitzen, entbehren des Bewußtseins der faktischen Zugehörigkeit zu einem eigenen Geschlechte. Nur die höheren Klassen, die Zunamen angenommen haben, haben in der jetzigen Zeit eine Vorstellung davon. Allein irgendwelche Art politischer oder sozialer Bedeutung besitzt das Geschlecht, mit seltenen Ausnahmen, auch in diesen Klassen nicht. Das Geschlecht ist als lebendige und tätige Volksgruppe tot und kann unter den höheren Kulturvölkern wohl nicht mehr anders denn als Gegenstand pietätvoller Erinnerung oder gelehrter Studien bestehen. Dies ist indessen das Ende einer langen und höchst interessanten Entwickelung, deren Einzelheiten jedoch leider ziemlich unbekannt sind. Die Geschichte des Geschlechtes ist noch nicht geschrieben. So viel scheint jedoch klar zu sein, daß der Begriff •desselben nicht unbedeutenden Modifikationen unterworfen war. Logisch kann man sich die Entstehung einer auf gemeinsamem Ursprung gegründeten Volksgruppe auf drei Weisen denken: entweder so, daß derselben sämtliche sowohl der männlichen wie der weiblichen Seite entstammende Nachkommen eines Stammvaters oder der Stammeltern angehören, oder auch so, daß nur die Nachkommen der männlichen Seite, oder endlich nur die Nachkommen der weiblichen Seite zu derselben gehören. Die erste Form ist ganz sicher die ursprüngliche gewesen. Das Geschlecht war da nichts anderes als die Horde oder der Stamm. In dem Maße jedoch, wie die Volksmenge zunahm und es dem einzelnen Mitgliede unmöglich wurde, die ganze Masse gleichzeitig Lebender zu überschauen und darin die Blutsverwandtschaftsverbindung mit jedem einzelnen anderen zu sehen, sondert sich allmählich die engere Blutsverbindung aus und es entsteht das Geschlecht im Gegensatz zu der Horde oder dem Stamm. Aber mit dieser Aussonderung folgt mit Notwendigkeit, daß das Geschlecht sich • auf die Nachkommen der einen Seite, der des Mannes oder eventuell der der Frau, beschränken muß. Anderenfalls würde es, je nachdem nämlich die Mädchen oder die jungen Männer in andere Geschlechter hineinheiraten, bald wieder den ganzen Stamm umfassen. Mit Bestimmtheit kennen wir wohl kaum eine andere Form als diese. Die Zeit, wo das Geschlecht sich vom Stamme absonderte, liegt bei den Kulturvölkern weit vor der historischen Zeit; und die Naturvölker der Jetztzeit sind uns erst verhältnismäßig so kurze Zeit und im großen ganzen so unvollständig •bekannt, daß wir nicht mit Sicherheit entscheiden können, ob — 33 der oben genannte Prozeß bei ihnen noch immer vor sich geht, oder ob überhaupt eine auf Blutsverwandtschaft gegründete Gruppierung außer der engeren Familie und dem Stamme existiert. Von den auf einseitiger Herkunft gegründeten Geschlechtern ist wiederum die Mannesseite die unvergleichlich allgemeinste, ja im Grunde wohl die einzige. Das von Bachofen und Mc. Denn an zuerst nachgewiesene sog. Mutterrecht, laut welchem bei gewissen Völkern in älterer und jetziger Zeit die Schwiegersöhne in die Familien ihrer Frauen übergehen und das Erbe der mütterlichen Seite zufällt, scheint eine besondere Familieneinrichtung ökonomischer Natur, aber keine Äußerung einer bestimmten Geschlechterorganisation, wie man dies früher geglaubt hat, zu sein. Wie Laban sieben Jahre Dienst für Lea und vierzehn Jahre für Rahel haben wollte, so hat der Familienvater unter gewissen Verhältnissen von dem, der seine Tochter als Gattin begehrte, gefordert, daß er in sein Haus ziehe und Mitglied seiner Familie werde. Der Bedarf an Arbeits- und Verteidigungskräften im Verein mit geringer Frauenanzahl hat diese Sitte hervorgerufen. Sie hat keine große Verbreitung gehabt und hat wahrscheinlich niemals einen dauernden Bestand, sondern verändert sich mit den ökonomischen und Bevölkerungsverhältnissen, auf denen sie beruht, relativ schnell. Eine feste Geschlechterorganisation, wie die auf die Mannesseite gegründete Geschlechterverfassung, hat sie nie erreicht 1 ). Die männliche Geschlechterverfassung ist demnach die einzige Form, die wir näher kennen. Das Geschlecht besteht hier aus sämtlichen männlichen Sprossen eines gewissen Stammvaters samt deren Frauen sowie denen der weiblichen Nachkommen, die im Geschlechte geblieben und nicht durch Fleirat in ein anderes Geschlecht übergegangen sind. Für die jetzige Zeit und betreffs der Geschlechter, die sich einen Zunamen genommen haben, kann es kürzer so angegeben werden: das Geschlecht ist derjenige Kreis von Blutsverwandten tond. ihrer Frauen, die denselben Zunamen tragen. Dies ist die Geschlechterorganisation, die in dem älteren Leben der Völker eine so bedeutende Rolle gespielt hat. Inwieweit sie eine in einem gewissen Stadium notwendige Form für das soziale Leben ist, die jedes Volk behufs Erreichung einer höheren Entwickelung durchlaufen i) Das sog. Matriarchat scheint mir nur eine gelehrte Konstruktion zu sein. Fahlbeck, Der schwedische Adel. 3 34 — muß, mag dahingestellt sein. Sicher ist jedoch, daß sie im Leben der europäischen Völker eine, obschon freilich, soweit man sehen kann, nicht überall gleich bedeutende Rolle gespielt hat 1 ). Faßt man indessen die verschiedenen Züge zusammen, so findet man, daß das Geschlecht teils eine ökonomische, teils eine religiöse, teils endlich eine politische Organisation gebildet hat. Der Mangel an Raum verbietet es mir, auf eine Darstellung dieser jede für sich so bedeutungsvollen Seiten des Lebens und der Wirksamkeit des Geschlechtes einzugehen. Nur eine summarische Aufzählung der verschiedenen Momente in demselben, sowie der Kräfte, die über die Geschlechterorganisation hinausgeführt haben, möge hier noch Platz finden. Als ökonomische Gruppe besaß das Geschlecht gemeinsames Eigentum in dem Grundbesitz des Geschlechtes, und die Vererbung hielt sich ausschließlich innerhalb dieses. Dies war bei unseren germanischen und skandinavischen Vorfahren eine der wichtigsten Aufgaben des Geschlechtes. Seine Bedeutung als religiöse Gruppe erhielt es durch die Verehrung der Väter, welche, wahrscheinlich die älteste Form von Religion bildend, bei den klassischen Völkern eine merkwürdige Entwicklung erhielt, wie Fustel de Coulanges dies so meisterhaft geschildert hat. Endlich war das Geschlecht gemeinhin eine Vereinigung zu gemeinsamer Verteidigung, wie die Blutrache und die Eidgenossenschaftsinstitution beweisen. Am stärksten entwickelte sich diese politische Seite des Geschlechtes in der Klanver- faßung, wie sie unter den keltischen Schotten bestand und noch jetzt bei den Afghanen existieren soll. Die volkliche Absonderung in kleine Gruppen hat hier in der geographischen Beschaffenheit der Länder ihre Stütze gefunden. Jahrhunderte oder vielleicht Jahrtausende lang hat das Geschlecht auf diese Weise bei vielen Völkern die feste Form für die soziale und politische Organisation der Menschen gebildet. An einem gewissen, für verschiedene Völker verschiedenen Zeitpunkt hat die Entwicklung jedoch Kräfte heraufbeschworen, die sich derselben feindlich entgegengestellt und sie endlich vollständig zu Falle gebracht haben. Die allgemeinste und mächtigste dieser Kräfte war, wie oben angedeutet, die Volksvermehrung, von i) Der Versuch H. v. Sybels, das gesamte germanische Gemeinwesen zur Zeit Casars und Tacitus' unter dem Gesichtspunkte des „Geschlechterstaates" zu betrachten, muß als verfehlt erachtet werden (Entstehung des deutschen Königtums). — 35 — welcher man ohne Übertreibung sagen kann, daß sie in der Entwicklung des Menschengeschlechtes dieselbe Rolle gespielt habe wie die Feder im Uhrwerk. Wie diese alles treibt, aber vor den vielen Rädern und Zähnen, die die einzelnen Bewegungen im Gange des Ganzen ausführen, nicht unmittelbar selbst sichtbar ist, so ist es auch mit der mächtigen Kraft der Volksvermehrung in der Geschichte der Menschheit. Malthus war der erste, der diese alle Gesellschaftsverhältnisse beherrschende Kraft in ihrem ganzen Umfange zu würdigen verstand, und neuere Verfasser haben die Bedeutung derselben noch eingehender nachgewiesen, aber noch ist viel zu tun übrig, bis diese Macht in allen den Wissenschaften, die den Menschen und die Gesellschaft zum Gegenstande haben, gehörige Beachtung erhält. Der Blick bleibt gewöhnlich an den vielerlei Erscheinungen und Einrichtungen haften, die im Vordergrunde stehen und deren Wirksamkeit mehr im großen vor sich zu gehen scheint, den historischen „Staats- und Hauptaktionen", der Gestaltung der Staatsformen und dergleichen. Nicht selten sind diese jedoch nur Produkte der unbemerkten und im kleinen, aber mit der Kraft eines Naturgesetzes wirkenden Volksvermehrung. Die mahnenden Worte: „vermehrt Euch und erfüllet die Erde" enthalten in gewissem Sinne die ganze Geschichte der Menschheit mit allem, was darin einbegriffen ist. Vor allem hat diese Macht über die sozialen und politischen Vereinigungen bestimmt. Dank der Volksvermehrung ist das einseitige, historische Geschlecht, wie oben angedeutet, aus der Horde oder dem Stamme hervorgegangen. Und zum größten Teile dank dieser selben Macht ist das Geschlecht wiederum neuen, durch die wachsende Volksmenge hervorgerufenen Associationen — der Nachbarschaft und dem Staate erlegen. In die ökonomische Autonomie des Geschlechtes hat in erster Reihe die Nachbarschaft mit den Einrichtungen, die sie im Gefolge hatte, wie Gemeindeacker u. a. m. störend eingegriffen. Allerdings hat auch in einer späteren Zeit die Erstreckung des Erbrechtes auf die Erauenseite in derselben Richtung gewirkt. In dem letztgenannten Falle kann man sagen, das Geschlecht sei seinem eigenen Prinzip, der Blutsverwandtschaft, erlegen, denn diese war offenbar schuld daran, daß die Frau als Erbin anerkannt wurde. Die Geschlechterreligion wiederum hat frühzeitig einer umfassenderen, meistenteils auf der Verehrung der vom 3* 36 - Staate anerkannten Volks- und Naturgötter gestützten Volks- religdon Platz machen müssen. Schließlich hat der Staat, in dem Maße, wie seine Stärke wuchs, das Geschlecht von der Rechtsprechung, die es ausübte, und der Verteidigung der eigenen Mitglieder, die es übernommen hatte, enthoben. Die Institution der Blutrache mußte dem Strafrecht des Staates Platz machen und die Selbstverteidigung wurde von den öffentlichen Behörden übernommen. Auf diese Weise hat das Geschlecht in jahrhundertlangem Kampfe zwischen Altem und Neuem vom Schauplatz der Geschichte abtreten und anderen Institutionen und neuen Volks- gruppen Platz machen müssen. Aber es hat eine große und bedeutungsvolle Aufgabe zu erfüllen gehabt. Lange und harte Zeiten hindurch hat es für die Individuen eine notwendige Schutzwehr gebildet, hat dem Einzelnen Schirm und Schutz im Kriege aller gegen alle, der gewöhnlich die Barbarei kennzeichnet, gewährt. Außerdem hat es eine Menge edler und aufopfernder Gefühle ins Leben gerufen und auf diese Weise zur sittlichen Erziehung der Menschen beigetragen. Einem umfassenderen und friedlicheren Zusammenleben stand indessen das Geschlecht hindernd im Wege. Denn zur Geschlechter Organisation gehörte die Geschlechtsrache und der ewige Krieg. Mit der wachsenden Volkszahl und den daraus folgenden neuen Volksverbindungen ist es somit zusammengeschrumpft und ist nur eine privatrechtliche Institution geworden. Diesen verhältnismäßig bescheidenen Platz nimmt es bei den meisten Kulturvölkern schon im Anfang der Geschichte ein. Aber auch dieser ist ihm im Laufe der Zeiten durch die wachsende Staatsmacht genommen worden. Und zu der Zeit, als man anfing Familiennamen anzunehmen, war das Geschlecht als lebende Volksgruppe schon lange tot. Der Zusammenhang, an den der gemeinsame Name erinnert, konnte es nicht wiedererwecken. Augenblicklich wissen, wie schon gesagt, die meisten Menschen in unseren Gemeinwesen nichts davon, daß sie faktisch zu Geschlechtern gehören. Und auch die Minderzahl, die durch den gemeinsamen Namen daran erinnert wird, hat nur noch wenig von dem früheren Zusammengehörigkeitsgefühl und von der nicht besser unterhaltenen Familientradition. Unbekannte und bekannte Ahnen x ). Das Geschlecht ist in seiner Raumgestalt eine Summe gleichzeitig lebender, durch Blutsverwandtschaft auf der Männerseite verbundener Individuen samt ihrer Frauen; in seiner Zeitform bildet es eine Kette, deren zusammenhaltende Glieder Väter und Söhne sind. Der Natur nach ist diese Kette beinahe unendlich; denn sie führt bis zum Anfang des Menschengeschlechtes hinauf. Sie ist ferner für alle derselben Zeitgeneration angehörenden ungefähr gleichlang. Der gleichzeitig lebende König und Bauer haben ungefähr eine gleiche Anzahl Vorfahren. Dies ist das physische Geschlecht; mit diesem haben wir jedoch hier nichts zu schaffen. Das historische hat ein ganz anderes Aussehen. In der endlosen Reihe Glieder, die das natürliche Geschlecht enthält, vermögen wir nur eine geringe Minderzahl wahrzunehmen. Diese bilden das historische Geschlecht, das demnach nur ein größerer oder kleinerer willkürlich ausgesonderter Teil des physischen ist. Ferner ist die Länge des letzteren von dem ersten bekannten Stammvater an bis zum Endpunkte in der lebenden Generation für verschiedene Geschlechter verschieden. Bei den historischen Geschlechtern unterscheidet man infolgedessen, je nachdem die bekannten Glieder mehrere oder weniger sind, zwischen alten und neuen Geschlechtern und spricht von vielen oder wenigen Ahnen — alles relative, dem physischen Geschlechte fremde Begriffe, welche indessen in der Geschichte und der Gesellschaft eine überaus große Rolle gespielt haben. Es ist also die Kenntnis der vorhergehenden Glieder, die das Alter der Geschlechter bestimmt. Je weiter zurück dieses Wissen sich mit Sicherheit erstreckt, desto älter ist das Geschlecht und umgekehrt. Die Kenntnis der Menschen von vergangenen Gliedern ist durch mehrere Umstände bedingt. Der erste ist die lebende Erinnerung und die Tradition unter den Nachkommen. In der älteren historischen Zeit war dies das hauptsächlichste, wenn nicht einzige Mittel zur Bewahrung des bewußten Zusammenhanges mit den Vätern. Die Tradition wirkte damals auch mit ganz anderer Kraft als jetzt. Die Menschen werden immer gedächtnisschwächer, je mehr Mittel die Kultur ihnen gibt, die Bilder der Vergangenheit ohne Anstrengung des i) Ahnen hier nicht in der technischen Bedeutung der „Ahnentafel", sondern allgemein in gleichem Sinne wie Vorfahren (natürlich die der Mannesseite). Gedächtnisses zu bewahren. Aber auch in der Vorzeit war die Erinnerung nicht imstande, die Ahnenlegende mehrere Glieder hindurch zu bewahren, falls nicht andere äußere Stützpunkte für die Tradition vorhanden waren. Der mächtigste ist hierbei ganz sicher die Verehrung der Vorfahren gewesen, wie in Griechenland und Rom, oder wie noch jetzt in China und Japan. Andere Mittel, die vorgekommen sind und bei den europäischen Völkern noch jetzt demselben Zwecke dienen, sind der Besitz von Grund und Boden, der sich vom Vater auf den Sohn vererbt, weiter das Entstehen von Wappen und des Adels, sowie vor allem die Annahme von Familiennamen. Eine Menge Adelsgeschlechter des Mittelalters ist hauptsächlich durch ihre Zusammengehörigkeit mit einem Landeigentum bekannt. In der Gegenwart kommen zuweilen Bauerngeschlechter vor, die die Kenntnis vergangener Glieder in eine recht lange Vorzeit hinein auf dieselbe Weise aufrecht erhalten haben. Es wird somit — ob mit Recht oder nicht, weiß ich jedoch nicht — gesagt, daß gewisse norwegische Bauernfamilien dank ihrer Erbgüter ihre Vorfahren bis ins zwölfte oder dreizehnte Jahrhundert hinauf verfolgen können. Für die Geschlechter der Aristokratie ist die Annahme von Wappen oder Wappenbildern, die im letzten Teil des Mittelalters in Schweden üblich wurde 1 ), sowie die Verleihung der Ritterwürde und des Adels, womit gewöhnlich eine Art öffentlicher Registrierung erfolgte, allgemein eine feste Stütze für die Bewahrung der Geschlechtstradition gewesen. Das am allgemeinsten vorkommende Kennzeichen des Blutsbandes unter den Lebenden wie in den vergangenen Gliedern ist indessen der Familien- oder Zuname. In Schweden bürgerte sich dieser Brauch erst im 16. Jahrhundert unter dem Adel ein; von der tibrig - en Bevölkerung wird derselbe angenommen, je nachdem sich einer über die Masse erhebt, in die höheren Klassen eingeht und damit eine Familie in der weiteren Bedeutung des Wortes oder ein Geschlecht gründet. Dies ist nunmehr die einzige Art und Weise für den Beginn von Geschlechtern und die Bewahrung von Geschlechtstraditionen. Nur diejenigen, deren Vorfahren einen Familiennamen angenommen haben, haben in der Regel die Erinnerung an sie bewahrt; und nur diejenigen, die jetzt einen solchen i) Das erste bekannte Wappen ist aus dem Jahre 1219. H. Hildebrand, Sveriges Medeltid, II, S. 569 ff. — 39 — besitzen oder annehmen, können hoffen, daß die Kenntnis von ihnen bei ihren Nachkommen aufrecht erhalten wird. Mit Recht kann man deshalb sagen, der Anfang der historischen Geschlechter und somit ihr Alter datiert von dem Tage an, wo jemand einen Familiennamen annimmt und es dadurch den Nachkommen ermöglicht, die vergangenen Glieder im Gedächtnis festzuhalten und auch in der lebenden Generation seine Blutsverwandtschaftsgruppe zu erkennen. Die Annahme von Familiennamen bezeichnet also besser, als etwas anderes, die Absonderung des historischen Geschlechtes von dem physischen, den Grenzpunkt zwischen unbekannten und bekannten Ahnen. Wie schon angedeutet, fällt diese Grenzscheide gewöhnlich mit dem Aufsteigen des Betreffenden in sozialer Beziehung aus der namenlosen großen Masse in die höheren Klassen zusammen 1 ). Das Geschlecht als Bevölkerungsgruppe. Obschon das Geschlecht seine politische und soziale Existenz verloren hat und sogar dem Bewußtsein der meisten Menschen entschwunden ist, hat es deshalb nicht zu existieren aufgehört. Es besteht jetzt, wie es stets gewesen, als eine grössere oder kleinere durch die Bande des Blutes verbundene Volksgruppe. In dieser Eigenschaft hat das Geschlecht fortdauernd Anspruch auf unsere Aufmerksamkeit, obschon die Aufmerksamkeit in erster Reihe wissenschaftlicher Natur ist. Für die Demographie ist das Geschlecht eine äußerst interessante Erscheinung und wird es stets bleiben. Es ist nämlich neben der Familie die einzige physisch natürliche A r olksgruppe, die existiert. Die offizielle Statistik hat sich mit der Gruppe Geschlecht noch nicht befaßt. Ihre Auffassung des Menschen als Naturwesens ist eine beinahe rein atomistische, Individuum auf Individuum in abstrakter Isolierung. Nur sehr unvollständig vermag sie die Verbindung der Individuen in der Familie (Mann, Weib und Kinder) festzuhalten ; die Vereinigung- derselben in die größere natürliche i) Der allgemeine Volksunterricht hat nacli und nach zur Folge, daß eine große Menge Personen Familiennamen annehmen, ohne deshalb zu den sogenannten gebildeten Klassen überzugehen. Bisher bat sich jedoch die große Masse des schwedischen Volkes um keinenanderen Namen als den Taufnamen mit Zusatz des Vaternamens und eines folgenden „Sohn" oder „Tochter" gekümmert. ■ ■■.. ■ 40 — Gruppe, das Geschlecht, existiert für sie nicht. Dies ist ein großer Mangel. Denn nicht nur, daß eine so wichtige Eigenschaft beim Menschen, wie Herkunft und Blutsverwandtschaft, unbeachtet gelassen wird, auch die hochwichtige Erscheinung, die ich den sozialen Umsatz nennen will, und die in dem Aussterben der Geschlechter in den höheren Klassen und dem Entstehen neuer besteht und eine Bevölkerungsbewegung zwischen den Klassen von der größten sozialen und politischen Bedeutung bildet, bleibt unbemerkt. Durch diesen Mangel verharren wir schließlich in Unkenntnis über die Gesetze der Erblichkeit, deren Kenntnis doch immer mehr unumgänglich notwendig ist, je mehr die natürliche Auswahl in den zivilisierten Staaten eingeschränkt wird. Man muß nämlich wissen, in wie weit gewisse krankhafte und verbrecherische Anlagen sich vererben, um durch eine rationelle Ehegesetzgebung der Entartung des Geschlechtes vorzubeugen. Unzweifelhaft wird deshalb die offizielle Statistik einmal einegenaue genealogische Buchung zuerst der s. g. minderwertigen Leben und der Verbrecher und später wohl aller anordnen. Noch für eine lang-e Zeit werden diese Eorschungen indessen eine Privatsache bleiben; aber es ist eine Freude, zu sehen mit welchem Eifer man sich in der letzten Zeit dieser Aufgabe zu widmen beginnt. Das Studium der Geschlechter —- nicht das historische, sondern das demographische — hat schon mehrere hervorragende Namen, wie Benoiston de Chateauneuf, Paul Jacoby, H. Kleine, Alph. de Candolle, Francis Galton, A. Odin aufzuweisen. Und irre ich nicht allzusehr, so wird dieses Studium bald das beliebteste Feld für die private statistische Forschung werden. Augenblicklich lockt den Forscher vielleicht am meisten das so viel umstrittene Erblichkeitsproblem zu diesen Studien; später dürfte der obenerwähnte soziale Umsatz Anlaß dazu geben, wenn man erst einmal die volle Bedeutung desselben eingesehen hat. Die alte Gruppe der Blutsverwandtschaft, das Geschlecht, feiert auf diese Weise eine Art Auferstehung aus ihrer tausendjährigen Gruft. Falls man konsequent an der Blutsverwandtschaft festhält, um die Menschen darnach zu gruppieren, muß man freilich nicht bloß die männliche Seite, sondern auch die weibliche Seite verfolgen. Eine solche Erweiterung des Geschlechtsbegriffes würde aber in der Regel eine statistische Auffassung der Blutsverwandtschaft zu einer Unmöglichkeit machen. Man ist außer stände, einen solchen Geschlechtsbegriff in einem größeren Umfange, und noch weniger wenn es ein ganzes Volk betrifft, anzuwenden, da es sich dann zeigen würde, daß die Geschlechter zu einer einzigen verwandten Masse verwachsen sind, in welcher jedes Individuum einer Mannigfaltigkeit Geschlechter angehörte, und infolge dessen eine unzählige Menge Doppelrechnungen entstehen würden 1 ). Unzweifelhaft ist in einem kleineren Volke, wie dem schwedischen, der größere Teil der gebildeten Klasse auf diese Weise mit einander verwandt und wird es, je länger die Geschlechter am Leben bleiben, noch mehr. Und durch die zahlreichen Wurzeln, durch welche die Geschlechter der höheren Klasse mit den niederen Klassen, aus denen sie alle hervorgegangen, verbunden sind, ist das ganze Volk in einem viel höheren Grade, als man es sich gewöhnlich vorstellt, mit einander verwandt. Will man die Gruppe der natürlichen Blutsverwandtschaft deshalb in einem größeren Maßstabe zum Gegenstande statistischer Studien machen, so muß man das Geschlecht nehmen, wie es seit seiner Aussonderung aus dem Stamme oder der Horde ist, also das historische Geschlecht, die Verwandtschaftsgruppe von Seiten des Mannes. Und soweit ich sehen kann, verliert man in demographischer Beziehung im großen Durchschnitt nichts durch diese Begrenzung, denn sämtliche statistische Beobachtungen, »die man an der doppelseitigen Verwandtschaftsgruppe machen kann, findet man in der einseitigen, dem gewöhnlichen Geschlecht, wieder. Nur beim Studium der Mysterien der Erblichkeit ist es notwendig, den Nachkommen auf beiden Seiten, oder besser noch den Vorfahren nach dem Prinzip der Ahnenreihe geordnet, nachzugehen. Ein Umstand, der indessen bei einer demographischen Studie der Geschlechter eines Volkes oder einer gewissen Volksmasse zu beachten ist, ist der, daß, wie die Verhältnisse jetzt liegen, wo der Familienname der einzige sichere Anhaltspunkt bei der Be- i) Um dies Verhältnis zu beleuchten, sei folgendes angeführt. Durch Abstammung von der weiblichen Linie, ursprünglich vermittelt durch die Geschlechter Hand, Frankelin, De la Gardie, AVernstedt, Yxkull und Strale af Sjöared, können von den etzt lebenden adligen Geschlechtern 42 gräfliche, 72 freiherrliche und etwa 100 adlige im ganzen und mehrere andere teilweise, sowie außerdem noch ,,hunderte bürgerliche Geschlechter" ihren Stammbaum bis zu Gustaf Vasa (j- 1560) hinaufführen und bilden dadurch zusammen einen einzigen Knäuel von Blutsverwandtschaft von ungeheurem Umfang. — 4^ — Stimmung der Geschlechter ist, und der Familienname vielleicht erst in dem vorletzten Gliede angenommen worden ist, das Geschlecht nicht das umfaßt, was es umfassen sollte, nämlich alle gleichzeitig lebenden auf der Mannesseite A^erwandten. Das Geschlecht kann nämlich, je nachdem der Ausgangspunkt desselben kürzer oder länger zurück in vergangenen Gliedern liegt, einen verschiedenen Umfang haben. Von einem Stammvater im siebenten Glied können vielleicht an einem gegebenen Zeitpunkt 100 Nachkommen leben, während von einem seiner Nachkommen, der von demselben Zeitpunkte zurück gerechnet das dritte Glied bildet, möglicherweise nur 20 vorhanden sind. Hat nun der Mann im dritten Glied zuerst einen Geschlechtsnamen angenommen und dadurch die Aussonderung seiner Nachkommen als ein Geschlecht möglich gemacht, so zählt das letztere nur zwanzig Mitglieder; hat es dagegen der Mann im siebenten Glied getan, so zählt es hundert. Diese UnVollständigkeit des Materials ist jedoch von keiner so großen Bedeutung, wie man glauben sollte. Das benannte und deshalb bekannte Geschlecht bildet stets nur einen Teil des wirklichen Geschlechtes. Der Punkt, von welchem aus der Stammbaum beginnt, muß immer ein willkürlicher und von dem wirklichen Anfangspunkte — dem ersten, der der Stammvater des A^olkes wurde, um nicht den ersten Menschen, Adam, zu nennen — unendlich weit abgelegener sein. Der bezügliche Kreis der Blutsverwandtschaft, das Geschlecht, ist deshalb stets ein konventioneller. Dies wirkt aber auf die wichtigsten demographischen Verhältnisse, die ein Studium des Geschlechtes bietet: dessen Zunahme und Erlöschen sowie Zusammensetzung, wenig oder gar nicht ein. Sowohl das eine wie das andere läßt sich unbeschadet der Länge oder Kürze des Stammbaumes beobachten; und liegt nur eine einigermaßen große Anzahl Geschlechter verschiedener Alter vor, so lassen sich trotz der A^er- schiedenheiten in bezug auf den Anfangspunkt und den Umfang allgemeine Resultate erzielen. Es läßt sich indessen nichLleugnen, daß sich, je vollständiger das Material wird, indem immer mehr Geschlechter bekannt und auch die Stammbäume so weit zurück wie möglich geführt werden, unsere Kenntnis nicht allein des Geschlechtes, sondern auch mehrerer anderer demographischer Erscheinungen sehr bedeutend erweitert. Man möge sich nur vorstellen, daß bei der ersten vollständigen Volkszählung in Schweden 1751 die Ge- schlechter, wenn auch nur unter den da Lebenden, hätten konstatiert und dann bis auf die gegenwärtige Zeit statistisch hätten verfolgt werden können — welche merklichen und bedeutungsvollen Beobachtungen hätten wir nicht da schon sammeln können! Wir hätten gesehen, wie ein Teil Geschlechter ausgestorben ist, nnd wie andere sich bedeutend erweitert und teils die Lücken nach den ersteren ausgefüllt, teils die Bevölkerungszahl von 1,785,000 (1751) auf 4,919,000 (1895) x ) erhöht haben. Wir hätten ferner die sozialen und physischen Ursachen, die in dem einen Falle das Erlöschen, in dem anderen den Zuwachs veranlaßt haben, mehr oder weniger vollständig beobachten können. Der Umfang und die Gesetze des sozialen Umsatzes wären uns dann nicht länger unbekannt. Sicher hätten wir auch dann viele andere, auf physischer oder psychischer Erblichkeit, d. h. Vererbung durch Erziehung, beruhende Eigentümlichkeiten, sowohl was konstitutionelle Krankheiten, Anlagen und Talente, wie was Verbrechen u. a. m. betrifft, entdecken und verfolgen können — alles dies Verhältnisse, nach denen die moderne Demographie forscht, ■die sie aber mangels genealogischen Materials und statischer Buchung desselben noch nicht hat ermitteln können. Gleichwohl darf man beim Studium des Erblichkeitsproblemes ■die Untersuchung nicht auf die Geschlechter, selbst wenn man neben der männlichen Seite auch die weibliche Seite in Betracht ziehen wollte, beschränken. Denn wie man auch den Begriff Geschlecht erweitert, enthält dasselbe doch nur die absteigende Blutsverbindung; außer dieser gibt es aber auch eine aufsteigende, und diese ist von noch grösserer Bedeutung für die Erblichkeit, als die erstere. Diese letztere Blutsverbindung bildet, was wir Ahnen' 1 ) im genealogischen Sinne nennen; und das ist etwas ganz anderes als das Geschlecht. Die Ahnen und das Geschlecht sind eher direkte Gegensätze. In einem schematischen Bild dargestellt, ist das Geschlecht mit einer aufrecht stehenden Pyramide, die Ahnenreihe mit einer umgekehrten zu vergleichen. Bei dem ersteren gleitet der Blick von oben nach unten, vom Stammvater auf die .ganze Schaar Sprößlinge, wie sie sich in verschiedene Linien verzweigen, ältere und jüngere; bei den letzteren blickt das Auge von unten nach oben, vom Sprößling zu den als Väter und 1) Das störende Moment der Einwanderung ist hier außer Rechnung gelassen. 2) Der Sprachgebrauch gibt dem Ausdrucke Ahnen oft die weit allgemeinere Bedeutung von Vorfahren oder vergangenen Gliedern. — 44 — Mütter in Paaren geordneten Vorfahren, die für jedes Glied immer mehr zunehmen. Die innere Zusammensetzung inbezug auf Individuen und Geschlecht ist auch für jede Blutsverbindung ganz verschieden. In jeder Familie können ja Söhne und Töchter in verschiedener Anzahl und in einer Menge verschiedener Kombinationen vorhanden sein und damit jedem Glied innerhalb des Geschlechtes, sowie den verschiedenen Geschlechtern, ein verschiedenes Aussehen verleihen. Die Ahnen folgen dagegen theoretisch Glied auf Glied in einer für alle Ahnenreihen gleichen Weise. Jedes Individuum kann nämlich, der Natur nach, nur einen ALiter und eine Mutter haben. Folglich vermehren sich diese für jedes Glied in einer bestimmten arithmetischen Progression, so daß das erste Glied vom Besitzer der Ahnentafel an zwei Personen, einen Vater und eine Mutter aufweist, und dann successive für jedes Glied 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512, 1024 u. s. w. in beständiger Verdoppelung, wobei stets die Hälfte Väter, die Hälfte Mütter sind 1 )- Der größte Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Blutsverbindung ist jedoch der, daß das Geschlecht eine Volksgruppe bildet, in welchem, außer den von anderen Geschlechtern gekommenen Frauen, alle durch die Bande des Blutes miteinander verbunden sind. Die Ahnenreihe dagegen ist nur in den gerade auf- und gerade absteigenden Linien, nicht in verschiedenen Linien und nicht in demselben Glied, ausgenommen natürlich bei Geschwisterehen, wo Mann und Frau im Voraus denselben oder verschwägerten P'amilien angehören, miteinander verwandt. Die Ahnen bilden somit keine zusammenhängende Blutsverwandtschaftsgruppe. Daher haben jene niemals, wie das Geschlecht, eine lebende A^olksgruppe ausgemacht, und sind ebensowenig jemals ein Gegenstand der Liebe oder selbst der Kenntnis der Menschen gewesen, wie dieses. Im Altertum scheint man für diese Art Blutsverwandtschaft kein Auge gehabt zu haben; erst im Mittelalter, als die strenge Trennuug der Stände Bestimmungen über so und so viel Ahnen, oder was man „blaues Blut" genannt 1) Diesen verschiedenen Arten der Blutsverbindung entsprechen im Schwedischen die beiden Ausdrücke Stammbäume und Ahnenbäume, die im Sprachgebrauch jedoch oft miteinander verwechselt werden. Siehe übrigens über diesen Gegenstand Du Frei: Die Bedeutung von Stammbäumen für die Erkenntnis des Bevölkerungsganges (Allg. Stat. Arch. von G. v. Mayr, 1896, Bd. IY, S. 416 ff. r ebenso wie das bekannte Buch von O. Lorenz, Lehrbuch der gesamten wissen- schaftl. Genealogie, Berlin 1888. — 45 — hat, als Bedingung für Eheschließungen, Eintritt in gewisse Orden u. dergl. hervorrief, wurde man hierauf aufmerksam. Für statistische Behandlung eignet sich die Blutsverbindung des Ahnenbaumes nicht: ihre Masse ist nämlich ein für allemal gegeben. Höchstens könnte eine solche in der Frage derjenigen Verminderung der theoretischen Anzahl Personen zur Anwendung kommen, die infolge der Verwandtschaft zwischen Mann und Frau, wodurch dieselben Personen zwei oder mehrere Male als Ahnenväter desselben Ahnenbaumes vorkommen, eintreten muß. Für diese Arbeit besteht jedoch keine Veranlassung, sich hiermit, wie überhaupt mit Ahnen und Ahnenbäumen zu befassen. Sie gehören der Genealogie sowie der Lehre von der Erblichkeit an. Als Gegenstand einer demographischen Studie kann das Geschlecht teils in seiner Zeitgestalt, teils in seiner Ausbreitung- im Räume, d. h. in der lebenden Volksmasse, betrachtet werden. Zur Veranschaulichung beider Teile geben wir nachfolgendes Diagramm über zwei lebende Geschlechter, beide von einem paar im Jahre 1664 nach Schweden eingewanderten und im Ritterhause introduzierten Brüdern. Die Verschiedenheit in der Zeitform oder Anzahl Glieder ist trotz der gleichen Alter nicht geringer, als die Verschiedenheit in der Ausbreitung im Räume, d. h. in der Größe der — 46 — Glieder. Die Massen der verschiedenen Geschlechter variieren also bedeutend. Nur im Ausgangspunkte, wie allerdings auch am Ende, falls die Geschlechter aussterben, sind sie der Größe nach gleich. Der Anfang ist ein Mann, der Stammvater, sowie seine Frau oder Frauen, wenn er verheiratet ist. Der Weiterbestand sowie der Ausbau des Geschlechtes beruht dann darauf, ob dieser erste Kinder, oder näher bestimmt, Söhne besitzt, die das Geschlecht ihrerseits wieder fortpflanzen. Die im Geschlechte geborenen Mädchen gehören demselben als Kinder, aber später nur dann an, wenn sie nicht durch Verheiratung in andere Familien übergehen. Die Frauen sind, außer im Falle von Verwandtschaf'tsehen, von außen kommende, ein Ersatz für die an andere Geschlechter abgegebenen Mädchen. Die Ausbreitung der Geschlechter in de r Zeit und im Räume geht somit Hand in Hand, aber sehr verschieden für die verschiedenen Geschlechter. Eine natürliche Klassifizierung und Einteilung derselben bildet nur die Zeitform oder die Anzahl Glieder (Generationen). Bei der eingehenderen demo- Freiherriiches Geschlecht graphischen Behandlung werden wir die- Hamiiton 1 ) selben deshalb in Einglieds-, Zweiglieder-, Dreiglieder- etc. Geschlechter, d. h. Geschlechter von ein, zwei, drei u. s. w. Generationen einteilen. l) Die verschiedenen Linien bezeichnen in den erloschenen Gliedern die Individuen im Zivilstande zur Zeit ihres Todes, in den lebenden bei dem jetzigen Zivilstande Unverheiratete Unmündige für das männliche Geschlecht; für das weibliche Geschlecht die im Geschlecht Geborenen, abgesehen von ihrem Zivilstande. Unverheiratete Unmündige. — Verheiratete sowie "Witwer und Witwen. Die Anzahl Individuen in jedem Glied und von jeder Kategorie wird durch die Querstriche angegeben. Viertes Kapitel. Die im Ritterhause introduzierten Geschlechter. Allgemeine Übersicht. Heraldische und selbständige Geschlechter. Die in dieser Arbeit behandelten adligen Geschlechter sind die im Ritterhause introduzierten. Denn nur diese sind seit 1626 gesetzlich anerkannt und sind Gegenstand der Registrierung in dessen Genealogien gewesen. Außerdem hat es manche Personen gegeben, die geadelt worden sind, sich aber nicht haben introduzieren lassen. Sie und ihre Nachkommen haben deshalb nicht dem Adel angehört und kommen in diesen Untersuchungen natürlich nicht vor. Dasselbe gilt von den Überbleibseln älterer mittelalterlicher Geschlechter, die 1626 vorhanden waren, aber da nicht Eintritt in das Ritterhaus suchten und darnach verschwunden sind. Schon vor der Errichtung des Ritterhauses seit 1561 waren die adligen Geschlechter in drei Klassen geteilt, gräfliche, freiherrliche und gewöhnliche adlige. Der Unterschied zwischen diesen Klassen bestand, außer in verschiedenem Sitz und Stimmrecht im Ritterhause, in den verschiedenen Privilegien, die sie besaßen. Hierzu kam nach und nach auch die Verschiedenheit in den Vermögensverhältnissen, ein Unterschied, den indessen die große Reduktion 1680 bedeutend verminderte. Zu diesen Kategorien ist endlich nach 1809 noch eine gekommen, die dadurch entstand, daß alle nach diesem Jahre in den adligen oder einen höheren Stand erhobenen Personen die Würde nur für sich und den ältesten männlichen Sprößling Glied für Glied erhalten haben 1 ). Hierdurch ist nach dem genannten Jahre eine Gruppe Geschlechter 1) Regierungsform § 37. — 4 S - entstanden, die von Rechtswegen nur einen dem Adel angehörenden Repräsentanten haben. Da diese Geschlechter gleichwohl nach demographischen Gesichtspunkten den älteren vollständig gleichwertig sind, werden sie in dieser Arbeit ebenso wie die letzteren aufgenommen. Neben dieser historischen oder, wie man es nennen kann, heraldischen Gestaltung der Geschlechter, die der natürlichen Blutsverwandtschaftsgruppe insofern nicht selten Gewalt antut, als sie getrennte Zweige derselben als verschiedene Familien aufführt, und umgekehrt, verschiedene Geschlechter als eins behandelt, steht die physische oder demographische, die sich streng an den oben angegebenen Begriff und Umfang des Geschlechtes hält. In dem letzteren Falle reduzieren sich somit alle vom Stammvater ausgehenden adligen, freiherrlichen und gräflichen Geschlechter auf eines, und löst sich umgekehrt ein durch Adoptierung fortgesetztes Geschlecht in zwei oder mehrere auf. Dasselbe muß, streng genommen, geschehen, wenn zwei oder mehrere Anverwandte unter einem Namen geadelt und unter einer Nummer im Ritterhause eingeführt worden sind. In diesem Falle können jedoch, wenn die Glieder gleich viele sind, die auf diese Weise einem Stammvater entstammenden Geschlechter als eines betrachtet werden. Diese verschiedenen Betrachtungsweisen, die historisch-heraldische und die physisch-demographische, sind jede in ihrer Art berechtigt und kommen beide bei den verschiedenen Fällen zur Anwendung. Es wird jedoch stets angegeben werden, welches Verfahren in jedem besonderen Falle angewendet worden ist, wobei die natürlichen Geschlechter, im Gegensatz zu den Teiloder Zweiggeschlechtern, welche die historischen Geschlechter oft bilden, selbständige Geschlechter genannt werden. Die Anzahl der adligen Geschlechter und die Zeit ihres Entstehens. Die Gesamtzahl der im Ritterhause introduzierten Geschlechter wird laut den Matrikeln desselben auf 142 gräfliche, 406 freiherrliche und 2342 adelige, zusammen 2890 Adelsgeschlechter angegeben J ). Unsere Rechnung, die die adoptierten 1) Nach 1895 ist ein adliges Geschlecht (für den Entdeckungsreisenden Sven Hedin) hinzugekommen, weshalb ihre Gesamtzahl jetzt, 1903, 2891 beträgt. 49 Geschlechter als getrennte aufnimmt, kommt zu folgenden Zahlen: 142 gräfliche, 417 freiherrliche und 2474 adlige, oder insgesamt 3033. Reduziert man diese Geschlechter, die oft desselben Stammes sind, auf selbständige, so ist ihre Zahl bedeutend geringer, nämlich 2587. Wie diese Geschlechter sich nach der Zeit ihres Entstehens ordnen, geht aus folgender Tabelle hervor: Entstehungszeit der Geschlechter. Zeitperiode für das Adeln Anzahl geadelter oder naturalisierter Geschlechter oder die Naturalisation adlige freiherrliche gräfliche Summa 1890—4866 3 2 — 5 1865 — 1841 23 13 1 37 1840 — 1816 73 28 13 114 1815—1791 97 53 22 172 1790 — 1766 174 58 '4 246 1765—-I74 1 162 37 9 208 1740—1716 365 89 23 477 1715 — l6 9i 295 43 23 361 1690 — 1666 484 38 15 537 1665—1641 5 11 47 18 576 1640—1616 "7 3 1 121 1615—1591 26 2 1 29 vor 1591 t44 4 2 150 Summa 2474 417 142 3033 Aus diesen Zahlen erhellt als erstes, daß die Erhebung in den Adelstand, wie schon oben angedeutet, in den verschiedenen Zeitperioden sehr ungleich mit periodisch steigenden und fallenden Zahlen vorgegegangen ist. Gleichwohl muß man sich davor hüten, aus der niedrigen Zahl vor 1591 den Schluß zu ziehen, daß die Anzahl Adelsgeschlechter im Mittelalter eine geringe gewesen sei. Im Gegenteil können wir aus der Geschichte dieser Zeit darauf schließen, daß ihre Anzahl damals sehr groß gewesen sein muß. Aber diese älteren Geschlechter waren zur Zeit der Errichtung des Ritterhauses (1626) zum größten Teil erloschen. Daher die geringe Anzahl aus der Zeit vor 1591. Erst nach der genannten Jahreszahl ensprechen die Ziffern somit genau der wirklichen Anzahl neugewordener Geschlechter. Die Schwankungen darin sind zu verschiedenen Zeiten bedeutend. Die geschichtlichen Geschicke, die Schweden durchgemacht hat, aber noch mehr die verschiedene Freigebigkeit der Regenten erklären diese Schwankungen. Eine Gruppierung der Geschlechter nach Regenten, welche jedoch, da sie nur ein geschichtliches Interesse besitzt, hier übergangen wird, beweist dies in voller Deutlichkeit. Hier möge nur Falilbecfe, Der schwedische Adel. 4 — 5 o — erwähnt sein, daß der Höhepunkt unter zwei Königinnen, Kristina (1632—1654) und Ulrika Eleonora (1718—1720), erreicht wurde, die diese Würde vorzugsweise mit verschwenderischer Hand ausgeteilt haben. Aus dieser Übersicht geht aber ferner hervor, daß das Adeln im 19. Jahrhundert immer mehr aufgehört hat und jetzt in Schweden als eine nicht mehr vorkommende Form der Auszeichnung betrachtet werden kann. Sie hat auch, wie oben angeführt, juristisch ihren ursprünglichen Charakter verloren. Alles dies infolge der Auflösung des Standeswesens und der Demokratisierung der Gesellschaft. Der Adel und das Adeln sind in Schweden eine aussterbende Institution. Lebende und erloschene Geschlechter. Wie scharf die Grenzlinie zwischen Leben und Tod auch zu sein scheint, ist es doch nicht immer leicht, beides statistisch zu konstatieren. Besonders gilt dies von einem Kollektivindividuum, wie es das Geschlecht vom Gesichtspunkte des Blutsbandes ist. Oft ist der Abgang mehrerer Personen zu bezeugen; und für ein Geschlecht gibt es mehr als eine Art des Aussterbens. Die allgemeine und wohl überall angenommene Regel, ein Geschlecht erlösche mit dem Abgange des letzten männlichen Mitgliedes — eine Regel, die eine Folge des obengegebenen Begriffes Geschlecht ist — kann demnach mehrere Formulierungen erhalten. Denn der Abgang der Individuen kann auf mehr als eine Art und Weise erfolgen: durch physischen Tod, sozialen Tod infolge Abzugs oder anderswie, und endlich durch Nichtvorhandensein. Besonders die letzte Art macht dem Genealogen Kopfzerbrechen. Tatsache ist, daß manche adlige Geschlechter im Stillen aussterben, ohne daß man weiß wo oder wann. Wie soll in diesem Fall das offizielle Todesattest ausgefertigt werden? Das schwedische Ritterhaus befolgt seit dem Reichstage 1859—1860 die Regel, daß ein Geschlecht als erloschen betrachtet wird, wenn neunzig Jahre seit der Geburt des letzten bekannten männlichen Sprößlings verflossen sind. Es ist aber klar, daß mit dieser Regel manche Geschlechter noch immer als lebend aufgeführt werden können, die jedoch tot sind. Andererseits ist es auch möglich, daß das Nicht Vorhandensein durch augenblicklichen Abzug oder anderswie verur- 5 1 — sacht wird; in diesem Falle kann nach den Ritterhausstatuten eine Wiederauferstehung stattfinden. 'Doch diese und andere für die Ritterhausgenealogien gültige Regeln passen nicht für uns. Als lebend sind hier nur diejenigen Geschlechter aufgenommen, deren männliche Mitglieder sich unseres Wissen am Leben befinden. Alle anderen Geschlechter werden auf die schwarze Liste der Erloschenen gesetzt. Der Zweck dieser Arbeit ist kein genealogischer, sondern ein statistischer. Die von mir vorgenommene Zählung der Masse des lebenden Adels schreibt sich vom i. Januar 1895 her. Die Geschlechter, deren männliche Mitglieder laut vorhandenen Quellen zu dieser Zeit im Lande sich befanden, sind als lebend, alle anderen als tot aufgenommen worden. Zu den letzteren rechnen wir somit nicht allein die mit Sicherheit als tot bekannten Geschlechter, die auf der weiblichen Seite fortlebenden darin einbegriffen, sondern auch, mit einigen Ausnahmen, die im Auslande lebenden, aber nicht in Schweden vorhandenen, sowie schließlich alle die, deren Vorhandensein oder Nichtvorhandensein nicht bestimmt bekannt war. Eine natürliche Folge der verschiedenen Art, in welcher vom Ritterhause und in dieser Arbeit die Grenze zwischen lebenden und erloschenen Geschlechtern gezogen ist, ist die, daß die Ritterhausgenealogien eine nicht unbedeutende Anzahl Geschlechter als lebend aufnehmen, die hier in der Liste der Ausgestorbenen geführt werden. Demnach betrug nach dem offiziellen Verzeichnis bei der Adelsversammlung im Jahre 1896 die Zahl der lebenden Geschlechter: gräfliche 62, freiherrliche 151 und adlige 589, zusammen 802, Zahlen, die, was die beiden letzteren Klassen betrifft, bedeutend die Zahl der hier als lebend aufgenommenen übersteigen. Die Rechnung lebender und erloschener Geschlechter vom 1. Januar 1895 ergibt folgendes Resultat: Erloschene Lebende gräfliche .82 60 freiherrliche 277 140 adlige ■ . 1957 5'7 Sa. 2316 717 Reduziert man die Geschlechter auf „selbständige", so erhält man folgende Zahlen: 1972 erloschene und 615 lebende. Die Zahlen, die wir hier sehen, sind bemerkenswert. Über 76 °/ 0 sämtlicher Geschlechter haben der Natur ihre Schuld be- 4* — 52 — zahlt. Dies ist sicher mehr, als wie irgendeiner es sich vorgestellt hat, selbst wenn man gebührende Rücksicht darauf nimmt, daß ein Teil der ausgestorbenen Familien nur expatriiert oder sonst verschwunden ist. Der Todesengel schwebt offenbar ebenso über den Geschlechtern, wie über den Individuen. Hiermit eröffnet sich Studien mancherlei Art ein neues, bisher wenig bekanntes Feld. Das Erlöschen der Geschlechter und alles, was damit im Zusammenhange steht, bietet so viel des Interessanten, was noch nicht zum Gegenstand gründlicher Untersuchungen gemacht ist, daß es ein Unrecht wäre, die Gelegenheit zu einem Einblick in diese Dinge, den unser Material gestattet, nicht zu benutzen. Es sind also die ausgestorbenen Geschlechter, denen wir unsere Aufmerksamkeit zunächst zuwenden. Fünftes Kapitel. Das Aussterben der Geschlechter. Das Aussterben von Geschlechtern. Obschon das Aussterben von Geschlechtern eine alltägliche Erscheinung ist, erweckt es nur ausnahmsweise unsere Aufmerksamkeit. In älteren Zeiten, wo das Geschlecht eine lebende Volksgruppe war, wurden diese Ereignisse mit einem ganz anderen Interesse verfolgt. Das Erlöschen berühmter Geschlechter, wie das der Pelopiden in Griechenland, der Ynglingar und Gjukunger in der germanischen Welt erweckte für alle Zeiten Widerklang im Gesang und in der Sage. Aber je schwächer das Geschlecht als Volksgruppe geworden ist, um so weniger merken die Menschen sein Ende. Und in der Jetztzeit achten wir so wenig darauf, daß uns dies gewöhnlich ganz entgeht. Und doch erlöschen bei den Kulturvölkern jährlich Hunderte, ja Tausende von Geschlechtern. Die Sterblichkeit innerhalb der historischen Geschlechter, der Geschlechter mit Namen, mit denen wir uns allein beschäftigen, ist überall eine sehr große, und ist es stets gewesen. Einige wenige bekannte Daten mögen hier angeführt werden. Sie sind hauptsächlich den Adelsgeschlechtern entnommen, denn diese sind die bekanntesten. Schon im Altertum hat man die Beobachtung gemacht, daß. die Adelsgeschlechter schnell ausstarben. So ging es laut vielen Aussagen, die die moderne Kritik nicht verwerfen kann, wenn sie auch die angeführten exakten Zahlen anficht, in Sparta. Und wie es mit den alten Geschlechtern in Sparta ging, so ging es in Athen und den übrigen griechischen Staaten, sowie in Rom. Die Geschlechter der Patrizier, deren Anzahl gewöhnlich auf ursprünglich 300 geschätzt wird, waren zu Caesars Zeit nach Angabe eines Zeitgenossen auf 50 reduziert, was jedoch von Mommsen — 54 in 14 Geschlechter mit ungefähr 30 Linien korrigiert wird 1 ). Auf dieselbe Weise schwanden die Adelsgeschlechter des Mittelalters, wie wir mit Sicherheit wissen, in Norwegen, Dänemark, England, Frankreich, Deutschland, wahrscheinlich aber in allen Ländern, obschon bei den Schriftstellern so selten exakte Angaben über diese Verhältnisse vorkommen. Die vereinzelten Notizen, die man aus neuerer und neuester Zeit über diese Sache hier und da in der Litteratur antrifft, bestätigen dies. In den deutschen Reichsstädten, wo sich ein sehr zahlreiches Patriziat befand, sind diese Geschlechter jetzt vollständig erloschen 2 ). Ebenso ging es in Venedig. Weiter wird, um einige Zahlen anzuführen, angegeben, daß von 1611 bis 1819 in England nicht weniger als 753 Baronetsfamilien, oder im Durchschnitt drei bis vier jährlich ausgestorben sind 3 ); und von den im Genealogischen Taschenbuch der gräflichen Häuser Deutschlands und Oesterreichs aufgeführten Grafengeschlechtern sind mehr als 400 eingegangen, darunter 209 im 18. Jahrhundert und 109 im vorigen bis 1870 4 ). In Finland sind von 1818, wo das finnische Ritterhaus errichtet wurde, bis Ende 1896 von insgesamt 344 introduzierten Geschlechtern 96 ausgestorben 5 ). In welchem Umfang der Adel Schwedens dieses Schicksal geteilt hat und noch teilt, werden wir später sehen. Obschon bestimmte diesbezügliche Angaben über bürgerliche, oder andere den höheren nichtadligen Klassen angehörenden Geschlechter bisher nur spärlich vorkommen, so scheint für sie doch dasselbe zu gelten. Von Bern berichtet Malthus, daß von 487 in den Jahren 1583 —1654 in die dortige Bürgerschaft aufgenommenen Familien im Jahre 1783 nur noch 108 lebten 6 ). Ein Verzeichnis über die in Mülhausen zwischen 1552—1798 ausgestorbenen Bürgergeschlechter gibt ihre Zahl auf 477 von insgesamt 629 Geschlechtern an 7 ). Aus dem schwedischen Geschlechter- 1) Römische Forschungen, I, S. 121 f., Berlin 1864. 2) S. Georg Hansen, Die drei Bevölkerungsstufen, München 1889, S. 174 h, wo einige Angaben hierüber gesammelt sind. 3) W. Roscher, Politik, Stuttgart 1892, S. 145. 4) PL Kleine, Der Verfall der Adelsgeschlechter, 3. Aufl., Leipzig 1882, S. 7. — Verf. führt indessen an, daß die Zahl für die im vorigen Jahrhundert ausgestorbenen gräflichen Geschlechter zu niedrig sei und richtig auf 160 gesetzt werden müsse. 5) Finlands Adelskalender 1897, herausgegeben von M. Stackelberg. 6) Essay on the Population, 5 ed, I, p. 484 f. 7) Ehrsam, Der Stadt Mülhausen privilegiertes Bürgerbuch etc., 1550, nach G. Hansen, Angef. Arb., S. 176. kalender 1 ) ersieht man, wie auch in Schweden in früheren Zeiten Bürgergeschlechter ausstarben. Im elften Band wird über 249 zwischen 1600 und 1800 in Stockholm eingegangene Geschlechter Bericht erstattet. Und doch sind diese nur ein Bruchteil aller derer, die in der genannten Zeit dort das Zeitliche gesegnet haben. Sicher ist dasselbe in Gotenburg und den übrigen Städten der Fall gewesen. Denn wo findet man in der Gegenwart alte Firmen, die in vielen Gliedern vom Vater auf den Sohn übergegangen sind? Roscher erwähnt an einer Stelle, daß von 85 im Jahre 1739 in Stettin vorhandenen Firmen im Jahre 1859 keine einzige mehr existiere 2 ). Und zu demselben Resultate führen die vereinzelten interessanten Angaben, die Hansen nach M. Wirth, M. Mohl und E. Engel betreffs einiger jetzt existierender Firmen und der Herkunft der Fabrikanten anführt. Die meisten waren direkt aus der Klasse der Arbeiter gekommen. Alte Geschlechter kommen vor allem nicht in den Klassen der Handels- und Industriewelt vor. Die schwedischen Häuser und Firmen, die hundert Jahre in ununterbrochner Reihe vom Vater auf den Sohn gegangen sind, sind sehr dünn gesät und kommen meistens in kleinen Städten vor; überhaupt ist, wie das Studium des schwedischen Geschlechterkalenders uns lehrt und wir später auch sehen werden, die Anzahl alter bürgerlicher Geschlechter eine sehr geringe. Dies ist jedoch nur die andere Seite derselben Tatsache, daß die Geschlechter des ehemaligen Bürgerstandes schnell aussterben. Und offenbar herrscht dasselbe Verhältnis bei den Geschlechtern der hochbegabten Männer. Denn wo sind die Nachkommen der großen Denker, Dichter, Staatsmänner und Krieger? Wir suchen sie vergebens und vermissen sie mit Bedauern. Denn wie gerne würden wir die Nachkommen dieser Größen der Menschheit unter uns sehen. Allein es ist zu allen Zeiten selten gewesen, daß die Nachkommenschaft eines großen Mannes ihn lange überlebt hat. In anderen Fällen, besonders bei unter einfachen Verhältnissen lebenden Pfarrergeschlechtern, kann man eine größere Lebenskraft wahrnehmen, so daß sie, gleich einigen Adelsgeschlechtern, Jahrhunderte hindurch fortleben. Meistenteils scheinen aber die historischen Geschlechter, d. h. die Geschlechter der höheren Klassen, mögen sie von Adel sein oder nicht, sehr kurzlebig zu sein. Ob man ihre Lebenslänge durchschnittlich auf 1) Svensk Släktkalender, I—XI, Stockholm 1880—1895. 2) System der Volkswirtschaft, III, § 12, n. 4. 5 6 nur drei Generationen veranschlagen kann, wie Georg Hansen betreffs der höheren Klassen der Städte zu finden geglaubt hat, möge dahingestellt bleiben. Die näheren Umstände bei dieser eigentümlichen Erscheinung sind noch in Dunkel gehüllt. Die Statistik, die allein für die Gegenwart eine exakte Antwort hierauf geben kann, ist noch nicht zu dem Gegenstande „das Aussterben der Geschlechter" gekommen. Aber für die Vergangenheit kann betreffs dieser seltsamen Tatsache kein Zweifel herrschen. Die Geschlechter der höheren Klassen sind zu allen Zeiten ausgestorben, die Generationen mögen mehrere oder wenig-ere gewesen sein, aber meistenteils waren es wenige. * Müssen die Geschlechter aussterben? Die Erfahrungen, die wir bisher betreffs der historischen Geschlechter gesammelt haben, führen von selbst zu der Frage, ob die Geschlechter mit Notwendigkeit denselben Gesetzen der Vergänglichkeit unterworfen sind, wie die Individuen; ob sie, gleich diesen, aber verschieden von den Völkern, betreffs welcher man, trotz der vielen Fälle des Unterganges von Völkern, von denen die Geschichte erzählt, ein solches Gesetz schwerlich konstatieren kann, in bestimmter Reihenfolge wachsen, blühen, altern und sterben. Es ist jedoch ohne weiteres klar, daß die Frage, falls sie in dieser Allgemeinheit aufgestellt wird und somit das Geschlecht in genere umfaßt, verneinend beantwortet werden muß. Denn wären die Geschlechter ganz so wie die Individuen der Vergänglichkeit anheimgegeben, so müßten alle Geschlechter, und somit auch die Menschheit oder das Volk, wenn wir uns an dieses halten, aussterben. Ein Volk besteht nämlich in jedem Zeitpunkt aus einer gewissen Anzahl physischer, sämtliche Individuen desselben umfassender Geschlechter. Stürben nun alle Geschlechter aus, so müßte auch das Volk aussterben. Obschon das letztere oft eingetroffen ist, und damit auch das erstere, so lag der Grund dazu doch nicht im Wesen des Geschlechtes, sondern in allerhand anderen äußeren und inneren Umständen. Diese Tatsache, daß nicht alle Geschlechter aussterben, so lange das Volk existiert, genügt, um uns einsehen zu lassen, daß die Sterblichkeit nicht zur Natur des Geschlechtes gehört. Mit anderen Worten, es ist keine innere Notwendigkeit dafür vorhanden, daß die Geschlechter aussterben müssen. i) Ängef. Arb., S. 179. Wie selbstverständlich nun dieser Schlußsatz zu sein scheint, so hat doch ein bekannter Gelehrter, Alph. de Candolle, wenn auch nur ganz nebenbei und ohne es vielleicht so genau zu bedenken, im Gegenteil erklärt, alle Geschlechter müßten aussterben. Zwar nur von den bekannten oder historischen Geschlechtern sprechend, sagt er, daß sie mit der Zeit ganz einfach deswegen aussterben müßten, weil nicht alle Männer männliche Nachkommen hinterlassen, die das Geschlecht weiter führen, und daß man infolgedessen durch Wahrscheinlichkeitsberechnung die Ordnung" bestimmen könne, in welcher sie erlöschen werden 1 ). Francis Galton, der mit rühmenswertem Eifer die Frage aufgenommen hat, hat durch Sachverständige die eben genannte Absterbeordnung, oder in welchem Umfang die Geschlechter unter gewissen Voraussetzungen aussterben müssen, zu ermitteln versucht 2 ). Geht man von z. B. iooo Stammvätern aus, die zu einem gewissen Zeitpunkt Familienamen angenommen haben, und nimmt dann an, daß von diesen Männern sowie später von deren männlichen Sprößlingen in den folgenden Generationen 1 j 3 keine männliche Nachkommenschaft erhält, die ein reiferes Alter erreicht, möge dies durch Cölibat oder nur weibliche Nachkommenschaft oder männliche, die vorzeitig stirbt, verursacht sein, ^ einen Sohn und J | g zwei Söhne bekommt, die ein reiferes Alter erreichen, so ist das Resultat folgendes. Von den ursprünglichen iooo Geschlechtern oder Namen verschwinden in den fünf darauf folgenden Generationen successive: 333, 148, 90, 60 und 44, oder zusammen 675 Geschlechter. Die Anzahl verschwundener Namen wird mit jeder Generation immer geringer, aber die Tendenz ist das Erlöschen aller, was jedoch unter den gegebenen Voraussetzungen niemals erreicht wird. Diese enthalten nämlich die Bedingung, daß die ganze Volkszahl konstant bleibt. Nimmt man wiederum an, daß diese sich vermindere, so wird der Abgang in jeder Generation größer und kann da mit dem Aussterben aller insgesamt enden; 1) Au milieu des renseignements precis et des opinions de nom- breux statisticiens je n'ai pas rencontrd la reflexion bien importante qu'ils auraient du faire de l'extinction inevitable des noms de famille. — — — Evidemment tous les noms doivent s'eteindre. — Unmathe- maticien pourrait calculer comment la reduction des noms ou titres aurait lieu, d'apres la probabilite des naissances toutes feminines ou toutes masculines ou melangees et la probabilite du defaut de naissance dans un couple quelconque; Histoire des Sciences etc., p. 158. 2) Natural Inheritance, London 1889, p. 241 ff. — 5» — im entgegengesetzten Falle, oder wenn die Yolkszahl sich vermehrt, was ja das gewöhnliche ist, wird der Abgang kleiner 1 ). Der Verlauf, den diese oder ähnliche mathematische Berechnungen angeben, ist in Kürze der, daß eine gewisse Anzahl Geschlechter ausstirbt, während andere wachsen und die Lücken, die sie hinterlassen, in der Volkszahl füllen oder diese sogar erhöhen. Dies ist der oben, S. 39, bei der Besprechung der Veränderungen im schwedischen Volke inbezug auf die Geschlechter seit dem Anfang unserer Bevölkerungsstatistik, von mir angedeutete Verlauf. Die Schlußfolgerungen dieser Betrachtungsweise, so wie sie von den genannten, und auch von anderen Forschern (H. Westergaard) 2 ) angewandt worden ist, sind aber die, daß, während die Mehrzahl Geschlechter ausstirbt, die am Leben bleibenden eine ganz enorme Größe erreichen. Ob dies mit der Wirklichkeit übereinstimmt, ist jedoch mehr als zweifelhaft. Die aus den schwedischen Adelsgeschlechtern zu ziehenden Erfahrungen reden, wie wir später sehen werden, eine ganz andere Sprache. Aber wir sehen für den Augenblick von dieser für die Berechnung unbequemen Konsequenz ab, um zu sehen, welchen Wert die letztere an sich und als allgemeine Norm für das Aussterben der Geschlechter haben kann. Denn wenn sich dieses Aussterben auf ein mathematisches Gesetz stützt, so ist es doch wohl unumgänglich wie dieses? Und wie geht es dann mit unseren allgemeinen Schlußfolgerungen, daß keine Notwendigkeit das Aussterben der Geschlechter gebietet? Liegt nicht hierin ein Widerspruch, der, wenn jedes Raisonnement seine Richtigkeit hat, zu dem führt, was die Philosophen eine Antinomie nennen? Doch die mathematischen Berechnungen, auf menschliche Verhältnisse angewendet, sehen zwar unerbittlich aus, sind aber in Wirklichkeit ganz unschuldig. Die Notwendigkeit liegt in ihnen gebunden, wie der elektrische Strom in 1) Mr. Watson hat auch den zuletzt genannten Fall untersucht und hierbei angenommen, daß 1 / G der Stammväter keine männliche Nachkommenschaft gehabt habe und dann jedes restliche l / H i resp. 2, 3, 4 und 5 Söhne, die ein reiferes Alter erreicht haben; eine Annahme, die eine Verdoppelung und mehr der Volksmenge schon im zweiten Gliede herbeiführt. Die Zahl der im ersten und folgenden bis zum zehnten Glied ausgestorbenen Geschlechter ist dann: 237, 109, 64, 40, 27, 19, 14, 10, 7, 6, oder zusammen 533. — Die oben im Texte angeführte Berechnung Watsons hat für das vierte und fünfte Glied 70 und 34, was auf einem Schreibfehler für das vierte Glied beruht (641 130 statt 631 130). 2) Dansk Nationalökonomisk Tidskrift 1900, H. 3. 59 einer geschlossenen Leitung; sie kommt nicht aus ihnen heraus und hat über die Wirklichkeit keine Gewalt. Mit Notwendigkeit folgt das Resultat aus den Prämissen, aber wer bürgt für diese? Hier waren sie eine Annahme, daß ein gewisser Prozentsatz Stammväter und deren männliche Nachkommen keine Kinder bekäme, die das Geschlecht fortpflanzen können. Aber das ist keine Notwendigkeit. Es ist eine Möglichkeit, die zur Wirklichkeit werden kann und zwar auf vielfach verschiedene Weise; aber das ist auch alles. Auf solche Weise stimmt unser obiger allgemeiner Schlußsatz, daß es nichts gibt, was bewirkt, daß die Geschlechter aussterben müssen, mit der ebenfalls gezeigten mathematischen Notwendigkeit, daß dies geschehen muß, überein. Alles beruht darauf, ob gewisse Möglichkeiten sich in Tatsachen verwandeln. Aber hierin liegt keine Notwendigkeit, sondern nur ein tatsächliches Verhältnis. Die vollständige Antwort auf die oben gestellte Frage ist also die: es liegt keine Notwendigkeit vor, daß die Geschlechter aussterben müssen; dies geschieht aber tatsächlich in großem Maßstabe, und das beruht auf dem Vorkommen von Männern ohne männliche Nachkommenschaft. Diese für das Geschlecht als solches oder das physische Geschlecht geltende Antwort gilt offenbar auch für denjenigen Teil des letztgenannten, der das historische Geschlecht bildet. Nur kann man betreffs dieses, wie betreffs jeder besonderen Gruppe Geschlechter die Frage aufwerfen, ob die oben genannte Möglichkeit, daß die männlichen Glieder ohne Hinterlassung männlicher Nachkommenschaft aussterben, öfter in diesen, als in dem physischen Geschlecht in dessen Gesamtheit, oder in anderen besonderen Arten von Geschlechtern zur Wirklichkeit wird, mit anderen Worten, ob die historischen Geschlechter, die wir kennen, oder die Geschlechter der höheren Klassen mehr als die Geschlechter im allgemeinen und besonders mehr als die Geschlechter der niederen Klassen aussterben. Und auf dieselbe Weise innerhalb der ersteren, ob die Geschlechter des Adels in höherem Maße aussterben, als die der Bürger und Beamten oder umgekehrt u. s. w. Hierauf kann nur die Erfahrung eine Antwort geben und nicht mathematische Deduktionen. * * »l 1 — 6o Sterben die Geschlechter nur scheinbar aus? Nach der vorhergegangenen Darstellung kann eine Frage, wie diese, seltsam erscheinen. Manche Schriftsteller haben jedoch unter Betonung gewisser Momente, die in der Frage des Aussterbens der Geschlechter gewöhnlich nicht genügend beachtet werden, eine ähnliche Behauptung aufgestellt. Es ist deshalb nötig, auch diese Frage hier zu prüfen. So führt man an, daß die historischen Geschlechter, wenn sie auch in ihren legitimen Zweigen aussterben, doch wahrscheinlich in unehelich geborenen Linien fortleben. Es ist wieder de Candolle, der mit richtiger Umsicht diese Einwendung, die in scheinbarem Gegensatz zu seinen früheren Äußerungen in dieser Sache steht, erhebt; später ist sie auch von anderen Schriftstellern gemacht worden. Diese Anmerkung hat, wenigstens teilweise, ihre volle Richtigkeit. Es gibt oft neben der legitimen Nachkommenschaft eine natürliche, die sehr gut fortleben kann, während die erstere ausstirbt. Gehört, was ja selten eintrifft, die außer der Ehe geborene Nachkommenschaft dem höheren Stande des Vaters an, so muß sie allerdings mit allem Recht als eine Fortsetzung des Geschlechtes betrachtet werden; sie fällt aber dann unter die Kategorie der historischen Geschlechter, und die oben genannte Anmerkung zielt nicht auf diese Fälle hin. Sie betrifft die grosse Menge unehelich Geborener, die der Masse des Volkes angehören und hier, unter anderen und einfacheren Verhältnissen lebend, das Geschlecht lange, nachdem es aus den Reihen der bekannten Geschlechter ausgeschieden ist, am Leben erhalten können, worüber wir jedoch gewöhnlich in Unkenntnis schweben. Dieses Verhältnis darf indessen auf unsere Auffassung von dem Aussterben der historischen Geschlechter keinen Einfluß gewinnen, denn bei einem Studium, das ausschließlich diese Geschlechter zum Gegenstande hat, sammelt sich das Interesse um die Frage, ob Familien, die unter denselben sozialen Verhältnissen leben, wie die historischen Geschlechter es gewöhnlich tun, endigen oder nicht. Inwieweit irgend ein Zweig dieser Geschlechter, durch uneheliche Geburt in anderen Gesellschaftsschichten und anderen sozialen Verhältnissen fortgesetzt, dort fortlebt, hat zu erfahren unzweifelhaft auch seine Bedeutung, ist aber eine Sache für sich, die auf die Frage, ob die Geschlechter in ihrer Stellung als historische Geschlechter aussterben, keinen Einfluß hat. Dieser Einwurf gegen das Aussterben der Geschlechter — 61 —• hat somit nichts zu bedeuten, ganz abgesehen davon, daß wir, wie eben erwähnt, in der Regel nichts von dem Schicksal dieser illegitimen Linien, und somit auch nichts davon wissen, ob sie im allgemeinen die Geschlechter am Leben erhalten oder nicht 1 ). Eine andere Anmerkung bezüglich des Erlöschens der historischen Geschlechter ist die, die von Ottokar Lorenz 2 ) von allgemein genealogischem Standpunkte aus gemacht wird. Lorenz erkennt vollkommen den Unterschied zwischen der männlichen Blutsverwandtschaftsgruppe, dem gewöhnlichen Geschlechte, und den übrigen Formen der Blutsverwandtschaft, der weiblichen Linie und der Ahnenreihe; er berührt desgleichen mehrfach die Tatsache, daß die historischen Geschlechter allgemein aussterben 3 ). Aber an anderen Stellen in seiner Arbeit, wo er von der physiologischen, oder was dasselbe ist, von der allgemein genealogischen Blutsverbindung und deren Fortleben in geradezu unbegrenzte Zeiten spricht, mengt er in die Darstellung das gewöhnliche Geschlecht hinein, als gelte von diesem dasselbe 1 ). Daß dies ohne besondere Absicht zum Teil infolge der schwankenden Bedeutung des Wortes Geschlecht geschehen ist, ist offensichtlich. Ich hätte also diese Anmerkung hier nicht erwähnt, wenn sie mir nicht einen geeigneten Anlaß zur Erklärung eines solchen Verhältnisses, wie des oben über Gustaf Vasa und die von ihm stammenden Hunderte noch jetzt lebenden Geschlechter erwähnten, gegeben hätte. Es kann nämlich eingentümlich erscheinen, daß Geschlechter aussterben und ihr Blut, oder, um mit Lorenz unter Anschluß an die Weismannsche Erblichkeitstheorie zu reden, ihre physiologische Erbmasse gleichwohl in Hunderten und Tausenden von Individuen weiter lebt, durch welche die ausgestorbenen Ge- 1) Daß illegitime Geburt auf die physiologische Vitalität nicht schädlich einwirkt — trotz der größeren Sterblichkeit unehelich Geborener im zarten Alter, was nicht hierher gehört — ist klar. Dies beweisen auch die Fälle, wo die unehelich Geborenen fortdauernd den höheren Klassen angehören und Seitenlinien bestehender Geschlechter oder neue Geschlechter bilden. Ein schlagendes Beispiel hierfür, obschon allerdings auf der weiblichen Linie, ist die oben (S. 37) genannte Fortpflanzung des Blutes Gustaf Vasas, die hauptsächlich durch die Töchter Eriks XIV. mit Agda Pehrsdotter vermittelt wurde. 2) Lehrbuch der Genealogie. Dieses in vielen Beziehungen lehrreiche und nützliche Buch sei besonders denen, die sich mit dem Erblichkeitsproblem befassen, als ein nützliches Gegengewicht gegen Einseitigkeit in dieser Frage, der sich viele (z. B. Ribot) schuldig machen, empfohlen. 3) Angef. Arb., S. 135, 472, 479 fr., 485 ff. 4) Angef. Arb., S, 328 f., 477 f. u. passim. — 6 2 — schlechter somit in unbegrenzte Zeiten, obschon allerdings nur von der weiblichen Seite her, fortleben. Es dünkt einem gleichwohl, daß, wenn die Geschlechter auf der Mannesseite aussterben, sie dies auch auf der weiblichen Seite in demselben Grade tun müssen, und daß, wenn man sie mitrechnete, ihre Lebensaussichten sich höchstens verdoppeln sollten, nicht mehr. Die zuletzt angeführte Betrachtungsweise ist selbstverständlich, wenn man die Nachkommen der weiblichen Seite ebenso auffaßt, wie die der männlichen Seite, oder wie ein weibliches Geschlecht, das ausschließlich durch Mütter und Töchter fortgepflanzt wird, wie das gewöhnliche Geschlecht durch Väter und Söhne. Untersuchungen hierüber würden mit Sicherheit zeigen, daß das derartig aufgefaßte weibliche Geschlecht nicht langlebiger wäre, als das männliche, denn die Voraussetzungen dafür, daß die Frauen sich verheiraten und Töchter bekommen, die ein reiferes Alter erreichen, sind nicht größer, als daß die Männer heiraten und Söhne bekommen, die das Geschlecht fortpflanzen. Hier handelt es sich aber offenbar nicht um das so aufgefaßte weibliche Geschlecht, sondern um die weibliche Linie, die zuweilen endlose, durch die Spinnseite vermittelte Reihe Sprossen eines Stammpaares. Scheint das nicht zu beweisen, daß die Geschlechter nur scheinbar aussterben? Bei näherem Nachdenken wird man gleichwohl finden, daß dem nicht so ist. Die Erklärung der physiologischen Unsterblichkeit des Blutes oder der Erbmasse, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, eines Paars Stamm vor eitern, und damit der physiologischen oder genealogischen Existenz schon lange ausgestorbener Geschlechter in Massen lebender Individuen, ist in dem Übergange durch Heiraten von einem Geschlecht in ein anderes zu suchen. Auf diese Weise können Geschlechter beständig aussterben und ihre Erbmasse dennoch beständig durch Einimpfung auf neue Geschlechter, das eine von dem anderen, fortleben. Sie leben nur in anderen Geschlechtern und unter anderen Namen. Es ist, als wenn man . sich einen tropischen Wald denkt, in welchem jeder Baum durch Schlingpflanzen miteinander verbunden ist. Die Bäume sterben allmählich, einer nach dem anderen, ab, aber neue kommen an ihre Stelle und die Lianen gehen auf sie über und verbinden auf diese Weise die toten mit den lebenden, wie die lebenden untereinander, so daß die Kette weder in der Zeit noch im Räume ein Ende zu haben scheint und der Wald ein einziges zusammen- 63 hängendes Ganzes bildet. Wie alle Bilder, ist auch dieses nicht ganz zutreffend. Die den Heiraten von Geschlecht zu Geschlecht entsprechenden Lianen sind nicht, wie die Töchter den Stammbäumen des Geschlechtes, den Bäumen entsprossen. Aber es dürfte doch dazu dienen, das oben angeführte Verhältnis zu beleuchten, daß viele Hunderte jetzt lebende Geschlechter von Gustaf Vasa herstammen, obschon nicht allein das Geschlecht der Vasas, sondern auch die nächsten männlichen Geschlechter, auf die es eingeimpft worden ist, Hand und Frankelin, schon längst ausgestorben sind. Nur dank dem sozialen Umsätze, dem Entstehen neuer Männer und neuer Geschlechter aus den niederen Schichten des Volkes, sowie der Einheirat der Frauen in dieselben, haben die weiblichen Linien der höheren Klassen unsterblich werden können. Gäbe es keinen derartigen Umsatz, und verheirateten sich die Geschlechter der Aristokratie ausschließlich unter sich, so würde mit den männlichen Geschlechtern auch die ganze weibliche Linie aussterben; denn diese existiert nicht außerhalb, sondern in den männlichen Geschlechtern und erlischt deshalb mit ihnen. Dies ist ebenso sicher wie das, daß der Mensch, der einmal tot ist, nicht weiter lebt. Das Erlöschen der Geschlechter ist daher kein scheinbares, sondern ein vollkommen wirkliches. Nachdem wir somit gefunden haben, daß die prinzipiellen Bemerkungen verschiedener Art, die betreffs des Aussterbens der historischen Geschlechter gemacht worden sind, für die Frage ihres faktischen Verhältnisses zu Leben und Tod ohne Bedeutung sind, will ich die allgemeinen Schlüsse betreffs des Aussterbens der Geschlechter, zu denen wir gekommen sind, kurz zusammenfassen. Das Geschlecht ist nicht, wie die Individuen, mit Notwendigkeit der Vergänglichkeit unterworfen. Daß viele Geschlechter sterben, bedeutet somit nicht, daß alle Geschlechter sterben müssen. Wäre dies der Fall, müßten die Völker aussterben, denn das Volk im ganzen ist stets eine Summe von Geschlechtern, gleichgültig, ob man den Anfang dieser weit zurück oder in die unmittelbar vorher vergangenen Generationen oder sogar in die jetzt lebenden setzt. Aber einen Untergang von Völkern aus diesem Anlasse kennen wir nicht. Man könnte somit eher als allgemeinen Satz sagen, daß die Geschlechter nicht aussterben, als daß sie aussterben. Die obige mathematische Berechnung beweist nichts betreffs des faktischen Verlaufes in dieser Sache. Was wir ge- - 6 4 funden haben, ist nur das, daß die historischen Geschlechter in älterer und neuerer Zeit schnell ausgestorben sind, und zwar nicht nur zum Teil und scheinbar, sondern ganz und gar. Man scheint hieraus zu der Schlußfolgerung berechtigt zu sein, daß zwischen den Geschlechtern im allgemeinen oder den unzähligen namenlosen Geschlechtern und den historischen inbezug auf Leben und Tod ein Unterschied besteht. Die bisher gesammelten zerstreuten Notizen und Beobachtungen genügen jedoch nicht, diesen Schluß vollständig zu sichern. Dazu bedarf es umfassender statistischer Studien über die Gegenwart wie über vergangene Zeiten. Eine in Einzelheiten gehende Untersuchung über das Aussterben der schwedischen Adelsgeschlechter bildet nachfolgende Studie, die also dazu beitragen will, sowohl diese Frage, wie allerhand andere betreffs der Volksgruppe des Geschlechtes zu beleuchten. * * * Erloschene adlige Geschlechter. Im vorigen Kapitel ist schon angegeben, wie in dieser Arbeit die Grenze zwischen lebenden und toten Geschlechtern gezogen ist. Dabei wurde auch angedeutet, daß das Erlöschen auf mehr als eine Weise, nämlich, außer durch Tod, durch Abzug oder Unauffindbarkeit geschehen könne. Neben diesen Arten des Erlöschens gibt es jedoch noch eine, nämlich die Erhebung in einen höheren Stand. Es ist klar, daß diese verschiedenen Arten, obschon in den Genealogien des Ritterhauses mit demselben Kreuz bezeichnet, sehr ungleichwertig sind und von uns eine ganz verschiedene Behandlung erfordern. Die durch Erhebung in einen höheren Stand abgegangenen Geschlechter sind 117 adlige und 29 freiherrliche. Die in Schweden erloschenen, jetzt im Auslande fortlebenden sind 2 gräfliche, 30 freiherrliche und 120 adlige. Einige von diesen sind ausgewandert und haben sich dadurch selbst aus dem schwedischen Adel gestrichen. Die Mehrzahl sind jedoch solche, die in den früher Schweden gehörenden Ländern feste Wurzel gefaßt haben und dann beim Verlust dieser Länder in diesen geblieben sind und sich dort erhalten haben. Von diesen Geschlechtern leben 8 freiherrliche und 66 adlige in Finland, die übrigen meistens in den Ostseeprovinzen und in Deutschland. Die Zerstückelung der schwedischen Großmachtsphäre hat auch eine Verteilung der Adelsgeschlechter vor allem mit Finland herbeigeführt. In wie hohem Grade diese letztere stattgefunden hat, erhellt noch deutlicher, wenn man beachtet, daß genau ebensoviel Geschlechter, nämlich 74, sich geteilt haben und mit einigen Zweigen in Schweden, mit anderen in Finland leben. Alle diese in Schweden erloschenen, aber im Auslande fortlebenden Geschlechter müssen, ebenso wie die nur durch Erhebung in einen höheren Stand geendigten, bei einer genaueren Berechnung der Sterblichkeit unter den schwedischen Adelsgeschlechtern abgezogen werden. Das Fazit dieses doppelten Abzuges, wodurch wir die wirklich toten Geschlechter erhalten, gibt folgendes Resultat: Vollständig und wirklich ausgestorbene Geschlechter im Jahre 1895. Grätliche 80 Freiherrliche 218 Adlige 1720 Summa 2018. Gleichwohl finden wir im folgenden auch diese Zahlen nicht wieder. Denn nicht wenige dieser Geschlechter sind im stillen erloschen, so daß niemand weiß, wann und wo dies geschehen ist. Möglich ist freilich, daß einzelne unter ihnen in die niederen Schichten des Volkes zurückgekehrt sind und hier, den Blicken der Genealogen verborgen, wirklich fortleben; doch kommt das sicherlich nur sehr selten vor. Wie dem auch sein mag, so müssen sie hier unberücksichtigt bleiben. Und dasselbe muß geschehen, wo die exakte Jahreszahl für das Erlöschen nicht bekannt ist oder Lücken anderer Art vorhanden sind. Die Mangelhaftigkeit der Angaben bewirkt somit, daß die Anzahl Geschlechter, die einer näheren Behandlung unterzogen werden können, sich, wie wir im folgenden eingehender sehen werden, bedeutend reduziert. Fahlbeck, Der schwedische Adel. 0 Sechstes Kapitel. Lebensdauer der Geschlechter nach dem Alter und nach Generationen. Natürliche und faktische Lebensdauer. Ein jeder vom Weibe Geborene muß sterben, das wissen wir im voraus; nur die Zeit, wann dies eintrifft, ist uns verborgen, denn die Lebensdauer ist nicht für alle Menschen gleich. Gleichwohl ist klar, daß die Natur für uns alle nach einem gewissen Maß von Lebenszeit hinstrebt. Das Wachsen, Blühen und schließliche Verfallen unseres Körpers sind die Stadien eines Entwickelungsprozesses mit einem ebenso natürlichen Ende, wie der Anfang es gewesen ist. Und die Zeitstrecke für diesen Prozeß macht die natürliche Lebensdauer. Aber nur wenige von uns erreichen dieses natürliche Maß des Lebens; die Mehrzahl stirbt in jüngeren Jahren einen durch Krankheiten, Unglücksfälle. Selbstmord und anderes verursachten Tod. Hieraus folgt, daß die faktische Lebensdauer gewöhnlich eine ganz andere und viel kürzere als die natürliche ist. Gleichwohl entbehrt auch sie nicht ihres bestimmten Maßes. Jedes Alter hat seine typische Sterblichkeit. Dank dieser kann man eine Absterbeordnung nach dem Alter aufstellen, welche Jahr auf Jahr regelmäßig wiederkehrt und auf welche die Voraussagungen und Berechnungen des Versicherungswesens sich stützen. Gelten nun dieselben Verhältnisse auch für die Geschlechter? Besitzen sie neben der faktischen Lebensdauer eine natürliche? Nach den im vorigen Kapitel angestellten prinzipiellen Untersuchungen über diese Dinge können wir die letztere Frage ruhig verneinend beantworten. Denn keine Notwendigkeit liegt, wie bei den Individuen, vor, daß das Geschlecht sterben muß. Faktisch sterben wohl die meisten, wenn nicht alle Geschlechter, die wir bisher kennen gelernt haben, d. h. die historischen Geschlechter, aus, aber nicht, soweit wir sehen können, infolge eines inneren 67 — Entwickelungsprozesses, ähnlich dem bei den Individuen waltenden oder aus Notwendigkeit Das physische Geschlecht kann dagegen seiner Natur nach als, nach menschlichem Maße zu urteilen, ewig betrachtet werden, denn sonst wäre das Menschengeschlecht schon ausgestorben. Eine natürliche Lebensdauer mit darauffolgendem natürlichem Tod gehört also nicht zum Wesen des Geschlechtes, möge es das physische Geschlecht in dessen Gesamtheit oder die von uns gekannten Stücke desselben, die historischen Geschlechter, gelten. Der Tod, dem die bekannten Geschlechter ausgesetzt sind, ist Tod durch Krankheit oder Unfälle der einen oder anderen Art; und ihre Lebensdauer ist somit ausschließlich faktisch. Aber gibt es ein Maß für diese, wie für die faktische Lebenslänge der Individuen? Sind die Geschlechter, d. h. die bekannten Geschlechter, einer bestimmten Absterbeordnung unterworfen? Diese Frage soll, was die schwedischen Adelsgeschlechter betrifft, die folgende Untersuchung zu beantworten versuchen. Aber bevor wir hierzu schreiten, müssen wir erst die Lebensdauer der Geschlechter, wie sie faktisch sowohl an Jahren wie nach Generationen, von der Erhebung bis zum Erlöschen an gerechnet, war, konstatieren. * . * Das Alter der Geschlechter beim Erlöschen. Eine der ersten Fragen, die bei einer Statistik über die ausgestorbenen Geschlechter entsteht, gilt ihrem Alter oder ihrer Lebensdauer. Man will wissen, wie lange sie gelebt haben, als sie ihren Tribut der Natur bezahlt haben. Diese Frage hat jedoch offenbar nicht dasselbe aktuelle Interesse, wie die Frage nach dem Alter der lebenden Geschlechter. Man kann auch nicht erwarten, daß sich unter den toten Geschlechtern solche von besonders hohem Alter befinden. Denn wir können im voraus wissen, daß das Alter unter den toten adligen Geschlechtern im allgemeinen nicht so hoch sein kann wie unter den lebenden. Wir können nämlich betreffs der ausgestorbenen 'schwedischen Adelsgeschlechter zeitlich nicht länger zurückgehen, als betreffs der lebenden; und die letzteren, die bis in die heutige Zeit gelangt sind, sind also hinsichtlich des Alters eine oder mehrere Sprossen höher gekommen. Der Ausgangspunkt für die Altersberechnung ist das Jahr der Erhebung in denjenigen Stand, den die Geschlechter zuletzt inne hatten und in welchem sie starben. Hierdurch werden dieGe- 5* — 68 schlechter in ihrer historischen Gestaltung als adlige, freiherrliche und gräfliche aufgenommen. Das Alter von der Erhebung in den Stand, den sie beim Erlöschen inne hatten, für Geschlechter mit bekanntem Alter*). Alter beim Erlöschen Gräfl. Geschlechter Freiherrl. Geschlechter Adlige Geschlechter Ueber 300 Jahre — — 1 300—276 „ — — 1 275-251 „ — — 1 250—226 ,, — 1 9 225—201 „ — 1 10 200—176 ,, — 4 2 7 175— 1 5 1 .. 5 8 5 2 150—126 „ 3 4 65 125—101 „ 5 9 107 100— 76 „ 6 19 130 75— 5' » 13 32 190 5°— 26 .. i/ 47 285 2 5— 0 .. 3° 83 34i Summa 79 208 1219 Schon diese erste Uebersicht der Masse der ausgestorbenen Geschlechter gibt ein klares Bild davon, daß die schwedischen Adelsgeschlechter sehr kurzlebig gewesen sind. Von den 1219 adligen Geschlechtern mit angegebenem Alter blieben 946 innerhalb o—100 Jahre, während nur 273 in das zweite und von diesen nur die verschwindende Zahl von 22 weiter in das dritte, sowie von diesen letzten endlich nur ein einziges in das vierte Jahrhundert hineinging. Die Geschlechter der beiden höheren Stände waren in ihrer Eigenschaft als gräfliche und freiherrliche noch kurzlebiger. Kein einziges gräfliches Geschlecht hat ein höheres Alter als 151 —175 Jahre und kein freiherrliches mehr als 226 bis 250 Jahre erreicht. Aber außer dieser Beobachtung über das geringe Alter der ausgestorbenen Geschlechter glaubt man noch eine zu machen, daß sie nämlich mit großer Regelmäßigkeit, die 1) Tod in unbekanntem Alter sind: i. die Geschlechter von „altem Adel", von denen kein Jahr für die Erhebung in den Adelsstand bekannt ist (in diesem Falle 68 Geschlechter), 2. die Geschlechter mit unsicherem oder unbekanntem Ausgangsjahr (1 gräfl., 10 freiherrl. und 469 adlige, von denen jedoch 28 mit bekanntem Jahrzehnt für das Erlöschen oben mit aufgenommen sind). Außerdem gehen natürlich die nur durch Erhebung in einen höheren Stand ausgegangenen (29 freiherrl. und 117 adlige), sowie die im Auslande fortlebenden (2 gräfl., 30 freiherrl. und 120 adlige) ab. Diese Tabelle sowie die folgende über das Alter nach Generationen umfaßt auch 8 adlige Geschlechter, die in den Jahren 1895—97 erloschen sind. meisten in jungen Jahren und dann kontinuierlich nach dem Alter, ausstarben. Die adligen Geschlechter, deren Masse groß genug ist, um ein Spiel des Zufalls zu verhindern, zeigen eine bewunderungswürdige Ordnung im Abgang nach dem Alter. Ohne Hin- und Herschwankungen nehmen die Altersgruppen ununterbrochen, obschon in verschiedenem Tempo, erst ganz schnell, dann immer langsamer an Stärke ab. Das ist ja anscheinend vollständig ebenso, wie in Bezug auf die Individuen und ihren Abgang nach dem Alter. Auch in einer Todesmasse von Individuen, möge diese aus dem Jahreskontingent Gestorbener bei einem Volke oder aus einer Generation Gleichaltriger bestehen, deren Geschichte in dieser Beziehung von der Wiege bis zum Grabe hat verfolgt werden können, findet man eine deutliche Ordnung im Abgange nach dem Alter, wenn auch eine andere und viel weniger gleichförmige als die für die Geschlechter gefundene. Das Altersschema der ausgestorbenen Adelsgeschlechter bildet eine ganz regelmäßige Pyramide, das der Individuen dagegen eine, die einer Urne, der sog. Todesurne, gleicht. Indessen wollen wir in diesen Betrachtungen nicht weiter gehen. Wir kommen in einem folgenden Abschnitte darauf zurück. * 'I- ^ Generationen und Generationenzählung. Der Mensch im Strom der Zeit ist das menschliche Geschlecht. Es lebt wie eine Kette beständig abfallender und beständig hinzukommender Gelenke. Die Gelenke sind die Individuen, zusammengenietet durch die Erzeugung. In unseren Augen scheinen nur sie ein wirkliches Dasein zu besitzen, während das Geschlecht unmittelbar nur ein Begriff zu sein scheint, den unser Denken konstruiert hat. Aber das Mysterium der Fortpflanzung, das Glied an Glied fügt, und das Bestehen der Kultur durch alle Zeiten zeigen, daß das Geschlecht nicht nur eine Abstraktion und ein Gedankengebilde ist, sondern vielmehr eine Macht, die auf verborgenen Wegen für ihre Ziele arbeitet. Das Gleichnis von allem Menschengeschlecht als einem Baume, wo die einzelnen Völker und Geschlechter die Zweige, und die Individuen Blätter und Schößlinge sind, hat sowohl einen physischen, wie einen moralischen Grund. — 70 — Aber gleich den Bäumen des Waldes hat auch der Lebensbaum der Menschen eine unzählige Menge trockener Zweige und Aeste. Es sind die ausgestorbenen Völker und Geschlechter, welche zwar eine Menge Glieder hinter sich haben, aber keine, die vorwärts führen. Diese ausgestorbenen Geschlechter sind die Sackgassen des Lebens ohne Ausgang, wo es deshalb sein Ende erreicht. Das Studium der Generationen, ihrer Eolge und ihres plötzlichen Endes ist gut geeignet, uns die Geheimnisse in der inneren Ökonomie des Geschlechtes zu öffnen. Wir stehen indessen noch kaum am Anfange eines solchen Studiums. Das einzige, was wir verfolgen können, sind die Gliederketten der historischen Geschlechter. Sie bilden nur unbedeutende Fragmente der Folge von Generationen, die hinter den von uns bekannten liegt. Aber auch diese äußersten Spitzen, die einzigen uns zugänglichen, bieten der Forschung ein großes Interesse dar. Die Kenntnis der Glieder der historischen Geschlechter gibt von demographischem Gesichtspunkte aus das beste Maß für ihre Lebensdauer, ein besseres als das Alter oder das reine Zeitmaß. Denn die Generationen sind das natürliche und sozusagen organische Maß, zu welchem das Zeitmaß sich ungefähr wie eine Illustration verhält. Dies zeigt sich besonders betreffs der ausgestorbenen Geschlechter, welche als abgeschlossenes Ganzes das rechte Feld für das Studium der Generationen und der Zusammensetzung der Geschlechter aus diesen sind. Das erste Stück in einem solchen Studium ist die einfache Zählung der Anzahl Glieder in den Geschlechtern. Hiermit wollen wir uns jetzt beschäftigen; aber diese Gliederzählung kann aus mehreren Gründen nicht mehr als den am längsten lebenden Zweig jedes Geschlechtes umfassen. Die meisten Geschlechter von einiger Länge können eine Menge Zweige aufweisen; wir können aber nicht ihnen allen folgen, sondern nur dem oder denen, die als besondere Familien aufgenommen sind und am längsten gelebt haben. Eine Zählung der Glieder in sämtlichen Zweigen eines Geschlechtes mit mehreren Gliedern und Zweigen würde uns zu weit führen, wie verlockend eine solche Zählung auch wäre, da sie eine Übersicht der totalen Masse von Generationen der einzelnen Geschlechter und somit auch der vitalen Kraft, mit welcher sie gegen das Erlöschen gekämpft haben, gestatten würde. — 7i — Die Grundsätze für die Gliederzählung geben wir unter dem Texte an 1 ). Hier sei nur noch hinzugefügt, daß die Zählung von dem adeligen Stammvater als dem ersten Gliede, bis zu dem, der das Geschlecht endete, als dem letzten, keineswegs immer die größte Anzahl Generationen, die das Geschlecht faßt, angibt. Die Söhne des letzten Sprößlings können vor dem Vater und ebenso die Nachkommen in einem Seitenzweig, welche eine höhere Gliederzahl repräsentieren, vor dem sterben, der der Zeit nach das letzte Glied wurde. Diese vorzeitig ausscheidenden Glieder können jedoch nicht demjenigen gleichgestellt werden, das das Geschlecht am längsten trug und das deshalb bei der begrenzten Gliederrechnung, die hier ausgeführt wird, allein in der Folge der Generationen gezählt werden, muß. Die Generationen der ausgestorbenen Geschlechter. Die Kenntnis, wer der letzte Träger eines Namens oder einer Nummer im Ritterhause gewesen, ist leichter festzustellen, als die Jahreszahl, wo er starb. Deshalb ist die Anzahl Geschlechter mit bekannter Gliederzahl nicht unbedeutend größer, als die mit bestimmtem Alter. Die hier und im vorigen Kapitel gegebenen Zahlen über die Alterszählung können jedoch nur betreffs der adeligen Geschlechter verglichen werden, da der Ausgangspunkt für die Gliederzählung und die Altersrechnung bei den meisten gräflichen und freiherrlichen Geschlechtern verschieden ist; in dem ersteren Falle ist es der ursprüngliche adlige Stammvater, in dem letzteren der erste Graf oder Freiherr. Insgesamt sind in folgender Tabelle ungefähr drei Viertel sämtlicher ausgestorbener Geschlechter, die durch Erhebung in einen höheren Stand erloschenen nicht einberechnet, wiederzufinden. i) Der Anfangspunkt für die Generationenzählung ist der Stammvater, der erste, der geadelt oder naturalisiert wurde. Den Endpunkt bildet der der Zeit nach letzte männliche, als schwedischer Untertan gelebt habende und gestorbene Sprosse des Stammvaters, ganz abgesehen natürlich davon, ob das Geschlecht in ihm adlig, freiherrlich oder gräflich war. Im übrigen ist bei dieser Statistik zwischen selbständigen Geschlechtern und Zweiggeschlechtern kein Unterschied gemacht, da es ein gleich großes Interesse darbietet, den Generationen in dem einen Zweige zu folgen, wie in einem anderen. Auch bei den selbständigen Geschlechtern werden die Glieder ja nur in einem Zweige, nämlich dem am längsten lebenden gezählt. Hätte der Raum es gestattet, so wäre, wie erwähnt, eine Zählung der Glieder sämtlicher Zweige wohl am Platze gewesen. Die Geschlechter nach Gliedern gruppiert in absoluten und relativen Zahlen 1 ). Anzahl Glieder vom Stammvater bis zum letzten Sprößling Grüfl. Geschlechter Anzahl J °/ 0 Freiherrl. Geschlechter Anzahl % 10 Adlige Geschlechter Anzahl | °/ Q Summe der Geschlechter Anzahl | °/ 0 I 8 14,81 37 2 1,02 483 36,68 528 34, 1 3 II 18 33-34 5i 28,98 399 30.30 468 30,25 III 11 20.3" 47 26,70 244 18,52 302 '9,52 IV 6 11,11 20 1 F37 110 8,35 136 8,79 V 7 12 ,96 17 9,66 51 3,88 75 4,85 VI 3 5.56 3 1,70 20 ■.52 26 1,68 VII — — 1 o,57 6 o,45 7 0,46 VIII 1 1.85 — — 2 0,15 3 0 ,19 IX — — 2 0,15 2 °fi3 Summa 54 100,00 176 100,00 1 3 1 7 100,00 1547 100,00 Noch stärker, als in der Zusammenstellung der Geschlechter nach dem Alter, tritt hier die schon früher bemerkte Beobachtung zutage, daß die ausgestorbenen Geschlechter in hohem Grade kurzlebig waren. Vor allem erwecktes Verwunderung, daß die Ein- gliedsgeschlechter so zahlreich repräsentiert sind. Sie bilden zwar unter den gräflichen und freiherrlichen Geschlechtern nicht die grösste Gruppe; dies beruht aber ganz natürlich darauf, daß der Ausgangspunkt für die Gliederrechnung der ursprüngliche Stammvater ist, und daß in den meisten Fällen die in einen höheren Stand Erhobenen aus den Reihen früher existierender adliger und freiherrlicher Geschlechter genommen sind. Setzt man diese Zahlen, 8 resp. 37, wie es sich bei einem Vergleich mit den adligen Geschlechtern gebührt, zu den direkt in den höheren Stand erhobenen oder in derselben Person geadelten und baroni- sierten sowie komitierten verstorbenen Geschlechtern in Relation, so geben sie einen nicht viel geringeren Abgang mit dem ersten Glied unter den gräflichen und freiherrlichen Geschlechtern an, als es unter den adligen der Fall ist. Die gräflichen verstorbenen Geschlechter mit einem solchen Ursprung sind 28, die freiherrlichen in, wovon also im ersten Glied 8 gräfliche und 37 freiherrliche ausgestorben sind. Dies sind im ersteren Falle ungefähr 29 °/ 0 , im letzteren über 33%' a ^ so nicht viel anders als der Prozentsatz 1) Geschlechter mit unsicherer oder unbekannter Gliederzahl sind: 26 gräfliche, 37 fieiherrliche und 392 adlige, Summa 455. Außerdem gehen 24 (nach R. F. § 37 kreierte) durch Zusammenlegung mit anderen Geschlechtern ab. Acht adlige Geschlechter, die in den Jahren 1895 —97 ausgestorben, sind, wie oben erwähnt, hier mitgenommen. r.tvr ■ v .. *?• •*: ■■r*fcX>gi c.-vfw ; - — 73 — der adligen Eingliedsgeschlechter. Dies ist ein um so merkwürdigeres Verhältnis, als gerade diese Geschlechter eine soziale Auswahl repräsentieren. Die ersten Glieder, die Stammväter, die sich zu dieser Würde emporgeschwungen haben, bildeten in der Regel eine natürliche Aristokratie, die Besten ihrer Zeit. Sie scheinen nicht in demselben Grade die Vitalität des Geschlechtsgedankens besessen zu haben. Nach diesem ersten großen Verlust folgen die höheren Glieder mit stark fallenden Zahlen, die zeigen, wie wenig Geschlechter eine höhere Gliederzahl erreicht haben. Sicher wird jeder, der sich nicht früher mit diesen Dingen beschäftigt hat, überrascht sein, wenn er findet, daß von diesen 1547 Adelsgeschlechtern, bei denen keine andere Auswahl stattfindet, als die durch die Zeit selbst getroffene, nicht mehr als 24g über das dritte Glied und nur 38 über das fünfte gelangt sind und schließlich nur zwei — sage zwei -— das neunte Glied erreicht haben. Man stellt sich bei dem Gedanken an adlige Geschlechter und die Ansprüche, die deren Mitglieder infolge der Geburt früher gestellt haben, so gern vor, daß diese Ansprüche auf vielen Ahnen und einer langen Familiengeschichte fußten. Dies ist jedoch, wie die obigen Zahlen zeigen, eine Illusion. Allerdings gelten diese Zahlen nur für die ausgestorbenen Geschlechter, aber diese waren, ganz wie die jetzt vorhandenen, alle einmal lebend. Und obschon die letzteren noch am Leben sind und eine Zukunft haben, so haben sie sich doch, wie wir später sehen werden, ebensowenig wie die ersteren auf eine lange Geschichte und viele Ahnen zu berufen. Schwedische adlige Geschlechter mit uralten Ahnen gibt es weder unter den ausgestorbenen, noch unter den lebenden 1 ). 1) Als Vergleich sei hier eine Gliederzählung über die oben genannten 249 ausgestorbenen bürgerlichen Geschlechter in Stockholm, über welche der Schwedische Geschlechtskalender, Bd. XI, Angaben enthält, mitgeteilt. Eine nach demselben Grundsatze wie in Bezug auf die adligen Geschlechter ausgeführte Zählung vom Namennehm er an bis zu seinem letzten Sprößling gibt folgendes Resultat: Anzahl der in entsprechendem Gliede gestorbenen Geschlechter Uebertrag 225 Glieder Anzahl der in entsprechendem Gliede gestorbenen Geschlechter . . . . 10 Gliedei 50 81 53 3i 17 Summa 225 Summa 249 — 74 — Eine andere Beobachtung, zu welcher die mitgeteilten Zahlen Anlaß zu geben scheinen, ist die, daß der Abgang nach Gliedern mit großer Regelmäßigkeit geschehen ist, jedoch nicht so, daß der Abgang konstant gewesen, sondern vielmehr so, daß er ganz regelmäßig und ohne große Schwankungen gewachsen ist 1 ). In dieser Beziehung unterscheiden sich diese Zahlen ganz wesentlich von denjenigen, die man von der Todesmasse der Individuen für ein oder mehrere Jahre innerhalb eines Volkes erhält. Gleichwohl darf man sich nicht zu dem Glauben verleiten lassen, daß man in dieser Regelmäßigkeit einen statistischen Typ und noch weniger eine Ordnung gefunden habe, die auch für die lebenden Geschlechter Geltung habe und auf welche sich Voraus- sagungen über die wahrscheinliche Lebensdauer gründen ließen. Die innere Ordnung einer Todesmasse gilt, wie regelmäßig sie auch zu sein scheint, nicht für die Lebenden. Nur wenn z. B. von einer Generation Gleichaltriger, d. h. von aus demselben Jahre stammenden, keine Lebenden mehr vorhanden sind, treten die Typen für die Sterblichkeit der verschiedenen Alter in der Todesmasse hervor. Nur in diesem .Falle ist nämlich die Induktion, auf der die Mortalitätstypen sich stützen, erschöpfend. Lebt da- Diese Tabelle hat ein ganz anderes Aussehen, als die der Adelsgeschlechter, aber die resp. Geschlechter können auch nicht gut miteinander verglichen werden. Diese bürgerlichen Geschlechter bilden offenbar eine Auswahl, nämlich nicht allein derer, deren Stammvater besonders stark hervorgetreten ist, sondern vor allem solcher, deren Name in den Annalen Stockholms oft und lange vorgekommen ist. Könnte man auf dieselbe Weise die Gliederzählung sämtlicher in Stockholm ausgestorbenen bürgerlichen Geschlechter vorlegen, so würde das Resultat wahrscheinlich ein anderes, mit dem der adligen Geschlechter mehr übereinstimmendes sein. Siehe übrigens in dieser Frage die Ausführungen weiter unten. i) Wie es sich damit in Wirklichkeit verhält, erhellt am besten, wenn man das Maß der Sterblichkeit in der oben gegebenen Masse sucht, was durch Ausführung einer Prozentberechnung, aber nicht im Verhältnis zu der totalen Masse, 1547 Geschlechter, sondern zu der für jedes Glied zurückbleibenden Masse, im zweiten Gliede also 1019 im dritten 551 u. s. w. geschieht. So gemessen, stellt sich die Sterblichkeit folgendermaßen. Von demselben Gliede angehörenden Geschlechtern starben aus: % /<> Mit dem ersten Gliede 34,13 ,, ,. zweiten ,, 45,93 „ ,, dritten ,, 54.81 „ ,. vierten ,, 54,66 ,, ,, fünften ,, 66,37 ,, ,, sechsten ,, 68,42 ,, ,, siebenten ,, 58,33 ,, ,, achten ,, 60,00 ,, ,, neunten ,, IOO.OO gegen ein Teil der fraglichen Masse noch, so reicht der tote Teil nicht hin, um daraus die Gesetze für den Weg- der ganzen Masse zu finden. Nur die Zusammenstellung von Toten und Lebenden kann dann hierüber Auskunft geben. Zu diesen rein theoretischen Einwänden gegen eine Ueber- schätzung der sowohl hier wie in dem vorhergehenden Stücke beobachteten Regelmäßigkeit in dem Abgange der adligen Geschlechter kommen andere näher liegender Art. Die Todesmassen, die wir hier und dort studiert haben, sind selber nur Teile der ganzen Masse der toten Geschlechter. Die in unbekanntem Alter oder mit unbekannter Gliederzahl Gestorbenen sind nämlich nicht hierin mit einbegriffen. Wären sie mit dabei, so würden sie den jetzt so regelmäßigen Abgang wahrscheinlich nicht unbedeutend verändern. Denn es steht wohl ganz sicher fest, daß kein einziges dieser in unbekanntem Alter und mit unbekannter Gliederzahl erloschenen im ersten Gliede gestorben ist, wahrscheinlich sind auch nicht viele im zweiten, sondern die unverhältnismäßig meisten im dritten und höheren Gliede gestorben. Daß ein Geschlecht mit dem Stammvater erloschen ist, kann nicht gut der Kenntnis der Ritterhausgenealogen entgangen sein, und auch wohl nicht, wenn dies mit dessen Sohn oder Söhnen geschehen ist. Denn es ist wenig wahrscheinlich, daß ein eben ans Licht getretenes und feierlich anerkanntes Geschlecht in so kurzer Zeit ins Dunkel verschwinden würde. Es ist somit ziemlich sicher, daß die allermeisten dieser Geschlechter mit unbekanntem Alter und Gliederzahl den höheren Alters- und Gliedergruppen angehört haben. Aber wie die Todesmasse der Geschlechter ausgesehen hätte, wenn sie mitgerechnet worden wären, ist nicht mit Sicherheit zu sagen, nur daß sie nicht so gestaltet wäre, wie sie es jetzt ist, sondern daß die höheren Gruppen darin stärker vertreten gewesen wären. Aber wenn die oben besprochene Regelmäßigkeit in dem Abgang der Todesmasse somit infolge der angeführten Unvoll- ständigkeiten in derselben auch einigen Abbruch erleidet, so verlieren die über die kurze Lebensdauer der Geschlechter gemachten Beobachtungen dennoch nicht ihre Gültigkeit. Denn selbst wenn sämtliche 455 Geschlechter mit unbekannter Gliederzahl auf die Gruppen mit drei und mehr Gliedern verteilt werden, so muß man gleichwohl sagen, daß die ausgestorbenen adligen Geschlechter vorzugsweise nach einer kurzen Lebenszeit erloschen sind und daß nur wenige von ihnen ein höheres Glied erreicht haben. * * * Mittlere Lebensdauer der ausgestorbenen Geschlechter 1 ). In der Bevölkerungslehre ist der Begriff „Mittlere Lebensdauer der Verstorbenen" lange Zeit ein willkommener Gegenstand der Betrachtung gewesen. Nun ist man davon abgekommen, darauf ein großes Gewicht zu legen. Auf ein ganzes Volk angewendet, wie dies gewöhnlich geschah, gibt dieser Begriff eine Durchschnittszahl, die einzig ein Rechenexempel ist und in keiner Weise dem Alter der Mehrzahl der Individuen in der Todesmasse entspricht. Dasselbe mittlere Alter kann somit in zwei solchen mit sehr verschiedener Alterszusammensetzung vorkommen. Nur wenn man die Todesmassen, um deren mittlere Lebensdauer es sich handelt, stark begrenzt, kann man hoffen, daraus wirklich Lehrreiches zu ersehen. Ebenso verhält es sich mit der mittleren Lebensdauer der verstorbenen Geschlechter. Mit der exakten Darstellung derselben nach dem Alter verglichen, ist eine Durchschnittszahl für alle nicht viel wert und wenig lehrreich. Nur wenn man sie nach erreichten Generationen in Gruppen zerlegt und dann die mittlere Lebensdauer für jede solche Gruppe sucht, ergibt sich ein brauchbares Maß. Dies ist auch hier geschehen. Aber um die mittlere Lebensdauer von dem konventionellen Zeitpunkte für den Anfang der Geschlechter, nämlich der Erhebung in den Adelsstand, unabhängig zu machen, ist die Geburt des Stammvaters als Ausgangspunkt für die Berechnung gewählt worden. Hierdurch wird das gefundene Durchschnittsalter besser dem gewöhnlichen Begriffe der mittleren Lebensdauer entsprechen. Aus diesem Grunde ist aber die Anzahl Geschlechter, deren mittlere Lebensdauer berechnet ist, geringer, als die Anzahl mit angegebenem Alter. Das Jahr der Geburt des Stammvaters ist oft nicht bekannt. Die gefundenen Zahlen ersieht man aus untenstehender Uebersicht. i) Ich wende den Ausdruck „Mittlere Lebensdauer" als einen im täglichen Leben vorkommenden und bekannten Ausdruck statt „Durchschnittsalter beim Tode" welches die technisch richtige Ausdrucksweise hier ist, an. — 77 Mittlere Lebensdauer der ausgestorbenen Geschlechter. Anzahl der Geschle chter Durchlebte Jahre Mittlere Leben: Zweiglieds - Geschlechter '74 16,922 97,3 Jahre Dreiglieds- ,, 160 20,170 126,1 „ Vierglieds- ,, 86 14,220 165,3 „ Fiinfglieds- „ 33 6,815 206,5 ,, Sechsglieds- ,, 12 2,624 218,7 ,, Siebenglieds- „ 3 783 261,0 ,, Die gefundenen Durchschnittszahlen stimmen ganz gut mit den mittleren Werten überein, die man dadurch erhält, daß man die Geschlechter in Altersgruppen von z. B. 10 Jahre Umfang einteilt und zusieht, welche Gruppe in der Mitte der Serie liegt, so daß sich gleich viel Geschlechter auf jeder Seite befinden, d. h. auf der einen Seite ein kleineres, auf der anderen ein größeres Alter besitzen. Gleichwohl sind die Variationen im Alter der Geschlechter mannigfach und vor allem, wie man sich leicht denken kann, groß. Unter dem Text geben wir, als Beispiel und Beweis des Gesagten, die auf diese Weise eingeteilten Zweigliedsgeschlechter 1 ). Man wird ferner gewahr, daß die mittlere Lebensdauer der Zweigliedsgeschlechter im Verhältnis zur Anzahl Glieder am größten ist — ganz natürlich, weil die gleichzeitig leben könnenden Glieder hier nur zwei sind — sowie daß demzufolge der Abstand in der Zeit zwischen dem Durchschnittsalter dieser und der nächstfolgenden Dreigliedsgeschlechter keine volle 30 Jahre ist, während sie für die unmittelbar darauffolgenden Gruppen regelmäßig mit ungefähr 40 Jahren für jedes höhere Glied wächst. Die Gruppen der Sechs- und Siebengliedsgeschlechter wiederum sind so geringfügig, daß ein konstantes Maß ihrer mittleren Lebensdauer nicht zu erwarten ist. 1) Von der Geburt des Stammvaters erreichten: 8 Geschlechter 48—57 Jahre 9 „ 58—67 „ 16 „ 68—77 „ 2 5 —87 ,, 25 „ 88—97 „ 30 „ 98—107 „ 30 „ 108—117 ,, 23 „ 118—127 .. 5 128—137 „ 1 „ 138 — 147 „ 2 „ HS—Gz » Sa. 174 Siebentes Kapitel. Sterblichkeit und Absterbeordnung der Geschlechter. Historische Uebersicht über ausgestorbene und fortlebende Geschlechter. Die im vorigen Kapitel über die Masse der ausgestorbenen Geschlechter gegebenen Übersichten gewähren, wie schon erwähnt ist, keine Vorstellung über die Intensität der Sterblichkeit unter den adligen Geschlechtern. Dazu ist erforderlich, daß Tote und Lebende nebeneinander gestellt werden, so daß ein Vergleich zwischen ihnen möglich ist. Die Ernten des Todes beruhen in erster Linie auf der Größe der Mengen, in welchen er Ernte hält. Behufs richtiger Messung müssen wir somit die in jedem Alter und zu jeder Zeit Gestorbenen mit den in demselben Alter und zu denselben Zeiten Lebenden zusammenstellen. Dies soll in diesem Kapitel geschehen. Zu diesem Zwecke sind zwei Sterbetafeln (Todes- und Überlebenstabellen) aufgestellt worden, von denen die eine Tote und Überlebende nach den Altern, die andere solche nach den Zeiten angibt 1 ), in beiden ist die Teilung nach dem Stand, in gräfliche, freiherrliche und adlige Geschlechter, festgehalten, als eine Folge davon, daß der Ausgangspunkt für jedes Geschlecht die Erhebung in denjenigen Stand ist, den er beim Erlöschen inne hatte, also so wie oben (Kap. VI) bei der Altersberechnung. Ein anderes Verfahren, z. B. mit Reduktion der Geschlechter in selbständige, hätte die Arbeit bedeutend erschwert, ohne einen entsprechenden Gewinn zu schaffen. Nun wird man auch in den Stand gesetzt, die Sterblichkeit innerhalb der verschiedenen Stände zu beurteilen, was nicht unwichtig ist, da dieser Ungleichheit in den Ständen in der Regel ein sozialer und politischer Unterschied entsprochen hat. Die freiherrlichen und gräflichen Geschlechter nahmen eine höhere Stufe in der sozialen Hierarchie der schwedischen Standesgesellschaft ein. Der Rangunterschied im Leben findet sich in einer Ungleichheit im Tode wieder. Dagegen hat zwischen i) Diese Todes- und Ueberlebenstabellen, die sich in der schwedischen Originalausgabe befinden müssen aus Rücksicht auf den Raum hier ausgelassen werden. den beiden höheren Ständen untereinander weder in der einen noch in der anderen Beziehung ein nennenswerter Unterschied bestanden, weshalb sie in den folgenden Übersichtstabellen stets zusammengenommen sind, um die kleinen Zahlen, mit denen sie vorkommen, auf diese Weise etwas zu erhöhen. Bevor wir aber an der Hand genannter Tabellen an die Ausführung der exakten Bestimmung der Sterblichkeit in den adligen Geschlechtern gehen, wollen wir eine einfache Musterung der Ausgestorbenen und der jetzt, beim Eintritt des Jahres 1895, Lebenden nach ihren Ursprungsjahren (Geburten) geordnet, vornehmen. Eine solche gibt einen flüchtigen Überschlag der Verluste und gleichsam ein präliminares Maß für die Verheerungen des Todes. Hierbei ist zu beachten, daß natürlich die durch Erhebung in einen höheren Stand erloschenen Geschlechter, sowie die in Schweden erloschenen, im Auslande aber fortlebenden nicht mitaufgenommen sind. Die letzteren sind ausgemerzt, um die zu behandelnde Masse möglichst gleichförmig zu bekommen. Bei diesen Untersuchungen handelt es sich einzig und allein um die in Schweden und unter dort herrschenden äußeren und inneren Bedingungen lebenden und wirklich verstorbenen Geschlechter. Ausgestorbene und 1895 lebende Geschlechter in absoluten und relativen Zahlen.- Adlige Geschlechter. Ausgestorben Atisgestorben Zeitperiode Anzahl in bekanntem in i8 95 für die Erhebung GeAlter unbekanntem Lebende in den Adelstand. schlechter Alter') Anzahl % Anzahl 1 0 Anzahl °i 1 0 1890—1866 2 — — 2 100 1865—1841 2 2 6 27,27 — — ' 16 72,73 1840—1816 63 27 43.00 — — 36 57,00 1815—1791 83 45 53,°' 3 3,62 35 43,37 1790—1766 160 93 58,12 7 4,38 60 37,50 1705—1741 '43 83 58,04 7 4,90 53 37,06 1740—1716 3 2 7 217 6/,33 32 9,79 78 22,88 1715—169 t 267 184 68,91 42 '5.73 41 15,36 1690—1666 45° 262 58,22 114 25.33 74 16,45 1665—1641 4 6 3 225 48,59 '73 37.37 65 H.04 1640—1616 IOI 44 44,56 35 34.65 22 20,79 1615—159t 2 5 12 48,00 11 44,00 2 8,00 vor 15 91 'S' '3 9,16 85 64,89 33 25,95 Sa. 2237 1211 54,i3 O iO 22,/6 517 23,11 1) Hiervon 68 Geschlechter von ,,Altem Adel 1 ', deren Todesjahr wohl bekannt war, aber nicht deren Anfangsjahr. — So — Gräfliche und freiherrliche Geschlechter. Zeitperiode für Erhebung in den gräfl. oder freiherrl. Stand Anzahl Geschlechter Ausgestorben in bekanntem Alter Anzahl Ausgestorben in unbekanntem Alter Anzahl 1895 Lebende. 1890 1865 1840 1895 1790 1765 1740 1715 1690 1665 1640 1615 vor 1866 1841 1816 1 79 1 1766 1 74 1 1716 —1691 -1666 -1641 — 1616 -1591 1 59 1 H 40 66 65 39 97 59 45 59 3 5 20 3° 28 21 60 43 29 44 3 2 35.71 50,00 45,45 43,o8 53.85 61.86 72.88 64,44 74,58 100,00 66,67 33,33 1,52 i,54 1,04 5,08 8,89 1,69 9 20 35 36 18 36 13 12 14 1 4 100,00 64,29 50.00 53,03 55,38 46,15 37.1 1 20,34 26,67 23,73 33-33 66,67 Sa. 498 7,63 40,16 Erst mit diesen Ziffern vor Augen können wir die Verheerungen des Todes unter den adligen Geschlechtern recht würdigen. Von den vor fünfzig Jahren kreierten Geschlechtern existieren noch wenig mehr als die Hälfte; von den hundert Jahr alten Geschlechtern 37 — 55% u nd von den Geschlechtern aus der Zeit unserer Großmachtstellung meistens nur 14 —16 °/ 0 unter den gemeinen Adligen, 20—26°/ 0 von den Geschlechtern der beiden höheren Stände. Auf den Äckern des Todes war keine Mißernte. Und die Ernte ist überall nach dem Alter ausgefallen, was beweist, daß bei den Geschlechtern wie bei den Individuen das Alter die erste und größte aller Todesursachen ist. Die Anzahl der ausgestorbenen Geschlechter steht im direkten, die der überlebenden im umgekehrten Verhältnis zum Alter. Dies Verhältnis ist nicht ganz gleichförmig, aber es fehlt nicht viel daran. Der Abgang mit wachsendem Alter ist ziemlich gleichmäßig gewesen, wie die Prozentzahlen für die Uberlebenden klar beweisen. Nur in einigen der ältesten Gruppen kommen starke Hin- und Herschwankungen vor. Dies gilt sowohl für die Geschlechter des niederen Adels, wie der beiden höheren Stände. Und die Veranlassung hierzu ist wohl meistens eine zufällige, auf der Kleinheit der absoluten Zahlen beruhende, aber sicher nicht ganz und gar. Denn daß so viele der adligen Geschlechter von der Zeit vor 1591 noch leben — die wenigen Geschlechter höheren Standes, von denen noch bis zu 2 / 3 vorhanden sind, können hier nicht in Betracht gezogen werden; es genügt, daß die Zahlen für sie nach derselben Richtung deuten wie die früheren — das kann kaum ein Zufall sein. Es scheint mir, als könne man die Verschiedenheit in der Lebenskraft zwischen diesen alten Geschlechtern und den später kreierten füglich auf die verschiedenen sozialen und ökonomischen Verhältnisse, unter denen sie entstanden und aufgewachsen sind, zurückführen. Die Geschlechter aus der Zeit vor 1591 waren wohl ausnahmslos ein Landadel, während der Adel der folgenden Zeiten überwiegend ein Dienstadel ist. Man dürfte aber nicht fehlgehen, wenn man einer verschiedenen sozialen und ökonomischen Stellung eine verschiedene Macht, die Geschlechter zu bewahren und zu vernichten, zuschreibt. Nichts konserviert sie besser als der Besitz von Landeigentum, das vom Vater auf den Sohn geht und die Menschen mehr oder weniger auf ein Leben auf dem Lande hinweist. Denn Grundbesitz ist weniger beweglich als anderes Vermögen; und das Landleben zwingt aus praktischen Gründen, und um die Einsamkeit auszufüllen, zur Ehe. Besonders das letztere — viel mehr als gesündere hygienische Verhältnisse und dergl. — enthält das Geheimnis des konservierenden Einflusses des Landes auf die Geschlechter vor jeder anderen Lebensstellung und Beschäftigung. Die übrigen Stellungen und das Leben in den Städten benehmen dagegen dem Cölibate seine Unannehmlichkeiten, oder machen es soear erstrebenswert. Dies ist der hauptsächlichste Grund der grösseren Lebenskraft, den die Geschlechter des Landadels und der Bauern zu allen Zeiten vor denen der Stadtaristokratien und der Bürger besessen haben. Dies ist auch der Grund, weshalb sich die schwedischen adligen Geschlechter von der Zeit vor 1591 als zäher erwiesen haben, als die später hinzugekommenen. Denn die alten Adelsgeschlechter, die mit dem Lande verwachsen waren und alte Erbgüter besaßen, haben sich wahrscheinlich etwas von ihrem ursprünglichen Charakter als Landadel bewahrt, während die grosse Masse des späteren Adels schon durch ihre Stammväter dem Beamtenstande angehörte und dann mit wenigen Ausnahmen dabei blieb, und damit mehr dem Wechsel des Glückes und der Aussicht, im Junggesellenstande zu bleiben, ausgesetzt war. Diese Deutung der größeren Lebenskraft der ältesten Geschlechter erhält in dem Vergleich der Geschlechter des niederen Adels und der beiden höheren Stände eine Stütze. Der Verlust unter den letzteren war, wie die relativen Zahlen der Gesamt- Fahlbecb, Der schwedische Adel. 6 summen ausweisen, bedeutend geringer als unter den ersteren. So sind von den gezählten adligen Geschlechtern zusammen nur 23,02 °/ 0 , von den freiherrlichen und gräflichen dagegen 40,16 °/ 0 am Leben. In erster Linie ist man geneigt, diese große Verschiedenheit dem Umstände zuzuschreiben, daß die Geschlechter der höheren Stände, wenn man, wie hier, von der Erhebung in den freiherrlichen und gräflichen Stand rechnet, durchgehends jünger sind. Denn je jünger die Geschlechter sind, umsoweniger Tote rechnen sie und umso viel mehr leben noch. Bis zu einem gewissen Grade hat diese Erklärung des größeren Bestandes der Geschlechter der höheren Stände allerdings ihre Richtigkeit. Aber sie reicht nicht aus. Man braucht, um dieses zu finden, nur die relativen Zahlen für dieselben Zeitperioden in den beiden Tabellen durchzusehen. Ueberall, wo die absoluten Zahlen nicht, als zu klein, dem Spiel des Zufalls ausgesetzt sind, zeigen die Todeskolumnen, mit Ausnahme der drei letzten (1816—1890), kleinere und die der Ueberlebenden größere relative Zahlen für die freiherrlichen und gräflichen Geschlechter als für die des niederen Adels. Das verschiedenartige Walten des Todes in den beiden Gruppen muß somit in der Hauptsache anderen Ursachen als dem niedrigeren Alter der ersteren zugeschrieben werden. Und wir greifen sicher nicht fehl, wenn wir sie in denselben Umständen suchen, die so verhältnismäßig viele der ältesten Geschlechter bewahrt haben. Die freiherrlichen und gräflichen Geschlechter haben in ältester Zeit neben einer Aristokratie der Geburt auch eine des Reichtums gebildet. Aber der Reichtum in jenen Zeiten bestand hauptsächlich in Grundeigentum. Diese Geschlechter bewahrten deshalb, trotz der oben besprochenen allgemeinen Verwandlung des Adelsstandes, mehr oder weniger den Charakter eines Landadels. Sie waren nicht einzig und allein auf den Staatsdienst angewiesen, sondern haben daneben auch großen Grundbesitz besessen, und viele ihrer Mitglieder haben ihr Leben auf dem Lande zugebracht. Dies hat die höheren Geschlechter aus früherer Zeit besser vom Untergange bewahrt als die des gemeinen Adels; die in diesem Jahrhundert kreierten freiherrlichen und gräflichen Geschlechter sind dagegen sehr wenig lebenskräftig gewesen, aber sie sind nicht wirkliche Geschlechter, sondern gehören anderen adligen Geschlechtern an (nach Regierungsform § 37) und sind obendrein überwiegend ein Dienst- und Llofadel gewesen. Ihre abweichenden Zahlen ent- 83 kräften somit nicht nur die hier gezogenen Schlüsse nicht, im Gegenteil, sie stützen sie sogar. Ob dagegen als ein Moment in der Bewahrung der adligen Geschlechter die Errichtung von Fideikommissen, die häufiger bei den hochadligen Geschlechtern als beim niederen Adel vorkommen, angeführt werden kann, ist ungewiß. In Deutschland und Oesterreich hat dieses Institut sich als eher schädlich als nützlich für den Bestand der Geschlechter erwiesen, indem dasselbe einerseits verursacht, daß nicht erbberechtigte Söhne unverheiratet bleiben, und andererseits ein Streben seitens der Fideikommissare hervorruft, die Anzahl der Kinder zu begrenzen, was, das eine wie das andere, für die Geschlechter verhängnisvoll ist 1 ). Ob sich eine solche Wirkung dieses Institutes auch in Schweden zeigt, kann ich für den Augenblick nicht bestimmen. Die Einführung desselben fällt auch sehr spät, in die Zeit von 17 19—1809. Außer der eben angeführten Verschiedenheit im Abgange zwischen aus verschiedenen Zeiten stammenden Geschlechtern, suchen wir vergebens nach solchen. Man sollte glauben, daß die Massenproduktion neuer Adliger unter der Regierung Kristinas und Karls XI., sowie die beginnende Freiheitszeit einen entsprechenden Verlust unter ihnen im Gefolge gehabt hätte. Man stellt sich gern vor, alle diese niederen Beamten und Offiziere, denen damals die Adelswürde zuerteilt wurde, hätten keine Familien gegründet, sondern hätten ihre neuerworbene Würde mit ins Grab genommen. Dies haben sie unzweifelhaft oft getan, aber, wie die Zahlen ergeben, in nicht größerer Proportion als zu anderen Zeiten, wo inbezug auf die Erteilung der Adelswürde eine größere Sparsamkeit herrschte. Aus diesen Zahlen geht unzweideutig hervor, daß die Geschlechter aus der Zeit des Massenadeins ebensosehr oder ebensowenig lebenskräftig waren wie alle anderen nach 1626 Kreierten; und daß also die Anzahl erteilter Adelsdiplome, ob groß oder gering, keinen nennenswerten Einfluß auf das Schicksal dieser Geschlechter ausgeübt hat. Der Prozentsatz der Ueberlebenden und der Ausgestorbenen hängt nicht von der Größe des Grundstockes, dem sie angehören, ab. Die Zahlen steigen und fallen wechselweise nur nach dem Alter. Dieses und nichts anderes bestimmt, mit oben beschriebenen Ausnahmen für die alten landbesitzenden Geschlechter, ihre gegenseitige Größe. 1) S. hierüber Kleine, Verfall der A de lsge schlecht er, S. 32, 40, 48. 6* - 8 4 — Dies ist die wichtigste Lehre, die wir aus den angeführten Tabellen schöpfen. Wir werden sie im nachfolgenden auf das vollständigste bestätigt finden. Die angeführten Uebersichtstabellen enthalten außer den Kolumnen, mit denen wir uns bisher beschäftigt haben, noch eine — die Kolumne der in „unbekanntem Alter ausgestorbenen" Geschlechter. Sie legt zwar hauptsächlich nur von der Beschaffenheit der Quellen Zeugnis ab, aber auch als solche hat sie für den Statistiker, der in allem Maß und Gesetzmäßigkeit sucht, ihr Interesse. Sie kann als Maßstab der Macht des Vergessens in den hier vorliegenden Zeiten betrachtet werden. Nur ein geringer Bruchteil des Geschehenden wird von der Geschichte bewahrt. Das meiste davon sind auch Kleinigkeiten, die es nicht verdienen, bewahrt zu werden, außer vielleicht, um das Leben einer vergangenen Zeit zu rekonstruieren. Aber auch große und wichtige Ereignisse geraten leicht in Vergessenheit. Das schließliche Schicksal dieser adlig'en Geschlechter war zwar für die Gesamtheit von keiner großen Bedeutung, aber in der Geschichte der Geschlechter ist es doch ein Kardinalpunkt. Und gleichwohl war die Kenntnis hiervon nicht größer, als was diese Zahlen ausweisen, obschon eine g-anze Behörde — das Ritterhaus — vorhanden war, um gerade diese Geschlechter zu überwachen. Pulvis et umbra sumus, das ist die Moral, die wir aus diesen Zahlen, wie aus den anderen, wenn auch auf andere Weise und in einem anderen Sinne, ziehen. Aber dies trifft in dem vorliegenden Falle am meisten die Geschlechter des niederen Adels. Für die höheren Stände hat Klio ein aufmerksameres Auge gehabt 1 ). — Außer dieser Lehre geben uns die in unbekanntem Alter verstorbenen Geschlechter noch eine, nämlich die, daß auch da, wo man glaubt, daß der Zufall souverän herrscht, in den Dingen ein Geist der Ordnung i ) Als ein mahnendes Beispiel des' Vergessens mag ancli folgendes hier Platz finden. Im Jahre 1900 erschien in der offiziellen Zeitung Schwedens ein vom Kirchenrat in Upsala errichtetes Verzeichnis verwahrloster Grabstätten auf dem Kirchhof in Upsala mit der Mahnung, daß die zugehörigen Besitzer sich binnen Jahresfrist anmelden sollten, sonst gingen die Grabplätze an die Gemeinde zurück. In diesem Verzeichnis kamen unter vielen anderen die Namen von einem Erzbischof, einem Domprobst, einem General, zwei Landespräsidenten, zwei Obergerichtsassessoren und vierzehn Professoren, von denen einige mit sehr berühmten Namen vor. Alle diese wcren in dem eben zu Ende gegangenen Jahrhundert feierlich da bestattet worden. Wahrlich — die Toten begraben ihre Toten! — — 85 — wohnt. Wo, meint man, sollte dieser mehr walten als in den unfreiwilligen Mängeln unserer Kenntnis der ausgestorbenen Geschlechter? Auf diese Weise zusammengestellt, verraten diese Mängel jedoch wenig von ihrer Verwandtschaft mit dem Zufall. Im Gegenteil, sie zeigen eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit in der Art, wie sie mit der größeren Zeitentfernung wachsen, und umgekehrt. Von den etwa hundert Jahr alten Geschlechtern des niederen Adels •— denn nur von ihm rede ich — sind 3,62 °/ 0 verstorben, ohne daß man mit Sicherheit weiß wann, und dann für jede höhere Altersgruppe beständig immer mehr, ohne Schwankungen in der Zahlenreihe, außer ein wenig- für die Zeit von 1616—1640, bis von den dreihundert Jahres-Geschlechtern ungefähr 2 / 3 dem Vergessen anheimgefallen sind. So wächst das Verg-essen mit den Zeiten, und so besitzt auch dieses seine Ordnung und sein Gesetz. * * Sterblichkeit nach dem Alter. Die Sterblichkeit als statistischer Begriff ist eine Relationszahl, die das Verhältnis zwischen der lebenden Masse, in der die Todesfälle stattfinden, und diesen ausdrückt. Um die Sterblichkeit zu bestimmen, muß man also sowohl die Größe der lebenden Masse als auch die Anzahl der Todesfälle kennen. Dem stehen gewöhnlich keine Schwierigkeiten gegenüber, wenn es sich nur um ein generelles Maß für die Sterblichkeit z. B. in einem Volke während eines Jahres handelt. Geht man aber an eine Einteilung- nach dem Alter und an die Bestimmung der Sterblichkeit für jedes Altersjahr, so wachsen die Schwierigkeiten ungeheuer. Bei der exakten Messung der Sterblichkeit, die hier ausgeführt wird, ist auf dieselbe Weise verfahren, wie bei der Ausrechnung der Sterblichkeitstafel für eine Volksmasse, mit dem Unterschied, daß die Altersgruppen, für welche die Mortalitätskoeffizienten berechnet sind, nicht ein- sondern fünfundzwanzigjährige sind. Die kleinen absoluten Zahlen machen dies notwendig; auch passen die einjährigen Gruppen nicht so für die Geschlechter wie für die Individuen, infolge der größeren Lebensdauer der ersteren. Ein anderer bedeutungsvoller Unterschied ist der, daß die Altersgruppen von o—25, 26—50 Jahren u. s. w. nicht wie die Jahrgänge der Individuen aus derselben objektiven Zeit, derselben Jahreszahl oder einmal demselben Jahrhundert ungehörigen Geschlechtern kon- stituiert werden. Nur auf diese Weise werden die Zahlen g-roß genug, um ein typisches Maß zu geben. Gleichwohl kann gegen eine derartige Zusammensetzung von Altersgruppen, die so weit auseinander liegenden Zeiten, wie z. B. 1841 —1865 und 1591 bis 1615 angehören, der Einwand erhoben werden, daß die Sterblichkeit in der großen Zeitstrecke von bis 275 Jahren, die zwischen den äußersten Gruppen liegt, sehr verschieden war. Dieser Einwand wäre unwiderleglich, wenn es sich statt um Geschlechter um Individuen handelte; aber betreffs dieser verliert er sehr viel von seiner Schärfe, denn zwar ist, wie wir später sehen werden, die Sterblichkeit unter ihnen in den verschiedenen Zeitperioden keineswegs eine gleiche gewesen, aber die Verschiedenheiten sind ohne bestimmte Ordnung und meistens nicht so groß gewesen, daß sie bei der hier vorgenommenen summarischen Messung der Sterblichkeit das angewendete Verfahren unmöglich machen. Die statistische Forderung der inneren Gleichförmigkeit der Maße ist in diesem Falle gehörig gewahrt, da die zusammengeführten Geschlechter, obschon verschiedenen Zeiten angehörend, in dieselbe Altersklasse treten. Ein weiteres Eingehen auf das Verfahren zur Erzielung untenstehender Zahlen müssen wir uns hier versagen. Es sei nur noch bemerkt, daß diese Zahlen die sogenannten Mortalitätskoeffizienten, das genaueste Maß der Sterblichkeit, das es gibt, ausdrücken. Sie geben daher auch das „Todesrisiko", oder die Wahrscheinlichkeit für die Geschlechter, in den verschiedenen Altern zu sterben, an. Von 1000 Geschlechtern in jeder der untenstehenden Altersgruppen gingen in demselben Alter mit dem Tode ab: Altersjahr. «/ 26/ 51/ 76/ IUI / 126/ 151/ 176/ 201/ 226/ 251/ ;2o /ü 0 / 7 5 /100 /125 /150 /l75 /200 / 225 /250 / 275" Adlige Geschlechter. 203 214 180 159 170 137 140 109 30 (107) (250). Freiherrliche und gräfliche Geschlechter. 236 175 148 124 91 69 (167) (125) (o) (o) (o). Die erste Beobachtung, die man bei der Betrachtung dieser Zahlen macht, ist die, daß sie, mit Ausnahme der höchsten Altersgruppen, offenbar keine zufälligen Variationen, sondern ein typisches Maß, oder gerade das, was wir hier suchen, ausdrücken. In den höchsten Altern sind die absoluten Zahlen sowohl für — 8 7 — Üeberlebende wie Verstorbene, wie aus untenstehender Anmerkung" hervorgeht 1 ), so klein, daß hier eine Regelmäßigkeit nicht zu erwarten ist. Aber in den sonstigen Altersgruppen mit größeren absoluten Zahlen (über 100), ist das Resultat offenbar dem Spiel des Zufalles entrückt, wenn sich auch an einigen Stellen kleinere Schwankungen in der sinkenden Reihe der Zahlen zu erkennen geben. Besonders ist hierbei die erste Altersgruppe (o—25 Jahre) bei den adligen Geschlechtern mit ihrer verhältnismäßig niedrigen Zahl 203 bemerkenswert, während die folgende Gruppe 214 hat; aber dies erklärt sich daraus, daß die Mehrzahl derer, die im ersten Gliede und dem gleichzeitigen zweiten Gliede ausstarben, in die zweite Altersgruppe 26—50 Jahre hineinreichte. Diese Altersgruppen von je 25 Jahren sind übrigens vollständig konventionell und können somit die Ursache der scheinbaren Abweichungen von der abwärtsgehenden Bewegung" im Maße der Sterblichkeit sein. Diese kleinen Abweichungen schwächen jedoch in keiner Weise den Totaleindruck einer ausgeprägten Tendenz und Ordnung in diesen Zahlen ab. Wir haben hier, wie gesagt, ein typisches Maß vor Augen, das betreffs jeder Serie für sich und noch mehr betreffs beider zusammen jeden Gedanken an einen Zufall ausschließt. Mit dem festen Boden unter den Füßen, den das obengenannte Resultat verleiht, können wir jetzt ruhig die Analyse der. gegebenen Zahlenserien fortsetzen und bemerken da zuerst den bedeutenden Unterschied zwischen den Geschlechtern des niederen und des hohen Adels. Mit Ausnahme der ersten Altersgruppe o—25 Jahre ist die Sterblichkeit für die erstere durch- weg größer als für die letztere. Daß die Sterblichkeit in der ersten Altersgruppe der freiherrlichen und gräflichen Geschlechter so groß gewesen ist, kommt uns nicht unerwartet. Die Ursache sind die vielen, von denen es heißt 2 ): „dieselbe Person geadelt, baronisiert etc. beendete das Geschlecht". Diese 1) Die in die veischiedenen Altersgruppen eintretenden und diesen während ihrer ganzen Zeit angehörenden Geschlechter betragen der Zahl nach: für das Alter o—25 Jahre 1680 Geschlechter und dann 1319, 994, 775, 588, 431, 286, 202, 100, 28 und für die Altersgruppe 251 — 275 Jahre 4 Geschlechter. Die entsprechenden Zahlen für die freiherrlichen und gräflichen Geschlechter zusammen sind: für die Gruppe o—25 Jahre 479 und dann 355, 270, 194, 132, 102, 54, 32, 16, 1 und für die Altersgruppe 251—275 1 Geschlecht. 2) In den großen Nominaltabellen, die der schwedischen Ausgabe beigefügt sind. — 88 höhere Zahl harmonisiert auch vollständig damit, daß die Mehrzahl dieser Geschlechter früher adlig" gewesen ist. Sie entspricht deshalb mehr der zweiten Altersgruppe der Adelsgeschlechter als ihrer ersten. Mit Ausnahme dieser ersten Altersgruppe indessen ist die Sterblichkeit unter den adligen Geschlechtern bedeutend größer als unter den anderen. Dies war die Wirkung dessen, was wir im vorigen Stücke beobachtet haben, als wir fanden, daß in den meisten Altersgruppen ein größerer Prozentsatz freiherrlicher und gräflicher Geschlechter fortlebte als adliger. Ich suchte dort die tiefere soziale Erklärung dieses Verhältnisses zu geben. Hier sehen wir die nächstliegende Ursache dazu — in den niedrigeren Mortalitätskoeffizienten für diese Geschlechter. Wichtiger als alles andere ist jedoch die Lehre, die wir aus diesen Zahlenserien schöpfen, daß die Sterblichkeit in diesen Geschlechtern mit dem Alter abnimmt. Diese merkwürdige Tatsache wirkt überraschend. Denn die obige Rechnung der Verstorbenen nach dem Alter führte zu der Konstatierung, daß die Anzahl der ausgestorbenen Geschlechter ungefähr im direkten Verhältnisse zum Alter stehe. Und zu derselben Auffassung gibt unmittelbar der Gedanke an die lebenden Geschlechter Veranlassung. Denn wie wenige sind es doch, die ein höheres Alter erreicht haben; und liegt nicht hierin ein Beweis dafür, daß die Verheerungen des Todes größer g-ewesen sind, je älter die Geschlechter sind? Hier finden wir jedoch, daß diese Annahme nicht zutrifft. Bei der jetzt vorgenommenen genaueren Messung der Dinge zeigt sich im Geg'enteil, daß die Sterblichkeit, statt mit dem Alter zuzunehmen oder auch konstant zu bleiben, abnimmt. Der Widerspruch ist jedoch nur ein scheinbarer. Die eben angeführten Schlußfolgerungen betreffen das Resultat der Sterblichkeit, nach der totalen Anzahl der zu einem gewissen Zeitpunkt Toten und Lebenden gemessen. Die Folgerungen, zu denen wir hier kommen, betreffen wiederum die Sterblichkeit selbst; und diese kann sehr wohl abnehmen, während ihr Resultat auf oben genannte Art zunimmt. Diese Tatsache ist indessen sehr merkwürdig. Sie bedeutet, daß die Todesgefahr für die historischen Geschlechtör in den ersten Altern und Gliedern am größten ist. Haben sie diese glücklich überstanden, so verringert sie sich. Ob dies ununterbrochen, oder nur bis zu einem gewissen höheren Alter, 200— 300 Jahr, fortgeht, können wir nicht sagen, da unsere Erfahrung sich nicht über diese Alter hinaus erstreckt. Wir können somit nicht ent- - 8 9 scheiden, ob der Parallelismus zwischen dem Leben der Geschlechter und der Individuen, den diese Schlüsse in gewissem Sinne zu bezeugen scheinen, nach diesen zuletzt genannten Altersjahren fortgesetzt wird. Die Tatsache, daß die meisten Geschlechter, die wir kennen gelernt haben, aussterben, scheint es zu beweisen. Gleichwohl müssen wir uns davor hüten, aus diesen äußeren Übereinstimmungen auf eine innere Gleichheit inbezug auf den Lebenslauf zu schließen. Die Geschlechter besitzen, wie wir wissen, keine natürliche Lebensdauer wie die Individuen. Mag daher die Ubereinstimmung über das, was wir hier gefunden haben, hinaus gehen oder nicht, so ist sie doch immer eine äußere und nicht eine Folge gleicher Lebensbedingungen und gleichen Lebenslaufes. * * * Die Absterbeordnung der Geschlechter. Die beste Illustration für die Sterblichkeit in einer Masse ist die Absterbe- ordnung. Dies ist eine mit Plülfe der Mortalitätskoeffizienten für die besonderen Alter vorgenommene Berechnung, wie ein gegebener Grundstock Lebender oder einer Generation nach dem Alter abstirbt. Die im vorhergehenden Stücke mitgeteilten Mortalitätskoeffizienten für die adligen Geschlechter in verschiedenen Altern machen es möglich, auf dieselbe Weise zu zeigen, wie, d. h. in welcher Ordnung diese mit dem Alter abgehen. Gehen wir von einem Grundstock von iooo Geschlechtern aus, so finden wir, daß am Ende der untenstehenden Altersjahre davon vorhanden sind: überleb. Geschlechter Altersjahre adlige freiherrl. und gräfl. 0 T 000 T 000 2 5 797 764 50 626 630 75 5'3 537 IOO 43' 470 ' 2 5 35« 427 '50 309 398 '75 26b (33') 200 237 (290) 225 230 (290) 250 (205) (290) 2 75 (154) (290) Die kleinen absoluten Zahlen, die der Berechnung der Mortalitätskoeffizienten in den beiden letzten Altersgruppen der adligen und den fünf letzten der freiherrlichen und gräflichen Geschlechter zu Grunde gelegen haben, machen die Zahlen für diese Altersklassen wertlos. Läßt man indessen diese unberücksichtigt, so geben die Zahlen für die restlichen, o—225 Jahre für adlige Geschlechter, o—150 Jahre für die höheren Stände, ein vollkommen exaktes Bild der Sterblichkeit innerhalb jeder Gruppe Geschlechter während dieser Zeitperioden. Die einzelnen Züge in diesem Bilde entsprechen offenbar den im vorigen Stücke über die Mortalitätskoeffizienten gemachten Beobachtungen. Besonders tritt die verschiedene Sterblichkeit innerhalb der Geschlechter des niederen und des hohen Adels sehr deutlich hervor. Ein nicht geringes Interesse bietet es ferner dar, diese auf wirklichen Beobachtungen gegründete Absterbeordnung mit der zu vergleichen, die die oben (S.. 58) angeführte Berechnung Watsons über das Erlöschen der Namen mit den Generationen ergibt. Die letztere betrifft zwar, wie wir sahen, Generationen, nicht bestimmte Altersgruppen; allein wenn man annimmt, daß drei Generationen 100 Jahren entsprechen — eine Annahme, die ja nicht ganz korrekt, aber doch annähernd richtig ist — so kann ein annäherungsweiser Vergleich betreffend die Absterbeordnung in gewissen höheren Altern vorgenommen werden. Laut Watsons Kalkülen sollten mit Ausgang des dritten Gliedes nach der einen Berechnungsart 429, nach der zweiten 590, und mit dem sechsten Gliede 290 resp. 504 Geschlechter vorhanden sein. Es zeigt sich somit, daß der Abgang in den Geschlechtern des niederen Adels — um uns nur an diese zu halten — in den ersten 100 Altersjahren ungefähr ein gleicher war wie laut dem ersteren der Kalküle, daß er aber bei erreichten 200 Jahren, dem siebenten Gliede entsprechend, nicht unbedeutend größer war, wiewohl die Sterblichkeit unter den Geschlechtern mit dem Alter abnimmt. Dies lehrt uns, wie wenig derartige Kalküle in ihrer starren Gleichförmigkeit der Wirklichkeit entsprechen. Mit Hilfe der Absterbeordnung kann die sogenannte wahrscheinliche fernere Lebensdauer angegeben werden. Sie drückt das Alter aus, in welchem die Hälfte der zu einem gewissen Zeitpunkte Lebenden der Natur ihren Tribut bezahlt haben. Bei o Jahren macht sie für die Geschlechter des niederen Adels etwas über 75 Jahre, für die höheren Stände noch etwas mehr, ungefähr — gi — 85 Jahre aus 1 ). Dann vergrößert sie sich, je nachdem die Sterblichkeit sich vermindert, und ist bei einem Alter von 100 Jahren für die adligen Geschlechter ungefähr 140 Jahre. Für die hochadligen Geschlechter erreicht die wahrscheinliche übrige Lebensdauer schon bei 25 Jahren ungefähr dasselbe Maß. Die den Zahlen der höchsten Alter anhaftenden Mängel machen es unmöglich, weiter zu gehen. Es ist auch nicht unsere Absicht, hier eine eingehendere Darstellung der Todesaussichten der Geschlechter zu versuchen. Jede Berechnung wird in letzter Hand durch die Tatsache vereitelt werden, daß die Sterblichkeit nicht konstant ist, sondern für die Alter, die wir bisher haben beobachten können, abnimmt, ohne daß wir die Gewißheit haben, daß es bei noch höherem Alter weiter so fortgeht. Unsere Erfahrung reicht mit anderen Worten nicht aus, 11m die Lebens- und Todesaussichten der Geschlechter mit voller Sicherheit bestimmen zu können. Das für uns wichtigste Resultat dieser Untersuchungen über die Sterblichkeit der Geschlechter nach dem Alter ist das, daß sie in jungen Jahren am größten ist, und dann, soweit unsere Erfahrung bis dato reicht, abnimmt. Das heißt mit anderen Worten, daß die meisten historischen Geschlechter im ersten, zweiten und sogar dritten Glied sterben; gelingt es ihnen, dieses zu überleben, so vermehren sich, wenigstens für eine Zeit, ihre Lebensaussichten. Sie haben dann in den Fällen, wo sie direkt aus den tieferen Lagern des Volkes gekommen sind, die Umwandlung von einer niedrigeren Kultur in eine höhere dnrchgemacht, haben die ersten und größten Gefahren dieser Umwandlung siegreich bestanden und sich den feineren Lebensverhältnissen, die die höheren Klassen gemeinhin auszeichnen, angepaßt. Aber vielleicht noch wichtiger als dies, sie sind dann an Größe und Mitgliederzahl etwas gewachsen, und sind dadurch weniger zufälligen Unglücksfällen ausgesetzt. * * * Sterblichkeit nach den Zeiten. Auf die Darstellung über den Abgang der Geschlechter nach dem Alter muß eine solche über die Sterblichkeit während der verschiedenen Zeiten folgen. I) Eine exakte Bestimmung kann infolge der großen Zeitabstände, 25 Jahre, nur durch Interpolation geschehen, was jedoch für unsere Zwecke überflüssig ist. Eine Kenntnis hierüber hat ihren großen Wert, teils mit Rücksicht auf die historische Kenntnis, die sie uns betreffs der Verschiedenheit vergangener Zeitperioden hierin schenkt, teils in bezug auf die Frage, inwieweit die Sterblichkeit jetzt andauernd ebensogroß ist wie früher. Die Frage liegt nämlich nahe, ob die Sterblichkeit unter den adligen Geschlechtern nicht mit gewissen Ereignissen in unserer Geschichte gestiegen und gefallen ist, und ferner, ob sie nicht, gleich der Mortalität nach dem Alter, konstant abnimmt. Ich habe zu diesem Zwecke Tabellen mit Kombination des Hinzukommens und Abganges der Geschlechter nach den Zeiten ausarbeiten lassen, sehe mich aber aus Raummangel gezwungen, diese, wie die Todes- und Ueberlebenstabellen, hier ausfallen zu lassen. Mit Hilfe dieser Tabellen sind untenstehende Sterbeziffern für die verschiedenen Zeitperioden ausgerechnet. Von iooo untenstehenden Zeitperioden angehörenden Geschlechtern erloschen während derselben 1 ): W16/ 1641/ 1666 / 1601/ 1716/ 1741/ 1766/ 1791/ 1S16 / 1841/ 1866/ / 40 / 65 / 90 /1715 / 40 / 65 190 /1815 /40 / 65 / 99 Adlige Geschlechter. 73 175 j 78 234 241 198 157 224 190 140 129 Freiherrliche und gräfliche Geschlechter. 211 197 218 327 257 135 231 131 144 158 94 1) Die Berechnung ist analog der Ausrechnung der Sterblichkeit nach dem Alter,, nur mit dem Unterschiede in der Berechnungsart, die daraus folgt, daß dort die Mortalitätskoeffizienten, hier die Sterbeziffern gegeben werden, bewerkstelligt. Infolge des Interesses, das in diesem Falle die absoluten Zahlen bei einem Vergleich miteinander gewähren, teilen wir die Berechnung in extenso mit. Sie umfaßt, wie natürlich ist» nur die Geschlechter mit bekannten Todesjahren und wirklich ausgestorbene. Adlige Geschlechter. Jahr Zugang Geadelt Ausgestorben Abgang Durchschnittszahl Sterblichkeit 0 / / 00 1616—1640 94 69 9 154 1 24,0 73 1641 —1665 154 296 49 401 277-5 '75 1666— 1690 401 334 93 642 521,5 178 1691—1715 642 223 158 707 674-5 234 1716—1740 707 297 184 820 763,5 241 I/4 1 —'"65 820 >36 160 796 808,0 198 1766— 1790 796 153 127 822 809,0 '57 1791 — 1815 822 80 '74 728 775>° 224 1816 — 1840 728 6 3 '3 2 659 693-5 190 1841 — 1865 659 2 2 88 593 626,0 140 1866—1890 593 2 72 523 558,0 129 Was nun bei der Betrachtung dieser Zahlen zuerst auffällt, ist, daß bei diesen keine so sichtbare Ordnung herrscht wie bei der Sterblichkeit nach dem Alter. Sie steigen und fallen ohne ein gewisses abgemessenes Gleichmaß. Für die adligen Geschlechter beginnen sie mit einer sehr niedrigen Ziffer in der Periode von 1616 bis 1640, steigen hierauf erst rasch, dann langsam, bis in der Zeit von 1716—1740 das Maximum erreicht wird; darauf erfolgt ein rasches Fallen, aber mit starken Hin- und Herschwankungen. Für die Geschlechter der höheren Stände ist die Sterblichkeit 1691—1715 am größten, 1866—1890 am geringsten gewesen, aber auch hier herrschen starke Schwankungen. Der hieraus zu ziehende Schluß ist der, daß in der Folge der Zeiten keine ausgeprägte Tendenz in der einen oder der anderen Richtung, sei es die Sterblichkeit zu erhöhen oder zu erniedrig'en, vorhanden war. Im großen Ganzen kann man zwar sagen, daß die Geschlechter zu den Zeiten, wo der Adel eine große Bedeutung' hatte und eine in jeder Hinsicht privilegierte Stellung besaß, in größter Menge ausstarben; daß sie sich dagegen in der Jetztzeit, wo zwischen dem Adel und den übrigen höheren Klassen kein Unterschied mehr ist, besser bewahren. Aber dies Urteil ist nicht buchstäblich zu nehmen, weil viele und bedeutende Abweichungen davon vorkommen. Außerdem erklärt sich der genannte Umstand aus der verschiedenen Alterszusammensetzung der Masse des Adels früher und jetzt. Denn infolge der Abnahme der Sterblichkeit mit dem Alter, die wir eben gefunden haben, müssen Gräfliche und freiherrliche Geschlechter. Jahr Zugang In den Grafen- oder Freilierrn- stand erhoben Tot Abgang Durchschnittszahl Sterblichkeit 0 /oo 1616—1640 9 3 2 10 0,5 211 1641 —1665 10 58 7 61 356 ■97 1666 — 1690 61 41 16 86 736 218 1691 —1715 86 56 32 110 98,0 327 1716—1740 110 96 3& 170 140,0 257 1741 — 1765 I/O 39 2 4 185 177,5 135 1766 — 1790 185 64 45 204 194,5 231 1791 —1815 204 65 29 240 222,0 131 1816 — 1840 24O 40 35 245 242,5 144 1841 —1865 245 14 37 2 2 2 233,5 158 1866—1890 222 2 20 204 213,0 94 Der Ausgangspunkt ist auf das Jahr J 616 gesetzt, damit er mit dem Anfange der sogenannten Großmachtstellung Schwedens zusammenfalle. diese Zahlen um so größer sein, je mehr junge Geschlechter sich unter der Masse des Adels befinden, und umgekehrt, um so kleiner, je mehr der Adel aus älteren Geschlechtern besteht. In den Zeiten, wo der Adelstand fleißig durch neue Geschlechter rekrutiert wurde, muß daher auch der Abgang groß gewesen sein, jedoch, wie wir bei einem Blick auf die in der Anmerkung mitgeteilten Zahlen sofort finden, nicht so, daß Zugang und Abgang in dieselbe fünfundzwanzigjährige Periode fallen. In den Zeiten wiederum, wo das Adeln selten ist, oder, wie in der Jetztzeit, so gut wie aufgehört hat, bestehen meistens solche Geschlechter, die die kritischen drei ersten Glieder überlebt haben und also eine geringere Sterblichkeit haben. Dies ist die Erklärung des Unterschiedes in den Absterbezahlen zwischen früher und jetzt. Allein wenn sich somit in den oben gegebenen Absterbeziffern keine bestimmte Tendenz, und besonders keine auf den Zeitperioden beruhende Abnahme der Sterblichkeit zu erkennen gibt, so bleibt doch noch die Frage, ob sich die großen Verschiedenheiten, die zwischen einzelnen Zeitperioden existieren, nicht auf gewisse historische Ereignisse zurückführen lassen, welche das eine Mal eine große, das andere Mal eine geringe Sterblichkeit unter den adligen Familien verursacht haben. Eine Bestätigung wenigstens der ersteren Annahme meint man in der Sterbeziffer für die Perioden 1691 —1715 und 1716—1740 zu erblicken, wo die Sterblichkeit sowohl für die Geschlechter des niederen wie des hohen Adels ihren Höhepunkt erreichte. Man ist geneigt, sie mit den inneren Umwälzungen, die die große Reduktion herbeiführte, sowie den erschütternden Ereignissen, die der Großmachtstellung Schwedens ein Ende machten (der Tod Karls XII. 1718) in Verbindung zu bringen. Und auf dieselbe Weise entsteht für die adligen Geschlechter in derZeit von 1791 —1815, wo Schweden Fin- land verlor, ein anderes Maximum. Möglich ist es ja, daß zwischen diesen Umwälzungen und den Absterbezahlen ein innerer Zusammenhang besteht. Mit Sicherheit können wir es aber nicht sagen. Denn auch ohne die genannten großen Ereignisse hätten die Absterbezahlen für die Perioden 1691 —1740 infolge des enormen Zuflusses neuer Geschlechter seit 1641 ihr Maximum erreicht haben müssen. Dank diesem Zufluß, der in der Zeit von 1666—1690 die hohe Zahl von 334 Geschlechtern niederen Adels erreicht, bestand der Adel genannter Zeit überwiegend aus neuen Geschlechtern, die laut der für die Geschlechter geltenden Ord- — 95 — nung notwendig einer großen Sterblichkeit unterworfen waren. Und was die hohe Absterbezahl für die unglückliche Zeit von 1791 bis 1815 anbelangt, so betrifft diese ausschließlich die Geschlechter des niederen Adels, nicht die beiden höheren Stände, die im Gegenteil gerade für diese Zeit eine ungewöhnlich niedrige Absterbezahl (131) aufzuweisen haben. Der Zusammenhang zwischen den genannten historischen Ereignissen und den hohen Absterbezahlen ist demnach alles andere als sicher. Und für die übrigen Perioden sucht man vergebens auch nur die Spur eines solchen Zusammenhanges zu konstatieren. Man sieht sich deshalb zu der Annahme gezwungen, daß die Schwankungen in den Todeszahlen von einer Periode zur anderen in überwiegendem Grade auf der verschiedenen Alterszusammensetzung der Masse der Adelsgeschlechter in den verschiedenen Zeiten, und im übrigen auf reinen Zufälligkeiten, hervorgerufen teils durch die Kleinheit der absoluten Zahlen, wie betreffs des niederen Adels für die Zeit von 1616 —1640, betreffs des hohen Adels für dieselbe Zeit wie für die unmittelbar darauf folgenden, teils auch auf der willkürlichen Einteilung in fünfundzwanzigjährige Perioden beruht haben. Denn diese Gruppierungen, die wir gleichwohl vornehmen mußten, sind manchmal wie ein Prokrustesbett, auf welchem die Erscheinungen mitten durchgehauen oder verstümmelt werden. In diesem Falle können wir uns jedoch damit trösten, daß sicher keine andere Zeiteinteilung ein anderes oder besseres Resultat ergeben hätte. In dem ersten Stücke dieses Kapitels studierten wir die Sterblichkeit nach den Anfangszeiten der Geschlechter und bis zur Gegenwart, in diesem haben wir sie nach den Ausgangszeiten derselben untersucht. Aus dem ersteren ersahen wir, daß die Sterblichkeit, nach ihrem Resultate gemessen, in gleichem Verhältnisse zu der Entfernung der Anfangszeiten von der Gegenwart, oder mit anderen Worten, nach dem Alter groß oder gering gewesen ist. Ob neue Geschlechter massenweise oder nur sparsam hinzugekommen sind, wirkte hierauf nicht ein. Plier erfahren wir, daß die Geschlechter zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden, aber nicht infolge der Zeiten abgegangen sind. Man kommt somit zu dem Schluß, daß die äußeren Zeitverhältnisse in diesen 200 bis 300 Jahren, wie wechselreich sie auch besonders für den Adel waren, nicht bemerkenswert auf das Aussterben der Adelsgeschlechter eingewirkt haben, sondern daß — 96 — dieses unabhängig von der Größe des Zugangs an Geschlechtern und unabhängig von dem Glanz oder Niedergang der Zeiten, hauptsächlich nach den inneren Gesetzen für diese Erscheinung, vor sich gegangen ist. Dies ist ein wichtiges Resultat, das uns die Lehre gibt, daß die adligen Geschlechter, und wohl im allgemeinen das historische Geschlecht, ihr Schicksal in sich selbst, in ihren eigenen Lebensbedingungen und ihrer eigenen Lebensgeschichte tragen. Achtes Kapitel. Statistische Geschichte der ausgestorbenen Geschlechter. Wie die Geschlechter erloschen. In dem Vorhergehenden haben wir die verschiedenen Arten erwähnt, wie die Geschlechter im allgemeinen erloschen sind: durch wirkliches Aussterben, Auswanderung, Unauffindbarkeit u. s. w. Hier handelt es sich um die Arten des physischen Todes. Wie die Individuen auf mehr als eine Art sterben können, durch Krankheit, Unglücksfälle, Selbstmord u. s. w., so können dies auch die Geschlechter. Bevor wir weiter gehen, müssen wir jedoch die Bemerkung vorausschicken, daß wir in diesem Stücke unter dem Aussterben von Geschlechtern nur den Untergang des letzten Sprößlings verstehen. Der Untergang eines Geschlechtes läßt sich zwar oft schon mehrere Glieder vorher, ehe die Schlußkatastrophe einbricht, wahrnehmen. Und will man die obige Frage gründlich beantworten, so muß man dem Geschlechte während seines ganzen Daseins folgen. Aber so weit geht, außer betreffs der Geschlechter, die nur ein Glied besitzen, und von denen eine große Anzahl vorhanden ist, die Untersuchung jetzt nicht. Das bleibt für die folgende Darstellung übrig. — Zunächst handelt es sich um den Schluß, den letzten Sprossen der Geschlechtskette und die näheren statistisch greifbaren Umstände, die ihn zum letzten seiner Familie machten. Diese Umstände geben zugleich die Art des Erlöschens des ganzen Geschlechtes an. Wie das Leben des Geschlechtes durch das Fortleben und Hinzukommen männlicher Abkommen gesichert wird, so erlischt es auch durch das Nichtvorhandensein männlicher Nachkommenschaft ehelicher Geburt, welche ihren Erzeuger überlebt. Daß Geschlechter durch außereheliche Kinder fortleben können, ist ein Umstand, der, wie schon im Vorhergehenden (S. 60) gesagt ist, Fahlbeck, Der schwedische Adel. ( in dieser Arbeit unberücksichtigt bleibt. Das statistisch greifbare Geschlecht ist nur die sozial und legal anerkannte männliche Blutsverwandtschaftsgruppe; nur sie bildet auch ein in sozialer Beziehung gleichwertiges Ganzes. Und sie steht und fällt mit dem Hinzukommen ehelich geborener Söhne in jedem Gliede. Endet ein Glied, ohne eine solche männliche Nachkommenschaft zu hinterlassen, so wird die Kette abgebrochen, und das Geschlecht oder der Geschlechtszweig stirbt aus. Dies kann auf mehr als eine Art geschehen. Der letzte Sprosse kann als Kind oder unmündig sterben, bevor er noch eine Familie hat gründen und dadurch das Geschlecht weiter führen können; er kann ferner als Junggeselle sterben, oder nachdem er in einer sterilen Ehe gelebt hat, oder in einer Ehe, die nur Töchter, oder endlich in einer, die Söhne hat, welche vor dem Vater gestorben sind. In allen diesen Fällen stirbt das Geschlecht aus. Offenbar ist es bei diesem Studium der Art des Aussterbens der Geschlechter gleichgiltig, ob die ausgestorbenen Geschlechter selbständige Geschlechter oder nur Geschlechterzweige sind. Denn es sind bei dieser Untersuchung alle durch physischen Tod erloschenen Geschlechter mitgenommen worden, über deren Ende die Quellen bestimmte Angaben enthalten. Ihre Anzahl beträgt 1452. Werden sie nach den verschiedenen Arten des Erlöschens und unter Trennung der Eingliedsgeschlechter von den anderen Geschlechtern verteilt, so erhält man folgende Zahlen: Der letzte Sp,rößling beim Tode: Eingliedsgeschlechter 1 °/ / 0 übrige Geschlechter 1 °l in Summa 1 °l / 0 Mündig unverheiratet 122 ; 23,9 454 48 ,1 57 6 207 39i/ Verheiratet oder Witwer: • ohne Kinder 155 J 30.5 195 2°, 7 35° 24 ,1 nur mit Töchtern IO8 21,2 143 15. 2 2 5i ! 7i3 mit Söhnen y vor dem Vater 124 24,4 129 •3,7 2 55 1 7 >4 Unmündig — — 22 2 >3 22 '.5 Summa 509 100,00 943 100,00 1 45 100,00 Betrachtet man sämtliche aufgenommene Fälle (die letzten Kolumnen), so bedarf es kaum eines Kommentars zu diesen Zahlen. Die gewöhnlichste Ursache des Erlöschens dieser Geschlechter ist das Cölibat, demnächst die Kinderlosigkeit gewesen, was beides ganz natürlich erscheint. Eigentümlich dagegen ist, daß es relativ so oft eingetroffen ist, daß Söhne vor dem Vater gestorben sind. 99 — Möglicherweise ist zwischen diesem und der großen Seltenheit des Erlöschens von Geschlechtern infolge des Todes Minderjähriger ein Zusammenhang. Vielleicht läßt sich dies so erklären, daß die Ehen in diesen Familien seitens der Männer in jungen Jahren geschlossen worden sind. Deshalb sind in so vielen Fällen die Söhne vor dem Vater, und so selten ein vaterloser Sohn vor eingetretenem Mündigkeitsalter gestorben. — Dieselben Beobachtungen, die man betreffs sämtlicher Geschlechter machen kann, stellen sich, nur mit einer anderen Verteilung in den verschiedenen Arten des Erlöschens, auch bei den Geschlechtern, die mehr als ein Glied besessen haben, ein. Die Eingliedsgeschlechter wieder bieten einen abweichenden Typus dar. Das Erlöschen durch , den Tod im Unmündigkeitsalter kann hier natürlich nicht vorkommen. Auch das Cölibat spielt bei weitem keine so große Rolle, ob- schon diese Fälle andauernd oft, öfter, als man vermuten sollte, vorkommen. Man meint, der zuerst in den' adligen Stand erhobene Mann müsse äußerst eifrig bestrebt sein, sich eine Familie zu schaffen und seinen Namen fortzupflanzen. Möglicherweise sind jedoch diese Emporstrebenden, eine Auswahl von Intelligenz und Kraft, so in ihrer Arbeit aufgegangen, daß sie ihretwegen oft erst an eine Heirat gedacht haben, als es zu spät war, oder daß der Tod dazwischen trat, bevor sie ihren Entschluß zur Ausführung bringen konnten. Von dieser Einleitung zur Frage des Aussterbens der Geschlechter müssen wir nun zu einer vollständigen Klarstellung derselben, soweit sich eine solche mit statistischen Daten vornehmen läßt, schreiten. Das heißt, wir müssen zu finden suchen, wie dieselben Todesursachen, deren Vorkommen am Ende der Geschlechtskette wir studiert haben, während des ganzen Lebens der Geschlechter gewirkt haben. Denn andere, äußerlich hervortretende und statistisch greifbare Ursachen für das Aussterben der Geschlechter existieren nicht. Es gilt also zu sehen, wie dieselben Kräfte und Zufälligkeiten ein Glied nach dem anderen, vom Anfang bis zum Ende, in den Geschlechtern mit mehr als einem Gliede gewirkt haben. Die statistische Geschichte der Eingliedsgeschlechter ist mit der des letzten Sprößlings, der zugleich selbst der Stammvater, also zugleich Anfang und Ende war, gegeben. Jetzt wollen wir die Zwei- und Mehrgliedsgeschlechter näher analysieren. Zu diesem rZwecke ist eine besondere Statistik hierüber aufgestelt, die sich in Tabelle V unter den Beilagen befindet. Diese Statistik umfaßt 7* 100 indessen eine kleinere Anzahl Geschlechter, und zwar insgesamt 825 1 ). Die nötige Sichtung mit Rücksicht auf die Vollständigkeit und Zuverlässigkeit der Angaben hat dies notwendig gemacht. Nur solche Geschlechter, deren Stammbäume sich nach dem jetzigen Stande der genealogischen Forschung als einwandsfrei erwiesen haben, sind mit aufgeführt. * * «1; Familienstand und Zahl der stehenden Ehen. Das erste Kapitel in der statistischen Geschichte der Geschlechter gehört der Ehe an. Für das Geschlecht eröffnet die Ehe zwar nicht, wie meistens bei den Individuen, den Eintritt ins Leben, aber sie trägt die Verheißung daran in sich. Die Ehe ist die erste Voraussetzung und die Bedingung für Fortexistenz der Geschlechter. Man kann also erwarten, daß das Studium der Eheschließungen in den ausgestorbenen adligen Geschlechtern uns dazu verhelfen wird, etwas von dem Schleier, der uns die Ursachen des Aussterbens verhüllt, zu heben, insofern das Verhältnis zur Ehe eine derselben ist. Viele Methoden werden angewendet, um die Ehelichkeit und die Heiratsfrequenz — zwei nahe verwandte und doch verschiedene Begriffe — einer Volksmasse zu messen. Die Heiratsfrequenz oder Eheschließungsziffer betrifft nur die Anzahl der in einer gewissen Zeit, gewöhnlich während eines Jahres, eingegangenen Ehen; die Ehelichkeit oder „die Zahl der stehenden Ehen" dagegen bezeichnet das Resultat der Heiratsfrequenz in der stehenden Bevölkerung innerhalb eines längeren Zeitraumes, oder die Anzahl, in welcher die Individuen an dem Institute der Ehe teil haben, was man auch den Familienstand oder die Zivilstandsverhältnisse schlechthin nennt. Die statistische Darstellung der letzteren kann, wie gesagt, auf mehr als eine Art, die eine mehr oder weniger exakt als die andere, geschehen. Man kann sich darauf beschränken, die in einem gewissen Zeitmomente Verheirateten zu rechnen und als Vergleichsglied zu ihnen bald das ganze Volk, bald die Heiratsfähigen allein, bald schließlich die Unverheirateten unter den letztgenannten zu nehmen. Diese Verfahren geben jedoch nur ein Augenblicksbild der Ehelichkeit. Um ihre Intensität in einem gegebenen Zeitalter richtig zu messen, muß man außer- 1) In der schwedischen Auflage sind 837 Geschlechter angegeben, aber infolge eingehenderer Untersuchung sind 12 davon hier ausgeschlossen. Auch in anderer Beziehung ist das Material gesichtet und vervollständigt worden. dem diejenigen in Betracht ziehen, die einmal verheiratet gewesen und es jetzt nicht mehr sind, Witwer, Witwen und Geschiedene, aber nicht bloß diese allein, sondern auch diejenigen unter den Heiratsfähigen, die noch nicht verheiratet sind, sich aber vor Ende ihres Lebens verheiraten. Man muß mit anderen Worten wissen, wie viele ein reiferes Alter erreicht haben und in ihrem Leben verheiratet waren. Die beste Methode zur Messung der Ehelichkeit in dem eben angedeuteten Sinne ist die, daß man jede Generation für sich nimmt, sie vom Eintritt in das heiratsfähige Alter an bis zum Ende ihres Lebens verfolgt und dann schließlich aus der Lebensgeschichte der Individuen in dieser Beziehung das Facit zieht. Das im Anhang, Tab. V, gegebene Material über die ausgestorbenen Adelsgeschlechter setzt uns in den Stand, die Zahl der stehenden Ehen bei ihnen, d. h. für den männlichen Teil, auf bestmögliche Weise zu messen. Wir können mittels dieses Materials das männliche Geschlecht von Generation zu Generation vom Anfang bis zum Ende verfolgen und sehen, wie die Individuen, jedes bis zum Ende seines Lebens, sich auf Unmündige, welche als noch nicht heiratsfähige gestorben sind, Mündige, die keine Ehe geschlossen haben, und Verheiratete, sowie Witwer und Geschiedene, verteilen. Natürlich kommen nur das zweite Glied und die folgenden in Betracht. Das erste Glied der Zwei- oder Mehrgliedsgeschlechter kann nur aus Verheirateten bestehen. Nimmt man wieder die Eingliedsgeschlechter mit, so verändert sich das Verhältnis; aber diese sind im vorhergehenden Abschnitt behandelt. In sämtlichen Geschlechtern zusammengenommen verhalten sich — um nur diese anzugeben — die verheiratet und unverheiratet gewesenen Heiratsfähigen folgendermaßen: unverheiratet 48,6 °/ 0 , verheiratet 51,4 °/ 0 . Vergleicht man hiermit die Zahlen, die man für die entsprechenden Altersklassen (vom 20. Jahre an) und Zivilstandskategorien unter den 1871 —1880 und 1881 —1890 gestorbenen Männern in Schweden erhält, so zeigt sich ein ungeheurer Unterschied. Denn in dem ersteren Jahrzehnt betrugen die Unverheirateten 22,99 %• die Verheirateten mit Witwern und Geschiedenen 77,01 °/ 0 sämtlicher hierhergehöriger Gestorbener, und in dem letzteren 22,08 resp. 77,92 °/ 0 . Im Vergleich zu diesen Ziffern zeigen die ausgestorbenen Adelsgeschlechter eine erstaunlich geringe Ehelichkeit. Wir wollen jedoch diese Vergleichungen hier nicht weiter entwickeln, da wir später hierauf zurückkommen werden. Ebenso wenig wollen wir uns bei einer Zusammenstellung der verschiedenen Gruppen von Geschlechtern, der Zwei-, Drei-, und Mehrgliedsgeschlechter in dieser Beziehung aufhalten, sondern gehen direkt an die Untersuchung des Familienstandes in den Gliedern oder Generationen jeder solchen Gruppe, denn erst hierdurch erhalten wir den rechten Einblick in die Ehelichkeit innerhalb der Geschlechter und somit auch in die Bedeutung derselben für ihren Bestand. Der Vollständigkeit wegen wollen wir hierbei nicht nur, wie eben geschehen, so verfahren, daß die Verheirateten einzig und allein mit den Heiratsfähigen verglichen wurden, sondern auch so, daß sie mit sämtlichen Individuen zusammengestellt werden. Dies ist in statistischen Publikationen die gewöhnliche Art, wie die Zahl der stehenden Ehen angegeben wird. Wird sie auf die ausgestorbenen Geschlechter aber mit Unterscheidung nach den Gliedern angewendet, so erfährt man, daß das Heiraten stark mit diesen abgenommen hat. Es möge genügen, als Beweis hierfür nur die Zahlen für die Fünfgliedsg'eschlechter anzuführen eher Männlichen. 0/ i » 55.8 4',i 35.9 16,8 Ebenso verhält es sich in den übrigen Geschlechtergruppen. Die auf diese Weise gemessene Eheziffer zeigt eine fortlaufende und rapide Degression; und man ist ohne weiteres geneigt, dieser Degression die Schuld für die abnehmende Größe der Glieder und das Aussterben der Geschlechter beizumessen. Diese Schlußfolgerungen sind jedoch übereilt. Aber sie zeigen gleichzeitig, wie leicht der Uneingeweihte sich in den Irrgängen der Statistik verirrt. Die für die Messung der Ehelichkeit hier angewendete Methode ist sehr unvollkommen, indem sie ein Element, die Unmündigen, mit in den A^ergleich zieht, das zur Masse der Verheirateten in keinem Funktionsverhältnis steht. Schließt man die ersteren aus und untersucht dann den Familienstand nur unter den Heiratsfähigen, so kommen wir zu einer anderen Betrachtungsweise dieser Dinge. Von denen, die ein reiferes Alter erreicht haben, waren unverheiratet und verheiratet gewesen in relativen Zahlen Verheiratet in °/ 0 sämtli Glied II III IV V — 103 — Unverheiratet Verheiratet 0 ' / 0 7«, Fiinfgliedsg eschlechter Glied II 31 ,2 68,8 „ III 36,6 63,4 .. iv 39 ,4 60,6 „ V 69,6 30,4 Sechsgliedsg eschlechter Glied II 34,8 65,2 „ in 30,8 69,2 .. IV 30 ,5 69.5 .. V 49,4 50,6 ,, VI 65,5 34.5 Unverheiratet Verheiratet 01 0/ / o / o Zweigliedsgeschlechter Glied II 70 ,9 29 ,1 Dreigliedsgeschlecliter Glied II 39.6 60,4 „ in -3.4 26,6 Viergliedsgeschlechter Glied II 35,8 64.2 ni 37,7 62,3 >, IV 66,7 33,3 Die entsprechenden Zahlen für die Siebengliedsgeschlechter, die indessen zu kleine Massen darbieten, als daß ihre Zahlen Berücksichtigung finden könnten, befinden sich unten in der Note 1 ). Bei der Betrachtung dieser Zahlen fällt sofort einerseits die Ähnlichkeit zwischen den Gliedern innerhalb der Geschlechter ausser dem letzten, andererseits die ungeheuer geringe Zahl der stehenden Ehen bei diesem Gliede auf. Dies ist nicht etwa ein anderes Bild des Verhältnisses als das, welches das obige Beispiel von den Fünfgliedsgeschlechtern gibt. Denn auch hier scheint, außer bei den wenigen Sechsgliedsgeschlechtern, eine gradweise Verminderung in der Ehelichkeit nach den Gliedern stattzufinden. Aber das Verhältnis ist nicht so deutlich ausgeprägt, daß es den erstgenannten Eindruck der Gleichförmigkeit verwischt oder uns veranlassen kann, bestimmte Schlußsätze daran zu knüpfen. Der starke Bruch am Schlüsse ist dagegen überall gleich hervortretend. Eine Folge hiervon ist, daß die Zweigliedsgeschlechter, die außer dem des Stammvaters nur dieses Glied besitzen, eine durchgehen ds sehr geringe Eheziffer haben. In den übrigen Gruppen wechselt das Verhältnis, wie gesagt, von früheren Gliedern bis zum letzten stark, aber für alle ziemlich gleich. Diese durchgehende Übereinstimmung in allen Gruppen zeigt, daß wir es hier mit einem typischen Zug in dem Leben dieser Geschlechter zu tun haben. Die Zahl der stehenden Ehen hat sich in den früheren Gliedern auf 60—70% sämtlicher Fleiratsfähiger (in den Sechsgliedsgeschlechtern 50 —7O°/ 0 ) gehalten, um in dem letzten auf nur 26 bis 34% zurückzugehen. 1) Das zweite Glied hatte 15,4 Unverheiratete gegen 84,6 Verheiratete und so Glied auf Glied 43,3 U. 56,7 V., 37,5 U. 62,5 V., 26,3 U. 73,7 V., 30,0 U. 70,0 V. oswie 66,7 U. 33,3 V. — also dieselbe Erscheinung wie in den übrigen Gruppen. Dieser plötzliche Umschlag erscheint eigentümlich. Man fragt sich unwillkürlich, woher er kommt? Denn auch wenn man zu bemerken glaubt, daß er sich in den früheren Gliedern vorbereitet, so kommt er doch zu stark, um ein natürliches Ergebnis des Lebens dieser Geschlechter zu sein. Er tritt vielmehr als ein von außen kommendes Unglück auf. Das Cölibat kann sich ja immer geltend machen und bedroht den Bestand der Geschlechter; Zufälligkeiten können bewirken, daß es sich an einem Punkt der Gliederkette so anhäuft, daß dieses dann das letzte wird. Sein starkes Auftreten im letzten Gliede wäre in diesem Falle ein Werk des Zufalles. Allein auch diese Erklärung löst nicht alle Zweifel. Die Bedeutung der angeführten Verhältnisse für den Bestand der Geschlechter ist gleichwohl offenbar. Es geht mit der Eheziffer zwar nicht, wie es nach der ersten Art der Messung derselben aussah, beständig abwärts. Aber sie ist, selbst wenn sie am höchsten steht, doch stets sehr gering 1 ) und im Endgliede abnorm niedrig. Es ist klar, daß diese Verhältnisse, wenn man ihnen auch keineswegs die ganze Verantwortung für das Aussterben der Geschlechter aufbürden kann, doch in nicht geringem Grade dazu beigetragen haben. Denn ohne Ehe keine Zukunft; und je weniger Ehen, um so geringere Aussichten zur Weiterführung des Geschlechtes. Das eingehendere Studium der Geschichte der Geschlechter bringt uns also schon beim ersten Schritte der Erklärung der Erscheinung, die wir zu untersuchen vorgenommen haben, oder den Ursachen des Aussterbens der Adelsgeschlechter, bedeutend näher. Eine erschöpfende Darstellung der Ehelichkeit in den Adelsgeschlechtern erfordert, daß die Wiederverheiratungen, welche oben nicht besonders beachtet sind, mit in den Kreis der Betrachtung gezogen werden. Da diese indessen eine untergeordnete Rolle neben dem großen Entweder — Oder, Verheiratet oder Unverheiratet, spielen, so übergehe ich sie. Hier möge es genügen, als weitere Illustration zu dieser Seite der Geschichte der Geschlechter anzuführen, daß diejenigen, die sich verheirateten, dies gewöhnlich ordentlich taten, so daß, wenn der Tod die Ehe auflöste, der Witwer bald wieder eine neue schloß und damit i) Die entsprechenden Zahlen in den Eingliedsgeschlechtern sind, wie wir uns aus dem vorhergehenden erinnern, bedeutend günstiger: 23,9 °/ 0 Unverheiratete gegen 76,1 °/ 0 Verheiratete. seine Zufriedenheit mit seinen Erfahrungen im Ehestande bezeugte. Und die Gelegenheiten dazu waren nicht selten. Auf iooo erste Eheschließungen innerhalb sämtlicher Geschlechter kamen 215 Wiederverheiratungen, darunter 185 zweite, 27 dritte und je 3 vierte und fünfte Ehen 1 ). Brutal ausgedrückt bedeutet dies, daß jeder verheiratete Mann im abstrakten Durchschnitt beinahe 1 '/ 4 Frauen verbraucht hat, was bedeutend mehr ist, als was jetzige schwedische Ehemänner aller Klassen im Durchschnitt erreichen. In welchem Grade die unverheirateten Frauen es in dieser Hinsicht mit den Männern gehalten haben, geht aus der vorliegenden Statistik nicht hervor. * * * Fruchtbarkeit. Für das Geschlecht liegt der Zweck der Ehe in der Fortpflanzung. Die Ehen, die nicht durch Kinder zum Bestände des Geschlechtes beigetragen haben, sind für dieses so, als hätten sie gar nicht existiert. Die Fruchtbarkeit der Ehe ist somit die noch nähere Voraussetzung für den Fortbestand der Geschlechter. Denn kinderlose Ehen sind für das Geschlecht wie eine Sackgasse ohne Ausgang und ohne Aussicht. Die Fruchtbarkeit, worunter selbstverständlich nur die Geburten in der Ehe, nicht die unehelichen Geburten, verstanden werden, wird jetzt gewöhnlich dadurch gemessen, daß man die zu einer gewissen Zeit Geborenen zur Durschnittszahl Frauen, und in diesem Falle der verheirateten Frauen im Fruchtbarkeitsalter während derselben Zeit in Beziehung setzt 2 ). Mit den Mitteln, die bis jetzt der offiziellen Statistik zu Gebote stehen, kann sie nicht anders verfahren. Aber in Wirklichkeit erhält man auf diese Weise nicht das Maß der Fruchtbarkeit, sondern das, was man die Geburtenfrequenz nennt, oder die Anzahl Geburten zu einer gewissen Zeit auf die Anzahl verheiratete Frauen, ein Begriff, der sich zur Fruchtbarkeit verhält wie die lleiratsfrequenz zur Ehelichkeit. Die Fruchtbarkeit ist näm- 1) In dieser Statistik sind nicht nur die Erfahrungen vom zweiten und den. folgenden Gliedern, sondern auch vom ersten Gliede, dem des Stammvaters, mit aufgenommen. 2) Früher glaubte man sie zu finden, indem man die Anzahl der ehelich geborenen Kinder und die Anzahl Trauungen zueinander in Relation setzte, was natürlich ganz falsch war, da diese Massen nicht einmal im Funktionsverhältnis zu einander stehen. Diese Fehler werden durch das jetzige Verfahren vermieden; daß es aber doch nicht bietet, was es sollte, ist aus dem folgenden ersichtlich. lieh die Summe der Geburten, wie die Ehelichkeit die der Verheiratungen, und zwar nicht bloß zu einem gewissen Zeitpunkt während der Ehen, sondern vor allem am Ende derselben L ). Die sicherste Methode, die Fruchtbarkeit in den Ehen zu finden, ist somit, daß man ihnen vom Anfang bis zum Ende folgt. Dies Verfahren kann die offizielle Statistik indessen, wie eben angedeutet, nicht anwenden; ja nicht einmal die einfachere Art und Weise, die Anzahl g-eborener Kinder in den bestehenden Ehen zu zählen. Aber Privatpersonen haben innerhalb begrenzter Gebiete Untersuchungen angestellt und hierbei die eben genannte Methode angewendet 2 ). Für uns bietet sich dagegen der oben angegebene Ausweg von selbst dar. Die Statistik über die ausgestorbenen Adelsgeschlechter gibt uns über die Fruchtbarkeit der Ehen bei diesen einen ebenso vollständigen Aufschluß, wie über die Ehehäufigkeit. Wir müssen die Darstellung jedoch auf einen einfachen Bericht über den Umfang der fraglichen Erscheinung, also hier auf die Anzahl Kinder in den Ehen beschränken. Tiefer in die Untersuchung einzugehen und auch das Zeitmoment, d. h. die Fänge der Ehen sowie das Alter der Eheschließenden beim Eingehen derselben mit hineinzuziehen, würde über den Zweck dieser Studie über die historische Geschichte der Geschlechter hinausführen. Auch würden die Quellen hierüber dem in recht großem Maßstabe ein unerbittliches non possumus entgegensetzen 8 ). Um die Darstellung nicht mit allzu vielen Tabellen zu belasten, führe ich hier nicht die besonderen, für die Ehen errichteten ein, sondern verweise auf die im Anhange, Tabelle V, gegebenen Generaltabellen. Aus diesen kann man nämlich unmittelbar die Anzahl Ehen wie die Anzahl Kinder in den Ehen finden, die beiden Zahlen, durch deren Division man das Maß der Fruchtbarkeit erhält. Die Ehen sind in jedem Glied so viele, wie die in den Geschlechtern verheirateten Frauen; und die darin 1) Das Resultat der Geburten zu einem gewissen Zeitpunkte, d. h. die Summe lebender Kinder gibt einen andern Begriff, nämlich ,,die Größe der Familie". 2) Mehr hierüber in der letzten Abteilung dieser Arbeit. 3) Was die Quellen betrifft, sei im übrigen bemerkt, daß sie nichts über totgeborene Kinder enthalten. In dieser Beziehung ist also das Maß, das wir betreffs der Fruchtbarkeit finden, nicht vollständig. Wahrscheinlich kommen auch Fälle vor, wo Kinder im frühen Alter gestorben, aber in den Quellen nicht aufgenommen sind, obschon diese allerdings oft die Angabe haben: „ein Sohn (Tochter) in frühem Alter gestorben" u. dergl. — 107 — geborenen Kinder sind die Summen der in jedem folgenden Glied gezählten männlichen und in der Familie geborenen weiblichen Personen. Die Quote dieser beiden Zahlen für sämtliche hier behandelte Geschlechter, der verheirateten Frauen (3,232) und der in den Geschlechtern Geborenen beiderlei Geschlechts (10,946) macht 3,39. Dies ist somit im großen Durchschnitt die Fruchtbarkeit in der Ehe gewesen. Zieht man indessen die aus dem einen oder anderen Anlasse kinderlosen Ehen, insgesamt 708, ab, so ist die entsprechende Zahl 4,34 lebend geborene Kinder für jede Ehe. Ein Vergleich zwischen diesen und anderen in der Litteratur über diesen Gegenstand vorkommenden Zahlen läßt sich nur mit Vorsicht aufstellen, denn diese Zahlen betreffen nur abgeschlossene Ehen, deren Alter durchschnittlich größer war als das, welches die bestehenden Ehen zu einer gewissen Zeit haben, und ferner nur lebend geborene Kinder. Doch scheint die gefundene Fruchtbarkeit nicht eben klein g-ewesen zu sein. Sieht man von den kinderlosen Ehen ab, so dürfte man sie ohne Gefahr sogar als eine ziemlich große bezeichnen können. Man bedenke nur, daß diese Zahl (4,34) ein Durchschnitt sowohl aus kurzen wie aus langen Ehen ist, von denen außerdem sehr viele Wiederverheiratungen sind. Oft stößt man auch auf eine Erstaunen erweckende Fruchtbarkeit mit bis zu 16 und 17 Kindern in derselben Ehe. Betrachtet man demnach nur die Ehen mit Kindern, so erhält man unwillkürlich die Vorstellung einer g'ar nicht unbedeutenden Lebenskraft in diesen Geschlechtern. Und man hegt keinen Augenblick den Verdacht, daß ein Faktor des Aussterbens der Geschlechter in der geringen Fruchtbarkeit zu suchen sei. Zieht man sämtliche Ehen mit in Betracht, so schwächt sich der genannte Eindruck wohl etwas ab, man bleibt aber doch bei der Ansicht, daß die Geschlechter bei einer Durchschnittsfruchtbarkeit von 3,39 lebend geborenen Kindern auf jede Ehe wohl hätten bestehen können. Erst wenn man von diesen, die g'anze Masse umfassenden Zahlen an eine Analyse der Fruchtbarkeit in den Gliedern geht, gewinnt die Sache ein anderes Aussehen. Hierbei müßte zunächst das Verhältnis in sämtlichen Ehen (fruchtbaren und unfruchtbaren) angeführt werden; aber es genügt, sie nur in einer Geschlechtergruppe, z. B. den A^iergliedsgeschlechtern, darzustellen. — io8 — Anzahl der in den Ehen innerhalb der Viergliedsgeschlechter lebend geborenen Kinder. Kinder für jede Ehe Glied durchschnittlich I 4-9 II 3,8 III 2.6 IV o,8 Die entsprechenden Zahlen in den übrigen Geschlechtergruppen gestalten sich natürlich etwas verschieden, in allen zeigen sie aber in demselben mit den Gliedern stark fallenden Tempo. Die Fruchtbarkeit nimmt mit jedem Gliede von dem ersten an schnell ab und sinkt im letzten auf die überaus niedrige Zahl von zwischen 0,30 (Sechsgliedsgeschlechter) und 1,00 (Siebengliedsgeschlechter) Kindern auf die Ehe. Dies verändert mit einem Schlage die Auffassung von der Rolle der Fruchtbarkeit im Leben der Geschlechter. Gleichwohl wollen wir hier nicht in der Analyse stehen bleiben, sondern einen Schritt weiter gehen. Die angeführten Zahlen für die Fruchtbarkeit der Glieder betreffen sämtliche Ehen, die fruchtbaren wie die unfruchtbaren. Klar ist aber, daß man, wenn es sich tun läßt, die beiden Erscheinungen, die in dem generellen Begriff Fruchtbarkeit einbegriffen sind, isolieren und jede für sich studieren muß. Dieser Begriff enthält nämlich einerseits die spezifische Fruchtbarkeit, oder die Anzahl Kinder in den Ehen, die damit gesegnet sind, andererseits die Unfruchtbarkeit, die Unfähigkeit, Kinder zu bekommen. Die letztere ist eine besondere Eigenschaft, die eigentlich nichts anderes mit der Fruchtbarkeit zu tun hat, als daß sie der konträre Gegensatz zu dieser ist. Diese beiden Erscheinungen müssen also, falls man die Ehen mit bezug auf ihre Resultate kennen zu lernen wünscht, immer auseinander gehalten werden. Ein arithmetisches Mittel der Anzahl Ehen und der Anzahl Kinder ohne diese Unterscheidung hat nur als eine erste Uebersicht der Fruchtbarkeit seinen Wert; ein genaueres Studium derselben erfordert unwillkürlich, daß jedes der darin enthaltenen Momente für sich behandelt werde. Nur auf diese Weise findet man, wie sie sich wirklich gestaltet. Die auf diese Weise dargestellte Fruchtbarkeit in den Gliedern gibt nicht ein wesentlich anderes Bild als das, von dem wir eben eine Probe gegeben haben; aber die Zahlen folgen doch, wie untenstehende Tabelle ausweist, in einem etwas veränderten Tempo. — iog — Anzahl der Kinder in den fruchtbaren Ehen nach den Gliedern. Glied I 11 III Zweigliedsgeschlechter 4,4 Ü5 Dreiglieds- ,, 5$ 3.8 i,9 Vierglieds- ,, 5,5 4,6 3-4 Fünfglieds- „ 5.8 5,5 3.8 Sechsglieds- „ 4.2 ' 4,7 4.4 Die Fruchtbarkeit ist nach diesen Zahlen im ersten Gliede sehr hoch gewesen und ergibt zwischen 4,2 und 5,8 Kinder auf die Ehe. Die wenigen Siebeng-liedsgeschlechter prangen sogar, wie aus den unten mitgeteilten Zahlen hervorgeht 1 ), mit noch höheren Ziffern. Allein demnach fällt sie in den Zweigliedsgeschlechtern sehr beträchtlich, in den anderen langsamer, und zwar um so mehr, je länger die Gliederkette ist, um dann im letzten Gliede bei einer sehr niedrigen Zahl stehen zu bleiben. Obschon die abwärtsgehende Bewegung in der Anzahl Kinder nach den Gliedern hier nicht so bedeutend ist, wie die erste unvollkommene Darstellung' derselben angibt, so ist sie doch genügend groß, um das Urteil zu rechtfertigen, daß wir hier wieder eine mächtig wirkende Ursache des Aussterbens der Geschlechter angetroffen haben. Die beiden wichtigsten Kräfte, die den Geschlechtern ihren Fortbestand bereiten sollten, versagen. Allein hier trifft das Merkwürdige ein, daß das Abwärtsgehen mit den Gliedern sehr deutlich und stark wächst. Dies konnten wir betreffs des Heiratens nicht so klar konstatieren. Hier aber tritt die Verminderung scharf hervor. Die gradweise und stark sinkende Fruchtbarkeit ist der auffälligste Zug im inneren Leben dieser Geschlechter. Er liefert gleichzeitig einen Beweis dafür, daß sich auch da, wo wir, wie bei den Zweigliedsgeschlechtern, den Gliedern nicht weiter zurück folgen können, der Untergang allmählich vorbereitet. Es zeigt ferner, daß hier innere, physiologische Kräfte ihr Spiel getrieben haben — denn die moderne Sitte, die Anzahl der Kinder auf eins oder zwei zu beschränken, ist unter diesen Geschlechtern nicht bekannt gewesen. 1) Die Fruchtbarkeit in den Siebengliedsgeschlechtern war im ersten Gliede 6,0 und dann Glied auf Glied: 5,5 — 4,7 — 5,1 — 3,5 — 3,7 — 1,5 Kinder auf die Ehe. Die kinderlosen Ehen. Eine Statistik über die Unfruchtbarkeit fehlt uns noch. Von einzelnen Verfassern sind zwar Angaben hierüber aus verschiedenen Gebieten veröffentlicht worden; sie sind aber meistens nur ganz flüchtig und als Nebenprodukt der Untersuchung im übrigen gegeben worden. Die offizielle Statistik ist noch nicht dazu gekommen, diese Seite der Ehe zu beschreiben. Wir geben aber auch gern zu, daß es nicht leicht ist, sie zu erfassen. Es ist nämlich nichts Ungewöhnliches, daß Ehen eine Zeit lang steril sein können, aber später mit Kindern gesegnet werden. Der Statistiker hat kein Mittel, diese temporär sterilen von den für allezeit so beschaffenen zu unterscheiden. Höchstens kann er die kinderlosen Ehen ihrer Zeitdauer nach in solche, die z. B. fünf oder zehn Jahre, und in soche, die dieses Alter noch nicht erreicht haben, einteilen, und dann die ersteren als definitv unfruchtbar, die letzteren als zufällig so beschaffen betrachten, eine Betrachtungsweise, die jedoch keineswegs immer mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Auch andere Schwierigkeiten liegen vor, indem Sterilität in der Ehe erworben sein kann, z. B. durch Fehlgeburten. Alle diese Schwierigkeiten haften der Statistik über die Sterilität, zu der das Studium des Aussterbens der Geschlechter Veranlassung gibt, an. Allein andererseits beschäftigt sie sich nur mit abgeschlossenen, d. h. durch den Tod aufgelösten Ehen, was den Vorteil hat, daß der Unterschied zwischen temporärer und stabiler Sterilität bei diesen de facto verschwindet, indem das Endresultat für alle dasselbe, nämlich o ist. Die diesbezügliche Statistik befindet sich im Anhange, Tab. V. Werden die absoluten Zahlen in relative umgesetzt, so erhält man folgende Tabelle: Kinderlose Ehen in Prozent aller innerhalb der Glieder. Glied I 11 in IV V VI Zweigliedsgeschlechter 13.6 61,9 Dreiglieds- ,, 9 ,4 19,8 62,7 Vierglieds- „ 10,8 17,1 23,' 58,. Fünfglieds- „ 15-7 17,7 21,8 24,0 70,8 Sechsglieds- „ 12,6 9,8 '9,4 ] 4.3 I7,i 70,0 Die Zahlen der Siebengliedsgeschlechter werden unten mitgeteilt *). i) Siebengliedsgeschlechter, erstes Glied ii,i °/ 0 und dann nach Gliedern 16 ,7, 33o> 8.3, 14,2, 14,3 und letztes Glied 33,3. Die kleinen absoluten Zahlen machen diese Ziffern wertlos. 111 Der Unterschied zwischen den Gliedern ist bedeutend. Beinahe durchweg kommen die kinderlosen Ehen am wenigsten im ersten Gliede, wo sie niedrigstens 9,4 °/ 0 , höchstens 15,7 °/ 0 , im Durchschnitte 12 % sämtlicher Ehen betragen, vor. Aber das war ja nur zu erwarten; denn das erste Glied nimmt hierin, wie in vielem anderen, eine Ausnahmestellung ein. Man kann die Ehen der Stammväter als eine Auswahl betrachten. Wenn diese nämlich in der Ehe keine Kinder bekommen haben, so haben sie überhaupt kein sie selbst überlebendes Geschlecht gegründet. Lassen wir diese also unberücksichtigt und gehen wir zu den übrigen Gliedern, außer dem letzten, also den Zwischengliedern oder dem zweiten der Dreigliedsgeschlechter, dem zweiten und dritten der Viergliedsgeschlechter u. s. w., so merken wir, daß die Zahl der kinderlosen Ehen dort meistens höher als im ersten Gliede, aber nicht so viel höher ist, wie man nach der besonderen Stellung dieses Gliedes vermuten könnte. Die niedrigste vorkommende Zahl beträgt nämlich 9,8 °/o sämtlicher hierhergehörigen Ehen, die höchste 24,0 °/ 0 und die Durchschnittszahl für alle ungefähr 19%. An sich betrachtet ist dies, wie wir später bei der Behandlung des jetzigen Adels sehen werden, keine übertrieben hohe Zahl. In welchem Maßstabe übrigens die Quellen durch Unterlassung der Erwähnung nicht nur totge- geborener Kinder, sondern möglicherweise auch eines lebend geborenen, aber in zartem Alter gestorbenen Kindes, zu einer Vergrößerung des Prozentsatzes der Unfruchtbarkeit haben beitragen können, ist jetzt unmöglich mit Sicherheit zu sagen. Alles spricht jedoch dafür, daß Fehler dieser Art nicht sehr zahlreich sind 1 ). Unter allen Umständen ist man zu der Annahme gezwungen, daß die Unfruchtbarkeit in diesen Zwischengliedern, mit Rücksicht auf die vielen Wiederverheiratungen, keine ungewöhnlich große war. — Außer dieser Beobachtung, betreffs der Zwischenglieder, macht man auch die, daß die Unfruchtbarkeit innerhalb aller ungefähr gleich groß war. Die Differenzen der Zahlen sind nicht groß, außer bei den wenigen Sechsgliedsgeschlechtern. 1) A priori kann angenommen werden, daß Fehler dieser Art bei Ehen, die durch den Hingang eines Kindes in zartem Alter für immer kinderlos wurden, weniger gewöhnlich sein müssen als bei solchen, die mit mehreren Kindern gesegnet waren. — Betreffs der Quellen sei außerdem mitgeteilt, daß sie gewöhnlich bestimmte Angaben über Kinderlosigkeit enthalten und nur in etwa i.o °/ 0 sämtlicher hierhergehöriger Fälle hierüber Schweigen beobachten. I I 2 Am eigentümlichsten verhält sich in vorliegender sowie in anderen Beziehungen das letzte Glied, und zwar in allen Geschlechtergruppen gleich. Die unfruchtbaren Ehen erreichen in diesem Glied eine Höhe von mindestens 58,1 und höchstens 70,8 °/ 0 sämtlicher Ehen. Hier übersteigt die Unfruchtbarkeit alle Grenzen, Und sie kommt in dieser übermäßigen Gestalt ungefähr überall gleich unvorbereitet. Zwar findet man Andeutungen einer mit der sich vergrößernden Anzahl Glieder wachsenden Unfruchtbarkeit. Diese Andeutungen kehren freilich nicht überall wieder und sind im übrigen nicht so stark hervortretend, daß nicht die große Unfruchtbarkeit des letzten Gliedes überraschend kommt. Offenbar muß aber die Unfruchtbarkeit, die auf diese Weise auftritt, als eine der Mächte betrachtet werden, die diese Adelsgeschlechter auf dem kürzesten Wege zu Grabe getragen hat. Man wundert sich nur, wie diese plötzliche Veränderung möglich war, und welches der Grund einer so ungeheuren Unfruchtbarkeit in den Ehen sein mochte. Eine nähere Untersuchung der äußeren Umstände bei diesen Fällen inbezug auf die Natur der Eheschließung (erste Ehe oder Wiederverheiratung), die Dauer der Ehen, sowie das Alter der Eheschließenden, zeigt indessen, daß die Ursache dieser Unfruchtbarkeit nicht hierin zu suchen ist. In den verhältnismäßig meisten Fällen müssen es innere, physiologische Verhältnisse sein, die dieselbe verursacht haben 1 ). Daß wiederum die Unfruchtbarkeit, nachdem sie im vorhergehenden Gliede nicht mit allzu großer Stärke aufgetreten ist und auch keine stark mit den Gliedern fortschreitende Steigerung gezeigt hat, plötzlich im letzten Gliede so in die Höhe springt, muß wohl als ein Werk des Zufalls g'edeutet werden, ganz wie das starke Vorkommen des Cölibats in demselben Gliede. Dieser Defekt kommt überall und zu jeder Zeit vor; und ein zufälliges Zusammentreffen mehrerer derartiger Fälle ist natürlich imstande, das Leben eines Geschlechtes abzuschneiden, d. h. das Glied, wo sie zusammenstoßen, zum letzten zu machen, und dies um so mehr, wenn das Cölibat in demselben Gliede in mehr als gewöhnlicher Zahl auftritt. 1) Von 118 gut konstatierten Fällen gab es 99, bei welchen weder das Alter der Eheschließenden noch die kurze Dauer der Ehe als Ursache der Sterilität betrachtet werden konnte. * * * — H3 Das Geschlecht der Geborenen. Die Fortsetzung der Untersuchung über die Zusammensetzung der ausgestorbenen Geschlechter führt zur Frage nach dem Zahlenverhältnis der Knaben und Mädchen in denselben. Dies ist ein Kardinalpunkt nicht nur in der Zusammensetzung der Geschlechter, sondern überhaupt für deren Existenz. Das Geschlecht als Verwandtschaftsgruppe der männlichen Seite steht und fällt mit dem Vorhandensein männlicher Mitglieder. Flierin kann also nicht nur eine Art für das Aussterben der Geschlechter, sondern geradezu die eigentliche Ursache dazu zu suchen sein. De Candolle behauptet ja auch, alle Namen und Geschlechter müßten infolge nur weiblicher Nachkommenschaft in einem Gliede aussterben. Dies ist, wie schon oben angeführt, eine große Uebertreibung. Unzweifelhaft ist aber, daß Leben und Tod der Geschlechter hiervon abhängt, und daß faktisch eine Menge Geschlechter infolge weiblicher Geburten statt männlicher erlöschen. Besonders ist betreffs des schwedischen Adels gesagt worden, daß dies die eigentliche Ursache des Hin- schwinuens wäre. Wir wollen nun sehen, was die untrüglichen Ziffern betreffs der uns zur Autopsie vorliegenden verstorbenen Geschlechter hierzu sagen. Sieht man, was man ja offenbar tun muß, vom ersten Gliede, sowie von den in die Geschlechter einheiratenden Frauen ab, und berücksichtigt nur die in den Geschlechtern Geborenen männlichen und weiblichen Geschlechtes, so findet man, daß auf insgesamt 5468 männliche 5478 weibliche gekommen sind. Im Gegensatz zu dem gewöhnlichen Verhältnisse, laut welchem 105 bis 106 Knaben auf 100 Mädchen ehelich geboren w r erden, ist hier das Verhältnis 99,8 zu 100 gewesen, eine nicht unbedeutende Ueberzähligkeit des sogenannten schwächeren Geschlechts. Diejenigen, die gesagt haben, daß der schwedische Adel infolge überwiegend weiblicher Nachkommenschaft erlischt, scheinen also Grund für ihre Ansicht gehabt zu haben. Allein wir dürfen nicht bei diesem ersten Resultate der Analyse stehen bleiben. Von der ganzen Masse müssen wir zu den Gruppen, aus denen sie gebildet ist, uns wenden ; und da finden wir, daß die entsprechenden Zahlen betragen haben für: Zweigliedsgeschlechter 89,4 männl. gegen 100 weibl. Dreiglieds- Vierglieds- Fünlglieds- Sechsglieds- 95,9 105,9 108,1 106,6 98,0 Siebenglieds- ,, Fahl heck, Der schwedische Adel. 8 — ii4 — Diese Ziffern geben eine ganz andere Vorstellung von dem Zahlenverhältnisse des Geschlechtes in den erloschenen adligen Familien als die oben für die ganze Masse angeführten. Ein sehr großes Uebergewicht der weiblichen Nachkommenschaft in den Geschlechtern mit nur zwei und drei Gliedern verwandelt sich in den folgenden, außer bei den wenigen Siebengliedsgeschlechtern, in eine teilweise recht große Ueberzähligkeit des männlichen Geschlechtes. Hieraus erhellt, daß nur die Kleinheit der absoluten Zahlen für die Geschlechter mit höheren Gliederzahlen im Vergleich zu denen der Zwei- und Dreigliedsgeschlechter bewirkt, daß das weibliche Geschlecht in der ganzen Masse als überzählig erscheint. Ständen uns ebensoviele Geschlechter mit vier, fünf, sechs und womöglich noch mehr Gliedern, wie Zwei- und Dreigliedsgeschlechter zu Gebote, so würde man im Gegensatz zu der oben angeführten Auslassung sagen können, daß in den ikdels- geschlechtern das männliche Geschlecht überwiege. Freilich darf man aber nicht vergessen, daß die genannte Voraussetzung nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, denn es gibt faktisch nicht ebensoviel Mehrgliedsgeschlechter, wie solche mit zwei und drei Gliedern. Der Streit läßt sich also nicht in der Form, wie sie die Streitfrage hier annimmt, d. h. mit Bezug- auf die ganze Masse der Geschlechter, schlichten. Nur soviel scheint aus den zuletzt mitgeteilten Zahlen hervorzugehen, daß in den Geschlechtern, die nur zwei und drei Glieder erreichen, das weibliche Geschlecht, in Geschlechtern mit höheren Gliederzahlen das männliche Geschlecht überwiegt. Die kleinen Massen, mit denen wir operieren, machen es uns zur Pflicht, allgemeine Schlußfolgerungen mit Vorsicht zu ziehen. Aber soviel ist gewiß, daß diese genauere Kenntnis des Zahlenverhältnisses der geborenen Knaben und Mädchen in den adligen Familien sehr bedeutungsvoll ist und nicht wenig von der abweicht, die uns die erste, die ganze Masse der ausgestorbenen Geschlechter umfassende Uebersicht gab. Der volle Einblick in diese Dinge erfordert jedoch noch einen Schritt weiter in der Analyse, nämlich den von den Geschlechtern zu den einzelnen Gliedern derselben. Das Verhältnis der in den Familien Geborenen inbezug aut das Geschlecht stellt sich in den verschiedenen Gliedern folgendermaßen : — ii5 — ioo weiblichen entspricht in den einzelnen Gliedern folgende Anzahl männlicher: Glied II III IV V VI Zweigliedsgeschlechter 99,4 Dreiglieds- „ 113,8 86,3 Vierglieds- „ 128,2 119,9 79- 1 Fünfglieds- „ 125,8 117,6 107,3 84,4 Sechsglieds- „ 166,0 103,8 110,4 101,7 69,1') Diese Zahlen beleuchten und erklären die kurz vorher über das Verhältnis zwischen den Geschlechtergruppen gegebenen. Man versteht jetzt, warum die Zwei- und Dreigliedsgeschlechter in ihrer Gesamtheit mehr männliche als weibliche haben, und warum sich das Verhältnis für die Geschlechter mit höheren Gliedern ändert. Das letzte Glied mit männlicher Nachkommenschaft zeigt durchweg eine bedeutende Inferiorität seitens des männlichen Geschlechtes, während jedes Glied nach rückwärts ein immer stärkeres Übergewicht des männlichen Geschlechtes darbietet. Die Zweigliedsgeschlechter, die nur ein hier in Betracht kommendes Glied besitzen, müssen folglich mehr weibliche als männliche haben; die Dreigliedsgeschlechter, die außer dem Endglied noch eins haben, bleiben auf derselben Seite, aber mit stark verbesserten Zahlen für das männliche Geschlecht im ganzen (95,9 gegen 100). Die übrigen, die alle hinter dem letzten mehrere Glieder besitzen, müssen dagegen mehr männliche als weibliche aufweisen. Die Beobachtungen, die wir oben über die Geschlechter in ihren Gruppen und die Veränderung im Zahlen Verhältnis der Geborenen von verschiedenem Geschlecht mit der Anzahl Glieder in den Gruppen gemacht haben, lösen sich somit in eine neue Beobachtung über das verschiedene Verhältnis der Geschlechter in den verschiedenen Gliedern auf. Das letzte Glied hat überall ein großes Übergewicht für das weibliche, die übrigen für das männliche Geschlecht, und letzteres um so mehr, je weiter entfernt sie von dem letzten Gliede liegen. Dies ist also der Schluß der statistischen Analyse in dieser Sache. Es gibt eine ganz andere Vorstellung von dem Zahlen Verhältnisse der Geschlechter, als was der oben angeführte Ausspruch über den Anlaß zum Aussterben des Adels in sich schließt. I) Die entsprechenden Zahlen für die Siebengliedsgeschlechter vom zweiten Gliede an sind gegen 100 weibl. 65,5, 161,9, 73,7, 115,4, 121,1, 100 männl. Außer den angeführten Gliedern befindet sich in sämtlichen Geschlechtergruppen ein letztes, ausschließlich weibliches Glied, mit also o männl. 8* — 11 6 — Was wir im übrigen aus dieser Darstellung ersehen, ist zuerst, daß die wachsende Zahl des weiblichen Geschlechtes offenbar ein sehr wichtiger Faktor im Aussterben der Familien ist. Überall, wo wir sie ihrem Untergange nahe sehen, steht das weibliche Geschlecht, gleich Unglück bringenden Nornen, mit einem bedeutenden Überschuß da. Das Erlöschen der Geschlechter dadurch, daß in einem Gliede nur Töchter zur Welt kommen, ist ja auch eine allbekannte Erscheinung und wohl der eigentliche Anlaß dazu, daß in älteren Zeiten die Geburt von Mädchen mit schelen Augen betrachtet wurde, nach jetziger Auffassung ein großes Unrecht, aber leicht erklärlich in einer Zeit, wo der Bestand des Geschlechtes alles war, sowohl in dieser Welt, als auch durch den Totenkultus für das Jenseits. Im ersten Abschnitt dieses Kapitels haben wir gesehen, wie oft dies der Grund war, daß die adligen Geschlechter nicht einmal über das erste Glied hinaus gekommen sind. Von den Eingliedsgeschlechtern gingen aus diesem Grunde 21,2 °/ 0 ein. Und ein Blick auf die Tabellen im Anhange zeigt, daß recht oft Ansätze zur Fortsetzung der Geschlechter vorhanden waren, daß diese aber, da es sich nur um weibliche Glieder handelte, nicht hierzu führten. So besitzen unter den Zweigliedsgeschlechtern nicht weniger als 51 wirklich ein drittes Glied, aber ein weibliches und deshalb nicht mitzurechnendes; und ebenso verhält es sich in den übrigen Gruppen von Geschlechtern. Eine der wichtigsten Ursachen des Aussterbens der Adelsgeschlechter und des Erlöschens anderer Geschlechter ist somit das Vorkommen zahlreicher weiblicher Nachkommenschaft in den Geschlechtern, wenn man demselben auch nicht hierbei eine so entscheidende Bedeutung beilegen darf, wie gewisse Verfasser es getan haben. Die Lehren, die wir aus den angeführten Zahlen ziehen, beschränken sich nicht hierauf. Die letzteren verraten eine gradweise Veränderung im Zahlenverhältnisse der Geborenen von verschiedenem Genus in den Geschlechtern mit mehr als zwei Gliedern in der Weise, daß das erste Glied vom Stammvater mit starkem Übergewicht von Knabengeburten — weit über das normale Maß hinaus — auftritt, während die folgenden Glieder, wo ihre Anzahl dies gestattet, in das entgegengesetzte Extrem verfallen. Dieser Wechsel in der Zahl der Geschlechter mit den Gliedern ist sehr wunderbar. Die Regelmäßigkeit, mit welcher dieser Wechsel eintritt, verbietet, darin ein Werk des Zufalles zu sehen. Eher könnte man glauben, daß ein Fehler in der Quelle die Ursache dazu sei, indem Mädchengeburten in älterer Zeit oft, wenn der Tod in jungen Jahren erfolgt ist, nicht registriert worden sind. Aber auch diese Erklärung ist unzureichend, denn hätte die Unterlassung der Registrierung ihren Grund in frühem Tode gehabt, so hätte sie, scheint es, ebenso oft bei in zartem Alter verstorbenen Knaben vorkommen müssen. Ferner schließt diese Annahme in sich ein, daß die Fruchtbarkeit nicht unbedeutend größer gewesen wäre, als sie nun zu sein scheint, was zwar möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich ist, da sie schon jetzt in den früheren Gliedern als meistenteils hoch anzusehen ist. Wie diese Veränderung in der Zahl der Geschlechter mit den Gliedern zu deuten ist, ist nicht leicht zu sagen. Möglicherweise finden wir späterhin, wenn wir neben diese Zahlen diejenigen stellen können, die die Analyse der lebenden Geschlechter ergibt, eine Lösung des Rätsels. Wir schieben also weitere Schlußfolgerungen bis dahin auf. * * * Sterblichkeit. Das Ende der statistischen Geschichte der Geschlechter wie der Individuen ist der Tod. Hier wollen wir uns jedoch nicht mit der Sterblichkeit unter den Geschlechtern beschäftigen. Diese haben wir in dem Vorhergehenden behandelt. Jetzt wollen wir die Sterblichkeit in den Geschlechtern, oder das Sterblichkeitsverhältnis der Geschlechtsmitglieder untersuchen. Und die Untersuchung besteht darin, die Sterblichkeit für eine gewisse ungemein wichtige Altersgruppe zu finden. Doch ist die Messung, um die es sich hier handeln kann, an Vollständigkeit und Genauigkeit nicht mit der zu vergleichen, mit welcher die Sterblichkeit in der Gegenwart gemessen wird. Es ist unmöglich, den Verheerungen des Todes in den adligen Geschlechtern Jahr für Jahr nachzugehen; das Material reicht hierfür nicht aus. Man muß zufrieden sein, wenn man sie bis zu einer gewissen Altersgrenze, etwa derjenigen, die das Ivindheits- und Jugendalter von dem gereiften Alter trennt, angeben kann. Diese Grenze trennt zugleich die, die nicht zum Fortbestande des Geschlechtes haben beitragen können, von denen, die dies getan haben oder haben tun können. Die Grenze ist also beim Heirats- alter gesetzt, das in älterer Zeit gewöhnlich vom erreichten 20. Jahre an gerechnet wurde und in den Tabellen Mündig- keitsalter genannt wird. Denn mit dem Eintritt des 20. Jahres oder sogar noch früher wurde der Mann als heiratsfähig betrachtet und trat auch nicht selten in den Ehestand. Die Untersuchung umfaßt ferner nur die in den Geschlechtern geborenen Männlichen, also nicht das erste Glied, das ja immer den Kolumnen der Erwachsenen angehören mußte, auch nicht das weibliche Geschlecht, dessen Sterblichkeitsverhältnisse nicht direkt auf den Bestand der Geschlechter einwirken 1 ). Werden die Zahlen für sämtliche hier behandelte Geschlechter und Glieder summiert, so zeigt sich, daß die bis zum erreichten 20. Jahre Gestorbenen 36,63 %, die später Gestorbenen 63,37 % betrugen. Die entsprechenden Zahlen für die letzten Jahrzehnte in Schweden waren laut den für dieselben errichteten Sterblichkeitstabellen 1871 —1880 28 ,53%. 1 881 —1890 25,38% für die im Alter von o—20 Jahren Gestorbenen. Es wäre jedoch nicht richtig, weitere Vergleiche zwischen diesen Zahlen anzustellen. Die letzteren sind die Sterbeziffer in einer, wenn auch nur konstruierten, Generation, die ersteren der Durchschnitt der für viele Generationen geltenden Zahlen. Damit hier Vergleiche stattfinden können, müssen die zuletzt genannten Zahlen, jede für sich, dargestellt werden; mit anderen Worten, wir müssen die Glieder betrachten und sehen, wie in einem jeden solchen die Toten männlichen Geschlechtes sich auf in mündigem und in unmündigem Alter Gestorbene verteilen. Erst auf diese Weise erhalten wir das richtige Maß der Sterblichkeit dieser Altersgruppe in den Geschlechtern und gleichzeitig einen Einblick in die Rolle, welche die Sterblichkeit der Individuen bei dem Erlöschen der Geschlechter gespielt hat. Denn jedes Glied kann als eine Generation Gleichaltriger betrachtet werden, deren sämtlichen Mitgliedern wir von der Wiege bis zum Grabe folgen. Und eine bessere Methode, die Sterblichkeit zu messen, gibt es nicht. Zwar hat diese Generation nicht die objektive Zeiteinheit, die man in der Mortalitätslehre gewöhnlich mit dem 1) Die Berechnung mußte sehr summarisch ausgeführt werden, so daß z. B. ein 1651 Geborener und 1670 und früher Gestorbener in den Kolumnen der Unmündigen, aber wenn der Tod 1671 und später angegeben wird, in einer der beiden anderen Kolumnen geführt ist. Da die Quelle, was nicht so selten geschieht, keine exakten Jahreszahlen anzuführen hat, sondern nur sagt: ,,starb jung, in jungen Jahren" und dergl., so werden die fraglichen Personen stets in der Kolumne ,,unmündig" geführt, insofern nicht die sonstigen Angaben bestimmt darauf hindeuten, daß er in der folgenden geführt werden muß. Worte Generation verbindet. Sie ist nicht aus demselben Jahrgang", denn die einzelnen Individuen desselben Gliedes, sogar in ein und demselben Geschlecht, sind oft zu ganz verschiedenen Zeiten geboren, aber sie hat die organische Zeiteinheit, die darin besteht, daß sie dasselbe Glied in der Gliederkette ist, was mehr bedeutet. Und diese innere Einheit wird auch beibehalten, wenn, wie hier, die Glieder von vielen, weit voneinander geschiedenen Zeiten angehörenden Geschlechtern in eines zusammengeführt werden. Natürlich wäre es wünschenswert gewesen, daß die so gesammelten Gliedergenerationen derselben Zeit angehört hätten, denn die Sterblichkeit ist ja in verschiedenen Jahrhunderten verschieden gewesen, aber dies läßt sich nicht in einem größeren Maßstabe tun — hauptsächlich, weil die Massen, die man durch eine derartige Verteilung des Materials erhielte, zu klein sein würden. Gleichwohl ist die Gefahr, daß die innere Einheit und Gleichförmigkeit der Massen durch eine solche Zusammenziehung aufs Spiel gesetzt würde, viel geringer, als man glauben sollte. Denn Gleichheit und Verschiedenheit zwischen diesen Gliedergenerationen wird nicht so sehr durch einen zeitlich für die Individuen, die zu demselben gehören, gemeinsamen Ausgangspunkt (dasselbe Jahr, dieselbe fünfjährige Periode) bestimmt, als durch den gleichen Platz in der Gliederkette. Ein drittes Glied in einem dieser Adelsgeschlechter ist trotz ihrer Lage in der Zeit dieselbe Generation, wie jedes andere dritte Glied in einem anderen, denn sie nehmen im Organismus des Geschlechtes denselben Platz ein — vorausgesetzt jedoch, daß sie Geschlechtern mit derselben Gliederzahl angehören. Diese Einschränkung kann eigentümlich erscheinen, aber sie erhält durch den inneren Zusammenhang, in welchem die Glieder zu einander stehen, ihre Erklärung. Diese Betrachtungen, zu welchen sowohl die vorliegenden wie die später vorzunehmenden Untersuchungen führen, bewirken, daß wir Geschlechter aus verschiedenen Zeiten, aber mit derselben Gliederzahl zusammenführen und deren gleichgestellte Glieder als zusammen eine Generation, nämlich eine Generation in der Geschlechterkette, auffassen können ] ). i) Nur wenn die Betrachtung vom Schlußgliede rückwärts erfolgt, können Glieder verschieden langer Gliederketten (Geschlechter), falls sie denselben Platz in der Kette vom Ende gerechnet einnehmen, zusammengestellt werden. — Daß der Anfang der Geschlechter und also die ganze Gliederrechnung konventionell durch die Erhebung in den Adelstand bestimmt ist, wirkt wenig hierauf ein. Denn soweit dieses Hervor- Nach diesen Bemerkungen über die Beschaffenheit der Todesmassen, mit welchen wir in den ("fliedergenerationen zu tun haben, wollen wir die Sterbeziffer innerhalb dieser nach der hier gesetzten Grenze, nämlich dem vollendeten zwanzigsten Lebensjahre, angeben. Die im Alter von o—20 Jahren Gestorbenen ergaben in jedem Glied oder Generation sämtlicher hierzu gehöriger männlicher Personen folgende Prozentzahlen: In jungen Jahren gestorbene Männliche in °/ 0 von sämtlichen Gestorbenen. Glied II III IV V VI °/ /o °/ 10 01 0 / 0 / 10 /o , 0 Zweigliedsgeschlechter 41,8 Dreiglieds- ,, 28,4 46,3 Vierglieds- ,, 3M 34.5 53,4 Fünfglieds- ,, 18.9 35,' 40,9 44,8 Sechsglieds- ,, 25,8 29,1 29,3 3',9 38,3 Diese Zahlen legen Zeugnis davon ab, daß die Sterblichkeit in den ersten neunzehn Lebensjahren sehr verschieden gewesen ist. Sie sind wohl meistenteils größer als die für die Sterblichkeit der entsprechenden Altersklassen während der letzten Jahrzehnte in Schweden gefundenen Zahlen, 28,53 resp. 25,38, aber nicht viel, mit Ausnahme des Schlußgliedes. Vor allem ist aber eigentümlich die verschiedene Größe, welche die Zahlen nach der Reihenfolge der Generationen in der Gliederkette erreichen. Das letzte Glied zeigt überall das höchste Maß und im ganzen eine sehr hohe Sterblichkeit für die betreffende iVltersgruppe. Die Zweigliedsgeschlechter, die über das erste, hier nicht mitgerechnete Glied hinaus nur dieses besitzen, weisen somit durchweg eine sehr hohe Sterblichkeit auf. In den übrigen Geschlechtern sinkt die Sterblichkeitsziffer, vom Schlußglied nach rückwärts gerechnet, rasch, und dies in den Vier-, Fünf- und Sechsgliedsgeschlechtern, trotz der kleineren Zahlen, mit welchen wir hier, besonders in den beiden zuletzt genannten Geschlechtergruppen operieren, mit einer merkwürdigen Regelmäßigkeit 1 ). treten des Geschlechtes als historisches Geschlecht in eigentlichem Sinne bezeichnet wird, wie dies in der Regel geschieht, so schließt dies eine qualitative Veränderung in sich, die das somit historisch gewordene Geschlecht als eine neue Schöpfung und als einen selbständigen Ausgangspunkt für die Gliederrechnung hinstellt. 1) Die Siebengliedsgeschlechter sind, als zu kleine Zahlen ergebend, nicht mitgenommen. Die entsprechenden Ziffern für das zweite bis zum siebenten Gliede bei ihnen betrugen 31,6 resp. 11,8; 42,9; 36,7; 56,5 und 18,2 °/ 0 in unmündigem Alter Gestorbene sämtlicher männlichen. Die Degression der Sterblichkeit vom Schlüsse an gerechnet, oder umgekehrt die Progression von dem ersten hier aufgeführten Gliede an bis zum letzten in den Geschlechtern mit mehr als zwei Gliedern ist der am stärksten hervortretende Zug in diesem Bilde. Diese Zahlen bekunden nämlich eine fortschreitende Sterblichkeit für das jüngere Alter, je nachdem neue Glieder zu den vorhergehenden hinzugefügt werden, mit anderen Worten, je nachdem die Geschlechter älter werden. Man glaubt auch zu finden, daß diese Progression schwächer ist, je nachdem die Gliederkette länger ist, und umgekehrt. Dies ist ein höchst merkwürdiges Resultat, das durch die Gleichförmigkeit, mit der es hervortritt, zur Genüge beweist, daß es kein Zufall ist. Dagegen könnte der Verdacht entstehen, daß hieran die Quelle schuld wäre dadurch, daß sie in älterer Zeit viele in jungen Jahren Gestorbene wegläßt, wodurch deren Zahl relativ kleiner erscheint, als später, wo die Lücken der Ouelle seltener werden. Doch stellen sich dieser Annahme dieselben Erwägungen entgegen, wie oben bei Besprechung der mit den Gliedern wachsenden Mädchengeburten, nämlich, daß die Fruchtbarkeit in diesem Falle hätte bedeutend größer sein müssen, was kaum anzunehmen ist. Dieser Verlauf scheint vielmehr mit dem ganzen Leben und der Geschichte dieser Geschlechter innig zusammenzuhängen. Es stimmt auch vollständig mit den Erfahrungen überein, die wir früher betreffs des Geschlechtes der Geborenen und der Fruchtbarkeit der Ehen gemacht haben. Deshalb dürfen wir hier dieselben Schlüsse ziehen wie dort, daß die dem Bestände der Geschlechter feindlichen Mächte mit den Gliedern an Stärke zunehmen und ihnen so allmählich den Untergang bereiten. Diese Geschlechter sind nicht plötzlich gestorben, sondern nach und nach und gradweise. Eine andere Beobachtung, die sich dem Betrachter oben angeführter Zahlen aufdrängt, ist die, daß die Sterblichkeit mit der Zei t wächst, anstatt abzunehmen, welches letztere sie, wie wir wissen, im allgemeinen wenigstens seit Anfang - des vorigen Jahrhunderts getan hat. Jedes folgende Glied, das ja weiter vorwärts in der Zeit liegt, als das nächst vorhergehende, hat nichtsdestoweniger eine größere Sterblichkeit, und das letzte die größte. Und gleichwohl gehört dieses für sämtliche Geschlechter mit höheren Gliederzahlen, Fünf-, Sechs- und Siebengliedsgeschlechter, beinahe ausnahmslos dem vorigen Jahrhundert (19.) und zum großen Teil 122 der letzten Hälfte desselben an x ). Die in diesen adligen Geschlechtern sichtbare Tendenz einer wachsenden Sterblichkeit mit den Gliedern ist stärker gewesen als die allgemeine Tendenz der Zeit, dieselbe zu vermindern. Wenden wir uns nach den eben gewonnenen Aufklärungen über das Verhältnis der Sterblichkeit in den Geschlechtern zu der Frage, welche Rolle diese im Erlöschen derselben gespielt hat, so ist sie betreffs des letzten Gliedes, wo die Sterblichkeit im Kindheits- und Jugendalter die ungeheure Höhe von 38 bis 53 % sämtlicher der Generation Angehörenden männlichen Geschlechtes erreicht, deutlich genug. Daß eine so in die Höhe getriebene Sterblichkeit der Jungen ein wichtiges Moment unter den Ursachen des Erlöschens der Geschlechter bilden muß, ist offenbar. Aber dieses höchste Maß kommt erst gegen das Ende hin vor. Vorher ist die Sterblichkeit in den Kindheits- und Jugendjahren meistens nicht übermäßig, und im allgemeinen nicht als Ursache des Aussterbens der Geschlechter anzuführen, falls nicht Beweise für das fortschreitende Anwachsen derselben mit jeder neuen Generation vorhanden wären. Denn dies erweckt den Anschein, als ob der Tod von Anfang an seinen Blick auf diese Geschlechter gerichtet und sie nicht aus den Augen gelassen hat, bis sein Werk vollendet war. Wenn somit die Sterblichkeit in jungen Jahren im großen Ganzen als ein nicht unwichtiger Faktor im Aussterben der Geschlechter gerechnet werden muß, so hindert dies natürlich nicht, daß sie in vielen Fällen vollkommen unschuldig hieran sein kann. Die Variationen hierin bei den einzelnen Geschlechtern sind sehr groß. Dies geht am besten aus einer Untersuchung jedes einzelnen Geschlechtes für sich oder in kleineren Gruppen hervor. Eine solche Untersuchung läßt uns auch in anderen Beziehungen einen Einblick in die Gesetze der Sterblichkeit gewinnen, weshalb ich hier die Verhältnisse in den Zweigliedsgeschlechtern anführen will, da diese Geschlechtergruppe groß genug - ist, um eine Einteilung in kleinere Massen zu gestatten, ohne daß diese durch ihre Kleinheit alle Schlüsse unmöglich machen. Teilt man die Zweigliedsgeschlechter nach der Zahl der vorhandenen männlichen 1) So erloschen 100 von diesen Geschlechtern nach 1851, 196 in der Periode 1801 —1850, 208 in der 1751 — ]8oo, 200 in der 1701 —1750. Das Erlöschen der übrigen fällt ins 17. Jahrhundert, und zwar vorzugsweise in den letzten Teil desselben. _——— Geborenen in Gruppen ein, so erhält man für unmündig Gestorbene in jeder Gruppe folgende Prozentzahlen: Unmündig Gestorbene männlichen Geschlechts in den Zweigliedsgeschlechtern nach deren Größe. Verstorbene Unmündige in °/ 0 Anzahl Söhne im Geschlecht sämtl. im Geschlechte gebore- 12345678 9—12 nen männlichen Toten 26,2 28,7 40,5 49,3 38,5 51,5 42,9 54,2 71,2 Ein Blick auf diese Zahlen, die, wohl gemerkt, einem Endglied entnommen sind, zeigt sofort, daß die Verheerungen des Todes in jungen Jahren bei den Geschlechtern sehr verschieden waren, und daß er, während er für gewisse Gruppen sicher als die hauptsächlichste Ursache ihres Erlöschens angegeben werden kann, in anderen offenbar nicht die Schuld daran trägt. Außerdem lassen uns aber diese Zahlen trotz der Schwankungen, die sie, ganz sicher nur wegen des geringen Umfanges des Materials, hier und da aufweisen, die Beobachtung machen, daß die Variationen einer gewissen Ordnung folgen, so daß der Tod in jungen Jahren bei den Geschlechtern, die nur einen oder zwei Söhne besessen haben, sehr gering war, dann mit der Anzahl solcher wuchs und endlich in den wirklich großen Familien — zu den Söhnen kamen ja auch die Töchter, die hier nicht aufgenommen sind — als Würgengel aufgetreten ist und für das reifere Alter nur wenig übrig gelassen hat. Dieselbe Beobachtung kann man in den Mehrgliedsgeschlechtern machen, das Angeführte sei aber genügend, um so mehr, als diese Erfahrung überall da, wo man sich mit ähnlicher Statistik beschäftigt hat, gemacht worden ist. Mit den großen FVmilien vergrößert sich gemeinhin die Sterblichkeit in den Kinderjahren 1 ) Im Krieg Gestorbene. Als Epilog zu der oben stehenden statistischen Geschichte der Geschlechter sei zuletzt auch etwas von dem mitgeteilt, was die Quellen über die Todesart der Männer enthalten. Einige Verfasser, die sich mit dem Adel der älteren Zeit und den Ursachen seines Aussterbens beschäftigt haben, haben zu finden geglaubt, daß Krieg sowie Zweikampf und Totschlag zu den wichtigsten dieser Ursachen gehört hätten. 1) Siehe z. B. hierüber Rubin und Westergaard, ,,Statistik der Ehen auf Grund der sozialen Gliederung der Bevölkerung' 4 , Jena 1890, S. 107 ff. 124 — So führt Benoiston de Chateauneuf mehrere Beispiele dafür an, daß die Geschlechter des alten französischen Adels auf diese Weise untergegangen sind 1 ). G. Bang spricht in seiner Studie über den alten Adel Dänemarks eine ähnliche Ansicht aus 2 ). Ich habe deshalb die Fälle von Tod im Krieg, sei es durch Schwert, Krankheit oder anderes, die die Quellen erwähnen, sowie die wenigen Fälle von Tod in der Gefangenschaft aufzeichnen lassen. Eine Zählung der Toten im Zweikampf oder sonst auf gewaltsame Weise, außer im Krieg, habe ich nicht für nötig gehalten. Das Duell ist im Norden niemals sehr im Schwünge gewesen, wenigstens nicht im Vergleich zu dem, wie es in Frankreich der Fall war, wo es zeitweise den Charakter einer Mode oder Epidemie annahm — denn die Moden können zuweilen als eine Epidemie des Geschmackes und der Sitten auftreten. Karls XI. (f 1697) strenges, später mehrfach wiederholtes Duellverbot gewährte außerdem der in Schweden allgemeinen Auffassung des Duells eine kräftige Stütze von Gesetzes wegen. Ein gewaltsamer Tod aus anderem Grunde als Krieg und Duell ist, freilich besonders in gewissen Geschlechtern, oft vorgekommen. Aber sicher ist der Tod aus diesem Grunde beim Adel nicht zahlreicher gewesen als bei den übrigen Gesellschaftsklassen und kann nicht im Verdachte stehen, in einem höheren Grade das Erlöschen der Adelsgeschlechter verschuldet zu haben. Anders scheint es sich mit dem Krieg zu verhalten. Für ein Volk mit soviel kriegerischen Erinnerungen, wie das schwedische, in welchen die Adligen, wie natürlich ist, eine Hauptrolle gespielt haben, müssen wohl Todesfälle im Krieg ein bedeutender Posten in der Bilanz über die Toten in den adligen Geschlechtern sein. Man ist deshalb überrascht, wenn man die untrügliche Antwort der Zahlen erfährt. In den hier behandelten 825 Geschlechtern starben 372 Personen, davon mündige Unverheiratete 262, Verheiratete 92, Unmündige 18, im Krieg. Außerdem erwähnen die Quellen 25 in der Gefangenschaft gestorbene Individuen, davon 15 mündige Unverheiratete, 10 Verheiratete. Nur 379 erwachsene Männer, oder 8,7 % sämtlicher gerechneten sind somit im Felde oder in der Gefangenschaft gestorben. Dies ist weniger, als man erwartet hätte. Man erfährt, daß allein in der folgeschweren Niederlage 1) La Duree des familles nobles de France (Memoires de l'Acade- mie des sciences inorales et politiques, T. V (1847), p. 781 ff.). 2) Den gamle Adels Forfaid, Kopenhagen 1897, S. 97 ff. 125 — bei Pultava (1709) elf, und in der blutigen Schlacht bei Lund (1776) fünf Familien ausgingen. Und die Geschichte erzählt ja so oft, daß bald der, bald jener adlige Offizier im Kampfe gefallen oder an den Strapazen des Krieges und dergleichen gestorben sei. Aber wie gesagt, die Quellen können nicht mehr als die oben angeführten in den 825 Geschlechtern aufweisen. Eine ähnliche Zählung der im Kriege Gestorbenen aus den Ein- gliedsgeschlechtern ergibt für sie keine größere Zahl als 12, hiervon 1 freiherrlicher und 11 adlige, was 2,4% sämtlicher untersuchter Eingliedsgeschlechter (509) macht. Man fühlt sich bei diesem Resultate versucht, an der Vollständigkeit der Quellen zu zweifeln. Betreffs der zuletzt genannten Geschlechter löst sich der Zweifel jedoch leicht. Es ist ganz unglaublich, daß die Ritterhausgenealogen ein so wichtiges Ereignis in dem Leben von Männern, die ihre Geschlechter zu gleicher Zeit gründeten und beendeten, übersehen haben sollten. Eine Unterlassungssünde dieser Art ist hier nicht denkbar. Und genau betrachtet, kann man von ihnen das gleiche bezüglich der anderen Geschlechter sagen. Es ist im allgemeinen wenig- wahrscheinlich, daß eine so bemerkenswerte Begebenheit, wie der Tod für das Vaterland auf dem Felde der Ehre, in diesen biographischen Notizen aus Vergeßlichkeit oder Unbekanntschaft mit Stillschweigen übergangen worden sein sollte. Im Gegenteil, wir sind zu der Annahme gezwungen, daß, wenn die Quellen nicht mehr Fälle eines derartigen Todes erwähnen, dies seinen Grund darin hat, daß ein solcher nicht vorgekommen ist. Und dasselbe gilt von den in der Gefangenschaft Gestorbenen. Daß diese Zahlen so niedrig sind, beruht in erster Reihe darauf, daß die Heere Schwedens selten Niederlagen erlitten haben, und daß nur die eine, die große bei Pultava, viele in Gefangenschaft brachte. Aber die große Mehrzahl dieser kam, wie auch unsere Quelle oft zu berichten weiß, wieder ins Vaterland zurück. Die Zahl der im Kriege Gestorbenen ist also verhältnismäßig klein gewesen. Das ist der Schluß, zu dem wir unweigerlich kommen. Die hier behandelten Geschlechter, sowohl die mit einem, zwei oder mehreren Gliedern, umfassen zwar nicht die Geschlechter von „altem Adel" (ohne sicheren Anfangspunkt), für welche eine Gliederzählung nicht zu ermöglichen war, und ebenso sind die im Kriege Gestorbenen der jetzt lebenden Geschlechter hierin nicht einbegriffen aber diese Begrenzung des Materials dürfte kaum auf das ge- — 126 — wonnene Resultat einwirken. Ganz sicher hätte sich, falls diese hätten mitgenommen werden können, die absolute Zahl der im Kriege Gestorbenen nicht unbedeutend vergrößert; allein wenig glaublich ist, daß die relative Anzahl dadurch eine nennenswerte Veränderung erlitten hätte. Dieses Resultat der Untersuchungen über die im Kriege gestorbenen Adligen sticht nicht wenig von den Vorstellungen ab, die man sich gewöhnlich hiervon macht. Von den Geschichtsschreibern erfährt man von dem ungeheuren Blutbade in dem oder jenem Kampfe, sowie von der verheerenden Wirkung auf die männliche Bevölkerung, die die Kriege oft ausüben. Ich glaube, daß diejenigen, die über ältere Zeiten geschrieben haben, hierbei derselben Täuschung zum "Opfer gefallen sind, der die zeitgenössischen Augenzeugen so leicht verfallen. Es ist freilich wahr, daß es in der Vorzeit, wo man nur auf Armlänge kämpfte und der Sieger die Besiegten und Gefangenen im allgemeinen niedermetzelte, im Kriege sehr blutig herging. Aber in neuerer Zeit, mit anderen Waffen und einer anderen Kampfweise ist es nicht mehr so gefährlich gewesen. Auch die haarsträubenden Schilderungen von den Verheerungen des Krieges im eigenen Lande, welche die Geschichtsschreiber oft auftischen, müssen wohl, besonders betreffs Schwedens, das ja meistens dem Schicksale, der Schauplatz eines solchen zu sein, entgangen ist, stark beschnitten werden. Die Erzählungen von dem Leuteverluste zur Zeit Karls XII., wo hauptsächlich nur Schweden in Kriegsdienst genommen wurden, sind stark übertrieben. Die erste schwedische Volkszählung von 1751 gibt den Beweis hierfür. Die Zahl der Sechzig- und Siebzigjährigen männlichen Geschlechtes, welche zur Zeit Karls XII. die eigentlichen Waffenfähigen waren, ist 1751 nicht relativ geringer als später. Dies macht, daß man die Berichte über den ungeheueren Verlust erwachsener Männer, die dieser Krieg, ebenso wie andere, herbeigeführt haben sollte, mit Vorsicht aufnehmen muß. Die Mitwelt ist, wie ich oben nannte, einer Selbsttäuschung zum Opfer gefallen, die die Verluste in sehr vergrößerter Gestalt hat erscheinen lassen. Man hat die, welche der Krieg gemäht hat, weniger gezählt als gewägt, gewägt in ihrer Eigenschaft als Familienversorger und erwachsene Männer im Dienst und Amt. Die leeren Plätze auf den wichtigsten Posten des Lebens haben die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und die vergrößernde Phantasie in Tätigkeit gesetzt. Und so 127 — merkte man nicht, wie relativ wenige, der Anzahl nach gerechnet, die auf diese Weise gestorben sind, im Verhältnis zu den Tausenden und Abertausenden in jüngeren Jahren oder unbemerkten Stellungen waren, die die Geißel des Krieges nicht auf diese Weise getroffen hat. Eine einzige, etwas umfangreiche Scharlachepidemie oder eine andere Kinderkrankheit können in einigen Wochen ebenso- viele Leben rauben wie ein mehrjähriger Krieg, aber wir merken wenig davon, weil die jungen Leben in unseren Augen nicht denselben Wert haben wie die reifen. Dies kann eine Täuschung entgegengesetzter Art verursachen, aber sie beleuchtet und erklärt die erstere. Aus dem Angeführten geht hervor, daß der Tod im Kriege keine besonders große Bedeutung für das Erlöschen der Adelsgeschlechter in Schweden gehabt haben kann. Wir erfahren zwar, daß in zusammen 59 Fällen die Geschlechter erloschen sind, weil ihr letztes männliches Mitglied solchen Tod erlitten hat. Aber diese Zahl ist im Verhältnis zur ganzen Anzahl in dieser Llinsicht untersuchter Geschlechter (1452) sehr mäßig. Und die Totalsumme der im Kriege Gestorbenen in den Geschlechtern ist ja, wie wir eben gefunden haben, nicht groß. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, daß Schweden nach 1721 keine sehr blutigen oder lange dauernden Kriege mehr geführt hat. Hauptsächlich vor diesem Jahre hätte Krieg einen Grund für den Untergang der adligen Geschlechter abgeben können. Die meisten von ihnen sind jedoch, wie wir oben gesehen haben, nach dieser Zeit ausgestorben. Es waren in erster Reihe innere, aus der Natur und sozialen Stellung der Geschlechter herrührende Ursachen, die ihr Aussterben verursacht haben, nicht so sehr äußere Zufälle und vor allem nicht gewaltsamer Tod im Kriege oder anderswie. Neuntes Kapitel. Die lebenden Geschlechter und ihre statistische Geschichte. Analyse der lebenden Geschlechter. — Gleichzeitige Generationen. Wie sich aus Tabelle VI im Anfang ergibt, hat auch eine Untersuchung der statistischen Geschichte der lebenden Geschlechter stattgefunden. Sie umfaßt alle „selbständigen" Geschlechter, die nicht „alten Adels", d. h. ohne bekannten Anfang, oder sonst irgendwie unvollständig sind. Von insgesamt 615 Geschlechtern sind hier 571, also der größte Teil sämtlicher jetzt lebenden adligen Geschlechter, behandelt. Betreffs der Ausführung dieser Analyse verweise ich auf die Note zu Tabelle VI. Hier möchte ich nur hinzufügen, daß unsere Statistik die Zeit bis zu 1895—1900, oder so weit wie die Quelle reicht, umfaßt. Schon ein flüchtiger Blick auf diese Tabelle verrät ihre Verschiedenheit von der ihr vorhergehenden (Tabelle V), welche über die toten Geschlechter berichtet. Während dort die Zweigliedsgeschlechter in ungeheurer Majorität und Geschlechter mit höherer Gliederzahl immer schwächer vertreten sind, herrscht hier beinahe das umgekehrte Verhältnis. Von den Zweigliedsgeschlechtern sind nur einige wenige vorhanden, und auch die Dreigliedsgeschlechter sind sehr dünn gesät, während die Gruppen der Vier- bis Achtgliedsgeschlechter am stärksten repräsentiert und von Zehngliedsgeschlechtern noch 12 vorhanden sind. Außerdem kommen 2 Elfgliedsgeschlechter, 2 Zwölf- und ein Vierzehngliedsgeschlecht vor, die jedoch hier nicht mit aufgenommen sind. Dies ist indessen ganz natürlich. Erhebungen in den Adelstand haben allmählich aufgehört; deshalb gibt es nur wenig Geschlechter aus neuerer Zeit. Ferner haben, wie oben erwähnt, die lebenden Geschlechter gemeinhin ein höheres Alter erreicht als die schon ausgestorbenen. Dies ist — 12g — der Grund, warum die Anzahl lebender Geschlechter mit geringer Gliederzahl so klein, die der Mehrgliedsgeschlechter dagegen so zahlreich ist. Eine andere Beobachtung, die wir sofort machen, ist die, daß die Grenze zwischen lebenden und toten Generationen ziemlich breit ist. Meistens zählen vier verschiedene Generationen gleichzeitig lebende Mitglieder. Dies sind natürlich nicht alle Väter und Söhne sowie deren Kinder und Enkel, sondern sie gehören verschiedenen Geschlechtern mit verschieden weit gekommener Gliederzahl an. Im großen genommen gehören sie jedoch als die „lebende Generation", die Summe der in diesen Geschlechtern gleichzeitig Lebenden, zusammen. Könnte man die natürlichen Geschlechter mit ihren beinahe endlosen Gliederketten zählen, so wäre die Anzahl gleichzeitiger Glieder ganz bedeutend größer. Aber von den historischen Geschlechtern ist wohl das, was uns hier vor Augen tritt, im allgemeinen das gewöhnliche. Was wir somit sehen, ist die Woge des Lebens auf ihrem Wege durch die Zeiten. Dahinrauschend weckt sie neue Geschlechter ins Leben, trägt sie eine kurze Zeit auf ihrem Kamme und läßt sie dann hinter sich in dem, was gewesen ist und nicht mehr wiederkommt. Bei der Gliederrechnung folgen wir dem bisherigen Prinzipe, vom Stammvater bis auf den am weitesten in der Gliederkette gelangten männlichen Nachkommen. Von diesen sämtlichen Gliedern können jedoch nur die älteren, schon abgeschlossenen, der Gegenstand unserer Untersuchung sein. Die jüngeren sind noch immer in der Umwandlung begriffen. Als abgeschlossene Glieder betrachten wir nicht nur diejenigen, deren Mitglieder sämtlich ausg-estorben sind, sondern auch die, die sich nicht mehr vermehren, oder sich in gewissen Fällen in ihrer Zusammensetzung nicht mehr verändern können. * * Ehelichkeit. Die Weitläufigkeit, mit der die Analyse der ausgestorbenen Geschlechter ausgeführt ist, können wir uns hier ersparen. Der Weg ist jetzt bekannt, und wir können deshalb schneller vorwärts schreiten. Die verschiedenen Momente, von denen der Bestand der Geschlechter demographisch abhängt, sind naturgemäß zweierlei Art, überwiegend äußere, soziale und ökono- F[Ihlbeck, Der schwedische Adel. 9 mische, sowie innere physiologische. Ersterer Art ist nur die Ehelichkeit; letzterer alle anderen: Fruchtbarkeit, Sterilität, das Geschlecht der Geburten, sowie Sterblichkeit. Wir wollen, ganz wie oben, jede Erscheinung für sich behandeln und beginnen hierbei mit der zuerst genannten. Die Zahl der stehenden Ehen in den abgeschlossenen Gliedern der lebenden Geschlechter geht aus folgender Übersicht hervor. Verheiratete in °/o sämtlicher mündiger männlicher Personen. Glieder II III IV V VI Viergliedsgeschlechter 74,2 Fünfglieds- „ 74>5 (73,6)') Sechsglieds- „ 6 7 , b 73,5 (63.7) Siebenglieds- ,, 6t>,6 b8,5 74,' Achtglieds- ,, 7o,3 71,6 67,8 70,0 Neunglieds- ,, 66,9 68,2 67,8 7G7 67,0 Die erste Beobachtung, zu der diese Ziffern veranlassen, ist die große unter denselben herrschende Übereinstimmung. Einige Prozente sind der ganze Unterschied zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Maße der Ehelichkeit in diesen Geschlechtern. Dies beweist, daß wir hier auf ein konstantes Verhältnis, oder einen Typus von großer Stärke gestossen sind. Trotz der kleinen Zahlen, mit denen wir operieren, herrscht nicht das freie Spiel des Zufalls. Der Schluß, zu dem dieses unmittelbar leitet, ist der, daß die Ehelichkeit in diesen Geschlechtern sich seit Jahrhunderten unverändert erhalten hat. Acht-, Neun- und Zehngliedsgeschlechter gehen nämlich mit ihren obersten Gliedern 2 — 300 Jahre zurück. Aber gleichwohl existiert zwischen diesen und jüngeren Geschlechtern, oder zwischen früheren und späteren Gliedern in den Gliederketten kein durchgehender Unterschied in der Ehelichkeit. Dies ist um so eigentümlicher, als die Heiratsfrequenz und damit die Ehelichkeit, wie wir wissen, seit Mitte des 18. Jahrhunderts, wo die schwedische offizielle Statistik ihren Anfang nahm, im ganzen Volk bedeutend gesunken ist. Fliervon ist indessen in diesen Adelsgeschlechtern nichts zu merken. Die 1) Die eingeklammerten Zahlen bezeichnen Glieder, die noch eine kleinere Anzahl lebender Personen besitzen, aber trotzdem wahrscheinlich keine erwähnenswerte Veränderung erfahren und deshalb hier mit aufgenommen sind. — Die Zahlen der wenigen (12) Zehngliedsgeschlechter sind im zweiten Gliede 69,2 und so weiter 65,0 — 71,8 — 69,9 — 76,9 und im siebenten Gliede, das noch nicht ganz abgeschlossen ist (66,7). Ehelichkeit ist zwar, wie ein Vergleich mit den oben (S. 101) mitgeteilten Zahlen für Verheiratete und Unverheiratete im ganzen Volke für die Gegenwart ergibt, eine ziemlich geringe gewesen, sie hat aber dagegen während der langen Zeit, die hier in Frage kommt, keine Veränderungen erlitten. Dies lehrt uns, daß der Adel in dieser Beziehung sein Leben für sich gelebt und seine Heiratsgewohnheiten, unabhängig vom Wechsel der Zeiten und trotz der Veränderungen hierin in den unteren Schichten des Volkes, beibehalten hat. Stellen wir wieder die eben mitgeteilten Zahlen mit den entsprechenden für die ausgestorbenen Geschlechter (S. 103) — natürlich mit Ausnahme des Endgliedes in den letzteren — zusammen, so erfahren wir, daß die Ehelichkeit in den lebenden Geschlechtern durchweg eine etwas höhere gewesen ist als in den erloschenen. Der Unterschied ist kein großer, aber er ist doch da. Wichtiger vielleicht als dieses ist, daß sich bei den lebenden Geschlechtern keine Spur einer Veränderung in einer bestimmten Richtung zu erkennen gibt, während bei den ausgestorbenen wenigstens Ansätze hierzu vorzuliegen scheinen. Beide Unterschiede sind bedeutungsvoll, wenn auch nicht durch ihre Größe, so doch deswegen, weil sie nach derselben Richtung deuten — geringere Lebensaussichten für die ausgestorbenen als für die lebenden Geschlechter. Die etwas geringere Ehelichkeit hat zu einer Schwächung der Widerstandskraft dieser Geschlechter gegen Schicksalsschläge das ihre beigetragen. Wir können somit schon hier einen ersten Grund zur Auswahl des Todes unter den adligen Geschlechtern sehen. * * * Fruchtbarkeit. Wenn die Ehelichkeit in diesen Geschlechtern ein verhältnismäßig geringes Maß aufweist, so ist dies, wie nachfolgende Ziffern lehren, bei der Fruchtbarkeit nicht der Fall. Anzahl lebendgeborener Kinder in den fruchtbaren Ehen 1 ). Glied I II III IV V VI Dreigl iedsgeschlech ter 5,3 Vierglieds- ,, 5,7 (4,5) Fünfglieds- ,, 6,2 4.7 Sechsglieds- ,, 6 ,4 4 ,7 4,5 Siebenglieds- ,, 6,7 5.1 4,9 4,7 Achtglieds- iß 5 1 4 5,4 4,9 4-4 Neunglieds- ,, 6,1 5-3 4,9 4,9 4-5 4,7 1) Die Zahlen der Zehngliedsgeschlechter sind 4 ,4 — 4,8 — 4 ,3 — 4,5 — 4 ,4 — 5,1 und im siebenten Gliede (4,0). 9* Diese Ziffern legen, besonders im Anfang, von einer gewaltigen Fruchtbarkeit Zeugnis ab. Wir fanden die P'ruchtbarkeit in demselben Gliede bei den ausgestorbenen Geschlechtern schon groß, aber hieraus ersehen wir, daß unter anderen adligen Geschlechtern, den noch lebenden, eine noch größere vorhanden gewesen ist. Bedenkt man, daß eine große Anzahl der Ehen, aus denen der obenstehende Durchschnitt hervorgeht, Wiederverheiratungen waren, ferner daß die Totgeburten früher viel gewöhnlicher waren als heutzutage, so muß man über die Stärke, mit der diese Geschlechter ihren Eintritt ins Leben bewirkten, staunen. Aber nach dieser ersten Kraftäußerung sinkt auch in den lebenden Geschlechtern das Maß der Fruchtbarkeit. Die Abwärtsbewegung geht zwar bei weitem nicht so schnell vor sich, wie bei den ausgestorbenen Geschlechtern, aber der Rückgang ist doch deutlich. Dies ist höchst bedeutungsvoll. Denn es lehrt uns, daß die mächtigste der Kräfte, die den Untergang so vieler adliger Geschlechter verursacht hat, auch unter den lebenden wirkt. Die verschiedenartige Stärke, mit der sie in den Geschlechtern wirkt, ist wiederum ein Anlaß, daß gewisse fortleben, während andere schnell aussterben. Im übrigen ist es klar, daß das Maß der Fruchtbarkeit nicht bei allen dasselbe ist. Die angeführten Zahlen sind Durchschnittszahlen. Aber diese Durchschnittszahlen nähern sich nicht selten dem Typus, ein Umstand, der ihnen eine um so größere Bedeutung verleiht. Eine andere wichtige Lehre, die wir aus diesen Ziffern schöpfen, ist die, daß das Maß der Fruchtbarkeit in den verschiedenen Gliedern nicht auf ihrer Lage in der Zeit, sondern auf ihrem Platze in der Gliederkette beruht. Die lebenden, hier nicht aufgenommenen Glieder dieser Geschlechter sind alle Zeitgenossen; auch das letzte oben angeführte Glied gehört ungefähr derselben Zeit, nämlich der ersten Hälfte und der Mitte des 19. Jahrhunderts, an. Dasselbe gilt, im großen ganzen, von jedem folgenden Gliede, das sich in gleicher Entfernung von dem letzten in unserer obigen Tabelle aufgeführten Gliede befindet, so daß z. B. der erste der Sechsgliedsgeschlechter zeitlich ungefähr mit dem zweiten der Siebengliedsgeschlechter, dem dritten der Achtgliedsgeschlechter, dem vierten der Neungliedsgeschlechter und dem fünften Glied der Zehngliedsgeschlechter zusammenfällt. Vergleicht man nun auf diese Weise derselben objektiven Zeit angehörende Glieder durch alle Geschlechter- — 133 — gruppen hindurch, so zeigt sich, daß die Fruchtbarkeit in denselben nicht gleich gewesen, sondern trotz geringerer Schwankungen infolge der Kleinheit der absoluten Zahlen, je nach der Entfernung jedes Gliedes von seinem Ausgangspunkte, größer oder kleiner ist. In Übereinstimmung hiermit zeigt auch das erste Glied beinahe überall die größte Fruchtbarkeit, und trotz der zeitlich außerordentlich verschiedenen Lage dieses Gliedes meistens eine ungefähr gleich große. Nicht die Lage in der Zeit also, sondern der Platz in der Geschlechterkette, ist, soweit die oben behandelten abgeschlossenen Glieder reichen, also bis zur Mitte des ig. Jahrhunderts, für die Fruchtbarkeit bestimmend gewesen. Geht man noch weiter vorwärts und bis zur Neuzeit, so verändert sich dies Verhältnis zwar, wie wir unten sehen werden, aber nur, weil in den letzten Jahrzehnten andere, moralische Kräfte auf die Kinderzahl in den Familien einzuwirken begonnen haben. Bevor jedoch derartige Kräfte auftraten, hat das oben gefundene Verhältnis geherrscht. Dies ist an sich sehr merkwürdig und bestätigt vollständig unsere oben (S. 119) gemachten Äußerungen, daß diese Geschlechter, dem konventionellen Anfang zum Trotze, als gewissermaßen neue Schöpfungen dastehen, und ferner, daß die einzelnen Teile der Geschlechter, die Glieder, wenn sie denselben Platz in gleich langen Gliederketten einnehmen, gleichwertig sind, sonst aber nicht. Schließlich sei auch auf das Zeugnis, das obenstehende Zahlen für die Vollständigkeit der Quelle inbezug auf geborene Kinder ablegen, aufmerksam gemacht. .Schon die ungeheuren Massen der Fruchtbarkeit, die hier vorliegen, beweisen es. Aber auch aus der Reihenfolge der Zahlen geht dies hervor. Denn wäre die Quelle für die ältere Zeit mit großen Lücken dieser Art behaftet, so müßten die Zahlen in umgekehrter Reihenfolge gehen. Je weiter zurück nämlich die Glieder liegen, um so mehr müßte die Vergessenheit ihre Macht geltend gemacht haben, und um so kleiner müßte die Kinderzahl sein, Wenn nun beinahe ausnahmslos das Gegenteil der P"all ist, so beweist dies, daß die Geschlechtstafeln in dieser Beziehung auch für weiter zurückliegende Zeiten recht vollständig sind. Und was für diesen Fall gilt, das gilt auch für andere, die den Gegenstand unserer Untersuchungen bilden. Der Statistiker und der Historiker betrachten diese Dinge mit verschiedenen Augen. Was dem letzteren als ein Berg erscheinen kann, reduziert sich oft für den ersteren in der Masse der Zahlen zu einer Geringfügigkeit. * * * Kinderlosigkeit. Das Vorkommen kinderloser Ehen in den abgeschlossenen Gliedern wird durch folgende relative Zahlen beleuchtet: Kinderlose Ehen in °/ 0 aller 1 ) Glied I 11 III IV V VI Dreigliedsgeschlechter 2,0 Yierglieds- ,, 9,5 11 ,8 Fünfglieds- ,, 7,o 10,4 (I6,5) Sechsglieds- ,, 78 und im achten Gliede (93,8). 3) Eigentlich fallen die Geburten in das nächstvorhergehende Glied; da ihre Resultate, die geborenen Kinder selbst jedoch das zweite, dritte u. s. w. Glied bilden, so haben wir es für zweckmässig erachtet, sie, wie oben geschehen, aufzunehmen. fall sein und ebensowenig auf der Mangelhaftigkeit der Quelle beruhen. Dann folgen die übrigen Glieder mit meistenteils niedrigeren Zahlen, und dies um so mehr, je weiter nach unten man in der Gliederkette kommt. Diese Degression ist jedoch hier keineswegs so stark hervortretend oder so durchgehend, wie bei den ausgestorbenen Geschlechtern. Genug, daß man sie im großen ganzen und meistens antrifft. Sie ist jedenfalls ein Rätsel, dessen Lösung nicht leicht erscheint. Sterblichkeit. Die in jungen Jahren gestorbenen männlichen Personen zeigen nachfolgende Ziffern. In jungen Jahren Gestorbene: Glied II III IV V VI Dreigliedsgeschlechter 22,4 Vierglieds- „ 23,9 bünfglieds- ,, 28,5 27,0 Sechsglieds- „ 25,8 33,6 30,3 Siebenglieds- „ 28,6 31,6 29,5 (24,1) Achtglieds- „ 18,0 32,0 31,9 32,9 (28,8) Neunglieds- „ 17,4 25,7 30,8 33,5 35,7 21,9 Diese Ziffern bieten nichts anderes Bemerkenswertes dar, als daß die ersten hier aufgenommenen Glieder der Acht-, Neun- und der in der Fußnote angeführten Zehngliedsgeschlechter abnorm kleine Zahlen aufweisen 4 In diesem Falle fühlt man sich versucht, die Schuld hierfür der Quelle zuzuschieben, indem sie in diesen weit entlegenen Zeiten einen Teil in jungen Jahren gestorbener Kinder nicht aufnimmt. Daß derartige Lücken vorkommen, ist unbestreitbar, daß sie aber in einer solchen Menge vorhanden sind, daß die erwähnten Abweichungen sich hieraus erklären ließen, erscheint doch ungewiß. Die Folge einer solchen Annahme ist nämlich, daß die Proportion zwischen den beiden Geschlechtern noch unverständlicher sein würde, als sie es in diesen Gliedern schon jetzt ist. Und nimmt man wiederum, um dieser letzteren Schwierigkeit zu entgehen, an, daß die Vergeßlichkeit betreffs der Mädchen ebenso groß gewesen sei — was übrigens natürlich erscheint —, so erhält man eine Fruchtbarkeit, die alle Grenzen überschreitet. Wahrscheinlich ist es deshalb, daß, wenn auch die Erklärung für die bemerkenswert niedrigen 1) Die Zahlen der Zehngliedsgeschlechter sind: 17,0, 25,0, 24,4, 30,3, 25,8 und im siebenten Gliede 29,3. Zahlen in den betreffenden Gliedern zum Teil in der UnVollständigkeit der Quelle zu suchen ist, das meiste doch auf sei es zufälligen oder tieferliegenden Umständen beruht. Mit den entsprechenden Zahlen für die ausgestorbenen Geschlechter verglichen, stellen sich diese im allgemeinen niedriger, jedoch mit Ausnahme des Endgliedes derselben, das indessen hier wie sonst hors concours bleiben muß, nicht viel niedriger. Ein anderer Unterschied ist der, daß man hier keine ausgeprägte Ordnung in der Reihenfolge der Zahlen beobachten kann. Sie scheinen meistens unabhängig von einander zu wechseln. In beiden Beziehungen haben sich die ausgestorbenen Geschlechter schlechter gestanden als die lebenden. Überall ist demnach ein Vergleich zwischen den erloschenen und den lebenden Geschlechtern zum Nachteil der ersteren ausgefallen. Andererseits haben wir aber gefunden, daß dieselben Kräfte, die die meisten adligen Geschlechter ums Leben gebracht haben, auch in den noch lebenden, wenn auch mit geringerer Stärke, wirken. Der Unterschied ist deshalb nur ein gradueller, und näher betrachtet sogar kaum dies. Denn offenbar bestehen die lebenden Geschlechter aus solchen in allen Stadien des Lebens und des Verfalles. Wir werden dies schon im nächsten Kapitel bestätigt finden, wo wir die Größe der lebenden Geschlechter und ihre Reste in den nur auf weiblicher Seite fortlebenden Geschlechtern betrachten werden. Zehntes Kapitel. Alter und Größe der lebenden Geschlechter. Alte Geschlechter. Die Kultur ist nicht so jung, daß man nicht hätte erwarten können, unter den jetzt lebenden Geschlechtern eine Menge mit uralten Ahnen zu finden. Bei einer Untersuchung derselben erfährt man indessen zu seiner Überraschung, wie wenig alte Geschlechter in Wirklichkeit existieren. Das älteste bekannte ist das Ivong-fu-tses, ungefähr 2400 Jahr alt; diesem soll im Alter zunächst das des Mikados von Japan kommen. In Europa sind die Geschlechter, deren Stammbaum mit Sicherheit 800 Jahre zurückgeführt werden kann, leicht zu zählen: vielleicht zehn bis zwanzig, meistens fürstliche Geschlechter. Auch ganz wenige sind, ausser den genannten hauptsächlich deutschen und italienischen Adelsgeschlechtern, die, die mehr als 600—700 Jahre rechnen. In Schweden ist es den Genealogen selbst mit den stärksten Ferngläsern der Forschung nicht gelungen, für mehr als zwei jetzt lebende Geschlechter, Bielke und Natt och Dag auf das 13., und für zwei andere, Bonde und Gyllenstierna zu Lundholm auf die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts zurückzugehen. Die lebendige Geschlechtertradition beginnt auch für diese Geschlechter erst viel später. Das 15. Jahrhundert ist im allgemeinen die äußerste Grenze, . die die ältesten jetzt lebenden schwedischen Adelsgeschlechter erreichen; und von 615 „selbstständigen" Geschlechtern sind nur 48 mehr als 300 Jahre alt. Die große und noch heute mächtige Aristokratie Englands kann ihre Stammbäume nicht auf die Zeit vor dem Kriege der beiden Rosen zurückführen; die ältesten verbleiben im allgemeinen in der Zeit Elisabeths. Von uralten Ahnen zu reden, ist hier also wenig an seinem Platze. Die lebenden Adelsgeschlechter sind mit wenigen Ausnahmen ziemlich jungen Ursprunges. Klar ist, daß man noch viel weniger in den übrigen Klassen sehr alte Geschlechter finden kann. Bürger und einen damit gleichgestellten bürgerlichen Beamtenstand gab es im allgemeinen nicht vor Ende des Mittelalters; die älteren Bürgergeschlechter der italienischen und deutschen Städte bildeten nämlich selbst ein Patriziat. Dagegen kann man erwarten, vom Eintritt der neueren Zeit an, und besonders mit dem Entstehen einer protestantischen Priesterschaft, aus der in so vielen Fällen Geschlechter hervorgegangen sind, eine Menge mit 200- und 300-jährigen Ahnen, und weit mehr, als adlige Geschlechter desselben Alters zu finden, denn die letzteren sind in der Regel aus früheren Bürgergeschlechtern hervorgegangen. Wie es sich hiermit faktisch verhält, ist schwer mit Gewißheit zu sagen. Die Arbeit Svenska Attartal gestattet jedoch hierin für Schweden gewisse Schlüsse, die sehr lehrreich sind. Eine Zählung der in den elf ersten Teilen dieser Arbeit aufgenommenen noch lebenden bürgerlichen Geschlechter inbezug auf das Alter ergibt das Resultat, daß von den 919 selbständigen Geschlechtern, die gerechnet werden konnten, nur 25 ein Alter von über 300 Jahren haben, 325 sind 201 bis 300 Jahre alt, 518 101—200 Jahre, sowie 51 26—100 Jahre 1 ). Bedenkt man, daß diese Geschlechter augenscheinlich eine Auslese bilden, nämlich gerade die, die ein höheres Alter aufweisen können — die vielen tausenden Geschlechter mit einem Glied oder zwei vom Kamennehmer-Stammvater kommen natürlich nicht in derartige Verzeichnisse hinein —• so ist dieses Resultat in Wahrheit staunenerregend. Nicht allein die Zahl dieser Geschlechter von 200 und 300 Jahren ist, wie wir sofort sehen werden, relativ geringer als die der adligen gleichen Alters — worauf man gleichwohl nicht viel Gewicht legen darf, da man nicht die ganze Anzahl bürgerlicher Geschlechter verschiedener Alter kennt —, sondern sie machen auch an sich eine so geringe Anzahl aus. Betrachtet man diese Sammlung nämlich, was man unzweifelhaft muß, als eine Auswahl alter Geschlechter, so ist die Gesamtzahl 1) Bei der Bestimmung des Alters ist als persönlicher Ausgangspunkt der Namennehmer genommen, der nach dem oben angegebenen Begriff des Geschlechtes als dessen natürlicher Stammvater betrachtet werden kann; früher genannte oder sup- ponierte Glieder sind somit vollständig unberücksichtigt geblieben. Das Anfangsjahr ist, wenn es bekannt war, das Geburtsjahr des Namennehmers, oder das Todesjahr, sonst in Ermangelung des Geburts- oder Todesjahres ein anderes über ihn angegebenes Datum gewesen. — 140 •— von 350 über 200 Jahr alten sehr gering. Sie ertrinken in der großen Masse bürgerlicher Geschlechter mit niedrigeren Altern. Denn ich bin überzeugt davon, daß die Menge der den gebildeten Klassen angehörenden Geschlechter nicht das vierte Glied vor sich, d. h. nicht den Großvater ihres Großvaters, mit. Sicherheit kennt, während die Kenntnis der großen Masse über ihren Ursprung gewöhnlich nicht über zwei Glieder hinaus, d. h. bis zum Großvater geht, ausgenommen die seltenen Fälle, wo mehrere Glieder gleichzeitig leben. Der römische Satiriker Persius hat vollständig recht, wenn er sagt: Fragst du nach dem Großvater meines Großvaters, so kann ich dir nach einigem Nachdenken darauf antworten; und noch einen, seinen Vater, kann ich nennen; aber dessen Vater wiederum — er war aus der Erde gekommen 1 ). Konnte ein Römer, der doch noch etwas von den Reminiszenzen des Totenkultus bewahrt haben sollte, so sprechen, wie viel mehr da nicht die Menschen späterer Zeiten. Sie lassen die Toten ihre Toten begraben. Trotzdem wären alte Geschlechter in allen Staaten und allen Klassen nicht so selten, falls sie nicht so sehr der Vergänglichkeit ausgesetzt wären. Wie kurz das Gedächtnis der Menschen auch im allgemeinen ist, würde dies das Vorhandensein einer großen Menge Geschlechter mit uralten Ahnen, der im besonderen Sinne historischen Geschlechter, die in das Geschick der Völker eingegriffen haben, doch nicht hindern, falls diese Geschlechter nicht stets so kurzlebig gewesen wären. In letzter Reihe ist es die Macht des Todes, die unversöhnlich über diese Verhältnisse herrscht, und die bewirkt, daß so selten alte Geschlechter und viele Ahnen vorkommen. Das Alter der lebenden Adelsgeschlechter. Der Anfangspunkt für die Berechnung des Alters der Adelsgeschlechter ist im allgemeinen die Erhebung in den Adelstand, der Endpunkt der . Januar 1895. Über die Wahl des letzteren Zeitpunktes braucheich mich nicht auszulassen. Dagegen kann möglicherweise gegen den Anfangspunkt eingewendet werden, daß er in doppelter Weise willkürlich sei; er läßt früher bekannte Glieder außer acht und fällt ferner mitten in das Leben eines Mannes, statt auf seine Geburt. Hiergegen muß jedoch bemerkt werden, daß die früheren Glieder oft 1) Sat. vi, 56 ff. recht apokryphisch sind. Jedenfalls fällt das Hervortreten des Geschlechtes als historisches Geschlecht in seiner vollen Stärke gewöhnlich erst mit der Verleihung des Adels zusammen 1 ). Der Anfang des historischen Geschlechtes ist immer konventionell bestimmt, aber selten besser, als durch die feierliche Anerkennung, die die Verleihung des Adelsbriefes enthält. Und es liegt in der Natur der Sache, daß diese Anerkennung nicht mit dem physischen Geburtstag des Stammvaters zusammenfällt. Das historische Geschlecht ist eine soziale Schöpfung, deren Grund eine soziale Tatsache ist, das auf diese oder jene Weise stärkere Hervortreten einer Person vor ihren Mitbürgern; sein Anfang muß dann auch gleicher Art sein. Im übrigen ist das Datum der Erhebung in den Adelstand eine genau bekannte Tatsache, was man vom Geburtstage des Stammvaters oder einem anderen hier in Frage kommenden Zeitpunkte oft nicht sagen kann. Schließlich werden alle Bemerkungen hierüber vor dem Umstände hinfällig, daß hier die Demographie der Ad eis geschlechter vorliegt und daß ein adliges Geschlecht vor seiner Standeserhebung nicht existiert. Ich füge nur noch hinzu, daß durch diese Bestimmung, wie konventionell sie auch sein mag, vom demographischen Standpunkte aus nichts verloren ist. — Was wiederum die ältesten Geschlechter betrifft, für die kein gewisses Jahr für die Erlangung des Adelsrechtes bekannt ist und die deshalb „alter Adel" benannt werden, so werden sie mit anderen Geschlechtern, die ihren Adel, den Angaben nach, vor 1595 erhalten haben, in einer Gruppe zusammengeführt. Die Wahl dieser Jahreszahl als äußerster Grenze beruht darauf, daß die genealogischen Angaben erst von dieser Zeit an zuverlässiger werden 2 ). Es dürfte unnötig sein, diese Altersberechnung auf mehr als eine Weise anzugeben, nämlich für die „selbständigen" Geschlechter, d. h. vom ersten adligen Stammvater an. 1 ) Was die Erhebung in den Adelstand für die rein schwedischen Geschlechter, ist die Naturalisierung für gewisse ausländische. Betreffs der naturalisierten Geschlechter ist übrigens zu merken, daß sie als historische Geschlechter gewöhnlich älter sind, als sie hier aufgenommen werden, und daß verschiedene von ihnen (wie Hamilton, Ramel, Schwerin u. a.) in dieser Beziehung den einheimischen Geschlechtern ,,alten Adels" gleichzustellen sind. Hier kann jedoch auf diesen älteren Ursprung keine Rücksicht genommen werden, sondern der Anfang der naturalisierten Geschlechter, wie der übrigen muß in ihre Aufnahme in den schwedischen Adelstand gesetzt werden. 2) Unser ältester Genealoge, Rasmus Ludvigson ( j* 1594), ist nur für die mit ihm gleichzeitigen Personen und Begebenheiten zuverlässig. Älter der Geschlechter vom ersten adligen Stammvater an bis zum i. Januar 1895. Jahr der Erhebung Alter Anzahl in den Adelstand in Jahren der Geschlec vor 1595 über 300 Jahr 48 1595 — 161g 300—276 2 1620 — 1644 275— 2 5' 3 2 1645 — 1669 250 — 226 9' 1670—1694 225 — 201 i°3 1695—1719 200 — 176 87 1720—1744 175—Gl 45 1745—1769 150 — 126 59 1770—1794 125—IOI 5' 1795 — 1819 100— 76 60 1820—1844 75— 5' 20 1845 —1869 5°— 26 14 1870—1894 25— 0 3 Sa. 615 Die meisten Geschlechter sind, wie wir hieraus sehen, sehr jung. Nur 48 sind 300 Jahre alt und darüber. Von diesen sind 5 gräfliche, 11 freiherrliche und 32 adlige. Dies ist ja eine verhältnismäßig geringe Anzahl alter Geschlechter. Daß keines von diesen länger als bis zum letzteren Teil des 13. Jahrhunderts zurückgeführt werden kann, ist oben genannt. Die gewöhnliche Vorstellung von dem hohen Alter der adligen Geschlechter erweist sich also als stark übertrieben. Allerdings liegen vor dem ersten adligen Stammvater nicht selten ein oder mehrere in die Genealogien aufgenommene Glieder; gewöhnlich sind sie aber, wenn sie nicht direkt auf einen Mann aus dem Volke, einen Bauern oder Soldaten, zurückgehen, dessen Sohn auf dem Wege des Studiums oder im Kriege emporgekommen ist und selbst oder durch seine Kinder ein adliges Geschlecht gegründet hat, sehr apokryphisch. Für die meisten dieser Geschlechter ist diese ihre Vorgeschichte sehr kurz. Sie besitzen deshalb, selbst wenn man jene mit in betracht zieht, indem man auf den ersten mit Sicherheit bekannten Mann, dessen Söhne oder Enkel den Adel erhielten, zurückgeht, kein hohes Alter. Es gibt weder in Schweden, noch, wie oben angeführt, sonst irgendwo sehr alte adlige Geschlechter — das ist der Schluß, zu dem man bei dem exakten Studium dieser Dinge kommt. * * * Die Größe der lebenden Geschlechter. Die ausgeführte Zählung der Masse des jetzt lebenden Adels, deren Resultat in 143 — bevölkerungsstatistischer Beziehung den Gegenstand der nächsten Abteilung dieser Arbeit bildet, hat es ermöglicht, auch die Größe jedes Geschlechtes beim Zeitpunkte der Zählung, dem i. Januar 1895, zu konstatieren. Die Statistik hierüber hat ein doppeltes Interesse, nämlich teils an sich und weil sie in dieser Beziehung wichtige Aufschlüsse über die Beschaffenheit der Volksgruppe des Geschlechtes gibt, teils auch als eine Fortsetzung der statistischen Geschichte der Geschlechter, in erster Reihe der lebenden, in gewisser Weise aber auch der ausgestorbenen. Die Größe der lebenden Geschlechter erhellt aus nachstehender Tabelle. Die Größe der lebenden Geschlechter am 1. Januar 1895 1 ), Anzahl Mitglieder Anzahl Geschlechter mit gegenüberstehender Anzahl Mitglieder im Geschlecht Gräfliche Freilierr- liclie Adlige Summa Selbständige Geschlechter 1— 5 10 1/ 102 129 "5 6— 10 9 23 113 145 133 11— 15 5 17 75 97 90 16— 20 3 15 60 78 72 21— 25 3 8 3i 42 42 26— 30 2 3 26 3' 33 3i— 35 I y 21 29 28 36— 40 I 2 21 24 23 4'— 45 . I 3 H 18 15 46— 50 I 3 7 11 12 5i— 55 I 1 7 9 9 56— 60 — 1 7 8 6 61— 65 . 1 2 3 4 6b — 70 — 3 3 3 7i— 75 4 2 6 5 76 — 80 I — 6 7 7 81- 85 I — 3 4 4 86— 90 1 3 4 1 • 9i— 95 — — — 1 96—100 I — 1 2 4 über 100 I — 3 4 8 Sa. 41 106 5°7 654 6'5 Wir sehen hieraus, es herrscht Mangel an grossen Geschlechtern. Ja, man kann ruhig sagen, es gibt überhaupt keins, denn die höchste von einem Geschlechte erreichte Zahl ist 180 in 1) Die Geschlechter werdeil hier teils in ihrer historischen Gestaltung als gräfliche, freiherrliche und adlige, teils auf,,selbständige" reduziert, behandelt. Bei den ersteren mußte jedoch ebenfalls eine Reduktion vorgenommen werden, indem die laut § 37 4er R. V. kreierten gräflichen und freiherrlichen Geschlechter als bloße Fragmente von Geschlechtern mit ihren resp. Stammgeschlechtern zusammengeführt worden sind. Daher die Summe 654 für diese Geschlechter. r — 144 — Schweden wohnhafte Mitglieder (adl. Uggla, 100). Nicht einmal, wenn man dessen Teilgeschlecht, freiherrliche Uggla 69, mit 10 Mitgliedern zu diesem hinzuzählt, kommt man auf 200 Personen. Und wie gering ist die Anzahl Geschlechter, die 100 Mitglieder überschreiten, insgesamt nur 4, oder mit Reduktion in selbständige Geschlechter 8. Wohl kann man die Einwendung machen, daß eine Menge dieser Geschlechter, genealogisch betrachtet, nicht vollständig ist, da ein Teil Mitglieder derselben anderswo, besonders in Finland lebt. Aber dieser Gesichtspunkt ist hier nicht an seinem Platze. Die Geschlechter müssen als durch die Gesellschaft und die soziale Umgebung, in der sie leben, und die mehr als alles andere über ihre Größe bestimmt, begrenzt erachtet werden. Expatriierte Mitglieder derselben gehören, demographisch jedenfalls, nicht mehr zu ihnen. Will man übrigens trotzdem die auswärts wohnenden einzelnen Personen mit ihren respektiven Geschlechtern zusammenführen und ausserdem die finländischen Geschlechter mit ihren schwedischen Stammgeschlechtern vereinen, so erreicht gleichwohl kein einziges eine Mitgliederzahl von 300, indem das fortwährend größte, Uggla, zusammen nur 268 Individuen zählt. Am besten bestätigt dieses Urteil über die Kleinheit der Geschlechter ein Blick auf die beiden ersten Gruppen in obiger Tabelle. Die Geschlechter mit 1—5 und 6—10 Mitgliedern sind sehr zahlreich. Sie bilden beinahe die Hälfte aller. Eine Einteilung dieser Gruppen in ihre geringsten Teile zeigt noch deutlicher das Uebergewicht der kleinen Gruppen 1 ). Sehen wir nun hiernach, wie die Masse des Adels sich auf größere und kleinere Gruppen verteilt, und betrachten die Ge- 1) Größe der Geschlechter in den beiden ersten Gruppen. \ >■ Anzahl Mitglieder Anzahl Geschlechter im Geschlecht Gräfliche r rei- herrliche Adlige Summa 1 r 1 11 13 2 2 2 20 24 3 I 4 2 4 29 4 2 4 25 31 5 4 6 22 32 6 1 5 28 34 7 2 6 20 28 8 4 4 20 28 9 — 3 28 3i 10 2 5 17 24 19 40 215 274 — r 45 — schlechter mit i — 25 Mitgliedern als kleine, die mit 26 — 75 als mittelgroße und die mit 76 und darüber als große, so erfahren wir laut Tabelle S. 147, daß auf kleine Geschlechter 4876 Personen mittelgroße „ 5573 „ große „ 2533 „ kommen. Setzt man wiederum die niedrigste Grenze für die großen Geschlechter auf eine Mitgliederzahl von 100 Personen — wie man mit vielleicht größerem Recht tun kann — so kommen auf diese Geschlechter nur 1082 Personen. Auch auf diese Weise sehen wir somit, daß die Masse des Adels überwiegend auf kleine Geschlechter verteilt ist. Ob betreffs der übrigen, den sog. gebildeten Klassen angehörenden Geschlechter gleichartige Verhältnisse herrschen, kann ich mangels besonderer Untersuchungen hierüber nicht mit Gewißheit sagen. Mehr als wahrscheinlich ist aber, daß sämtliche hierher gehörige Geschlechter klein sind. Sowohl die geringe Größe dieser ganzen Klasse wie der rasche Umsatz der Namen und Geschlechter, der in ihnen stattfindet, scheinen zu beweisen, daß dem so sein muß. Fragt man schließlich nach der Durch- schnittsgrösse der hier behandelten Geschlechter, so kann zuerst angeführt werden, daß die abstrakte Durchschnittszahl für die gräflichen Geschlechter 23,7 Personen, für die freiherrlichen mit dazu gehörenden gräflichen 20,1, für die adligen mit dazu gehörenden freiherrlichen und gräflichen 19,4, und für sämtliche Geschlechter 19,8, oder wenn die Geschlechter auf selbständige reduziert werden, etwa 21 Personen ist. Die Zahlen geben jedoch keine richtige Vorstellung von der mittleren Größe der Geschlechter. Die meisten Geschlechter stehen weit unter, eine kleinere Anzahl über und nur einige wenige dicht an dieser Ziffer. Besser als diese Rechenaufgabe giebt der sog. Zentralwert die gesuchte Durchschnitts- gTöße an. Denkt man sich nämlich sämtliche Geschlechter in Reihen der Größe nach vom kleinsten bis zum größten geordnet und nimmt dann die Größe, die die Geschlechter mitten in der Reihe mit gleichvielen über wie unter sich besitzen, so erhält man einen Wert, welcher in diesem Falle besser die mittlere Grösse angiebt, als die abstrakte Durchschnittszahl. Der betreffende Wert ist für die gräflichen Geschlechter 12, für die freiherrlichen 14, für die adligen 13 und für sämtliche Geschlechter 13 Personen. Doch auch diese Ziffer ist kein typisches Maß, um welches sich Fablbeck, Der schwedische Adel. 10 die Geschlechter der Größe nach wie um einen Mittelpunkt häufen. Ein solches Maß gibt es nicht; mit anderen Worten, für diese Geschlechter, und ganz sicher auch für die Geschlechtergruppe im allgemeinen, gibt es keine typische Größe. * Größe der Geschlechter nach dem Alter. Die Größe der Geschlechter ist eine Funktion der Zeit. Am Anfangspunkte beschränkt sich das Geschlecht auf den Stammvater und seine Familie, seine Frau und Kinder, falls er solche hat. Darnach kann es Glied auf Glied wachsen und somit proportional mit der Zeit zunehmen. Dies ist, was man das natürliche Verhältnis nennen möchte. Je älter das Geschlecht wird, um so größer wird es. Es folgt hier derselben Entwicklung wie das Menschengeschlecht im ganzen und gewöhnlich auch jedes Volk für sich. Es vermehrt sich und wächst mit der Zeit. Gleichwohl kann man sich einen anderen Verlauf und ein anderes Verhältnis denken: erst Zuwachs, dann Stillstand oder Abnahme. Dies ist ein dem erstgenannten und dem damit folgenden Gelöbnis, lange zu leben und die Erde anzufüllen, entgegengesetzter Entwickelungslauf. Um zu erfahren, ob die jetzt lebenden adligen Geschlechter den ersten oder zweiten dieser Wege gehen, ist untenstehende Tabelle angefertigt, die das Alter und die Größe der „selbständigen" adligen Geschlechter ausweist. (Siehe nebenstehende Tabelle.) Ein Blick auf diese Tabelle zeigt sofort, daß nicht derjenige Zusammenhang zwischen dem Alter und der Größe der Geschlechter herrscht, den man zunächst erwarten konnte, nämlich der kontinuierliche Zuwachs mit der Zeit. Die jungen Geschlechter sind zwar klein und die Durchschnittsgröße in den Geschlechtern wächst im allgemeinen mit dem Alter, aber keins von diesen ist imstande, gegenüber den übrigen Daten der Tabelle einen solchen Zusammenhang zu beweisen. Denn das als erstes über die Kleinheit der jungen Geschlechter Angeführte ist selbstverständlich; und die mit dem Alter wachsende Durchschnittsgröße ist teils zu gering, um dem stark wachsenden Alter recht zu entsprechen, teils ohne Beweiskraft, da die Durchschnittsgröße kein Typus, sondern nur eine abstrakte Durchschnittszahl und eine Rechenaufgabe ist. Die meisten Geschlechter sämtlicher Altersgruppen, außer dem zweiten von oben, das nur zwei zählt, gehören der warn — 148 — Kategorie „kleine Geschlechter" an. Nicht nur die jungen Geschlechter, sondern auch der größere Teil aller anderen liegt, unbeschadet des Alters, in der Größengruppe 1 —15 (20) Personen. Das Funktionsverhältnis zwischen Größe und Alter ist somit nicht von der direkten und einfachen Art, die die Geschlechter um so größer .werden läßt, ein je höheres Alter sie erreichen. Das Verhältnis ist vielmehr zusammengesetzt und unklar. Möglicherweise verschwindet jedoch die Unklarheit, wenn wir annehmen, daß Galtons Behauptungen über die Entwickelung und den Untergang der Geschlechter richtig sind. Dieser Verfasser sucht nämlich, wie oben S. 57 angeführt, zu beweisen, daß von einer gewissen Anzahl Geschlechter die meisten mit der Zeit aussterben, während einige wenige fortleben und sich zu einer ungeheuren Größe entwickeln. Die scheinbare Unordnung in unserer Tabelle würde sich dann in der Weise entwirren, daß in allen Altern einige Geschlechter im Rückgang, andere im Aufgang begriffen sind. Möglicherweise verhält es sich so. Die Tabelle selbst gibt kein Mittel an die Hand, diese Auffassung zu bejahen oder zu verneinen. Nur das kann man sagen, daß die aufwärtsgehende Bewegung, trotz des bisweilen vielhundertjährigen Alters einiger Geschlechter, für kein einziges weit gelangt ist, denn selbst die größten sind keineswegs groß. Auch die gesammelte Schar der acht Geschlechter, die eine größere Entwickelung erreicht haben, ist nicht bedeutend, nur 1082 Personen, oder 8,3 % der ganzen Adelsmasse. Das einzige, was man über das Verhältnis zwischen dem Alter und der Größe der Geschlechter mit Sicherheit sagen kann, ist das, daß die meisten Geschlechter trotz hohen Alters eine geringe Entwickelung aufweisen, mögen sie nun früher größer gewesen und jetzt im Rückgange sein, oder mögen sie sich beständig in demselben geringen Umfang befunden haben wie jetzt. Dies Resultat ist an und für sich bemerkenswert. Die Geschlechtergruppe ist im Adel Schwedens, und wahrscheinlich ebenso in der gebildeten Klasse im allgemeinen, meistens sehr klein. Ob sich dies in älteren Zeiten ebenso verhalten hat, wissen wir nicht, aber alles spricht dafür, daß die historischen Geschlechter auch damals klein gewesen sind. Hiermit denken wir natürlich nicht an die entlegenen Zeiten, wo das Geschlecht eine lebende soziale und politische Organisation gewesen ist und oft eine bedeutende Größe besessen haben muß. Die historischen H9 Geschlechter der späteren Zeit verhalten sich zu den ersteren wie die kleinen Tierformen der Gegenwart zu den Riesengeschöpfen der Vorwelt. Aber auch in einer anderen Beziehung sind die über die Größe der Geschlechter gewonnenen Aufschlüsse von großem Wert. Es ist nämlich klar, daß die Größe der Geschlechter für ihren Bestand und ihre Zukunftsaussichten von der allergrößten Bedeutung sind. Je größer die Geschlechter sind, um so größere Aussichten haben sie, zu leben und größer zu werden, und umgekehrt, je kleiner sie sind, um so. geringer müssen auch die Hoffnungen auf ein langes Leben sein. Die Erfahrungen, die obige Tabellen mitteilen, bilden deshalb gewissermaßen einen Abschluß der im vorigen Kapitel gegebenen Geschichte der Geschlechter. Diese Geschichte hat uns gelehrt, daß die Geschlechter nach einem Ansatz zu starkem Wachstum ununterbrochen der Einwirkung zerstörender Kräfte ausgesetzt sind. Hier sehen wir in der durchgehenden Kleinheit der Geschlechter das Resultat der Wirkungen dieser Kräfte. Sie sind, trotz eines verhältnismäßig hohen Alters, das sehr wohl eine große Ausbreitung- hätte gestatten können, klein, weil die treibenden Kräfte des Lebens durch andere, entgegengesetzte, gehemmt worden sind. Endlich breitet auch das hier über die geringe Größe der Geschlechter Ermittelte ein Licht über die Erscheinung des Aussterbens. Die Kleinheit der Geschlechter muß nämlich ein für ihren Bestand höchst ungünstiger Umstand sein. Das große Sterben unter ihnen in den drei ersten Gliedern, sowie umgekehrt die oben (S. 88) dargelegten mit dem Alter wachsenden Lebensaussichten sind sicher in erster Reihe der Anzahl Mitglieder zuzuschreiben, die die Geschlechter in dem einen oder anderen Falle zählten. Je kleiner die Geschlechter sind, um so mehr sind sie dem Spiel des Zufalles ausgesetzt, das ihnen ebenso gut zum Schaden wie zum Frommen gereichen kann; und umgekehrt, je größer sie sind, um so weniger Macht hat der Zufall über sie. Sämtliche 308 Geschlechter, die nur ein bis fünf männliche Mitgliedern besitzen, müssen aus diesem Grunde ein unsicheres Dasein führen. Denn alle die Kräfte und Umstände, die die Geschlechter ums Leben bringen, können diesen kleinen Geschlechtern einen plötzlichen Untergang bereiten, ohne daß die genannten Kräfte anders denn als reine Zufälligkeiten zu wirken brauchen. * * * — 150 — Auf der weiblichen Seite fortlebende Geschlechter. Außer den lebenden Geschlechtern gibt es nicht wenige Reste solcher, die auf der Mannesseite erloschen sind, auf der weiblichen Seite aber noch fortleben. Die Größe dieser Geschlechter ist ungefähr für alle dieselbe, oder wird es jedenfalls in kurzem. Denn alle gehen einer Anzahl von o Mitgliedern zu. Wie sie sich mit einer solchen Größe zum Alter verhalten, erhellt aus nachstehender Übersicht. Das Alter der nur auf der weiblichen Seite fortlebenden Geschlechter. Alter Anzahl Geschlechter Ueber 300 Jahre 10 300—276 ,, 1 275— 2 S 1 .. 4 250—226 „ 12 225—201 „ 14 200—176 ,, 21 175 —151 7 150—126 „ 8 125-^101 ,, 10 100— 7b „ 19 75— 5i .. 4 5°— 26 >. ' Sa. III Aus dieser Tabelle läßt sich noch weniger ein bestimmtes Verhältnis zwischen Alter und Größe ermitteln als aus der vorhergehenden. Geschlechter in allen Alterstufen und nahezu in gleichem Verhältnis zu der Anzahl Geschlechter, die sich in jeder Altersgruppe befunden haben und fortwährend befinden, gehen in das Nichts über. Die Größe ist eine Funktion des Alters, wie wir oben gesagt haben; und die Wahrheit des Gesagten wird durch das, was wir aus beiden Tabellen erfahren, nicht Lügen gestraft. Eine Ordnung und Regelmäßigkeit in diesem Funktionsverhältnis ist aber nicht zu finden. Es kommen zwar, was natürlich ist, nicht alle Größen in demselben Alter vor, aber umgekehrt werden alle Alterstufen durch gleich große Geschlechter repräsentiert. * Größe der finländischen adligen Geschlechter. Auch über den Adel Finlands, der zum großen Teil aus losgerissenen Zweigen der schwedischen adligen Geschlechter besteht, und der gleich dem schwedischen in seinem 1818 errichteten Ritterhause ein statistisches Bureau besitzt, ist eine Zählung ausgeführt worden. Über die Quelle dieser Zählung u. a. m. werden wir späterhin Bericht erstatten. Hier teilen wir, des Zusammenhanges wegen, die Resultate mit, die die erwähnte Zählung inbezug auf die Größe der Geschlechter ergeben hat. Größe der Geschlechter 1 ). Anzahl Mitglieder Anzahl Geschlechter mit gegenüberstehender Anzahl Mitglieder im Geschlecht Gräfliche Freiherrliche Adlige Summa 1— 5 1 2 1 38 60 6—10 2 8 48 58 ii — i5 — 10 21 31 16 — 20 1 3 22 26 21—25 — 5 14 19 26—30 — 1 6 7 31—35 — 1 7 8 36—40 1 — 1 2 41—45 — — 5 5 46—50 — — 3 3 51—55 — — 2 2 56—60 — — 5 5 61-65 — — 1 1 66—70 — 1 1 2 71-75 — — 3 3 76 — 80 — — 1 1 95—100 — 2 2 Sa. 5 5o 180 235 Die kleinen Geschlechter sind, wie leicht zu verstehen, am stärksten vertreten. Die beiden niedrigsten Gruppen mit i—10 Mitgliedern bilden genau die Hälfte aller. Dies ist mehr als unter den schwedischen adligen Geschlechtern. Auch die Durchschnittszahlen für die verschiedenen Gruppen von Geschlechtern stellen sich nicht unbedeutend niedriger. Sie betragen, die in Finland und Rußland lebenden zusammengerechnet, für die gräflichen Geschlechter 15, für die freiherrlichen 11,1, für die adligen 18,2 und für sämtliche Geschlechter 16,5 Personen. Wie jedoch schon bemerkt, besitzen diese Durchschnittszahlen wenig Wert, da sie kein typisches Maß ausdrücken. — Die auf der Mannesseite erloschenen Geschlechter, deren Größe bald gleich o ist, sind 2 gräfliche, 4 freiherrliche und 27 adlige. Unter diesen 1) Eine Reduktion auf „selbständige" Geschlechter ist hier jedoch nicht vorgenommen, weil die gleich stamm igen häufig zerstreute Zweige eines noch in Schweden lebenden Hauptstammes sind und deshalb kein organisches Ganzes bilden. sind, ganz wie in der entsprechenden Gruppe der schwedischen Geschlechter, alte und junge ziemlich gleich vertreten. Wahrscheinlich sind die Zukunftsaussichten der finländischen Geschlechter nicht besser als die der schwedischen Adelsgeschlechter. Sie sind durchweg ganz klein und somit den Stoßwinden des Glückes, oder richtiger des Unglückes stark ausgesetzt. Die nur auf der weiblichen Seite fortlebenden Geschlechter legen hier wie dort von dem fortdauernden Prozeß des Aussterbens Zeugnis ab. Und obschon zwischen den lebenden und diesen sozusagen halbtoten Geschlechtern, von denen es nicht weniger als i gegen 6 in Schweden, und i gegen 7 in Finland gibt, kein innerer Zusammenhang existiert, so kann man sich doch kaum des Gedankens erwehren, in den letzteren eine Prophe- zeihung für die ersteren und das Schicksal, das ihnen droht, zu sehen. Eigentümlich ist übrigens zu beobachten, wie viele alte schwedische Geschlechter, die in Schweden ausgestorben sind, in Finland ihr Leben fristen, während andererseits eine große Menge derer, die sich 1809 teilten, in ihren finländischen Zweigen erloschen sind. Elftes Kapitel. Warum die Geschlechter aussterben. Kritik und Schlußfolgerungen. Das Aussterben nicht ein Werk der Zufälligkeiten allein. Die Analyse der ausgestorbenen und lebenden Geschlechter ist beendet. Es bleibt nur noch übrig, das Facit der Untersuchungen zu ziehen, um, wenn möglich, einen Einblick in die tiefer liegenden Ursachen der mit den Gliedern fortlaufenden Veränderungen in den Geschlechtern, die für die meisten Geschlechter mit dem Tode geendet haben, zu erhalten. Denn außer den oben untersuchten sind viele andere auf einerlei Weise denselben Ursachen erlegen; ungefähr drei Viertel sämtlicher Geschlechter sind, wie wir uns erinnern, erloschen. Bei dem Versuch, diese Erklärung zu finden, stoßen wir aber sofort auf eine solche, deren Haltbarkeit wir in erster Reihe zu prüfen haben. Es ist die, die in der vorher berührten Behauptung liegt, daß die Geschlechter, laut der oben mitgeteilten Berechnung Watsons oder anderer ähnlicher, schon infolge des rein zufälligen Vorkommens von Sterilität, Mädchengeburten u. s. w. aussterben müssen. Betreffs des letzten Gliedes der erloschenen Geschlechter habe ich selbst angedeutet, daß Zufälligkeiten die Ursache seiner abnorm niedrigen Zahlen, besonders was Zölibat und Sterilität betrifft, sein könnten. Ferner habe ich in dem diesem vorausgehenden Kapitel über die Größe der lebenden Geschlechter darauf aufmerksam gemacht, daß, wenn die Geschlechter so klein sind, daß sie nur aus einigen Personen bestehen, jeder beliebige unglückliche Zufall leicht ihrem Leben ein Ende machen könne. Möglicherweise könnte man von sämtlichen Gliedern und Geschlechtern, sowie von den Veränderungen, die wir in denselben sowohl bei den lebenden wie bei den ausgestorben beobachtet haben, dasselbe sagen. wmmmmmmmtHm — 154 — Ein weiteres Nachdenken lehrt jedoch, daß dies nicht der Fall sein kann. Wahr ist zwar, daß ein jedes der Momente, die zum Untergange der Geschlechter beitragen, rein zufällig vorkommen kann; damit deren Wirkung aber die sein soll, die sie jetzt ist, und damit der Tod in so vielen Fällen folgt, dazu ist erforderlich, daß die Geschlechter ganz klein sind. Ihrer Natur nach sind sie zur Zeit ihres Anfanges so beschaffen. Deshalb sterben auch so viele Geschlechter, bevor sie ein größeres Alter mit daraus folgender größerer Personenzahl erreicht haben. Wenn die Geschlechter aber diese ersten kritischen Zeiten überlebt haben, so hätten sie, ebenfalls ihrer Natur nach, eine solche Größe erreicht haben müssen, daß jene Zufälligkeiten keine Macht mehr über sie besitzen. Daß die meisten Geschlechter, wie wir oben gesehen haben, trotz eines genügend hohen Alters doch so klein sind, das kann kein Werk des Zufalles sein. Die durchweg geringe Größe der Geschlechter beweist, daß hier konstante Kräfte in Tätigkeit sind, die sie auf einer so niedrigen Ziffer daniederhalten. Denn herrschte, wie beim Glückspiel, nur der Zufall, so wären ungefähr ebensoviele große wie kleine Geschlechter, oder jedenfalls eine Menge großer Geschlechter vorhanden. Schwarze und weiße Kugeln kommen bei fortgesetztem Spiel gleich oft; das Resultat müßte also,' falls die auf den Bestand der Geschlechter einwirkenden Kräfte nur zufällig und nach Art des Glücksspieles aufgetreten wären, ein ganz anderes sein, als es, sowohl was ausgestorbene wie lebende Geschlechter betrifft, jetzt ist. Schon die allgemeine Kenntnis der Größe der Geschlechter beweist demnach, daß hier nicht der Zufall allein, sondern außerdem konstant wirkende Kräfte ihr Spiel treiben. Vielleicht kann man das Verhältnis der beiden Ursachen zu einander und die Rolle, die jede bei diesem Drama spielt, so ausdrücken: Der Zufall ist der Henker, der das Urteil, das die konstant wirkenden Kräfte über die Geschlechter schon längst verhängt haben, zuletzt vollstreckt. Aber auch andere Erwägungen führen zu demselben Schlußsatz. Gewisse der nachgewiesenen Veränderungen sinfl der Art, daß sie in keiner Weise dem Zufalle zugeschrieben werden können. So die wunderbaren mit den Gliedern fortschreitenden Veränderungen im Geschlecht der Geborenen und vor allem die konstant sinkende Fruchtbarkeit. Die gradweise zunehmende Verminderung der Fruchtbarkeit, wegen der auch nicht einmal der leiseste Ver- — 155 — dacht auf eine Fehlerhaftigkeit der Quelle fallen kann, beweist unwidersprechlich, daß hier andere als zufällige oder sonstige äußere Ursachen in Tätigkeit sein müssen. Dies lehrte schon das Studium der ausgestorbenen Geschlechter. Seine Bestätigung erhält es aber durch die Untersuchung der lebenden, die zeigt, daß bei ihnen ganz dieselben Kräfte, nur mit geringerer Stärke, herrschen. Schließlich sei auch daran erinnert, daß der hier vorliegende und zu erklärende Prozeß ein ganz anderer ist als der, den die Berechnungen Galtons und jüngst Professor Westergaards aufzeigen 1 ). Durch dergleichen Rechnungen erfährt man, daß von einer gewissen Anzahl von dem Rechner zusammengeführter Namen oder Geschlechter, welche letztere gemeinsam gewissen Voraussetzungen unterworfen ist, und mit welcher die Berechnung als ein Ganzes operiert, die meisten erlöschen, während der oder die Überlebenden an Größe wachsen und schließlich der ganzen Masse gleich groß werden. Aber derart ist das Resultat, das wir hier beobachten, nicht, und selbst dann nicht, wenn wir sämtliche adlige Geschlechter, erloschene und lebende zusammen, betrachten, denn es kommen keine übermäßig großen Geschlechter als Ersatz der vielen abgegangenen vor. Ferner ist der vorliegende Prozeß selber ganz anderer Natur. Er besteht nämlich vor allem darin, daß ein Geschlecht, oder hundert Geschlechter jedes für sich zuerst eine große Produktivität entwickeln, welche dann Glied auf Glied abnimmt, bis sie z. B. im fünften Gliede nur ein oder zwei Söhne erhalten und so den Zufälligkeiten zum Opfer fallen. Ein einziges Beispiel genügt, um zu zeigen, daß das Problem von dem in den erwähnten Berechnungen grundverschieden ist, wenn z. B. die Kinderzahl per Ehe und Glied n—6,2—5,—2,5 beträgt und das Geschlecht damit untergeht (adl. Ljungfelt 1364). Kein Zufall und keine mathematische Berechnung können einen solchen Verlauf erklären 2 ). * * * 1) Dansk nationaloelcon. Tidskr. 1900, h. 3. 2) Natürlich treten die Verminderung der Fruchtbarkeit oder andere bei der Analyse gefundene Veränderungen nicht bei allen Geschlechtern so klar hervor, wie in dem angeführten Beispiel. Gewöhnlich geben sich in dem einen Geschlecht eine oder zwei Vorgänge, in anderen Geschlechtern wieder andere zu erkennen. Selten treten alle die deprimierenden Kräfte so in ein und demselben Geschlechte auf, wie in den zusammengeführten Massen der Geschlechter, der verschiedenen Geschlechtsgruppen. Aber dies hat keinen Einfluß auf die Sache. Nähere und fernere, äußere und innere Todesursachen. Die nächsten Ursachen des Aussterbens der Adelsgeschlechter kennen wir aus dem Vorhergehenden. Es waren Zölibat, Mädchengeburten anstatt Knabengeburten, Sterilität und der Tod der Söhne in jungen Jahren. Dies sind, wie man sie nennen kann, die statistischen Todesursachen, die zu gleicher Zeit die Arten des Aussterbens der Geschlechter angaben. Diese Todesweise hätte man auch a priori angeben können, denn es lassen sich zwar allerlei andere Todesursachen denken, wie die, daß die erwachsenen Männer durch Krieg und Zweikampf ausgerottet worden sind, aber sie fallen doch auf die eine oder andere Weise unter die angeführten. Diese sind nämlich die allernächsten, in welche alle ferneren Todesmodalitäten einmünden müssen. Indem wir dieses aber zugeben, müssen wir doch andererseits feststellen, daß die genannten statistischen Todesursachen nur den äußeren Verlauf, nicht die inneren, tiefer liegenden Ursachen angeben. Für eine eingehendere Erklärung des Unterganges reichen sie somit nicht aus. Es gilt vielmehr, hinter diesen Ursachen die anderen zu finden, die jene gleichsam in Bewegung gesetzt und ihnen vor allem einerseits ihre progressive Zunahme mit den Gliedern, andererseits ihr meistens bedeutendes Übermaß über das gewöhnliche verliehen haben. Denn in diesen beiden Momenten liegt die eigentliche Ursache des Unterganges, wie auch das Problem, dessen Lösung wir suchen. Worauf beruht die ungewöhnliche Stärke, mit welcher die angeführten Todesmodalitäten in den adligen Geschlechtern auftreten, und worauf ihre successive Zunahme mit den Gliedern? Der Versuch, dies aus dem freien Spiel des Zufalles zu erklären, kann, wie wir eben gesehen, nicht gelingen. Der Zufall spielt allerdings beim Aussterben der Geschlechter seine Rolle, allein er ist auf die oben gezeigte Weise begrenzt. Die Entwicklung, die wir hier nicht allein bei den ausgestorbenen, sondern auch bei den lebenden Geschlechtern beobachten, gehorcht anderen Gesetzen und beruht auf anderen konstant wirkenden, sowie inneren Ursachen. Wo diese tieferen Ursachen zu suchen sind, ist auch nicht schwer zu finden. Wie die Ehe selbst beim Kulturmenschen in der Hauptsache das Resultat innerer, psychologischer Motive ist, so ist es auch die Unterlassung der Heirat, nur in einem noch höheren Grade. Die Enthaltsamkeit von der Ehe ist gewöhnlich immer ein Werk der Überlegung oder der Mutlosigkeit, mögen dann die äußeren Gründe der Handlungsweise beliebige sein, ökonomische, soziale oder andere. Ebenso ist klar, daß solche Erscheinungen, wie Verminderung der Fruchtbarkeit, große Sterilität u. s. w., falls sie nicht auf sog. präventiven Mitteln oder anderen Eingriffen in die Ordnung der Natur beruhen, durch innere physiologische Verhältnisse verursacht sein müssen. Die tieferen Ursachen der von uns sowohl bei lebenden wie bei ausgestorbenen Geschlechtern beobachteten Erscheinungen müssen demnach in der moralischen und physiologischen Beschaffenheit der Individuen zu suchen sein. Dies ist also die schließliche Erklärung der vorliegenden Phänomene. Sie haben in letzter Reihe in der psychischen und physischen Natur der Individuen ihren Grund. Hiermit sind wir so weit in der Erklärung dieser eigentümlichen Erscheinung gekommen, wie es mit Hilfe der Statistik und darauf fußenden allgemeinen Schlußfolgerungen möglich ist. Der niemals ruhende Forschergedanke läßt es jedoch hierbei nicht bewenden. Er geht immer weiter auf seiner Jagd nach den Ursachen, aber die Spuren, denen er nunmehr folgen kann, sind unsicher. Auch stehen hier nur allgemeine Betrachtungen und mehr oder weniger sichere Hypothesen zu Gebote. Ich will mich auch betreffs der geringen Ehelichkeit auf solche jetzt nicht einlassen, da ich in der nächsten Abteilung Gelegenheit haben werde, mich hierüber zu äußern. Dagegen kann ich es nicht unterlassen, die andere Gruppe von Ursachen, die physiologischen, in Kürze zu berühren, jedoch nur mit Rücksicht auf die viel besprochene Erscheinung, die Entartung genannt wird, und um die es sich hier offenbar handelt. Natürlich spreche ich mit aller Vorbehalt für mögliche Irrtümer. Der Gegenstand ist jedoch so verlockend und hängt mit unserer ganzen Untersuchung so nahe zusammen, daß wohl einige Worte darüber von einem Nichtfachmann nicht unangebracht sein dürften. Sonst können über diese Dinge, die inneren Ursachen des Aussterbens der historischen Geschlechter, Bände voll geschrieben werden, und sind es auch schon. Für dergleichen Untersuchungen ist noch lange kein Ende abzusehen. * * * Innere physiologische Ursachen — Degeneration. Wenn die Menschen der Vorzeit einmal über die Ursachen des Untergangs berühmter Geschlechter nachdachten, so schrieben sie die- i 5 8 - selbe dem Eingreifen höherer Mächte zu. Es war der Zorn der Gottheit, die im dritten und vierten Glied Strafe für die Missetaten der Väter forderte. Man betrachtete dieses Ereignis einzig und allein vom Gesichtspunkte von Schuld und Strafe aus. Diese naiven Anschauungen genügen dem heutigen Menschen nicht mehr. Diejenigen, die in heutiger Zeit über diese Dinge nachgedacht und geschrieben haben, haben eine handgreiflichere Erklärung für dieselbe gesucht. Am nächsten lag ja, besonders betreffs des Adels, die Annahme, daß Krieg, Zölibat und allerlei äußere Umstände die Schuld an dem Aussterben der Geschlechter trügen. So urteilten auch Benoiston de Chateau- neuf, Kleine und teilweise auch Bang 1 ). Andere, wie Georg Hansen, oder eher sein Nachbeter und Verbreiter, Otto Amnion 2 ) - denn Hansen selbst spricht nicht viel von dem inneren Grunde des Aussterbens der Geschlechter — suchen die Ursachen desselben in einer physiologischen und psychologischen Umwandlung der zu diesen Geschlechtern gehörenden Individuen, der man den bezeichnenden Namen Degeneration^ Entartung, gegeben hat. Und wie diese, so haben frühere Psychiater hierüber geurteilt. Denn von ihnen stammt dieser jetzt so gangbare Begriff. Gewöhnlich wird Morel 3 ) die Ehre zugeschrieben, zuerst die vielerlei Erscheinungen, die der Begriff Degeneration umfaßt, zusammengestellt und zugleich ihre Fortpflanzung und Verbreitung in den Geschlechtern und deren daraus folgenden Untergang nachgewiesen zu haben. Wie die Koppel dem Leithund, so sind dann eine Menge Verfasser den angewiesenen Spuren gefolgt. Gleichzeitig wurde der Begriff ungeheuer erweitert. Morel verstand nur augenscheinlich pathologische Zustände, und näher bestimmt solche darunter, welche, wenn nicht beim Individuum selbst, so doch bei seiner Nachkommenschaft, zur Geisteskrankheit führen können. Spätere Verfasser haben dies auf alle Arten physischer und psychischer Schwächezustände und Abnormitäten, von der 1) Bang (Den danske Adels Forfaid) spricht außerdem die Ansicht aus, der eigentliche Grund des Unterganges des dänischen Adels sei die Degeneration, aber er ist nicht imstande, dies mit den von ihm angeführten Tatsachen zu beweisen. 2) Die natüi liehe Auslese beim Menschen, Jena 1893, und Die Gesellschaftsordnung und ihre natürlichen Grundlagen, Jena 1895. 3I Traite des Degenerescenses pliysiques, intellectuelles et morales de Tespece humaine et des causes qui produisent ces Varietes maladives. Paris 1857. ~ 159 Hysterie und Trunksucht bis zur Sterilität, Sechsfingrigkeit und mehr dergleichen angewendet. Aber nicht zufrieden hiermit, haben mehrere Verfasser sowohl den geborenen Verbrecher wie das Genie unter die Degenerierten einrangiert. Besonders Lom- broso hat diese Anschauung in Schwung gebracht 1 ). Von der Wissenschaft ist dann der Begriff der Degeneration, meist jedoch in seiner älteren und ursprünglichen Fassung, in die Literatur übergegangen. Bei dem Geschmack der Zeit für das Sensationelle haben sich kleine und große Moralisten und Dichter mit Vorliebe auf den neuen Stoff geworfen. Und es ist eine große Literatur entstanden, die das Thema der Degeneration ebenso in allen Tonarten variiert, wie sonst das der Liebe. Allein hier, wie überall, ist die Reaktion der gesunden Vernunft den Übertreibungen auf dem Fuße gefolgt. Schon viele Stimmen haben sich gegen die Theorien eines Moreau de Tours, eines Lombroso erhoben 2 ). Ich persönlich möchte hierzu nur bemerken, daß, wenn alle stark entwickelten Variationen unter den Menschen als Degenerationsphänomene betrachtet werden müssten, nur die graue Mittelmässigkeit als der gesunde und normale Mensch dastehen würde. Dies ist Quetelets Vkomme moyen, der Durchschnittsmensch, in einer neuen Gestalt. Aber so wie der letztere von der Wissenschaft als eine Abstraktion ohne Realität verworfen worden ist, so muß auch dieser neue Normalmensch in das Gebiet der Theorie verwiesen werden. Variationen sind unter den Menschen ebenso natürlich wie in der übrigen Lebewelt und dürfen nur in den Fällen als Degenerationssymptome gestempelt werden, wo sie wirklich eine Entwicklung zu physischem oder psychischem Untergang bezeichnen. Im übrigen ist die Wissenschaft noch, weder mit bezug auf den Inhalt oder den Umfang des Begriffes, im klaren, was eigentlich unter Degeneration zu verstehen ist. Sicherlich werden jetzt allerlei verschiedene Erscheinungen durcheinandergemischt, die auseinandergehalten werden müssen. So muß nicht allein der Übermensch des Genies, sondern wahrscheinlich auch der Untermensch des Verbrechers hiervon ausgeschlossen werden. Der letztere ist wohl 1) L'Uomo delinquente, i. Aufl., 1875, u. m. Arb. 2) Siehe besonders A. Odin, Genese des grands Hommes, Paris 1895, Bd. I, 248 ff. — eine zwar schwer lesliche, aber gründliche und trotz einzelner Irrtümer vortreffliche Arbeit, die es verdient, von allen denen gelesen zu werden, die sich für diese Probleme, darunter auch Erblichkeit, interessieren. eher als ein Rückschlag in ein niedrigeres Kulturstadium, eine Form von Atavismus, denn als Verfallsprodukt eines höheren Stadiums aufzufassen. Auch können mit einiger Billigkeit nicht alle Formen der Nervosität, darunter die so gewöhnliche Neurasthenie, als ein Zeichen der Degeneration gestempelt werden. Die letztere dürfte in den meisten Fällen unter dem jetzt herrschenden harten Kampfe um den Brotervverb und die Ehre erworben worden sein; und unsicher ist wohl, ob sie auf die Nachkommenschaft übergeht. Aber nicht weniger wichtig als die nötige Begrenzung des Begriffes Deg-eneration ist die Bestimmung ihres Wesens und die Unterscheidung ihrer Arten. Die Auffassung der Psychiater über das' eine oder das andere geht aus unten- steher Charakteristik der Opfer der Degeneration von einem der Schriftsteller, die den Untergang der Geschlechter aus diesem Anlaß studiert haben, Paul Jacoby ganz deutlich hervor 1 ). Die Degeneration zeigt sich in einem Untermaße physischer oder psychischer Kraft, das sich mit zunehmender Stärke vererbt und den Individuen nach mehreren oder wenigeren Gliedern die für den Bestand der Geschlechter notwendige Lebensenergie nimmt. Gegen diese allgemeine Bestimmung der Natur und des Verlaufes der Degeneration dürfte wenig einzuwenden sein. Schwerer ist es, die Formen derselben zu unterscheiden, denn sie tritt nicht in einer Art und Weise allein, sondern in mehreren auf. Hiermit ist die Wissenschaft jedoch nicht fertig. Die oben angeführte Charakteristik der Degeneration scheint mir ebensowenig, wie irgend eine andere mir bekannte, die zuletzt genannten Ansprüche zu erfüllen. Für den Nichtfachmann, der die Sache ja immer leichter nimmt, sieht es aus, als könne man folgende Formen unterscheiden: erstens die physische Degeneration, die sich in Mißbildung, vor allem aber in ererbten neuropathischen Zuständen zu erkennen giebt, mögen sie nun zum Irrenhause führen oder i) Les familles en voie de degenerescense s'eteignent, en partie par suite d'exces et de vices tels que: alcoolisme, debauche; en partie par le suicide, le crime, mais surtout par suite de defaut de vitalite, defaut qui se manifeste par la sterilite, par une grande mortalite des enfants en bas äge, et par des cas nombreux de mort prematuree en general, de sorte que des nombreux enfants — on constate ordinairement chez les membres de ces familles, ä cote de la sterilite des uns, une grande fecondite des autres — il ne reste en vie que deux ou trois, les autres mourant en bas äge ou dans l'adolescence. Etudes sur la Selection danp ces rapports arec l'heredite chez l'homme, Paris 1881, pag. 106. nicht; dann die moralische Degeneration, die sich durch Alkoholismus und Zügellosigkeiten aller Art verrät und als Depraration charakterisiert werden kann. Endlich die dritte und letzte Form ist die, die sich wesentlich nur in mangelnder generativer Kraft mit keiner oder schwacher Nachkommenschaft, also in geringer Fruchtbarkeit, Sterilität und Tod in jungen Jahren offenbart. Die erste dieser Formen begreift zugleich die zweite und dritte, die zweite auch die letzte in sich ein, aber diese steht für sich allein da, ohne die beiden anderen im Gefolge zu haben. Mit der ersten Art der Degeneration beschäftigen sich hauptsächlich die Psychiater. Der zweiten haben sich Moralisten und Dichter angenommen. Die dritte Form ist diejenige, die wir bei den hier studierten schwedischen Adelsgeschlechtern und den vielen tausenden anderen Geschlechtern der gebildeten Klassen, die aus demselben Anlasse aussterben, finden. Denn obschon ursprünglich skeptisch, bin ich durch diese Untersuchung gezwungen wurden, mich der Auffassung anzu- schliessen, die in dem Untergange der höheren Klassen, wenigstens teilweise, eine Wirkung der Degeneration sieht. Als ich diese Untersuchungen begann, war ich nämlich überzeugt, daß nur äußere Verhältnisse, und von inneren mehr konstanten nur die Abgeneigtheit gegen die Ehe, schuld daran wären. Aber die statistische Geschichte der lebenden wie der toten Geschlechter hat mich gezwungen, diese Auffassung aufzugeben und zu erkennen, daß außer den genannten Kräften auch in hohem Grade physiologische wirksam gewesen sind, und wirksam gerade auf die für die Degeneration eigentümliche Weise, nämlich wachsend mit den Gliedern. Die Abnahme der Fruchtbarkeit mit wachsender Gliederzahl, die wir nicht nur bei den ausgestorbenen, sondern auch bei den lebenden Geschlechtern so deutlich konstatieren konnten, ebenso wie die große Sterblichkeit in jungen Jahren und die oft übermäßig große Sterilität sind unzweideutige Degenerationsphänomene. Und schwerlich kann man unterlassen, in dem merkwürdigsten aller Resultate, dem Wechsel im Geschlecht der Geborenen nach den Gliedern — vorausgesetzt, daß dieser nicht, wie wir annehmen zu müssen geglaubt haben, auf einer Fehlerhaftigkeit der Quelle beruht — einen Ausfluß dieses Prozesses zu sehen. In diesem Zusammenhange müssen die wachsenden Mädchengeburten ebenso wie die anderen Veränderungen mit den Gliedern als ein Degenerationszeichen betrachtet werden. Wenigstens Fahlbeek, Der Schwedische Adel. 11 16 2 scheint dies die einzige annehmbare Deutung dieses seltsamen Phänomenes zu sein. Wie man dasselbe im übrigen erklären soll, dies zu bestimmen ist die Sache der Physiologen. Die Frage ist wohl die, ob Aristoteles' Auffassung von der Rangleiter der Schöpfung, laut welcher der Mann die oberste Stufe derselben ist, mit den Erfahrungen der Entwickelungslehre übereinstimmt. Die charakteristischen Unterschiede zwischen Mann und Weib, die die moderne Statistik aufhellen, sprechen eher für als gegen diese Auffassung. Wie natürlich, geht der betreffende Degenerationsprozeß in den verschiedenen Geschlechtern in verschiedenem Tempo vor sich. Dies ist — abgesehen von den äußeren und zufälligen Ursachen des Unterganges — der Grund, warum die Gliederkette eine verschiedene Länge hat. Meistens ist sie ganz kurz und erreicht selten fünf, sechs oder mehr Glieder. Aber stets, wenn dies eintrifft, gibt sich ein entsprechendes langsameres Tempo im Auftreten des Degenerationsphänomenes zu erkennen. Hiermit hängt auch zusammen, daß die fernere wahrscheinliche Lebensdauer, wie wir oben (Kap. VII) gefunden, mit dem Alter wächst. Die meisten Geschlechter sterben vor dem vierten Gliede von ihrem Auftreten als historische Geschlechter entweder, weil sie so klein sind, daß sie zufälligen Unglücksfällen zum Opfer fallen, oder weil sie die Umwandlung von niedrigerer zu höherer Kultur nicht auszuhalten vermögen, sondern der Degeneration anheimfallen. Diejenigen dagegen, denen es gelungen ist, dies zu überwinden und sich den Lebensgewohnheiten einer höheren Kultur anzupassen, zeigen dann eine größere Widerstandskraft gegen die zerstörenden Mächte und erzielen auch größere Lebensaussichten. Ebenso unbestreitbar also, wie dieser Prozeß zu sein scheint, ebenso klar ist auch, daß die dabei auftretende Art der Degeneration nur auf die Reproduktion beschränkt ist. Ich habe zwar keine statistischen Daten als Beweis dafür anzuführen, daß die aussterbenden schwedischen Adelsgeschlechter in keiner Beziehung - solche Anomalien und Mängel darbieten, wie sie die degenerierten der Psychiater kennzeichnen, Mißbildungen und ausgeprägte Anlagen für Geisteskrankheiten und andere schwere Nervenkrankheiten — aber ein genügender Beweis dafür ist der Umstand, daß man niemals hat davon reden hören. Denn eine solche Sache würde der allgemeinen Aufmerksamkeit sicher nicht entgangen sein. Von dem Adel Spaniens wurde es einmal gesagt, daß er allgemein mit solchen Mängeln behaftet sei, obschon man Grund zu der Annahme hat, daß derjenige, der diese Beobachtungen gemacht oder zu machen geglaubt hat (Mirabeau), das Opfer einer vergrößernden Augentäuschung gewesen sei'). Denn man hat sonst nicht vernommen, daß die Mitglieder des Adels oder der höheren Klassen solche Deg'enerationszeichen an sich trügen. Jedenfalls ist dies bei den adligen sowie nichtadligen schwedischen historischen Geschlechtern, mit einzelnen Ausnahmen, nicht der Fall. Ebensowenig sind die schwedischen Adelsgeschlechter derjenigen Depraration der Sitten verfallen, die die zweite Form der Degeneration bildet. Natürlich sind einzelne Ausnahmen hiervon vorgekommen, aber sie sind keineswegs zahlreich. Die äußeren Verhältnisse sind auch der Entwickelung solcher Anlagen, wenn sie vorhanden gewesen wären, nicht günstig gewesen. Diese Geschlechter haben im allgemeinen keine großen Reichtümer, den rechten Boden für Samen dieser Art, besessen. Und sie haben einem protestantischen Volke mit strengen Sitten in allen, außer was Trunksucht betrifft, angehört. Aber die Libationen bei den Gastmählern der höheren Klassen in älterer Zeit sind sicher nicht schlimmer gewesen, als die beständige Trunksucht in den breiten Lagern des Volkes unter der Herrschaft des Branntweinkessels. Beides gehörte zu den Sitten der Zeit, und obschon unzweifelhaft schädlich, können sie nicht als ein Zeichen von De- pravation oder der inneren Zügellosigkeit, die eine Form der Degeneration bildet, aufgefaßt werden. Die Degeneration, die hier zu Tage tritt, ist ausschließlich eine Degeneration der Reproduktion, eine Schwächung der Fortpflanzungskraft. Denn daraus muß nicht allein verminderte Fruchtbarkeit und Sterilität, sondern auch große Sterblichkeit in jungen Jahren für die Nachkommenschaft folgen. Die immer wenigeren Kinder, die geboren werden, werden schwach und weniger widerstandskräftig. So weit glaubt man in der Erklärung der oben dargestellten Tatsachen kommen zu können, ohne sich in der Dunkelheit zu verlieren. Aber der niemals ruhende Forschergeist gebietet, weiter zu gehen und die Ursachen der Ursache oder der jetzt gezeichneten Degeneration zu suchen. Denn sie selbst ist offenbar nur eine Folge anderer, vorzugsweise von außen wirkender Kräfte. Hierbei fehlt uns jedoch jeder sichere Leitfaden. Es bleiben uns i) Benoiston de Chateauneuf, Ang. Arb., S. 771. 11* — 164 —■ nur Mutmaßungen. Eine solche, zu der gewöhnlich sofort, wenn von der Degeneration der Familien die Rede ist, gegriffen wird, ist die VerwaWdtenehe; Offenbar müssen bei Verwandtenehen recht oft Fälle mit unglücklichem Resultat vorgekommen sein. Die Vorstellung davon würde sonst keine so allgemeine sein, sofern sie nicht, was keinesfalls unmöglich ist, ein Widerhall der Gesetze der katholischen Kirche über Heiraten in verbotenen Gliedern ist. Allein die Verwandtenehe an sich ist ganz sicher unschuldig an all dem Bösen, das man ihr zugeschrieben hat. Dies beweist ihre Unschädlichkeit nicht allein auf den Inseln, sondern auch überall unter der Masse der Landbevölkerung, wo sie doch zu allen Zeiten in großem Umfange stattgefunden hat. Die Verwandtenehe, wie sie z. B. Jahrhunderte lang in den Gemeinden und Dörfern Dalekarliens vorgekommen ist, übertrifft alles, was in dieser Beziehung in den Geschlechtern des Adels, wenigstens des schwedischen, geschehen ist. Denn unter diesen habe ich mit dem mir zu Gebote stehenden Material nicht beobachten können, daß Ehen zwischen nahe Verwandten besonders gewöhnlich gewesen seien. Der Kreis, aus dem sich die Mitglieder des Adels ihre Frauen holen konnten, war auch ungewöhnlich groß; er umfaßte im Mittelalter die adligen Geschlechter des ganzen Kordens, und später, außer denen Schwedens auch zahlreiche Geschlechter in den Ostseeprovinzen. Außerdem waren Heiraten mit bürgerlichen Frauen, oder solchen, die es noch kürzlich gewesen waren, nichts Ungewöhnliches. Aber wie dem auch sei, die Ehen zwischen Verwandten sind nur in dem Falle gefährlich, wenn beide Teile dieselbe physische Schwäche besitzen. Denn dann ist ihre Wirkung eine bedeutende, indem diese oder die damit zusammenhängende Schwäche mit doppelter Stärke bei den Kindern auftritt. Allein ganz ebenso ist es, wenn Mann und Frau nicht verwandt miteinander sind, aber an gleicher Schwäche leiden. Nicht die Verwandtschaft ist also die Ursache, daß das Resultat ein so unglückliches wird, sondern die gleiche Krankheit. Und dieses aus leicht einzusehenden Gründen. Eine solche Ehe enthält eine Auswahl der betreffenden Schwäche, die also mit Notwendigkeit in der Nachkommenschaft stark hervortreten muß. Der einzige Grund also, warum Verwandtenehen als schädlich für die letztere gehalten werden, kann kein anderer als der sein, daß eine bei dem einen Nachkommen eines gewissen Stammes vorhandene Schwäche auch oft bei den übrigen Spröß- lingen desselben Stammes vorkommt, wodurch eine Ehe zwischen ihnen eine Auslese des Schlechteren gibt. Wo bei den Kontrahenten kein solcher Mangel vorhanden ist, wirken die Verwandtenehen auch nicht schädlich l ). Aus den eben angeführten Gründen, und weil, wie oben genannt, Verwandtenehen im Adel nicht gewöhnlicher, ja kaum so gewöhnlich waren, wie in der grossen Masse des Volkes, kann man die Ursache des Aussterbens der Geschlechter nicht in der Heirat zwischen Blutsverwandten suchen. Klar dagegen ist, daß, wenn aus anderen Gründen eine gewisse Schwäche in der Fortpflanzungsfähigkeit eingetreten ist, bei einer Ehe zwischen Personen, die jede für sich diese Schwäche besitzen, dieselbe in vergrößerter Gestalt wieder bei den Kindern auftreten wird, bis nichts mehr davon übrig bleibt und das Geschlecht ausstirbt. Und das ist offenbar in den Geschlechtern der höheren Klassen geschehen und geschieht noch ferner. Man verheiratet sich in seiner Klasse, und da die Reproduktion in diesen Klassen sowohl bei den Männern wie bei den Frauen wahrscheinlich geschwächt ist, so ist das Resultat das bekannte. In diesem Sinne kann eine Verwandtenehe, nämlich die Verwandtenehe in den höheren Klassen überhaupt, die äußere Ursache des Unterganges der Geschlechter sein. Dies ist keine Verwandtenehe im gewöhnlichen Sinne; aber es ist eine soziale Auslese aus einer gewissen physischen Schwäche, und als solche verhängnisvoll. Eine Bestätigung dafür glaubt man in der Tatsache zu sehen, daß illegitime Linien so häufig die ehelichen überleben. Die Frau war gewöhnlich eine Tochter aus dem Volke und besaß ihre reproduktive Kraft noch ungeschwächt 2 ). Allein hiermitsind wir nicht zum Ende der Erklärung der besprochenen Degeneration gekommen, ja kaum bis zum Anfang einer solchen. Denn welches ist die Ursache der Schwächung der Fortpflanzungsfähigkeit in diesen Klassen? Sie hat keineswegs eine Abnahme des Geschlechtstriebes, im Gefolge, sondern dieser ist 1) Die hier entwickelte Auffassung stimmt im ganzen üb'erein mit dem Resultate der jüngsten vortrefflichen Untersuchung über Verwandtenehen in einem besonderen Falle (betreffs Geisteskranker und Idioten) von P. Mayet, Die Verwandtenehe und die Statistik (Jahrb. d. Internat. Vereinigung für vergl. Rechtswissenschaft etc. Bd. VII). 2) Jacoby führt dasselbe betreffs der Fürstenfamilien und ihrer Seitenlinien an. Angef. Arb., S. 333, 438 u. passim. — 166 — bei den Menschen der höheren Klassen ganz sicher ebenso stark, wenn nicht stärker, als bei der Masse des Volkes. Eine Antwort hierauf dürfte augenblicklich nicht zu geben sein. Der oben genannte Jacoby sucht zwar zu beweisen, daß die Degeneration nicht nur in dieser, sondern in allen Formen eine notwendige Folge der über die Masse erhabenen Stellung dieser Klassen sei. Jede Aristokratie, sei sie eine Aristokratie der Macht oder des Reichtums oder der Bildung oder des Genies, führt zur Degeneration, sagt er 1 ). Und diesen Satz stützt er durch eine geschichtliche Studie über Fürstenfamilien älterer und neuerer Zeiten, die unleugbar in vielem beweisend scheint, wenn der Verfasser auch zuweilen dem Klatsch und der Verleumdung der Zeitgenossen gar zu viel Vertrauen schenkt. Wenn es sich aber um die übrigen Arten der Aristokratie handelt, so beschränkt er sich auf den Versuch zu zeigen, daß die Stadtbevölkerung, die seiner Ansicht nach eine Auslese in aristokratischer Richtung ist, rasch ausstirbt. Hierbei gibt er jedoch die psychologische Unterlage seiner Theorie, die er auf die Fürstenfamilien richtig angewendet hat, auf, nämlich daß die Vorzugsstellung alle hemmenden Schranken für das eigene Ich fallen lasse, wodurch zuerst eine moralische und dann die physische Degeneration erfolge. Es ist auch nicht leicht, für andere Stellungen als die der Fürsten und der hohen Aristokratie oder des großen Reichtums eine derartige Freiheit von hemmenden Banden nachzuweisen. Für die große Menge der der Aristokratie der Bildung angehörenden Personen sind oft sehr fühlbare derartige Schranken vorhanden. Deshalb zieht der Verfasser in diesem Teile seiner Arbeit noch eine andere Ursache der Degeneration der höheren Klassen heran, nämlich die Überanstrengung des Nervenlebens und des Gehirnes in diesen Klassen. Jacoby ist übrigens nicht der einzige, der in einer höheren sozialen Stellung mit daraus folgender höherer Bildung und Verfeinerung eine Ursache physiologischer Veränderungen, besonders mit bezug auf die Reproduktion sieht. Schon Sadler hat angenommen, daß eine feinere Lebensweise eine geringere Anzahl Kinder in i) De l'immensite humaine surgissent des individus, des familles et des races qui tendent ä s'elever au dessus du niveau commun; ils gravissent peniblement les hauteurs abruptes, parviennent au sommet — du pouvoir, de la richesse, de 1' intelligence, du talent — et une fois arrives, sont precipites en bas, et disparaissent dans les abimes de la folie et de la degenerescence. Angef. Arb., pag. 606. — 167 den Familien zur Folge habe — die freiwillige Einschränkung hierbei natürlich nicht in Betracht gezogen; Spencer erwartet dasselbe von der höheren Bildung. Ein anderer Psychiater, Maudsley, verficht eifrig den Satz, daß ein hoch entwickeltes Nervenleben und große Gehirntätigkeit zwar nicht auf das Individuum selbst, aber auf die Nachkommenschaft zerstörend wirke. Denn das ist das Eigentümliche bei dieser Art von Degeneration, daß sie sich nur in bezug auf die Reproduktion zu erkennen gibt. So erfreuen sich Denker und Gelehrte, und überhaupt die Männer der Bildung, was sie selbst betrifft, meistens einen langen Lebensdauer 1 ). Auch im allgemeinen kann man bei den Mitgliedern der höheren Klassen eine gute Körperkonstitution und vor allem große Lebensdauer konstatieren 2 ). Die Sterblichkeit unter dem jetzt lebenden Adel Schwedens ist, allem nach zu urteilen, geringer als im Volke in dessen Gesamtheit. Welches der schließliche Grund der abnehmenden Produktivität sein mag, lässt sich augenblicklich nicht mit Sicherheit sagen. Wahrscheinlich tragen jedoch die größeren Anforderungen an die nervöse und intellektuelle Kraft, die Bildung und Verfeinerung an die höheren Klassen stellen, die Hauptschuld hieran. Denn dies sind die beiden persönlichen Momente, durch welche sich die genannten Klassen von den unteren Klassen unterscheiden: die höhere Bildung und Verfeinerung in Geschmack und Gewohnheiten. Die erstere erfordert überwiegend Kopfarbeit, die letztere hat eine gesteigerte Empfindlichkeit auf allen Gebieten des Nervenlebens zur Folge. Aber sowohl das letztere wie das erstere bedeutet eine vermehrte Arbeit für diese Organe, und dies rächt sich an anderen Lebensfunktionen, besonders an denen der Reproduktion. Der Mensch kann nicht alles erreichen, was er auf der einen Seite gewinnt, verliert er auf einer anderen. Beleuchtend ist in dieser Beziehung ein von Lorenz angeführter Fall, ein seit Jahrhunderten bekanntes Bauerngeschlecht in Sachsen und dessen Verzweigungen 3 ). Mehrere der letzteren sind zu verschiedenen Zeiten in die Reihen der höheren 1) Beweise hierfür enthalten, außer vielen anderen früher gegebenen, die Untersuchungen Odins. Angef. Arb. II, Tab. IV. 2) Die entgegengesetzte Auffassung, die Amnion in gewissen Beziehungen geltend zu machen gesucht hat, ist nicht stichhaltig. Vergl. auch Jacoby, Angef. Arb., S. 436. 3) Lehrbuch der Genealogie, S. 135. S'i •Iii — i68 Klassen gestiegen, sind aber stets nach wenigen Generationen wieder erloschen. Nur der im Volke lebende Stamm erhält sich. Sicher gibt es eine Masse solcher Fälle, obschon wir sie nicht kennen, die beweisen, daß die Bildung und die soziale Erhebung zum Untergange führt. Gleich wie die nordische Sage erzählt, daß Odin sein Auge hergeben mußte, um die höhere Weisheit zu erlangen, so scheint auch der Mensch gezwungen zu sein, die Schätze der Bildung und Verfeinerung nicht nur mit dem Verluste eines Auges, sondern des Lebens, wenn auch nicht seines eigenen, sondern des der Nachkommen zu erkaufen. Zwölftes Kapitel. Die gesammelte Hasse des Adels in Schweden und Finland. Der Adel Schwedens am i. Januar 1895. Die vorgenommene Zählung des Adels ist in ihren wichtigsten Resultaten in Tab. I bis III des Anhanges zusammengestellt. Außer diesen Tabellen sind auch andere zusammengestellt worden, die jedoch mangels Raumes ausgelassen werden müssen. Nur eine gedrängte Übersicht der verschiedenen Resultate sei hier mitgeteilt. Die Totalanzahl Personen innerhalb der verschiedenen Standesgruppen betrug: In Schweden lebende: Im Geschl. geborene männl. weibl. Sa. weibl. Personen Von gräfl. Geschlechtern 470 507 977 477 „ freiherrl. ,, 1029 1098 2127 1074 „ adligen „ 4516 5362 9878 4968 Sa. 6015 6967 12982 6519 Mannesseite erlosch. Geschl. — 123 123 203 Sa. 6015 7090 13105 6722 Im Auslande lebende: männl. weibl. Von gräfl. Geschlechtern 40 23 „ freiherrl. ,, 152 94 „ adligen „ 605 444 Im Gesellt geborene Sa. weibl. Personen 63 21 246 80 1049 396 Sa. 797 Auf d. Mannesseite in Schweden erlosch. Geschl. 53 Sa. 850 56I Ü 628 1358 1478 497 48 545 Die im Auslande wohnhaften Mitglieder der adligen Geschlechter sind hier mitaufgeführt, bleiben aber im folgenden (außer in diesem Kapitel) meistens unberücksichtigt. Sie interessieren uns überhaupt sehr wenig, vor allem weil sie kein demographisches Ganzes bilden und nicht ein und derselben sozialen Gesamtheit angehören oder in derselben sozialen Umgebung leben. Nur die in Schweden wohnende Masse des Adels ist also der Gegenstand eingehenderer Untersuchungen. Die Totalanzahl dieser Masse war 13105 Individuen, davon 6015 männliche und 7090 weibliche. In Prozent der Volksmenge am 1. Januar 1895 betrug sie 0,27 °/ 0 , also eine sehr geringe Zahl. Auch im Verhältnis zur ganzen gebildeten Klasse, von der der Adel einen Teil ausmacht, ist seine Zahl nicht groß, etwa 4,5 °/ 0 . Man kann nämlich die sogenannten Gebildeten oder die höhere Klasse im schwedischen Volke auf ungefähr 6 % desselben schätzen, woraus für den Adel die oben angeführte Prozentzahl dieser folgt. Gern möchte man diese Zahlen mit den entsprechenden in anderen Ländern mit Erbadel vergleichen, aber die spärlichen Angaben, die hierüber in der Literatur vorkommen, sind allzu unvollständig und unzuverlässig, als daß ein solcher Vergleich angestellt werden könnte. Nur mit Finland ist eine Zusammenstellung laut der unten folgenden Statistik über dessen Adel möglich. Die Masse des fmländischen Adels betrug 1895 3957 Personen oder 0,16% der ganzen Volksmenge des Landes, also bedeutend weniger, als der Adel in dessen früherem Mutterlande, eine natürliche Folge davon, daß die finländischen Geschlechter meistens losgerissene Zweige aus den alten schwedischen Geschlechtern, oder erst kürzlich hinzugekommen sind, wodurch sie, jedes für sich, ganz klein sind. Von größerem Interesse als ein internationaler Vergleich ist ein solcher zwischen der Masse des Adels im Lande selbst früher und jetzt. * Die Masse des Adels in älteren Zeiten, sowie Veränderungen in derselben. Bei den allgemeinen Volkszählungen hat bis zum Jahre 1855 e ' ne Einteilung nach Ständen stattgefunden, welche trotz ihrer sonstigen Mängel doch für die Zeit nach dem Verlust von Finland (1809) und Pommern (1814) anwendbare Angaben — 173 — über den ersten Stand liefert. Ein Vergleich zwischen den Angaben vor und nach dem genannten Zeitpunkt wird möglicherweise dadurch fehlerhaft, daß sicher nicht wenige von den in diesen Landesteilen wohnenden Adligen mit der Abtrennung derselben es vorzogen, lieber in ihr Mutterland überzusiedeln, als unter fremdes Szepter, und besonders russisches, zu gehen. Das Ausgangsjahr für eine Untersuchung über den Zuwachs des Adels ist somit 1815, wo nach den Stürmen, die das Land kurz vorher betroffen, und der Verwirrung, die dieselben auch auf dem Gebiete der Volkszählungen angerichtet hatten, Ruhe eintrat. Die offiziellen Angaben für das zuletzt genannte Jahr und zwei andere über die Anzahl adliger Personen weisen folgende Ziffern auf: Jahr Anzahl Adliger °/ 0 der Volksmenge 1815 9681 0,39 1830 10458 0,36 1855 11 742 0,32 und nach unserer Zählung für: 1895 13 io 5 0,27 Aus diesen Zahlen scheint hervorzugehen, daß die Masse des Adels im letzten Jahrhundert in absoluter Zahl zugenommen, im Verhältnis zur Volksmenge dagegen abgenommen habe. Ich sage scheint, denn diese Zahlen lassen sich nicht gut vergleichen — da dies etwas mit etwas Andersgeartetem vergleichen hieße — vor allem aber nicht die letzte mit den vorhergehenden. In der Zwischenzeit zwischen jeder dieser Zählungen ist der Adel durch Hinzutreten neuer Geschlechter gewachsen. Am stärksten ist dieser Zufluß in den beiden früheren Perioden gewesen. In der Zahl vom Jahre 1895 sind wiederum eine Menge Personen eingeschlossen, die bei den offiziellen Zählungen wahrscheinlich gar nicht, oder nur zum Teil zum Adel gezählt worden waren. Diese Ziffern jetzt zu einer vollen Vergleichbarkeit zu rekonstruieren, ist betreffs der drei früheren Zählungen nicht möglich, und auch nicht notwendig. Dagegen stehen keine Schwierigkeiten dem entgegen, unsere eigene Ziffer auf ein, wenigstens ungefähr mit der unmittelbar vorhergehenden Zählung, vergleichbares Maß zurückzuführen. Sie muß zu diesem Zwecke um 1288 Personen 1 ) verringert werden, wo dann 11817 Individuen 1) Unter diesen sind 462 nach der Regierungsform § 37 geadelten Geschlechtern angehörende bürgerliche Personen; der Rest sind solche Adlige, die in einen niedrigeren Stand herabgesunken sind. Keine dieser Kategorien ist bei früheren Volkszählungen dem Adel zugezählt worden. .L yiTriniM^yHlli 1 ilh nii— miihwiiiiiiwi iiJWMniil lu I liliimmn ' 12 h\ —- 174 — als die Volkszahl bleiben, mit der die Ziffer vom Jahre 1855 zu vergleichen ist. Die Schlüsse betreffs des Zuwachses des Adels, zu denen man auf Grund der jetzt angeführten Zahlen und Berechnungen kommt, sind teilweise ganz andere als die oben ausgesprochenen. Daß von 1815 —1830 und weiter bis 1855 wirklich ein Zuwachs in der Masse des Adels stattgefunden hat, scheint unbestreitbar zu sein, auch wenn man auf den in den Zwischenzeiten eing-etroffenen Zufluß neuer Geschlechter gebührende Rücksicht nimmt. Dieser Zufluß kann nämlich für die ganze Zeit von 1815—1855 auf nicht höher als ungefähr 300 Personen gesetzt werden. Im Geg'ensatz hierzu zeigt nun die Zahl für 1895, reduziert auf die entsprechende für das letztgenannte Jahr, daß der Zuwachs nach 1855 aufgehört hat und Stillstand eingetreten, ja daß dieser wahrscheinlich in einen Rückgang übergeg-ang-en ist. Verschiedene Anzeichen, auf die wir später zurückkommen, deuten darauf hin, daß die Masse des Adels gegenwärtig im Niederg-ange begriffen ist, weshalb sie also früher größer gewesen sein muß als jetzt. Aber welche höchste Volkszahl sie in diesen Jahren erreicht hat, und zu welcher Zeit eine Wendung eingetreten ist, das können wir nicht wissen 1 ). Es genüge, daß wir hiermit gefunden haben, daß der Adel im ersteren Teil des Jahrhunderts wirklich an Zahl gewachsen ist, daß dieser Zuwachs aber später aufgehört hat. Dies ist ein höchst bemerkenswerter Verlauf, sei es, daß für diese Volksgruppe, wie für das Volk im Ganzen, Zuwachs das normale sei, oder Stillstand, oder Rückgang. Daß der Adel, trotz des gleichzeitig-en Erlöschens einer Menge Geschlechter, an der die Zeit von 1815—1855 auszeichnenden starken Volksvermehrung teilnahm, ist jedoch nicht wunderbar. Das schwedische Volk hat weder früher noch später so an Zahl zugenommen, wie während dieses Zeitraumes, wo es in vierzig Jahren seine Bevölkerungszahl um 67 % vermehrte. Eine Expansion dieser Art muß sich, scheint es, in allen Schichten des Volkes zu erkennen geben, wenn die Tendenz in gewissen Gruppen auch sonst in entgegengesetzter Richtung geht. Wie dem auch sei, nach dem I 1) Anmerkungsweise sei erwähnt, daß die Zahl vom Jahre 1850 11 758 war, also etwas höher als die des Jahres 1855. Aber einander ähnliche Zahlen sind auch früher vorgekommen (1825 10 449 gegen 10458 im Jahre 1830). . mw.v. — 175 — Eintritte eines langsameren Tempos im Zuwachs des schwedischen Volkes hat der Adel aufgehört, seine Volkszahl zu vergrößern, und ist allem Anschein nach gegenwärtig im Rückgang begriffen. * * * Die im Auslande wohnenden Mitglieder der Geschlechter. Nicht ohne gewisse Verwunderung erfährt man, daß eine so bedeutende Anzahl Mitglieder des ehemaligen ersten Standes des Reiches außerhalb des Landes und der sozialen Umgebung-, zu der sie von Geburt vorherbestimmt zu sein schienen, zu suchen sind. Nicht weniger als 1478 Personen, darunter 850 männliche und 628 weibliche — außer 545 in den Geschlechtern geborenen weiblichen — stehen in den Quellen als im Auslande wohnhaft aufgeführt. Und hierbei sind noch nicht die Zweige der Geschlechter mitgerechnet, die in Finland blieben und dessen Schicksal teilten. Ebenso sind die nicht einbegriffen, die nur vorübergehend im Auslande wohnen. Nur diejenigen, die (nach 1809), soweit man sehen kann, für immer ihr Vaterland aufgegeben haben, sind in dieser Statistik aufgenommen. Daß die Zählung eine erschöpfende ist, wagt man kaum anzunehmen. Vor allem gilt dies natürlich von den Nachkommen derer, die schon vor längerer Zeit ausgewandert sind. Im allgemeinen kann nur über die in der Jetztzeit (seit Mitte des 19. Jahrhunderts) Emigrierten Rechenschaft abgelegt werden. Bemerkt sei auch, daß einer oder der andere der jetzt Expatriierten wahrscheinlich eines Tages zurückkehrt und sein schwedisches Mitbürgerrecht wieder in Anspruch nimmt. Die angeführten Zahlen, wie überhaupt diese ganze Zählung drücken, was stets in Erinnerung zu halten sei, ein Augenblicksbild aus, das von einer Zeit zur anderen wechseln kann. Wahrscheinlich sind die Gründzüge desselben jedoch beständig feststehend. Kehrt also in diesem Falle der eine zurück, so nimmt ganz sicher ein anderer, der ausgeht, seinen Platz ein. Laut dieser zweifelsohne unvollständigen Statistik gehören etwa io°/ 0 des Adels Schwedens fremden Ländern an; und rechnet man, was man wohl eigentlich tun muß, nur die männlichen, so sind es 12%. Hierbei ist jedoch nicht zu vergessen, daß diese Zahlen sämtliche jetzt im Auslande Lebende umfassen, und daß ihre Zahl natürlich viel größer ist als die der ursprüng- — 176 — lieh Emigrierten. Wie groß ihre Anzahl ist, und wie umfassend also die Auswanderung selbst gewesen sein mag, läßt sich jetzt nicht mehr angeben; nur das ist sicher, daß die betreffende Zahl nicht geringer als 303 sein kann, denn so viele Geschlechter haben Beiträge hierzu geliefert ! ). Interessant ist auch die Beobachtung, wie diese im Auslande wohnhaften sich auf die verschiedenen Länder verteilen. In Europa befanden sich 353 männliche und 281 weibliche. Außerhalb Europas 497 männliche und 347 weibliche. Von den letzteren gehörte die Mehrzahl, oder 454 männliche und 318 weibliche der neuen Welt an. Diese ist also auch für den Adel das Emigrationsland par preference gewesen, wenn auch keineswegs in dem Grade wie für die arbeitenden Klassen. Über die Ursachen der Auswanderung der Adligen wissen wir noch weniger als über die Gründe der großen Auswanderung der niederen Volksklassen. Wir dürften jedoch nicht fehlgreifen, wenn wir annehmen, daß sie ihr Heimatland verlassen haben, weil es ihnen entweder durch Ungunst des Schicksals oder durch eigenes Verschulden schlecht ergangen ist. Vor allem dürfte dies bei den meisten von denen, die nach Amerika gegangen sind, der Fall sein. Diejenigen, die nach dort gewandert sind, haben ihre soziale Stellung aufgegeben, um sich, in neun von zehn Fällen, wenigstens für eine Zeit, in die Gestalt eines Arbeiters zu kleiden. Der sonst unvermeidliche Rückfall in eine niedrige Klasse, wovon wir später zu sprechen haben, ist somit außerhalb des Gesichtskreises bekannter Augen vor sich gegangen. * * * Der Adel Finlands. Obsehon Finland vor einem Jahrhundert ebenso treulos wie gewaltsam Schweden entrissen worden ist und die beiden Völker seit dieser Zeit vollständig getrennt von einander gelebt haben, sprechen doch verschiedene Gründe dafür, daß wir in dieser demographischen Studie über den Adel Schwedens gleichzeitig auch den finländischen Adel behandeln. Von den 237 Geschlechtern, die das finländische Ritterhaus im Jahre 1895 zählte, sind nicht weniger als 148 frühere schwedische 1) Ausserdem befinden sich 16 Geschlechter im Auslande wohnhaft, die wir überhaupt nicht mit in Rechnung gezogen haben; ebenso einige auf der Mannesseite erloschene Geschlechter, deren weibliche Mitglieder im Auslande verheiratet sind. 177 oder schwedisch-finländische und nur 8g neue 1 ). Die meisten fin- ländischen Geschlechter sind Zweige schwedischer oder schwedisch- finländischer, welche es bei der Trennung 1809 vorzogen, in dem Lande zu bleiben, wo sie Wurzeln geschlagen hatten oder stets verwurzelt waren. Hierzu kommt, daß in dem 1818 nach dem Muster des schwedischen errichteten Ritterhauses ungefähr gleiche Genealogien geführt werden wie im schwedischen. Hierdurch wird eine Statistik und Volkszählung auch des Adels Finlands ermöglicht, die wir um so lieber benutzt haben, als die Wissenschaft begierig jede Gelegenheit zu einem Vergleiche ergreift. Gleichwohl müssen wir darauf aufmerksam machen, daß die zunächst liegende Quelle für die Zählung des Adels Finlands (der Adelskalender von 1897) bei weitem nicht so vollständig ist wie die Quellen für den schwedischen Adel 2 ). Die Resultate der Volkszählung finden sich in Tabelle IV des Anhanges, wozu wir auch hier eine der oben über den schwedischen Adel gegebene analoge Zusammenstellung hinzufügen. Die Totalsumme der verschiedenen Standesgruppen betrug: In Finland Lebende. Im Geschl. geborene männl. weibl. Sa. weibl. Personen Von gräfl. Geschlechtern 16 26 4 2 26 ,, freiherrl. ,, 219 236 455 226 „ adligen ,, 1261 1549 2810 142 1 Sa. 1496 1811 33°7 1673 Auf d. Mannesseile erlosch. Geschl. — 41 41 62 Sa. 1496 1852 3348 1735 In Rußland Lebende. Im Geschl. geborene männl. weibl. Sa.' weibl. Personen Von gräfl. Geschlechtern 18 15 33 8 ,, freiherrl. ,, 48 52 IOO 47 „ adligen „ 252 224 476 174 Sa. 318 291 609 229 Auf d. Mannesseite erlosch. Geschl. — — — 10 Sa. 318 291 609 239 Außerdem sind als außerhalb Finlands und Rußlands wohnend angezeichnet: 56 männliche und 43 weibliche, sowie 63 in den Geschlechtern geborene weibliche Personen. 1) Zwei gräfliche Geschlechter gehören als Primogenitur Anderen an und sind deshalb oben (S. 151) nicht gerechnet. 2) Durch das liebenswürdige Entgegenkommen eines finländischen Genealogen sind diese Lücken jedoch so gut wie möglich ausgefüllt worden. Fahlbeck, Der schwedische Adel. 12 ■ L Ii 81: Wie schon oben angedeutet, ist die Anzahl des finländischen Adels im Verhältnis zur großen Masse des Volkes sehr gering, nämlich, die in und außerhalb Finlands wohnenden mitgerechnet, 0,16%, sonst nur o,i3°/ 0 . Die augenscheinlichen Ursachen der geringen Größe des Adels in Finland, obgleich dort andauernd neue Geschlechter kreiert werden, wurden gleichzeitig angegeben. Die Geschlechter sind entweder Teile früherer schwedisch-finlän- discher oder ganz jung. — Die bemerkenswerteste Auskunft, die obenstehende Übersicht gewährt, ist die betreffs der Verteilung auf das eigene Land und auf andere Länder. Die geringe Zahl der außerhalb des russischen Reiches wohnenden Mitglieder des Adels ist auffällig. Zum Teil mag dies der UnVollständigkeit der Quelle zuzuschreiben sein, aber sicher nur teilweise. Aus diesen Ziffern geht klar hervor, daß der Adel Finlands nur in einem sehr geringen Grade sein Auskommen anderswo in der Welt gesucht hat. Dagegen ist, wie ja zu erwarten war, ein bedeutendes Kontingent desselben in Rußland zu finden. Die Zusammensetzung dieses Kontingentes zeigt gleichwohl, daß Rußland für die dorthin gezogenen Finländer den Charakter eines Emigrationslandes, oder überhaupt eines fremden Landes gehabt hat. Die Anzahl männlicher Mitglieder überwiegt die der weiblichen, während im Heimatlande das Gegenteil der Fall ist. Ferner geben diese Zahlen gewisse Aufklärungen über die politischen Verhältnisse und die Gesinnung des finländischen Volkes nach der Trennung von Schweden, die besonders in der Gegenwart Beachtung verdienen. Sie legen nämlich von einer so vollständigen Trennung von dem alten Lande, wie man sie sich nur denken kann, Zeugnis ab. Es ist sowohl eine Trennung inbezug auf commercium et connubium, wie in politischer Beziehung gewesen. Kein Rückblick hat die neuen Verbindungen gestört. Die Finländer haben die neue Lage mit voller Loyalität akzeptiert und sich an Rußland angeschlossen. Allerdings haben sie auch gleichzeitig an der ihnen von Elisabeths Zeiten her vorgespiegelten und von Alexander I. feierlich versicherten Stellung als besondere Nation festgehalten. Denn auch dies erhellt, wie oben angedeutet, -aus den angeführten Zahlen. Diese bilden also eine Illustration zur ganzen Geschichte Finlands nach 1809: Loyaler Anschluß an das mächtige Zarenreich mit Beibehaltung der versprochenen Sonderstellung. Dreizehntes Kapitel. Das Geschlecht. Das Geschlecht als natürliche und statistische Eigenschaft. Von allen Eigenschaften des Menschen und der Menschenmassen, die die Demographie beschreibt und mißt, ist das Geschlecht die erste und allgemeinste. Der Mensch ist eine Abstraktion, die niemand mit eigenen Augen gesehen hat; der Mann und das Weib sind die einzigen Wirklichkeiten. Das Geschlecht teilt die Menschen in zwei verschiedene, aufeinander angewiesene Wesen ein. Der Zweck oder, wie man es nehmen will, die Wirkung dieser von der Natur gegebenen Zweiteilung ist eine für das Menschengeschlecht notwendige Arbeitsteilung.- Diese Arbeitsteilung, die auf der niedrigsten Stufe der Geschöpfe beginnt, steht in erster Reihe im Dienste der Art. Die Fortpflanzung und die Pflege der Nachkommenschaft hat die Natur auf diese Weise auf verschiedene Individuen verteilt. Hierauf beschränken sich jedoch die Verschiedenheiten der Geschlechter und ihre verschiedenen Aufgaben in der Welt des Menschen nicht; die von der Natur gegebene physische Arbeitsverteilung geht hier in eine soziale über. Die physischen Unterschiede zwischen Mann und Weib sind kaum geringer als die physiologischen. Deshalb haben die beiden Geschlechter zu allen Zeiten in der Familie und im Hause, in der Gesellschaft und im Staate verschiedene Aufgaben gehabt. Zuweilen wird dieses Faktum einzig und allein als ein Werk der Stärke und als ein aufzuhebendes Unding dargestellt. Die Phantasien des 19. Jahrhunderts über die ursprüngliche und zu wünschende Stellung der Geschlechter zu einander haben jedoch kaum einen größeren Wert als die des 18. Jahrhunderts über den Ursprung der Gesellschaft sowie deren Zukunftsideal. Die soziale Arbeitsteilung zwischen 12* — 18o — Mann und Frau ist für die Entwickelung des Menschengeschlechtes in der Kultur kaum weniger bedeutungsvoll als die physische für den Bestand desselben. Der Unterschied zwischen jener und dieser ist vor allen der, daß während die letztere naturbestimmt und unveränderlich, die erstere mehr schwebend ist und nach Inhalt und Umfang mit den Zeiten wechselt. So finden gerade in der Gegenwart starke Verschiebungen betreffs des Arbeitsgebietes der Frau statt. Diese heben jedoch die Grenzen des verschiedenen Wirkungsgebietes der Geschlechter nicht auf, sie versetzen nur die alten Flursteine und stellen neue auf. Ganz natürlich hat die Statistik schon von Anbeginn ihre Aufmerksamkeit auf die Geschlechtseigenschaft und die Ge- schlechtsverteilung gerichtet gehabt. Sie hat die Geschlechter sowohl mit Rücksicht auf die soziale Arbeitsteilung zwischen ihnen, wie vom Gesichtspunkte der Fortpflanzung und des Geschlechtslebens aus beobachtet. Die ältesten statistischen Angaben, die wir kennen, betreffen die Anzahl waffenfähiger Männer. In der Gegenwart betrachtet man das Geschlecht von beiden Gesichtspunkten aus, zuerst aber vom physischen, welcher der grundlegende ist, und dann vom sozialen. Die großen immerwährenden Veränderungen in der Stellung der Frau bei den zivilisierten Völkern hat der Statistik der weiblichen Arbeit ein besonderes Interesse verliehen. In der vorliegenden Studie über den Adel ist indessen der Hauptgesichtspunkt — und in diesem Kapitel der einzige — das einfache Zahlenverhältnis der Geschlechter, also die physische Seite dieser Eigenschaft. * * * Das Gleichgewicht der Geschlechter. Die erste Beobachtung, die man, nachdem man aus wissenschaftlichem Interesse Zahl und Maß der Menschen zu suchen begonnen hat, zu machen glaubte, war die, daß die Geschlechter im reifen Alter gleichstark seien. So fand Süßmilch, daß auf 100 Mädchen mit großer Regelmäßigkeit etwa 105 Knaben geboren würden, daß die Sterblichkeit aber auch unter den Knaben größer sei als unter den Mädchen. Hieraus schloß er, daß Männer und Frauen, wenn sie ins heiratsfähige Alter gekommen sind, gleich zahlreich seien und daß Gott somit selbst dafür gesorgt habe, daß jeder Mann eine Gattin und jede Frau einen Gatten erhalten könne. Die nach — 181 Süßmilchs Zeit vorgenommenen Volkszählungen haben indessen gezeigt, daß die Proportion zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht in der ganzen Bevölkerung faktisch eine andere ist, indem das weibliche Geschlecht, besonders in den höheren und höchsten Altern, eine nicht geringe Überzahl aufzuweisen hat. Hieraus hat man wieder in der Gegenwart Schlüsse gezogen, die zwar nicht denjenigen des frommen Pastors gerade entgegengesetzt, aber kaum weniger übereilt sind als seine. Wie man früher das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern überschätzte, so übertrieb man jetzt oft die Nichtübereinstimmung. Die Wahrheit ist, daß die Natur nach Gleichgewicht strebt, daß aber störende Kräfte und besonders der Menschen eigenes Verschulden bewirken, daß solches selten oder niemals bei ein und demselben Volke eintritt. Die wichtigste störende Kraft ist die verschiedene Sterblichkeit der Geschlechter; das eigene Verschulden der Menschen ihre Wanderungslust. Das verschiedene, an sich variable Maß der Sterblichkeit für die beiden Geschlechter hat doch, wie es scheint, die Tendenz, sich zu vermindern, so daß mit dem Überschuß männlicher Personen, welche die Natur durch Geburten gewährt, die Anzahl Männer jetzt bis zum 50. oder 60. Jahre hinauf vollständig der Anzahl Frauen entspricht. Pliernacli überwiegt allerdings das .weibliche Geschlecht, aber diese Altersklassen kommen minder in Betracht. Gäbe es deshalb kein anderes störendes Element, so würden die Worte Süßmilchs jetzt ihre volle Geltung haben. Aber hierzu kommen die Wanderungen, die zuerst bewirken, daß vielleicht in ein und demselben Lande die größten Verschiedenheiten herrschen können, und ferner, daß das eine Land ein Übermaß an Frauen, das andere eines an Männern hat. So besitzen die Städte, sowie die Emigrationsländer allgemein eine große Überzahl an Frauen, während umgekehrt zuweilen das platte Land, sowie regelmäßig die neuen Länder mit großer Einwanderung einen Überschuß an Männern aufweisen. Das fehlende Gleichgewicht in der Zahl der beiden Geschlechter ist daher hauptsächlich eine Folge der ungleichmäßigen lokalen Verteilung. Könnte man die beiden Geschlechter in der ganzen Menschheit zählen, so würden sie wahrscheinlich ganz gleich wiegen. Für die Frage der Möglichkeit einer Verheiratung für jeden Mann, und besonders für jede Frau liegt jedoch in diesen Betrachtungen nur ein geringer Trost. Der Heiratsmarkt - wenn das Bild mir gestattet sei — ist in der Regel stets lokal; — 182 — er umfaßt nicht einmal, wie der Warenmarkt, das ganze Land, noch weniger die ganze Welt. Es sei auch nicht vergessen, daß, wie es in den besonderen lokalen Gruppierungen der Fall ist, ebensowohl in gewissen Schichten der Gesellschaft, hierin möglicherweise andere Zahlenverhältnisse herrschen können als im Volke in seiner Gesamtheit. Wir werden diese Beobachtung gerade in der jetzt vorliegenden Volksmasse machen. * * * Das Geschlecht im schwedischen Adel. Die Totalmasse des männlichen und „in den Geschlechtern geborenen" weiblichen Geschlechtes betrug am 1. Januar 1895 6015 resp. 6722 1 ). Wird die Masse nach Ständen verteilt, so machen die entsprechenden Zahlen 1499 männliche und 1583 weibliche für gräfliche und freiherrliche, 4516 männliche und 5139 weibliche für adlige Geschlechter aus. In Beziehung zu einander gestellt, ergeben diese Zahlen folgendes Maß der Geschlechtsverteilung im Adel: Auf 1000 männl. weibl. Die ganze Masse des Adels . . . 1118 Gräfliche u. freiherrliche Geschlechter 1056 Adlige Geschlechter 1138 Im schwedischen Volke befanden sich laut der Volkszählung von 1890 auf 1000 männliche 1065 weibliche. Die Anzahl weiblicher ist somit in der Masse des Adels verhältnismäßig bedeutend größer als im ganzen Volke; vor allem ist dies beim niederen Adel der Fall, während bei den gräflichen und freiherrlichen Geschlechtern das umgekehrte Verhältnis herrscht. Das letztere ist möglicherweise nur eine Folge der kleinen Zahlen; in jedem Falle bleibt die für die ganze Masse konstatierte große Überzahl im Vergleich zu dem Verhältnisse im schwedischen Volke bestehen. Dies ist insofern entgegen unserer Erwartung als die Auswanderung, die mehr die Männer ergreift, im Volke verhält- 1) Hier sind die „in den Geschlechtern geborenen" weiblichen Personen (Anh. Tab. I, Kol. i"), nicht die „dem Adel angehörenden" Frauen (Kol. 12) aufgenommen, und zwar aus dem Grunde, weil ein großer Teil der letzteren aus anderen Kreisen und Familien gekommen ist, nämlich die mit Adligen verheirateten bürgerlichen Frauen. Damit der Adel eine in sich geschlossene, mit dem ganzen Volke vergleichbare Masse bleibe, darf hier und im folgenden nur mit den in den Geschlechtern geborenen weiblichen Personen gerechnet werden. 183 nismäßig außerordentlich viel größer war als im Adel. Die Erklärung dieses Umstandes ist nicht ganz leicht. Vielleicht wird uns die Zerlegung - der ganzen Masse in kleinere Gruppen das Verständnis erleichtern. Von der Übersicht über die Geschlechtsverteilung in der ganzen Masse gehen wir also zum Studium derselben in den verschiedenen Altersgruppen über. Erst hierdurch erhalten wir einen vollen Einblick in die gegenseitigen Zahlenverhältnisse der beiden Geschlechter. iooo männl. entsprechen Altersgruppen in den Geschlechtern gebor. Jahr weibl. Personen 0—5 970 5—to 929 10—15 951 15—20 970 20—25 1046 25—30 1128 30—35 1221 35—4° 1172 40—45 1121 45—5° 1117 50—55 1182 55—60 1114 60—65 1405 65—70 1282 70—75 1565 75—80 1287 80—85 2128 85—90 1579 9 o—co 3750 Durch diese Zahlenserie erhält man eine andere Vorstellung - von der Geschlechtsverteilung als die, welche das Maß für die ganze Masse (auf 1000 männliche 1118 weibliche) gibt. In einigen Altersg - ruppen zeigt sich ungefähr dasselbe Verhältnis, aber meistenteils herrscht ein anderes. In dem Wechsel der Zahlen offenbart sich gleichwohl im großen Ganzen eine bestimmte Ordnung. Die Alter o—20 Jahre weisen einen Überschuß des männlichen, alle übrigen einen solchen des weiblichen Geschlechtes, und zwar, trotz einzelner, offenbar auf der Kleinheit der absoluten Zahlen beruhender Schwankungen, in beständig wachsendem Grade auf. Die Natur setzt einen Überschuß männlicher Personen in die Welt; und Natur und Kunst, d. h. das Tun und Lassen der Menschen im Verein, reduzieren den Überschuß und verwandeln ihn nach und nach in eine große Unterzahl. Der Wendepunkt tritt in der Altersgruppe 20—25 Jahre ein. Dieses Bild der Geschlechtsverteilung - gilt jedoch keineswegs nur für den Adel Schwedens; es zeigt sich vielmehr überall da, wo eine Frauenüberzahl herrscht, wenn die einzelnen Züge darin auch wechseln. Wir können dies am besten durch nachstehendes Diagramm beurteilen, wo neben der Linie des schwedischen Adels die desganzen Volkes und ebenso die Linie des finnischen Adels angebracht sind. Diagramm. Zahlenverhältnis der Geschlechter in den Altersklassen o—75 Jahr. (Männlich = 1000.) Altersgruppen Jahr Linie des W. G. für den schwed. Adel „ für das schwed. Volle „ ,, den finnischen Adel Die Übereinstimmung nicht minder als die Verschiedenheit zwischen dem schwedischen Adel und dem schwedischen Volke ist einleuchtend. Der Wendepunkt in dem Verhältnis der beiden Geschlechter ist derselbe (im 20. bis 25. Jahre), aber das Übergewicht des männlichen Geschlechts vor diesem Alter und des weiblichen nach demselben, tritt in den beiden Linien verschieden hervor. Ziffermäßig stellt sich diese Verschiedenheit so, daß während 1000 männlichen im Adel 954 weibliche in den Altern o—20 Jahre und 1250 in den Altern 20—co Jahre entgegenstehen, die entsprechenden Zahlen im ganzen Volke 974 und 1137 sind. Von diesen Unterschieden ist der letztere, betreffend die höheren Altersklassen, sowohl mit bezug auf die Zahlen der Alter o—20 Jahre als an sich sehr eigentümlich. Man hätte, wie - i8 5 oben erwähnt, infolge des Nichtvorhandenseins einer einigermaßen nennenswerten Emigration in der kleinen Masse (dem Adel) eben das Gegenteil erwartet. Zunächst denkt man sich als Grund dieser Erscheinung eine für die Frau vom Adel relativ geringere Sterblichkeit als für die Frauen im ganzen Volke. Doch scheint diese Annahme nicht einwandfrei zu sein. Das umgekehrte Verhältnis bei den früheren Altern (o—20 Jahre), wo das junge weibliche Geschlecht im Adel weniger vertreten ist als im Volke, spricht dagegen. Auch bleibt die so viel geringere Sterblichkeit der Frauen in den höheren Altersklassen sonderbar. Denn es kann, wie wir später sehen werden, kein Zweifel darüber herrschen, daß die Sterblichkeit auch unter den Männern des Adels nicht unbedeutend geringer ist als unter den Männern des schwedischen Volkes im allgemeinen. Daß sie trotzdem in dieser Hinsicht dem weiblichen Geschlechte in höherem Grade unterlegen sind als die Männer des Volkes, ist staunenerweckend. Die nächstliegende Erklärung dieses Umstandes wäre dann die geringe Ehelichkeit im Adel, denn die Ehe scheint besser die Männer zu konservieren als die Frauen. Mehr als eine Mutmaßung ist diese Erklärung jedoch nicht. Unter allen Umständen bleibt doch kaum etwas anderes übrig, als die geringere Sterblichkeit der Frauen als Ursache der oben bezeugten Überzahl anzunehmen. Denn daß diese nicht auf ein Übergewicht der Mädchengeburten zurückzuführen sei, ist schon aus dem Obigen klar, wird aber auch in dem Folgenden bestätigt. Verlassen wir diese rein demographischen Betrachtungen, um das Verhältnis der Geschlechter im Adel vom sozialen Gesichtspunkte aus ins Auge zu fassen, so finden wir dasselbe kaum weniger bemerkenswert. Die Überzahl der erwachsenen Frauen über die Männer gestaltet die Aussichten der letzteren auf eine Verheiratung bedeutend ungünstiger. Auch in anderen Beziehungen ist diese Überzahl folgenschwer. Interessant wäre es zu wissen, ob diese für den Adel, d. h. einen Teil der höheren Klasse gefundene Eigentümlichkeit den letzteren in ihrer Gesamtheit gilt. Es sieht aus, als ob dem so wäre. Man glaubt gleichsam zu fühlen, daß die Überzahl des weiblichen Geschlechtes -in dieser Klasse eine außerordentlich große ist, und daß diese es neben anderen Verhältnissen ist, die den Andrang der Frauen auf den Markt der feineren Arbeit und ihr Bestreben nach einer immer größeren Erweiterung desselben verursacht. Leider zwingt uns das Fehlen jeder sozüilen Statistik, es auch hier nur bei Vermutungen bewenden zu lassen. * * * Das Geschlecht hei Geburten. Obschon dieser Gegenstand nicht zu den Aufgaben einer Volkszählung gehört, wollen wir demselben doch im Zusammenhange mit dem Vorhergehenden einige Worte widmen. Der bedeutende Überschuß an weiblichen Personen im Adel könnte in erster Reihe zu der Vermutung Anlaß geben, daß auch das Verhältnis im Geschlechte der Geburten zum Vorteil des weiblichen Geschlechtes wäre. Die Analyse sowohl der lebenden wie der ausgestorbenen Geschlechter deutete ja auf eine Zunahme der Mädchengeburten mit den Gliedern hin, was, wenn sie sich in dem lebenden Adel fortgesetzt hat, zu einem Übermaß der Frauen führen muß. Daß dem jedoch nicht so sein kann, geht schon aus der Geschlechtsverteilung in den vier ersten Altersgruppen hervor. Eine besondere Untersuchung über die in den Jahren 1885—1894 im Adel Geborenen führt zu demselben Schluß. 1885—^94 im Adel geborene Kinder. männlich weiblich Sa. 1885—1889 602 544 1146 1890—1894 506 493 999 Sa. 1108 1037 2I 45 Dies Verhältnis von 106,8 Knaben zu 100 Mädchen zeigt eher für das männliche Geschlecht ein Übermaß über das bei ehelich Geborenen gewöhnliche (105—106) als das Gegenteil. Auch wenn man die Untersuchung etwa länger als nur ein Jtihr- zehnt zurückführt, bleibt das Resultat ziemlich dasselbe. Setzt man nämlich die oben (S. 135) gegebene Analyse der lebenden Geschlechter bis zu den noch nicht abgeschlossenen Gliedern fort, ergibt sich folgendes: (Siehe nebenstehende Zusammenstellung.) Die Zahlen variieren stark, bezeugen jedoch meistenteils fortwährend ein Übergewicht für das männliche Geschlecht, was sich auch in deren Summe wiederholt. Diese Glieder haben bis 1 8 7 Das Geschlecht der Geburten in den noch nicht abgeschlossenen Gliedern 1 ). Glieder II III IV V VI VII VIII IX Dreigliedsgeschlechter 162,3— 102 , 1 Viergliedsgeschlechter — 115,2 — 112,2 Fünfgliedsgeschlechter — — (104,3) —103,9 Sechsgliedsgeschlechter — — — ( 7 /2 ,5 )— ioi j 3 Siebengliedsgeschlechter — — — 110,8 —106 ,1 —106,9 Achtgliedsgeschlechter — — — — 105,3 — 102 >3 — I0 9i3 Neungliedsgeschlechter — — — — — 104,1 —108 ,7 — 97 ,6 jetzt 5459 männliche gegen 5222 weibliche Geburten gehabt, also 104,5 männliche gegen 100 weibliche 2 ). Fassen wir die Erfahrungen zusammen, die diese Untersuchungen über das Geschlecht der Geburten konstatiert haben, so ergibt sich folgendes. Während die 825 näher untersuchten erloschenen Geschlechter 5468 Geburten männlichen Geschlechts und 5478 weiblichen Geschlechts hatten, was 99,8 männliche gegen 100 weibliche gibt, haben die 571 lebenden Geschlechter bis dato 19,892 Knaben- und 18,131 Mädchengeburten aufzuweisen, was 109,7 der ersteren gegen 100 der letzteren gibt. Legt man die Geburten der beiden Gruppen, die jede für sich als eine Auswahl aber in entgegengesetzter Richtung betrachtet werden können, zusammen, so bekommt man 25,360 männliche gegen 23,609 weibliche oder 107,5 g e g" en 100. Dies nähert sich dem oben für die letzten zehn Jahre gefundenen Verhältnisse, gibt aber doch stets eine Überzahl des männlichen Geschlechtes über das gewöhnliche. Aber so klar wie dieses Übermaß der Knabengeburten- ist, wenn man die gesammelte Masse der Geburten betrachtet, ebenso klar ist auch, daß, wenn man sie nach Gliedern zerlegt, ein teilweise anderes Verhältnis zum Vorschein kommt. Die Mädchengeburten scheinen mit den Gliedern im Zunehmen begriffen zu sein. Auch die zuletzt angeführten Zahlen für die noch nicht eingegangenen Glieder der lebenden Geschlechter bezeugen meistenteils dasselbe. Freilich sprechen die für die letzten zehn Jahre gefundenen Zahlen nicht hiefür. Doch 1) Die kursiv angegebenen Zahlen bezeichnen das letzte abgeschlossene Glied. Die Zehngliedsgeschlechter zeigen folgende Zahlen: im siebenten Gliede 115,8 und so Glied für Glied 93 ,8 —87 ,9— und 172,2; die wenigen Zweigliedsgeschlechter haben 84,6 m. gegen 100 w. 2) Werden Glied IV der Fünfgliedsgeschlechter und Glied V der Sechsgliedsges chlechter mit einbezogen, so ergeben sich folgende Zahlen: 6785 m. und 6448 w., oder 105,2 m. gegen 100 w. kann dies nur eine Folge ihrer Kleinheit sein; wiewohl auch eine andere Erklärung derselben möglich ist. Denn wo eine Tendenz, die Zahl der Kinder zu beschränken nebst dem Wunsche, lieber Knaben als Mädchen zu haben, besteht, kann dies unter einer gewissen Bedingung zu einem relativen Überg-ewicht der männlichen Geburten führen. Diese Bedingung ist, daß clie Beschränkung der Zahl der Kinder nicht, wie es in dem sogen. Zweikindersystem der Fall ist, an ein festes Maß gebunden ist, sondern daß dieselbe, je nachdem die Geburten Söhne oder Mädchen geben, danach abgepaßt wird. Eine solche, früher unbekannte Tendenz, existiert nun seit ein paar Jahrzehnten bei dem schwedischen Adel, wie wir später sehen werden. Möglicherweise kann, wie die Zahlen für die Jahre 1885 —1894 andeuten, diese Tendenz neben dem genannten Wunsche das Zahlenverhältnis der Geburten wieder zu Gunsten der Knaben gestalten. Mehr als Hypothesen sind diese Erwägungen jedoch nicht. Die rätselhaften Erscheinungen, die unsere Untersuchungen betreffs des Geschlechts der Geborenen zu Tage gefördert haben, geben ihr Geheimnis bis auf weiteres nicht preis. Uber die Ursachen des allgemeinen Übergewichts des männlichen Geschlechts bei den Geburten zu sprechen, besteht kein Anlaß. Mehrere Untersuchungen dieser Art sind unter Betonung bald des Alters der Eltern, bald der Nahrungsverhältnisse und anderer Umstände angestellt worden. Ich will die Zahl derselben, wiewohl das Material eine solche betreffs des lebenden Adels gestattet, nicht um eine vermehren. Sie müssen doch alle schon deshalb resultatlos bleiben, weil man die Anzahl und das Geschlecht der Fehlgeburten nicht kennt. Die einfachste und wohl einzig richtige Erklärung des erwähnten Verhältnisses ist wohl die, daß dasselbe ein auf physiologischer Veranlagung unseres Geschlechtes gegründeten Naturtypus ist 1 ), von dem zwar, 1) Ueber die verschiedenen Arten der statistischen Typen siehe die Abhandlung des Verfassers Les Types statistiques ou la regularite dans les choses humaines (Bulletin de la Societe de statistique de Paris, Avril (Mai) 1900. Ich benutze die Gelegenheit, um bezüglich eines anderen, in der Statistik bisher zu wenig beachteten Punktes, nämlich der zureichende 11 Größeder statistischen Zahlen, auf dieselbe Abhandlung hinzuweisen. Man ist in der Statistik so an die großen Zahlen gewöhnt, daß es vielen unmöglich erscheint, ohne solche zuverlässige Resultate zu erzielen, d. h. das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Typen oder typischen EntwickelungsVorgängen zu konstatieren. Dies ist indessen unrichtig. Es kommen zwar Fälle vor, wo große Zahlen vonnöten sind, wie eben inbetreff des Geschlechtes — 189 — wie eben in der hier behandelten Volksmasse, kleine Abweichungen vorkommen können, welcher aber doch in unserer Natur liegt, und dessen innerer Grund uns darum stets verborgen bleibt. Der Adel Finlands. Der finländische Adel bietet eine von der bei dem schwedischen Adel gefundenen nicht wenig verschiedene Geschlechtsverteilung dar. Auf 1000 männliche kommen nur 1088 in den Geschlechtern geborene weibliche Personen der ganzen Masse. Sie nähert sich mehr der des finländischen Volkes, die im Jahre 1890 1032 Frauen auf 1000 Männer betrug -1 ). Gleichwohl weicht sie von dieser in derselben Richtung ab, wie die Geschlechtsverteilung des Adels in Schweden von der des schwedischen Volkes. Das weibliche Geschlecht ist auch im Adel Finlands verhältnismäßig stärker repräsentiert. Gehen wir von der ganzen Masse zu den einzelnen Altersgruppen über, so bemerken wir sofort, daß die Zahlen, mit denen wir hier operieren, zu klein sind, als daß sie von dem Verhältnisse, wie ein Blick auf das Diagramm oben zeigt, eine klare Vorstellung geben könnten. Sie drücken kein typisches Maß aus. Nur die Zahlen für die beiden größeren Gruppen o—20 und 20—c0 verdienen aus diesem Grunde Beachtung. In der ersteren Gruppe waren auf iöoo männliche 992 weibliche, in der letzteren der Geburten, bei welchem der Typus, obwohl von Natur aus fest bestehend, doch geringe Intensität besitzt. Bei den meisten typischen Verhältnissen ist dem aber nicht so. Gewöhnlich tritt der Typus schon in kleinen Massen klar hervor. Vor allem ist dies in der Regel da der Fall, wo durch Zuwachs oder Abnahme eine stetige Veränderung stattfindet und es sich um die Konstatierung dieser Tatsache handelt. Das geringfügige Material, das uns bei diesen Untersuchungen meistens zu Gebote steht, darf uns deshalb nicht abschrecken. Auch ohne zu dem Kalkül der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu greifen, hat man übrigens das Mittel in der Hand, das Resultat auf seinen Charakter als Typus zu prüfen. Man braucht die Massen nur in kleinere — jedoch nicht in zu kleine — zu zerlegen und dann zuzusehen, ob der Typus in diesen wiederkommt oder nicht. Dies ist der bei der Analyse der in diesen Untersuchungen vorliegenden Massen sich überall von selbst ergebende Hergang. 1) Die Ziffern für das finländische Volk sind hier, wie meistenteils im folgenden der Publikation: Hufvuddragen af Finlands Befolkningsstatistik för ären 1750—1890, I, Helsingfors 1899, entnommen. MBU * "••j8a^aSMBSK6SigS — 190 — 1142. Die entsprechenden Zahlen für das finländische Volk waren 1890: 988 und 1069. Das geringe Übergewicht des männlichen Geschlechtes in den jüngsten Altern des Adels ist beachtenswert. Die Unterschiede zwischen der ausgewählten Masse und dem ganzen Volke sind indessen sowohl betreffs der zuletzt genannten Altersstufen wie der älteren viel geringer als in Schweden. Der Grund der relativen Überzahl des weiblichen Geschlechtes in den letzteren dürfte wohl beim Adel Finlands der gleiche sein wie bei dem Schwedens — eine geringere Sterblichkeit oder was es sonst sein mag. Vierzehntes Kapitel. Das Alter. Das Alter als statistische Eigenschaft. Die nach dem Genus nächste, allen Menschen gemeinsame Eigenschaft, mit der eine Volkszählung sich befaßt, ist das Alter. Dasselbe ist nicht so leicht zu konstatieren wie das Geschlecht oder verschiedene andere menschliche Eigenschaften. 'Manche wissen ihr Alter nicht, andere, und besonders die Frauen in einem gewissen Alter, wollen nicht darüber Auskunft geben. Auch bei der hier zu beschreibenden Volksmasse kommen Fehler dieser Art vor, ob- schon hier die Buchführungsmethode, nicht die in diesem Falle unsicheren eigenen Angaben, zur Anwendung gelangte. Als persönliche Eigenschaft ist das Alter von kardinaler Bedeutung. Der Mensch ist nicht auf einmal ein vollständiger und ganzer Mensch, sondern wird es erst allmählich; und auch nachdem er erwachsen ist, bestimmt das Alter in einem hohen Grade seine physische wie seine psychische Persönlichkeit. Das Rätsel der Sphinx von dem Wesen, das des Morgens auf vier, des Mittags auf zwei und des Abends auf drei Beinen geht, beleuchtet ausgezeichnet die Macht der Jahre über uns. Aber auch als Eigenschaft einer Volksmasse ist das Alter von der größten Bedeutung. Auf der verschiedenen Verteilung desselben in einem Volke, also auf der Stärke der verschiedenen Altersklassen beruhen eine Menge anderer Lebensmomente und vor allem die Produktion und Konsumtion des Volkes. Die Größe der produktiven Klassen, d. h. der Klassen mittleren Alters im Verhältnisse zu den unproduktiven, den unter- und teilweise überjährigen, wirkt somit stark auf die augenblickliche und zukünftige ökonomische Kraft eines Volkes. Gleichzeitig wird dadurch, daß die zuletzt genannten Altersklassen auf die erstgenannten als ihren Schutz und ihre Stütze angewiesen sind, 192 eine neue Form der Organisation geschaffen. Das Geschlecht ist der erste, von der Natur gegebene Impuls zu einer sozialen Organisation; das Alter der zweite. * * * Altersverteilung im Adel. Die im Anhange mitgeteilte Generaltabelle über die Masse des Adels (Tab. I) stellt denselben in fünfjährige Altersgruppen verteilt dar. Eine noch eingehendere Spezifikation in einjährige Gruppen lassen die kleinen Zahlen nicht zu. Welche der in der Tabelle gegebenen doppelten Statistik über das weibliche Geschlecht, die den Geschlechtern Angehörenden, oder die in den Geschlechtern Geborenen, man als Seitenstück zum männlichen Geschlecht nimmt, ist in diesem Falle ziemlich gleichgültig. Um nicht hierin von der Darstellung des Geschlechtes und des Zivilstandes abzuweichen, wählen wir auch hier die „in den Geschlechtern geborenen" weiblichen Personen. Schon ein flüchtiger Blick auf diese Zahlenserien läßt uns die bemerkenswerte Beobachtung machen, daß die ersten Altersklassen (o—20 Jahre) verhältnismäßig sehr klein sind. Weib- licherseits sind alle, männlicherseits eine kleiner als die unmittelbar darauf folgenden. Dasselbe Verhältnis zeigt sich, wenn man die Masse nach Ständen einteilt, bei den gräflichen und freiherrlichen Geschlechtern sehr erheblich, bei den adligen weniger deutlich wieder (Anhang Tabb. II u. III). .Dies ist ein sehr merkwürdiger Umstand. Aber sowohl diese wie andere Eigentümlichkeiten, die die Altersverteilung betreffen, treten, wenn wir die verschiedenen Altersklassen als Teile eines und desselben Ganzen mit einander vergleichen, mit noch größerer Deutlichkeit hervor. Die folg'ende Prozentberechnung gestattet einen solchen Vergleich für beide Geschlechter zusammengenommen. Altersverteilung im Adel Schwedens in fünfjährigen Gruppen. Relative Zahlen. Altersgruppen °l .'0 Altersgruppen 0/ 10 0— 5 7,3 2 Transport 73,i 2 5 — IO 8,06 50—55 5,55 10—15 7,75 55—6O 5,23 15—20 7,83 60—65 4,66 20—25 7,69 65—70 3,94 25—30 8,09 7o—75 3,3s 30—35 7,27 75—80 2,44 35—40 6,96 80—85 ','5 40—45 6,60 85—90 0,38 45—50 5,55 90— CO 0,15 73Ü2 100,00 ^ Vü- F.. U — 193 — Die oben erwähnte Eigentümlichkeit betreffs der geringen Stärke der niedrigsten Altersgruppen tritt hier besonders dann klar hervor, wenn wir die drei ersten (o—15) gegen alle anderen stellen. Zusammen machen sie 23,13 °/ 0 aus. Was diese Ziffern bedeuten, erhellt am besten, wenn wir uns erinnern, daß dieselben Altersgruppen im schwedischen Volke 33,3 °/o all er Altersgruppen entsprechen. Andererseits zeigen die höchsten Altersgruppen ein nicht weniger eigentümliches Aussehen, obschon entgegengesetzter Art. Die Alter 65— od betragen im Adel 11,44 °/o, während sie im schwedischen Volke nur 7,69 % entsprechen. Der Adel hat also verhältnismäßig weniger Kinder, besitzt dagegen aber relativ mehr bejahrte Personen. Zur vollen Einsicht sowohl in das eben hervorgehobene Verhältnis, wie in adle anderen die Altersverteilung betreffenden gelangen wir jedoch erst durch Aufstellung der sogen. Alterspyramide, mit gleichzeitiger Berücksichtigung des Geschlechtes. Vorher aber einige Worte über diese Figur im allgemeinen. I I I I Sgl I I Die Alterspyramide. Jede inbezug auf Zuwachs und Lebenslauf ein organisches Ganzes bildende Volksmasse ist eine Summe von gegen hundert Jahrgängen, oder richtiger den Resten solcher. Diese sind in den niederen Altersstufen verhältnismäßig groß, beschränken sich aber laut der Ordnung der Natur in den höheren und höchsten auf eine stets geringere Anzahl Individuen. Meistens nimmt ihre Größe ziemlich gleichmäßig ab. Aus diesem Grunde nähert sich die Masse, im Bilde dargestellt, dem Aussehen eines gleichschenkeligen Dreiecks, oder einer Pyramide; daher der Name Alterspyramide. Von den Kräften, die diese Masse zu einer so beschaffenen Figur formen, sind Geburt und Tod die mächtigsten. Durch die Geburt wird jährlich ein Menschenstock in die Welt gesetzt, in welchen der Tod dann Jahr für Jahr in einer bestimmten Ordnung Bresche schlägt, bis schließlich kein Lebender mehr übrig bleibt. Wäre nun jeder Jahrgang gleich groß und der Abgang durch den Tod in jedem Alter verhältnismäßig ein gleicher, so würde die gesammelte Masse der hundert Jahrgänge vollständig das Aussehen eines gleichschenkeligen Dreiecks haben. Keine dieser Voraussetzungen stimmt indessen mit der Wirklichkeit überein. Gewöhnlieh wachsen, wenigstens im Großen genommen Fahl heu k, Der schwedische Adel. 13 — 194 — und für längere Zeiträume, die zugehenden Massen der neuen Jahrgänge mehr oder minder. Vor allem mäht der Tod aber niemals in allen Altern mit demselben Maß; am heftigsten wütet er in den jüngsten und ältesten und verschont die mittleren Alter. Das Resultat dieser entgegengesetzten Kräfte der Geburt und des Todes, ist somit, im Bilde dargestellt, eine Figur auf breiter Basis, die sich sofort stark, dann, mit Ausbiegungen hier und da für besondere Jahrgänge, langsam verjüngt und zuletzt in einer schmalen Spitze endet. Von diesem Grundtypus kommen dann, je nach der größeren oder kleineren PTuchtbarkeit und Sterblichkeit der Masse Abweichungen verschiedener Art vor, im allgemeinen bleibt sie aber, so lange die genannten Erscheinungen in mäßigen Grenzen variieren und keine anderen, dieselben verrückenden Kräfte hinzukommen, unverändert. Solche störenden Kräfte, besonders die sozialen AArschie- bungen der Wanderung, bleiben jedoch selten aus, und da sowohl Zu- wie Abzug überwiegend die erwachsene Bevölkerung trifft, so sind besonders die Gruppen des mittleren Alters in der Masse bald unter-, bald überzählig. Trifft es sich nun gleichzeitig, daß die natürlichen Kräfte, Geburt und Tod, sich auf die eine oder andere Weise abnorm verhalten, so kann die Altersfigur bald das Aussehen einer Urne, bald sogar eines Leuchters auf breitem Fuß erhalten. Das erstere ist bei der Bevölkerung aller großen Städte, deren mittlere Altersklassen sich durch Zuzug stark vermehren, während der natürliche Zuwachs gering, der Abgang durch den Tod oft sehr groß ist, der Fall. Auch ein ganzes Volk bietet in Frankreich ein klassisches Beispiel hierfür. Eine an einen Leuchter erinnernde Altersfigur ist in Irland nach der Kartoffelkrankheit 1846 und der enormen Auswanderung, die darauf erfolgte und die dann, wenn auch nicht in derselben Ausdehnung, bis zur Jetztzeit fortging, vorgekommen. Augenscheinlich ist indessen, daß alle Länder mit starker internationaler Umsiedelung sehen, wie ihre Altersfigur aus diesem Grunde die natürliche Form verändert, wenn dies auch nicht in dem Grade geschieht, daß die Pyramide sich in eine ganz andere Figur verwandelt. So ist die Altersfigur des schwedischen Volkes durch die bis in die letzte Zeit hinein große Auswanderung, die die mittleren Alter bedeutend geschwächt hat, stark beeinflußt. Keine Darstellungsart läßt uns so mit einem Blicke die Tätigkeit sämtlicher jetzt berührter Kräfte in einer Volksmasse übersehen, wie die Altersfigur, während sie uns gleichzeitig, was — i95 — sie hauptsächlich bezweckt, die Zusammensetzung der Masse nach dem Alter mit darauffolgender Verteilung in produktive und unproduktive Altersklassen u. s. w. offenbart. Sie gleicht einer Wünschelrute, mittels der man den ersten orientierenden Einblick in die Struktur einer gegebenen Volksmasse und die dieselbe aufrecht erhaltenden und umsetzenden Kräfte gewinnt. Die Figur über den Adel Schwedens stößt, wie wir sofort sehen werden, dies Zeugnis nicht um. * Die Alterspyramide des schwedischen Adels. Das untenstehende Diagramm bildet eine Darstellung der Altersverteilung im Adel, nach der verschiedenen Stärke der fünfjährigen Gruppen in Prozenten der ganzen Masse. Eingefügt ist die entsprechende Figur über das schwedische Volk für das Jahr 1890. Alterspyramide des Adels. Altersgruppen Jahr 100 - 05 -100 90-95 85 - 90 60-85 75 - 80 70-75 05 - 70 00-65 55-00 50-55 -45 -50 ■iO-45 35-W 30-35 25-30 20-25 15-20 10-15 5-10 ° 5 12 11 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 o/o Der schwedische Adel IQ* Das schwedische Volk Man n!i rh We/b liehe / \ A \ V / \ / k / ■ \ \ / / 1 \ / \ J / «\ \ / \ \ \ \ /< k \ \ > - \ / \ y / Vergleichen wir die beiden Alterspyramiden, so sehen wir ebenso leicht die Übereinstimmung wie die Unterschiede. Die Übereinstimmung zeigt sich in dem gleichen Verhältnis der Geschlechter in den beiden Figuren, mit Ubergewicht für das männliche Geschlecht in den ersten, für das weibliche in den folgenden und am meisten in den höchsten Altern. Ferner stimmen sie darin überein, daß die von Gruppe zu Gruppe stattfindenden Veränderungen ziemlich gleichmäßig vor sich gehen. In der Figur der kleinen Masse kommen zwar an einzelnen Stellen Sprünge vor, aber nicht oft und nicht übermäßig große. Aus diesen Übereinstimmungen ziehen wir den wichtigen Schluß, daß die Zahlen der kleinen Masse groß genug sind, um Zufälligkeiten zu bemänteln. Ein Blick auf die Linie jeder Hälfte, des männlichen und des weiblichen Geschlechtes, zeigt vielleicht noch deutlicher, daß dem so ist. Sie folgen einander auch in den vorkommenden Schwankungen. Die Figur des Adels drückt also ebenso wie die des schwedischen Volkes einen Typus aus. Stärker als die Gleichheiten treten jedoch die Unterschiede in den beiden Figuren auf. Das Diagramm über das schwedische Volk zeigt deutlich den Einfluß der großen Emigration, indem die Linien der mittleren Alter, von 25—30 bis zu 55 — 60 Jahren, meistens für das männliche Geschlecht, etwas nach innen gezogen sind; im übrigen ist gerade das Bild vollständig normal — eine Pyramide auf breiter Basis. Die Figur des Adels besitzt dagegen nicht mehr die Pyramidenform, allerdings auch nicht die der Urne, sondern gleicht eher einem Bienenkorbe mit eingebogenen Rändern. Die mittleren Alter sind recht stark, aber doch nicht im Übermaß entwickelt, eher ist dies bei den höchsten Altern der Fall, die eine ungewöhnliche Stärke aufweisen. Der charakteristischste Zug in dieser Figur ist jedoch die schwache Besetzung der ersten Altersgruppen. LIierin zeigt sich auch die größte Verschiedenheit zwischen den beiden Bildern: in dem einen Falle ein verhältnismäßigstarkerUnterbau,in dem anderen einsehr schwacher. Das letztere ist eine Abnormität. Aber diese Abnormität beruht nicht auf den störenden Faktoren der Wanderungen. Einwanderung, die sonst eine Anschwellung der mittleren Altersstufen auf Kosten der jüngeren veranlaßt, kommt hier nicht in Frage; und da auch die Auswanderung den Adel nicht erwähnenswert berührt hat — am allerwenigsten dessen niedrigsten Altersgruppen — so geben ausschließlich die beiden natürlichen Kräfte, Geburt und Tod, der Figur ihr Aussehen. Beide mußten beim Adel mit geringerer Intensität wirken als im Volke in dessen Gesamtheit. Die verminderte Sterblichkeit ist eine Abweichung, aber keine Abnormität; die geringe Geburtenfrequenz läßt sich dagegen nicht gut anders rubrizieren. Das am meisten Auffallende hierbei ist jedoch die plötzliche Veränderung in dem Alter 25 —30 Jahre. Sie deutet darauf hin, daß die Jahrgänge früher größer waren und jetzt in der Abnahme begriffen sind. Wir haben hier eine Entwickelung, oder richtiger Abwickelung im Fluge erhascht. 50 Jahre später würden wir diese Erscheinung, wenn sie weiter anhält, nicht mehr, oder wenigstens nicht so stark, in der Altersfigur erkennen können. Jetzt legt sie von einer plötzlichen Veränderung in den natürlichen Kräften, die die Größe des Alters bestimmen, Zeugnis ab, eine Veränderung, deren Art wir leicht ahnen, und die wir unten eingehender untersuchen wollen. Zusammen verleihen die beregten Eigentümlichkeiten in der Alterszusammensetzung des Adels der ganzen Masse und ihrer Figur ein höchst fortgeschrittenes, um nicht zu sagen greisenhaftes Aussehen. Junge und lebensfähige Volksgruppen zeichnen sich durch große Produktivität und starke Jugendalter aus, während die höheren und höchsten mehr zurücktreten; die Lust, sich zu verheiraten und zu vermehren, ist stärker als die Furcht vor dem Auskommen. Welch andere Sprache spricht nicht die Figur, die wir oben sehen, wo sich klägliche Vorsicht und stark hervortretende Selbsterhaltung deutlich zu erkennen geben. Dies ist ein wirklicher Zug" der Überkultur, der jedoch sicher nicht den Adel allein auszeichnet, sondern die ganze gebildete Klasse, und nicht bloß in Schweden, sondern auch in den meisten, wenn nicht allen Ländern. Die zivilisierten Völker beginnen zu altern, wo sie nicht, wie das französische, diesen Weg schon längst beschritten haben. Von der allgemeinen Übersicht gehen wir dazu über, jeder der beobachteten Eigentümlichkeiten einige Worte zu widmen. Sie verdienen es in hohem Grade. Die niedrigsten Alter. Das heranwachsende Geschlecht ist, wie wir gesehen haben, im Adel nicht stark vertreten. Wie schwach es aber in Wirklichkeit ist, das erfährt man erst, wenn man seine Altersgruppen mit den entsprechenden des schwedischen Volkes auf die Weise, wie es unten geschieht, zusammenstellt. Die eine Zahlenserie enthält die Altersgruppen im Adel, wie sie laut der Generaltabelle (Anh. Tab. I) jetzt sind; die zweite stellt sie dar, wie sie sein sollten, falls sie mit denen im schwedischen Volke gleich stark wären, die dritte und letzte gibt die Inferiorität der ersteren gegenüber den letzteren in Prozent dieser an. Altersgruppen des Adels. Altersklassen Wie sie sind Wie sie sein sollten Inferiorität °/ 0 o— 5 932 155° 39.9 5—10 1026 1391 26,3 10-15 987 1296 23,9 15—20 997 1151 13,4 Diese Ziffern zeugen von einer nicht geringen Inferiorität dieser i \ltersklassen bei dem Adel. Für die vier Altersklassen zusammen beträgt sie ungefähr 2 7%. Das Eigentümlichste von allem ist aber, daß die ersten Altersklassen, wie wir gesehen haben, kleiner sind als einige der unmittelbar darauf folgenden höheren. Dies ist, wenn nur Geburt und Tod die Größe der Altersgruppen bestimmen, wider alle gewöhnliche Ordnung. Da indessen der Gedanke, eine starke Übersterblichkeit könne die Ursache hiervon sein, ohne weiteres abgewiesen werden muß, da die Sterblichkeit sowohl in den niedrigeren Altersstufen des Adels wie in den höheren sicher eine geringere als die allgemeine ist, so bleibt nichts übrig, als der Geburtenfrequenz die Schuld beizumessen. Sie muß sich, wie oben genannt, seit einigen Jahrzehnten bedeutend vermindert haben. Die Jahrgänge, die seit 25—30 Jahren jährlich zur Welt kommen, sind kleiner als die früheren; und es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie fortwährend abnehmen. Die Reste der zehn letzten Jahrgänge sind jeder für sich zu klein, um eine solche Entwickelung klar hervortreten zu lassen; sie stehen aber, wie die unter dem Text mitgeteilten Zahlen zeigen, keinesfalls im Widerspruch dazu, eher ist das Gegenteil der F'all 1 ). Hiermit haben wir einen bedeutungsvollen 1) Die zehn ersten Altersklassen betrugen: Jahr männlich weiblich Summa 0— 1 96 97 193 1 — 2 103 89 192 — 199 — • Einblick nicht nur in den inneren Bau, sondern auch in das Leben und die gegenwärtige Entwickelung des Adels gewonnen. Ob die beobachtete Abnahme der Geburtenzahl auf einer geringeren Zahl der Ehen oder geringerer Fruchtbarkeit oder auf beiden beruht, müssen wir noch dahingestellt sein lassen. * Die höchsten Alter. Der Mensch lebt, sagt der Psalmist, 70, höchstens 80 Jahre. Ich habe diesen Ausspruch schon vorher als Beweis dafür angeführt, daß die natürliche Lebensdauer des Menschen in historischer Zeit keine Veränderung erlitten hat. Die genannten Alter bezeichnen jetzt wie damals in der Regel die natürliche Grenze des Lebens. Allein vereinzelte-Ausnahmen hiervon hat es zu allen Zeiten gegeben. Wie in einem Walde dieser oder jener Baum stehen bleibt, nachdem seine Generation schon längst ausgegangen ist, so ist es auch bei den Menschen. Nicht so wenige erreichen somit das neunte Jahrzehnt, ja eine geringe Anzahl gelangt noch darüber hinaus. Sowohl historische Angaben, besonders aus dem Altertum, wie die heutigen Volkszählungen lehren uns, daß in einzelnen Ausnahmefällen ein Alter von 100 Jahren und darüber vorkommen kann 1 ). So selten sind indessen diese ehrwürdigen Überjährigen, daß man auf eine Million nicht mehr als einen oder einige zählen kann. Es ist also kein Wunder, wenn sich unter den 6015 Männern und, die dem Adel angehörenden und die im Adel geborenen gerechnet, insgesamt 8700 Frauen, welche die vorliegende Statistik umfaßt, nicht eine Person befindet, die 100 Jahre erreicht hat - was indessen nachher eingetroffen ist, indem von den beiden im 18. Jahrhundert geborenen Frauen, eine 1798, die andere 1799, die ältere bis zum Jahre 1901 fortgelebt hat und also das respek- Jahr männlich weiblich Summa 2— 3 88 86 '74 3— 4 89 103 192 4— 5 97 84 181 5— 6 9 1 79 170 6— 7 108 98 206 7- 8 t°7 110 217 8— 9 109 106 215 9—10 117 IOI 218 1) Einige konstatierte Fälle sehr hohen Alters (bis zu 180 Jahren) aus neuerer Zeit führt v. Fircks, Bevölkerungslehre und Bevölkerungspolitik, S. 74, an. Aus diesen extremen Fällen allgemeine Schlüsse über die rechte natürliche Lebensdauer des Menschen zu ziehen, ist jedoch unzulässig. 1PÄ HHHI 200 table Alter von 103 Jahren erreicht hat 1 ). Von den 1895 Gezählten waren alle anderen unter 95 Jahren. Auch waren diejenigen, die außer den eben Genannten, die Neunziger erreicht hatten, sehr wenig: 4 männliche und zusammen 19 weibliche. Die ungleiche Anzahl für die beiden Geschlechter ist auch bei gebührender Berücksichtigung der verschiedenen Größe der Massen, denen jedes angehört, charakteristisch. Wie gering diese Zahlen an sich sind, so sind sie mit den entsprechenden Zahlen für das schwedische Volk verglichen keineswegs klein. Summiert man in beiden Fällen alle, die das neunzigste Jahr erreicht und überschritten haben, so zeigt es sich, daß es in dieser auserwählten Masse verhältnismäßig drei Mal so viele so alte Leute unter dem männlichen und vier Mal so viele unter dem weiblichen Geschlechte gab als im Volke in dessen Gesamtheit. Und dasselbe ist, wenn auch nicht in einem so hohen Grade bei den Achtzigjährigen der Fall. Unter den Männern gibt es im Adel verhältnismäßig mehr als doppelt so viele im Alter von 85—90 und anderthalb Mal so viel im Alter von 80—85 Jahr als im schwedischen Volke. Für die Frauen des Adels stellen sich die Zahlen teilweise noch günstiger. Dies ist eine neue Bestätigung des schon vorher ausgesprochenen Urteils, daß in diesem Teile der gebildeten Klasse, und sicher in dieser Klasse insgesamt die sogen, mittlere Lebensdauer größer und die Sterblichkeit bedeutend geringer ist als unter dem Volke im übrigen. Was dies bedeutet, erhellt wiederum daraus, daß das schwedische Volk zur Zeit die geringste Sterblichkeit und die größte mittlere Lebensdauer aller bekannten Völker besitzt 2 ). * ^ * Die Altersverteilung des finländischen Adels. Die den schwedischen Adel auszeichnenden Eigentümlichkeiten bezüglich der Zusammensetzung nach dem Alter finden wir in ungefähr gleichem Maßstabe auch bei dem Adel Finlands. Mit Hilfe der im Anhange gegebenen Generaltabelle, Tab. IV, erfahren wir demnach, daß die Altersgruppen o—15 für beide Geschlechter zusammen nur 24,64 °/ 0 ausmachen, während diesen Altersgruppen im fin- 1) Witwe Charlotte Schotte, geb. af Gillner, die am 29. Juli 1901 103 Jahre alt wurde, aber kurz nachher verschied. 2) Die allgemeine Sterbeziffer betrug im Jahrzehnt 1890/99 16,4 °/ 00 und die mittlere Lebensdauer bei der Geburt 50,02 Jahre (1881/90). 2 Ol ländischen Volke 1890 nicht weniger als 35,78 °/ 0 entsprachen. Andererseits betragen die Alter 65 — « im Adel 8,00%. während sie im Volke nur auf 4,95 °/ 0 kommen — also auch hier im Vergleich zum Verhältnisse im Volke wenig Kinder, aber viele Alte. Die kleinen Zahlen, mit denen jede der einzelnen Altersgruppen hier auftritt, lassen es zwecklos erscheinen, die Altersfigur in der Gestalt eines Diagrammes darzustellen. Dies ist auch zur Erlangung eines allgemeinen Einblickes in die Verhältnisse nicht vonnöten. Schon die absoluten Zahlen sagen mit aller wünschenswerten Deutlichkeit, daß die jüngsten Altersklassen kleiner als mehrere der darauf folgenden sind, woraus wir wieder schließen können, daß die Geburtenfrequenz, ganz wie beim schwedischen Adel, so auch bei dem finländischen seit einigen Jahrzehnten abgenommen hat. Durch die fortgesetzte Erhebung in den Adelstand hat zwar in weit höherem Grade als in Schweden ein Zufluß neuer Männer stattgefunden, mit den neuen Männern sind aber wohl in der Regel Familien, also auch jüngere Altersklassen hinzugekommen, weshalb der genannte Schluß durch dieses störende Element seine Giltigkeit nicht verlieren dürfte. Ebenso können wir aus den stärker hervortretenden höchsten Altersklassen schließen, daß die Sterblichkeit in dieser auserwählten Masse bedeutend gering-er als beim Volke in dessen Gesamtheit ist. Hundertjährige gibt es hier ebenso wenig wie zu derselben Zeit unter dem Adel Schwedens. Die drei ältesten, alles Frauen, bleiben innerhalb 90—95 Jahren. Miteinander verglichen, stimmte, wie wir aus dem Obigen ersehen, der Adel Finlands und der Schwedens auf eine augenfällige Weise überein. Ein der überhaupt zwischen der Alterszusammensetzung des finländischen Volkes und der in Schweden herrschenden existierenden Ungleichheit entsprechender Unterschied ist aber doch vorhanden. Das heranwachsende Geschlecht ist etwas stärker, die höchsten Altersklassen nicht so zahlreich repräsentiert. Die Alterszusammensetzung des finländischen Adels macht deshalb in demographischer Beziehung nicht einen ganz so starken Eindruck der Greisenhaftigkeit und fortgeschrittenen Entwickelung wie die des schwedischen Adels. Aber es ist offenbar auf dem Wege, bald dahin zu kommen. ,1 Fünftes Kapitel. Zivilstand und Ehelichkeit. Der Zivilstand als statistische und soziale Eigenschaft. Unter der etwas eigentümlichen Bezeichnung Zivilstand, etat civil, versteht die Statistik das Verhältnis des Individuums zum Institute der Ehe, oder näher bestimmt ob jemand unverheiratet oder verheiratet oder früher verheiratet gewesen ist. Unter allen Eigenschaften, die das Zusammenleben dem Menschen verleiht, ist dies die erste, welche die allgemeine Bevölkerungsstatistik in Angriff nimmt. Die durchgreifende Bedeutung der Ehe für das Individuum und die Gesellschaft erklärt diese Beachtung zur Genüge. Denn die beiden grundlegenden Zellen im Organismus der Gesellschaft, die Familie und der Haushalt, haben jede für sich ihren Stützpunkt in der Ehe, die eine vollständig und immer, die andere meistenteils. Auch an sich, als die lebenslängliche Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist die Ehe der mächtigste Hebel sowohl für die individuelle als die soziale Entwickelung. Die Ehe ist eine der frühzeitigsten Blüten auf dem Baume der Kultur; sie wird auch zuerst verletzt, wenn die Fäulnis den letzteren angreift. Die Ehe und das Verhältnis der Menschen zu ihr ist auf verschiedene Weise ein Gegenstand der Statistik. Eine ist die Heiratsstatistik, eine andere die Statistik über Zivilstand und Ehelichkeit. Die erstere ist die fortlaufende Registrierung der Eheschließung'en und Auflösungen; die letztere stellt das Resultat der genannten Ereignisse an einem gewissen Zeitpunkte dar. Nur die Zivilstandsstatistik betreffs des Adels Schwedens kann Gegenstand einer eingehenden Darstellung werden. * * 203 Der Zivilstand im Adel Schwedens. Die absoluten Zahlen über die Zivilstandsverhältnisse des Adels finden sich in der Generaltabelle über denselben (Anhang, Tab. I). Die absoluten Zahlen sind indessen in diesem Falle eine schwer leserliche Schrift. Erst in relative umgesetzt geben sie einen leichtverständlichen und klaren Einblick in die Dinge, die sie erklären sollen. Nur auf diese Weise ist auch ein Vergleich mit den entsprechenden Verhältnissen im schwedischen Volke möglich. Gewöhnlich geht man hier von dem Allgemeineren zu dem Spezielleren. Auch wir folgen diesem Wege, weil man auf ihm am leichtesten in die verschiedenartigen, auf die Gestaltung der Zivilstandsverhältnisse einwirkenden Umstände eindringt. Den ersten und allgemeinsten Überblick geben die nachfolgenden, die ganze Masse, die des Adels und die des schwedischen Volkes, umfassenden Zahlen. Die allgemeinen Zivilstandsverhältnisse. Scliwed. Adel Schwed. Volk (1890) männlich weiblich') männlich weiblich 0/ 01 0/ 0/ / 0 / 0 / 0 / 0 Unverheiratet 62,23 61,55 61,79 59^9 Verheiratet 33,78 26,85 34,33 32,61 Witwer, Witwen sowie Geschiedene 3,99 11,60 3,88 8,20 100,00 100,00 100,00 100,00 Ohne uns in eine eingehendere Analyse dieser ersten Zahlen betreffs der Zivilstandsverhältnisse einzulassen, wollen wir nur auf die durchgehende Verschiedenheit zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht, die sie verraten, und andererseits auf die staunenswerte Gleichheit' der Zahlen für die kleine und die große Masse, besonders was das männliche Geschlecht betrifft, hinweisen. Die erstere dieser Beobachtungen werden wir überall wiederfinden; die letztere wird schon beim nächsten Schritte zur Beleuchtung unseres Gegenstandes über den Haufen geworfen. Von der ganzen Masse und ihren Zahlen gehen wir nämlich zu demjenigen Teil derselben über, der nur die „Heiratsfähigen" umfaßt. Die Ehe ist, wie bekannt, an gewisse Alter geknüpft, das Alter der Mündigkeit oder der Reife; die unteren Altersklassen sind vollständig davon ausgeschlossen. Um die Verbreitung der Ehe näher kennen zu lernen, hauptsächlich aber, um exaktere Vergleiche zu bekommen, muß man diese Alters- 1) Das weibliche Geschlecht ist hier und im folgenden „die in den Geschlechtern geborenen adligen Frauen". 204 klassen ausschließen. Tut man dies, so wird, wie nachfolgende Ziffern ergeben, das Bild ein ganz anderes. Die Zivilstandsverteilung der Heiratsfähigen 1 ). Unverheiratet Verheiratet "Witwer und Witwen u. a. m. . Schwed. Adel männlich weiblich 0/ 0/ 1 0 / 0 4347 4t>45 50,83 37,59 6,00 l6,26 100,00 100,00 Schwed. Volk männlich weiblich 0/ 0/ /o / 0 31,42 31,54 61,61 54,66 6,97 13,80 100,00 100,00 Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist, was die Unverheirateten betrifft, gering oder keiner, in den anderen Gruppen dageg-en, besonders zwischen Witwern und Witwen, bedeutend. Dies ist für beide Massen, die kleinere wie die größere, gemeinsam. Aber hierauf beschränkt sich auch die Gleichheit zwischen ihnen. Die eigentümliche Übereinstimmung zwischen dem Adel und dem Volke, die wir oben inbezug auf die meisten Ziffern wahrnahmen, ist verschwunden; anstatt dessen sehen wir in den beiden größeren Gruppen, den Unverheirateten und Verheirateten, bedeutende Unterschiede, während die Gleichheit nur bei der kleinsten, der der Witwer und annähernd auch der der Witwen, bestehen bleibt. Diese Zahlen beweisen, daß die Verbreitung der Ehe im Adel eine ganz andere als im Volke ist: unter dem Adel erfreut sich eine verhältnismäßig viel gering-ere Anzahl des Vorzuges, der Ehe. Aus der ersten, oben mitgeteilten Übersicht konnten wir nicht ersehen, daß sich dies so verhält. Dies ist wieder ein Beweis dafür, wie leicht statistische Vergleiche irreführen und wie wichtig es ist, stets die goldene Regel zu beobachten, nur Gleiches mit Gleichem zusammenzustellen. Wie bedeutungsvoll der hiermit gewonnene Einblick in die Zivilstandsverhältnisse des Adels auch ist, so dürfen wir doch hierbei nicht stehen bleiben. Auch bei den zuletzt verglichenen 1) Die Grenze für die Heiratsfähigen ist hier, für alle gleich, auf das 20. Lebensjahr gesetzt. Beim Adel ist diese Einteilung ganz zutreffend, da nur zwei weibliche Personen, die sich früher verheiratet haben, hierdurch ausgeschlossen werden. Betreffs des ganzen Volkes ist dem nicht ganz so, da von weiblichen Personen 2331 vor dem 20. Jahre sich verheiratet haben oder es gewesen sind und dadurch nicht mit in die obenstehenden Zahlen kommen; von Männern sind dagegen nur 42. Die hierdurch entstehenden Unvollständigkeiten sind jedoch verschwindend klein und werden durch die größere Vergleichbarkeit zwischen den übrigen Altersklassen mehr als aufgewogen. — 205 — Massen gibt es störende Elemente, die jene nicht vollständig gleichwertig machen. Diese sind der Unterschied des Heiratsalters beim Adel und beim ganzen Volke und mehr noch vielleicht die verschiedene Alterszusammensetzung in jeder der Massen. Um sich von diesen störenden Elementen zu befreien, gibt es kein anderes Mittel, als daß man die Zivilstandsverhältnisse jeder Altersgruppe für sich betrachtet. Erst durch eine derartige Zergliederung erhält man die rechte Einsicht in diese Dinge. Der Zivilstand in den verschiedenen Altern. In der untenstehenden Tabelletreten sowohl die Zivilstands Verhältnisse an sich, wie — durch die entsprechenden Zahlen für das schwedische Volk — im Vergleich zum letzteren mit voller Klarheit hervor. Aber hier wirkt die Menge der Zahlen verwirrend auf den Ungeübten ein. Zur Erleichterung der Ubersicht über den Inhalt der Tabelle geben wir denselben deshalb in den nebenstehenden Diagrammen, eins für das männliche und eins für das weibliche Geschlecht, an. 1) Zivilstandsverhältnisse in den verschiedenen Altern in °/ 0 Altersjahr Schwedischer Adel Schwedisches Volk Männl. Geschlecht '53 T3 )- 0> "o * w U* o; ri O Weibl. Geschlecht [5 j; > -s -q : O 0—15 15—20 20 — 2 5 2 5—3° 3o—35 35—4o 4o—45 4S—50 50—55 55—60 60—65 65—70 7o—75 75—80 80—85 85—90 90—95 O—CO 98.33 82,44 59.71 40,68 2 9.°4 21,85 15,43 '7.77 19,84 13,04 19.64 17.65 I9U5 io,53 1,67 17,35 40.05 55,V 67,93 70,96 78,40 7 2 ,7° 7 2 ,47 75,9i 58,93 59,56 51.06 47,37 0,21 0,24 4d7 3,o3 7,i9 6,17 9,53 7,69 10,45 2I >43 22,79 2 9,79 42,10 100 99,59 81,64 63.92 5 2 >46 44U4 38,06 35.93 52,11 35,6I 30,26 37,59 36,88 33,14 41,00 36,67 60,00 0,41 18,16 35,53 44,79 51,6/ 55,86 51.47 46.48 41,88 36,60 28,01 14,83 13,14 10,00 0,20 o,55 2 ,75 4U9 6,08 12,60 21,41 22 ,5 1 33,H 34,40 48, 2 9 53 ,72 49,00 63,33 40,00 100 99,98 91,63 60,33 34,27 2 1,54 15,46 12,1 I 10,68 9,39 8,13 7,49 7,26 7,07 6,36 4,98 4,47 0,02 8,32 39,15 64,47 76.43 81,52 83,54 83,15 81,63 77,9° 71,66 62,38 50,96 38,61 2 8, 5 8 18.44 0,05 °,5 2 1,26 2 ,o3 3, 02 4,35 6,17 8,98 13,97 2 °>85 30,36 4i,97 55,o3 66,44 77,09 62,23 33,7 3,99 61,55 26,85_ 11,60;; 61,79 34,33 100 98,91 81,58 5 2 >3 6 34, 26 24 ,73 20,72 18.18 17,02 15,54 14,57 i3,7i 12,75 12,07 10,50 9,46 9,03 59.19 1,09; 18,27 46,88 63,82; 7i,5i 7 2 ,94 ! 71,84 68,47! 63,69 57 .02 48,38 37,5i 26.03 15,50 8,89 5,07 0,15 0,76 i,9 2 3,76 6,34 9,98 H,5i 20,77 28,41 37,9i 49.74 61,90 74,00 81,65 85,90 32,61, 8,20 •rt -■■■■! Alter Jahr 90-95 80-85 70 - 75 80 - 65 50-55 -40-45 30-35 20-25 0-15 — 206 — Zivilstandsverhältnisse. Männer. —• Wi trvi \ \ / l i / \ j i i / / / ; i / £ r/h vir ate te \ i / \ A / / / 'A / / A / A / / Um rer/ heh ete I i __ - - ■ __ - -- — / iO 20 30 -5 O SO 60 °/o 70 OO 90 100 Der schwedische Adel Das schwedische Volk Wir halten uns jedoch bei diesen Diagrammen und Zahlen, soweit sie allgemein bekannte Erfahrungen ausdrücken, wie z. B., daß von den drei Ivategorien je eine successive in das Gebiet den anderen eindringt, wie sich die Geschlechter hierbei verhalten u. s. w„ nicht auf, sondern gehen sofort an einen Vergleich der Zahlen und Linien der beiden Massen, des Adels und des ganzen Volkes, über. Die auf den ersten Blick sich aufdrängenden Unterschiede zwischen den Diagrammen des Adels und denen des ganzen Volkes sind: daß die Gruppe der Unverheirateten beim Adel verhältnismäßig bedeutend stärker, die der Verheirateten und Witwer und etwas auch die der Witwen schwächer ist. Die Linien der Verheirateten tun der ursprünglich unverheirateten Masse bei dem Adel lange nicht so starken Eintrag; dagegen halten sie viel besser gegen die Verbreitung des Witwen- 207 — Zivilstandsverhältnisse. Alter Frauen. Jahr Der schwedische Adel Das schwedische Volk Standes stand. Das letztere konnte man aus den oben (S. 204) mitgeteilten Zahlen über den Zivilstand unter den Heiratsfähigen nicht ersehen. Dort ist der Prozentsatz der Witwen im Adel größer, und der der Witwer nur unbedeutend kleiner, als im Volke. Aber dieser Unterschied in der Darstellung dort und hier beruht auf der verschiedenen Alterszusammensetzung des Adels und des ganzen Volkes und dem störenden Einflüsse, den diese im ersteren Falle ausgeübt hat. Die höchsten Alter, in denen der Witwenstand überwiegt, sind beim Adel verhältnismäßig viel zahlreicher als im ganzen Volke; dies die Ursache des stärkeren Hervortretens dieses Standes beim Vergleich mit der ganzen Masse Pleiratsfähiger. Halten wir uns wiederum an jede Altersgruppe für sich, wodurch das genannte störende Element entfernt wird, so treten die Unterschiede auf die oben angegebene Weise hervor: im Adel sind mehr Unverheiratete, da- IJ — 208 — gegen weniger Verheiratete, Witwer und auch Witwen, als im Volke. Fragen wir nun nach dem Grunde dieser Verschiedenheiten, so müssen wir denselben in der Wirkung doppelter, ganz von einander verschiedener Kräfte suchen. Daß die Gruppe der Verheirateten so schwach ist, hat natürlich in dem allgemeineren Vorkommen des Zölibats im Adel, oder mit anderen Worten darin seinen Grund, daß die Ehefrequenz im Adel geringer ist als im ganzen Volke. Dies ist eine höchst bedeutung-svolle Eigentümlichkeit bei der kleinen Masse. Sie hat Rückwirkung auf die meisten demoragphischen Verhältnisse und versetzt diesen Teil des Volkes inbezug auf die Lebensaussichten und den Bestand in eine ganz andere Lage als die übrigen Teile desselben. Allein hierauf werden wir wieder zurückkommen; denn so wichtig' ist diese Eigenart bei der auserwählten Masse, daß sie ein eigenes Kapitel verdient. Was wiederum die andere zweite, trotz der Schwankungen der Linien gemachte Beobachtung, nämlich die verhältnismäßig kleinere Anzahl Witwen, besonders jedoch Witwer betrifft, so dürfte sie auf eine geringere Sterblichkeit in der kleinen Masse zurückzuführen sein. Dieselbe könnte ja auch auf einer größeren Anzahl Wiederverheiratungen beruhen, da dies aber, wie wir später sehen werden, nicht der Fall ist, so beibt als Erklärungsgrund der genannten Eigentümlichkeit nur die größere Lebensdauer. Sonderbar erscheint nur, daß sie nicht ebenso stark auf Seiten des weiblichen wie auf Seiten des männlichen Geschlechtes auftritt. Aber dies erklärt sich durch den großen Altersunterschied zwischen Mann und Frau im Adel, welcher in entgegengesetzter Richtung wirkt, also eine größere Anzahl Witwen in demselben schafft. Wir haben schon früher, im Kapitel über die Altersverteilung, konstatieren können, daß die Sterblichkeit bei der auserwählten Masse eine geringere sein muß, als beim Volke in dessen Gesamtheit. Hier erhalten wir dafür eine neue Bestätigung. Diese geringere Sterblichkeit im Verein mit der geringeren Ehelichkeit drückt den Zivilstandsverhältnissen des Adels ihr besonderes Gepräge auf. * Intensität der Ehefrequenz sowie Ehewahrscheinlichkeit in verschiedenen Altern, Die oben (S. 205) angeführte Tabelle über die Zivilstandsverhältnisse gibt über die Ausbreitung der Ehe- 209 — lichkeit in den beiden darin behandelten Volksmassen unmittelbaren Aufschluß. Die Zahlen in den Kolumnen der Verheirateten sagen uns, ein wie großer Teil der Bevölkerung faktisch verehelicht ist, während die Summe der Zahlen der Verheirateten und Witwer oder Witwen die ganze Intensität der Ehelichkeit, ungeachtet des störenden Einflusses des Todes, angibt. Wir können auf diese Weise Schritt für Schritt die Verbreitung der Ehe durch die ganze Masse so genau, wie dies überhaupt möglich ist, verfolgen. Zur Erleichterung des Überblickes tiber diese Verhältnisse teilen wir die untenstehende Tabelle mit, die zugleich die Ehewahrscheinlichkeit, d. h. die Aussicht für einen Mann oder eine Frau, in einem gewissen erreichten Alter sich verehelicht zu haben, ausdrückt. Hierbei müssen wir jedoch einen Vorbehalt machen, nämlich den, daß die beobachteten Zahlen als typische, in der heutigen Zeit in denselben Volksgruppen stets wiederkehrende Masse betrachtet werden. Natürlich ist diese Annahme, in Anbetracht der kleinen absoluten Zahlen beim Adel und der starken Emigration beim schwedischen Volke, etwas gewagt. Wahrscheinlich wirken jedoch diese Umstände, außer für die höchsten Alter, die deshalb ausgeschlossen sind, nicht allzu störend. Intensität der Ehefrequenz und Ehewahrscheinlichkeit in den verschiedenen Altern. Sch\ved. Adel Schwed. Volk AI lersjahr Männer F rauen Männer P'ranen ') 20—25 0,02 0,18 0,36 0,08 0,18 25—30 0,18 0,40 0,48 30—35 0,40 0,48 0,66 0,66 35—40 o,59 0,56 0,78 o,75 40—45 0,71 0,62 0,85 o,79 45-50 0,78 0,64 0,88 0,82 50—55 0,85 0,68 0,89 0,83 55—(io 0,82 0,64 0,91 0,84 60—65 0,80 0,70 0,92 0,85 65—70 0,86 0,62 o,93 0,86 "0—75 0,80 0,63 o,93 0,87 75—80 0,82 0,67 o,93 0,88 i) Für die Frauen im ganzen Volke ist außerdem in der Altersgruppe 15—20 eine Eheaussicht von 0,01 vorhanden, die indessen am einfachsten unberücksichtigt bleiben. Fahl bock, Der schwedische; Adel. 14 2 10 Während die vollständige Verwirklichung der Ehemöglichkeit durch die Zahl i ausgedrückt wird, geben die Bruchzahlen der Tabelle an, wie weit man sich in jedem Alter diesem Ziele nähert, oder mit anderen Worten, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, in diesem Alter verheiratet zu sein, oder gewesen zu » sein. Vom größten Interesse ist hierbei ein Vergleich zwischen dem Adel und dem ganzen Volke einerseits-, zwischen Männern und Frauen andererseits. Vergleichen wir zuerst beide Gruppen, den Adel und das ganze Volk, so zeigt sich bei den Männern die größte Verschiedenheit in den jüngsten Altersgruppen. Dies ist in erster Reihe eine Wirkung des hohen Heiratsalters im Adel. Die Inferiorität seitens des Adels scheint aber doch größer zu sein, als daß sie sich nur durch den Unterschied im Heiratsalter, der im Mittel nicht mehr als zwei Jahre beträgt, erklären ließe. Man fühlt sich deshalb versucht, hierin auch eine Wirkung einer plötzlichen Abnahme der Heiratsfrequenz im spätesten Mannesalter zu sehen. Sei dem, wie ihm sei, aus den Tabellen entnehmen wir, daß die Zahl der Ehelichkeit für die Männer des Adels bedeutend unter den entsprechenden Zahlen für das Volk bis zum 40. Jahre zurückbleibt; später, und nachdem die eigentliche Heiratszeit mit dem 50. Jahre aufgehört hat, ist der Unterschied ein viel geringerer. Unter den Frauen herrschen in den ersten Altersgruppen auf beiden Seiten dieselben Zahlen und dieselben Aussichten — auch dies eine Folge des verschiedenen Heiratsalters, der hier indessen zu Gunsten des Adels wirkt. Das nicht unbedeutend frühere Durchschnittsalter bei der Eheschließung bewirkt, daß diese Altersgruppe im Adel mit ihren Mitschwestern im ganzen Volke auf gleicher Linie zu stehen kommt. Aber schon in der nächsten Gruppe macht sich die Schwäche des Adels geltend und wird nun um so größer. Die Zahl der „stehenden" Ehen und die Heiratsaussichten sind also in der auserwählten Masse des Adels sowohl für Frauen wie für Männer bedeutend geringer als im Volke insgesamt. Diese schon oben gemachten Beobachtungen erhalten hier ihren genauesten ziffermäßigen Ausdruck. Vergleichen wir nun laut obenstehender Tabelle die beiden Geschlechter untereinander, so erfahren wir, daß die Frauen, mit Ausnahme der drei ersten Altersgruppen, schlechter gestellt sind als die Männer. Aber während sie vom vierzig-sten Jahre an gerechnet den Männern im Volke nur unbedeutend unterlegen 2 I I sind, stehen ihre Aussichten im Adel bedeutend schlechter als die der Männer. Und so ist es wohl immer. Je geringer die Ehefrequenz im allgemeinen ist, um so mehr leiden die Frauen darunter. Man sollte gleichwohl glauben, daß die große Emigration seitens der Masse des Volkes dort das Verhältnis ungünstiger gestaltet hätte als im Adel; aber der große Unterschied im Heiratsalter zwischen Männern und Frauen wiegt dies bei weitem auf. Daß die Heiratsaussichten der Frauen in den höheren Klassen so viel schlechter sind als die der Männer, beruht nämlich weniger auf der verschieden großen Zahl der Geschlechter im eigentlichen Heiratsalter als auf dem verschiedenen Zeitpunkte, an welchem Männer und Frauen sich gemeinhin verheiraten. Wenn der Unterschied, wie hier, sechs Jahre ist, so bedeutet dies, daß die männlichen Ehekandidaten sich um volle sechs Jahrgänge vermindern, wodurch das auch sonst schon schwache Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern zum Nachteil der Männer in der Anzahl, zum Nachteil der Frauen in den Heiratsaussichten sehr bedeutend verschoben wird. Ein Vorrücken des Heiratsalters der Männer auf das 27. Jahr würde die Heiratsaussichten der Frauen und überhaupt die schwache Ehelichkeit in diesen Klassen höchst wesentlich verbessern. Wie wir sehen, erzählen die Zahlen, wie man sie auch dreht und wendet, stets ein und dasselbe, nämlich daß die Ehelichkeit im Adel im Verhältnis zu der im Volke herrschenden gering- ist. Bedenkt man ferner, daß die Ehefrequenz im schwedischen Volke sehr schwach ist, so sieht man leicht ein, wie niedrig sie in Wirklichkeit in diesem auserwählten Teile desselben steht. Wichtiger als dies ist indessen, daß gleiche Verhältnisse wahrscheinlich in der ganzen gebildeten Klasse herrschen. Die Untersuchungen, die ich hierüber anstellen konnte, sind zwar wenigumfangreich, die Resultate, die sie liefern, stimmen aber so gut mit den oben für den Adel gefundenen überein, daß man nicht zögert, sie zu verallgemeinern '). :jc * * 1) So waren laut den Matrikeln für die Jahre 1895 —1900 im Lehrerstande an den höheren Schulen wie an den Universitäten von insgesamt 1703 Personen, alle im heiratsfähigen Alter und die allermeisten über 25 Jahr, nur 971 oder 57% verheiratet, während 720 oder 42,3 °/ 0 unverheiratet und 12 Witwer waren. Von den 1445 Aerzten, die die Matrikel für 1886—1898 über den Ärztestand aufnimmt, waren 820 verheiratet, 390 unverheiratet und 35 Witwer, oder in Prozenten 5" ° 0 14* 2 I 2 Die allgemeine Tendenz der Ehelichkeit in der Gegenwart und die Stellung der höheren Klassen hierzu. Daß die Statistik eine junge Wissenschaft ist, erfährt derjenige, der sich mit Unbeschäftigt, bei jedem Schritte, den er über die Grenzsteine seiner eigenen Zeit hinaus gehen will. So geht es auch der vorliegenden Frage gegenüber. Die offizielle Statistik kann keine, wenigstens keine zuverlässige Antwort hierauf geben, und zwar nicht allein deswegen, weil sie nicht in die sozialen Schichtungen einer Bevölkerung einzudringen vermag, sondern weil sie zu jung ist und noch keine genügenden Erfahrungen zu sammeln imstande war. Nur für Schweden und Finland gehen die Erfahrungen über mehr als ein Jahrhundert zurück und können deshalb Aufschluß darüber geben. Aus ihnen ersehen wir dennoch, was Schweden betrifft, daß die Zahl der stehenden Ehen in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts und bis zum Jahre 1825 ziemlich gleich war, hierauf erst langsam, dann schneller abgenommen hat und seitdem ebenso wie schon früher die Heiratsfrequenz im Rückgang begriffen ist. In Finland ist die Ent- wickelung, der Heiratsziffer nach zu urteilen, im großen Ganzen denselben Weg gegangen, obschon mit mehr Schwankungen in den Einzelheiten. Betrachtet man wiederum die Zivilstandsverhältnisse, welche man dank den Hauptzügen der Bevölkerungsstatistik Finlands von derselben Zeit (1751) an verfolgen kann, so zeigen sie in gewisser Weise einen abweichenden Verlauf 1 ). Diese deuten nämlich, wie aus den Zahlen unter dem Text hervorgeht, an, daß die Ehelichkeit in der Zeit von 1751 resp. 41 °/ 0 und 2 "/ 0 - Dies ist in Anbetracht der höheren Altersgrenze in diesen Ständen und besonders bei den Aerzten eine noch schlechtere Ehelichkeit als die oben für die Männer vom Adel gefundene. 1) Laut Tab. 31 der angeführten Arbeit waren die Zivilstandsverhältnisse in der Bevölkerung über 20 Jahre folgende: Unverheiratete M änner Verheiratete Witwer Unverheiratete F rauen Verheiratete Witwen 1751 20,04 76,09 3,87 18,47 65,42 16,11 1800 27,48 67.63 4,89 24,95 61,91 D.H 1850 30.70 63,11 6,19 27,89 57,75 14,36 1890 30,50 63,76 5-74 26,54 59U3 14,33 = 'iWIteMHWBMMS»; — 213 bis 1850 nicht unbedeutend zurückgegangen ist, ein Rückgang, der innerhalb der hier angeführten Jahre ziemlich gleichmäßig verlaufen ist. Später ist sie sich gleich geblieben, ja ist für das weibliche Geschlecht sogar etwas gestiegen, wovon nur die Zeit der schweren Notjahre 1867 und 1888 eine größere Abweichung zeigt. Dies ist eine für Finland eigentümliche Entwickelung, die sich schwerlich bei einem anderen der kleineren Völker wiederfindet. Wahrscheinlich wird sie auch unter der Gewaltherrschaft, der das Land jetzt ausgesetzt ist, und die in der Demographie desselben tiefe Spuren hinterlassen muß, nicht fortfahren. Über andere Völker als das schwedische und finländische können wir nur nach den Verhältnissen seit Mitte des ig. Jahrhunderts und auf Grund der Heiratsziffer urteilen. Aber die Zahlen sprechen keine deutliche Sprache. Die durch so viele andere Erscheinungen, wie Geburtenfrequenz, Mortalität und internationale Wanderung, stark beeinflußte allgemeine Heiratsziffer gibt ebenfalls kein genaues Maß der Ehelichkeit. Doch scheint sich auch hier, wenigstens bei den kleineren Völkern, ein Rückgang vorzubereiten 1 ). Allein wenn dem in der Gegenwart und seit einem halben oder ganzen Jahrhundert so ist, wie ist es in den früheren Zeitperioden gewesen? Ist die Ehelichkeit damals höher oder niedriger als später gewesen, und in welcher Richtung sind früher die Veränderungen hierin gegangen? Auf diese Fragen können wir nur mit allgemeinen Betrachtungen, und am besten im Zusammenhange mit der Frage nach der Ehelichkeit der höheren Klassen antworten. Sicher gelten die oben betreffs eines Teiles der höchsten Klassen in Schweden und Finland gemachten Erfahrungen auch für dieselben Klassen aller heutigen, dem europäischen Kulturkreis angehörigen Völker. Was wir von verschiedenen Seiten über das spätere Heiratsalter in diesen Klassen erfahren, deutet an, daß es sich so verhalten muß. Denn eine Verspätung der Ehen schließt notwendig deren Beschränkung in sich ein. Aber ist es immer so gewesen wie jetzt? Haben die höheren Klassen sich 1) Nach den bisher gewonnenen Erfahrungen stellt sich, wie G. Sundbiirg (Grunddragen af Befolkningsläran, S. 17) nachweist, die Ehelichkeil bei kleinen Völkern schlechter als bei großen. auch in weiter zurückliegender Zeit durch geringere Ehelichkeit als das niedere Volk ausgezeichnet, oder ist dies erst in jüngerer Zeit gekommen? Das letztere scheint mir das wahrscheinlichste zu sein. Denn so lange Eheschließungen bei den unteren Klassen von der Genehmigung eines Hausherrn oder der Behörden abhängig waren und allgemein große Scharen unverheirateter Diener gehalten wurden, muß die Ehefrequenz sich bei diesen Klassen in engen Grenzen bewegen. Unter diesem System, d. lr. vom Mittelalter an bis zum Aufhören des Zunftwesens und der Leibeigenschaft, ist die allgemeine Heiratsziffer niedrig und die Heiratszahl der höheren Klassen wahrscheinlich hoch oder wenigstens höher als die entsprechende bei den unteren gewesen. Die Aufschlüsse, die wir vorher in dieser Arbeit über die Ehelichkeit in den ausgestorbenen sowie in den sonst erloschenen Gliedern der lebenden adligen Geschlechter erhalten haben, deuten zwar auf keine große Ehelichkeit hin 1 ); aber wir wissen nicht, wie sie vor 1751 beim Volke in dessen Gesamtheit gewesen ist. Sicher hat sie damals nicht hoch gestanden. Die Langsamkeit, mit der die Volksvermehrung in Schweden in älterer Zeit vor sich ging, kann nicht einzig auf Rechnung der größeren Sterblichkeit geschrieben werden — dann hätten Rußland und andere Länder keinen so ungeheueren Vorsprung gewonnen — sondern auch ganz sicher auf eine verhältnismäßig sehr geringe Ehelichkeit 2 ). In demselben Augenblicke, wo die die LIeiratslust der unteren Klassen hemmenden Bande fielen, und gleichzeitig die Industrie in die Höhe schoß und die Dienerscharen in den Häusern der Großen sich zu vermindern begannen — denn alles dies traf ungefähr auf einmal, obschon für jedes Land zu verschiedenen Zeitpunkten, ein — bekam die Heiratsfrequenz bei der Masse des Volkes einen starken Aufschwung. Hierdurch wurden die Verhältnisse umgekehrt. Die Ehelichkeit in den niederen Schichten wurde nun größer als in den höheren, und dies 1) Oben S. 102 fg. Die dort gefundenen Massen der Ehelichkeit lassen sich jedoch mit den zuletzt auf Grund der Zivilstandsstatistik gegebenen nicht gut vergleichen. 2) Die hier entwickelten Ansichten über die verschiedene Ehrlichkeit in den verschiedenen sozialen Klassen früher und jetzt finden in den Beobachtungen, die M. Rubin betreffs der Verhältnisse in Dänemark in dem letzten Teil des 18. Jahrhunderts gemacht hat [Folketal og Födselshyppighet (Volkszahl und Geburtsfrequenz) in Dansk Historisk Tidsslcrift, 7 R. III, 1900], ihre volle Bestätigung. — 215 — umsomehr, je größer früher die Hindernisse gewesen waren. In Ländern, wie Schweden und Finland, wo diese Hindernisse geringer als anderswo waren, macht sich diese Entwickelung auch weniger bemerkbar; in anderen Ländern muß sie, wie die starke Volksvermehrung vom Anfange des ig. Jahrhunderts an beweist, mit außerordentlicher Stärke gewirkt haben. Der erstere Typus der Ehelichkeit, mit geringerer Heiratsfrequenz für die unteren und größerer für die höheren Klassen, gehörte der sozial gebundenen Gesellschaft früherer Zeiten an; der letztere Typus, mit vollständig umgekehrten Größen Verhältnissen kennzeichnet die moderne Gesellschaft mit ihrer allgemeinen Freiheit und ihrem starken sozialen Umsatz. Aber nachdem die genannte gewaltsame Expansion der Heiratsfrequenz einige Generationen lang fortgedauert hat, ist eine rückläufige Bewegung langsiim und beinahe unmerklich in gewissen Ländern, in anderen rascher und ganz deutlich eingetreten. Und bei dieser Bewegung gehen jetzt die höheren Klassen, wahrscheinlich dazu veranlaßt durch die veränderte Stellung, in die sie während dieser Umwälzungen mit oder gegen ihren Willen versetzt worden sind, an der Spitze. * * * Ursachen und Wirkungen der geringen Ehelichkeit. Die Erklärung für die heutige geringe Ehelichkeit der höheren Klassen scheint wenig Schwierigkeiten darzubieten. Die vielen dazu beitragenden Umstände liegen offen zu Tage. Außer der größeren Überlegung, die natürlich bei den sogen. Gebildeten herrscht, bewirken eine geringere Heiratsfrequenz: erstens die lange Ausbildungszeit für die meisten dieser Klasse Angehörigen; dann die großen Ansprüche, die ein standesgemäßes Leben an sie stellt, das die knappen Einkünfte aber oft nur mit Not zu führen gestatten; schließlich der starke Zulauf von unten und die Konkurrenz um den Broterwerb, die hier mehr wie in anderen Klassen beständig herrschen muß. Schwer ist dagegen der Rückgang der Ehelichkeit, der im ganzen Volke stattgefunden hat und noch andauernd anzuhalten scheint, zu erklären. Nur zum geringeren Teil kann er der Abnahme der Wiederverheiratungen und dem daraus resultierenden geringeren Umsatz zur Last gelegt werden. Denn nicht allein die Heiratsziffer, sondern auch die Zahl der stehenden Ehen als Resultat der Heiratsziffer ist im Sinken begriffen. Den allgemeinen Grund, der einen solchen Rückgang bei einem hochstehenden Kulturvolk verursachen kann, nämlich die Beschränkung des Nahrungsspielraumes, sieht man zwar ein. Denn nächst dem Vorrücken des Heiratsalters ist verminderte Heiratsfrequenz der Ausweg, den ein Volk ergreift, wenn es sich zu beengt fühlt und wenn die Gefahr der Übervölkerung droht. Allein hier liegt dieser Grund nicht vor. Im Gegenteil, der Nahrungsspielraum hat sich in Schweden im verflossenen Jahrhundert vervielfacht, während die Volksmenge sich kaum mehr als verdoppelt hat. Die Quote des Nationalvermögens und Nationaleinkommens auf den Kopf der Bevölkerung ist, wie uns eine exakte Berechnung für einen kürzeren Zeitraum verstehen läßt, ungeheuer gestiegen l ). Gleichzeitig gewahren wir in unserem ökonomischen und sozialen Leben verschiedene Wandlungen anderer Art, die ebenfalls eine vermehrte Heiratsfrequenz hätten herbeiführen müssen. Solche sind das Entstehen einer bedeutenden Industrie mit dem vielen Broterwerb, den sie schafft, sowie die starke Herabminderung in der Zahl der unverheirateten Diener, die jede Volkszählung seit Mitte des vorigen Jahrhunderts konstatiert. Sowohl diese Umstände wie die großartige ökonomische Entwickelung, die sich gleichzeitig vollzogen hat, hätten eine Steigerung der Heiratsfrequenz und der Ztihl der stehenden Ehen bewirken müssen. Allein das Gegenteil ist eingetroffen. Die allgemeine Erklärung hierfür kann nur die sein, daß andere mächtigere, der Ehelichkeit ungünstige Kräfte vorhanden waren, die in entgegengesetzter Richtung gewirkt haben. Aber welches, außer dem Anwachsen der Lebensansprüche, diese Kräfte gewesen sind, ist nicht leicht zu sagen. Denn diese Ansprüche erhalten oft die Flügel der Phantasie und eilen dann leicht auch der schnellsten realen Entwickelung voraus. Wahrscheinlich ist es auch hier so. Die Schweden sind, mehr als die meisten Völker, ein tatenlustiges Volk; und findet diese Tatenlust keinen anderen Ablauf, so macht sie sich durch eine hohe Lebensweise verlautbar — permanent, wenn es möglich ist, sonst wie und wann sich eine Gelegenheit i) S. hierüber La Suede, son peuple et son Industrie, 1900, S. 451 ff. ■ 17 dazu erbietet. Aber eine verschwenderische Lebensweise und flotte Gewohnheiten sind das Grab der Ehelichkeit, wie vieler anderer sozialer Triebe. Von den vielen Wirkungen, die die Folgen einer geringen Ehelichkeit sind, sollen hier nur zwei hervorgehoben werden, die beide die höheren Klassen, von denen der Adel einen Teil bildet, treffen. Die erste ist, daß die Geschlechter infolgedessen schnell aussterben. Ich habe vorher in dieser Arbeit betont, daß das Zölibat eine der wirksamsten Ursachen des Aussterbens der adligen Geschlechter ist. Ist die später ausgesprochene Auffassung, daß das Heiraten nicht allein bei der ganzen Masse des Volkes, sondern vor allem in dessen oberen Schichten, im Rückgang begriffen ist, richtig, so ist augenscheinlich, daß dieses Moment seine dem Bestand der Geschlechter verderbliche Wirkung in der Zukunft mit noch größerer Stärke ausüben wird. — Eine andere Folge der geringen Ehefrequenz in den höheren Klassen ist die sogen. Frauenemanzipation, d. h. das Streben der unverheirateten Frauen dieser Klassen nach Arbeit und einem erweiterten Arbeitsfeld. Das Elternheim kann ihnen nicht, wie früher, Beschäftigung geben, da die Fabriken die Hausarbeit getötet und eine ganz andere Ordnung im Haushalte des Einzelnen herbeigeführt haben. Möglicherweise macht die wachsende Schwierigkeit, Diener zu erhalten, die Arbeit der Töchter im Hause wieder unentbehrlich und wirkt so hemmend auf die Lust zum Ausschwärmen, die sie jetzt ergriffen hat. Aber vorläufig geht das Bedürfnis noch in einer anderen Richtung und veranlaßt, unterstützt allerdings durch eine unserer Zeit eigentümliche Unterschätzung der Bedeutung und des Wertes der Hausarbeit, seitens der gebildeten Frau das Suchen nach neuen Arbeitsgebieten. Die eigentliche Ursache dieser Bewegung ist indessen die Unmöglichkeit für einen großen Teil der jungen Mädchen, ein eigenes Heim zu gründen. Die geringe Heiratsfrequenz zwingt, wie wir oben sahen, einen großen Prozentsatz heiratsfähiger Mädchen der höheren Klassen — bedeutend größer als bei den Männern — unverheiratet zu bleiben. Diese, die ohne eigenes Verschulden, nur infolge Ungunst des Lleiratsmarktes, übrig bleiben, müssen in Kontoren und anderswo, wo sie sich immer dürftig ernähren können, ihr Auskommen suchen. Daß diese sogen. Emanzipation trotz des schönen Namens doch nur ein ganz bitterer Notfalls- 1 I I . U — 2 18 — ausweg ist, liegt offen zu Tage. Jede Abweichung von dem Naturbestimmten ist, wenn auch durch die Umstände hervorgerufen, stets eine Gewaltmaßregel. Wir stoßen hier auf einen der vielen Sodomsäpfel, die auf dem Baume der Kultur wachsen. Doch, genau besehen, wäre es Unrecht, der Kultur die Schuld daran beizumessen. Ist es, wie wir oben hervorgehoben haben, richtig, daß der Rückgang der Ehelichkeit während einer Zeit starker ökonomischer Entwickelung meistens in den Sitten und einer flotten Lebensweise zu suchen ist, so tragen wir selbst die Schuld an dem Übel. Der Adel Finlands. Die Generaltabelle über den tinländi- schen Adel (Anh. Tab. IV) gestattet eine ungefähr gleiche Darstellung der Zivilstandsverhältnisse desselben wie die eben für den Adel Schwedens ausgeführte. Die erste allgemeine Übersicht geben untenstehende Ziffern, mit welchen die entsprechenden für 1890 für das finländische Volk zusammengestellt sind 1 ). Die allgemeinen Zivilstandsverhältnisse. F. Adel F. Volk Unverheiratete Verheiratete Witwer und Witwen sowie Geschiedene männl. weibl. männl. weibl. °/ 0/ 0/ / 0 / 0 /<) / 0 63,91 62,82 62,66 58,79 33," 24,42 34,26 33,24 2,98 12,76 3,08 7 ,97. 100 100 100 IOO Dieselben Gleichheiten und Unterschiede betreffs der Geschlechter und ebenso die grosse Übereinstimmung zwischen dem Adel und dem ganzen Volke seitens der Männer finden sich auch hier, während das weibliche Geschlecht, hier wie in Schweden, nicht so geringe Abweichungen aufweist. Vergleicht man jede dieser Zahlen für sich mit den entsprechenden schwedischen, findet man gleichfalls eine erstaunliche Übereinstimmung. Bei einer fortgesetzten und näheren Darstellung verändern sich jedoch, wie nachstehende Tabelle beweist, die Verhältnisse nicht ganz wenig. 1) Nach oben angeführter Veröffentlichung. 219 Die Zivilstandsverteilung der F. Adel männl. weibl. Heiratsfähigen. F. Volk männl. weibl. °/ 0/ 0 0 1 1 0 Unverheiratete . Verheiratete . Witwer, Witwen u. s. w. 51,15 44.25 4,60 45,59 35.58 18,83 26,54 59.13 '4.33 IOO 100 00 IOO Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern treten hier bei den Verheirateten und früher verheiratet Gewesenen mit großer Schärfe hervor. Doch hierauf ist weniger Wert zu legen, als auf die Differenzen zwischen der auserwählten Masse und der Gesamtheit. Der Prozentsatz, der Unverheirateten ist beim Adel bedeutend größer als im Volke, der der Verheirateten viel kleiner, während der Witwenstand teils kleiner, teils größer als der entsprechende im Volke ist. Im großen Ganzen weicht somit die kleine Masse in Finland in derselben Richtung ab wie in Schweden. Die Ehelichkeit ist im Adel bedeutend geringer als im Volke, die Zahl der überlebenden Witwen aber größer. Das letztere ist besonders beachtenswert. Während der Prozentsatz der Witwer für beide Gruppen ungefähr derselbe, und eher klein als groß ist, sind die Witwen auf beiden Seiten, besonders aber beim Adel ungeheuer zahlreich. Der Anlaß zu dieser Eigentümlichkeit ist in der gemeinhin in Finland herrschenden recht großen Sterblichkeit, die ganz sicher auch in dessen höheren Klassen vorkommt, zu suchen. Was den Adel im besonderen betrifft, so kommt hinzu, daß der Unterschied im Heiratsalter zwischen Männern und Frauen groß ist. Diese Umstände gemeinsam vermindern die Zathl der Witwer und erhöhen die der Witwen auf eine so unproportionale Höhe wie die, die wir hier sehen — 18,83%. Vergleichen wir endlich die obigen Zahlen mit den entsprechenden schwedischen, so bemerken wir, wie schon angedeutet ist, die Ubereinstimmung, die meistenteils hierin zwischen den finländischen und den schwedischen Verhältnissen herrscht. Wir sehen jedoch zugleich, daß die Übereinstimmung geringer zwischen Volk und Volk als zwischen den beiden auserwählten Massen ist. Besonders auf seiten der Frauen ist der Unterschied groß, was auf den in Finland geringeren Frauenüberschuß als in Schweden beruht, wodurch die Anzahl der Unverheirateten dort so verhältnismäßig klein, nicht unbedeutend kleiner als die der Männer wird. Im Adel Finlands herrschen dagegen genau dieselben Verhältnisse wie im schwedischen, mit dem Unterschiede allein, daß die Zahl der Witwen etwas größer, und die der verheirateten Frauen ebensoviel kleiner ist. So nähern sich in der Gegenwart die höheren Klassen trotz der Verschiedenheiten, die zwischen den Völkern, denen sie als Teile angehören, herrschen können, überall einander. Die höheren Klassen bilden bei den zivilisierten Völkern einen ganz gleichartigen Typus; nur die unteren repräsentieren in demographischer Beziehung das spezifisch Nationale. Sechzehntes Kapitel. Heiratsalter und Wiederheiraten. Heiratsalter. Der Mensch wird nicht mit der Eigenschaft „zur Ehe geeignet" geboren; er wird es mit den Jahren, aber der Zeitpunkt für die Reife dazu soll je nach dem Breitegrade und der Rasse verschieden sein. Dies wäre ein eigentümlicher Umstand, der je nach dem langsameren oder schnelleren Verlauf der Entwickelung, eine verschiedene Lebensdauer, sollte man meinen, zur Folge haben mußte. Dies ist aber, soweit man weiß, nicht der Fall. Man fühlt sich deshalb geneigt, eine frühere natürliche Reife zu bezweifeln und zu erklären, daß diese nur auf einer verschiedenen sozialen Reife, d. h. der verschiedenen Vorstellung der Menschen von dem rechten Zeitpunkt für die Eheschließung, beruhe. Allbekannt ist, daß auf niedrigeren Kulturstadien die natürliche Reife mit der sozialen zusammenzufallen pflegt. Man verheiratet sich, sobald sich die Zeichen physischer Reife zu erkennen geben. Bei höherem Kulturstande beeilt man sich nicht so; hier ist die soziale Reife eine andere als die natürliche. Der Zeitpunkt für den Eintritt in den Ehestand wird bis auf eine Zeit hin verschoben, wo die ganze Persönlichkeit ihre volle Entwickelung erreicht hat. Dies ist unzweifelhaft sowohl von großem Vorteil für die Eheschließenden selbst, wie besonders für die Nachkommenschaft und bezeichnet deshalb einen großen Fortschritt. Die Verschiebung des Heiratsalters beruht jedoch nicht allein auf den mit der Kultur wachsenden Ansprüchen, die an einen reifen Mann und eine reife Frau gestellt werden. Sie kann die Grenze überschreiten, die die Kultur auf diese Weise setzt, und die zu jeder Zeit der Vorstellung der Menschen von dem geistig wie körperlich erwachsenen Menschen entspricht. Dies trifft ein, 222 sobald der Nahrungsspielraum, sei es der absolute, oder der relative, laut der für jede Zeit und für jedes Land ungleichen Auffassung der Menschen von einem standesgemäßen Leben, ihnen zu eng erscheint. Die Verspätung des Heiratsalters ist der erste Schritt auf dem Wege zur Begrenzung der Bevölkerungszahl. Diesen Schritt haben die westeuropäischen Völker schon lange getan, und am frühesten vielleicht das schwedische, das keine Ehehindernisse kannte. In anderen Ländern, wo das Gesetz das niedere Volk hinderte, sich nach Belieben zu verheiraten, entstand in demselben Augenblicke, wo die genannten Hindernisse beseitigt wurden, ein förmlicher Sturmlauf nach dem ehelichen Stande mit daraus folgenden frühzeitigen Eheschließungen. Dasselbe geschah in England beim Durchbruch des Großindu- strialismus am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Dies war es, was Malthus gesehen und — generalisiert hat. Er ahnte f nicht, wie schnell die westeuropäischen Völker Mittel finden würden, die Schreckbilder, die seine Logik und Phantasie gemeinsam ausmalten, zu beseitigen. Eines dieser Mittel, und übrigens das von Malthus selbst am wärmsten empfohlene, ist das Hinausrücken des Heiratsalters. Jetzt, nachdem man andere Wege zur Erreichung desselben Zweckes eingeschlagen hat, scheint diese Bewegung ins Stocken geraten, oder möglicherweise im Rückgange begriffen zu sein. Daß das allgemeine Durchschnittsalter für alle Eheschließungen seit einigen Jahrzehnten einen ziemlich starken Rückgang zeigt, darf indessen nicht irre leiten, denn dies beruht auf der verminderten Anzahl Wiederheiraten mit ihrem hohen Pleiratsalter. Aber wenn man hiervon absieht und nur die erste Ehe in Betracht zieht, so scheint das Heiratsalter wenigstens sein vorläufiges Maximum erreicht zu haben. Die Statistik hierüber ist im allgemeinen so neu, daß man einstweilen aus ihr schwerlich in dieser Sache Schlüsse ziehen kann. Nur das scheint unzweifelhaft, daß das Heiratsalter des schwedischen Volkes schon gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts dieselbe Höhe erreicht hat, die es jetzt hat. * * * Durchschnittsalter für die Eheschließungen im schwedischen Adel. Die untenstehenden Ziffern geben eine Übersicht über diese Verhältnisse, verglichen mit den entsprechenden — 223 — für das schwedische Volk. Die hier aufgenommenen Ehen sind alle Heiraten im Adel, also nicht Verheiratungen adliger Frauen mit Bürgerlichen. Die aufgeführten „bestehenden" Ehen sind folglich auf beiden Seiten, für Männer und Frauen, dieselben. Durchschnittsalter bei der Verheiratung. Schwed. Adel Schwed. Volk Bestehende Ehen 1 ) Auf gelöste Ehen -) ( 1 884- -1890) Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre Alle Ehen . 32,99 25,28 34,93 25.63 30,47 27,70 Erste Ehen 31,85 25,03 33,35 25,27 28,67 27,07 Wiederheiraten 45,48 34,35 46,35 34,92 45,67 40,87 Sowohl beim Vergleiche der Geschlechter untereinander, wie betreffs des Adels einer-, und des ganzen Volkes andererseits, treten uns durchgreifende und sehr charakteristische Unterschiede entgegen. Der Altersunterschied zwischen Männern und Frauen des Adels ist sehr groß, 6—8 Jahre für die erste Ehe, i i für die Wiederheiraten. Dies ist eine bedeutend größere Differenz als im schwedischen Volke, ja eine größere, als man meines Wissens irgendwo anders, ausgenommen, wie wir unten sehen werden, beim Adel Finnlands, beobachtet hat. Die Frauen dieser Gesellschaftsklasse verheiraten sich demnach relativ früh, während die Männer erst spät in den Ehestand treten. Vergleichen wir dann die Verhältnisse im Adel mit den entsprechenden im schwedischen Volke, so finden wir, außer bei den Wiederheiraten, wo das Heiratsalter dasselbe ist, für die Männer in der kleinen Gruppe ein höheres, für die Frauen dagegen überall ein niedrigeres Heiratsalter. Dies ist höchst charakteristisch; und besonders wenn man den Mann, der ja hierbei vorzugsweise den aktiven Teil bildet, betrachtet, vollkommen typisch. Männer schreiten in der auserlesenen Masse durch- 1) Anzahl Ehen mit Altersangaben: 1976 seitens der Männer, 1972 seitens der Frauen. Hiervon die erste Ehe für den Mann 1810, für die Frau 1919: Wiederheiraten für die Männer 166, Frauen 53. 2) Anzahl Ehen mit Altersangaben: für die Männer 1229-)- 170 Wiederheiraten, für die Frauen 1305-I-50 Wiederheiraten. Unter „aufgelösten Ehen" verstehen wir solche, von denen bei der Zählung ('I. Januar 1895) Witwer oder Witwe lebte, sowie die früheren Ehen derer, die mehr als einmal verheiratet waren. — 224 — schnittlich drei Jahre später zur Ehe als im Volke. Das hier vorkommende Heiratsalter ist nicht allein relativ, sondern auch absolut ein sehr hohes. Aber wahrscheinlich ist es überall in der gebildeten Klasse ungefähr gleich hoch. Nach Rubins und Westergaards Untersuchungen der Ehen in verschiedenen sozialen Schichten in Kopenhagen betrug das Heiratsalter in der ersten, ungefähr der hier vorliegenden Masse entsprechenden Gruppe — für Männer in erster Ehe 32,2 Jahre, für wiederverheiratete 45, sowie für Frauen in erster Ehe 26,5 Jahre, für wiederverheiratete 37, und für beide Arten Ehen: Männer 33,9, Frauen 27,0 Jahre. Für die Männer sind die Zahlen ungefähr dieselben wie bei dem schwedischen Adel, für die Frauen dagegen höher und in voller Übereinstimmung mit dem Verhältnis im dänischen Volke. Vom Durchschnittsalter für sämtliche Ehen verschiedener Art wenden wir uns zu dem wirklichen Alter nach Altersgruppen. Dasselbe geht aus untenstehender Tabelle über erste Ehen hervor, in welcher sowohl die absoluten wie die relativen Zahlen für den Adel und außerdem die entsprechenden Zahlen für die skandinavischen Länder nach der die Jahre 1887 —1891 umfassenden Zusammenstellung von v. Mayr aus Bodios Con- fronti Internazjpnali aufgenommen sind 1 ). Fleir atsalter. Schwed. Adel Best. Ehen Aufgel. Ehen Schweden Altersgruppen Mann. Fr. Unter 20 20—25 25—30 30—35 35—4° 40—45 45—50 Über 50 jahrej M. Fr. 141 M. Fr. 7,71 I 2,04 0,26 3,82 0,69 46 7 3,74 0,54 { 20 6 1," 0,31 Volk Norwegen M. Fr. Dänemark M. Fr. 10,81 . 0,15 6,36 I "5 9i3 7i 566 (6,35 47,5 8 5,78 43,37 26,68 36,07 j 607 539 364 352 (33,54 28,09 29,62 26,97 36,08 31,37 I 589 223 362 159 . (32,54 11,62 29,46 12,181 , y l "4 ' > 26,00 20,11 (311 62 226 53 | (17,18 3, 2 3 18,39 4,06 (131 23 113 18 . ( 7,24 1,20 9,19 1,38) ( 37 5 47 9 | - ,) i,79 7,94l 25,22 7,37 26,48 39,20^ 39,13 34,07 28,48 39,01 30,84 25,85 18,31 26,14 17,58 6,81 4,78 4,28 1,31 6,89 4,67 6,32 1810 1919 1229 1305 100 100 100 100 „97 4,92 1,40 3,3' 1,11 1) Statistik und Gesellschaftslehre, II, S. 399 f. I — 2 25 — Aus diesen Zahlenserien gehen alle oben geschilderten Eigentümlichkeiten betreffs des Heiratsalters des schwedischen Adels mit noch größerer Deutlichkeit hervor. Von den Männern befindet sich die Hauptmasse (66,08 %) in den Altern 25—35 Jahre, während sie beim schwedischen Volke, in Norwegen und auch in Dänemark innerhalb der Alter von 20—30 Jahren (über 60 °/o) liegt. Bei den Frauen verhält es sich gerade umgekehrt. Die Hälfte und mehr noch trifft man im Adel in den Altern von 16 bis 25 Jahren, überall sonst in den Altersgruppen von 20—30 Jahren an. Hier liegen also inbezug auf das Heiratsalter zwei ganz scharf von einander getrennte Typen vor, der eine gewiß mehr oder weniger überall in den höheren Klassen vorkommende, der letztere gemeinsam für alle westeuropäischen Völker und für das nordamerikanische. Einen anderen Volkstypus auf diesem Gebiete bietet die Statistik Rußlands dar, die wir zur Beleuchtung dieser Verhältnisse nach derselben Quelle anführen wollen (1882/86); Heiratsalter in Rußland (1882/86) Männer F rauen Unter 20 Jahre °/ / 0 3 2 ,oi 0/ 10 5ö,35 CS 1 0 CS 34," 29,48 2 5—3° l/,74 0,94 3° —4° » 9,80 4,95 4°—5° „ 4,31 1,86 50— 2,03 °,4 2 IOO IOO So sieht der Typus niedrig stehender Völker aus. Wahrscheinlich äußert sich indessen in diesen, abendländischen Begriffen nach, abnormen Zahlen teilweise eine Wirkung der Aufhebung der Leibeigenschaft, sowie der damit erfolgten Freigabe der Ehen. Ist diese Annahme richtig, so haben sie einen baldigen Ubergang zu erwarten, wenn sie auch noch lange nicht das Maß erreichen, das der Typus der weiter gekommenen Völker aufweist. * Sinken des Heiratsalters sowie Erklärung der typischen Eigenschaften desselben im Adel. Wie oben bemerkt, gibt die allgemeine Bevölkerungsstatistik gewisse Andeutungen, daß das Heiratsalter nach dem starken Rückgang, der früher darin stattgefunden hat, wieder im Sinken begriffen ist. Dasselbe kann man im Adel aus dem Unterschiede, der hierin zwischen bestehenden und aufgelösten Ehen betreffs der ersten Ehe der Fahlbeck, Der schwedische Adel. lä EaHHHHHlk Männer — und nur diese sind in diesem Falle in Betracht zu ziehen — herrscht, deutlich erkennen. In den meisten Fällen liegt nämlich der Zeitpunkt für die Stiftung der aufgelösten Ehen weiter zurück als der entsprechende für die bestehenden. Zwar ist das Material so klein, daß man keine weitgehenden Schlüsse daraus folgern kann; der nachgewiesene Unterschied beweist aber jedenfalls, daß im Adel im letzten Mannesalter keine Steigerung- des Heiratsalters, sondern im Geg-enteil ein Fallen desselben stattgefunden hat. Man hat allen Grund zu der Annahme, daß dies kein Zufall, sondern das Ergebnis einer allgemeinen Tendenz ist, Über die Ursachen der gefundenen Unterschiede im Heiratsalter bei unserer auserwählten Masse und dem ganzen Volke zur Klarheit zu kommen, dürfte nicht schwer fallen. Für die Männer der höheren Klassen ist die Ausbildungszeit in der Regel sehr lang, und die Ansprüche betreffs einer sicheren Existenz sehr hoch, woraus mit Notwendigkeit ein spätes Heiratsalter folgt. Bei den Frauen der höheren Klassen wiederum wirkt keines dieser Momente, weshalb hier der zweite große Bestimmungsgrund, die physische und soziale Reife, der vorherrschende wird; und mit ihm folgt ein bedeutend niedrigeres Heiratsalter. Daß sich dagegen das Alter der Frau in den breiten Lagern des Volkes so hoch hält, wie wir oben gesehen haben, beruht augenscheinlich darauf, daß hier nicht der letztere Gesichtspunkt, sondern derselbe wie für den Mann, das Auskommen, bestimmend ist. Die Frau aus dem Volke muß anders, als die Frau in den höheren Klassen, mit dem Manne für den gemeinsamen Haushalt arbeiten. — Wie schließlich die beobachteten Unterschiede zwischen bestehenden und aufgelösten Ehen zu erklären seien, ist schwerer zu sagen. Ich habe oben geäußert, daß die rückläufige Bewegung des Heiratsalters aufgehört zu haben scheint, nachdem man andere Mittel einer gefürchteten Übervölkerung abzuwehren gefunden hat. Wahrscheinlich sehen wir hier im kleinen ein denselben Motiven entspringendes Ergebnis dieser Bewegung. * * * Wiederheiraten. Früher waren Wiederheiraten viel gewöhnlicher als jetzt. Unsere eigenen Untersuchungen über den schwedischen Adel beweisen dies zur Genüge. Von sämtlichen gerechneten Ehen in 825 erloschenen Geschlechtern waren für — 227 — den Mann 82,3 °/o erste Ehen und 17,7 % Wiederheiraten 1 ), Zahlen, die von den untenstehenden für die Gegenwart gefundenen bedeutend abweichen. Noch klarer tritt diese Entwickelung in den nachstehenden, der allgemeinen Statistik Schwedens entnommenen, für das ganze Volk geltenden Ziffern hervor. Erste Ehen von 1000 Heiraten im schwedischen Volke für: Jahr Männer Frauen 1811 —1820 831 871 1851 —1860 886 933 188i—1890 898 954 Im jetzigen Adel sieht man schließlich beim Vergleich zwischen den bestehenden und den etwas älteren aufgelösten Ehen dasselbe 2 ). Von 1000 aufgelösten Ehen waren Von 1000 bestellenden Ehen waren erste Ehen erste Ehen Männer Frauen Männer Frauen 878 963 916 973 Wiederheiraten werden immer seltener. Aber die auserlesene Masse ist, wie wir sehen, in dieser Entwickelung einen Schritt vor dem ganzen Volk voraus, wie überall, wo sich eine andauernde Veränderung zu erkennen gibt. Uber die Ursachen der beständigen Abnahme der Wiederheiraten kann man auch ohne besondere Untersuchungen leicht zur Klarheit kommen. Sie ist nicht durch einen veränderten Geschmack im Heiratsmarkte, auch nicht durch weniger Lust zur Wiederheirat bei denen, die ihre Ehe durch die eine oder andere Ursache aufgelöst sehen und sich noch im Heiratsalter befinden, verursacht, sondern ausschließlich durch verminderte Sterblichkeit und vermehrte Lebensdauer. Während die Menschen in älterer Zeit massenweise in verhältnismäßig jungen Jahren starben und Witwer und Witwen im Heiratsalter zurückließen, geschieht dies jetzt immer seltener. Bei der Auflösung der Ehen durch den Tod eines der Gatten in der Gegenwart, und noch mehr in der Zukunft, ist der überlebende Teil meistens so bei Jahren, daß eine neue Ehe, besonders seitens der Witwe, nicht in Frage kommen kann. Nur für den Fall, daß die Scheidungen häufiger werden, was ja wahrscheinlich ist, kann die fortdauernde Verminderung 1) Oben S. 105. 2) Die absoluten Zahlen stehen oben S. 223 Note I und 2. 15* — 228 — der Wied erb ei raten aufhören und sich möglicherweise in eine Steigerung derselben verwandeln; denn auf Scheidungen folgen, wie bekannt, in der Regel für einen oder beide Teile neue Ehen. Allein bis jetzt ersetzt diese Gegenbewegung noch keineswegs die durch die vermehrte Lebensdauer andauernde Verminderung der Wiederheiraten. Auf eine nähere Einteilung der Wiederheiraten nach dem Zivilstande der Kontrahenten einzugehen, verbietet das geringe Material. Nicht ganz aus demselben Grunde, aber doch infolge der Beschaffenheit des Materials müssen wir auch die für die Sitten, oder richtiger Unsitten, so charakteristischen Erscheinungen, Scheidungen und Geschiedene, übergehen. Die diesbezüglichen Angaben der Quelle sind aus konventionellen Rücksichten oft unvollständig und schwankend. * * * Der Adel Finlands. Die Statistik über das Heiratsalter des finländischen Adels zeigt das folgende Resultat, mit welchem, des Vergleichs wegen die Angaben für das ganze Volk zusammengestellt werden mögen. Durchschnittsalter bei Stiftung der Ehe. Finl. Ac Bestehen Männer Jahre lel (in F land wr de Ehen*) Frauen Jahre n 1 and un h 11 e n d) Aufgelds Männer Jahre d Rußte Ehen 2 ) Frauen Jahre Finl. 1881- Männer Jahre Volk 1890 :{ ) Frauen Jahre Alle Ehen . Erste Ehe . Wiederheiraten 31.04 29,94 42,90 24,08 23,93 32,84 34,35 32,85 48,79 24,01 23,77 32,11 29,56 27,25 43,66 26,31 25,18 39,62 Vergleicht man die Zahlen für den Adel mit denen für das Volk, so tritt der Unterschied stark hervor. Das Heiratsalter ist bei dem ersteren für die Männer höher, für die Frauen niedriger als beim letzteren. Die Abweichungen bei der auserlesenen Masse gehen somit im finländischen Adel entschieden in derselben 1) Anzahl Ehen mit bekanntem Alter für den Mann 535 erste Ehen -f- 49 Wiederheiraten, fiir die Frauen 525-1-9. 2) Anzahl Ehen für den Mann 355 T 37 Wiederheiraten, für die Frau 339 -f- 9 Wiederheiraten. 3) Bidrag tili Finlands officiella Statistik, VI Befollcningsstatistik Helsingfors 1892. Richtung wie im schwedischen. Doch sind sie, besonders was die der Männer betrifft, nicht ganz so groß. Ein anderer Unterschied ist der, daß in Unland das Heiratsalter allgemein niedriger ist als in Schweden; es ist beim ganzen Volke nicht unbedeutend niedriger, und folglich auch bei der auserwählten Masse. Oben wurde darauf hingewiesen, daß das Heiratsalter für Männer der oberen Klassen überall ein hohes und ziemlich überall dasselbe sei. Die vorstehenden Ziffern zeigen indessen, daß hierin nicht so geringe Variationen vorkommen können, indem die Zahlen für die höheren Klassen stets, wenn auch in einer gewissen Entfernung, den für das ganze Volk geltenden folgen. Wo diese, wie in Finland, niedrig sind, sind auch die ersteren niedriger als bei Völkern mit höheren allgemeinen Ziffern. Stark tritt ferner in diesen Zahlen der Unterschied im Heiratsalter zwischen Männern und Frauen, sowie das niedrige Alter für die letzteren hervor. Der Unterschied zwischen Männern und Frauen beträgt in der ersten Ehe unter dem Adel in den bestehenden Ehen sechs, in den aufgelösten bis zu neun Jahren, während der entsprechende Unterschied im Volke nur zwei Jahre ausmacht. Dennoch ist dieser Altersunterschied in den bestehenden Ehen nicht größer als der im schwedischen Adel; infolge des niedrigen Alters des Mannes ist aber das Heiratsalter der Frau für Töchter eines nordischen Volkes und für die Jetztzeit ungewöhnlich niedrig. Zu noch besserer Beleuchtung dieser Verhältnisse wollen wir eine ebensolche Tabelle über Heiraten nach dem Alter aufstellen, wie wir es oben für den schwedischen Adel getan haben. (Siehe Zusammenstellung p. 230.) Wie klein die Zahlen auch sind und wie sehr sie deshalb dem Zufalle unterworfen sind, so dürften die Aufschlüsse, die die auf sie gestützten relativen ergeben, doch als ganz typisch betrachtet werden können. Die Frauen verheiraten sich in Finland im allgemeinen , besonders aber im Adel, früh. Nicht weniger als 14—15 % treten vor erreichtem zwanzigsten und nicht viel weniger als zwei Drittel aller (62 °/ 0 ) vor dem fünfundzwanzigsten Jahre vor den Altar. Dies spiegelt die Auffassung einer vergangenen Zeit wieder. Zur Zeit unserer Großeltern wurde ein junges Mädchen schon mit sechzehn bis achtzehn Jahren als reif zur Ehe betrachtet. Die höheren (inländischen Gesellschaftsklassen beharren in diesem Falle noch bei einer ähnlichen Auffassung. So lebt tesa&gEeaaaiiKBaBSBj Ehen in verschiedenen Altersklassen (erste Ehe). Finländischer Adel 1 ) Finländisches Volk (1881 — 189Ö) Altersgruppen unter 20 Jahre 20—25 » 25—30 „ 30—35 „ 35—40 „ 40—45 ,, 45—50 „ Männer F rauen Männer Frauen 1 1 128 1 0 ,11 14,81 2,5 15,2 1 "5 \ 12,92 1 318 412 . 4 2 7 26 9 & 4> 8 6 3,2 1 35-73 26,16 1 242 67 1 27,19 7-75 2 1 ,4 15.2 | 120 17 \ '3,48 1.97 f 54 13 1 6,07 1,50 / " 1 n,3 6,4 l 2,36 0,12 f 19 l 2,14 — — 890 864 100 100 100 IOO das Alte, trotz der neumodischen Strömungen an der Oberfläche, die sich in der sogen. Frauenemanzipation in Finland stark kundgegeben haben, in der Tiefe des Volkslebens fort. Eigentümlich ist es schließlich, auch hier die durchgehende Verschiedenheit Zwischen den bestehenden und den aufgelösten Ehen inbezug auf den Mann zu beobachten. Das Heiratsalter für ihn ist in den ersteren nicht unbedeutend niedriger als in den letzteren. Das ist dasselbe, was wir bei dem schwedischen Adel beobachteten, und entspringt wahrscheinlich denselben Ursachen. Für die Frau macht sich dagegen keine solche Veränderung bemerkbar; für sie ist das Heiratsalter — ganz wie im Adel Schwedens — sowohl in den früher wie in den später geschlossenen Ehen so gut wie das gleiche. Über die wahrscheinliche Ursache des Sinkens des Heiratsalters für die Männer ist vorher gesprochen. Daß es bei den Frauen gleich geblieben ist, dürfte darauf beruhen, daß der allgemeine Bestimmungsgrund für das Heiratsalter der Frau, die Vorstellung physischer und sozialer Reife, in dieser Zeit keine Veränderungen erfahren hat. Die Anzahl vorkommender Wiederheiraten im finländisclien Adel ist zu klein, um Betrachtungen allgemeiner Art zu gestatten. Es genüge, anzugeben, daß von sämtlichen Ehen ungefähr g °/ 0 für Männer, und nur 3 °/ 0 für Frauen Wiederheiraten waren. 1) Bestehende und aufgelöste Ehen zusammengenommen. , i VwtffQallTMBnWTmWfmiWffWniMH lt hlTTTTnT Siebzehntes Kapitel. Alter der Ehen, sowie in und außerhalb des Adels Verheiratete. Das Alter der bestehenden Ehen 1 ). Das Alter der Ehen in einer gegebenen Volksmasse und zu einem gewissen Zeitpunkte ist noch nicht allgemein ein Gegenstand der Aufmerksamkeit der offiziellen Statistik gewesen. Gleichwohl bietet die Kenntnis desselben nicht wenig Interesse, teils an sich, teils weil man so erfährt, wie sich die Ehen verschiedener Alter zu einander verhalten. Besonders das letztere gewährt einen bedeutungsvollen Einblick in die Morphologie der Ehen. Man kann nämlich auf diese Weise eine der allgemeinen analoge Alterspyramide der Ehen errichten, und so die successive Verminderung der eingehenden Heiratsmassen mit den Altern bis zu ihrer schließlichen Vernichtung beobachten. Kennt man gleichfalls das Alter der aufgelösten Ehen bei der Auflösung, so kann man eine Mortalitätstabelle über die Ehen, analog der über die Individuen, aufstellen. Ja, schon die Alterspyramide könnte als solche dienen, falls die Bevölkerung und ebenso die Heiratsfrequenz und die Sterblichkeit konstant wären. Aber diese Voraussetzungen sind ebenso wenig beim Adel Schwedens wie bei anderen bekannten Volksmassen, besonders der Gegenwart zutreffend. Wir müssen uns also mit wenigerem begnügen, aber auch dieses wenigere ist, wie wir sehen werden, unserer Aufmerksamkeit wert. i) Die diesbezügliche Statistik für die „aufgelösten" Ehen wird ausgelassen, hauptsächlich weil ein Augenblicksbild, so wie es eine Volkszählung gewährt, keine richtige Darstellung von der Dauer der Ehen, die hier in Betracht kommt, zu geben vermag. — 23 2 Sowohl in dieser Statistik wie in der folgenden über die Fruchtbarkeit und die Größe der Familien hat eine Aussonderung der in eine niedrigere soziale Klasse herabgesunkenen adligen Personen stattgefunden. Es ist nämlich klar, daß alle jetzt zu behandelnden Erscheinungen in hohem Grade durch die soziale Stellung beeinflußt werden, weshalb eine möglichst große Gleichförmigkeit hierin erstrebenswert ist. Der Adel bildet im übrigen eine typische Gruppe der höheren Klasse; aber diesen seinen Charakter würde er etwas verlieren, falls die genannten Elemente nicht ausgeschieden würden. Wenn wir aber jenen Teil des Adels in dieser Weise absondern, so verwerfen wir ihn deswegen nicht. Wie klein die Massen auch sind, so enthalten sie doch zuweilen einen Fingerzeig, der nicht unbeachtet bleiben darf. Deshalb werden wir überall da, wo wir es für zweckmäßig halten, die entsprechenden Zahlen für die zur großen Masse des Volkes Zurückgegangenen unter dem Texte angeben. Für diejenigen Adligen wiederum, die ihren Platz in den höheren Klassen bewahrt haben, verteilen sich die Ehen nach dem Alter so, wie aus untenstehenden Zahlen ersichtlich ist. Das Alter der bestehenden Ehen (i. Jan. 1895) 1 ). Anzahl Ehen in jeder Altersklasse. Jahre Absolute Zahlen °/ 10 5 313 17 ,00 S—10 269 14,60 10—15 292 15,85 15 —20 222 12 ,05 20—25 199 10,80 2S—30 146 7,93 30—35 146 7,93 35—4o 122 6,62 40—45 79 4,29 45—50 38 2,06 50—55 13 0 ,71 55-60 3 0,16 "3- 00 100,00 Auch ohne zur bildlichen Darstellung zu greifen, können wir uns das Aussehen dieser Altersfigur vorstellen. Sie gleicht viel mehr der Pyramide als der oben (S. 195) mitgeteilten Figur über das Alter der Individuen, da die niedrigste Altersklasse die größte ist und die folgenden, wenn auch mit einer Schwankung für die 10—15jährigen Ehen, ununterbrochen abnehmen. Die i) Die bestehenden Eben unter den zu einer niedrigeren Klasse zurückgegangenen waren 148. kleinen absoluten Zahlen gestatten uns jedoch nicht, auf die Einzelheiten dieser Alterstafel ein größeres Gewicht zu legen. Es genüge, hervorzuheben, daß die Zahl der stehenden Ehen nach diesen Ziffern beurteilt, keine solche ungewöhnliche Verminderung in der jüngsten Zeit aufweist, wie sie die Alterspyramide betreffs der heranwachsenden Generationen darbot. Die letztere ist also nicht auf eine in dieser Zeit verminderte Heiratsfrequenz zurückzuführen - ein bedeutungsvolles Resultat, das wir uns in Erinnerung behalten mögen. Diese Statistik könnte gewinnbringender sein, falls man imstande wäre, sie mit einer solchen für das ganze Volk zu vergleichen. Dies ist indessen unmöglich. Die einzigen füglich anzustellenden Vergleiche sind die mit dem Adel Finlands, worüber unten mehr, und mit den Ehen in Kopenhagen. Auf das von Rubin und Westergaard vorgebrachte Material gestützt, finden wir somit, daß die Verteilung der Ehen nach dem Alter dort folgende war: Relative Anzahl Ehen im Alter von: Klasse 0 — 5 Jahre 25— co Jahre "/ 0/ / 0 / 0 I 17,60 24,27 II 22,23 i 8,40 III 3Ü58 14,69 IV 30,16 16,37 V 34Ü5 9,06 Wir haben hierbei nur die erste und letzte der behandelten Altersgruppen — was für unsere Zwecke genügt —, außerdem aber sämtliche in der dänischen Statistik aufgenommene Klassen angeführt. Der Vergleich zwischen diesen untereinander ist nämlich an sich so interessant, daß wir nicht unterlassen können, wenigstens flüchtig hierauf aufmerksam zu machen. Man macht nämlich hierbei die eigentümliche Beobachtung, daß Ehen gleichen Alters in den verschiedenen sozialen Schichten in einer relativ sehr verschiedenen Menge vorkommen. Die jungen Ehen nehmen, die kleine Abweichung für Gruppe IV abgerechnet, an Anzahl zu, wenn man die Stufen der Gesellschaft herabsteigt, während es sich mit den alten gerade umgekehrt verhält. Da doch das Heiratsalter in den oberen Lagern der Gesellschaft höher ist als in den unteren, hätte man das Gegenteil erwarten können. Daß dem nicht so ist, beweist indessen, daß die Dauer der Ehen in den verschiedenen sozialen Klassen sehr verschieden ist, was wiederum darauf beruhen muß, daß die Sterblichkeit unter den Erwachsenen bei ihnen verschieden ist, am größten in den untersten, am kleinsten in den höchsten. Stellt man demnach diese Zahlen mit den von uns für den schwedischen Adel gefundenen zusammen, so tritt die Übereinstimmung mit Klasse I sehr deutlich hervor. Nur hat der schwedische Adel noch verhältnismäßig mehr Ehen hohen Alters als die erwähnte dänische Gruppe: 29,70 °/ 0 im Alter 25— 00 Jahre gegen 24,27 °/ 0 . Dies ist mutmaßlich eine Folge der g-eringeren Sterblichkeit im schwedischen Volke, kann aber auch ein nur auf der Kleinheit der Zahlen basierendes Spiel des Zufalls sein. Jedenfalls drückt diese Altersverteilung der Ehen einen für die höchsten Klassen kennzeichnenden Typus aus: die neug'esclilossenen Ehen sind verhältnismäßig wenig, die alten dagegen sehr zahlreich. * In und außerhalb des Adels Verheiratete. Geschwisterehen, oder Ehen zwischen Blutsverwandten, sind schon lange ein Gegenstand des Interesses der Demographen und anderer. Den Mittelpunkt für dieses Interesse bietet die Frage ihrer Schädlichkeit oder Unschädlichkeit. Ich habe meinerseits schon oben (S. 164) meine Auffassung in dieser Sache geäußert, laut welcher die Wirkung der Geschwisterehen auf die Nachkommenschaft keine an und für sich schädliche ist. Daß eine Statistik über die Geschwisterehen in dem schwedischen Adel trotzdem, und sei es nur dazu, um zu konstatieren, daß keine besonderen Wirkungen derselben wahrzunehmen sind, von großem Werte ist, bedarf keiner Erwähnung. Leider ist es gleichwohl nur möglich gewesen, eine solche betreffs des Heiratens im eigenen Geschlechte, d. h. betreffs der Geschwisterehen väterlicherseits auszuführen. Die Quelle gibt keine unmittelbaren Aufschlüsse über Geschwisterehen mütterlicherseits; und zur Ausführung einer solchen Untersuchung bedürfte es umfassender genealogischer Kenntnisse, die dem Verfasser nicht zu Gebote standen. Die Anzahl aufgezeichneter Heiraten im eigenen Geschlechte ist indessen erstaunlich gering, zusammen nur — 68. Dies für manchen sicher unerwartete Resultat erweist sich indessen bei näherer Überlegung als ganz natürlich. Es ist nämlich eine Folge der geringen Größe der adligen Geschlechter. Sie sind meistens so klein, daß eine Verwandtschaftsehe innerhalb des eigenen Geschlechtes ganz einfach unmöglich ist, weil entweder 2 35 keine im Alter passenden Kontrahenten vorhanden sind, oder weil das Geschlecht nur aus einer Familie und einigen alten Resten anderer besteht. Aus dieser niedrigen Zahl Heiraten im eigenen Geschlecht darf man jedoch keine Schlüsse betreffs des Umfangs der Geschwisterehen mütterlicherseits, und also ebensowenig betreffs deren Vorkommens im Adel im allgemeinen ziehen. Obsclion, wie gesagt, eine besondere Untersuchung darüber fehlt, so können wir doch aus der Statistik über die Ehen, die unten folgt, den Schluß ziehen, daß solche Fälle häufig vorkommen müssen. Der Adel ist in sehr großem Umfang untereinander verwandt, und besonders früher, wo Ehen mit bürgerlichen Frauen selten waren, war er es beinahe durchgehends. Jedes ältere Adelsgeschlecht ist mit vielfachen Blutbanden an jedes andere geknüpft gewesen und ist es auch heute noch. Dasselbe kann man indessen, wie ich früher entwickelt habe, wenn auch in einem viel geringeren Grade, von der ganzen gebildeten Klasse und in letzter Reihe vom ganzen Volke sagen. Lassen wir den physiologischen Gesichtspunkt beiseite und berücksichtigen nur den sozialen, d. h. das Heiraten in und außerhalb des Adels, so reicht das Material, sowie auch die Statistik über dasselbe vollständig aus. In den Generaltabellen über den Adel (Anh. Tab. I—III) sind die Heiraten im Adel sowie die zwischen Adligen und Bürgerlichen ziemlich vollständig- angegeben. Diese Statistik ist von großem kulturhistorischem und sozialem Interesse. Sie zeigt, inwieweit der Adel sich als eine Klasse für sich zu erhalten sucht, und in welchem Unifange er schon mit anderen verschmolzen ist. Ehemals wurde, wie bekannt, ein Heiraten außerhalb des Kreises des Adels für entehrend gehalten. Gesetzlich verboten war es zwar in Schweden niemals, aber laut den adligen Privilegien (von 1569 und 1622) hatte es weitgehende besitzrechtliche Konsequenzen, welche dasselbe natürlich in hohem Grade erschwerten. Mit der sogen. Freiheitszeit (17 19—1772), oder schon etwas früher, verloren indessen alle derartigen Bestimmungen ihre Kraft. Die beständigen Erhebungen in den Adelstand, vor allem aber das Wachsen des Reichtums und Ansehens einer bürgerlichen Herrschaftsklasse führten das mit sich. Die alten Sitten hielten jedoch lange gegen die nivellierenden Tendenzen der Zeit stand, so daß erst 1809 eine wirkliche Verschmelzung des Adels mit den übrigen höheren Klassen von statten ging. Jetzt existieren diese Vorstellungen von höherer und niederer Geburt nicht mehr im Kreise der genannten Klassen, außer vielleicht-bei gewissen adligen Geschlechtern, oder richtiger Familien höheren Standes, denen es gelungen ist, sich Reichtum und soziales Ansehen zu bewahren. Daß das Heiraten im Adel gleichwohl noch so allgemein ist, das beruht in erster Reihe auf edlen Familienverbindungen, sowie auf Tradition und Umgang, und dann darauf, daß die gebildete Klasse nicht sehr groß und zahlreich ist. Sehen wir uns nun an, was die Tabellen hierüber erzählen, so erfahren wir folgendes. Von den Männern waren verheiratet mit: Bestehende Aufgelöste I ) % Ehen % adligen Frauen 3 *»48 35>°° bürgerlichen ,, 68,52 65,00 100,00 100,00 Von adligen Frauen waren verheiratet mit: Bestehende Aufgelöste °/ 0 Ehen »/„ adligen Männern 35,46 4I> 2 8 bürgerlichen „ 64,54 58,72 100,00 100,00 Auch hier tritt der früher beobachtete Unterschied zwischen aufgelösten und bestehenden Ehen deutlich zu Tage; und hier, wie dort, zeigt er eine fortschreitende Entwickelung des fraglichen Momentes. Die rein adligen Ehen sind, wie diese Ziffern ausweisen, in rascher Abnahme im Adel begriffen. Vor allem ist dies bei den Frauen der Fall. Noch ist jedoch das Verhältnis der mit Bürgerlichen verheirateten adligen Frauen geringer als das entsprechende für die Männer. Gleiche Verhältnisse herrschen indessen nicht überall im Adel. Nicht nur in gewissen Geschlechtern sind Heiraten der einen Art vorherrschend; auch zwischen dem hohen Adel einerseits und dem niederen Adel andererseits zeigen sich, wie die nachfolgenden Ziffern dartun, große Unterschiede. In gräflichen und freiherrlichen Geschlechtern waren von den Männern verheiratet: Bestehende Aufgelöste % Ehen % mit adligen Prauen 50,00 57,Ol ,, bürgerlichen „ 5°, 00 4 2 ,99 100,00 100,00 1) Hier wie im folgenden werden die Männer in den aufgelösten Ehen nur nach Maßgabe der Zahl der Witwen angegeben (Anhang, Tab. I — IV, Kol. 10 u. 11). Von den diesen Geschlechtern angehörenden Frauen waren 6i,oo"/ 0 mit Adligen, 39,00°/ 0 mit Bürgerlichen verheiratet, oder waren es gewesen. Zu einer näheren Spezifikation reichen die Angaben der Tabellen nicht hin. In den adligen Geschlechtern sind die entsprechenden Zahlen für die Männer folgende. Verheiratet sind oder waren: Bestehende Aufgelöste % Ehen % mit adligen Frauen 25,34 28,33 „ bürgerlichen ,, 74,66 71,67 roo,oo 100,00 Für die Frauen dieser Geschlechter gibt unsere Statistik 28,30°/ 0 als mit Adligen, 7i,7o 0 / 0 als mit Bürgerlichen verheiratet an — alles in bestehenden und aufgelösten Ehen zusammengenommen. Wie wir sehen, herrscht in den Geschlechtern der beiden höheren Stände und in denen des niederen Adels ein großer Unterschied inbezug auf die Standesehen. Während beim letzteren das Streben nach sozialer Abgeschlossenheit und Sonderstellung ein geringes oder gar nicht vorhanden ist, sucht man dieselben in den gräflichen und freiherrlichen Geschlechtern noch nach bestem Vermögen aufrecht zu erhalten. Daß die Entwicke- lung jedoch auch hier schnell in derselben Richtung führt, zeigt der Vergleich zwischen den Ziffern für bestehende und aufgelöste Ehen. Die Zahl der Ehen unter Adligen nimmt sonach überall ab, aber die verschiedenen Gruppen in demselben sind auf diesem Wege, und damit auch mit dem vollen sozialen Ausgleich in den höheren Klassen, verschieden weit gekommen. Mit diesem Ausgleich auf dem Gebiete des inneren Familienlebens verschwindet der letzte Rest der vom Adel errichteten mächtigen Standesbildung. Natürlich werden Reichtum, ererbte Bildung und die Verdienste der Väter einen Teil der Geschlechter und Familien auch ferner eine Stufe höher über die Masse der Gebildeten hervorragen lassen, aber dazu bedarf es keines Adelsbriefes oder Wappens mehr. Die erwähnten Eigenschaften und Gaben adeln aus eigener Kraft den, auf dessen Los sie fallen. * * * Finlands Adel. Das Alter der Ehe kann wie mehrere andere Daten betreffs des finländischen Adels nicht ebenso exakt bestimmt werden wie betreffs des schwedischen. Der Endpunkt für die Berechnung ist nämlich kein bestimmter Tag, sondern er fällt innerhalb einiger Monate, vielleicht eines Jahres, und zwar der Zeit, in welcher der Adelskalender gedruckt wird. Bei einer allgemeinen Übersicht vorliegender Art ist diese Unsicherheit jedoch wenig von Bedeutung. Das Alter der bestehenden Ehen Anzahl Ehen in jeder Altersklasse Jahre Absolute Zahlen 0/ / 0 o—5 118 20,38 5—10 10b 18,31 10 —15 85 14,68 15—20 81 ■3,99 20—25 57 9,84 25 — 30 47 8,12 30—35 34 5,87 35—40 3° 5.18 40—45 12 2,07 45—50 5 0 ,87 50—55 3 0,52 55—6o 1 o,i7 579 100,00 Der Vergleich mit den entsprechenden Zahlen für den Adel Schwedens ist interessant. Die jüngeren Altersgruppen sind stärker, die höheren schwächer vertreten. Der Adel Finlands nähert sich mehr dem Typus des Volkes mit mehr neuen und weniger alten Ehen. Die 25— Jahr alten betragen nur 22,8 °/o- Ua dieser Typus aber auch der älteren Zeit angehört, so machen wir wiederum die Erfahrung - , daß man in Finland sowohl auf diesem Gebiete, wie auf anderen, welche tief genug liegen, um vor den Stürmen des Tages bewahrt zu werden, mehr an den alten Verhältnissen festhält. Schließlich erfahren wir aus der Generaltabelle über den Adel Finlands (Anh. Tab. IV), daß die Heiraten in und ausserhalb des Adels sich für Männer und Frauen, wie nachfolgende Ziffern ausweisen, verteilen: Adlige verheiratet: Bestehende Aufgelöste °/ 0 Ehen °/ 0 mit Adligen Frauen 20,67 26,40 „ Bürgerlichen „ 79,33 73.6° 100,00 100,00 — 239 — Adlige Frauen verheiratet: Bestehende Aufgelöste °/ 0 Ehen °/ () mit Adligen 25,73 31,75 ,, Bürgerlichen 74,27 68,25 100,00 100,00 Zuerst sei hier auf den Unterschied zwischen aufgelösten und bestehenden Ehen aufmerksam gemacht. Heiraten im Adel sind früher häufiger vorgekommen als jetzt. Die Entwiclcelung geht also in der oben beobachteten Richtung, nach sozialem Ausgleich hin, und mit ungefähr derselben Schnelligkeit. Ferner bemerken wir auch hier, daß die Männer weiter auf diesem Wege gekommen sind als die Frauen. Vergleichen wir endlich die finländischen Zahlen mit den schwedischen, so erfahren wir, daß die ersteren nicht wenig von den letzteren abweichen. Adlige Fleiraten sind in Finland nicht unbedeutend geringer an Zahl als in Schweden. Dies ist ein charakteristischer Zug, der Beachtung verdient, denn er beleuchtet in seiner Weise die Entwickelung Finlands nach 1809. Zum Teil kann freilich der erwähnte Unterschied auf der geringeren Anzahl des Adels in Finland als in Schweden (0,16 °/ 0 der Bevölkerung- gegen 0,27 °/ 0 ), und ebenso auf der größeren Menge neuer Geschlechter beruhen, welche die Verbindungen, die sie früher mit Bürgerlichen gehabt haben, natürlich bewahren. Aber außer diesen Umständen haben noch andere, und in noch höherem Grade als jene, hierzu beigetragen, nämlich die, daß der Adel in Finland niemals große Reichtümer besessen hat und die Anzahl Fideikommisse von einiger Bedeutung gering ist (insgesamt 16), vor allem aber, daß sich dort besonders in den Schichten der gebildeten Klasse unter sich eine starke Xivellierungstendenz zu erkennen gegeben hat. Diese Tendenz ist für die innere Entwickelung Finlands in neuester Zeit ebenso charakteristisch wie leicht erklärlich. Die verhältnismäßig engen Grenzen, mit denen das politische Leben in Finland umgürtet war, haben die Entwickelung auf dem sozialen Gebiet mit Naturnotwendig-keit beschleunigt. Je weniger Spielraum die politische Freiheit in einem Lande mit moderner Kultur hat, um so radikaler werden gewöhnlich die Ansichten und um so demokratischer die Sitten. Hierzu kommt, in diesem Falle ebenso erklärlich, der Wunsch, sich von dem Volke zu unterscheiden, mit welchem die historischen Ereignisse das finländische zusammengekoppelt haben, das aber — 240 — an politischer Entwickelung dem westlichen Europa, zu dessen Kulturkreis Finland dank seiner früheren Verbindung mit Schweden unwiderruflich angehört, weit nachsteht. Wie erklärlich und natürlich aber dieser soziale Nivellierungsprozess auch ist, so kann man doch schwerlich behaupten, daß derselbe Finland zum Nutzen gereicht hat. In diesem Lande wäre im Gegenteil gerade ein Adel, der eine wirkliche Aristokratie gebildet hätte, jetzt so gut wie in älterer Zeit an seinem Platze gewesen. Denn nur ein solcher hätte die so nötigen Verbindungen mit dem Hofe und den Machthabenden im Kaiserreiche bewahren und dadurch die jetzt gegen das Land und das Volk gerichteten Schläge abwehren oder mildern können. Die alten Adelsgeschlechter Fin- lands hätten hier eine Aufgabe zu erfüllen gehabt, die mit der zu vergleichen ist, die ursprünglich diesen Stand geschaffen hat, die Aufgabe, den Staat zu schützen. Man hat hieran nicht gedacht, sondern ist ohne Vorbedacht dem Streben der Zeit nach Gleichheit gefolgt. Allein in diesem Falle, wie auch sonst zuweilen, entsprechen die modernen Gesellschaftsideale wenig der Wirklichkeit und ihren Forderungen. Achtzehntes Kapitel. Die Fruchtbarkeit der Ehe. Begriff und Darstellung der Fruchtbarkeit. Schon früher hat in dieser Arbeit die Fruchtbarkeit in der Ehe — und nur von dieser kann hier die Rede sein x ) — zur Behandlung vorgelegen. Es handelte sich dort um die Fruchtbarkeit in den erloschenen Geschlechtern, sowie in den eingegangenen Gliedern der noch lebenden Geschlechter. Flierbei wurde die eheliche Fruchtbarkeit als die Geburtenziffer in den Ehen, oder besser ausgedrückt, als die Nativität der Ehen definiert; auch wurden einige Methoden zu ihrer Beobachtung und Darstellung erwähnt. Eine weitere Erklärung an dieser Stelle ist deshalb überflüssig; nur daran will ich erinnern, daß der Weg der direkten Beobachtung, der der offiziellen Statistik in diesem Falle meistens noch nicht offen steht, von Privatforschern immer öfter betreten zu werden beginnt 2 ). Der Grund hierzu ist nicht allein der Wunsch, der statistischen Forschung neue Gebiete zu erobern, und das große Interesse 1) Im Grunde genommen ist die sog. uneheliche Fruchtbarkeit ein ganz anderer Begriff und eine ganz andere Erscheinung, die weder physiologisch noch sozial die normale Entwickelung der Fortpflanzung ausdrückt. Die uneheliche Fruchtbarkeit ist die Fortpflanzung par hazard, welche nur durch ihr Resultat, die geborenen Kinder, der Bevölkerungslehre angehört, sonst aber in das Gebiet der Moralstatistik fällt. 2) Außer den in dieser Arbeit vorher berührten noch immer den ersten Platz einnehmenden Untersuchungen auf diesem Gebiete von Rubin und Westergaard in Kopenhagen, sind zu erwähnen: die von Böckh für Berlin, Körösy für Budapest, Bertillon für Paris, London, Berlin und Wien, sowie in neuester Zeit von Verrijn- Stuart über einige Städte und ländliche Bezirke in Holland. Außerdem sind in Norwegen, Frankreich (seit 1866 bei jeder Volkszählung), sowie in gewissen Teilen Deutschlands derartige Untersuchungen in größerem Umfange, aber weniger detailliert vorgenommen worden. Fahlbec.k, Der schwedische Adel. 16 in sozialer und politischer Beziehung, das diese Erscheinung erweckt, sondern ganz besonders die Veränderungen in der Fruchtbarkeit, die man in letzterer Zeit wahrgenommen hat. Die größte Aufmerksamkeit hat hierin Frankreich auf sich gelenkt, aber das französische Volk steht in dieser Hinsicht nicht länger allein da. Sowohl die höheren Klassen im allgemeinen wie gewisse andere Volkselemente beginnen beinahe überall in Westeuropa und den Vereinigten Staaten dieselben Pfade zu wandeln. Die Veränderungen der Fruchtbarkeit mit der Kultur sind ein ebenso merkwürdiges Faktum wie die der Sterblichkeit; allein während die letzteren ein Resultat der Entwickelung der Wissenschaft und der Kollektivwirksamkeit der Gesellschaft sind, sind die ersteren ein Produkt der freien Handlungen des Einzelnen. Das Studium der Fruchtbarkeit in der Gegenwart läßt uns einen Blick in die verborgensten Winkel des menschlichen Lebens werfen. Hierbei gilt es indessen, zwischen den verschiedenen Ursachen, die dieselben beeinflussen und die Veränderungen darin veranlassen, gerecht zu unterscheiden und nicht der einen eine Schuld aufzubürden, die möglicherweise eine andere trifft. Die Momente, die naturgemäß in erster Reihe das Maß der Fruchtbarkeit bestimmen, sind teils die Dauer oder das Alter der Ehe, teils das Alter der Eheschließenden, und besonders das der Frau, bei der Eheschließung. Zu diesen physiologischen Momenten können sich dann andere gesellen, die, wie oben angedeutet, rein individuellen oder aus den in der Gesellschaft oder der Klasse herrschenden Vorstellungen und Sitten sich ergebenden Wünschen und Entschlüssen entspringen können. Wir wollen daher die Fruchtbarkeit, nachdem wir sie erst im großen Ganzen konstatiert haben, mit Rücksicht auf jedes einzelne der eben genannten Momente studieren, um möglicherweise betreffs des Adels Schwedens und Finlands einen vollen Einblick in diese bedeutungsvolle Erscheinung zu gewinnen. * Fruchtbarkeit der Ehen. Allgemeine Übersicht. Laut den hierüber aufgestellten, in dieser Ausgabe aber ausgelassenen Tabellen verteilen sich die Ehen nach der Totalanzahl der in denselben geborenen Kinder (totgeborene nicht einberechnet)') auf folgende Weise: i) Die Quelle nimmt in der Regel niemals totgeborene auf. Ehen verteilt nach der Anzahl lebend geborener Kinder. Anzahl Kinder Relative Zahlen Ehe Bestehende Ehen Aufgelöste Ehen 0/ °/ / 0 10 20,80 0 18,15 I 14,38 12,19 2 16,08 14,67 3 12,69 '2,56 4 12,69 11,10 5 9,03 9,34 6 5-52 6,86 7 4,'4 3,43 8 3U3 3,43 9 1,86 1,97 10 1,22 1,17 11 0,48 1,46 12 o,37 0,65 13 0,21 0,15 14 — 0,15 15 0,05 0,07 100,00 100,00 Kinderlos ist von den bestehenden Ehen nicht ganz ein Fünftel, von den aufgelösten gerade genau diese Zahl. Die übrigen, die alle Kinder haben oder in einigen Fällen gehabt haben, weisen eine ganz verschiedene Fruchtbarkeit auf. Die meisten verbleiben bei einer sehr geringen, einigen zeigen dagegen sogar eine sehr große. Zur Erleichterung der Übersicht dürfte es sich empfehlen, nur die Ehen mit Kindern in Betracht zu ziehen und sie nach der Kinderzahl in Gruppen einzuteilen, wobei i—3 Kinder als geringe, 4—6 als mittelgroße, 7—9 als große und darüber als sehr große Fruchtbarkeit bezeichnet werden kann. Gleichzeitig geben wir auch die absoluten Zahlen. Ehen mit Kindern in größeren Gruppen. Anzahl Kinder Bestehende Ehen Aufgelöste Ehen per Ehe Anzahl 0, '0 Anzahl 7o 1—3 813 52,72 540 49,77 4—6 513 33,27 374 34,47 7—9 172 11,16 121 ■ 1,15 10 — 44 2,85 50 4,61 1542 100,00 U-> CO O 100,00 Die Ehen mit einer geringen Kinderzahl sind in starker Majorität, während die Zahl derer, die eine wirklich große Fruchtbarkeit aufzuweisen haben, sehr gering ist. Dies war jedoch bei dieser allgemeinen Übersicht, wo junge und alte Ehen unterschiedslos zusammengeführt sind, nur zu erwarten. Mit Recht kann man jedoch schon jetzt hervorheben, daß Fälle großer und 16* — 244 — sehr großer Fruchtbarkeit bei dem schwedischen Adel noch keineswegs verschwunden sind. Sie kommen unter den aufgelösten Ehen etwas zahlreicher vor als bei den bestehenden, während umgekehrt die Zahl der kinderarmen bei den letzteren größer als bei den ersteren ist. Hieraus ohne weiteres auf eine Abnahme der Fruchtbarkeit in der letzten Zeit zu schließen, wäre jedoch übereilt. Denn die beiden Gruppen sind nicht gleichförmig aus kurzen und langen Ehen zusammengesetzt. Ohne eine Einteilung der Ehen nach dem Alter wirkt deshalb ein Vergleich zwischen zwei Gruppen solcher, und besonders zwischen bestehenden und aufgelösten, nur allzuleicht beirrend. Eine andere Methode zur Messung der Fruchtbarkeit ist die Durchschnittsberechnung der Anzahl Kinder auf die Ehen. Diese betrug: Bestehende Aufgelöste Ehen In allen Ehen 3,10 Kinder 3 ,21 Kinder In den mit Kindern allein . . 3,78 ,, 4,°6 u In diesen Zahlen tritt das Maß der Fruchtbarkeit viel anschaulicher zu tage als durch die oben mitgeteilte Übersicht über die Verteilung der Ehen nach einer kleinen und großen Kinderzahl, aber sicher nicht besser und genauer. Denn diese Zahlen drücken keine Typen aus; sie sind nur Rechenproben, deren Vorteil hauptsächlich darin besteht, daß sie der hier in Frage stehenden Sache einen kurzen und einheitlichen Ausdruck verleihen. Diesen Zahlen nach zu urteilen, wäre die Fruchtbarkeit eher klein als groß. Gleichwohl müssen wir uns, wie verlockend dies auch sein könnte, aus eben angeführten Gründen, sowohl vor Vergleichen zwischen den hier dargestellten Gruppen von Ehen, wie mit anderen gleichzeitigen Ehen, über die in der statistischen Literatur Angaben vorkommen, hüten. Denn in diesem Falle wären solche Vergleiche mehr noch als sonst irreführend. Durchschnittszahlen der genannten Art eignen sich im allgemeinen nur dann als Vergleichsobjekte, wenn man vorher die einfachen Zahlen kennt, aus denen sie hervorgegangen sind. Also erst, nachdem eine Analyse der Ehen nach dem Alter stattgefunden hat, läßt sich ein richtiger Vergleich mit der Fruchtbarkeit in anderen Volksgruppen, deren Ehen in gleicher Weise eingeteilt sind, anstellen. Wir müssen also unser Urteil darüber, ob die hier gefundene Fruchtbarkeit groß oder klein ist, sowie alle Vergleiche — ausgenommen betreffend den Adel selbst und seine Fruchtbarkeit früher und jetzt, sowie nach verschiedener sozialer Lage — bis auf späterhin aufschieben. Denn zwischen den aufgelösten Ehen und den Ehen in den ausgestorbenen adligen Geschlechtern sowie den erloschenen Gliedern lebender Geschlechter, die in dieser Arbeit behandelt sind, ist ein Vergleich nach dem Durchschnitt sowohl möglich wie erlaubt. Zwar kann man auch hier die Bemerkung machen, daß man nicht weiß, ob die Proportion junger und alter Ehen in den jetzigen Ehen und denen in älterer Zeit eine gleiche gewesen sei; aber in beiden Fällen kommen aufgelöste Ehen in derselben sozialen Schicht und sogar innerhalb derselben Geschlechter vor; und ferner kann man mit großer Sicherheit sagen, in welcher Beziehung sich die beiden Gruppen hierin voneinander unterscheiden. Die Ehen sind ganz sicher in älteren Zeiten kürzer gewesen als in der Zeit, welcher die hier behandelten aufgelösten Ehen angehören, der Periode ungefähr von 1850—1894. Die Anzahl junger Ehen muß somit — vorausgesetzt, daß die Fruchtbarkeit selbst keine Veränderungen erlitten hat — in den ausgestorbenen Geschlechtern und Gliedern verhältnismäßig größer, die Kinderzahl folglich kleiner gewesen sein, als sie es laut den oben angeführten Zahlen ist. Das Mittel lebend geborener Kinder per Ehe in den 825 näher untersuchten ausgestorbenen adligen Geschlechtern betrug für alle Ehen 3,38, und wenn nur die mit Kindern gerechnet werden, 4,34, also ungefähr dieselben Zahlen wie die oben mitgeteilten 3,21 resp. 4,06 Kinder auf die Ehe. Hierbei ist indessen zu bedenken, daß diese Geschlechter eine sehr verschiedene Fruchtbarkeit nach den Gliedern aufweisen, und daß diese im Endglied auf ein Minimum sank. Die genannten Zahlen sind somit das arithmetische Mittel einer Entwickelung mit weit voneinander getrennten Anfangs- und Endpunkten. Sowohl aus diesem Grunde, wie deswegen, weil die genannten Geschlechter zu einem nicht geringen Teil gerade deshalb untergegangen sind, ist der Vergleich mit ihnen vielleicht weniger angemessen. Dagegen bietet eine Zusammenstellung mit den oben angeführten erloschenen Gliedern noch lebender Geschlechter besonders inbezug auf das Endglied, das die hier behandelten aufgelösten Ehen zeitlich berührt, vollkommen gleichwertige Masse dar. Die niedrigste Kinderzahl war da 4,4, die höchste 5,3. Dies ist bedeutend mehr als die oben angegebenen 4,06, und auch mehr — 246 — als die Zahl, die man erhält, wenn man zu den eben behandelten Ehen und Kindern diejenigen hinzurechnet, die den unten zu erwähnenden, in eine niedere Klasse herabgesunkenen, angehören. Man kommt nämlich auch in diesem Falle nicht höher als auf 4,12 Kinder per Ehe. Dieser Vergleich ist bedeutungsvoll. Er weist unzweideutig nach, daß die Fruchtbarkeit in der Periode von 1850—1894 niedriger war als in der ihr vorhergehenden. Man kann nur noch im Zweifel sein, ob die verschiedene Lage in der Zeit, oder die verschiedene Lage in der Geschlechtskette diesen Rückgang der Fruchtbarkeit herbeigeführt habe. Denn die S. 105 mitgeteilte Tabelle zeigt, daß für das Maß der Fruchtbarkeit das letztere Moment von größerer Bedeutung gewesen ist als das erstere. Möge die Ursache jedoch diese oder jene, das subjektive oder das objektive Zeitmoment sein, Tatsache ist, daß die Fruchtbarkeit in dieser Gruppe Ehen im Rückgang begriffen war. Ob sich dies ebenso bei den noch bestehenden Ehen im Vergleich zu den aufgelösten und nur noch in Fragmenten lebenden verhält, haben wir noch zu sehen. Ein anderer Vergleich im Adel, den das Material gestattet, ist ferner der zwischen den oben behandelten Ehen nebst Kindern und denen, welche dem auf eine niedrigere soziale Stellung herabgesunkenen Teil des Adels angehören. Ereilich ist die Zusammensetzung dieser kleinen Gruppe aus kurzen und langen Ehen nicht ganz dieselbe wie die des übrigen Adels; aber die Verschiedenheit ist nicht groß. Die beiderseits gefundenen Durchschnittszahlen können also ohne Gefahr eines nennenswerten Irrtums nebeneinander gestellt werden. Die Anzahl Kinder auf die Ehe betrug in dieser kleinen Gruppe 1 ): Bestehende Aufgelöste Ehen Alle Ehen 3,17 Kinder 4,09 Kinder Ehen mit Kindern . . 4,05 ,, 5,29 ,, Die Zahlen sind durchgehends größer, als in den sozial höher stehenden Ehen und Familien. Dies ist bezeichnend. Die Rückkehr zu dem allgemeinen Ursprung, den breiten Lagern des 1) Die Gesamtzahl Kinder in bestehenden Ehen (148) betrug 470, in den aufgelösten (79) 323. Die kinderlosen Ehen waren bei den ersteren 32, bei den letzteren 18. Volkes, hat diesen Adelsfamilien wieder eine Fruchtbarkeit be- scheert, die mehr der unter der Masse des Volkes herrschenden entspricht, die der heutige Adel jedoch nicht mehr besitzt. Schließlich ist zu bemerken, daß sich auch hier der Unterschied zwischen den aufgelösten Ehen und den noch bestehenden zu erkennen gibt, und sogar stärker als in dem übrigen Adel. Dies ist um so auffälliger, als die bestehenden eine bedeutend größere Anzahl alter Ehen (25—m Jahre) unter sich besitzen als die aufgelösten. Die kleinen Zahlen verbieten es jedoch, darauf weitere Folgerungen zu bauen. Fruchtbarkeit nach dem Alter der Ehen. Von der allgemeinen Übersicht über die. Fruchtbarkeit in den adligen Familien gehen wir nun zu einer näheren Untersuchung derselben über, wobei wir das oben für das Studium dieser wichtigen Erscheinung angegebene Schema befolgen. Als die wichtigste der die (fröße der Fruchtbarkeit bestimmenden Ursachen steht, wie man leicht einsieht, das Alter der Ehen da, wenn diese Ursache ihrer Natur nach auch eine mehr negative als positive ist. Die Zeit, welche die Ehen gedauert haben, ist der Spielraum, in welchem sich die physiologischen und sozialen Möglichkeiten der Fortpflanzung entwickeln können. Die Art und Gestaltung dieser Entwickelung findet man am einfachsten durch eine Zusammenstellung der Anzahl Kinder in den Ehen verschiedener Alter, wie die nachfolgende. Durchschnittszahl Kinder in Ehen verschiedener Alter. Alter der Ehen Bestehende Ehen Aufgelöste Ehen in Jahren Alle Die mit Kindern o—2 0,301 0 1,02t ' 3 >0,80 >1,42 2—5 1,19/ 1,54/ 5 —10 2,19 2,60 10—15 2 ,79 3.4° 15 — 20 3,/o 4,23 20—25 3, 81 4-34 25—co 4,49 5,0t o—co 1 ) 3,10 3,78 Die Ziffern gewähren uns einen interessanten Einblick in die Entwickelung der Fruchtbarkeit. Man ersieht daraus, daß die Kinderzahl, wie natürlich, im Anfang der Ehen am meisten wächst, daß die Zunahme aber auch, obschon in abnehmendem Alle Die mit 0,61 Ji,o8 1,19 2,01. 2,27 2,99 3.20 3,99 3.40 4, 10 3,56 4'54 4.45 5,16 3.21 4,06 1) Inklusive Ehen mit unbekanntem Alter, 42 bestehenden und 79 aufgelösten. — 248 — Tempo, sogar bis zur letzten Gruppe, den 25jährigen und noch älteren Ehen, fortfährt. Dies scheint im Widerspruch zur allgemeinen Erfahrung zu stehen, daß das Gebären von Kindern gewöhnlich nach einer 15- und höchstens 20jährigen Ehe aufhört. Wahrscheinlich ist dies jedoch so zu erklären, daß die vor 20 Jahren und früher gestifteten Ehen reicher mit Kindern gesegnet waren, als die in der letzten Zeit geschlossenen, wodurch die Zahlen in unserer Tabelle mit dem Alter fortwährend steigen müssen. Im übrigen legen diese Zahlen von keiner großen Fruchtbarkeit Zeugnis ab; das höchste ist 5,16 Kinder. Die angeführten Zahlen sind indessen Durchschnittszahlen, die bedeutende Unterschiede in sich schließen und deshalb auch keinen vollen Einblick in die Gestaltung der Furchtbarkeit gewähren. Hierzu ist eine andere Darstellungsart erforderlich. Allein bevor wir daran gehen, müssen wir noch eine Beobachtung festhalten, zu der die angeführten Zahlen Anlaß geben. Der Vergleich zwischen den bestehenden und den aufgelösten Ehen — und ein solcher Vergleich ist jetzt möglich — lehrt, daß die Kinderzahl in den letzteren beinahe durchweg größer ist, als in den ersteren. Auch die erste Entwickelung der Fruchtbarkeit vollzieht sich in den in der Regel zeitlich weiter rückwärts liegenden aufgelösten Ehen schneller als in den noch bestehenden. Dies ist bedeutungsvoll, denn wir können daraus verstehen, daß die Fruchtbarkeit in fortgesetztem Sinken begriffen ist. Der Vergleich oben mit den Ehen in den ganz ausgestorbenen Gliedern der jetzt lebenden Geschlechter zeigte für diese eine größere Fruchtbarkeit als in den hier behandelten aufgelösten Ehen, und die letzteren weisen ihrerseits eine höhere Kinderzahl auf als die noch bestehenden. Dies ist ein fortgesetztes Decrescendo, das sich nicht mißdeuten läßt. Wir dürfen aber bei dieser ersten Analyse nicht stehen bleiben. Sie gibt uns nur Durchschnittszahlen, aber keine Typen. Um solche zu finden und überhaupt das Maß der Fruchtbarkeit recht zu bestimmen, müssen wir anders zu Wege gehen, müssen die Ehen selbst so, wie es die untenstehende Tabelle angibt, nach dem Alter und der Kinderzahl einteilen. Hierbei werden die kinderlosen Ehen ausgeschlossen, um dadurch dem Elemente der natürlichen Sterilität zu entgehen, das besonders in so kleinen Massen wie die, mit denen wir hier operieren, Störungen bereiten kann. Die Ehen verteilt nach der Anzahl Kinder und detn Alter. Bestehende Ehen. Alter in Jahren Kinder 9.-5 0, / o 5 — 10 % 10—15 0/ 10 15—20 0/ / 0 20—25 0/ / 0 25 —CO 0/ / 0 0— c0 ') % 1—3 4—6 7—9 10— 100,00 78,85 21,15 56,25 40,00 3,75 41,24 40 ,21 17,01 1 »54 42,86 37.71 16,00 3.43 30,00 43.06 20 ,41 6,53 52,72 33.27 11 ,16 2,85 100,00 100,00 100,00 aufgelöste 100,00 Ehen. 100,00 100,00 100,00 Anzahl Kinder Alter in Jahren 0-5 0/ /<> 5-10 0/ / o 10—15 °/ 10 15—20 °l /o 20—25 °/ / 0 25— 0) "1 /o 0 —CO l ) 0/ 1 0 1—3 4—6 7-9 10— 95>9° 4,10 66,01 33,33 0,66 44,44 4 2 ,74 n,97 0,85 44,26 41,81 ■ 1 ,48 2,45 42,74 38,46 12,82 5.98 31.55 41,22 18,07 9,16 49,77 34,47 11 ,15 4 ,61 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 | 100,00 100,00 Wie wir sehen, halten sich beinahe alle Ehen in der ersten fünfjährigen Periode innerhalb der Gruppe mit i—3 Kindern; hierauf breiten sie sich mit jeder folgenden aus und erreichen in den bestehenden Ehen im Alter von 15 — 20 Jahren, in den aufgelösten im Alter von 10—15 Jahren die höchste Kinderzahl (10 und mehr). Darnach wächst die Anzahl Ehen mit großer und sehr großer Pruchtbarkeit, während die Ehen mit der kleinsten Kinderzahl abnehmen. Wir dürfen indessen nicht vergessen, daß wir nicht die gleichen Ehen in ihrem historischen Verlaufe verfolgen, sondern daß es in jeder Altersgruppe andere sind. In einer Zeit abnehmender Fruchtbarkeit wie der heutigen, wird deshalb ein Vergleich zwischen Ehen ' verschiedener Alter inbezug auf die suc- cessive Entwickelung der Fruchtbarkeit mit der Zeit etwas irreführend. Was uns diese Ziffern jedenfalls verstehen lassen, das ist, daß das Moment des Alters einen großen, ja vorläufig den größten Einfluß von allen auf das Maß der Fruchtbarkeit ausübt. Über- 1) Inklusive die Ellen unbekannten Alters. dies lernen wir aber, daß dieser Einfluß nicht unbedingt und ausnahmslos wirkt. Denn wäre dies der Fall, so würde die erste Gruppe (mit i—3 Kindern) allmählich edler Ehen bar sein und die Ehen würden sich mit den Jahren insgesamt in den höheren und höchsten Fruchtbarkeitsgruppen anhäufen. Wenn dem nicht so ist, so zeigt dies, daß es andere Kräfte gibt, welche die Kinderzahl trotz des Alters in vielen Ehen auf einer niedrigen Ziffer halten. Dank diesen hat demnach ungefähr ein Drittel aller Ehen mit fünfzehnjährigem Alter und darüber nicht mehr als 1—3 Kinder zur Welt gebracht. Hier sind also in vorliegender Beziehung ganz verschiedene Typen unter den Ehen vorhanden. Während der eine Typus den Einfluß des Alters voll auf sich wirken lässt und damit die Grenze der Fruchtbarkeit erreicht, läßt es ein anderer bei einer mäßig großen Produktivität von 4 — 6 Kindern bewenden, während sich der dritte und letzte nach den ersten zehn Jahren vollständig von der Einwirkung des Alters befreit hat und bei einer sehr geringen Kinderzahl stehen bleibt. Hiermit haben wir einen neuen und viel tieferen Einblick in die Gestaltung der Fruchtbarkeit und die hierin waltenden Ursachen gewonnen. Neben dem Alter der Ehen muß es andere Momente geben, welche die Größe der Fruchtbarkeit in der eben gestreiften Gruppe Ehen (über 15 Jahre alt) bestimmen. Schließlich legen diese Tabellen sowie die obige Zusammenstellung der Kinderzahl Zeugnis von der sinkenden Tendenz der Fruchtbarkeit ab. Wir bemerken auch hier gewisse Unterschiede zwischen den bestehenden und den, in der Regel etwas älteren, aufgelösten Ehen. Die letzteren sind sofort in größerem Umfang von kinderlosen zu solchen mit Kindern übergegangen und durchlaufen dann schneller den Weg von kleinen zu mittelgroßen und großen Familien. Nach dieser verschiedenen Ent- wickelung der Fruchtbarkeit bis zum fünfzehnten Jahre hält sie sich in den folgenden in beiden Gruppen. ungefähr auf gleicher Stufe, doch so, daß unter den aufgelösten mehr Ehen mit der höchsten Kinderzahl vorkommen als unter den bestehenden. Das ist kein Zufall. In den Zwischengruppen des Alters sowie der Kinderzahl, wo sich keine ausgeprägten Tendenzen geltend machen, variieren die Ziffern infolge der Kleinheit der absoluten Zahlen ordnungslos, in den anderen dagegen, wo sich eine bestimmte — 251 — Tendenz zeigt, dringt diese durch und gibt den Zahlen in der einen Gruppe wie in den anderen ihr verschiedenes Aussehen. Fruchtbarkeit und Alter der Frau bei der Eheschließung. Daß das Alter der Ehegatten ein auf die Fruchtbarkeit ebenso bestimmender Faktor wie das Alter der Ehe selbst sein kann, ist allbekannt. Vor allem ist bei der Frau diese Altersgrenze knapp bemessen, indem sie in der Regel schon mit dem fünfundvierzigsten Jtihre die Fähigkeit, Kinder zu gebären, verliert und ihre erzeugende Kraft schon lange vorher sinkt. Aber auch auf das Portpflanzungsvermögen des Mannes übt, wie die bekannten Untersuchungen von Kiaer, Korosy u. a. m. beweisen, das Alter einen nicht geringen Einfluß aus, wenn auch die Grenze nach oben bei ihm weder so schnell erreicht wird noch ebenso sicher bestimmt ist. Bei dieser Untersuchung der Fruchtbarkeit im Adel ist nur das Alter der Frau in Betracht gezogen, weil dieses das ungleich wichtigste und weil das Material zu klein ist, um ein Moment von der geringen Wirkung, wie es das Alter des Mannes gewöhnlich ist, klar hervortreten zu lassen. Es genüge, daran zu erinnern, daß das Durchschnittsalter für die Männer bei sämtlichen Ehen in den bestehenden 32,99 Jahre, in den aufgelösten 34,93 war, und daß in der ersten Ehe im ersteren Falle 90 °/ 0 , im letzteren 83 % sämtlicher Männer das vierzigste Jahr nicht erreicht hatten (s. oben S. 223 fr.). Über das Alter der Frau ist dagegen eine besondere Untersuchung angestellt worden, deren Resultate in Kürze folgende sind. Die große und sehr große Fruchtbarkeit (7 Kinder und mehr) kommt nur da vor, wo die Frau sich in jungen Jahren verheiratet hat 1 ), wie andererseits Kinderlosigkeit und Überjährig- keit der Frau 2 ) Begleiterscheinungen sind. Aber das ist ja nur etwas, was man im voraus wissen konnte. Nur wo die Fruchtbarkeitsperiode infolge Heirat in frühem Alter lang gewesen ist, ist Spielraum für viele Geburten gewesen und umgekehrt, wo 1) In 387 hierhergehörigen Ehen hatte die Frau nur in 10 Fällen ein Alter von 30—35 Jahren, sonst war sie stets unter 30 Jahre und meistens sehr jung. 2) Von insgesamt 84 Ehen, bei deren Schließung die Frau das vierzigste Jahr erreicht oder überschritten hatte, waren nur sechs mit Kindern gesegnet. — 252 — dieser kurz oder gar keiner gewesen ist. Die Frage ist, ob das Alter der Frau in allen übrigen Fällen die für da.s Maß der Fruchtbarkeit bestimmende Ursache gewesen ist. Vor allem aber wichtig ist zu wissen, ob der Typus der Ehe mit geringer Fruchtbarkeit, den die Tabellen uns zeigen, hierin seine Erklärung hat oder nicht. Wir finden dies am einfachsten durch eine diesbezügliche eingehendere Untersuchung der Ehen mit /—j Kindern, wobei wir die Prüfung gleichwohl auf diejenigen beschränken müssen, die das dritte Lustrum erreicht haben, damit nicht dais geringe Alter der Ehe als Ursache der geringen Fruchtbarkeit angeführt werde. Wir erfahren da, daß das Alter der Frau in diesen Ehen, den bestehenden und aufgelösten zusammen, bei der Verheiratung folgendes war: Ehen mit i — 3 Kindern, die 15 Jahre und mehr gedauert haben. Alter der Frau bei der Verheiratung Anzahl Ehen °/ 0 unter 20 Jahre 54 10,21 20—25 » 207 39,13 25—30 „ 161 30,44 30—35 .. 79 14.92 35 —40 „ 26 4,92 40—45 „ 2 0,38 529 100,00 Ein Blick auf diese Ziffern zeigt deutlich, daß das Alter der Frau nur in einigen vereinzelten Fällen als Ursache der geringen Fruchtbarkeit betrachtet werden kann. In 80 °/ 0 aller dieser Ehen hatte die Frau noch nicht ihr 30. und, in der Hälfte nicht einmal das 25. Lebensjahr erreicht. Einen wie mächtigen Einfluß das Alter der Eheschließenden auch auf die Fruchtbarkeit ausüben kann, so ist doch in diesem Falle seine Rolle eine sehr kleine oder gar keine gewesen. Der Typus der Ehen mit geringer Kinderzahl, von dem unsere Tabellen Zeugnis ablegen, gründet sich somit ebensowenig auf die Überjährigkeit der Frau wie auf das geringen Alter der Ehe. Das Resultat vorliegender Untersuchungen ist also das, daß außer den angeführten Ursachen noch andere hier ihr Spiel treiben müssen. Welches diese Ursachen sind, ist nicht schwer zu verstehen. Die hauptsächlichste ist der Wunsch und Beschluß, nicht viele Kinder zu bekommen. Dieser Grund der Einschränkung der Fruchtbarkeit ist in unseren bisherigen Unter- — 2,53 — suchungen über den schwedischen Adel noch nicht aufgetreten. Im Gegenteil, wir haben bei verschiedenen Gelegenheiten ausdrücklich betont, daß bewußte Tendenzen dieser Art nicht vorhanden waren. Sie sind in Schweden wenigstens als allgemeinere Erscheinung bis in neuester Zeit unbekannt gewesen; sie sind auch ausländischen Ursprunges. Erst das Vorbild Frankreichs, das durch Literatur und Presse in den letzten Jahren allgemeiner bekannt geworden ist, sowie die auch in Schweden betriebene Propaganda für den sogenannten Neomälthusianismus haben die Aufmerksamkeit auf diese Sitten gelenkt und ihnen dadurch auch in Schweden, wie übrigens gegenwärtig in den meisten anderen Ländern, Eingang verschafft. Ich komme indessen später auf diese Erscheinung zurück und will hier nur bemerken, daß sie in Schweden noch ganz neu ist und sich auch vorläufig im schwedischen Adel nicht besonders stark zu erkennen gibt. Die nicht wenigen Ehen mit großer Kinderzahl, die andauernd vorkommen, beweisen dies klar. Andere soziale Gruppen sind, wie wir unten sehen werden, stärker von diesem Zeitübel befallen. Aber in demselben Augenblicke, wo dies konstatiert ist, verliert die Forschung über den Einfluß, den das Alter der Mutter und der Ehe auf die Fruchtbarkeit ausübt, das meiste ihres Interesses. So sind in einer Gesellschaft, wo das sogenannte. Zweikindersystem allgemeine Geltung erhalten hat, Untersuchungen dieser Art vollständig zwecklos. Im nahen Zusammenhang mit der Frage betreffs des Einflusses des Heiratsalters auf die Fruchtbarkeit steht auch die des häufigeren und geringeren V orkommens der Wie der heiraten und ihrer Wirkung auf die Fruchtbarkeit. Die Wied erheiraten weisen nämlich, wie wir oben gesehen haben (S. 223), in der Regel ein hohes Alter bei der Eheschließung auf und sind deshalb meistens kinderlos. Von sämtlichen 92 Wiederheiraten mit bekanntem Alter gehören gerade die Hälfte, oder 46, der Gruppe mit o Kindern an, und zwar in den meisten Fällen augenscheinlich infolge hohen Heiratsalters. Eigentümlicher als diese Beobachtung ist die, daß, obschon die Wiederheiraten in den aufgelösten Ehen verhältnismäßig zahlreicher sind als in den bestehenden (S. 227), die Fruchtbarkeit in den ersteren jedoch größer ist als in den letzteren. Es herrscht hier also dasselbe Verhältnis wie betreffs des Heiratsalters: die bestehenden Ehen haben in beiden Beziehungen größere Aussichten, eine höhere Kinderzahl zu er- — 2,54 — reichen als die aufgelösten, aber sie bleiben hierin gleichwohl hinter diesen zurück. Dies ist wiederum eine Bestätigung des oben gefundenen, daß die Fruchtbarkeit in den hier behandelten adligen Familien, die sich ihre soziale Stellung bewahrt haben, in der letztverflossenen Zeit in Abnahme begriffen war, und es sicher jetzt noch ist. Eine der Ursachen hierfür haben wir eben besprochen. Ob außerdem noch andere, physiologische Ursachen hierzu beitragen, läßt sich aus dem statistischen Material nicht ermitteln. Die in einigen vorhergehenden Kapiteln behandelte statistische Geschichte der adligen Geschlechter macht gleichwohl eine solche Annahme wahrscheinlich. * * Vergleiche. Im Vorhergehenden haben wir, aus oben angeführten Gründen, kein besimmtes Urteil darüber ausgesprochen, ob die Fruchtbarkeit im lebenden Adel als groß oder klein betrachtet werden muß. Ein solches kann man auch nicht ohne einen Vergleich mit anderen jetzt lebenden Volksgruppen und der bei ihnen vorkommenden Fruchtbarkeit fällen. Ein absolutes Maß oder Normalmaß gibt es hier ebensowenig wie bei anderen statistischen Erscheinungen. Nur Vergleiche können in der Statistik sagen, was groß und was klein ist. Leider ist in diesem Falle die Möglichkeit zu Vergleichen eine sehr geringe. Wir haben den Adel in älterer und neuerer Zeit mit sich selbst verglichen und dabei gefunden, daß die Fruchtbarkeit früher größer war als jetzt, und daß sie noch immer im Rückgange begriffen zu sein scheint. Ferner hat das Material einen Vergleich zwischen der Masse des Adels und den wenigen in die niederen Schichten des Volkes zurückgekehrten Familien gestattet. Falls man die letzteren in diesem Falle als einen Ausdruck der großen Masse des schwedischen Volkes betrachtet, so ist die Fruchtbarkeit im Adel nicht unbedeutend geringer als in jener. Aber über die Fruchtbarkeit im Volke in dessen Gesamtheit wissen wir nur wenig. Die groben Methoden, die die offizielle Statistik zur Messung derselben anwendet, liefern nur unsichere, für Vergleiche irgendwelcher Art unbrauchbare Resultate. Dagegen habe ich eine Untersuchung über die Fruchtbarkeit in einer kleineren Beamtengruppe, den Lehrern an den beiden Staatsuniversitäten und den höheren Lehranstalten aus- führen lassen. Das Resultat ist, wie die nachstehende Tabelle über die lebend geborenen Kinder in bestehenden Ehen verschiedener Alter ausweist, höchst merkwürdig. Fruchtbarkeit im Lehrerstande 1 ). Alter der Ehen in Jahren o—2 2—5 5—io io —15 15 — 20 20 — 25 2 5— 03 Aller 2 Anzahl Ehen 62 118 154 155 133 119 205 971 „ Kinder 7 109 259 365 386 364 816 2360 Kinder per Ehe 0,11 0,92 1,68 2,35 2,90 3,06 3,98 2,43 0,64 Dies ist eine sehr geringe Fruchtbarkeit, bedeutend niedriger als beim Adel. Teilweise mag sie in dem späten Heiratsalter ihren Grund haben, aber diese Erklärung reicht nicht aus. Denn wenn sich auch die Männer dieser Berufsgruppen in ziemlich vorgeschrittenem Alter verheiraten, so verhält sich dies ganz sicher nicht so bei ihren Frauen. Diese niedrige Fruchtbarkeit läßt sich kaum anders deuten denn als eine Äußerung der oben besprochenen Regulierung der Kinderzahl. Es bildet zugleich eine beredte Illustration zu dem geringen Einkommen und der schlechten ökonomischen Stellung, in die diese Beamtenklasse versetzt ist. Denn wo das Stück Brot so knapp ist, wie bei den Lehrern der höheren Lehranstalten und teilweise an der Universität, kann es zur Pflicht werden, sich vor großen Familien zu hüten. Sie stehen aber in dieser Beziehung keineswegs allein da, obschon es uns mangels einer Statistik über andere Gruppen der höheren Klassen nicht möglich ist, einen derartigen Nachweis betreffs dieser zu führen. Im Vergleich zu diesen Zahlen kann der Adel sich einer großen Fruchtbarkeit rühmen. Wenden wir uns hiernach zu fremden Völkern, um dort weitere Vergleichsglieder in dieser Sache zu suchen, so liegt uns der Adel Finlands am nächsten; auf ihn werden wir jedoch im nächsten Abschnitte zurückkommen, weswegen wir ihn hier übergehen. Darnach bieten sich die oft berührten Untersuchungen über die betreffenden Verhältnisse in Kopenhagen dar. Die nach- 1) Zu bemerken ist, daß die Gesamtsumme für jede der beiden Kategorien ist: Universitätslehrer 178 Ehen mit 442 Kindern, Lehrer an höheren Lehranstalten 793 Ehen mit 1918 Kindern, also im ersteren Falle 2,48 Kinder im großen Durchschnitt, im letzteren 2,42. 2) Hierin einbegriffen 25 Ehen unbekannten Alters mit 54 Kindern, oder 2,16 per Ehe. Die Statistik umfaßt sowohl tote wie lebende Kinder, aber nicht totgeborene, über welche die Quellen nichts vermelden. folgende Zusammenstellung der Kinderzahl per Ehe in der höchsten sozialen Gruppe der dänischen Statistik mit dem schwedischen Adel, wobei beim letzteren die bestehenden und aufgelösten Ehen zusammengezählt sind, ist lehrreich. Kinder per Ehe nach dem Alter der Ehen in Jahren. Gruppe I 1 ) Unter 5 Jahre 5 —10 10 — 15 15— 25 25— tu Alle in Kopenhagen 0,99 2,59 3,70 4,24 4,80 3,44 im Adel Schwedens 0,92 2,23 2,93 3,64 4.4^ 3,15 Wie wir sehen, ist die Fruchtbarkeit in der dänischen Gruppe durchgehends größer, als im Adel Schwedens, wenn der Unterschied auch kein bedeutender ist. Vergleicht man ausschließlich die bestehenden Ehen mit den dänischen, so wird er teilweise etwas größer. Vergessen darf man jedoch nicht, daß die dänische Statistik auch „totgeborene" umfaßt, welche in der Statistik über den Adel nicht mitberechnet sind. Die Totgeborenen betragen in Schweden in der Regel 2 — 3 °/ 0 aller ehelich geborenen, und solche Fälle kommen in den höheren Klassen sicher nicht mehr vor als im Volk in dessen Gesamtheit. Das Auslassen jener ändert also wenig an den Ziffern für den Adel. Eine andere Gelegenheit zu Vergleichen hat sich kürzlich durch die von Verrijn Stuart in zwei Städten und vierzig Landgemeinden in Holland ausgeführten Untersuchungen über die Fruchtbarkeit in verschiedenen Klassen der Bevölkerung eröffnet 2 ). Die Ehen gehören alle derselben Altersgruppe, von 16—21 Jahren, an und können deshalb nur mit den Gruppen von 15—25 Jahren unserer Statistik verglichen werden. Die Anzahl Ehen in der höchsten sozialen Klasse war 393; die Anzahl geborener Kinder 1678, darunter 42 totgeborene, die Anzahl lebend geborener Kinder per Ehe sonach 4,19. Dies ist nicht unbedeutend mehr, als was der schwedische Adel in den genannten Gruppen aufzuweisen hatte: 3,77 Kinder, wenn nur bestehende Ehen in Betracht gezogen werden, sonst 3,64. Indessen mag bemerkt sein, daß hier wie oben das störende Element der Kinderlosigkeit mit einbezogen ist. Ohne dieses würden die Vergleiche mehr zum Vorteil des Adels ausfallen. 1) Rubin und Westergaard, angef. Arb, S. 85. 2) Diese Untersuchung wurde erst im letzten Kongress des Internationalen Statistischen Institutes in Budapest mitgeteilt, und ist dann in Jul. Wolfs Zeitschr. für Sozial Wissenschaft 1901, H. 10, veröffentlicht worden. ~ 257 — Hierauf beschränken sich die exakten Vergleiche, die wir zur Zeit anstellen können. Wohl liegen, wie oben erwähnt, einige andere Untersuchungen sowohl über die Fruchtbarkeit in verschiedenen Klassen wie nach dem Alter der Ehe vor, aber in keinem Falle sind diese beiden Momente kombiniert. So ist auch die soziale Gruppierung nach reichen und armen Quartieren, die Bertillons Studie zugrunde liegt, ziemlich summarisch. Aus diesem Grunde können die Resultate dieser verschiedenen Untersuchungen nur schlecht mit den hier vorgelegten Zahlen oder untereinander verglichen werden Wir begnügen uns damit, einige der Resultate, zu denen man gekommen ist, unter dem Texte anzuführen 1 ). Was wir erfahren, berechtigt indessen zu dem allgemeinen Schluß, daß die Fruchtbarkeit des schwedischen Adels schon jetzt in den meisten Fällen niedrig ist. Und, wie es scheint, wird sie mit jedem Jahre niedriger. Der Adel Finlands. Ohne uns bei einer allgemeinen Übersicht aufzuhalten, die uns keine besonderen Aufschlüsse betreffs des Adels Finlands geben kann, gehen wir sofort an eine Darstellung der Fruchtbarkeit nach dem Alter der Ehen. Den ersten Einblick hierein verschafft uns die nachstehende Zusammenstellung. l) Nach dem Alter der Ehen ist die Fruchtbarkeit von Böckh für Berlin und von Korösy für Budapest bestimmt worden. Laut der zuerst genannten Statistik, die das Jahr 1885 betrifft, hatten von den bestehenden Ehen, die 25 Jahre und darüber gedauert hatten, 11,2 Proz. o Kinder, 26,6 Proz. 1—3 Kinder, 30,3 Proz. 4—6 Kinder, 19,7 Proz. 7—9 Kinder, sowie 12,2 Proz. 10 Kinder und mehr hervorgebracht, oder im Durchschnitt für sämtliche Ehen 5,07 Proz. Kinder. (Nach v. Mayr, Statistik etc., II, S. 149.) Korösy gibt die Kinderzahl folgendermaßen an: Ehen in den Altern von o—5 Jahren 0,77 Kinder, von 5 —10 Jahren 1,68 Kinder, von 10—15 Jahren 2,31 Kinder, von 15—20 Jahren 2,81 Kinder, von 20—25 Jahren 3,25 Kinder, von 25—30 Jahren 3,46 Kinder, von 30 Jahren und darüber 4,09 Kinder, sowie im Durchschnitt für alle 2,76 Kinder. Also eine sehr niedrige Fruchtbarkeit! (Mitteilung an das Institut international de Statistiqne bei dessen Session 1901.) — Bertillon wie Turquan berichten nur über die zur Zeit der Zählung lebenden, nicht über die vorher gestorbenen Kinder. Die Zahlen, die man damit erhält, drücken indessen nicht so sehr die Größe der Fruchtbarkeit, als die der Familie aus. Sie gehören deshalb eher in das nächste Kapitel als in dieses. Fahlbeck, Der schwedische Adel. Ii - 2 5 S - Durchschnittliche Anzahl Kinder in Ehen verschiedener Alter. Alter der Ehen Bestehende Ehen Aufgelöste Ehen in Jahren Alle Die mit Kindern Alle Die mit Kindern 0—5 0,87 t ,48 0,99 ',53 S — m 2,14 2,64 2,57 3,'5 10—15 2,63 3,34 3,35 3,9« 15 —20 3,65 4,4« 5,'7 5,79 20—25 4Ö9 4,7« 4,34 5,46 25— CO 5,58 6,03 5,37 6,00 0—CO 1 ) 3,12 3,94 3-57 4,43 Die oben bei den entsprechenden Zahlen für den schwedischen Adel gemachten Beobachtungen stellen sich auch hier ein. So weisen die aufgelösten Ehen beinahe ausnahmslos höhere Zahlen als die bestehenden auf, was darauf hindeutet, daß in Finland die Fruchtbarkeit in dieser Volksgruppe ebenso in der Abnahme begriffen ist wie in Schweden. Vergleichen wir die finländischen Zahlen mit den entsprechenden schwedischen, so fällt uns sofort auf, daß sie im ganzen miteinander übereinstimmen, aber auch, daß die ersteren meistens höher sind als die letzteren. Und gleichwohl ist hierbei zu bemerken, daß die finländischen Ziffern sicher etwas zu niedrig sind. Die Quellen sind über den Adel Finlands nicht ebenso vollständig wie über den Schwedens. Den vollen Einblick in die Gestaltung der Fruchtbarkeit erhalten wir erst durch eine Einteilung der Ehen nach der Kinderzahl. Hierbei rechnen wir, um das an sich so geringe Material zu vergrößern, die aufgelösten und die bestehenden Ehen in eins. Nur die Ehen mit Kindern sind aufgenommen. Die Ehen verteilt nach Alter und Kinderzahl. Alter der Ehen in Jahren o—5 5 —10 to—15 15—20 20—25 25—oj o—w Anzahl Kinder »/„ °/ 0 °/ 0 °/o 7« 1—3 100 75,40 56,36 32,41 31,76 24,44 51,68 4—6 — 22,22 36,36 43,52 37,65 34,67 28,89 7—9 — 2,38 7,28 17,59 25,88 26,22 13,95 — — — 6,48 4,71 14,67 5,48 IO- 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 Von den Ehen, die 0—5 Jahre gedauert haben, hat keine einzige mehr als drei Kinder; von denen, die 5—10 Jahre erreicht haben, haben schon eine Menge mittelgroße, und einige sogar große Familien. Und auf diese Weise wachsen die Ehen mit vielen Kindern mit jeder Altersgruppe. Aber noch in der letzten 1) Inklusive Ehen mit unbekanntem Alter (13 bestehende und 27 aufgelöste). bleibt ungefähr gerade ein Viertel der Ehen bei einer geringen Fruchtbarkeitsziffer. Wir finden also auch im Adel Finlands jenen Typus mit kleinen Familien wieder, den wir bei dem schwedischen Adel beobachtet haben. Er ist nicht gleich stark repräsentiert, aber der Unterschied ist kein bedeutender. Noch ein anderer Unterschied zeigt sich beim Vergleich mit den schwedischen Zahlen, nämlich, daß die großen und sehr großen Familien in Finland viel zahlreicher als in Schweden sind. Auch in diesem Falle hat also der finländische Adel den älteren Typus mit großer Fruchtbarkeit besser bewahrt als der schwedische — was sicher noch stärker hervortreten würde, falls die Statistik über den Adel Finlands ebenso vollständig wäre, wie die schwedische. Sich bei dem anderen ursächlichen Moment für die Fruchtbarkeit — dem Alter der Frau bei der Verehelichung — aufzuhalten, liegt hier noch weniger Grund als betreffs des schwedischen Adels vor. Die Frauen verheiraten sich in Finland im allgemeinen früher als in Schweden. Das Alter der Frau ist in den meisten dieser Ehen hier ebenso wenig wie in Schweden der Grund der geringen Kinderzahl. Im übrigen ist auch zu bemerken, daß die wenigen, seitens der Frau in hohem Alter vorkommenden Ehen überwiegend in der Gruppe mit o Kinder wiederzufinden sind. Neunzehntes Kapitel. Unfruchtbarkeit und Größe der Familien. Kinderlosigkeit. Kinderlosigkeit und Unfruchtbarkeit sind zwei verschiedene Erscheinungen, die gleichwohl oft so miteinander verschmelzen, daß wir keine Möglichkeit besitzen, sie zu trennen. Die Unfruchtbarkeit ist nämlich eine besondere Art der Kinderlosigkeit, deren Vorhandensein der Statistiker erst mit der Zeit erfährt. Dies veranlaßt uns, erst der allgemeinen Erscheinung der Kinderlosigkeit einige Worte zu widmen. Ihr Vorkommen in relativen Zahlen war folgendes: Kinderlose Ehen. in °/ 0 aller Al ter der Ehen in Jahren o—2 2—5 5—1< 0/ 0/ 0/ / 0 / 0 / 0 Bestehende Ehen 70,50 22,41 15,6t 43 ?7 7 10—15 0/ 10 17,81 0 W *- 1 20—25 01 10 12,06 25 —CO % 10,42 0 — CO 0/ ' () •8,U ig,86 17,01 00 cu 13,82 20,80 36.13 Betreffs der ersten Alter geben uns diese Ziffern gewissermaßen die Kehrseite der Fruchtbarkeit. Die Kinderlosigkeit, die der Anfang der Ehe ist, sinkt bis zur Gruppe 10—15 Jahre in demselben Maßstabe, wie die Fruchtbarkeit sich entwickelt. Dann wird sie ungefähr konstant. Die kleinen absoluten Zahlen, die auch die Hin- und Herschwankungen verursachen, verbieten indessen andere Vergleiche als die schon oben gemachten. Hier sei nur wieder auf die charakteristische Verschiedenheit aufmerksam gemacht, die zwischen den aufgelösten und den bestehenden Ehen inbezug auf die erste Entwickelung der Fortpflanzung herrscht. Dieser Unterschied tritt in den vorstehenden Ziffern noch deutlicher hervor Jils durch die Kinderzahl (oben p. 247). 2Ö1 Unfruchtbarkeit. Während die Kinderlosigkeit eine äußere, von dem Statistiker ohne weiteres zu erfassende Eigenschaft ist, ist die Unfruchtbarkeit eine innere, über deren Dasein ihn nur die Zeit aufklären kann. Es gibt zwar in dieser Beziehung keine für alle Ehen gleiche Zeitgrenze, der Eintritt des 15. Jahres kann aber, ohne Befürchtung allzuvieler Ausnahmen, als solche betrachtet werden. Die Ehen, die nicht zu dieser Zeit mit Kindern gesegnet sind, verbleiben mit seltenen Ausnahmen kinderlos und sind somit wirklich steril. Vorliegendem Material nach zu urteilen, sieht es zwar aus, als wenn auch nach dieser Zeit Erstgeburten vorkämen, da die Gruppe kinderlose Ehen in den folgenden Altern, 20—25 und 25—co Jahre in relativen Zahlen beständig sinkt; wahrscheinlich beruht dies aber auf ganz anderen Umständen, nämlich darauf, daß die älteren Ehen im allgemeinen kinderreicher sind als die in den beiden letzten Zehnern geschlossenen. Möglicherweise sind auch die kinderlosen Ehen weniger langlebig als die mit Kindern gesegneten, was zu demselben Resultate führen muß. Jedenfalls kann man an der angeführten Zeitgrenze festhalten, da die Ausnahmen davon wenig auf die allgemeinen Zahlen einwirken. Diese sind folgende: Kinderlose Ehen der Alter 15—co Jahre. In °/ 0 aller hierher gehörigen Bestehende 109 11,26 Aufgelöste 120 1 5»9^ Dies ist also das Maß der Unfruchtbarkeit. Der Unterschied in den beiden Massen ist gar kein geringer. Möglicherweise ist dies nur eine Folge der Zufälligkeiten, denen die kleinen Zahlen stets ausgesetzt sind; es läßt sich aber auch in Ubereinstimmung mit der oben ausgesprochenen Vermutung dahin erklären, daß die kinderlosen Ehen im allgemeinen kurzlebiger sind. Denn in diesem Falle müssen jene weniger unter den bestehenden als in den aufgelösten Ehen vorkommen. Werden beide Gruppen in eine vereinigt, so machen die unfruchtbaren 1 3,31 % sämtlicher Ehen aus. Dies dürfte dem allgemeinen Typus dieser Erscheinung ganz gut entsprechen. Sowohl die oft erwähnte Statistik von Rubin und Westergaard, sowie auch andere weisen ähnliche Ziffern auf. Ungefähr ein Achtel sämtlicher Ehen über 15 J^lhre ist steril. In diesem Falle bietet also der schwedische Adel keine Abweichungen von übrigen Volks- 2 6 2 elementen dar. Hiermit ist auch bewiesen, daß die Unfruchtbarkeit sich in den schwedischen adligen Familien nicht progressiv entwickelt hat. Freilich ließ sich bei den ausgestorbenen adligen Geschlechtern eine solche Progression, wiewohl nicht stark, wahrnehmen. Aber in den erloschenen Gliedern der noch lebenden war sie nicht zu bemerken. Und nun finden wir, daß auch bei dem lebenden Adel die wirkliche Unfruchtbarkeit in keinem Übermaß auftritt. Die Sterilität ist also nicht mit der Zeit und dem Alter der Geschlechter gewachsen — ein Resultat, das gewissermaßen gegen das zu erwartende zu sprechen scheint. Fragt man endlich nach der Ursache der nachgewiesenen Unfruchtbarkeit, so können wir nur djiran erinnern, daß Kinderlosigkeit meistens bei Wiederheiraten und ferner wo die Frau überjährig ist, vorkommen, daß aber die ungleich meisten Fälle auf keines dieser Momente zurückzuführen sind. Es ist daher offenbar, daß dieser Mangel in der Regel durch innere physiologische Gründe verursacht wird. Größe der Familien. Das Resultat der ehelichen Fruchtbarkeit ist die Familie. Die Familie ist nicht dasselbe wie der Haushalt, der eine ökonomische Einheit ist; ebensowenig bedeutet sie dasselbe wie Ehe, die der Ursprung und Kern derselben ist. Die Familie ist die erste natürliche Gruppe des Blutbandes und besteht regelrecht aus Mann, Frau und Kindern, obschon auch kinderlose Ehen durch das Zusammenleben in eine Familie im sozialen Sinne verwandelt werden. Wie der Körper aus Zellen, so ist auch das Volk und die Gesellschaft aus Familien aufgebaut. Auf der Anzahl und inneren Organisation der letzteren beruht die Größe und Beschaffenheit des ersteren. Es ist daher klar, daß dem Demographen wenige Dinge mehr am Herzen liegen müssen als gerade die Erforschung dieser. Die offizielle Statistik ist jedoch im allgemeinen noch nicht so weit gekommen. Sie begnügt sich meist mit der Konstatierung der Anzahl und Größe der Haushalte. Uns, die wir die Fruchtbarkeit der Ehen im Adel untersucht und hierbei zwischen verstorbenen und lebenden Kindern unterschieden haben, ist es möglich, auch die Familie in den Kreis unserer Betrachtung zu ziehen. In Wirklichkeit wird diese Statistik nur ein Supple- — 203 — ment der früheren, die dazu dient, die Resultate der Ehen zu einem gewissen Zeitpunkt noch stärker hervorzuheben. Nur für die bestehenden Ehen ist dieser Zeitpunkt derselbe, und zwar der i. Januar 1895; die aufgelösten haben jede ihren Zeitpunkt, nämlich das Datum der Auflösung. Sowohl aus diesen, wie aus anderen Gründen umfaßt die folgende Darstellung nur die bestehenden Ehen und Familien. Sieht man von den beiden stets vorkommenden Personen Mann und Frau ab, so ist die Zusammensetzung dieser Familien wie sie die nachfolgende Tabelle ausweist. Größe der Familien am 1. Januar 1895: Anzahl lebender Kinder Anzahl F Gesamtzahl amilien mit Davon 1. Ehe entspreche mit Kinde Wiederheirat ider Anzahl rn aus 1. Ehe u. Wiederheirat Kinder: Relative Zahien 0 1 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 334 281 343 304 241 157 98 56 3' '9 13 3 2 2 319 271 331 287 227 141 35 48 25 l6 12 I 1 2 10 5 6 5 2 1 15 7 11 9 14 13 8 6 2 1 2 1 0 1 /o 17,73 14,92 18,21 16,13 12,80 8,34 5,20 2,97 1,64 1,01 0,69 0,16 0,10 0,10 Sa. 1884 1766 29 89 100,00 Vergleicht man diese Tabelle mit der obigen Darstellung über die Fruchtbarkeit in den bestehenden Familien, so nimmt man gewisse Unterschiede wahr. Die kinderlosen Familien sind nicht ganz so zahlreich wie die kinderlosen Ehen, von welchen verschiedene Wiederheiraten sind, die nicht mit Kindern gesegnet sind, während solche aus einer früheren Ehe in der Familie vorhanden sind. Umgekehrt kommen, wie aus dieser Tabelle ersichtlich ist, einige Fälle vor, wo bei Wiederheiraten Kinder entsprossen sind, während die erste Ehe kinderlos war. Ferner ersieht man, daß die Gruppen mit 1 bis 4 Kindern hier größer als dort, alle folgenden dagegen kleiner sind (siehe oben p. 243). Dieses ist das Werk des Todes. Die Größe der Familien ist nämlich einerseits ein Resultat der Fruchtbarkeit, andererseits der Sterblichkeit. Die letztere reduziert die Kinderzahl und vergrößert dadurch die Zahl der kleineren Familien auf Kosten der größeren. Sind bestimmte Wünsche betreffs der Anzahl Kinder vorhanden, so müssen auch sie sich hierbei zu erkennen geben. In letzterer Beziehung können wir nur konstatieren, daß die kleinen Familien mit i bis 3 Kindern in großer Majorität sind, indem sie 50 % sämtlicher Familien und, nur die mit Kindern gerechnet, ungefähr 60 °/ 0 betragen. Die größte aller Gruppen sind die Familien mit zwei Kindern. Unzweifelhaft zeigt sich in diesem allem eine bestimmte Tendenz, obschon zugegeben werden muß, daß dieselbe keineswegs die Erscheinung beherrscht. Es gibt noch heute im Adel nicht wenig große Familien, vor allem aber eine Menge, bei denen sich sicher keine bewußte Absicht, die Anzahl der Kinder zu begrenzen, zu erkennen gibt. Daß sich dagegen in gewissen anderen adligen Familien eine solche Tendenz wirklich geltend macht, das beweist die obige Statistik über die Fruchtbarkeit, sowie, wenn auch nicht so deutlich, das hier Mitgeteilte. Die allgemeine Durchschnittszahl für die Familien des Adels, 2,78 Kinder auf die Familie, und unter Ausschluß der kinderlosen Familien 3,38, ist deshalb kein allmächtig diese Verhältnisse beherrschender Typus. Verschiedenen Anzeichen nach zu urteilen, sieht es jedoch so aus, als wenn ein Anfang dazu vorhanden wäre. Die Zwei- und Dreikinderfamilien sind wie ein Konden- sierungspunkt, um den sich eine immer größere Anzahl von solchen sammeln zu wollen scheint 1 ). Interessant wäre ein Vergleich zwischen den hier gefundenen Zahlen und den entsprechenden für das ganze schwedische Volk, sowie für andere Volksgruppen; aber derartige Vergleichsglieder sind, wie gewöhnlich, noch selten. Wir haben selbst ein solches in der Statistik über die Lehrer an den schwedischen Universitäten und höheren Lehranstalten angefertigt. Im Vergleich zu diesen, die nur 2,12 Kinder auf die Familie und, die kinderlosen abgerechnet, 2,81 aufzuweisen vermögen, sind die adligen Familien nicht klein. Andere passende Vergleiche sind nicht leicht ausfindig zu machen. Frankreich hat zwar seit 1886 eine Statistik über die Größe der 1) In den 148 Familien, die in einen niedrigeren Stand zurückgegangen sind, bilden die Drei- und Vierkinderfamilien, 23 resp. 22, die größten Gruppen. Familien, da diese aber das ganze Volk betrifft, so eignet sie sich nicht gut zu Vergleichen mit den vorliegenden Fällen. Ebenso wenig lassen sich die von Bertillon angeführten Zahlen über die Fruchtbarkeit und Größe der Familien in Paris recht anwenden. Die Bevölkerung einer Weltstadt ist nicht, wenn sie sich auch in derselben sozialen Stellung befindet, mit dem unter ganz anderen Verhältnissen lebenden schwedischen Adel zu vergleichen. Gleichwohl seien sie als Beispiel der am weitesten vorgeschrittenen Tokopliobie, Angst vor Kindern, welche die moderne Statistik bis jetzt in Europa hat registrieren können, angeführt 1 ). In den Vereinigten Staaten, besonders den alten, stellen sich die Verhältnisse in den höheren Klassen noch schlimmer. Ein besseres Material zum Vergleich mit dem Adel Schwedens bietet die von Levasseur angeführte Statistik über die im Al- manach de Gotha aufgenommenen adligen Häuser dar, obschon diese in ökonomischer und sozialer Beziehung eine Stufe höher stehen als die schwedischen Adelsfamilien 2 ). Die Durchschnittszahl für den ganzen dort aufgenommenen Adel war 1890 3,54 Kinder auf die Familie; die höchste Ziffer zeigt der Adel Englands mit 4,0 Kindern, die niedrigste der Frankreichs mit 2,6 Kindern, eine Ziffer, die jedoch auch die wenigen russischen Familien aufweisen. Mit dem Jahre 1876 verglichen, stellen sich die Zahlen durchgehends und meistenteils nicht unbedeutend niedriger, und deuten somit eine in der letzten Zeit fortschreitende Abnahme in der Größe der Familien an. Stellt man jenen die Zahlen für die schwedischen Familien— 2,78 Kinder auf die Familie - zur Seite, so stimmen diese mit denen Frankreichs so ziemlich überein. Der große Unterschied ist aber, daß, während die schwedische Ziffer eine abstrakte Durchschnittszahl ist, die Raum für große Verschiedenheiten, also für verschiedene große Familien neben sehr vielen kleinen, gewährt, die französische wohl eher ein für alle oder die meisten geltender Typus sein dürfte. Die Verhältnisse sind darum trotz der gleichen Durchschnittszahl noch ganz verschieden. 1) 1896 kamen in Paris im Durchschnitt 1,40 Kinder auf die Familie, und zwar in den reichen Quartieren 1,27 bis 1,29, in den armen 1,44 bis 1,56. In den Familien der kleinen Beamten war die Anzahl Kinder noch geringer. Journal de la Societe de Statistique de Paris , 1901, S. 134. 2) La Population Frahfaise , 1892, III, S. 182. Nach der liebenswürdigen Mitteilung des Verf. betrifft diese Statistik sämtliche Familien, nicht ausschließlich die mit Kindern versehenen. -i : ¥ \ V ■ & P i" 'H B I • ' T • ■" — 206 Der Adel Finlands. Auch hier treten uns die Erscheinungen der Kinderlosigkeit und der Unfruchtbarkeit entgegen. Von den aufgelösten Ehen sind 81 oder 19,5% kinderlos — eine Ziffer, die mit der für den schwedischen Adel gefundenen nahezu übereinstimmt, und uns nur dieser ihrer Ubereinstimmung wegen bemerkenswert erscheint. Die wirkliche Unfruchtbarkeit geht aus folgenden Ziffern hervor: Kinderlose Ehen der Alter 15 — tu Jahre. 0/ /() Bestehende 32 11,86 Aufgelöste 26 12,62 Auch diese Ziffern sind den entsprechenden schwedischen ähnlich und bestätigen somit das dort ausgesprochene Urteil, daß ein Achtel aller Ehen steril bleibt. Ebenso sehen wir auch hier, daß die Anzahl unfruchtbarer Ehen unter den aufgelösten etwas höher als in den bestehenden ist. Die Grösse der Familien im {inländischen Adel beleuchtet die nachfolgende Zusammenstellung. Größe der Familien im Jahre 1894. Anzahl lebender Kinder Anzahl Fai Gesamtzahl nilien mit g Davon 1. Ehe sgenüberste] mit Kinde Wiederheirat lender Anza rn aus 1. Ehe u. Wiederheirat il Kinder: Relative Zahlen 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 126 100 86 92 68 45 3i 19 10 9 4 1 i 119 97 84 86 66 38 2 7 15 8 7 2 1 2 3 1 3 1 2 1 5 1 3 1 5 4 4 2 0 2 01 1 0 21,28 16,89 ■4-53 ■5-54 11,49 7,60 5- 2 4 3-21 1,69 1-52 0,67 0,17 0,17 Sa. 592 550 13 29 100,00 Dieselben Beobachtungen, die wir beim Vergleich zwischen der Größe der Familie und der ehelichen Fruchtbarkeit beim Adel Schwedens gemacht haben, finden wir auch hier wieder. Die Gruppen mit wenig Kindern sind hier wie dort -größer, als die entsprechenden in der Statistik über die Kinderzahl der Ehen. Vergleicht man wiederum den Adel Finlands mit dem Schwedens, so zeigt sich im großen Ganzen eine Übereinstimmung, es treten aber auch, ganz wie betreffs der Fruchtbarkeit, gewisse charakteristische Unterschiede auf. Die kleinen Familien von 1 — 3 Kindern machen ungefähr 47%- gegen 50 °/o ' n Schweden, aus. Dagegen umfassen die großen mit 7 Kindern und darüber im finländisclien Adel 7,43 %, im schwedischen nur 6,67 %. Was wiederum die so charakteristischen Zweikinderfamilien betrifft, so belaufen sie sich beim ersteren auf 14,53%, beim letzteren auf 18 ,21%. Dies alles als eine Folge der in Finland größeren Fruchtbarkeit der Ehen als in Schweden. Ein anderer Unterschied ist der, daß in Finland die kinderlosen Familien 21,28 % g' e g en nur U>73% in Schweden, und ebenso die Einkindsfamilien 16,89% g e g en 14,92% sind. Dies hängt wieder mit der größeren Anzahl junger Eheschließungen im Adel Finlands zusammen. Schließlich ist die Durchschnittszahl Kinder auf die Familie aus demselben Grunde in Finland etwas kleiner als in Schweden, oder 2,68 Kinder gegen 2,78; aber die finländische Durchschnittszahl schließt noch größere Gegensätze in sich als die schwedische. Die gefundenen Unterschiede entsprechen somit vollständig den früher bei der Fruchtbarkeit und dem Alter der Ehen nachgewiesenen Verschiedenheiten zwischen den beiden Gruppen. Zwanzigstes Kapitel. Wohnsitz, Beruf und sozialer Niedergang. Wohnsitz. Die Angaben, die die Quellen betreffs des Aufenthaltsortes des Adels enthalten, betreffen den faktischen Wohnsitz, den Platz, wo der Betreffende wohnt, und wo er seine Postadresse hat, nicht den rechtlichen, den die offizielle Statistik Schwedens aufnimmt. Zuweilen gibt die Quelle gar keinen Wohnort, ja nicht einmal einen Anhaltspunkt für eine Schlußfolgerung in dieser Beziehung an. Doch sind die Mängel in dieser Hinsicht nicht allzu groß. Die Personen, über welche in diesem Falle Angaben vorliegen, sind 12774 von insgesamt 13 105. Unter diesen sind 79 im diplomatischen Dienst und dgl. vorübergehend im Ausland wohnhaft; von dem Reste befinden sich 778 in einer niedrigeren Klasse und werden unter dem Texte besonders besprochen. Die übrigen (11 917) verteilen sich auf folgende Weise: Wohnhaft waren: in Stockholm den übrigen Städten auf dem Lande Sa. Männl. 1458 1731 2252 5441 Weibl. 1886 2162 2428 6476 Sa. 3344 3^93 4680 1 1917 % 28,06 32,66 39. 2 8 100,0 Diese Ziffern zeugen von einem bedeutenden Übergewicht des Stadtaufenthaltes. Während die Stadtbevölkerung im Jahre 1895 insgesamt kaum 20°/o des schwedischen Volkes ausmacht, beträgt sie im Adel ungefähr 61 °/o- Dies ist ein großer Unterschied, den der Adel jedoch wahrscheinlich mit der ganzen höheren Klasse teilt. Die Masse der sogen. Gebildeten gehört solchen Berufen an, die naturgemäß meistens in den Städten angehäuft sind. Der Vergleich mit den unter dem Texte angeführten Zahlen für die in die breiten Lager des Volkes zurückgegangenen ist in dieser Beziehung lehrreich 1 ). Von diesen wohnen umgekehrt ungefähr 60 % auf dem Lande, also vielmehr als das Volk in seiner Gesamtheit. — Eigentümlich für den Adel dürfte es dagegen sein, daß sich ein so großer Teil desselben in der Hauptstadt angehäuft hat. Dies hängt wohl teilweise mit älteren Verhältnissen, wie der Dienst der Adligen bei Hofe und der Wunsch, in seiner Nähe zu sein, sowie bei den in die Hauptstadt verlegten Regimentern zu dienen und mehr dergl., zusammen; teils beruht dies aber ganz allgemein, wie wir gleich sehen werden, auf einer in der letzten Zeit stattgefundenen Konzentration nach derselben. Werfen wir hiernach einen Blick auf die verschiedene Verteilung der beiden Geschlechter auf Stadt und Land, so erfahren wir, daß von den Männern 58 ,61 % in der Stadt, 41 ,39 auf dem Lande wohnten, gegen 62,51 resp. 37,49% unter den Frauen. Die Frauen, oder richtiger gesagt, die Unverheirateten und Witwen, ziehen im allgemeinen in viel höherem Grade als die entsprechenden Gruppen unter den Männern das Stadtleben dem Leben auf dem Lande vor. Die weiblichen Berufe für Töchter der höheren Klassen sind noch mehr in den Städten konzentriert, als wie es mit den Berufen der Männer derselben Klasse der Fall ist. Auch andere Umstände, wie die Hoffnung auf abwechslungsreicheres Leben und weniger Einsamkeit, dürften dazu beitragen, daß die Frauen dieser Klasse verhältnismäßig noch mehr als die Frau aus dem Volke die Städte aufsuchen. Im schwedischen Volk insgesamt lebten 1895 21 ,03% d er Frauen in Städten und 78,97 % auf dem Lande. Schließlich verdient auch ein Vergleich mit den Verhältnissen während des früheren Teils des Jahrhunderts Beachtung. Dank der Statistik über die Stände, die die Berichte der Tabellenkommission enthalten, und die in der ersten 1855 vom Statistischen Zentralbureau ausgegangenen Veröffentlichung aufgenommen worden waren, kennen wir den (rechtlichen) AVohnsitz des damals existierenden Adels. Dieser war: r) Die entsprechenden Zahlen für diese waren: Stockholm übrige Städte Land Sa. Männl. 34 127 217 378 Weibl. 27 130 343 400 Sa. 61 257 460 7/8 °/ 10 7,84 33,04 59d2 100,00 2~0 1825 Stockholm übrige Städte Männl. 774 764 "\Veibl. 782 1017 Land 3346 3766 4884 5565 Sa. Sa. 155O 1781 % 14,89 17,04 10449 100,00 1855 Männl. 859 Weibl. 967 1199 '589 3359 5417 3/69 6325 Sa. 1826 "/» '5.55 2788 23,74 7128 11742 60.71 100,00 Diese Prozentzahlen unterscheiden sich bedeutend von den oben für 1895 mitgeteilten. Zum Teil beruht dies auf der verschiedenen Art des Wohnsitzes, des faktischen und des rechtlichen, die sich in der einen und anderen Statistik bemerkbar macht. Viele jüngere Personen, die ihren rechtlichen Wohnsitz auf dem Lande haben, weilen Studien halber in den Städten; auch andere wohnen zuweilen den größeren Teil des Jahres in den Städten, und besonders in Stockholm, sind aber auf dem Lande angemeldet. Daher muß eine Statistik über den faktischen Wohnort für die Städte höhere Zahlen zeigen als die offizielle, die sich ausschließlich nach dem rechtlichen Wohnort richtet. Die Unterschiede sind aber in diesem Falle zu g'roß, um sich auf diese Weise erklären zu lassen. In der jüngsten Zeit hat ganz sicher eine bedeutende Wanderung zu Gunsten der Städte und besonders der Plauptstadt stattgefunden. Schon ein Vergleich zwischen den Verhältnissen von 1825 und 1855 zeigt, in welcher Richtung die Entwickelung im allgemeinen betreffs des Landes und der Städte vor sich gegangen ist. Der nächste Schritt in dieser Entwickelung ist, daß die größeren Städte auf Kosten der kleineren gewinnen, eine Entwickelung, die, was Schweden und dessen einzige größere Stadt, Stockholm, betrifft, erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ihren Aufschwung nahm. Die große Entwickelung Stockholms gehört der Zeit nach 1855 an. Die oben für 1895 gefundenen Zahlen entsprechen somit vollständig der Anhäufung in den Städten, und vor allem den großen, was ein so kennzeichnender Zug für die jetzige Zeit ist. Der Adel steht sicher in dieser Beziehung nicht allein da, sondern dasselbe gilt, wie oben genannt, wenn vielleicht auch nicht in demselben Grade, von der höheren Klasse im allgemeinen. Die Berufe, die sie umfaßt, und deren Zahl und Menge sich in der letzten Zeit stark vermehrt hat, haben die Hauptschuld daran, wenn auch andere Umstände ebenfalls hierzu beitragen. Berufe. Die Berufsstatistik ist schon immer das Schmerzenskind unserer offiziellen Statistik gewesen. Die Schwierigkeiten, mit denen diese Statistik zu kämpfen hat, müssen ihr auch große Unsicherheit verleihen. Auch die nachfolgende Darstellung der Lebensberufe des Adels trägt Spuren davon, indem die Quellen den Beruf einer Person bald gar nicht, bald für ein und denselben Mann zwei Berufe angeben, wobei in gewissen Fällen beide wirkliche sind, in den anderen ist es ein ehemaliger Beruf, der nur noch als Titel dasteht. Die Berufsgliederung beim Adel gestaltet sich, in größeren Gruppen zusammengestellt, folgendermaßen: Berufe im Adel: Offiziere zu Lande, zur See, sowie ehemalige .... 1054 Beamte (Zivilbeamte, juristische, kirchliche u. a. m.) . . 760 Gutsbesitzer und in der Landwirtschaft Angestellte . . 806 In Industrie, Handel und Seefahrt Beschäftigte . . . . 521 In den liberalen Berufen 207 Diverse 228 Sa. 3576 Fügt man hierzu die 238 in niedrigerem Stande befindlichen, auf deren Berufe wir später zurückkommen werden, so zeigt sich, daß hier sämtliche erwachsene männliche Personen (über 20 Jahre) bis auf einige hundert verzeichnet sind. Die übrigen nicht aufgeführten bestehen meist aus älteren Personen, die auf ihre alten Tage von ihren Zinsen und Ahnlichem leben, und deren Beruf nicht gut als Titel gebraucht werden kann; oder aus jungen, deren vitae genus noch nicht bestimmt ist. — Von den aufgeführten Erwerbtreibenden nehmen die Offiziere den ersten Platz ein. In ihnen lebt die alte Aufgabe des Adels, ein Kriegerstand zu sein, weiter fort; allein der schwedische Adel ist nicht nur ein Kriegerstand, sondern ebenso sehr ein Beamten- und Großgrundbesitzerstand gewesen. Beides geht aus den angeführten Zahlen deutlich hervor. Noch heute widmet sich somit, die Offiziere mitgerechnet, die Hälfte aller Adligen dem Staatsdienst, während ein Viertel dem Ackerbau treu bleibt. Besonders das letztere dürfte etwas dem Adel Eigentümliches sein, denn die Söhne der höheren Klassen gehen sonst, wenn sie sich nicht — was unter ihnen sicher ebenso gewöhnlich ist wie beim — 27 2 — Adel, nur mit einer anderen Verteilung auf die militäre und zivile Laufbahn — dem Staatsdienst zuwenden, eher zu anderen praktischen Gewerben über als zum Ackerbau. Für die Klasse, die einmal ein Drittel des schwedischen Grund und Bodens besessen hat, ist es ja eine natürliche Sache, daß sie fortddauernd mit Vorliebe an diesem hängt. Kein Beruf giebt dem, der ihn ausübt, ein solches Gefühl des Herrschens als das des Grundbesitzers. Unbeschränkt über einen Teil des gemeinsamen Grund und Bodens zu befehlen, heißt ein Stück der ursprünglichen Souveränität in seiner Hand haben — wenn auch die unsichtbaren Mitteilhaber, die Hypothekenbesitzer, diese Souveränität recht oft stark illusorisch machen. Das restierende Viertel der hier aufgeführten Erwerbstreibenden gehört anderen praktischen, sowie den sog. liberalen Berufen an. Dies ist betreffs der Berufe des Adels ein Werk der neueren Zeit. Früher sich auf den Militär- und Staatsdienst sowie auf den Ackerbau beschränkend, ist er allmählich gezwungen worden, jeden Ausweg zu ergreifen, der sich ihm darbot. Doch stets sind es wenig, die diese Laufbahnen ergriffen haben, obschon es andererseits kaum eine gibt, die nicht unter dem Adel ihren Repräsentanten hat. Eine andere Äußerung der Neuzeit ist, daß nicht so selten Frauen als Gewerbetreibende vorkommen. Nahezu die Hälfte wird zwar als Grundbesitzer und Pächter aufgeführt, also annähernd gemäß den älteren Verhältnissen, aber unter den übrigen trifft man so gut wie alle heutigen weiblichen Berufe der höheren Klassen an. Die diesbezüglichen Angaben der Quelle sind indessen äußerst unvollständig, denn mit aller Sicherheit üben viel mehr, als die hier aufgeführten, einen selbständigen Beruf aus 1 ). Übersieht man die Verteilung des Adels im Berufe, so erhält man nicht allein, wie oben angedeutet, einen historischen, i) Von den 404 Frauen, deren Beruf angegeben oder angedeutet wird, waren: Grundbesitzer und Fideikommissinhaber . . 152 Pächter 15 Lehrerinnen 73 Die übrigen in allerlei Gewerben, meistens als Angestellte. Malerinnen sind 16, Schriftstellerinnen 12, Studentinnen 5. Während einige Berufe, wie die der Grundbesitzer, Malerinnen und Schriftstellerinnen wahrscheinlich ziemlich vollständig aufgenommen sind, sind andere, vor allem die der Beamtinnen, deren Zahl zweifellos bedeutend größer ist, ganz sicher äußerst mangelhaft angegeben. sondern anch einen sozialen Eindruck. Der schwedische Adel ist offenbar nicht mehr reich. Dies konnte, man nach den Schicksalsschlägen, die ihn durch die große Reduktion betroffen haben, und aus dem, was uns sonst aus der inneren Geschichte Schwedens im 18. Jahrhundert bekannt ist, im voraus wissen. Aber ein deutliches Zeugnis hiervon legt die Berufsstatistik ab. Der Adel lebt in einem ganz überwiegenden Grade vom Dienen; nur 20 % ungefähr werden ausdrücklich als Besitzer von Gütern angegeben, wozu natürlich Besitzer von anderem Eigentume, Häusern in den Städten, Wertpapieren und Kapital, kommen. Der Totaleindruck bleibt aber doch der genannte. Der beim Adel befindliche Reichtum liegt wesentlich in Grund und Boden und gründet sich auf Fideikommissen. Allein ihre Anzahl ist nicht groß und sie verleihen oft mehr einen scheinbaren als einen wirklichen Reichtum'). Der Adel zeichnet sich also keineswegs vor den gebildeten Klassen im allgemeinen durch großes Vermögen aus, sondern besitzt eher weniger als mehr, wenn man nämlich, wie es sich gebührt, in dieser Klasse nur die den älteren Geschlechtern angehörenden Personen in Betracht zieht. Neulinge, die sich aus einem niedrigen Stande emporgearbeitet haben, sind, wenn sie die Beamtenkarriere eingeschlagen haben, gewöhnlich in dürftigen Umständen und bleiben es während ihres ganzen Lebens. * * * Die in niedere Stände Zurückgetretenen. Der soziale Umsatz geht, wie wir unten sehen werden, zwei Wege, einen, der von unten nach oben führt, und einen anderen, der wieder nach unten führt. Der erstere ist der Pfad der hoffnungsvollen Entwickelung, der letztere der des Verfalls. Der erstere liegt im hellen Sonnenschein, der letztere verschwindet im Dunkel. Deshalb ist es gewöhnlich der genealogischen Forschung schwer, denen zu folgen, die die letztere Straße wandern; vor allem entschwinden die Nachkommen dieser Nachtwanderer leicht ihren Blicken. Dieser Teil der Statistik über den Adel ist folglich auch weniger zuverlässig. Sie besitzt wahrscheinlich sowohl inbezug auf diese Zurückgesunkenen selbst, wie vor allem auf ihre Nachkommenschaft, 1) Im Jahre 1895 gab es in Schweden 137 adlige FideiUommisse, daneben 31 von Nichtadligen besessenen. Gesamtwert der ersteren betrug gegen 101 Millionen Kronen (i 13 Millionen Mark) oder 2,6 °/ 0 des in Händen einzelner befindlichen festen Eigentums. Fahlbeck, Der schwedische Adel. 18 ganz so wie betreffs der auswärts wohnenden, die übrigens recht häufig zu derselben Kategorie gehören, bedeutende Lücken. Die in unseren Quellen genannten, in Schweden ansässigen adligen Personen, die in die breiten Lager des Volkes zurückgekehrt sind, sind ihrer Anzahl, ihrem Geschlecht und Zivilstand nach folgende: In niedrigerem Stand befindliche: Männliche Weibliche Summa Von adligem Geschlecht geborene weibliche Unverheiratete 253 218 471 218 Verheiratete 148 148 296 49 Witwer und Witwen 15 44 59 5 Summa 416 410 826 272 Schon diese Übersicht zeigt, daß die obige Statistik sehr mangelhaft sein muß, indem die Zahl der in den Geschlechtern geborenen Frauen unverhältnismäßig gering ist, offenbar, weil die Mehrzahl solcher, die sich verheiratet haben, aus dem Gesichtskreis verschwunden sind. Das auffälligste ist jedoch, daß die Anzahl aufgeführter Adliger in derartiger Stellung trotz der Mängel eine so große ist, wie die obenstehenden Ziffern es ausweisen. Man darf zwar nicht vergessen, daß diese Ziffern nur zum geringeren Teile diejenigen repräsentieren, die den ersten Schritt auf dem abwärts führenden Wege getan haben; die Mehrzahl bilden ganz sicher deren Nachkommen im zweiten und dritten Gliede. Aber die obenstehende Zahl ist doch, selbst wenn man dies in Betracht zieht, merkwürdig groß. Rechnet man, was füglich geschehen kann, drei Viertel der in Amerika lebenden — zusammen 454 männliche und 318 weibliche — hinzu, so kann man ruhig behaupten, daß jeder zehnte Adlige und, von den männlichen allein, jeder achte den unteren Klassen des Volkes angehört. Falls die Statistik hierüber vollständig wäre, so würden die Zahlen noch größer werden; aber auch so wie sie sind, wirken sie in hohem Grade überraschend. Man stellt sich so gern vor, daß diejenigen, die einmal die Spitzen der Gesellschaft erklommen haben, auch beständig dort bleiben. Nichts kann jedoch unrichtiger sein. Georg Planssens Theorie von der Standeszirkulation ist unbestreitbar richtig, wenn auch nicht in der von ihm angegebenen Ausdehnung und Art und Weise. Interessant ist ferner die Beobachtung, wie diese Deklassierten wieder den demographischen Charakter des ganzen Volkes angenommen haben. Die Fruchtbarkeit ist, wie wir oben sahen, in — 2 75 — dieser Gruppe größer als im übrigen Adel. Der Rückgang in die Masse des Volkes hat diesen Familien und Geschlechtern von neuem größere Produktivität verliehen und sie möglicherweise dadurch vor dem Schicksale bewahrt, das den historischen Geschlechtern zu drohen scheint. Dasselbe gilt, wie wir eben gefunden haben, inbezug auf den Wohnsitz. Die meisten von ihnen wohnen, ganz wie die Masse des Volkes, auf dem Lande, wahrscheinlich weil der Übergang in die niedere Klasse selbst in einer versteckt liegenden Gegend, wo er der Welt nicht so wahrnehmbar war, vor sich gegangen ist. Betreffs des Berufes dieser Personen ist unsere Statistik, wie leicht einzusehen ist, recht vollständig, da uns ja bei der Klassifizierung Angaben dieser Art zur Richtschnur gedient haben. Derartige Angaben liegen über nicht weniger als 238 Männer vor. Wie bunt diese Verteilung in Berufe ist, geht am besten aus einigen unter dem Texte mitgeteilten Einzelheiten hervor. Insgesamt sind etwa fünfzig Gewerbe repräsentiert; die am stärksten vertretenen sind indessen auch hier die des Militärs und Landbaues, danach die des Seemannes. Eine geringe Anzahl Personen haben eigenen Besitz, die Masse befindet sich in fremden Diensten 1 ). * * * Der Adel Finlands. Über den Wohnsitz des in Finland ansässigen finländischen Adels gibt die Quelle folgenden Bescheid: In Städten und auf dem Lande wohnhaft waren: in Helsingfors in den übrigen Städten auf dem Lande Summa Männliche 451 388 442 1281 Weibliche 574 450 487 1511 Summa 1025 838 929 2792 7. 36,71 3°, 01 33> 28 100,00 Von etwa fünfhundert Personen fehlen Angaben. Hier tritt die Vorliebe für die Städte, und besonders für die Hauptstadt, noch stärker als im Adel Schwedens hervor. Zum Teil ist dies wohl der UnVollständigkeit unserer Statistik zuzuschreiben, aber sicher nicht ausschließlich. Die höhere Klasse ist wahrscheinlich in Finland noch mehr in den Städten zusammen- 1) Unteroffiziere sind 48, Soldaten 8, Bauern 29, Kossäten, Gärtner und Förster 17, Seeleute 32, Arbeiter 19, Maschinisten und Lokomotivführer 11, Tischler 9, Bäcker und Typographen je 5 u. s. w. 18* — 276 — gedrängt als in Schweden, obgleich von dem finländischen Volke in dessen Gesamtheit ungefähr 90% au ^ dem Lande und nur io°/ 0 in den Städten wohnen. Der verhältnismäßig tief stehende Ackerbau dürfte eine der Ursachen dieses Verhältnisses sein. Andererseits übt die Hauptstadt Helsingfors, als in dem südlichsten Teile des Landes belegen und als Sitz der höchsten Bildungsanstalten, auf die den gebildeten Klassen angehörenden Personen in Finland eine größere Anziehungskraft aus als Stockholm auf das entsprechende schwedische Volkselement. Die Angaben der Quelle betreffs der männlichen Erwerbstätigen umfassen 967 Personen, d. h. bis auf ein paar hundert, alle über 20 Jahre alt. Die Angaben gelten indessen in nicht so wenigen Fällen nicht dem eigentlichen Beruf, sondern nur dem Titel. Von den wirklichen Erwerbstätigen seien folgende angeführt: Offiziere und ehemalige Offiziere 182 Beamte (juristische, kirchliche, Zivilbeamte) . . . 218 Gutsbesitzer und in der Landwirtschaft Angestellte . 135 Zu Industrie Handel u. a. m. gehörend . . . . 137 Den liberalen Berufen angehörend 131 Wie wir sehen, sind, oder richtiger waren, denn die finlän- dische Armee existiert nicht mehr, nicht so wenige unter dem finländischen Adel Offiziere, besonders wenn man bedenkt, wie jung und gering die finländische Kriegsmacht war. Die meisten haben die Beamtenkarriere eingeschlagen. Über ein Viertel derer, die faktisch einen Beruf ergriffen haben und sich nicht als Studenten für ihren Lebensberuf vorbereiten, findet man in Staatsämtern. Danach ist die Gruppe Gutsbesitzer oder sonst in der Landwirtschaft Beschäftigte die zahlreichste. Gehen wir von diesen seit alter Zeit adligen Berufen zu allen anderen sowohl praktischen, wie liberalen über, so zeigt sich, daß ein verhältnismäßig großer Prozentsatz des finländischen Adels sich dem letzteren gewidmet hat. Der soziale Ausgleichungsprozeß ist in diesem Falle in Finland weiter als in Schweden fortgeschritten, eine Beobachtung, die mit der oben betreffs adliger und bürgerlicher Heiraten gemachten übereinstimmt 1 ). Von weiblichen Erwerbstätigen sind nur 143 verzeichnet. Unter diesen sind 50 Gutsbesitzer und Pächter, 38 Lehrerinnen, 15 Beamtinnen, 10 Krankenpflegerinnen, Diako- 1) S. 23SÜ _ 277 nissen und dergl. Ferner haben sich 15 den sogen, liberalen Berufen zugewendet, während 12 als Studentinnen angegeben sind. Daß diese Statistik gleichwohl sehr unvollständig ist, bedarf kaum der Erwähnung. — Dasselbe gilt in noch höherem Grade von den in einen niedrigeren Stand zurückgegangenen unter dem finländischen Adel. Die Quelle führt nicht ganz fünfzig Personen, Frauen und Kinder miteingerechnet, in solcher Lage an. Dies bleibt augenscheinlich weiter hinter der Wirklichkeit zurück. Wahrscheinlich erscheint es nämlich, daß dieser Deklassierungs- prozeß im finländischen Adel in ungefähr demselben Umfang vor sich gegangen ist als im schwedischen. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Lebensaussichten des Adels und seine Stellung als Volksgruppe. Einige Daten über die Bevölkerungsbewegung. Um die Lebensaussichten des Adels recht würdigen zu können, genügt es nicht, die Entfaltung desselben, sowie seine Zusammensetzung- bei einem gewissen Zeitpunkt kennen gelernt zu haben. Es ist noch weiter von nöten, die Veränderungen und den Umsatz, die innerhalb desselben stattfinden, ins Auge zu fassen. Auch erhält das Augenblicksbild der Volkszählung erst dann eine rechte Beleuchtung, wenn es im Zusammenhange mit den Lebensäußerungen, von denen es zum größten Teile ein Ergebnis ist, Ehe, Geburt und Todesfall, betrachtet wird. Leider können nur Bruchstücke der Bevölkerungsbewegung bei dem Adel gegeben werden. Denn wohl werden die jährlichen Veränderungen dieser Art in den Ritterhausgenealogien geführt, aber da die damit zu vergleichende Volkszahl fehlt, so geben die nackten Ziffern der Verheiratungen, Geburten und Todesfälle keinen Aufschluß über diese Vorgänge selbst. Nur für die zehn Jahre 1885—1894, wo uns die Volkszahl mindestens, für ein Jahr bekannt ist, ist also eine Untersuchung hierüber vorgenommen worden, deren Resultate bezüglich der Eheschließungen und Geburten kurz besprochen werden mögen. Die Anzahl der 1885 —1894 geschlossenen Ehen betrug insgesamt 689, oder im Durchschnitt jährlich 69. Die Schwankungen um diese Durchschnittszahl sind jedoch, wie aus nachstehender Tabelle ersichtlich ist, für die verschiedenen Jahre sehr bedeutend. Heiratsfrequenz im schwedischen Adel 1885 —1894 1 ). Geschlossene Ehen Jahr Anzahl 1885 75 1886 7° 188; 6.3 1888 65 1889 5 <8 1 890 ho 1891 69 1892 73 1893 69 1894 87 Sa. 089 Vorausgesetzt, daß sich die Durchschnittsvolksmenge in der Periode gleich geblieben ist (13000 Personen), beträgt die Heiratsziffer, d. h. die jährliche Anzahl Ehen auf die Volksmenge nach dieser Statistik für die ganze Zeit 5,30 °/oo- Dies ist nur etwas weniger, als die allgemeine Heiratszahl für das schwedische Volk, welche zu derselben Zeit 1885—1894 5,99 % 0 war. Der Unterschied ist gleichwohl in Wirklichkeit größer, als er scheint, denn die Volksmasse, mit welcher die Heiraten zusammengestellt werden, ist in diesem und jenem Falle ganz verschieden aus Heiratsfähigen und Nichtheiratsfähigen zusammengesetzt. Die Altersklassen der Jugend sind, wie wir oben gesehen, im ganzen Volke verhältnismäßig viel stärker als im Adel. Ein Vergleich zwischen der Anzahl Ehen und den Heiratsfähigen allein muß deshalb, wie auch die nachstehenden Ziffern zeigen, ein anderes Resultat ergeben. Die Anzahl der jährlich geschlossenen Ehen auf 1000 Männer im Alter von 20—25 Jahren war: im Adel 27,36 im ganzen Volke 1881 —1890 34,13. Der Unterschied ist somit bedeutend größer, als der obige Vergleich zwischen den allgemeinen Heiratszahlen ergab. Da nun sowohl die „allgemeine Heiratszahl" wie die eben angeführte „besondere Heiratszahl" für Schweden eine im Verhältnis zu den meisten anderen Völkern niedrige ist, so erhellt hieraus, daß die Heiratsfrequenz im Adel an sich eine sehr geringe sein muß. Aber auch in diesem Falle dürfte der Adel keine Ausnahme von der höheren Klasse im allgemeinen bilden. Von nicht geringerem Interesse als diese Vergleiche zwischen dem Adel und dem ganzen Volke ist ein solcher zwischen dem 1) Hier sind auch die im niedrigeren Stand befindlichen mit 55 Ehen eingerechnet. Adel selbst früher und jetzt. Laut den Berichten der Tabellenkommission und der ersten Veröffentlichung des Statistischen Zentralbureaus (1851—55) war die Anzahl Ehen in dem darin aufgenommenen Adel so, wie die unter dem Texte mitgeteilten Zahlen ausweisen *). Die Heiratsfrequenz war um diese Zeit beim Adel höher als sie jetzt ist und höher sogar als zur Zeit beim ganzen Volke. Ob jedoch der Niedergang derselben, von dem dieser Vergleich zwischen früher und jetzt ein Zeugnis ablegt, noch anhält, ist wegen der Kleinheit des Materials unmöglich zu sagen. Sicher ist, daß in den oben vorgebrachten Ziffern keine Tendenz dieser Art zu vermerken ist. Aus nachfolgender Tabelle über in den Jahren 1885-—1894 lebend geborene Kinder geht hervor, daß die Durchschnittszahl der jährlichen Geburten in dieser Zeit 214,5 u, rd mit Einteilung in fünfjährige Perioden: in der ersten Periode 229, in der letzten kaum 200 war. 18S5 —1894 im Adel Schwedens geborene Kinder. Jahr Knaben Mädchen Summa 1885 126 11 i -37 1886 '31 1 20 25 1 1887 114 121 2 35 1888 124 107 2 3' 1889 107 8 5 192 1890 109 92 201 1891 96 112 208 1892 95 92 187 1893 106 98 204 1894 100 99 199 Sa. 11 08 1037 2 '45 Nehmen wir, wie oben, an, daß die Durchschnittsvolksmenge in der ganzen Zeit 13000 dem Adel angehörende Personen war, so ist die Nativität oder die allgemeine Geburtszahl für die ganze Zeit 16,5 °/ 00 und für jede fünfjährige Periode 17,6 resp. x 5»4 %o 2 )- Das sind außerordentlich niedrige Ziffern. Wie be- 1) Im Adel geschlossene Ehen in jährlicher Durchschnittszahl. DurchschnittsvolksJährliche Ehen Heiratszahl menge im Durchschnitt 01 .00 1831 1833 10 507 72 6 ,85 1836—1840 10812 62,8 5.81 1841 — 1845 11158 69,4 6,22 1846— 1 K50 1 1503 70,6 6 ,14 1851-1855 1175° 73.4 6,25 2) Auch hier umfassen die Zahlen den ganzen Adel, also auch die in einem niedrigeren Stande Lebenden. 2 8 1 — kannt, ist die allgemeine Nativität in Schweden seit einiger Zeit im Verhältnis zu der anderer Länder sehr niedrig, nächst Frankreich die niedrigste in Europa. Dessen Zahl war gleichwohl in derselben Zeit (1885—1894) 25,36 °/ 0u ehelich lebendgeborener Kinder, also bedeutend höher als im schwedischen Adel. Hieraus kann man sich eine Vorstellung machen, wie niedrig die Nativität beim letzteren ist. Sicher ist sie jedoch nicht niedriger als in der höheren Klasse in Schweden im allgemeinen. Und so wie es in dieser Klasse in Schweden ist, so ist es wahrscheinlich in den meisten anderen Ländern. In den Vereinigten Staaten kommen sogar in manchen Städten ebenso niedrige und noch niedrigere Geburtszahlen für die ganze Bevölkerung, ehelich und unehelich geborene zusammengenommen, vor. Amerika ist das Zukunftsland, außer betreffs des Volkes selber. — Eine richtigere Auffassung der Nativität als durch die allgemeine Geburtszahl erhält man, wenn man die Anzahl Geburten mit der Anzahl Frauen in dem für Geburten in Betracht kommenden Alter, 15—45 Jahre, in Verbindung setzt. Dies geht jedoch im vorliegenden Falle nicht an, weil der Adel keine geschlossene Masse ist, sondern teils Frauen von den übrigenGesellschaftsklassen empfängt, teils an sie abgibt. Nur ein Vergleich zwischen der Anzahl Geburten und der Anzahl dem Adel angehörender verheirateter Frauen ist möglich. Unter der Annahme, daß die Zahl der letzteren in diesen zehn Jahren dieselbe geblieben ist, kamen auf 1000 verheiratete Frauen im Alter von 15—45 Jahren jährlich 181,2 Geburten. Die entsprechende Zahl für das ganze Volk in der Zeit 1881—1890 war 292,5. Die Inferiorität seitens des Adels tritt auf diese Weise sogar noch schärfer hervor als durch die allgemeinen Geburtszahlen. Die von der offiziellen Statistik für die ältere Zeit registrierten Geburten im Adel gehen aus der untenstehenden Zusammenstellung hervor 1 ). Diese Geburtszahlen sind bedeutend höher als die oben für die Gegenwart gefundenen. Die Nativität ist somit seit der Mitte des Jahrhunderts stark zurückgegangen. Ob dies gleichmäßig 1) Der Adel Schwedens. Durchschnittliche Geburten Geburtszahl jährlich "1 / 00 1831 — '835 247 2 3-5 1836— 1840 246 22,7 1840— 1845 227 20,3 1846 — 1850 236 20,5 1851— 1855 248 2 r , i H GM'':'. II Ii |1 ■ wm ■ I ■i und als eine Fortsetzung der Abwärtsbewegung, von der die Zahlen der drei ersten dieser fünfjährigen Perioden Zeugnis ablegen, geschehen, ist unmöglich zu sagen. In diesem Falle wäre die Steigerung in den beiden letzten Perioden 1846 —1855 eine zufällige. Jedenfalls ist die Abnahme, die sich seit dieser Zeit vollzogen hat, eine ungeheure, wie die Zahlen für 1885—94 im ganzen, und noch mehr, wenn man sie für jede fünfjährige Periode für sich betrachtet, zu erkennen geben. Wir können aus allem diesem feststellen, teils daß die Nativität im heutigen Adel eine sehr niedrige ist, und teils, daß sie, und zwar in voller Übereinstimmung mit den vorher in dieser Arbeit nachgewiesenen Erfahrungen betreffs der Fruchtbarkeit, seit 1850 stark gesunken ist. Auch betreffs der Sterblichkeit nach dem Alter sind, jedoch nur für die ersten Alter, Untersuchungen vorgenommen worden. Das hierbei erhaltene Material ist indessen so geringfügig, daß sichere Schlußfolgerungen daraus nicht zu ziehen sind. Die Sterblichkeit ist ebenso wie das Geschlecht bei den Geburten eine jener statistischen Erscheinungen, bei denen größere Massen und Zahlen erforderlich sind, damit der Typus klar und deutlich hervortrete. Es genüge, hier zu erwähnen, daß die Sterblichkeit in den zehn ersten Eebensjahren während der Jahre 1885—1894 bei dem Adel faktisch bedeutend geringer war als die für diese Alter gewöhnliche. Dasselbe zeigt eine Untersuchung betreffs der Sterblichkeit in den Familien nach deren Größe. Denn selbst unter großen Kinderscharen waren die Verheerungen des Todes keineswegs groß. Die allgemeine Abnahme der Sterblichkeit in den höheren Klassen der Jetztzeit hat die Macht des Todes auch betreffs dieser ihm sonst stark ausgesetzten Fälle gebrochen. * * * Ergebnisse der Bevölkerungsbewegung und Lebensaussichten im Adel Schwedens. Zwei Fragen, die in dieser Arbeit vorher berührt worden sind, aber dort nicht entschieden werden konnten, lassen sich jetzt befriedigend beantworten. Die eine entstand bei der Betrachtung der Alterspyramide und der hierbei wahrgenommenen schwachen Besetzung der jüngsten Altersklassen. Man wurde nämlich hierdurch zu der Schlußfolgerung geführt, daß die Regeneration im Adel seit einigen Jahrzehnten ganz plötzlich abzunehmen begonnen habe. Es war Ii aber da unmöglich zu bestimmen, ob dies auf verminderter Fruchtbarkeit oder auf abnehmender Heiratsfrequenz oder auf diesen beiden Momenten zusammen beruhe 1 ). Jetzt können wir sagen, daß die eigentliche Ursache hierfür offenbar das erstere Moment ist. Die eben angeführten niedrigen Geburtszahlen lassen keinen Zweifel hierüber bestehen. Eine stark sinkende Fruchtbarkeit ist somit der neueste Zug in der demographischen Physiognomie des schwedischen Adels. Die zweite Frage, die wir ebenfalls unbeantwortet lassen mußten, war die, ob der heutige Adel an Anzahl zu- oder abnimmt oder sich nur gleich erhält. Der Vergleich mit älteren Volksmengenziffern zeigte teils, daß der Adel in der Zeit von 1815 —1855 seine Zahl vermehrt hat, teils, daß er auch nach 1855 zugenommen hat, obschon freilich in beiden Fällen viel weniger, als die Volkszählungszahlen unmittelbar ausweisen -). Ob diese Zunahme aber weiter fortfährt oder ob eine Änderung darin eingetreten ist, konnte dort nicht mit Sicherheit entschieden werden. Die oben angegebenen Ziffern der Nativität machen das letzte in hohem Grade wahrscheinlich, um nicht zu sagen sicher. Eine Geburtszahl von 15,4 °/ 00 , welche ganz sicher nicht als eine zufällige oder vorübergehende zu betrachten ist, deckt nicht mehr den Abgang durch Tod. Wir kennen zwar das Maß der Sterblichkeit unter dem Adel nicht, und wissen nur, daß auch dieses sehr niedrig sein muß, aber so niedrig wie 15,4 °/ 00 kann es gleichwohl nicht sein. Diese Zahl setzt nämlich bei einer stillstehenden Bevölkerung, ohne Zuzug oder-bemerkenswerten Abzug, voraus, daß das von den Menschen im großen Durchschnitt erreichte Lebensalter nicht weniger als 65 Jahre wäre, was zur Zeit unzutreffend ist. Die mittlere Lebensdauer bei o Jahren, welche mit dem erreichten Durchschnittsalter in einer stillstehenden Bevölkerung zusammenfallen muß,. war 1881—1890 für das ganze Volk — 50,02 Jahre. Der Unterschied zwischen den angeführten Zahlen ist zu groß, um richtig zu sein. Folglich ist auch die Annahme einer so geringen Sterblichkeit unter dem Adel unhaltbar. Sie muß eine größere sein. Wir können deshalb überzeugt sein, daß die Geburten den natürlichen Abgang im schwedischen Adel durch den Tod nicht länger decken. Kommt nun noch hinzu, daß das eine oder andere Individuum verzieht oder sonst im Strudel des sozialen 1) S. oben S. 199. 2) S. oben S. 174. Umsatzes verschwindet, während keines oder so gut wie keines hinzukommt, so ist es klar, daß die Masse des Adels künftighin an Zahl sinken muß. Dies ist also das Resultat der Bevölkerungsbewegung im Adel jetzt und wahrscheinlich für alle Zukunft. Denn nachdem die natürliche Zunahme sich einmal in eine ebenso natürliche Abnahme verwandelt hat, erscheint eine rückgängige Bewegung sehr wenig glaublich. Der Adel wird mit aller Wahrscheinlichkeit rasch an Zahl abnehmen. Welche Rückwirkung dies wiederum auf die einzelnen Geschlechter ausüben wird, ist leicht vorauszusehen. Bei allen denen, die schon vorher einen wenig aussichtsvollen Kampf mit dem Untergange gekämpft haben, wird dieser hiernach um so früher kommen, während die Geschlechter, die sich bisher gut gestanden haben und sogar an Zahl gewachsen sind, von nun an denselben Weg zu wandern beginnen werden, den die große Schar ausgestorbener Geschlechter vor ihnen gegangen ist. Die Resultate, zu denen die Statistik über den Adel der Gegenwart kommt, besiegeln somit das vorher in dieser Arbeit ausgesprochene Urteil über das Schicksal dieser Geschlechter 1 ). * * * Der Adel als Volksgruppe. Während der Adel vom sozialen Gesichtspunkte aus, wie wir, sowohl was die Heiraten, wie was die Berufe betrifft, oben zu beobachten Gelegenheit hatten, noch gewisse unbedeutende Spuren von Eigenart darbietet, fällt er als demographische Gruppe vollständig mit der höheren Klasse im allgemeinen zusammen. Wir haben diese Behauptung zwar nur zum geringen Teil statistisch belegen können, aber alles spricht für ihre Richtigkeit, während meines Wissens nichts dem zu widersprechen scheint. Auch liegt es in der Natur der Sache, daß der Adel im Rahmen der Bevölkerung nur ein repräsentativer Teil der genannten Klasse ist. Denn während sich beide durch höhere gesellschaftliche Stellung, feinere Sitten und Bildung vor der Masse des Volkes auszeichnen, unterscheiden sie sich gegenseitig höchstens durch die größere oder kleinere Anzahl Glieder, in welchen sie diese Vorzüge besessen haben. Die Geschlechter des Adels sind, i) Um den Verlauf des Prozesses des Aussterbens der adligen Geschlechter in den letzten Jahren zu beleuchten, mag erwähnt werden, daß seit i. Januar 1895 bis zum Juli 1903 wieder 1 gräfliches, 2 freiherrliche und 17 adlige Geschlechter auf der Mannesseite ausgestorben sind. als meistens länger als andere dieser Klasse angehörende, eine längere Zeit den Einflüssen der Verfeinerung ausgesetzt gewesen. Aber dieser Umstand verleiht dem Adel keineswegs einen anderen Charakter, er läßt diese Züge bei ihm nur reiner und mit größerer Festigkeit erscheinen. Der Adel wird ein Typus und ein Repräsentant der ganzen Klasse, zu der er gehört. Hierin liegt nicht zum wenigsten die Bedeutung der nun abgeschlossenen Untersuchungen über den schwedischen Adel. Sie gelten in Wirklichkeit der ganzen oberen Schicht im Gebäude der schwedischen Gesellschaft und geben hierdurch einen Einblick in die darin herrschenden und die sozialen Unterschiede begleitenden demographischen Eigenheiten. Denn in den meisten Fällen, wo Vergleiche zwischen dem Adel und dem ganzen schwedischen Volke angestellt werden konnten, haben bedeutende Unterschiede beobachtet werden können. Sogar der von der Natur bestimmte Geschlechtscharakter zeigte Abweichungen, wenn auch keine großen, auf. Dagegen war der Unterschied, sowohl was Alter wie Zivilstand, Ehefrequenz wie Fruchtbarkeit und offenbar auch Sterblichkeit betrifft, bedeutend. Endlich geht die Bevölkerungsbewegung in der kleinen Masse in einem anderen Tempo als im ganzen Volke, was wiederum auf allen den Gebieten, wo diese Bewegung eingreift, — und das ist beinahe überall — Verschiedenheiten verursacht. Aber stets ging die Verschiedenheit in der Bevölkerungsbewegung in ein und derselben Richtung — nach dem Minderen. Alle großen Begebenheiten des Lebens, Heiraten, Geburten und Todesfälle, kommen beim Adel in verhältnismäßig kleinerer Menge als beim Volke vor. Das ist der kennzeichnende Zug in der Demographie des Adels und somit auch der ganzen höheren Klasse. Der Pulsschlag des natürlichen Lebens geht langsamer, gleichsam vorsichtig und um die Kräfte zu sparen. Dies ist also die Einwirkung der Bildung und Verfeinerung auf eine Volksmasse. Denn so wie es bei dem Adel und der gebildeten Klasse in Schweden ist, so ist es auch ganz sicher mit den entsprechenden Gruppen bei anderen Völkern. Die von der Kultur am meisten beeinflußten höheren Klassen werden bewußt, bedenken alles und leben mehr für sich als für das Geschlecht, wenigstens in dessen durch die Fortpflanzung bedingter Art. Etwas anderes ist freilich kaum zu erwarten. Je selbstbewußter und überlegter der Mensch wird, um so mehr entzieht er sich den unmittelbaren Instinkten und Trieben der Natur; und um so unwilliger unterwirft er sich ihren oft brutalen Vorgängen. Es ist deshalb die Frage, ob die Verfeinerung und Selbstbespiegelung in der Kultur die Menschen nicht zuletzt für den Naturprozeß der Fortpflanzung unfähig machen. Denn diese Dinge werden am besten von einem nicht zu viel denkenden Geschlechte ausgeführt. Daß auch andere Umstände, wie Furcht vor Teilung des Vermögens u. dergl. in anderen Klassen dieselben Folgen haben können, lehrt das Beispiel Frankreichs. Aber auch dieses ist eine Frucht des Kulturbaumes des Guten und Bösen. Ich brauche nicht zu erklären, welche Aussichten sich hierdurch betreffs der Kulturvölker für die Zukunft eröffnen. Es genügt zu betonen, daß es ganz andere sind als diejenigen, die die Anbeter der Menschheit und ihrer Entwickelung mit entzückten Blicken betrachten. -k * Liegt bei den höheren Klassen Degeneration vor? Nachdem wir nun konstatiert haben, daß der Adel und die höhere Klasse in demographischer Beziehung eine Sonderstellung einnehmen, erhebt sich von selbst die Frage, wie man dies Verhältnis auffassen und beurteilen soll. Am nächsten liegt es ja, es als Äußerung einer Degeneration zu betrachten, der die höhere Klasse gemeinhin ausgesetzt ist. Ungeachtet der meistens auf Rechnung der Wissenschaft und Aufklärung zu setzenden geringeren Sterblichkeit deutet alles auf eine abnehmende Lebenskraft. Aber die Herabsetzung der Lebenskraft wird ja als ein Zeichen von Degeneration betrachtet — also liegt hier ein Fall von solcher vor. Wie naheliegend diese Schlußfolgerung zu sein scheint, so muß man sich gleichwohl hüten, sie ohne weiteres anzuerkennen. Sie ist zwar unzweifelhaft richtig, wenn man diesen Teil des Volkes für sich betrachtet; bleibt man aber nicht hierbei stehen, sondern sieht ihn im Zusammenhange mit dem Volke in dessen Gesamtheit, so ändert sich bald das Urteil. Denn der Adel und die höhere Klasse stehen in dieser Sache nicht allein da. Dank der verhältnismäßig langen Erfahrungen der schwedischen Statistik können wir sehen, daß die Eigenheiten, die jetzt den Adel auszeichnen, schon seit langer Zeit im ganzen Volke in Entwickelung begriffen sind. Sowohl LIeiraten wie Geburten sind, wie nach- folgende Zahlen zeigen, seit Mitte des iS. Jahrhunderts ununterbrochen herabgegangen. Auf iooo der Durchschnittsvolksmeng'e kamen: 1751—1760 18x1 —1820 1871—1880 1891—1900 Heiraten 9,10 8,78 6,81 5,9 Geburten (lebend geborene eheliche und uneheliche) . . 36,09 33,37 3°,48 27,3 Daß die Sterblichkeit noch stärker gefallen ist, ist allbekannt, dies kann aber aus oben angegebenem Grunde übergangen werden. Das Angeführte zeigt indessen, daß der Adel und die höhere Klasse genau dieselben Wege gewandelt sind wie das übrige Volk. Schließt diese Entwickelung also eine Degeneration in sich, so scheint sie das ganze Volk zu betreffen. Es wäre jedoch unrecht, die genannte Entwickelung bei dem letzteren so zu deuten. Das Sinken der Heiratsfrequenz und der Fruchtbarkeit ist in diesem Falle eine unbewußte aber natürliche Folge der Kultur; und überschreitet sie nicht eine gewisse Grenze, so ist man nicht dazu berechtigt, sie als Degeneration zu stempeln. Alles beruht auf dieser Grenze, oder mit anderen Worten darauf, wie tief die Heirats- und Geburtsziffern sinkeil. Kommen sie auf den Punkt, wo die Geburten die Todesfälle nicht länger decken, dann ist der Verfall deutlich da; auch vor Erreichung dieses Punktes ist er vorhanden. Glücklicherweise ist man in Schweden, was das ganze Volk betrifft, von dem genannten Punkte noch weit entfernt. Von diesem können wir somit ruhig sagen, daß der Rückgang im natürlichen Zuwachse noch keine derartige Gefahr in sich schließt. Betreffs des Adels als besonderer Volksgruppe dagegen scheint der erwähnte Punkt seit einigen Jahrzehnten erreicht zu sein; und daß die dazu führenden Kräfte in den einzelnen Geschlechtern seit langer Zeit gewirkt haben, das wissen wir aus dem Vorhergehenden. Diesem Maßstabe nach zu urteilen, scheinen sich also der Adel und die höhere Klasse in Schweden in dem Zustande zu befinden, den der Demograph Degeneration nennt. Dies ist zwar nicht dasselbe wie die physische Degeneration, die der Psychiater beschreibt, aber sie bedeutet doch einen Schwächezustand, der bewirkt, daß diese Klasse nicht aus sich selbst und durch eigene Regeneration besteht. Aber auch jetzt müssen wir uns vor einem übereilten Urteil in Acht nehmen. Die höhere Klasse ist keine isolierte und auf sich selbst beruhende Volksmasse — denn wäre — 288 — sie das, so wäre das Urteil über sie einfach und klar. Aber nun ist sie nur ein hervorragender Teil des ganzen Volkes. Aus diesem ist sie hervorgegangen und aus diesem rekrutiert sie sich ununterbrochen. Die höhere Klasse in den Gesellschaften der Jetztzeit ist, demographisch gesehen, überwiegend eine Frucht der Standeszirkulation. Aber diese Bewegung muß notwendig unter gewissen Verhältnissen eine große Menge Personen der genannten Klasse zu Zölibat und späten Ehen verurteilen, wie auch andrerseits bei furchtsamen Gemüter die Angst vor großen Familien erwecken. In jeder Gesellschaft ist nämlich für diese Klasse der Platz sehr eng begrenzt. Sobald deshalb der Zufluß von unten so groß ist, wie es in Schweden der Fall ist, so wird das Gedränge in derselben unerträglich und infolgedessen Ehen und Geburten eingeschränkt. Betrachtet man diese Erscheinungen in der eben angedeuteten Art, so erhalten sie teilweise ein anderes Aussehen. An sich sind sie zwar Degenerationsphänomene ; und die Geschlechter, in welchen sie vorkommen, sterben aus. Aber im Zusammenhange mit dem inneren sozialen Umsatz betrachtet, müssen sie als Äußerungen eines natürlichen und — wenn er nicht zu weit getrieben wird — gesunden Prozesses im Leben des Volkes betrachtet werden. Denn wie beim Wachsen eines Baumes ältere Sprößlinge absterben, während neue hervorsprießen, so ist es auch im Volke und bei dem sozialen Umsätze in demselben. * * * Die höheren Klassen an der Spitze der Entwickelung. Wie wir gesehen haben, unterscheiden sich der Adel und die höhere Klasse in demographischer Beziehung nicht dadurch vom ganzen Volke, daß sie in einer anderen Richtung gehen als dieses. Beide folgen denselben Wegen, aber die ersteren sind ein Stück weitergekommen als die Masse des Volkes. Dies ist im Grunde genommen der ganze Unterschied. Man kann demnach folgende Parallele aufstellen: die höchsten Klassen verhalten sich in bevölkerungstheoretischer Beziehung zum übrigen Volke wie die Jetztzeit zu älteren Zeiten. Mit anderen Worten: sie gehen an der Spitze der Entwickelung. Die Ziffern für Heiraten, Geburten und Sterbefällen, die für das ganze Volk jetzt gelten, haben für die höheren Klassen früher gegolten. Das ist eine merkwürdige und bedeutsame Tatsache. Aber wichtiger als sie sind die Aussichten für die Zukunft, die sie zu eröffnen 289 — scheint. Wird also die Entwickelung in Zukunft auf dieselbe Weise fortschreiten wie bisher? Und wird das ganze Volk ebenso, wie es sich jetzt auf dem Punkte befindet, wo die höheren Klassen früher standen, einstmals dorthin gelangen, wo die letzteren jetzt stehen? Nur die Zukunft kann sagen, in welcher Weise diese folgenschweren Fragen beantwortet werden sollen. Allein daraus, daß die Entwickelung bisher in dieser Richtung gegangen ist, folgt nicht, daß sie beständig denselben Weg geht oder ebenso weit kommt, wie bei den Vortruppen des Volkes, der höheren Klasse. Ihr Marsch wird nämlich, außer durch die allgemeine Tendenz der Kultur, in diesem Falle noch durch den Druck von unten, die aufwärtsgehende Bewegung des sozialen Umsatzes, beschleunigt. Dieser Druck fehlt offenbar den übrigen Teilen der Bevölkerung. Deshalb kann man mit Recht erwarten, daß die hier beobachtete Entwickelung bei den letzteren niemals die Stärke erreichen wird, die sie bei den höheren Klassen gehabt hat. Vollkommene Sicherheit dafür, daß dem nicht so sein wird, hat man allerdings nicht. Denn obschon die unteren Lager nicht dem Druck der aufwärtsgehenden Bewegung ausgesetzt sind, haben sie andererseits das Beispiel von oben vor Augen; und dies wirkt nicht weniger stark. Das ist die eigentliche Gefahr. Was wir hier betreffs der Bevölkerungsverhältnisse beobachtet haben, ist indessen keine isolierte Erscheinung. Die höheren Klassen stehen, wo nicht besondere Umstände das Gegenteil bewirkten, stets an der Spitze der Entwickelung. Dies finden wir auf fast sämtlichen Gebieten des menschlichen Lebens. Unzählig sind somit die durch Sitten und Gebräuche, moralische und religiöse Anschauungen, soziale und politische Vorurteile und Ideen gelieferten Beweise für die Wahrheit dieses Satzes. Die Masse des Volkes ist in allen diesen Beziehungen in der Regel ein bis zwei Menschenalter, zuweilen noch mehr, den höheren Klassen nach. Zwar kommen Fälle vor, wo wenigstens teilweise ein umgekehrtes Verhältnis stattfindet, wie z. B. die neuzeitliche Temperenzbewegung, aber diese, die einem besonderen in den unteren Lagern des Volkes stark gefühlten Bedürfnisse ihren Ursprung verdanken, sind seltene Ausnahmen. Die Regel ist, daß die höheren Klassen im Guten wie im Bösen dem übrigen Volke ein Stück voran sind. Aber hierdurch wirken sie auch als Vorbilder für das letztere. Mag der Klassenunterschied im übrigen groß oder klein sein — so gut wie überall und immer Fahlbeck, Der schwedische Adel. 19 — 290 — sind die höheren Klassen in Sitten und Anschauungen die Vorbilder und Führer der niederen gewesen. Früher wirkte dies unbewußter und deshalb langsamer; in der Gegenwart geschieht es absichtlich und schneller. Dies legt aber jenen Klassen eine große Verantwortung auf, die sie leider nur allzuwenig kennen. Die s. g. Gebildeten tragen nicht allein unmittelbar und als Führer der materiellen und immateriellen Produktion die Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft. Sie haben sie auch als Vorbilder für die übrigen Klassen und als , Richtpunkte für deren Entwickelung. Dies ist eine Auszeichnung, aber gleichzeitig eine große Verantwortung, vor allem mit Bezug auf die oben erwähnten Verhältnisse. Hier gilt deshalb wenn jemals, das alte Wort — noblesse oblige. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Standeszirkulation. Wesen und treibende Kräfte der Standeszirkulation. Wie viel noch daran fehlt, daß die allgemeine Bevölkerungslehre eine in Maß und Zahl vollständige Darstellung des Menschen und seines Lebens werde, geht beim ersten Schritte über die allbekannten Flursteine hervor. Sie beschreibt die Völker nach dem kärglichen Schema der allgemeinen Volkszählungen, erstattet nach den Zivilstandsregistern über die jährlichen Veränderungen Bericht und zieht auch aus den letzteren das Facit mit Bezug auf die Zu- und Abnahme des Volkes. Aber dies ist vorläufig alles. Und gleichwohl gibt es viele Lebensäußerungen der Völker auch auf rein demographischem Gebiete, die hierbei teils unvollständig erörtert bleiben, teils gar nicht berührt werden. Zu den ersteren gehört die Frage der Reproduktion und des inneren Umsatzes der Bevölkerung. Diese Fragen -sind zwar in einer Beziehung, nämlich betreffs der Volksmehrung und der rechten Volksmenge, frühzeitig ein Gegenstand der Aufmerksamkeit besonders der Staatsmänner gewesen, aber eine erschöpfende wissenschaftliche Behandlung derselben ist noch nicht vorgenommen. Denn Malthus bekannte Lehre von der Volksvermehrung ist nur der erste grundlegende Entwurf zu einer solchen. Die weitere Entwickelung der Lehre von der Reproduktion des Volkes schließt nicht allein die Frage des Zuwachses der Volksmenge, der Übervölkerung und Volksmangel, sowie der rechten Volksmenge, sondern auch die des gegenseitigen Größen Verhältnisses der verschiedenen Klassen und Berufe und ihrer Rekrutierung aus einander ein. Noch ist dies alles nur wenig bekannt. Den bemerkenswertesten Versuch, besonders diesen inneren Umsatzprozeß und seine Resultate in großen Zügen zu zeichnen, ent- 19* — 2 92 hält Georg Hansens bekannte Arbeit „Die drei Bevölkerungsstufen". Es dürfte überflüssig sein, hier über die Theorie Hansens, sowie über die Kritik, der sie ausgesetzt gewesen ist, zu berichten. Sein Buch bleibt trotz der schwachen empirischen Unterlage für den großen Bau (das supponierte Aussterben der Stadtbevölkerung) und ungeachtet mehrerer großer Mängel desselben (wie Identifizierung der Stadtbevölkerung mit der höchsten Klasse, Überschätzung der Stärke des abwärtsgehenden Stromes u. s. w.), doch stets ein Grenzstein auf dem Wege zu einer tieferen Einsicht in diese Dinge. Es fehlt indessen noch viel, bis wir so w T eit sind. Die folgenden kurzen Bemerkungen machen auch nicht den Anspruch, etwas anderes zu geben als eine orientierende Übersicht über den sozialen Umsatz in einer seiner Äußerungen, nämlich als Standeszirkulation, dem Übergange von einer Klasse in die andere, oder näher bestimmt, von den niederen Klassen in die höchste. Wir wollen nur die Erfahrungen, die das Studium des lebenden wie des ausgestorbenen Adels in dieser Hirisicht gegeben hat, verwerten. In der Einleitung oben erinnerten wir bei der Rede vom Ursprung der Stände und Klassen an den Unterschied zwischen diesen als soziale Organisationen und als Bevölkerungsgruppen. Die Stände und Klassen als soziale Bildungen sind durch die sozialen Aufgaben, sowie durch die Forderung einer Arbeitsteilung seitens der Kultur hervorgerufen. Die bewußte Tätigkeit der Individuen hat hierbei eine untergeordnete Rolle gespielt. Die Stände und Klassen als Bevölkerungsgruppen dagegen sind Produkte des allgemeinen Konkurrenzkampfes zwischen den Individuen. Denn auf diesem beruht es, welche Individuen und Geschlechter sich ursprünglich über die Masse erhoben haben, und welche dann fortwährend aus dem unteren Lager des Volkes in die oberen emporsteigen. Die soziale Differenzierung in Stände und Klassen hat deshalb stets einen inneren Umsatz und eine innere Bewegung zwischen diesen Klassen im Gefolge. Zwar haben, wie wir aus der Geschichte wissen, alle Aristokratien diese Bewegung nach Kräften zu hemmen und einzuschränken gesucht. Die Geschichte lehrt uns aber auch, daß dies niemals gelungen ist, und zwar aus zwei Gründen: dem unbezwingbaren Streben der niederen Stände emporzukommen, und dem Aussterben der alten Geschlechter. Zu allen Zeiten hat somit ein Austausch zwischen den Klassen und ein Umsatz stattgefunden. Diese innere Bewegung zwischen den Klassen bildet die Standeszirkulation, die wir in ihrer jetzigen Gestalt ein wenig studieren wollen. Bevor wir jedoch weiter gehen, dürfte es notwendig sein, an einen anderen, ebenfalls ununterbrochen, nur in viel größerem Maßstabe vor sich gehenden Umsatz zu erinnern, mit dem die Standeszirkulation nicht verwechselt werden darf. Das ist, was man den sozialen Generationswechsel nennen kann, das Erbe der einen Generation von der anderen, indem die Söhne und die Jungen die Plätze und Lebensstellungen einnehmen, die die Väter und die Alteren besessen haben, aber nach der Ordnung der Natur verlassen mußten. Dieser Umsatz bedeutet die Ablösung auf den Posten des Lebens. In der Gestalt des Eintretens der Individuen in Beruf und Lebensstellung mit dem Alter und ihres Aufrückens in höhere ist dieser Umsatz schon zum Gegenstande statistischer Behandlung gemacht 1 ). Er ist indessen eine ganz andere Erscheinung, obschon die beiden Bewegungen in einzelnen Fällen nebeneinander hergehen oder zusammenfallen. Zunächst tritt die Standeszirkulation als eine aufwärtsgehende Bewegung auf. Die in einer niederen Klasse Geborenen arbeiten sich in eine höhere hinauf. Diese Bewegung geht jedoch nicht allein auf eine Art, sondern auf mehrere vor sich, obwohl es uns schwer fällt, sie in mehr als einer Gestalt zu verfolgen. Das ist die, wenn z. B. der Sohn eines Arbeiters sich durch Studien oder anderswie einen Platz als Beamter oder Geschäftsmann erringt. Hier erreicht die Bewegung mit einem Mal ihr Ziel. Sie kann indessen- auch schrittweise gehen, so daß der Sohn des Arbeiters z. B. Volksschullehrer oder Plandwerker und erst dessen Sohn oder Enkel in die oberen Reihen der Gesellschaft eintritt. Der Übergang in den adligen Stand ist beinahe immer auf diese Weise gradweise vor sich gegangen. Welcher dieser in verschiedenem Tempo fortarbeitenden Ströme nach den Höhen der Gesellschaft der stärkste ist, das können wir nicht wissen, da wir in der Regel nur den einen, der mit einem Male von unten nach oben führt, sehen. ■—■ Die bei dieser Bewegung treibende Kraft ist vor allem das in der l) So z. B. in Norwegen ( Norges officielle Statistik, 3 Räkke No. 2S4, Kristiania 1898, S. 86). menschlichen Natur wohnende Streben, das Höchste zu erreichen und im allgemeinen seine Stellung zu verbessern. Der von Hansen angezogenen allgemeinen Volksvermehrung kann ich in diesem der Anzahl nach stets sehr begrenzten Umsätze keine große Bedeutung beimessen. Sie ist eine der Anlässe zur Strömung vom Lande nach der Stadt, aber diese fällt keineswegs, wie der genannte Verfasser zu glauben scheint, mit dem sozialen Umsätze zusammen. Zwar kann die allgemeine Volksvermehrung auch dem sozialen Umsätze einen Impuls verleihen; aber dieser würde ganz sicher auch vor sich gehen, wenn der Zuwachs sich verminderte oder sogar aufhörte, in einer der Anzahl nach stillstehenden Bevölkerung also. Nein, die eigentliche vorwärts- treibende Kraft ist sicher moralischer Art, das lebhafte Verlangen, es zu etwas zu bringen, mag nun dieses Verlangen durch das Gefühl eigener Kraft und Befähigung, oder durch intellektuelle Interessen, oder durch Eitelkeit, oder durch alle die anderen Gefühle diktiert sein, die den Blick über die enge Welt des väterlichen Hauses hinaus nach der großen weiten da draußen lenken können, die das junge Blut in der Phantasie geschaut hat und die deshalb so herrlich und schön erscheint. Der soziale Umsatz besteht indessen nicht allein aus dieser aufwärtsgehenden Bewegung. Neben ihr gibt es auch eine abwärtsgehende. Die höheren Klassen nehmen nicht bloß entgegen, sie geben auch ab, obschon der Austausch weder quantitativ noch qualitativ gleichwertig ist. Aber über diese Nachtseite der Standeszirkulation wissen wir äußerst wenig, noch viel weniger als über die, die am hellen Tage vor sich geht. Die dabei wirksamen Kräfte sind auch nicht so augenscheinlich. Vor allen aber steht der Konkurrenzkampf um Besitztümer und Ämter, in dem der in dieser oder jener Beziehung schwach Ausgerüstete der höheren Klassen das Los des Schwachen erleidet, besiegt zu werden und zu verschwinden. — Viel wichtiger als die eben angedeutete abwärtsgehende Bewegung ist jedoch das Aussterben der Geschlechter. Dieses Faktum bildet ein Hauptmoment in der Erscheinung der Standeszirkulation. Es ist seiner Natur nach negativ, aber nichtsdestoweniger mächtig. Es wirkt wie der luftleere Raum, unwiderstehlich an sich saugend. Die Lücken, die der Tod in den Gliedern der höheren Geschlechter macht, müssen mit frischem Volk von unten ausgefüllt werden. Die aufwärtsgehende Bewegung. Daß ununterbrochen eine Strömung von den unteren Lagern der Gesellschaft nach den höheren stattfindet, ist allbekannt. Die handgreiflichen Beweise dafür haben wir rings um uns her. Aber von dem Umfang dieser Bewegung, sowie den Wegen und der inneren Beschaffenheit derselben wissen wir sehr wenig. Die augenblicklich einzige Möglichkeit, sie zu studieren, ist die, daß man die Statistik über die Schüler der Lehranstalten, die von den Kindern der höheren Klassen oder denjenigen, die zu diesen Klassen hinaufführen, besucht werden, zur Hand nimmt. Diese Lehranstalten sind in Schweden die öffentlichen Staatsschulen. Zwar gibt es noch einig'e Privatschulen, die beinahe ausschließlich von Söhnen der höheren Klassen besucht werden, aber ihre Anzahl ist in Schweden sehr gering. Die Hauptmasse der Kinder der gebildeten Klasse findet man in den öffentlichen Staatsschulen. Wichtiger ist indessen, daß die genannten Schulen beinahe ausnahmslos alle die fassen, die sich von einer niederen Klasse zu einer höheren hinaufarbeiten wollen. Denn wenn sie auch früher die Volksschule besucht haben, so wird doch hier ihre Ausbildung und Umwandlung vollendet. In diesen Lehranstalten kann man also, vorausgesetzt, daß eine Statistik über die Herkunft der Schüler vorliegt, den aufwärtsgehenden Strom in der Standeszirkulation studieren und messen. Und in dieser Beziehung sind zu drei verschiedenen Malen, 1875, 1885 und 1897 Untersuchungen vorgenommen worden. Die erste war mehr summarisch, die anderen detaillierter. Das Resultat dieser Untersuchungen geht aus nachfolgender Übersicht hervor. Herkunft der Schüler an den höheren Staatsschulen nach dem Berufe des Vaters (relative Zahlen) 1 ). Beruf des Vaters 1885 1897 0/ 0/ 10 Ii) I. Gutsbesitzer, größere Gewerbetreibende I t ? /i Kaufleute und dergl / 3,4 4 ' 9 Kirchliche und zivile Beamte (mit einem jährlichen Einkommen von mindestens 3000 Kr.) Ärzte, Ingenieure, Künstler u. a Offiziere Sä. 36,3 39,6 1) Die absolute Schülerzahl war 1885 14617 und 1897 16 180. Die ältere Statistik von 1875 nimmt nur vier Berufsgruppen mit folgender Verteilung auf: Gewerbetreibende oder sonst zur Mittelklasse Gehörende 45,3 " 0 Beamte 27,5 „ Bauern oder Kötner 13,9 r Arbeiter 13,3 ,, 2g6 Übertrag 36,3 39,6 II. Bauern und Kötner T 4>9 \ 9> 2 \ Handwerker "Werkmeister 14 ,3 y ^ g 12 >4* { , Krämer, Gastwirte, Baumeister, Fuhrwerks- | 4 V j 4 1 »S besitzer und dergl 17,6 ' J 9^9 Subalternbeamte (mit einem jährlichen Einkommen von von weniger als 3000 Kr.) 8,6 10,1 III. Arbeiter aller Art, Dienende, Soldaten u. a. 8,3 8,8 100,0 100,0 Führt man die Zahlen für die Jahre 1885 und 1897 — um uns nur an diese zu halten — in drei große, den höheren Klassen, der Mittelklasse und der Arbeiterklasse entsprechende Gruppen zusammen, so zeigt es sich, daß die erste die öffentlichen Schulen in den genannten Jahren mit 36,3 resp. 39,6 °/o> die zweite mit 55,4 resp. 5i,6°/o unc ^ die letzte mit 8,3 und 8,8 °/ 0 bevölkerte. Aus dem hier in Betracht kommenden Gesichtspunkte muß gleichwohl ein großer Teil der Mittelklasse mit der dritten zusammengenommen werden. Dann zeigt sich, daß über die Hälfte aller derjenigen, die in diese Schulen gehen, aus den niederen Ständen kommen und auf dem Wege zu den höchsten Klassen sind. — Diese Resultate stimmen gut mit einer Statistik überein, die ich über den Beruf der Väter der in den Jahren 1890—98 an der Universität zu Lund immatrikulierten Studenten habe anfertigen lassen, soweit nämlich aus den ziemlich unvollständigen Primärangaben Aufschluß hierüber zu gewinnen war. Von 1018 gezählten Studenten haben 41 oder 4,0 °/ 0 den Beruf ihres Vaters als Arbeiter, 485 oder 47,6 °/ 0 als einem der oben unter Gruppe II aufgenommenen Gewerben angehörend, und der Rest von 492 oder 48,4 °/ 0 als den Berufen der höheren Klassen angehörend angegeben. Von der Zwischengruppe haben 218 oder 21,4 °/ 0 den Vater als Landmann, das will wohl meistens sagen Bauer oder Kötner, angegeben. Auch nach dieser Statistik ist somit ein Viertel derjenigen, die die Beamtenlaufbahn ergreifen — die an der Universität immatrikulierten Studenten sind mit wenigen Ausnahmen künftige Beamte —, direkt aus den untersten Klassen und ungefähr ein zweites Viertel aus den Mittelklassen gekommen. Wie man hieraus ersieht, ist der Zulauf von unten zu den Ämtern ein höchst bedeutender. Die eine Seite der Standeszirkulation, der aufwärtsgehende Strom, fließt in der heutigen schwedischen Gesellschaft schnell und in großen Fluten 1 ). 1) Zu ähnlichem Resultat führt das Studium der kirchlichen Matrikeln und anderer derartiger Verzeichnisse über die Beamten. So findet man z. B. aus dem Matrikel Aber keineswegs alle dieser Emporstrebenden machen das Abiturientenexamen oder ergreifen die Beamtenlaufbahn. Noch mehrere gehen offenbar einen anderen Weg, der von der vierten, dritten und auch der zweiten Klasse der höheren Schulen zu den Gewerben führt. Von denen, die diesen Weg gehen, bleiben wohl die meisten beim Handwerk, Handel etc. auf unteren Plätzen. Möglicherweise kommen deren Söhne in der nächsten Generation zum Ziele und vollenden den Kreislauf. Aber von diesen kommen auch die bedeutenden Männer, welche als Industrielle und Geschäftsleute den meisten von alters her den höheren Klassen Angehörenden den Vorrang ablaufen und oft als Millionäre enden. In einer kürzlich erschienenen Publikation findet man mehrere Beispiele dieser Art 1 ). In dieser werden die dem ig. Jahrhundert, und zwar die meisten dem letzten Teil desselben, angehörenden Millionenvermögen — denn man tut besser daran, vom Vermögen zu sprechen als von Personen, von denen zuweilen mehrere dasselbe Vermögen fortgeerbt haben — erwähnt. Von diesen waren 63 zum größten Teile ererbt oder erheiratet, die übrigen ganz oder hauptsächlich erworben. Und diese go Vermögen wurden 3 von Adligen, 64 von anderen Schweden, g von in Schweden geborenen Juden und 14 von Ausländern gesammelt. Von den 64 nichtadligen Schweden waren 23 aus Arbeiterund mit diesen gleichgestellten Kreisen. Das ist von sämtlichen eingeborenen Schweden (67) über ein Drittel —• in Wahrheit ein schöner Beitrag aus diesen Gesellschaftskreisen zu den Gliedern der Millionäre und eine glänzende Illustration zu der aufwärts gehenden Bewegung in der schwedischen Gesellschaft. Aber man will nicht allein den Umfang dieser Bewegung und die Wege, die sie geht, sondern auch womöglich den Wert der den höheren Klassen durch sie zugeführten Elemente kennen lernen. Man möchte sie nicht nur messen, sondern auch wägen und sehen, ob sie, auf die Wagschale des Menschenwertes gelegt, die Menge übertreffen oder nur gerade das Maß halten. Sind diese neuhinzugekommenen Männer eine Auslese der Besten, oder sind sie es nicht? Und im ersteren Falle, in welcher Richtung geht die Auswahl? Auf diese und ähnliche Fragen ist nicht leicht eine Antwort zu erteilen. Man kann des Bistumes Växiö, daß von 230 Priestern bedeutend über die Hälfte aus niederem Stande, Söhne von Bauern, Schullehrern, Arbeitern, Soldaten u. dergl., sind. 1) Lazarus, Svenska millionärer. I—XI Sthm., 1897/02. hierbei nur allgemeine Vermutungen und seine eigene Erfahrung um Rat fragen. Mir scheint es somit, daß, wenn die Frage ganz allgemein und allen Zeiten und verschiedenen Völkern geltend gestellt wird, die Antwort darauf lauten muß, daß dieser aufwärtsfließende Strom eine Auswahl der Besten an Energie und Intelligenz bezeichnet. Denke ich wiederum ausschließlich an schwedische gegenwärtige Verhältnisse, so muß die Antwort lauten ja und nein. Über dem Mittelmaße in eben genannter Beziehung stehen fraglos alle die, die sich in den Gewerben von einer geringen Stellung zu Reichtum und Ansehen emporgeschwungen haben. Die Seifmademänner dieser Klasse sind in der Regel in ihrem Gebiete Genies und besitzen im Erfolg ihrer Unternehmungen den besten Beweis hierfür. Dasselbe gilt von den Erfindern und Künstlern, die zuweilen aus den Gliedern des Volkes hervorgehen und Ruhm und Ehre gewinnen. Anders ist es mit den meisten von denen, die auf dem Wege der Studien in die höheren Klassen treten. Sie besitzen ein gewiß nicht unbedeutendes Maß von Energie, durch fleißige Bucharbeit sich emporzuarbeiten, und obendrein einen Fonds intellektueller und idealer Interessen, denen sie alles opfern. Dies ist ihre Überlegenheit, und es wäre unrecht, wenn man diese und ihre große Bedeutung für die Plätze im Leben, wo ihr Lebensschiff einläuft, die kirchlichen und zivilen Ämter, nicht anerkennte. Dagegen ist es verhältnismäßig selten, daß man in den Ämtern Seitenstücke zu den hoch begabten Emporkömmlingen in den Gewerben antrifft. Es kann demnach rätselhaft erscheinen, daß ein so starker Strom aufwärts geistig nicht besser ausgerüsteter Elemente vorkommen kann. Die Lösung des Rätsels liegt jedoch in dem kostenfreien Unterrichtswesen, das in Schweden besteht, und das viele Unbemittelte den Studienweg zu betreten verlockt. * * * Die abwärtsgehende Bewegung. Über dem nach oben führenden Strome in der Standeszirkulation herrscht Lust und Leben und sonnenheller Tag; über dem nach unten gehenden, der von einem höheren nach einem niederen Platz in der Gesellschaft führt, ruht Müdigkeit und Unlust und Finsternis. Die letztere verbirgt auch dem Betrachter das meiste dieser Bewegung. Ein jeder von uns kennt wohl einzelne Fälle davon, aber einen Überblick über Ursachen, Umfang oder Verlauf der Erscheinung in ihrer Gesamtheit besitzen wir noch nicht. So viel dürfte jedoch klar sein, daß sie keineswegs die Bedeutung und den Umfang hat, die Hansen ihr beimißt. Nach ihm sollten die meisten Geschlechter der höheren Klassen dieser Bewegung anheimfallen. Aber so geht es im allgemeinen bei ihrem Verschwinden nicht zu. Das letztere geschieht durch unfreiwilliges, oder noch öfter durch freiwilliges Aussterben infolge Zölibates. Denn so stark ist der Widerwille, aus der Klasse, die man innehat, in eine niedrige hinabzusteigen oder seine Kinder für eine solche erziehen zu müssen, daß der Mann, der sich nicht über Wasser zu halten vermag, lieber unverheiratet bleibt und sein Geschlecht mit sich ins Grab nimmt, als daß er jenes täte. Das ist der gewöhnliche Verlauf. Aber Ausnahmen gibt es, und diese sind es, die den abwärtsgehenden Strom bilden. Über seine Größe in einem besonderen Falle gibt die obige Statistik über die in einen niederen Stand gesunkenen adligen Personen Auskunft. Gleichwohl darf man nicht vergessen, daß diese Statistik nicht einzig diejenigen betrifft, die den ersten Schritt nach unten getan haben, sondern meistens ihre Nachkommen, deren Anzahl um vieles größer ist als die der ersteren. Von diesen abwärtsgehenden Elementen ist jedoch nur eines, das als ein wirklicher Austausch von einer Klasse in eine andere betrachtet werden kann. Die einzelnen Individuen der höheren Klassen, die aus diesem oder jenem Anlaß in Verfall geraten, treten zwar aus der eigenen Klasse, aber sie kommen keiner anderen zugute, denn Trinker und auf andere Weise Heruntergekommene gehören keiner Klasse an. Sie sind Ausschußelemente aus allen. Sie sterben auch gewöhnlich, ohne Nachkommen zu hinterlassen. Anders verhält es sich mit den wirklichen Fällen einer Rückkehr zu der großen Masse des Volkes. Hier geschieht der Übergang gewöhnlich nicht individuell, sondern mit ganzen Geschlechtern oder Zweigen solcher. Es geschieht auch nicht in einem Glied, sondern in mehreren. Der Verlauf hierbei dürfte ungefähr stets derselbe sein. Eine Familie kommt in schlechte ökonomische Verhältnisse, sie sucht ihre Armut in einem versteckt liegenden Winkel auf dem Lande zu verbergen. Hier in dürftigen Verhältnissen lebend, tritt sie unmerklich und zuletzt schmerzlos wieder in die Bauer- oder Arbeiterklasse. Im ganzen ist dieser Prozeß jedoch recht selten. Er kann in keiner Weise, weder dem Umfange nach, noch selbst in seiner Art und .Beschaffenheit als ein der aufwärtsgehenden Bewegung in der Gesellschaft entsprechender Gegenstrom angesehen werden. Denn er ist als soziale Erscheinung keine Lebensäußerung, sondern im Gegenteil ein Krankheitsfall, wenn er auch für das davon betroffene Geschlecht eine Rettung vor einem sonst unvermeidlichen Tod — eine Krankheit zur Gesundung also und möglicherweise durch ein folgendes Glied zu neuer Auferstehung in dieselben höheren Klassen, die es verlassen hatte, sein kann. Ein Gewinn für die Volksmasse, in welcher ein Geschlecht auf diese Weise herabgestiegen ist, kann es auch nicht sein, denn in den meisten Fällen dürfte wohl geistige Inferiorität der Grund seines Unterganges sein. Dies ist in Kürze die abwärtsgehende Bewegung, wie sie bisher in unserem Lande, und wohl im allgemeinen in den europäischen Kulturländern vor sich gegangen ist. Wie es in den Vereinigten Staaten von Amerika hergeht, wissen wir nicht. Möglicherweise ist dieser Prozeß dort viel gewöhnlicher und deshalb für die Opfer desselben weniger peinlich, obschon dieses kraftverbrauchende Land andererseits die Schwachen verschlingt. Etwas anderes ist, ob, wie menschenfreundliche Träumer gehofft haben, die Zukunft diesem Prozeß seine Bitterkeit nehmen und ihn ebenso allgemein und ebenso natürlich wie die aufwärtsgehende Bewegung machen wird. Dies hoffte und glaubte der edle Menschenfreund Torsten Rudenschöld. In Wort und Schrift kämpfte er für den Gedanken, daß die Söhne der sogenannten besseren Klassen, falls sie keine Lust und Neigung zu den für die Stellung in den genannten Klassen erforderlichen Studien hätten, ein Handwerk oder andere Gewerbe des Arbeiters ergreifen sollten 1 ). Aber dieser Gedanke hat seit jener Zeit nicht viel Boden gewonnen. Die allgemeine Volksaufklärung, von welcher er eine Förderung seiner Ideen erhoffte, hat noch nicht solche Früchte . getragen; und ungewiss ist, ob sie es tun wird. Die Bewertung irdischer Dinge seitens der Menschen geht, trotz der ausgedehnten Gleichheitstendenz, in der Jetztzeit nicht in einer diesen Gedanken günstigen. Richtung. Eher das Gegenteil ist der Fall. i) Tankar om Ständscirkulationen, I und II, 1845 und 1846. Das Aussterben der Geschlechter. Die vorhergehende Darstellung hat gelehrt, daß die Standeszirkulation augenblicklich, und wohl auch noch für eine lange Zeit, keine wirkliche Zirkulation, sondern vielmehr eine einseitige Aufwärtsbewegung, ein Übergang von den niederen Klassen der Gesellschaft zu den höheren ist. Die natürliche Folge dieses sozialen Aufrückens ohne entsprechende rückwärtsgehende Bewegung sollte eine ununterbrochene Zunahme der genannten höheren Klassen an Umfang und Anzahl sein. Aber dies ist, wie wir wohl wissen, nicht der Fall. Die sogen, gebildete Klasse ist in allen Staaten und zu allen Zeiten im Verhältnis zur ganzen Masse des Volkes sehr gering an Zahl, sicher niemals mehr als 5—7 °/ 0 und oft bedeutend darunter, gewesen J ). Zweifellos wächst sie mit steigender Kultur etwas stärker als das Volk in seiner Gesamtheit, aber nur langsam und nie über eine gewisse für jede Gesellschaft und Zeit angemessene Grenze hinaus. Dieser Umstand kann, besonders Avenn man an den starken Zufluß von unten und dazu an das ausgeprägte Gleichheitsstreben der Gegenwart denkt, wunderbar erscheinen. Warum sollten nicht viel mehr derselben höheren sozialen Stellung teilhaftig werden können? Ja, warum zu guter- letzt nicht alle? Wir haben jeder eine Antwort hierauf zur Fland, daß wir alle verhungern müßten, wenn keiner pflügen und säen wollte. Aber der tiefere Grund dieses Dmstandes dürfte gleich- Avohl vielen entgehen. Denn er ist in der Technik der Kulturarbeit und dem Charakter der Gesellschaft als Organismus zu suchen. Nichts zeigt diesen ihren Charakter deutlicher als die eben angeführten Verhältnisse. Zwischen den Kopfarbeitern und den Handarbeitern muß eine gewisse Proportion herrschen. Ober- und Unterbau in der Gesellschaft müssen wohl abgemessen sein; sonst sind die Folgen unberechenbar. Die Gestalt des Gesellschaftsbaues muß die Pyramide sein, mit großen Volkslagern an der Basis und ganz kleinen an der Spitze. Eine solche Veränderung hierin, daß der Unterbau relativ schwach und der Oberbau relativ groß rvird, ist gefährlich. Es führt zur Armut in allen Schichten der Gesellschaft und zu der Gefahr eines Umsturzes des Ganzen. Dies ist der Grund, rvarum die gebildete Klasse in einer gesunden Gesellschaft niemals stark anwächst 1) Stand och Klasser, S. 54 ff. 302 — oder größeren Raum einnimmt, als die augenblickliche Kulturarbeit es erfordert. Wenn nun aber die gebildete Klasse gar nicht oder nur langsam wächst und andrerseits, wie in der schwedischen Gesellschaft, eine starke Bewegung von unten nach oben stattfindet, während wenige den entgegengesetzten Weg einschlagen, wo bleiben, sie dann alle und wie hält sich diese Klasse stets auf ungefähr derselben Ziffer? Die Antwort hierauf ist in dieser Arbeit gegeben. Sie ließe sich auch ohnedies finden, denn sie ergibt sich nach der eben gemachten Betrachtung von selbst: die Geschlechter sterben aus. Die gebildete Klasse gleicht einer Armee, die beständig aus derselben Truppenanzahl besteht, während die Mannschaft wechselt, indem alte Leute verabschiedet und neue ausgemustert werden. Gerne möchten wir näher wissen, wie es bei dieser sozialen Ausmusterung hergeht, in welchem Umfange und in welcher Ordnung sie von statten geht. Aber wir können hier kaum mehr als Mutmaßungen aufstellen. Das Gedränge in der gebildeten Klasse ist groß; und die Geschlechter sind infolgedessen meistens klein. Wir müssen hier nämlich stets an Geschlechter, nicht an Individuen denken, selbst wenn die ersteren, wie bei den Geschlechtern der Emporkömmlinge, nur aus einer Person bestehen. Denn dieser innere Umsatz soll nicht nach Individuen, sondern nach Geschlechtern und Namen studiert werden. Für jeden neuhinzugekommenen Mann geht wahrscheinlich einer fort, aber deshalb geht noch nicht für jedes neuhinzugekommene Geschlecht ein solches fort. Die alten Geschlechter mit vielen Individue-n geben erst eines nach dem anderen ab, bevor es mit dem letzten Sprößling selber abtritt. Aber in welcher Ordnung schwinden die Geschlechter dahin ? Nach den oben bei den Adelsgeschlechtern gewonnenen Erfahrungen kann man mit Sicherheit annehmen, daß unter den jungen, eben hinzugekommenen die größte Sterblichkeit herrscht. Diejenigen, denen es gelungen ist, sich durch die ersten schweren Zeiten hindurchzukämpfen, haben größere Aussicht, siegreich im Kampfe zu bestehen. Der Zusammenhang zwischen dem Alter der Geschlechter und ihrer Größe ist indessen, wie wir oben betreffs der Adelsgeschlechter gesehen, nicht deutlich. Die Tatsache selbst jedoch, daß die jungen Geschlechter in größerer Zahl dahinscheiden als die alten, bleibt bestehen, und dies ist eigentlich das einzige, was wir über die Ordnung, in welcher der Geschlechterumsatz in der gebildeten Klasse vor sich geht, wissen. Das Aussterben der Geschlechter ist also der Hauptweg, auf welchem sich der soziale Umsatz vollzieht. Über die Ursachen dieser Erscheinung ist in dem Vorhergehenden genügend gesprochen. Sie lassen sich zusammenfassen in: abnehmende Fortpflanzungsfähigkeit und Zölibat, wozu noch mit steigender Kultur die freiwillige Bcgrenziuig der Größe der Familien kommt. Die beiden ersteren sind im Vorhergehenden behandelt. Die letztere, die jetzt in den zivilisierten Ländern allgemeine Volkssitte zu werden droht, verdient ein Kapitel für sich. Das Aussterben der Geschlechter in den höheren Klassen berührt nämlich nicht allein diese Klassen, sondern auch das Volk in dessen Gesamtheit. Der soziale Umsatz ist unzweifelhaft gut und nützlich. AVenn er aber ein gewisses Maß überschreitet und die Blüte der Kraft der Nationen allzustark zerstört, so kann er ein Reigen mit dem Tode werden, in welchen das ganze Volk mit hineingezogen wird. Für zwei Völker ist, wie mir scheint, die Gefahr davor keine geringe, für das französische und -— das amerikanische. Das letztere kann sonderbar klingen, denn wenn irgend ein Volk jung ist, so ist es ja dieses. Augenblicklich ist es jung, aber es hat schnell gelebt und dessen gebildete Klassen in den Staaten des Ostens tragen schon in vielem die Züge der verlebten Völker. Die Nativität ist in diesen Klassen außerordentlich gering und die Sterilität sehr groß. Hierzu kommt, daß der amerikanische Geist mit seinem intensiven go ahead ungeheuer viel Nervenkraft erfordert, woraus wieder abnehmende Fruchtbarkeit und Sterilität folgt. AVäre nicht der große Einwandererstrom, so wäre die weiße Bevölkerung in den Vereinigten Staaten schon längst auf denselben Punkt gekommen wie die französische. Ich will indessen nicht prophezeien, und am allerwenigsten, wo die Prophezeiungen Unheil verkünden. Niemand weiß übrigens, welche Veränderungen in der Entwickelung eintreffen können, wenn die Menschen sich einmal der Gefahr des Weges, auf dem sie sich befinden, bewußt sind. Was gleichwohl für alle Zeiten feststehen dürfte, ist, daß die historischen Geschlechter ständigen Gefahren ausgesetzt sind, und daß der Aufstieg zu den Höhen der Gesellschaft gewöhnlich, wenn nicht immer der Weg aus dem Leben ist. Nicht ohne Wehmut verweilt der Gedanke dabei. Man fragt sich unwillkürlich: ist das notwendig? Ist keine Änderung hierin möglich? Mit Bestimmtheit wissen wir, daß es Umstände gibt, die auch die historischen Geschlechter konservieren, so ein Leben auf dem Lande unter einfachen Verhältnissen, einfache Erziehung und ruhige Tätigkeit. Wer aber so lebt, der gehört gewöhnlich nicht zu den Männern, die auf die Geschicke und Gedanken ihrer Zeit einwirken und deren Geschlechter wir gerne unter uns sähen. Es kommen auch Beispiele von Fürstengeschlechtern vor, die ein sehr hohes Alter erreicht haben und fortwährend Zukunftsmöglichkeiten zu haben scheinen, aber in diesen Geschlechtern ist Heirat und Fortpflanzung eine Verpflichtung, die stark dazu beiträgt, sie am Leben zu erhalten. In anderen Fällen scheinen aber in erster Reihe diejenigen, die auf dem Schauplatz der Geschichte und der menschlichen Entwickelung stehen — sine missione, wie das Urteil für die Kämpfer in der römischen Arena lautete, — dem Untergange geweiht zu sein. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die allgemeine Regeneration und der Neomalthusianismus. Die Lehre von Malthus. Obschon der Neomalthusianismus und das Zweikindersystem sich innerhalb des Adels Schwedens noch keine große Anhängerschaft erworben hat, eine ganz unbedeutende jedenfalls im Verhältnis zu dem, was vielfach in anderen Ländern der Fall ist, will ich doch das letzte Kapitel dieser Arbeit jener Zeitfrage widmen; denn sie ist bei uns wie bei anderen Völkern immer mehr im Fortschreiten begriffen. Um uns jedoch sowohl die Ursachen dieser Bewegung wie die Bedeutung derselben für die allgemeine Regeneration klar zu machen, müssen wir erst die Lehre in Betracht ziehen, aus der sie sich ihre theoretische Stütze holt — die Volksvermehrungslehre von Malthus, oder richtiger gesagt, die Theorie, die seinen Namen trägt; denn was ihr Begründer persönlich gesagt hat, hat in diesem Falle, wie in anderen ähnlichen, ein mehr historisches als wissenschaftliches Interesse. Der Inhalt der berühmten Lehre von Malthus läßt sich auf zwei Sätze bringen: i. die Menschen vermehren sich, ihrem Naturtrieb folgend, schneller, als die Nahrungsmittel zunehmen können; 2. hierdurch muß eine stetige Übervölkerung entstehen, deren fortgesetztem Wachstum nur Elend und vorzeitiger Tod eine Grenze setzen, — falls die Vernunft der Menschen nicht freiwillig den Naturtrieb der Fortpflanzung zügelt. — Wie bekannt ist diese Lehre, die fälschlich eine Bevölkerungslehre genannt wird, da sie nur eine Theorie für die Volksvermehrung ist, der Gegenstand eines Streites zwischen Gelehrten und Ungelehrten gewesen, und ist es heute noch. Es sind jedoch so gut wie ausschließlich die Nationalökonomen gewesen, die dafür oder dagegen zu Felde gezogen sind. Statistiker haben sich nur Fahlbeck, Der schwedische Adel. 20 — 3 °6 — selten, und weniger auf Grund der Erfahrungen der Statistik, als von allgemeinem Gesichtspunkte aus, hierüber geäußert. Die Statistik hat aber hier das entscheidende Wort zu sprechen, allerdings erst, wenn sie selbst älter geworden ist und Erfahrungen hat sammeln können. Die Zeit hierfür scheint sich indessen jetzt zu nähern. Die empirische Grundlage der ganzen Lehre ist die schon früher von anderen ausgesprochene Wahrheit, daß die Tiere sich bis und über die äußerste Grenze ihres Ernährungsspielraumes hinaus fortpflanzen und vermehren. Bei ihnen wirkt der Fortpflanzungstrieb als ein blindes Naturgesetz, das neue Geschöpfe in die Welt setzt, gleichgültig", ob Unterhaltsmöglichkeiten für dieselben vorhanden sind oder nicht. Andererseits ist der Spielraum sowohl rein lokal wie noch mehr inbezug auf die Nahrung auf unserer Erde begrenzt. Für den Landbau gilt überdies das Gesetz von den relativ abnehmenden Erträgen. Auf diese allgemeinen, durch die Erfahrung bestätigten Sätze stützt sich die Lehre. Ihr Urheber sucht freilich auch aus der Geschichte und der Statistik neue Stützpunkte zu gewinnen, aber diese sind ziemlich bedeutungslos. Es sind auch nicht diese, gegen welche die Kritik sich gewendet hat, sondern es sind die oben genannten allgemeinen Sätze, die bestritten werden. So stellen einige, z. B. Carey, H. George und in jüngster Zeit Oppenheimer die Gültigkeit des Gesetzes von den abnehmenden Erträgen oder im allgemeinen von der Begrenzung des Ernährungsspielraumes in Abrede. Andere (meistens Sozialisten) stimmen dem bei, meinen aber zugleich, das Mißverhältnis zwischen Volksvermehrung und Nahrungsmitteln werde ausschließlich durch die Verteilung des Eigentums und der Erträgnisse unter den jetzigen ökonomischen Verhältnissen verschuldet, während wieder andere (Sadler und Spencer) der Ansicht sind, daß steigende Dichtigkeit der Bevölkerung und Kultur von selbst oder aus physiologischen Gründen die Abnahme der Fortpflanzungsfähigkeit herbeiführen werden. Schließlich haben einige, wie P. Leroy- Beaulieu, Levasseur und J. Wolf die Meinung ausgesprochen, das Gesetz habe zwar für Menschen auf niedrigerer Stufe wie für Tiere, aber nicht für die hochstehenden Kulturvölker der Gegenwart Gültigkeit, bei welchen letzteren sich im Gegenteil eine Tendenz geltend mache, langsamer zu wachsen als der Spielraum der Ernährung. — Von diesen Ansichten ist die Sadler-Spencersche vollständig falsch, während die beiden ersteren einen Grad von Wahrheit enthalten, der gleichwohl nicht hinreichend ist, das Gesetz umzustürzen. Dagegen sagt die zuletzt ausgesprochene Ansicht, welche die Gültigkeit des Gesetzes auf die niedrigeren Kulturstufen beschränkt, in diesem Falle das Richtige. Sie braucht nur etwas anders formuliert sowie erklärt und begründet zu werden. Ganz allgemein kann dieses schon geschehen, wenn man sich die eigene Auffassung und die eigenen Worte von Malthus zur Richtschnur nimmt. Seine Lehre enthält nämlich in der ihr oben gegebenen Fassung ein „Wenn", das die drohenden Bilder, die er malt, umkehren kann. Das Gesetz gilt mit all seiner Not und' all seinem Elend — für den Fall, daß die Menschen ihre Vernunft oder überhaupt ihre freie Überlegung nicht gebrauchen. Malthus glaubt offenbar selbst nicht viel an dieses „Wenn". Deshalb sieht er in seinem Gesetz überwiegend ein blindes Naturgesetz, ganz wie es dies bei den Tieren ist. Dieses ist der große Irrtum von Malthus und des Malthusianismus, und dies ist eigentlich der Grund der meisten Meinungsverschiedenheiten betreffs dieser Lehre. Der Mensch ist nicht wie die Tiere. Der Naturtrieb der Fortpflanzung, der diese allein beherrscht, ist beim Menschen einer Mannigfaltigkeit von Einflüssen unterworfen, welche den Trieb faktisch binden, denn der Mensch ist vor allem ein mit Vernunft und Überlegung begabtes Wesen, das die Natur, seine eigene einbegriffen, ebenso gut beherrscht, wie er ihr gehorcht. Darum paßt er, indem er seinen Verstand zu Hilfe zieht, sobald er den eigentlichen Naturzustand überwunden hat und wofern nicht religiöse oder andere Vorstellungen (von ungebundener Freiheit) hindernd in den Weg treten, seine Vermehrung ganz wohl an den Spielraum der Ernährung an. Auf niedrigeren Kulturstufen geschieht diese Anpassung freilich nicht individuell, sondern nur kollektiv durch Sitten und Gesetze, auf höheren auch durch jede Person und Familie für sich. Daß trotzdem bei gewissen Völkern und zu gewissen Zeiten oder Entwickelungsperioden Fälle wirklicher Übervölkerung vorgekommen sind und noch vorkommen, läßt sich nicht bestreiten, dies sind aber Ausnahmen und nicht die Regel. Dies, sowie die Verhältnisse, unter welchen das eine und das andere eintrifft, hat die historische und statistische Forschung des näheren zu beweisen. Den Resultaten derselben vorgreifend, will ich indessen schon jetzt das Endurteil über das berühmte Gesetz von 20* — 3°8 — Malthus aussprechen, nämlich, daß dasselbe unbestreitbar logische Gültigkeit besitzt, vorausgesetzt, daß die Menschen ihre Vernunft oder ihre Überlegung nicht gebrauchen, aber verhältnismäßig selten faktische Gültigkeit, da diese Voraussetzung gewöhnlich nicht eintrifft. Hätte Malthus die Psychologie und die Statistik mehr zu Rate gezogen oder um Rat fragen können, so hätte er dies sicher selbst eingesehen. * * * Übervölkerung und Volksmangel. Die bleibenden Zustände, die eine etwa vollständige Lehre von der Volksvermehrung zu untersuchen und zu beleuchten hat, sind die der Übervölkerung und Volksmangel sowie der rechten Volksmenge. Die Wissenschaft hat sich bisher hauptsächlich nur mit dem ersteren dieser Zustände befaßt, aber lange nicht erschöpfend; die beiden anderen blieben meistenteils ganz unberücksichtigt. Es darf jedoch nicht länger so bleiben. Die Demographie muß diesen Dingen ebenso sehr ihre Aufmerksamkeit zuwenden wie der Tatsache der Regeneration und der Volksvermehrung selbst und deren ziffermäßiger Darstellung. Einige kurze Bemerkungen über das wichtige Thema ist alles, was hier Platz haben kann. Wenn Malthus von Übervölkerung spricht, so versteht er gewöhnlich darunter den Zustand, wo die Menschen infolge ihrer großen Zunahme nicht genug zur Fristung des nackten Lebens haben, was man absolute oder objektive Übervölkerung nennen kann, insofern, als Hunger und Kälte jährlich einen großen Teil der Bevölkerung heimsuchen, und Krankheiten und vorzeitiger Tod ein unsicheres Gleichgewicht zwischen der Zahl der Bevölkerung und den Nahrungsmitteln aufrecht erhalten. Diese Art der Übervölkerung, die stets in vereinzelten Fällen vorgekommen ist und die man in dem Indien der Jetztzeit sowie zuweilen in Russland vorzufinden glaubt, ist das größte Übel, das die Menschen treffen kann; denn ihr folgen stets Not und Krankheiten und die anderen repressiv checks, von denen Malthus spricht, auf dem Fuße nach. Die meisten späteren Verfasser, und besonders die jetzt lebenden, die dieser Bevölkerungstheorie anhängen, fassen Überbevölkerung gewöhnlich in einer ganz anderen Bedeutung auf. Übervölkerung, sagen sie, sei nicht nur vorhanden, wenn Not und Armut die Zahl der Bevölkerung dezimieren, sondern im 3°9 allgemeinen, wenn es infolge der Volkszunahme der Menge der Menschen schwer fällt, ein menschenwürdiges Dasein zu führen. Man kann es relative oder subjektive Übervölkerung nennen, wenn das Gefühl des Andranges und eine gewisse Schwierigkeit für den gemeinen Mann, seine Lebensweise zu bewahren, das wesentliche Kriterium einer solchen ist 1 ). Das Gefühl des Andranges beruht jedoch in diesem Falle auf der Vorstellung von der rechten Lebenshaltung. Wie man diese Art von Übervölkerung aufzufassen hat, kommt deshalb auf die Art und Beschaffenheit der Lebensweise der großen Menge an. Steht die erstere auf der Grenze der bloßen Versorgung, so nähert sich die relative Übervölkerung der absoluten und ist sowohl für das ganze Gemeinwesen, wie für die vielen, die sich in einer solchen Lage befinden, ein großes Unglück. Je höher wiederum die Vorstellung von der rechten Lebenshaltung über das wirkliche Existenzminimum hinausgeht, desto weniger Grund hat man, das Gefühl des Volksandranges, das stets vorhanden sein kann, zu beklagen oder zu fürchten. Denn da, wie in der Gegenwart, die genannte Vorstellung ununterbrochen wächst, so kann man sich beengt fühlen, obwohl der Spielraum der Ernährung und der Wohlstand viel schneller wachsen als die Zahl der Bevölkerung. Die Vorstellung der Menschen von dem, was zu einem menschenwürdigen Dasein nötig ist, kann sich nämlich in das Unendliche vergrößern, wobei das Nationaleinkommen, wie sehr es auch auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet steigt, den Wünschen doch nur schlecht zu entsprechen vermag. Es ist indessen klar, daß diese Art von Llbervölkerung und Volksandrang ganz etwas anderes ist, als was Malthus darunter gewöhnlich versteht. Nicht ohne Grund kann deshalb gesagt werden, daß diejenigen Nationalökonomen, die den Begriff der Übervölkerung so auffassen, und das sind die meisten, in Wirklichkeit seine Lehre preisgeben. Denn dann giebt sich darin kein unerträglicher Zustand mit Krankheiten und Tod als untrüglichen Begleitern zu erkennen, sondern es ist eine äußerst dehnbare soziale Erscheinung bei einem möglicherweise ausge- i) Oft versteht man unter dem Begriffe absolute und relative Übervölkerung etwas ganz anderes, nämlich im ersteren Falle eine Volksmenge, die im Verhältnis zu allen möglichen Hilfsquellen eines Landes zu groß ist, und im letzteren eine Volksmenge, die für die faktisch vorhandenen Hilfsquellen zu groß ist. Der erstere Begriff ruht auf etwas vollständig Unbestimmtem und ist deshalb unvernünftig; der letztere fällt mit dem zusammen, was wir oben absolute Übervölkerung nennen. zeichneten Gesundheitszustand und einer hohen mittleren Lebensdauer. Gerade dieser Zustand herrscht gegenwärtig bei den meisten zivilisierten Völkern und ihn haben wir also täglich vor Augen. Außer den beiden eben beschriebenen Arten von Übervölkerung, welche, obsclion in ihren Wirkungen himmelweit von einander verschieden, doch von derselben Gattung sind, indem beide mit der Vermehrung der Bevölkerung und dem Spielraum der Ernährung im Zusammenhang stehen, giebt es andere, die gar- nicht, oder wenigstens nicht unmittelbar darauf beruhen. Eine solche Art ist die Berufsübervölkerung, die darin besteht, daß zu viele einen gewissen Beruf, z. B. den des Lehrers ergreifen. Diese Form ist stets eine vorübergehende, da sie sich in kurzem auf dieselbe Weise selbst Abhülfe verschafft, wie das zu starke Angebot einer Ware auf dem Markte. Auch die speziellen Fälle davon, die vorkommen, wenn eine Industrie durch das Entstehen anderer, die die erstere überflüssig machen, aufhört, oder bei der Einführung von Maschinen an Stelle des Handbetriebes, beruhen offenbar nicht auf der Vermehrung und der Überzahl der Bevölkerung. Ihnen wird auch durch eine andere Verteilung der Arbeit und der Arbeiter von selbst abgeholfen. Anders verhält es sich mit der sozialen Übervölkerung, obschon auch diese ausschließlich auf einer Verschiebung der verschiedenen Bevölkerungselemente beruht. In allen Zeiten, aber zumeist in der Jetztzeit geht eine stark aufwärtssteigende Bewegung im Gemeinwesen vor sich. Der Sohn des Arbeiters, des Bauern strebt darnach, sich, wenn sich nur eine Gelegenheit dazu bietet, über seinen Stand zu erheben und in die Reihen der sog. Gebildeten einzutreten. Hierdurch entsteht in dieser Klasse notwendig ein großer Andrang. Die Anzahl Platzsuchender ist hier in der Regel zehnfach größer als die Auswahl freier Plätze, wenn auch gleichzeitig unter den Handarbeitern Mangel an Händen herrschen kann. Diese Art von Übervölkerung hat darum nichts mit wirklicher Übervölkerung und Bevölkerungszahl zu schaffen, obschon die Menschen sich dies gewöhnlich vorstellen. Derselbe ist ausschließlich eine Frucht des sozialen Umsatzes. Je lebhafter dieser ist, um so größer wird der Andrang. Wird also der demokratische Gedanke, die Volksschule dem Unterricht derart zu Grunde zu legen, daß von ihr aus direkt der Eintritt in die gelehrten Schulen offen steht, durchgeführt, so wird die Übervölkerung in dieser Klasse unerträglich und daß Proletariat an der Spitze der Gesell- schaft größer als an dem Fuße derselben. Allein schon so wie es jetzt ist, ist diese Art der Übervölkerung groß und vor allem permanent. Infolge ihres Ursprunges ist derselben auch nicht durch Einschränkung der Größe der Familien im ganzen Volke oder in dieser Klasse, wie es Väter und Mütter aus dieser Klasse allgemein glauben, abzuhelfen. Auch von der Wissenschaft wird diese hochwichtige Erscheinung gewöhnlich falsch gedeutet und mit der allgemeinen Vermehrung der Bevölkerung verwechselt. Ebenfalls eine Art von Übervölkerung ist die lokale, die auf der Anhäufung der Menschen z. B. in einer großen Stadt beruht. Auch sie hat nunmehr wenig oder nichts mit einer wirklichen Übervölkerung zu schaffen, denn gleichzeitig herrscht oft auf dem Lande Mangel an Arbeitskräften. Da dieselbe aber offen vor aller Augen liegt und außerdem regelmäßig Not und Elend für eine Menge Personen im Gefolge hat, so wird sie fälschlich als eine Illustration zur Lehre von dem Naturtrieb der Fortpflanzung und der Unzulänglichkeit des Spielraumes der Ernährung gedeutet. Schließlich erwähnen wir die momentane Übervölkerung infolge von Mißwachs oder Krisen. Ungleich den zuletzt behandelten Arten von Übervölkerung hängt diese unzweifelhaft mit der Zahl der Bevölkerung und ihrem Verhältnis zum Spielraum der Ernährung zusammen. Hieraus folgt jedoch nicht, daß wir sie und ihre Begleiterscheinungen, Hungersnot und Arbeitslosigkeit, in erster Reihe als Wirkungen der Überzahl der Bevölkerung zu betrachten haben. Zuweilen kann dies der Fall sein, nämlich wenn sich oft Hungersnot einstellt, indem das Volk auch in guten Jahren nahe der Grenze des Spielraumes der Ernährung lebt und dann bei der ersten Verringerung der Ernte wirklich Mangel leidet. In anderen Fällen wiederum, und wenn die Geißel der Plungersnot sich nur in den seltenen Fällen vollständigen Mißwachses zu erkennen gibt, ist dieselbe, ebenso wenig wie Arbeitslosigkeit infolge zufälliger Geschäftsstockungen, ein Beweis für Übervölkerung. Denn wäre dies der Fall, so müßte mit der Einschränkung der Volkszahl dem einen wie dem anderen abgeholfen und vorgebeugt werden können. Dies ist jedoch nicht wahrscheinlich. Die Bevölkerungszahl auf ein Minimum zu beschränken, das bei Mißjahren und zu Zeiten von Krisen bequem leben und Beschäftigung finden kann, hieße, sie für die guten Jahre und Zeiten unzureichend machen. Der Staat würde in einem solchen Falle in gewöhnlichen Jahren, das heißt meistens, an Volksmangel leiden, und damit würde ihm die Möglichkeit einer weiteren Entwickelung genommen werden. Dadurch würde nämlich eine Einschränkung der Produktion erfolgen, die die Menschen noch mehreren Mißjahren aussetzte und uns auf diese Weise in einem niemals schließenden Kreisgange zu primitiven gesellschaftlichen Zuständen zurückführen würde. Die momentane Übervölkerung wird nicht durch das Übermaß der Bevölkerungsvermehrung, den einen der hierbei wirkenden Faktoren, sondern durch die periodische Beschränkung des Spielraumes der Ernährung hervorgerufen. Deshalb kann diese Art von Übervölkerung nicht durch Begrenzung der Anzahl der Bevölkerung beseitigt werden, sondern durch Aufheben jener periodischen Zeiten der Ebbe in der Verschaffung des Unterhaltes und im Arbeitsverdienst. Das eine ist schon in den westeuropäischen Staaten durch die Entwickelung des Landbaus und die Vervollkommnung der Verkehrsmittel geschehen, während in Rußland der gemeinsame Besitz des Bodens sowie andere soziale Mißverhältnisse dieses Übel unbehindert bestehen lassen. Das andere, oder die periodische Geschäftslähmung und deren Folgen, ist noch erst durch die richtige Organisation der Produktion, Versicherung gegen Arbeitslosigkeit u. a. dergl. zu be- meistern. Das Gegenteil der absoluten Übervölkerung ist Volksmangel , und zwar wenn die Volksmenge kleiner ist, als sie behufs Aufrechterhaltung einer gewissen Kultur sein könnte und müßte. Nach der in Frage stehenden Theorie kann solches nur in neuen Ländern, wie in den Vereinigten Staaten, und auch da nur auf eine kurze Zeit zutreffen. In Wirklichkeit ist ein Volksmangel oft in Ländern mit alter Kultur vorgekommen und hat dadurch stets ein Sinken der Kultur verursacht. Das große für alle Zeiten giltige Beispiel eines solchen Zustandes bietet das alte Griechenland und dann Rom dar. Die Schilderungen, die wir über den Zustand in Hellas und Rom während der späteren Zeit der Antike besitzen, zeugen von Städten, die in Ruinen fallen, von Feldern, die brach daliegen, und dies alles ausschließlich aus Mangel an Lländen, die jene erhalten, diese bebauen könnten. Denn diese glänzende Kultur ging in erster Linie aus Mangel an Menschen unter. Dieses einzige historische Faktum benimmt der Lehre von Malthus ihre unmittelbare und universelle Giltigkeit. In späterer Zeit bietet Deutschland nach dem dreißigjährigen Kriege das Bild eines Landes mit Volksmangel und zwar nicht etwa für ein oder zwei Generationen, sondern für ein Jahrhundert oder mehr dar. In der Regel ist auch in älteren Zeiten das Übel des Volksmangels sowohl in einzelnen Ländern, wie noch mehr in einzelnen Städten, nach der Pest vorgekommen, wie die Annalen in hinreichendem Maße vermelden. Und auch in der Gegenwart kann man gewissermaßen in Frankreich und noch mehr in Australien von einem Volksmangel sprechen, obschon dieser täglich durch einen niemals versiegenden Strom von Einwanderern, die den leeren Raum ausfüllen, gedeckt wird. Der Volksmangel ist somit ein Zustand, mit dem man ebenso, und was die ältere Zeit betrifft, vielleicht noch mehr zu rechnen hat wie mit der Übervölkerung, denn jener war damals wahrscheinlich gewöhnlicher als dieser. Inbezug auf seine Wirkungen verhält sich der Volksmangel teils der Übervölkerung ganz entgegengesetzt, teils ungefähr in derselben Weise. Das erstere ist bei einem ganzen Volk und der Kultur, die es besitzt, der Fall. Die Abnahme der Volkszahl drückt diese hernieder und endet gewöhnlich, wenn sie permanent ist, mit dem Untergang das Volkes, während ein übergroßes Anwachsen desselben eine Spannung aller Kräfte mit darauf folgender schneller Kulturentwickelung und gesteigerter politischer Macht veranlaßt. Somit ganz entgegengesetzte Wirkungen. Für die einzelnen Individuen wiederum oder die Menge derselben sind beide Zustände unglücklich. Volksmangel verursacht nämlich, wenn er weit geht, ebenso gut Armut und Not, wie Übervölkerung. Obschon ihrem Wesen nach ganz verschieden, wirken diese Zustände gleichartig auf den Einzelnen, ganz so wie große Kälte und große Flitze dieselbe brennende Empfindung hervorrufen. * * Die rechte Volksmenge. Die richtige Volksmenge oder die Volksanzahl anzugeben, die unter gegebenen historischen und physischen Verhältnissen genau das rechte Mittel zwischen einerseits zu viel und andererseits zu wenig Volk ist, ist außerordentlich schwer. Man hat hierbei weder Erfahrungen in der Form allgemein bekannter historischer Fakta, noch gewisse deutliche Anzeichen, auf die man sich stützen kann, wie dies bezüglich der beiden anderen Zustände der Fall ist. Auch die logischen Stützpunkte für die Konstruktion dieses Begriffes sind schwankend. Denn hier fließt alles. Sucht man nämlich die Vorstellung- von der rechten Volksmenge in die Elemente aufzulösen, die dieselbe, wie man annehmen kann, konstituieren, so zeigt es sich, daß sie alle in Wechselwirkung mit einander stehen oder Funktionen von einander sind. Es ist deshalb kein Wunder, daß die Wissenschaft sich bisher nur wenig mit dieser Frage beschäftigt hat. Aber obschon die Frage der richtigen Volksmenge noch nicht einer wissenschaftlichen Diskussion unterzogen ist, so ist sie doch dem Nachdenken der Menschen nicht entgangen. So wissen wir, daß den Staatsmännern des 17. und 18. Jahrhunderts eine möglichst große Volksmenge als Ideal, und also als die richtige vorschwebte. Die beste Volksmenge war das Maximum von Menschen. Ihre Auffassung hierüber wurde durch den Gedanken an Verteidigung, wie an den Nationalreichtum bestimmt. Sie waren — und sicher nicht mit Unrecht — der Ansicht, daß beide durch eine große Volksmenge ihr Maximum erreichen. Eine ganz entgegengesetzte Vorstellung trifft bei denen zu, die aus Furcht vor Übervölkerung eine Beschränkung der Volkszahl befürworten, wie es die Neomalthusianer tun. Sie gehen von der Fürsorge für einen möglichst guten und großen Wohlstand des Einzelnen aus und meinen, daß dies am besten durch Beschränkung der vielen Nahrungsfordernden befördert würde. Ein Minimum Menschen die die Nationaleinnahmen unter sich teilen, sind ihrer Auffassung nach am ehesten die richtige Volksmenge. Diese entgegengesetzten Meinungen sind beide, die eine nicht weniger als die andere, unrichtig. Aber die Gesichtspunkte, von denen sie ausgehen, sind jeder für sich berechtigt und bilden in der Tat die einzigen festen Stützpunkte zur Bestimmung des Begriffes der richtigen Volksmenge. Denn das Maximum Leben, Kultur und Glück, das wir mit dem Begriffe richtige Volksmenge verknüpfen müssen, betrifft ebenso sehr das Volk als Gesamtheit wie die Einzelnen. Der Bestand, die Macht- und Kulturentwickelung des Volkes stellen ebenso unverweigerliche Forderungen an die richtige Volkszahl, wie andererseits der Wohlstand und das Glück des Einzelnen. Und da das Volk nicht allein die jetzt lebende Generation einbegreift, sondern auch alle folgenden, so ist die Rücksicht auf die Zukunft ebenso wichtig wie die Rücksicht auf die Gegenwart. In diesem Falle jedoch entsteht, wie so oft, unmittelbar betrachtet ein Konflikt zwischen dem Volke und den Einzelnen, zwischen Gegenwart und Zukunft. Was dem Einzelnen in dieser Generation nützt, gereicht vielleicht dem Volke in allen folgenden Generationen zum Verderben. Ein wohl bekanntes Beispiel für diesen ewigen Konflikt zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen ist der Wald und seine Anwendung. Die Einzelnen wollen denselben zu ihrer Zeit in einem möglichst großen Umfange verwerten; die Allgemeinheit, d. h. das Volk als Kollektivwesen will ihn so bewahren, daß er auch folgenden Generationen zu gute kommt. Ebenso verhält es sich mit der richtigen Volksmenge. Aus diesem Dilemma zu kommen, wenn es sieh darum handelt, in einem gewissen gegebenen Falle das exakte Maß der richtigen Volksmenge anzugeben, dazu ist mehr als salomonische Weisheit erforderlich. Die allgemeine Formel hingegen zu finden, die hierbei zur Anwendung kommen muß, ist nicht so schwer. Sie heißt ganz einfach — Kompromiß. Die Zahl der Volksmenge, die in einem gegebenen Zeitmomente sowohl die größte Hoffnung auf den Bestand und die zukünftige Entwickelung des Volkes, wie den höchsten Wohlstand unter den Einzelnen gewährt, ist die richtige Volksmenge. Diese Volksmenge ist in der Regel kleiner als das Maximum, das die Rücksicht auf die Gesamtheit allein fordern könnte, gleichzeitig aber größer als das Minimum, das den kurzsichtigen Wünschen der Einzelnen entspricht. Indessen kann die Stärke, mit der sich der eine oder andere Gesichtspunkt geltend machen darf, mit den Zeiten wechseln. In einer Periode ist das Volk von gefährlichen Nachbarn bedroht; da ist das Hauptinteresse die größtmögliche Verteidigungskraft mit daraus folgender größtmöglicher Volkszahl, sei es auch auf Kosten des Wohlstandes der Einzelnen. In einer anderen Zeit, wo keine Gefahr von außen droht, kann der Hauptgesichtspunkt der sein, den Massen einen möglichst großen Wohlstand zu bereiten und darum eine zu große Volksmeng-e zu vermeiden zu suchen. Damit die richtige Volksmenge entstehe, müssen jedoch stets diese beiden Momente wirken. Ebenso gewiß ist aber, daß bei jedem lebenskräftigen Volk der Wunsch, dem Kind und der Nation die Zukunft zu sichern, bewirken wird, daß es zur Bereitung dieser Zukunft auch schwere Opfer bringt. Schließlich ist noch hinzuzufügen, daß die eben genannten Gesichtspunkte, obschon sie die wichtigsten bei der Bestimmung der richtigen Volksmenge sind, keineswegs die einzigen sind. Die Zahl der Bevölkerung wird nicht allein durch den Gesamtertrag der nationalen Arbeit, sondern ungefähr ebenso stark durch die Verteilung desselben beeinflußt. Die richtige Verteilung der Nationaleinnahmen, was keineswegs, wie die Sozialisten oft vermeinen, dasselbe ist wie die gleiche Verteilung, sondern diejenige Verteilung, die ihrerseits das größte Arbeitsprodukt gestattet, ist somit eine weitere Voraussetzung zur Erreichung der richtigen Volksmenge. Und als Folge hiervon ist auch die soziale Gruppierung des Volkes sowie die Größe der verschiedenen Gruppen unter einander ein Moment, das hierbei nicht außer acht gelassen werden darf. Allein während alles dessen wechselt — und das dürfen wir niemals vergessen — die richtige Volksmenge in absoluter Zahl je nach der Kultur und den Zeiten sowie für jedes besondere Volk. Ein festes Maß hierfür giebt es überhaupt nicht. * * * Volksmehrung und Volksmehrungstendenz auf niedrigerer Kulturstufe. Das Volk ist, statistisch betrachtet, eine unter beständigem Umsatz fortlebende und auf sich selbst beruhende Menschenmasse. Die beiden physischen Elemente des Umsatzes sind Geburten und Todesfälle. Jahrtausendelang sind es auch die einzigen gewesen. In der neueren Zeit und dank der Vervollkommnung der Verkehrsmittel ist der internationale Umsatz durch Zuzug und Abzug hinzugekommen. Gewöhnlich ist jedoch der Einfluß, den der letztere ausübt, von untergeordneter Bedeutung für den Bestand der Völker. Unter allen Umständen bestimmen der natürliche Generationswechsel und das Verhältnis zwischen Geborenen und Gestorbenen in erster Reihe über die Volksvermehrung, den jährlichen Zuwachs oder dessen Gegenteil. Dieser allein interessiert uns deshalb bei dieser kurzen Übersicht. Geburt und Tod sind zwei Naturprozesse, denen der Mensch wie alles andere Lebende auf Erden unterworfen ist. Anders aber, als es in der Tierwelt der Fall ist, werden diese Prozesse bei den Menschen durch die Erfahrungen des Zusammenlebens und eine höhere Kulturentwickelung in hohem Grade modifiziert. Sowohl Geburten wie Todesfälle werden allmählich bis zu ge- wissem Grade ein Resultat der Selbstbestimmung des Menschen, zwar nicht individuell und in ihren Verläufen, aber kollektiv und betreffs ihres allgemeinen Vorkommens. Die Mächte, welche auf diese Weise die beiden Hauptereignisse des Lebens und damit die Volksmehrung beeinflussen und umgestalten, sind, wie eben genannt, die Kultur und das Zusammenleben. Durch die erstere wird die Gelegenheit zu Ernährung und Auskommen vermehrt, wodurch immer mehr Spielraum bereitet wird, Familien zu stiften und Kinder zu gebären, vor allem aber wird dank ihr die Macht des Todes gebrochen. Andererseits werden die Geburten durch Sitten und Einrichtungen, darunter in erster Reihe die Monogamie und die Verpflichtung der Versorgung der Nachkommenschaft, ferner durch die soziale Organisation der Gesellschaft und durch den Wunsch, einen höheren Stand zu bewahren u. a. m. in ent- gegengesetzter Richtung beeinflußt. Dies alles zusammen bewirkt, daß Generationswechsel und Vermehrung bei den Menschen etwas ganz anderes sind, als bei den Tieren. Wenn wir nun nach diesen einleitenden Betrachtungen zu erkunden suchen, wie die Volksmehrung auf niedrigerer Kulturstufe faktisch vor sich geht, so sind wir auch hier meistenteils gezwungen, es bei allgemeinen Urteilen zu belassen. Denn ob- schon in den alten Zeiten, z. B. in Ägypten und dem römischen Reich, fleißig Statistik getrieben wurde, so kennen wir doch jetzt nichts mehr davon. Unsere nähere Bekanntschaft mit diesen Dingen ist kaum hundert Jahre alt und gilt nur für die am höchsten stehenden Kulturvölker der Gegenwart. Aus allgemein bekannten Verhältnissen und vereinzelten Angaben aus älterer Zeit können wir uns jedoch eine ungefähre Vorstellung davon machen, welcher Art die Volksmehrung auf diesen Kulturstufen gewesen ist und noch ist. In der Kindheit der Kulturvölker stand mutmaßlich einer sehr großen Nativität eine wenig oder garnicht geringere Sterblichkeit gegenüber. Die große Nativität beruhte nicht allein darauf, daß alle verheiratet waren oder in geschlechtlichem Verkehr lebten, sondern auch auf der großen Fruchtbarkeit jeder erwachsenen Frau. Dies Verhältnis ist ein anderes als das bei jetzt lebenden sogenannten wilden Völkern herrschende. Unter diesen ist die Sterblichkeit zwar groß, die Nativität aber, außer bei verschiedenen Negerstämmen, gering; ihre Menge nimmt deshalb meistens ab und sie sterben allmählich aus. Die geringe Nativität wird jedoch nicht durch die Seltenheit der Ehen verursacht, denn in der Regel sind alle verheiratet, sondern durch die geringe Fruchtbarkeit. Die meisten jetzt lebenden Wilden können auch nicht mit Kulturvölkern in früheren Stadien verglichen werden, obschon sie ihnen oft gleichgestellt werden, sondern sind wie die Überreste einer sonst ausgestorbenen Tierwelt, die der Zoologe hier und da entdeckt, zu betrachten. Sie gehören einer vergangenen Weltordnung an und haben keine Zukunft. Als Menschen haben sie gleichwohl, im Gegensatz zu den Tieren, ein gewisses Gleichgewicht zwischen Volksmehrung und Spielraum der Ernährung aufrecht zu erhalten gesucht, dies ist aber ausschließlich durch Beschränkung der Geburten mittels Fruchtabtreibung und dergl. geschehen. Andere höher veranlagte Völker, die späteren Kulturvölker, haben an Stelle dieses Ausweges zur Erweiterung des Spielraumes der Ernährung gegriffen. Von Sammlern sind sie dazu übergegangen, Arbeiter zu werden. Folg'en wir den Kulturvölkern weiter von ihrem Kindheitsalter bis zu ihrer Jugendzeit, oder dem Alter, das man „Mittelalter" nennt, so finden wir sie in unablässiger Kulturarbeit begriffen, die eine Vermehrung des Spielraumes der Ernährung, oft in der Form von Eroberung, zum Zwecke hat; gleichzeitig haben sie sich aber Sitten und Einrichtungen gegeben, die die Handlungsfreiheit des Einzelnen stark unterbinden und ihm die Verantwortung für die Familie und die Kinder auferlegen. Deshalb ist trotz der großen Fruchtbarkeit die Nativität gering, indem eine Menge Personen durch positive Gesetze oder infolge von Sitten- und Standesvorstellungen davon abgehalten werden, sich zu verheiraten. Gleichzeitig ist infolge der größeren Dichtigkeit der Bevölkerung und der vielen Seuchen die Sterblichkeit im Verhältnis zu der vorhergehenden Periode eher größer als kleiner. Die Volksvermehrung ist daher ganz klein, vor allem aber ungeheuer wechselnd. Die Volkszahl wird zwischen relativer Übervölkerung und starkem Volksmangel hin und her geworfen. Als Illustration hierfür soll die Einwohnerzahl von Zürich in verschiedenen Zeiten angeführt werden 1 ). Im Jahre 1467 betrug sie ungefähr 50000, stieg hierauf am Schlüsse dieses Jahrhunderts 1) Nach v. Inama-Sternegg im Handwörterbuch der Staats Wissenschaften Art. Bevölkerungswesen, 2. Aullage, S. 665. Ebendaselbst werden mehrere ähnliche Beispiele erwähnt. schnell, um dann 1564 wieder auf 66658 zu sinken. Darnach betrug sie: Dies Bild ist ganz sicher typisch für die Bevölkerungsverhältnisse in älteren Zeiten und bei dem Gesellschaftszustand, den man im Leben der Völker Mittelalter nennt. Hier sind es nicht der ungezügelte Naturtrieb der Fortpflanzung einerseits, und die Begleiter der Übervölkerung, Krankheit und vorzeitiger Tod, die, wie die Maltlmsianische Bevölkerungstheorie es sich gern vorstellt, die Volkszahl regulieren. Die Fortpflanzung ist streng begrenzt, und die überaus große Sterblichkeit ist hauptsächlich eine Folge der Pest und anderer Seuchen, die die Menschen heimsuchen, gleichgültig, ob die Bevölkerung Überoder unterzählig, ob der Ernährungsspielraum groß oder klein war. Bei den Berichten über die Seuchen, die die europäischen Völker regelmäßig jedes zehnte oder zwanzigste Jahr, und dann gewöhnlich mehrere Jahre hintereinander-befielen, kann man sich eher wundern, daß die Völker bestehen blieben und nicht untergegangen sind. Sicher ist, daß sich Malthus' repressiv checks hier nur selten auf Grund von Übervölkerung geltend gemacht haben. Volksmehrung und Volksmehrungstendenz auf höherer Kulturstufe. Wenden wir uns von dem eben skizzierten Ent- wickelungsabschnitte zu dem nächsten, nämlich dem, welchen Griechenland und Rom in den Tagen ihrer Kraft erreichten, und in welchem wir uns, obschon auf einem höheren Niveau, selbst befinden, so trägt auch dieser inbezug auf die Bevölkerungsbewegung seine bestimmten Züge, allerdings im Altertum weit verschieden von denen in der Gegenwart. Der natürliche Ernährungsspielraum war in Griechenland eng und wurde es noch mehr durch die politische Absonderung in Stadt-Staaten und Einteilung- des Bodens in eine begrenzte Anzahl Anteile. Es wurde indessen eine lange Zeit kräftig auf Erweiterung desselben gewirkt durch die Kolonisation des Mittelmeergebietes, wie durch Industrie und Handel. Allmählich stockt diese Entwickelung und damit wird, am frühesten in Sparta, der andere Ausweg zur Regulierung der Volksanzahl, die Begrenzung der Nativität, er- 161 < > >t>34 1761 140 000 79 373 118 000 — 320 griffen. Diese, die zuerst bei der zahlreichen Sklavenbevölkerung durch Eheverbote bewirkt wird, macht sich nach und nach auch bei den freien Mitbürgern geltend. Dies geschieht teils in der Form des Zölibates, teils durch Beschränkung der Fruchtbarkeit auf das sogenannte Zweikindersystem. Während der ganzen Zeit bleibt die Sterblichkeit sowohl infolge der vielen Kriege wie der zahlreichen und schlimmen Seuchen eine sehr große. Die Pest 429 v. Chr. hat ganz gewiß mehr als alles andere zum Falle Athens beigetragen. Infolge all dessen tritt ein permanenter Volksmangel ein, der erst zum Untergange Griechenlands und dann einige Jahrhunderte später zum Untergange Roms führt, denn die Entwickelung in Rom verlief trotz der großen äußeren Verschiedenheiten im ganzen in denselben Spuren. In dem jetzigen Europa, sowie den von hier bevölkerten Weltteilen ist die Volksmehrung bis dato andere Wege gegangen, wenn sie auch in vereinzelten Fällen (Frankreich) nahe mit dem übereinstimmen, was wir von den Völkern des Altertums wissen. In sich selbst stellt sich wiederum die moderne Volksvermehrung durchgehends ungleich in Europa und in den neuen von Europäern bevölkerten Weltteilen dar. Gleichwohl vermindert sich die Ungleichheit, sobald die letzteren dichter besetzt werden. Die europäischen Völker, mit denen wir uns hier auschließlich beschäftigen, zeigen auf diesem Gebiete im großen Ganzen eine gleichartige Entwickelung, obschon die verschiedenen Phasen innerhalb derselben für die verschiedenen Völker auf verschiedene Zeiten fallen. Wesentlich dieser Umstand sowie die kurze Ob- servationszeit, die vorliegt, haben die Auffassung der Statistiker und Ökonomen über diese Dinge beirrt. Wir wollen diese Phasen und die Ursachen, welche sie herbeiführten, in Kürze zu charakterisieren versuchen. A^ier mächtige äußere Umstände sind es hauptsächlich, die den Gang der Volksvermehrung in dem Europa der neueren Zeit bestimmen und ihm ihre kennzeichnenden Züge verleihen. Der erste ist der Übergang von dem gebundenen Gemeinwesen mit Leibeigenschaft auf dem Lande, Zunftwesen in den Städten und mehr oder weniger strengen Eheschließungsgesetzen zu moderner Freiheit in diesem Falle wie in anderen. Der zweite und dritte sind das Entstehen einer Großindustrie, sowie die Entwickelung der Verkehrsmittel, wodurch das Nationalvermögen und der Wohlstand ungeheuer gestiegen sind, während gleichzeitig die frühere Isolierung inbezug auf Nahrungsmittel und Erwerbsmöglichkeiten aufgehoben worden ist und jedes Volk außer seinem eigenen Gebiete die ganze Erde als Vorratskammer erhalten hat. Die vierte und letzte Ursache, die im Grunde genommen auch die vorher genannten einschließt, ist die Ent- wickelung der Wissenschaft, und damit die Macht des Menschen über den Nahrungsspielraum, besonders aber über Krankheit und Tod. Diese vier Kräfte im Verein haben in dem eben verflossenen Jahrhundert eine Volksvermehrung veranlaßt, die ohne Seitenstück in der Geschichte der Welt dasteht. Zum Verständnis dieses Verlaufes, der nur stückweise bei ein und demselben Volke beobachtet werden kann, ist es das beste, erst das schematische Bild desselben zu zeichnen. Die erste Wirkung der Aufhebung der Unfreiheit und des Zunftwesens, sowie des freien Rechtes der Eheschließung war eine ungeheuere Steigerung- der Ehen. Das erste, was die russischen Bauern bei Aufhebung der Leibeigenschaft taten, war, sich in der Freude einen Rausch anzutrinken; das zweite, eine Ehe einzugehen — erzählt ein gleichzeitiger Schriftsteller. Ähnliches geschah überall, wo die Eheschließungshindernisse fortfielen. Diese Wirkung wäre aber, wie eine Explosion, schnell verflogen, wenn nicht ungefähr gleichzeitig mit den juristischen Hindernissen für die Stiftung einer Ehe auch die materiellen entfernt worden wären, indem Industrie und Fabriken gleichzeitig neue Auswege eröffneten und neuen Lebensunterhalt in Menge boten. Der anhaltenden Eheflut folgte aber, wie natürlich ist, auf den Fersen eine stark gesteigerte Nativität. Im Anfang folgt auch der Tod dieser Lebenssaat und mäht unbarmherzig Massen junger Leben. Aber nach ihm und mit ihm um die Wette geht jetzt die Wissenschaft. Die große Sterblichkeit wird zuerst durch die Schutzpockenimpfung und dann durch jede neue Eroberung, die die Forschung macht, in dem Maßstabe, wie diese in allgemeine und private Llygiene umgesetzt werden kann, bezwungen. Die unmittelbare Wirkung des Spieles dieser verschiedenen Kräfte ist eine gewaltige Volksvermehrung, wodurch zwischen Volkszahl und Unterhaltsmöglichkeit eine starke Spannung entsteht. Denn wie sehr auch das Nationalvermögen und die Erträge der Arbeit durch Industrie und Handel steigen, reichen sie doch nicht hin für Deckung- des Bedarfs. Dies ist der kritische Falilbeck, Der schwedische Adel. -1 — 322 — Punkt bei der freien Gesellschaftsordnung. Diesen hat Malthus in England erlebt; in anderen Ländern hat er sich zu anderen Zeiten und nicht gleich scharf geltend gemacht. Allein bald tritt ein neuer Faktor psychologischer Natur auf den Schauplatz, welcher die Entwickelung umwendet. Es ist die Forderung einer menschenwürdigen Lebenshaltung. In den höheren Klassen war dies Verlangen schon früher in der Form der Forderung eines standesgemäßen Lebens vorhanden. Bei der großen Masse, die an ein Existenzminimum gewohnt war, erweckt das Vorbild jener unter einer freieren Gesellschaftsordnung ein ähnliches Verlangen. Man fordert ein höheres und menschenwürdiges Dasein. Und diese Forderung ist, einmal erwacht, so stark, daß sie Ehe wie Fruchtbarkeit bindet. Nach der starken Expansion tritt also eine Reaktion . ein. Man verheiratet sich nicht länger nur deswegen, weil man dies darf, oder weil eine freie Stelle vorhanden ist, sondern man verlangt auch, daß diese Stelle ein Auskommen nach den Anforderungen der Zeit gewähre. Gleichwohl verursacht die mächtige ökonomische Entwickelung, daß die Eheschließungen nach dem ersten starken Fall in den meisten Ländern auf derselben Höhe (7—8 °/ 00 ) stehen bleiben und nur wechseln, je nachdem die Zeiten gut oder schlecht sind. Dies hemmt jedoch nicht die zurückgehende Bewegung. Sie geht nur von den Ehen auf die Fruchtbarkeit, d. h. auf die Nativität innnerhalb der einzelnen Familien, über. Während man früher Kinder in die Welt setzte, ohne daran zu denken, wie sie groß gezogen und erzogen werden sollen, oder welches Los ihrer später harren würde, wird man allmählich vorsichtig; und so sinkt auch auf diese Weise die allgemeine Nativität. Doch noch stärker als die Lebensfluten vermindert sich während dessen die Sterblichkeit mit der Folge, daß die Zunahme der Volksmenge weiter eine sehr große ist. Auf diesem Punkte befinden sich jetzt die meisten Völker, doch so, daß sich bei den am weitesten gelangten der Abstand zwischen der Zahl der Geburten und der Sterbefälle, sei es infolge der Abnahme der Eheschließungen oder der der Fruchtbarkeit, deutlich zu vermindern beginnt. . Während die vier oben genannten äußeren Faktoren also alle Schleußen für eine ungeheure Volksüberschwemmung geöffnet haben, ist eine psychische Macht entstanden, die dieselbe reguliert. Die Vorstellung von der richtigen Lebenshaltung spielt in der 3 2 3 — Gegenwart dieselbe Rolle wie die früheren Eheschließungsverbote. Aber ungleich diesen ist sie in hohem Grade elastisch und tendiert dahin, ununterbrochen an Stärke zuzunehmen. Denn die Vorstellung der Menschen von ihren Bedürfnissen wächst unablässig und kann bis ins Unendliche wachsen. Schließlich tritt in der vermehrten Selbständigkeit der Frauen ein neues Hindernis moralischer Art auf, dessen Einwirkung auf die Fortpflanzung keine geringere ist als der Wunsch, ein gesichertes Auskommen zu haben. Diese Tendenz gehört ja doch mehr der Zukunft an, weshalb wir sie hier übergehen, um später wieder darauf zurückzukommen. Es möge genügen, als Resultat der Entwickelung auf dem Punkte, wo wir uns jetzt befinden, hervorzuheben, daß die Nativität, aber vorläufig auch die Sterblichkeit allgemein sinken, weshalb die Volksvermehrung, obwohl noch eine große, doch eine abnehmende ist. — So einfach und klar diese Entwickelung im großen betrachtet zu sein scheint, so ist es doch nicht leicht, ihr in ihren Einzelheiten zu folgen; denn sie wird teils durch die historischen Ereignisse, teils durch den verschiedenen Kulturstandpunkt sowie die ungleiche ökonomische Organisation und Natur der Völker auf mannigfache Weise durchkreuzt und modifiziert. In ersterer Beziehung mögen besonders die französische Revolution und die napoleonischen Kriege zu Anfang des 19. Jahrhunderts, ferner die inneren Erschütterungen um 1848 sowie die Gründung des Deutschen Reiches 1870, schließlich der periodische Wechsel des ökonomischen Lebens zwischen Flut und starker Ebbe hervorgehoben werden —- alles Vorgänge, die diese Entwickelung bald gehemmt, bald beschleunigt haben. Das größte Hindernis für eine einheitliche Auffassung derselben besteht jedoch darin, daß sie sich bei den verschiedenen Völkern in verschiedenen Phasen befindet, bei einigen (den osteuropäischen) in ihrem Anfange, bei anderen (den westeuropäischen) in ihrer Mitte oder nahe dem Ende. Endlich legt auch die kurze Zeit, seit welcher die Bevölkerungsbewegung einer statistischen Beobachtung unterworfen ist, bis auf weiteres einer klaren Auffassung derselben Hindernisse in den Weg. Betreffs der meisten Völker datiert eine etwas zuverlässigere Kenntnis erst von der Zeit 1841—50 her, die noch dazu eine Depressionszeit war und sich wenig als Ausgangspunkt für Vergleiche eignet. Für Osteuropa läßt diese Statistik sogar bis 1860 auf sich warten. 21* Es ist deshalb jetzt noch schwer, das oben gegebene Schema mit statistischen Daten auszufüllen. Einige wenige Andeutungen sind alles, was hier Platz finden kann. Den ersten Beginn, die große Heiratsflut und die daraus folgende gesteigerte Nativität bei der Entfernung der Eheschließungshindernisse und der Entwicklung des Industrialismus sehen wir in Rußland und Serbien (von 1863), ebenso in geringerem Grade in Österreich und Deutschland, wo die letzten Hindernisse dieser Art (in Österreich und Bayern) 1868 fortfielen und die Großindustrie nach 1871 einen enormen Aufschwung nahm. So finden wir in Rußland eine Eheschließungszahl von 10,06, in Serbien von n,7o% 0 (1861—70) und im ersteren Lande eine Geburtenzahl von 50,2 (1871—75) 1 )- In Österreich-Ungarn wird der Gipfelpunkt mit 9,83 °/ 0ft Ehen (1871—75) und 41,0°/o 0 Geburten (1876—80), in Deutschland mit 9,43 %o Ehen und 39,2 %o Geburten in denselben Jahren erreicht-). Ungefähr ebenso muß es ein halbes oder ganzes Jahrhundert früher in Frankreich, England und anderen westeuropäischen Staaten gewesen sein. Die starke Volksmehrung in dieser Zeit sowie, was Schweden und Frankreich betrifft, die genauen Daten, die wir hierüber besitzen, beweisen dies. Aber binnen kurzem fängt der nächste Abschnitt in der Entwickelung •—• die beginnende Abnahme der Ehen und Geburten — an. Was Osteuropa betrifft, wird diese durch folgende Zahlen für Rußland und Polen beleuchtet: 1861/70 1871/75 1876/80 1881/85 1886/90 1891/95 189600 Ehen % 0 10,06 9,73 8,77 8,98 8,70 8.86 ■Geburten °/ 00 49,3 50,2 48,1 48,7 48,4 47,5 47,5 Bei den Völkern Westeuropas ist dasselbe wahrzunehmen, ob- schon mit verschiedenem Zeitverlauf für die verschiedenen Völker. In England (ohne Schottland und Irland), wo die ungeheure Vermögenszunahme den Nahrungsspielraum wie in keinem anderen Land erweitert hat, haben sich die Eheschließungen und die Nativität am längsten auf hohen Ziffern gehalten. Aber auch hier be- 1) Diese und die folgenden Zahlen sind meistens den vortrefflichen, von Gustav Sundbärg herausgegebenen Statistiska Öfversigtstabeller in Statist. Tidskr. PI. 3, 1902, entnommen. 2) In einzelnen Staaten wurden nach Lösung der Bande, die die Eheschließungen hinderten, noch höhere Ziffern erreicht. So waren die Eheschließungszahlen in Bayern 1869 12,4 ° 00 wie früher in Preußen (1816—1820) 10,6 ° ü0 . ginnt die letztere mit 1870 definitiv zu sinken: 1871—75 35,5%o und dann für die folgenden Fünfjahrsperioden 35,4 33,5 31,5 30,5 2 9>3 %o (1896 bis 1900). In den übrigen Ländern außer Frankreich und Schweden macht sich diese Tendenz erst von 1875 ab deutlich bemerkbar, aber nur betreffs der Nativität; die Eheschließungen halten sich nach dem ersten Falle bis aufs weitere auf derselben Höhe (7—8 0 / 00 ), indem der Niedergang auf die Fruchtbarkeit übertragen wird. Die Reaktion kam also in diesen Ländern ganz schnell. Betreffs Frankreichs und Schwedens herrschen andere Verhältnisse. Denn bei ihnen beobachten wir, wie weit wir auch zurückgehen, eigentlich nur die Reaktion. Deshalb ist die Entwickelung in diesen Ländern auch am weitesten gelangt. Stehen Rußland und die anderen osteuropäischen Länder am letzten in der Reihe, so befinden sich Schweden und Frankreich an der Spitze derselben. Gleichzeitig lehrt uns aber die statistische Geschichte dieser Länder, daß die Abnahme der Fortpflanzung auf verschiedene AVeise geschehen kann, entweder durch Einschränkung der Eheschließungen, oder durch Begrenzung der Fruchtbarkeit. Schweden hat, wie die folgenden Zahlen ausweisen, den ersteren, Frankreich den anderen Ausweg ergriffen. Schweden 1801/10 1811/20 1821/30 1831/40 1841/50 1851,60 1861/70 Zahl d. Eheschließ. 1 ) °/ o0 8,27 Zahl der Geburten °/ 00 30,9 F rankreich Zahl d. Eheschließ. °/ 00 7,6 Zahl der Geburten °/ 0l) 32,2 1871/80 ) 6,81 I 30.5 | 8,03 l 25.4 Wie Frankreich in der Frage der Einschränkung der Fruchtbarkeit am weitesten gekommen ist, so ist es Schweden inbezug auf die der Eheschließungen. In beiden Fällen ist das Resultat 1) Früher waren die Eheschließungszahien in Schweden 1751/60 9,10 und später 8,58, 8,50 7,91 und 1791/1800 8,58. Die Variationen soavo I i I hier wie oben erklären sich aus bekannten historischen Ereignissen (1782 und folg. Jahre Hungersnot, 1808 und 1809 Krieg, später ökonomische Wandlungen) und verdunkeln nicht die allgemeine Richtung der Entwickelung. — Für Schweden nach der offiziellen Statistik, Litt. A. 1876 und folgende Jahre; für Frankreich nach Levasseur, La Population Fran^aise, sowie Stat. öfversigtstabeller. 8.78 8,32 7,H 7,27 7,61 6,54 33,4 34, 6 3'-5 31,1 32,8 3',4 7,9 7,8 8,0 7,94 7,88 7,81 31,6 3°,8 29,0 27,3 26,1 (26,1) 1881/90 1891,00 6,26 5-93 29,1 27,1 7,38 7,5° 23,9 22,1 ein gleiches, verminderte Nativität, aber die Wege dazu sind verschieden. Bei den Veränderungen der Sterblichkeit im verflossenen Jahrhundert brauche ich mich nicht lange aufzuhalten. Sie sind allgemein bekannt und gehen unverwandt in ein und derselben Richtung, wenn auch bei den verschiedenen Völkern in sehr verschiedenem Tempo. Am weitesten gekommen in dieser Beziehung- sind die skandinavischen Völker (16,4—i7>7°°/oo 1890—99). Die nachfolgenden Zahlen beleuchten diese Bewegung seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts im großen betrachtet: 1841/50 1851/60 1861/70 26,6 26,1 26,1 38,8 38,3 35,7 Todesfälle °/ 00 1871/75 1876/80 1881/85 Westeuropa 26,5 25,0 24,3 Osteuropa 37,5 *34,8 33,7 1886/90 1891/95 1896/00 23,6 23,0 21,2 32,3 33,6 30,2 Das Resultat der jetzt gezeichneten Entwickelung der Nativität einerseits und der Sterblichkeit andererseits ist eine enorme Volksvermehrung in dem verflossenen Jahrhunderte. Von 186,9 Millionen im Jahre 1800, davon 122,5 Millionen für Westeuropa und 64,4 für Osteuropa, ist die Bevölkerungszahl auf 400,3 Millionen im Jahre 1900, davon 339,8 für das westliche und 160,5 für das östliche Europa, gewachsen. Diese Volksmehrung hat gewisse Verfasser erschreckt und sie mit Angst der Zukunft entgegensehen lassen. Ist indessen das oben gegebene Bild der Entwickelung und Tendenzen der Bevölkerungsbewegung richtig — volle Gewißheit hierüber kann die Zukunft allein schaffen —, so sind jedenfalls diese Befürchtungen stark übertrieben, um nicht zu sagen grundlos. Denn die Entwickelung ist ebenso wie die Kräfte, die sie veranlaßt haben, bei allen Völkern Europas, dem russischen und deutschen, wie dem französischen und schwedischen, ein und dieselbe. Nach dem Punkte, wo die letzteren jetzt stehen, tendieren die ersteren wie alle anderen, früher oder später hinzukommen. Es ist unrichtig, das romanische Frankreich, wie es jetzt geschieht, als einen monströsen Ausnahmefall hinzustellen. Die alte englische Bevölkerung in den Vereinigten Staaten, und noch mehr die in Australien, befindet sich bereits weit auf demselben Wege. — 327 Andererseits zeigen die Romanen in dem geeinigten Italien vorläufig die nämlichen demographischen Züge wie die Deutschen., Auch die ökonomische Organisation spielt hierbei nicht, wie zuweilen angegeben wird, eine entscheidende Rolle, außer betreffs der größeren oder geringeren Schnelligkeit der Entwickelung. Am frühesten wirken die zurückhaltenden Kräfte bei den besitzenden Bauern, z. B. in Frankreich, Schweden, der Schweiz; allmählich wachsen sie aber auch bei den Industriearbeitern, wie das Beispiel der Vereinigten Staaten und bald auch Englands zeigt. Hierbei kommt es weder auf die Rasse noch auf die ökonomische Organisation an, sondern auf die Kultur. Es ist die weitgediehene Zivilisation, welche zwar erst einer ungeheuren Völkerflut alle Türen öffnet, sie aber dann auch selbst zuschließt. Diese Wirkung übt aber nicht, wie Sa dl er vermeinte, die Dichtigkeit der Bevölkerung, auch nicht der physiologische Einfluß des Wohlstandes und des Wohllebens, wie Dubleday und Spencer glauben, sondern ausschließlich die oben angeführten psychologischen Motive. Und diese stellen sich bei allen auf dem Wege der Kultur begriffenen Völkern in dem Maße ein, wie sie weiter vorwärts kommen. Deshalb ist die Tendenz der Fortpflanzung bei den jetzigen Völkern nicht so gefährlich, wie einige meinen. Sie hat in dem eben verflossenen Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht und befindet sich auf dem Wege nach abwärts. Das zwanzigste Jahrhundert wird eine weit niedrigere Nativität ergeben als die, welche wir im neunzehnten erlebt haben. Denn das »Wenn«, das nach der Lehre von Malthus allein das Übermaß der Fortpflanzung zu hemmen vermag, woran er aber selbst wenig glaubte, ist ebenso wirklich, wie alles andere in derselben. Aber nicht allein von der eben behandelten Seite, der der gleichmäßigen Entwickelung aller Völker, aus sind die Befürchtungen einer zukünftigen Volksvermehrung übertrieben und unbegründet. Auch eine Analyse dieser Volksvermehrung selbst lehrt, daß sie kulminiert hat und bald zurückgehen muß. Es ist so viel von der überwältigenden Macht der Fortpflanzung gesprochen worden, als ob die eigentliche Ursache der großen Volksvermehrung in Europa im ig. Jahrhundert in ihr läge. Nichts kann unrichtiger sein. Die Fruchtbarkeit, die ja doch die unmittelbare Äußerung des Fortpflanzungstriebes ist, ist während der Volksflut des ig. Jahrhunderts geringer gewesen als in den früheren Jahrhunderten. Nicht so sehr die Nativität, der positive Faktor hat die große Volksvermehrung verschuldet, wie die Mortalität, der negative Faktor. Man findet dies, wenn man die Zahl der Geburten am Ende des 19. Jahrhunderts mit der Zahl der Todesfälle hundert Jahr früher, oder so weit zurück, wie eine einigermaßen zuverlässige Statistik hierüber reicht, zusammenstellt. Todesfälle 1 ) Geburten 18g 1 —1900 0 / 0 /oo /00 Schweden 27,4 (1751 —1800) 27,1 Finland 28,0 (175 1 —1800) 32.3 Dänemark 25,9 (1800—1809) 30,1 Norwegen 24,9 (1801 —1815) 30,3 Frankreich 25.0 (182t —1830) 22,1 Westeuropa .... 28,0 (1801 —1820) 31,3 Die Nativität in der Jetztzeit vermöchte kaum gegen die Sterblichkeit, wie sie vor hundert Jahren oder vor noch kürzerer Zeit war, aufzukommen. Die Volksmenge Europas hätte sich nicht um ein Drittel des Zuwachses, den sie jetzt erfahren hat, vermehrt, hätte nicht die Wissenschaft den Tod bezwungen. Hier- durch unterscheidet sich diese Volksvermehrung so wesentlich von der älterer Zeiten. Wenn da eine Volksvermehrung stattfand, war sie eine Wirkung der starken Fortpflanzung und Nativität, nicht, wie in der Gegenwart, einer geringen Mortalität. Hiernach läßt sich aber begreifen, daß die'Volksvermehrung- nicht wie bisher fortfahren kann, denn, während die Nativität aus den oben angeführten psychischen Motiven immer mehr sinkt und beinahe unbegrenzt sinken kann, kann dies nicht mit der Sterblichkeit der Fall sein. Diese hat eine Grenze, die niemals überschritten werden kann. Und dieser Grenze, ungefähr 15 %„, haben sich die Völker Westeuropas stark genähert. Der Abstand zwischen Nativität und Sterblichkeit wird sich deshalb künftighin vermindern, und damit die Volksvermehrung. Die von J. St. Mi 11,. Rüm'felin'j Ad. Wagner, v. Fircks u. a. ausgesprochenen Befürchtungen der Volkmehrungstendenz in der Gegenwart entbehren deshalb eines wissenschaftlichen Grundes. 1) Für Schweden nach Befolkn.-stat., 1876, für Finland aus Hufvuddragen af Finlands befolkningsstatistik für die Jahre 1750—1890, für Norwegen, Dänemark und Frankreich nach Levasseur, La Population Frantjaise II, S. 149 u. 229. Die Zahlen lür Westeuropa sind den Statistika öfversigtstabeller för olika lander af Gustav Sundbärg, 1902, entnommen. Nur die beiden ersten Zahlen sind ganz zuverlässig. Der Neomalthusianismus. Die Lehre des Malthus ist eine wissenschaftliche Darstellung der Erscheinungen der Volksvermehrung und eine Theorie; der Neomalthusianismus ist eine darauf fußende praktische Bewegung. Theoretisch unterscheidet er sich deshalb wenig von der ersteren. Höchstens kann man sagen, daß er die vorliegende Frage nicht so sehr national- wie privatökonomisch auffaßt. Der Neomalthusianismus betrachtet die Volksmehrung weniger als Massenerscheinung denn als Ereignis in den einzelnen Familien. Dies hängt mit seinem praktischen Zwecke und seinem Streben, Proselyten zu machen, zusammen. Denn hierin besteht eigentlich sein Wesen. Sein Ursprung und seine nähere Entwickelung bestätigen dies auch. Die Begründer des Neomalthusianismus sind vornehmlich Arzte. Das Signal wurde von England gegeben, wo ein Arzt 1854 eine Schrift mit dem Titel: Elements of social science or physical, sexual and natural religion herausgab, die auch der Grundkodex dieser Bewegung geworden ist. Andere folgten seinen Spuren. Als Arzte hatten diese Männer Gelegenheit, Zeuge davon zu sein, wie ein allzu großer Kinderreichtum die Kräfte der Frau zerstörte und häufig Armut in die Familien brachte. Besonders die erstgenannte Beobachtung erklärt, daß sich auch Frauen, darunter vor allem Annie Besant, mit der ganzen Leidenschaft ihres Geschlechtes zu Aposteln dieser Bewegung machten. Der Neomalthusianismus ist, von dieser Seite betrachtet, ein Moment in der großen Frauenbewegung, ein sicherlich nicht unbefugter Protest gegen die Überbürdung der Frau durch ein Übermaß von Geburten. Aber auch Nationalökonomen von Rang, vor allem J. St. Mill in England und G. Rümelin in Deutschland, haben sich zugunsten dieser Bewegung ausgesprochen. Augenblicklich gibt sie sich, außer in England, vornehmlich in Holland zu erkennen. Aber auch in dem volksarmen Schweden hat sie in K. Wickseil einen Fürsprecher gefunden. Wie oben ausgesprochen, unterscheiden sich die Neomal- thusianer theoretisch wenig oder garnicht von dem Meister. Im Grunde sind sie nur noch größere Pessimisten als er und sehen überall das Gespenst der Übervölkerung. Nur als praktische Bewegung, welche sich die Aufgabe gestellt hat, diese vermeintliche Gefahr zu bannen und zu verhüten, weicht sie von Malthus ab. Die einzigen Mittel zur Verhütung von Übervölkerung, die dieser guthieß, waren Zölibat, späte Eheschließungen und Ent- haltsamkeit in der Ehe. Die Neomalthusianer verwerfen dies und befürworten statt dessen präventive Mittel oder andere Vorsichts- maßregeln gegen die Konzeption. Hierbei werden sie von der richtigen Auffassung geleitet, daß das Zölibat oft ebenso wie die sehr späten Heiraten ein Unglück sind, ferner von der Hoffnung, daß dem Übel der Prostitution auf diese Weise gewehrt werden könne. Allein außer dem genannten praktischen Lehrsatze, der intim privater Natur ist und an sich nichts für das Gefühl oder die Sittlichkeit Anstößiges zu enthalten braucht, huldigt und predigt der Neomalthusianismus eine Auffassung betreffs der Kinderzahl, die von der größten allgemeinen Bedeutung ist und, wenn sie Volkssitte wird, eine große nationale Gefahr in sich trägt. Es ist das sogenannte Zwcikiiidersystem. Die Neomalthusianer begnügen sich niemals damit, für die präventiven Mittel Propaganda zu machen, sondern sie geben gleichzeitig sehr bestimmt an, wie weit man die Natur ungehindert herrschen lassen soll und wo dem eine Grenze zu setzen ist. Die Familien dürfen niemals mehr als zwei, höchstens drei Kinder haben, aber lieber das erstere als das letztere. Der Neomalthusianismus ist hierdurch mit dem Zweikindersystem identisch geworden, was er keineswegs zu sein brauchte, was er aber jetzt faktisch ist. Man kann deshalb sagen, der Neomalthusianismus ist das Zweikindersystem in Theorie gesetzt. Dieses System ist nämlich viel älter als die besagte Lehre. Dasselbe blühte schon im alten Griechenland und in Rom, und hat sich spontan als Volkssitte in Frankreich nach der Revolution, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der da durchgeführten Grundstücksparzellierung, entwickelt. Es ist ferner bald hier, bald dort in der neuen wie in der alten Welt, sowie unter den Bauern und noch mehr in den höheren Klassen zur Anwendung gekommen. Häufig ist diese Sitte gerade infolge des offen gepredigten Neomalthusianismus oder nach dem bekannten Vorbilde Frankreichs eingeführt worden, nicht selten ist sie aber von selbst entstanden. Dieses System liegt nämlich zur Zeit in der Luft. Es verbirgt sich in jeder weit gelangten Zivilisation, wie der Wurm in der Rose. Im folgenden wollen wir es einer Prüfung unterziehen. — 33i Die Fehler und Irrtümer des Neomalthusianismus. Ob- schon die Kritik der Lehre von Malthus auch den Neomalthusianismus trifft, kann man doch nicht unterlassen, diesen infolge der besonderen Auslegung der ersteren, die er enthält, der Konsequenzen, die er daraus zieht, und der Art, wie er dieselbe verkündet, einer genaueren Untersuchung zu unterwerfen. Unter den von den Neomalthusianern mit Vorliebe angewendeten Argumenten, ist die drohende Gefahr der Übervölkerung das am nächsten liegende. Unter Hinweis auf die in den letzten hundert Jahren in Europa stattgefundene große Yolksmehrung wird die drohende Perspektive, die sie in Aussicht stellt, hervorgehoben. Man rechnet aus, die Volksmenge würde sich nach hundert Jahren mehr als verdoppeln, nach weiteren hundert Jahren vervier- und verfünffachen und so weiter, bis unser Planet nach ein- oder zweitausend Jahren wie ein Ameisenhaufen voll Menschen wimmele. Man merkt nicht, daß diese Zahlengymnastik beinahe auf ein Haar dem bekannten Rechenexempel gleicht, ■daß eine Mark, bei Christi Geburt zinsbar angelegt, augenblicklich den Reichtum der ganzen Welt übersteigen würde. Allein ebensowenig wie jemand im Ernst an die Möglichkeit glaubt, daß man durch dieses -einfache Mittel uns zu dem reichsten AAlke der Welt machen könne, ebensowenig braucht man zu befürchten, daß die Volksvermehrung ins Unendliche wachsen werde. Da die Menschen bisher dieser Gefahr entgangen sind, so werden sie dies wohl auch in der Zukunft. Vor allem ist es überflüssig, sich darüber zu sorgen, was in dieser Beziehung in einigen hundert oder tausend Jahren geschehen wird. Hier gilt mehr -als sonst der Satz, daß jeder Tag seine Sorgen hat. AVir denken höchstens an Wohl und Wehe unserer Kinder und sorgen für sie, darüber hinaus aber für die Nachkommen in entfernteren Gliedern niemals. Warum sollen wir in diesem Falle weiter gehen? Dazu ist kein vernünftiger Grund vorhanden. Besser als diese auf eine weit abliegende Zukunft zielende Berechnung sind die aus Verhältnissen der Gegenwart geholten Argumente, wie die bei den meisten Völkern vorkommende Auswanderung- und Armut eines Teiles. Diese beiden Erscheinungen können als Äußerungen einer Übervölkerung gedeutet werden, die durch eine Begrenzung der Bevölkerungszahl verschwinden würden. Unzweifelhaft sind in älterer Zeit Auswanderung und Wanderung, wo sie nicht ihren Grund in — 332 politischen Kämpfen hatten, durch Volksgedränge verursacht worden. Sowohl die Bevölkerung der Welt und die Verbreitung der Kultur, wie die großen Bewegungen, die wir Völkerwanderungen nennen, haben hierin ihre treibende Kraft gehabt. Aber auch die Auswanderung der Gegenwart aus Europa und China hat mindestens teilweise darin ihren Grund. Den einzigen sicheren Fall in Europa bietet Irland nach der Kartoffelkrankheit 1845 dar, obschon auch hier politische Ursachen mitwirkten, und möglicherweise das heutige Italien. Was Schweden betrifft, kann es wohl, flüchtig betrachtet, so aussehen, als wenn seine große Auswanderung seit 1860 eine Äußerung der Übervölkerung wäre. Untersucht man aber die Sache näher, so kommt man zu einem wesentlich anderen Resultat. Zwar wurde die Bewegung durch die Mißjahre 1867 und 1868 und die momentane Übervölkerung, die hiermit folgte, geweckt. Doch ist zu erwägen, daß weder das Schweden von 1860 andere Anzeichen einer absoluten Übervölkerung darbietet, noch die Emigration trotz des starken ökonomischen Aufschwunges, der gleich darauf erfolgte, abnahm. Diese Tatsache, daß die Emigration in der folgenden Zeit sich fortsetzte, obwohl der Nahrungsspielraum und der Wohlstand ungeheuer gestiegen waren, charakterisiert die schwedische Emigration in den 70er Jahren und später als eine Äußerung einer höchstens relativen Übervölkerung oder des Strebens, eine schon vorher verhältnismäßig hohe Lebenshaltung noch mehr zu erhöhen. Die Arbeitslöhne in Schweden sind augenblicklich höher als in Ländern des Kontinentes, möglicherweise mit Ausnahme Frankreichs. Deshalb ist diese Emigration am ehesten eine Wirkung der sich in dem schwedischen Gemeinwesen so stark zu erkennen gebenden Bewegung nach oben. Kann man nicht in anderer Weise zur LIerrschaftsstellung oder im allgemeinen zur Selbständigkeit kommen, so reist man nach Amerika mit dessen vielen Möglichkeiten, in der Hoffnung, dort die Gesellschaftsleiter emporsteigen zu können. Die Emigration ist in Schweden in mehr als der Hälfte aller Fälle eine Form des sozialen Umsatzes, woran nicht die Übervölkerung schuld ist, sondern die Unmöglichkeit, in der Heimat den ersehnten Übergang in eine höhere Klasse, die der Herren oder Bauern, bewerkstelligen zu können. Die andere Hälfte wiederum besteht aus solchen, die von Verwandten entboten oder geholt werden. Die schon große schwedische Bevölkerung in Amerika wirkt als — 333 — Anziehungskraft, gleichgültig ob Menschenüberfluß oder Volksmangel im Heimatlande ist. Man darf auch die dieser Volksbewegung anhaftenden Nachteile nicht mit so schelen Augen betrachten, wie manche es tun. Unzweifelhaft bezeichnet sie einen Verlust für das eigene Volk, sowohl an Menschen wie an Besitz, den letzteren teils in Form von Kosten für die Erziehung u. a. m., teils als Reisegeld. Stets entsteht aber nach einiger Zeit ein Gegenstrom beider Teile, der gegenwärtig in Schweden ungefähr die Hälfte der Stärke des ausgehenden Stromes, was Menschen betrifft, ausmacht und sicher bedeutend mehr, was den Besitz anlangt. Was von der Emigration, gilt auch in der Hauptsache von ■der Armut und dem Elend verschiedener Art in unseren Tagen. Diese Gesellschaftsgebrechen geben sich zwar überall da zu erkennen, wo Übervölkerung vorhanden ist; man darf aber nicht umgekehrt von der Armut auf Übervölkerung schließen. Denn die erstere hat viele andere, individuelle wie soziale, Ursachen. Vor allem muß die für die Gegenwart so charakteristische Anhäufung in den Großstädten Armut im Gefolge haben. Die lokale Übervölkerung ist regelmäßig durch die Not begleitet, aber diese ist, wie schon oben dargetan, nicht an sich ein Beweis für wirkliche Übervölkerung. Aus diesen verschiedenen Ursachen gibt es kein Land, in welchem nicht Arme in einem größeren oder kleineren ^Prozentsatz vorkommen, in Frankreich ebensowohl wie in anderen Ländern. Ob die Erscheinung der Armut unter den zivilisierten Völkern der Gegenwart außerdem durch wirkliche Übervölkerung d. h. durch ein Mißverhältnis zwischen dem Nationalprodukt und den davon zu sättigenden Bewohnern verursacht wird, ist ungewiß. Alles beruht darauf, ob ■eine Verminderung der Volkszahl den Übrigbleibenden größere Möglichkeiten bereiten würde oder nicht. Natürlich beantworten die Neomalthusianer dies bejahend, die Antwort ist aber nicht wohl begründet. Die in diesem Falle angeführte Beweisführung ist für die Auffassung der ganzen Bevölkerungsfrage seitens der Neomalthusianer charakteristisch. Sie betrachten dieselbe, wie oben erwähnt, überwiegend vom Gesichtspunkte der Privatökonomie und des Einzelnen aus und folgern deshalb ungefähr so: „Ein Mann hat eine aus zwei Kindern bestehende Familie, die er noch gerade anständig zu versorgen vermag; kommen nun zwei oder vier dazu, so reicht dieselbe Einnahme nicht mehr aus. Die Münder haben sich vervielfacht, die Hände aber, die dieselben ernähren sollen, sind dieselben — infolgedessen Armut." Diese in der Privatökonomie selbstverständliche Wahrheit wird dann auf das ganze Volk mit der Schlußfolgerung angewendet, wenn die Volkszahl auf einer niedrigen Ziffer gehalten oder reduziert wird, wird es allen leichter zu leben. Hierbei vergißt man aber, daß eine Vermehrung oder Verminderung im Volk nicht wie in einer Familie nur den nicht arbeitsfähigen Kindern gilt, sondern alle Alter umfaßt und somit auch die produktiven. Während in der einzelnen Familie mit jedem neugeborenen Kinde nur die Münder vermehrt werden, während die Hände, die sie unterhalten sollen, dieselben bleiben, wachsen im Volke die letzteren in entsprechendem Verhältnis zu den ersteren. Der Generationswechsel erfolgt nämlich nicht für alle Familien auf einmal, sondern allmählich, so daß das Verhältnis zwischen Mündern und arbeitenden Händen, das in der einzelnen Familie mit jedem neuen Kinde so gewaltig verrückt werden kann, im Volke ungefähr dasselbe bleibt. Deshalb ist diese Art der Argumentierung, obschon auf die einzelnen Familien anwendbar, betreffs eines ganzen Volkes vollständig sinnlos. Die Frage, um die sich in dem vorliegenden Falle alles dreht, ist die, ob eine Beschränkung der Volkszahl einem jeden, im Durchschnitt gerechnet, ein besseres Auskommen bereiten würde als das, welches er hat. Die Neomalthusianer nehmen ohne weiteres an, daß dem so sei, und J. St. Mill glaubte offenbar dasselbe, da er in der Begrenzung der Volkszahl die beste Art, die Löhne der Handarbeiter zu erhöhen, sah. Hierbei begeht man aber den Irrtum, daß man gerade das, was man beweisen soll, nämlich, daß der Dividendus „Nationaleinkommen" gleich bleibt, während der Divisor „Volkszahl" sich vermindert, als eine selbstverständliche Sache postuliert. Könnte die Verminderung nur die nicht produktiven Altersklassen betreffen, so wäre das Rechenexempel freilich klar. Allein aus oben angedeuteten Gründen ist dies nicht möglich, wenigstens für nicht mehr als eine ganz kurze Zeit. Wird nämlich in einem gewissen Zeitpunkt die Kinderzahl eingeschränkt, so dauert es nicht lange, bis diese kleine Anzahl Geborener erwachsen ist. Jede Verminderung der Volkszahl umfaßt deshalb in entsprechendem Grade auch die Arbeitsfähigen. Doch nun entsteht die Frage: 335 — ist es wahrscheinlich, daß das zu einem gewissen Zeitpunkt gewonnene Nationalprodukt von einer wesentlich- geringeren Anzahl Arbeiter in derselben Zeit erzeugt werden könne? Nehmen wir an, daß das ganze Jahreseinkommen des schwedischen Volkes gegenwärtig und bei einer Volksmenge von ungefähr 5 Millionen Menschen 1500 Millionen Kronen betrage; ist es nun glaublich, daß dasselbe gesammelte Einkommen erzielt werden könne, wenn der Volksstock plötzlich auf 4 Millionen reduziert wird? Ich bezweifle, daß irgend jemand dies für möglich hielte. Die Schweden sind ein Volk von 4 Millionen gewesen, hatten aber da, Ende der 60 er Jahre des 19. Jahrhunderts, ganz sicher ein bedeutend geringeres Nationaleinkommen als jetzt mit 5 Millionen, und zwar nicht nur absolut, sondern auch relativ. Kommen jetzt nach der obigen Annahme durchschnittlich 300 Kronen auf einen jeden, so betrug die Summe zu dem genannten Zeitpunkte sicher nicht mehr als 200 Kronen auf den Kopf. Es läßt sich zwar annehmen, daß 4 Millionen Menschen, oder richtiger der produktive Teil derselben, dank der Entwickelung der Technik, jetzt ein größeres Arbeitsprodukt hervorbringen werden als vor dreißig Jahren; daß aber die kleinere Menschenmasse in ein und derselben Zeit ebensoviel erzeugen sollte, wie die größere, ist in dem vorliegenden Falle undenkbar. Das Höchste, was man sich denken könnte, wäre, daß die kleinere verhältnismäßig ebensoviel erzeugte, d. h. in diesem Falle 1200 Millionen Kronen. Alles spricht aber dafür, daß der Niedergang im Arbeitsprodukt nicht proportional sein würde, sondern größer. Der Ertrag der Arbeit wächst nämlich in demselben Maße, wie die Produktion umfassender wird, und umgekehrt. Ein Sinken der Volkszahl Schwedens im gegenwärtigen Augenblicke von ungefähr 5 Millionen auf 4 würde somit kein größeres Einkommen für jeden Kopf herbeiführen, als was jetzt der Fall ist, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach ein geringeres. Dieses ist die größte Illusion der Neomalthusianer, die sie freilich von den Malthusianern selbst übernommen haben, denn auch sie glauben gewöhnlich, daß mit der Einschränkung der Volkszahl das Übel der Armut verschwinden, die Arbeitslöhne steigen und das, was wir jetzt die soziale Frage nennen, sich von selbst lösen würde. Ich will nicht bestreiten, das Fälle denk- Dar wären und auch vorhanden waren, wo eine Einschränkung des Volkszahl größere Einnahmen und Wohlstand für die Übrig- bleibenden herbeigeführt hat 1 ). Daß dem aber auch in der Zukunft und für die meisten jetzigen zivilisierten Völker so sein würde, das steht noch zu beweisen. Und die Führung des Beweises liegt hierbei den Vorkämpfern dieser Abknappungs- theorie ob. Ich bin überzeugt, sie werden hierbei den kürzeren ziehen. Denn das wohlfeile Räsonnement, das mit Hinblick auf die einzelne Familie angeführt wird, taugt nicht, wenn es das ganze Volk gilt. Wahrlich, die soziale Frage wird in den meisten Ländern viel eher durch kräftige Arbeit für die Verbesserung der Lage des Einzelnen und der Nation gelöst als durch die Einschränkung der Volkszahl. Schließlich muß auch als ein Mißgriff praktischer Art seitens der Neomalthusianer die Urteilslosigkeit erwähnt werden, die diese Propaganda auszeichnet — übrigens ein gemeinsamer Zug für alle Gesellschaftsverbesserer. Sie predigen ihre Lehre zu jeder Zeit und an allen Orten und meistens Völkern mit verhältnismäßig niedrigerer Nativität. Mögen sie ihre Missionstätigkeit in China, Indien und Rußland ausüben, dort können sie vielleicht Gutes tun. Allein zu den westeuropäischen Völkern zu gehen, bei welchen Nativität und Fruchtbarkeit von selbst in der Abnahme begriffen sind, ist höchst unmotiviert und obendrein sehr gefährlich. Denn die Entwickelung der Menschheit beruht vor allem auf diesen Völkern. * * Die Wirkungen und Gefabren des Zweikindersystems. Bezüglich der Folgen des Zweikinclersystems kann man sowohl auf das Zeugnis der Geschichte wie auf eine vor Augen liegende Erfahrung hinweisen. In der ersteren Beziehung sind es das Griechenland und Rom des Altertums, die uns ihre Lehren darbieten. In Griechenland war zu Polybius' Zeit,' wie dessen oft zitierte Worte ergeben, das Zweikindersystem unter den Freien Volkssitte. Das Bild, das sie zeichnen, ist so typisch, daß es i) Ein historisch bekannter Fall, wo der Einschränkung der Volkszahl höhere Arbeitslöhne folgen, ist England nach der Schwarzen Pest (1350). Wahrscheinlich würde auch eine Einschränkung der Volkszahl in Indien, wie im allgemeinen in dicht bevölkerten Ländern mit ausschließlichem Ackerbau, wo jeder für seinen Lebensunterhalt auf den Ertrag des Stückchens Land, das et besitzt, angewiesen ist, allen zum Frommen gereichen. verdient, auch bei dieser Gelegenheit wieder angeführt zu werden. „Das ganze Land", heißt es, „leidet Mangel an Kindern und überhaupt an Menschen, wodurch die Städte volksleer werden und der Boden keine Frucht mehr trägt, obwohl weder Krieg noch Pest uns heimsucht. Denn die Menschen haben sich dem Übermut, der Sucht nach Geld und der Bequemlichkeit ergeben; sie wollen sich nicht mehr verheiraten, und tun sie dies, so ziehen sie doch nicht mehr als ein, höchstens zwei Kinder auf, dies edles, um sie in Überfluß erziehen und ihnen ein großes Erbe hinterlassen zu können". Die bekannte Äußerung des Tacitus von „ mimerum liberorum finire ", sowie die Aussprüche anderer Schriftsteller und mehrere Gesetzestexte ( lex Julia et Papia Poppaea) beweisen, daß dieses System samt dessen Zwillingsbruder „Keine Kinder", sowie das Zölibat schon von der letzten Zeit der Republik an in Rom vorherrschend waren. Von allen den Ursachen des Unterganges des Altertums, die die Forschung entdeckt hat, ist aber nach unserer Meinung keine, die sich an Umfassung und Stärke mit dieser messen kann. Es ist ganz eigentümlich, daß es der Wissenschaft so schwer gefallen ist, dieses mächtigste Ereignis, das die Weltgeschichte kennt, zu erklären. Man hat früher als die hierbei wirksamen Ursachen —• außer äußeren Umständen, wie Pest, Krieg und den Einfall der Barbaren — den Verfall des politischen Lebens und die allgemeine Sittenverderbnis angeführt. Augenblicklich ist es modern, das letztere nicht hoch anzuschlagen und die Bedeutung des ersteren zu unterschätzen, und an Stelle dessen die Erklärung jener Ereignisse in den ökonomischen und sozialen Umwälzungen, welche die Flöfe der Bauern in große, von Unfreien bewirtschaftete Latifundien verwandelten, wie überhaupt in der überhand nehmenden Anwendung von Sklaven zu suchen. Das letztgenannte Moment hat unzweifelhaft ebenso wie die anderen zu dem Ausgange, den die antike Welt nahm, beigetragen. Ebensowenig aber, wie diese Erklärung betreffs Griechenlands und dessen Untergangs nach Alexander ausreicht, ebensowenig genügt sie, um den Verfall der ganzen antiken Kultur nach den Antoninen zu verstehen. Das größte Hindernis für eine richtige Auffassung dieser Ereignisse ist, scheint mir, daß man bei der Analyse nicht zwischen näheren und ferneren Ursachen unterscheidet. Die unmittelbarste und direkt wirkende Ursache zu dem Untergange der griechischen Fahl heck, Der schwedische Adel. 22 wie später der römischen Welt war der wachsende Volks- mangel. Aber dieser ist seinerseits eine Folge der fehlenden Regeneration. Denn wie sehr auch Pest und Krieg bei verschiedenen Gelegenheiten, und besonders in der Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Chr. die Volksanzahl dezimieren, so wären diese Lücken schnell wieder ausgefüllt worden, falls die Regeneration stark oder selbst normal gewesen wäre. Bei einem lebenskräftigen Volke geht die Zunahme nach solchen Aderlassen eher in einem noch schnelleren Tempo vor sich, so daß die Volkszahl gewöhnlich in kurzer Zeit wieder dieselbe Höhe hat wie früher. Diese Unglücksfälle hätten deshalb wenig zu bedeuten gehabt, falls nicht die Regeneration zu versiegen begonnen hätte. Die fehlende Regeneration war es, die in diesem Fall, wie sicher immer, wenn eine Kultur untergeht, die unmittelbare totbringende Krankheit war. Gewöhnlich kommt dann das Ende selbst ganz plötzlich durch äußere Gewalt, nachdem die innere Widerstandskraft gebrochen ist. In dem vorliegenden Falle ging es auf andere Weise zu. Da der Bedarf an Armen für Ackerbau und Gewerbe nicht länger durch eigene Regeneration gedeckt werden konnte, ergriff man den Ausweg, denselben durch immer stärkeren Import von Barbaren zu ersetzen. Dies traf besonders im römischen Weltreich nach dem Markomannenkrieg 167 n. Chr. ein. Man versah sich aus der germanischen Völkerkammer mit dem nötigen Menschenmaterial. Große Teile des Reiches wurden zwar auf diese Weise wieder bevölkert, mit welcher Wirkung aber? Zum Verständnis der Folgen dieser Infiltration halbzivilisierter Völker und Individuen, welche durch den sozialen Umsatz dann rasch in alle Lager der Gesellschaft hinaufgeführt wurden, bedarf es keiner langen Forschungen und Ermittelungen. Der kurze Weg vom Triumphbogen des Titus bis zu dem des Constantin in dem jetzigen Rom gibt genügenden Aufschluß darüber. Die kunstgeübten Hände, die den ersteren erbaut hatten, waren zweihundert Jahre später durch rohe Barbarenhände ersetzt worden, welche die Vorbilder nicht einmal anständig nachzuahmen verstanden. Die antike Zivilisation war wie ein künstlerisches Bauwerk, das die Menschen nicht länger zu unterhalten verstanden. Daß aber die Kenntnis hiervon verloren ging, beruhte darauf, daß die Völker, die sie besaßen, ihr Geschlecht nicht fortpflanzten, sondern statt dessen die Barbaren als Adoptivkinder entboten. Dies war die erste und zunächstliegende Ursache des Untergangs der Antike. Setzen wir nun die Analyse fort und fragen, welches die Ursachen der somit fehlenden Regeneration waren, so werden wir auf die obengenannten Momente, als jedes in seinem Kreise und zu seiner Zeit — denn sie haben nicht überall gegolten oder gleichzeitig gewirkt — hingewiesen. Gleichwohl muß man sich davor hüten, aus den Verhältnissen in Italien gegen Ende der Republik, wo das Latifundienwesen die Bauern verjagt und die Sklavenbevölkerung eine relative Größe erreicht hatte, die sie — die großen Sklavenkriege scheinen mir dies zu beweisen — sicher weder früher noch später erreicht hat, auf die Verhältnisse im ganzen römischen Reiche zur Zeit der Antoninen zu schließen. Was dagegen allzu wenig als Ursache der abnehmenden Regeneration in jener Epoche beachtet wird, das ist die steigende Verbreitung des Christentums. Denn dank der asketischen Richtung, die dasselbe bald annahm, wendete es sich feindlich sowohl gegen die Ehe, wie überhaupt gegen den geschlechtlichen Verkehr so in wie außer der Ehe. Enthaltsamkeit von beidem aus religiösen Gründen wird nach und nach eine der stärksten Ursachen des wachsenden Volksmangels. Schließlich hat wohl auch das von Diokletian eingeführte Steuersystem in derselben Richtung gewirkt. Allein alle diese Ursachen sind, wie gesagt, Ursachen zweiter Hand, die erste und unmittelbarste war keine andere als die fehlende Regeneration teils in der Form des Zölibates, teils in der kleiner Familien — also das Ein- und Zweikindersystem. Dies ist das Werk des Zweikindersystems und des Zölibats in der Geschichte. Es liegt indessen so weit ab und ist auch so wenig beachtet worden, daß es für die Menschen der Gegenwart schwer sein dürfte, daraus eine Lehre und Warnung zu ziehen. Es ist daher gewissermaßen ein Vorteil, daß wir dasselbe System und seine Wirkungen in dem jetzigen Frankreich vor Augen haben. Wir sehen hier zwar nicht den Ausgang, können aber dank der modernen Statistik dem Verlaufe folgen und. aus dem, was wir so sehen, unsere Schlüsse ziehen. Wie bekannt, ist das Zweikindersystem in Frankreich als Volkssitte nicht alt, kaum hundert Jahre; es umfaßt auch nicht das ganze Land. Ungefähr ein Viertel der Departements ist noch ziemlich unberührt davon 22* 340 — und auch in den übrigen ist dieses System lange nicht alleinherrschend. Allein trotzdem, welches sind nicht schon die Wir kungen? Wäre nicht die bedeutende Immigration da, so würde die Volkszahl zu sinken beginnen und stets tiefer sinken, bis ein starker Volksmangel einträte und das Volk seine Selbständigkeit verlöre. Nun wird die Volkszahl zu einem guten Teil durch den Zufluß von außen von Deutschen, Italienern und Belgiern aufrecht erhalten. Hierbei bleibt aber das französische Volk allmählich nicht länger dasselbe Volk. Ein Glück ist, daß die umgebenden Völker Stammesverwandte sind und dieselbe Zivilisation besitzen. Im entgegengesetzten Falle, und wäre Frankreich von Negerstämmen umgeben, so hätten dessen Söhne und Töchter schon an manchen Orten angefangen, einen dunkleren Farbenton anzunehmen, und die glänzende französische Kultur wäre, ganz wie dies vor 1700 Jahren in dem römischen Weltreiche geschah, bald in Barbarei verwandelt. Ein Land mit abnehmender Bevölkerung wirkt auf die umliegenden Völker wie ein leerer Raum auf die umgebenden Luftlager. Er saugt sie an sich, wird aber selbst dadurch verwandelt. So geht es auch mit dem Frankreich der Gegenwart, falls es die verderbliche Volkssitte des Zweikindersystems fortsetzt und weiter entwickelt. Um die Wirkungen des Zweikindersystems auf die Volkszahl zu beurteilen, braucht man sich jedoch nicht an die Geschichte zu wenden. Eine einfache Berechnung genügt hier vollständig. Man braucht nur die relative Anzahl der Frauen im gebärenden Alter, den Prozentsatz von diesen, die sich verheiraten und Kinder bekommen, zu kennen —• alles Dinge, über welche die offizielle Statistik oder andere Quellen hinreichenden Bescheid geben. Hier bedarf es nämlich keines feinen Maßes. Die Aufgabe ist, die äußersten Grenzen eines jeden dieser Momente so festzustellen, daß man dem besprochenen System kein Unrecht tut. Die erste Aufgabe ist, zu bestimmen, wie viele Altersklassen die Frau »im gebärenden Alter« umfaßt. Physiologisch betrachtet, können schon Fünfzehn- bis Sechzehnjährige, wie, wenn auch selten, noch Fünfzigjährige Mutter werden. Hier dürfen jedoch nicht so weite Grenzen gezogen werden. Das Gesetz bestimmt in Schweden aus guten Gründen, daß ein Mädchen erst mit siebzehn Jahren eine Ehe eingehen darf; und die Sitte, ausgedrückt in dem allgemeinen mittleren Alter für die erste Ehe- — 34i — Schließung, gibt 27 Jahre als die augenblicklich gewöhnliche Anfangsgrenze an. Wir wollen indessen hiervon absehen und bei vollendeten 20 Jahren als der Grenze nach unten bleiben. Nach oben kann sie bei einer Berechnung dieser Art nicht höher als 45 Jahre gesetzt werden, denn die Fälle von Schwangerschaft, die später vorkommen, sind selten. Wir haben also mit den 25 Altersklassen von 20—45 Jahren zu rechnen. Dies ist jedenfalls eine sehr weit fassende Berechnung, denn es sind beinahe niemals dieselben Frauen, die zu 21 und zu 45 Jahren Kinder gebären. Diejenigen, die in der Periode 25—35 J. Kinder bekommen haben, bekommen in der Regel keine in der folgenden, 35—45 J., und ebenso natürlich umgekehrt. Wir lassen dies jedoch unberücksichtigt und konstatieren nur, daß laut der Volkszählung von 1890, die ganze Anzahl Frauen im Alter von 20—45 Jahren im schwedischen Volke 807 862 Personen, 169 auf 1000 der Bevölkerung entsprechend, und in Deutschland in demselben Jahre 8664521 oder 175 auf 1000 der Volksmenge betrug. Ersteres ist eine niedrige, letzteres eine ziemlich hohe Zahl. Wir wollen uns gleichwohl bei dem folgenden Kalkül an diese halten. Nun haben wir zu berechnen, wie viele von diesen sich verheiraten und wie viele von diesen wieder Kinder bekommen. Von sämtlichen im Alter von 20 -45 Jahren stehenden Frauen sind in Westeuropa 35—47% unverheiratet (Witwen und geschiedene Frauen eingerechnet). Diese Ziffern, die auch auf dem höheren Heiratsalter beruhen, drücken einen höchst unglücklichen Zustand aus und dürfen offenbar nicht unseren Berechnungen zugrunde gelegt werden. Andererseits kann man nicht annehmen, daß alle Mädchen sich verheiraten — ein Fehler, der jedoch gewöhnlich in diesen Kalkülen gemacht wird. 1 ) Es gibt stets viele Kranke und Krüppel, die sich nicht verheiraten können, und andere wiederum, die aus Neigung oder anderen Gründen keine Ehe eingehen wollen. Schließlich sind ja stets zwei erforderlich, wenn eine Ehe zustande kommen soll, und ebenso wie unter den Frauen gibt es unter den Männern nicht wenige, die sich entweder nicht verheiraten wollen oder können, woraus folgt, daß manche Mädchen unverheiratet bleiben müssen, weil keine Männer im passenden Alter vorhanden sind. Hier kommt somit eine 1) So auch Rümelin, Reden und Aufsätze, 1875. 313 ff. 342 — Mannigfaltigkeit von Umständen vor, die, wie auch die sozialen Verhältnisse gestaltet sind, verursachen, daß viele Frauen unverheiratet durchs Leben gehen. Wenn wir darum annehmen, daß die unverheiratet bleibenden ungefähr i2°/ 0 aller Frauen in dem besprochenen Alter ausmachen, so ist damit sicher die äußerste Grenze der Ffeiratsmöglichkeit angegeben. : ) Dieser Angabe nach wären somit 88 °/ 0 sämtlicher Frauen im Alter von 20—45 J., oder 154 auf 1000 des ganzen Volkes, verheiratet. Nun ist noch zu bestimmen, wie viele von diesen Kinder bekommen. Aller bisher gemachten Erfahrung nach ist über ein Achtel oder ebenfalls ungefähr 12 °/ 0 der Ehen steril. Zieht man diese auch ab, so verbleiben 135 auf 1000 der Volksmenge, die Ehen eingehen und Kinder bekommen. Mit einer Fruchtbarkeit von nur zwei lebend geborenen Kindern in jeder Ehe erhält die Rechnung folgendes Aussehen: 10,8 Kinder auf 1000 der Volksmenge jährlich. -) 25 Dies ist also die Nativität des Zweikindersystems, und zwar nicht unter den jetzigen, sondern bei den denkbar günstigsten Eheverhäitnissen. Wohin es bei einem so geringen Zuwachs führen würde, ist klar. Es würde lange nicht die Verheerungen des Todes, nicht einmal bei der äußerst geringen Mortalität in Schweden für dieselbe Zeit von 16,5 °/oo decken können. Klar ist aber, daß letztere Ziffer sich in einer stationären oder abnehmenden Bevölkerung mit keiner Emigration viel höher stellen muß. Der mittleren Lebensdauer für Neugeborene nach zu urteilen (50,02 Jahre, 1881 —1890 in Schweden), könnte sie nicht weniger 1) In Frankreich, wo das Zweikindersystem so verbreitet ist, ist die Anzahl Ehen und verheiratete Frauen in diesen Altern zwar größer als in Schweden, aber nicht so groß wie in Deutschland und England. Von sämtlichen Frauen im Alter von 20—45 Jahren waren 1890 36,4 °/ 0 unverheiratet (inkl. Witwen und Geschiedenen). 2) Um eine andere rationellere Methode, die Nativität des Zweikindersystems, freilich nicht in der Wirklichkeit, aber als Maximum zu finden, wäre anzunehmen, daß alle Frauen (nach obiger Annahme), die sich überhaupt verheiraten und in der Ehe Kinder bekommen, diese Wehrpflicht der Generation schon im Alter von 20—25 Jahre erfüllten. Aber auch unter dieser für das System günstigen Annahme, wo z. B. das erste Kind im Alter von 21—22, das zweite zu 24—25 Jahren käme und der jährliche Stock Neugeborener also gleich diesen Altersklassen minus der, die sich niemals verheiraten oder als Verheiratete keine Kinder bekommen, würde, kommt man doch zu keiner höheren Nativität als ungefähr 13 °/ 00 . als ungefähr 20 °/oo se i n - Das Zweikindersystem würde also selbst unter der utopischen Annahme, daß 88 °/ 0 aller Frauen im gebärenden Alter verheiratet seien, jährlich eine Verminderung von ungefähr 9%o der Volksmenge herbeiführen, wodurch sie, wenn sie sich selbst überlassen wäre, schon nach 77 Jahren auf die Hälfte reduziert sein würde, und so immer weiter. Nicht einmal eine Fruchtbarkeit vo.n 3 lebend geborenen Kindern per Ehe vermag die Volkszahl zu erhalten. Denn die Nativität steigt dann nur auf 16,2 °/ 00 , während die Sterblichkeit nahezu 2o°/ 00 ausmacht. Es bedarf einer mittleren Fruchtbarkeit von nahezu 4 lebend geborenen Kindern auf die Ehe, um auch unter den oben gemachten utopischen Annahmen die Volkszahl aufrecht zu erhalten und sie etwas steigen zu lassen (2 °/ 00 jährlich). Es ist eigentümlich, daß die Neomalthusianer sich niemals durch Rechnungen dieser Art klar machen, welche Wirkungen das von ihnen befürwortete Zweikinders3^stem hat. Dies wäre mindestens ebenso wichtig wie eine Berechnung, wann die Erde übervoll von Menschen ist. Aber dies erklärt sich aus der durch- gehends privatökonomischen und individualistischen Betrachtungsweise dieser Dinge, die sie auszeichnet. Offenbar ist indessen, daß es keine gefährlichere Volkssitte gibt als das Zwei- und auch das Dreikindersystem. Es ist kurz und bündig der nationale Selbstmord. Vor allem in einer Zeit allgemeiner internationaler Unsicherheit, wie der gegenwärtigen, und für ein Volk mit gefährlichen Nachbarn ist dieses System der unfehlbare Weg zu einem baldigen Untergang. Auch im großen betrachtet, ist jede Einschränkung der Nativität bei den westeuropäischen Völkern schädlich, so lange die Wogen des Lebens in . Osteuropa so hoch gehen, wie es noch immer der Fall ist. Außer den eben beschriebenen Früchten des Zweikindersystems gibt es viele andere, die für die Gesundheit der Individuen wie für die der Völker sehr gefährlich sind. Die Kinder in den Zweikinderfamilien werden verweichlicht, klagt Paul Leroy- Beaulieu von seinen Landsleuten. Nicht weniger schlimm ist, daß das ganze Volk unter diesem System mit aller Sicherheit in trägen Müßiggang verfällt. Jede Generation, an Zahl kleiner als die vorhergehende, gibt sich, ohne Lust zur Vermehrung desselben, mit ihrem Erbe zufrieden. Mit aller Sicherheit wird auch das Nationalprodukt, nicht allein kollektiv, sondern auch pro Kopf — 344 — gerechnet, sinken, wie dies im römischen Reiche geschah, obgleich die einströmenden Barbaren hier die Lücken ausfüllten. Das Zweikindersystem gereicht somit auf die Dauer nicht einmal den Individuen zum Nutzen. Im Gegenteil, es wird durch die selbstsüchtige Bequemlichkeit, die es gewöhnlich veranlaßt, die Menschen von Grund aus demoralisieren. Der Neomalthusianismus ist also eine Bewegung, an dessen einem Ende zwar ein schöner Idealismus steht, dessen anderes Ende aber in dem krassesten Egoismus schließt. * Was ist zu tun? Obschon nach dem Vorhergegangenen nicht nur die Propaganda für das Zwei-, sondern auch die für das Dreikindersystem entschieden zu verurteilen ist, ist damit doch nicht gesagt, daß nicht eine Begrenzung der Größe der Familien in manchen Fällen wünschenswert sei. Nicht selten wären vier bis fünf oder weniger Kinder passend, wo jetzt sieben, oder acht, oder noch mehrere vorkommen. Und im allgemeinen würde es ein Vorteil sein, wenn die bei den meisten Völkern herrschende Nativität anders, als es jetzt der Fall ist, verteilt wäre, so daß mehr Familien mit im Durchschnitt weniger Kindern in einer jeden wären. Unglücklicherweise hat man aber, wie Frankreichs Exempel genügend beweist, keine Garantie dafür, daß eine verminderte Fruchtbarkeit eine entsprechende Steigerung der Heiratsfrequenz hervorrufen würde, so daß die Nativität und die Zunahme des Volkes dieselben bleiben könnten, wie sie es jetzt sind, und wie sie es, was Schweden anbelangt, sein müssen, damit das schwedische Volk sich im Verhältnis zu anderen aufrecht erhalte. Es ist unter diesen Umständen für ein kleines Volk das klügste, gar keine direkten Maßregeln zur Beschränkung der Kinderzahl zu ergreifen. Die großen Nationen, nicht die kleinen, müssen hierin den Anfang machen. Oben ist erläutert worden, welche Kraft die Fortpflanzung und Nativität in der Gegenwart zurückhält. Es ist die Vorstellung von dem für eine menschenwürdige Existenz Erforderlichen, die beinahe als Naturkraft wirkt. Neben dieser zurückhaltenden Kraft wächst jedoch eine andere heran, die der ersteren keineswegs an Stärke nachgibt und die sich direkt gegen die große Frucht- barkeit, nicht, wie die ersten, auch gegen die Ehefrequenz richtet. Dies ist — die jetzige Selbständigkcitsbewegung der Frauen. Die Frau trägt die Bürde der Mutterschaft und hat dann auch in der ersten Zeit die größte Arbeit mit der Pflege und Erziehung der Kinder. Solange ihre Stellung in der Familie und im Gemeinwesen nach Gesetz und Sitte eine mehr gebundene war und der Mann ihr, ebenfalls nach den Anschauungen der Zeit, rücksichtslos die Bürde der Mutterschaft auferlegte, fand sie sich ohne Murren darein. Hierin ist eine große Veränderung eingetreten, die noch bei weitem nicht abgeschlossen ist. Die Frauen in den höheren Klassen wollen immer mehr selbst darüber bestimmen, wie oft und wann sie Mütter sein wollen; gleichzeitig wirkt bei den Männern die Rücksicht auf den Wunsch der Frauen in diesem Falle immer stärker. Diese Bewegung geht, obschon sie vorläufig auf die höheren Klassen beschränkt ist, wie alles Ähnliche allmählich auf das Volk über. Dieses wird der größte Hemmschuh für die Fruchtbarkeit der Zukunft, aber nicht einer fernen, sondern einer sehr naheliegenden. Die Fruchtbarkeit wird infolgedessen stark sinken und die Gefahr ist nur, daß der Fall ein zu großer wird. Denn so ging es in der alten Welt. Die Frauen der höheren Klassen entzogen sich dort zuletzt ganz der Aufgabe, Kinder zu gebären. Und auf diesen Punkt ist man schon unter the Upper ten thousands in den Vereinigten Staaten angelangt, wo, wie behauptet wird, die Fruchtabtreibung etwas Gewöhnlicheres geworden ist als die Wochenbetten. Die Frauen sind im allgemeinen eifrige Anhänger des Zweikindersystems, nachdem dies einmal bekannt geworden ist. Die alte Geschichte wiederholt sich von dem Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen und dem Weib, das von der Frucht nahm und aß, und ihrem Manne auch davon gab. Auf doppelte Weise arbeitet die Entwickelung somit an der Hemmung der Fortpflanzung. Alles, was man dabei wünschen und hoffen kann, ist, daß sowohl bei Frauen und bei Männern das rechte Gefühl der Verantwortung und die richtige Rücksicht in dieser Lebensfrage für die Völker gefördert und entwickelt werden mögen. Beides fehlt noch in hohem Grade. Viele Männer, aber auch Frauen, verheiraten sich, die infolge der Krankheiten, die sie haben, niemals eine Ehe eingehen dürften. Es wäre die Pflicht der Gesellschaft, durch Gesetze 346 hier einzugreifen und auf diese Weise zur Erziehung der Menschen zu dem richtigen Pflichtgefühl beizutragen. In anderen Fällen werden Kinder geboren, ohne daß die Eltern die Mittel besitzen, sie zu ernähren und zu erziehen. Gegen dieses Übel kämpfen die Neomalthusianer. Nur schade, daß ihre Art, es zu bekämpfen, so gefährliche Folgen hat. Endlich kommen Fälle vor, wo, infolge Schwäche der Eltern, hohen Alters und dergl., die Kinderanzahl auf ein oder zwei hätte beschränkt werden müssen, oder überhaupt keine Kinder hätten geboren werden dürfen. Das Ideal ist demnach nicht die unbeschränkte Kindererzeugung. Im Gegenteil, dieses bezeichnet einen niedrigen Standpunkt, und so wie es früher war, wo die Frau von den vielen Kinderlasten erdrückt wurde und durch sie unterging, wo Kinder zur Welt kamen, gleichgültig, ob Platz für sie vorhanden war oder nicht, und ob sie zu Krankheit und Schwäche verurteilt waren . oder nicht. Dies ist auf die Dauer ein für den Menschen unwürdiger Zustand. Er muß in diesem Falle, wie in anderen, seine Vernunft und vor allem sein Gewissen zu Rate ziehen. Auf das richtige Gefühl der Verantwortung kommt es an. Dieses Gefühl muß aber nicht nur die Kinder und die Frau, sondern auch die Natur und das Gemeinwesen umfassen. Es ist eine gewöhnliche Vorstellung, die Frage der Kinderzahl sei eine Privatsache zwischen Mann und Frau, die einen anderen oder die Allgemeinheit nichts angehe. Nichts kann unrichtiger sein, obschou es einem weniger entwickelten Rechtsbewußtsein nicht so erscheint. Von einem höheren moralischen Standpunkt betrachtet kann in Frage gestellt werden, ob überhaupt irgendeine Handlung des Menschen eine Privatsache sei. Denn in dem Augenblicke, wo dieselbe Folgen hat, die indirekt oder direkt andere treffen, ist es nicht mehr Privatsache. Aber keine Handlung, die auszuführen in der Macht der Mehrzahl steht, hat so große und weitgehende Folgen für Gegenwart und Zukunft, wie die Fortpflanzung und der Generationswechsel. Dies ist demnach keine Privatsache in dem Sinne, daß nur die Rücksicht auf die eigene Bequemlichkeit darüber zu bestimmen hat. Ebenso wenig, wie die Kinder jetzt das Privateigentum der Eltern sind, ebenso wenig ist deren Erzeugung eine Sache, über die ein kleinlicher Eigennutz bestimmen darf. ~ 347 — In den gebundenen Gemeinwesen älterer Zeiten suchte man das schwere Problem der rechten Volksmenge durch Ehehindernisse verschiedener Art zu lösen. Man sollte in Fällen von Kränklichkeit hierauf zurückkommen, aber sonst dürften die Menschen der Jetztzeit es als ein angeborenes Recht, auf das sie nicht verzichten wollen, betrachten, daß sie sich verheiraten dürfen. Da bleibt als der rechte Regulator des Naturprozesses der Volksvermehrung nichts anderes übrig als das Gefühl der Verantwortung. Erreicht dieses Gefühl aber einmal seine volle Höhe, so wird auch das verwickelte Problem besser auf privatem Wege gelöst werden als früher durch den Kollektivwillen der Gesellschaft. Die Kinderzahl wird dann in der Mehrzahl Familien bei vier bis fünf lebenden Kindern stehen bleiben. Geht man nämlich von 25 Jahren als dem für die Frau passenden Heiratsalter aus und bleibt bei ungefähr 40 Jahren Grenze für die Mutterschaft, so erhält die Generationsperiode eine Länge von 15 Jahren, was gerade das richtige für eine solche Kinderzahl sein dürfte. Außer den lebend geborenen Kindern kommen nämlich tot geborene und Fehlgeburten vor 1 ). Überall, wo keine besonderen Umstände zu einer größeren A^orsicht mahnen, dürfte also dies die richtige Größe der Familien in der Gegenwart sein. Eine solche Kinderzahl gibt auch zu dem wachsenden Nahrungsspielraum passende Zunahme der Volksmenge, vorausgesetzt daß die Heiratsfrequenz hinreichend groß ist. Die Erreichung dieser Ziele ist jedoch die Sache der Zukunft. Das einzige, was man tun kann, ist, die Menschen aufzuklären und zu versuchen das Gefühl der Verantwortung-bei ihnen zu schärfen. Doch ebenso leicht, wie es ist zu sagen, daß und wie dies geschehen müsse, ebenso schwer ist es, dies zu bewerkstelligen. Daß hierzu das blasse Ideal einer neumodischen Ethik, der Altruismus, nicht genügt, ist offenbar, denn dieser reicht mit Mühe für die persönlichen Verhältnisse untereinander aus. Eine moralische Macht höheren Ranges ist erforderlich, um die Menschen zu vermögen, ihre Bequemlichkeit auf die stille und wenig anziehende Weise, von der hier die Rede ist, der Gesellschaft und der Zukunft zu opfern. Diese Macht ist die Religion und das Pflichtgefühl gegen den Ursprung aller Dinge. Aber wer und was erweckt diese wieder in unseren 1) Trotzdem ist die Generationszeit augenblicklich gewöhnlich nicht mehr als 1 2 Jahre. — 34« Herzen? Deshalb muß man sich davor hüten, wie es die Neo- malthusianer tun, durch Lehre und Agitation den natürlichen Verlauf der Regeneration zu beeinflussen. Denn es arbeiten schon so große Kräfte an der Begrenzung derselben, daß die zukünftige Gefahr nicht das Übermaß der Fruchtbarkeit, sondern ihre allzu große Einschränkung mit darauf folgendem Volksmangel ist. Diese Bewegung liegt, wie oben gesagt, in der Luft und darf nicht beschleunigt werden. Wer dies tut, ladet sich eine große Verantwortung auf. Denn wohl kann er den Stein ins Rollen bringen, aber seinen Lauf zu hemmen ist er nicht imstande. Anhang. 35 ] ~a OJ | o C/) "ÖJ T3 < i— tu Q H m ON 00 ES c et TD 1 > G o p > r-- R ?- < d) H (U 'S bJD'o O rÖ —' S ^ o >2.51 •5 § Ö wj -S •o 0J . bJD Ö TD _ -c MO X^. M O >— 1 CO lO KCO O M O IN O K H rO >-< rO M CO O G* O X-^ *3" W M M hh -< tj" rO h lo M CNO OO O O O OW x^x^t^O urt ro H G"i O X-^X^.H-4 X^i-H "^"O N ro K H M r^- «^}- X^» i/) OCO ctni-h x^o ro CO (>. 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Geschiedene von Nicht-Adligen Summa Summa in den Geschlechtern gebor, brauen crq' 2 2 n CT: cra 5" S & ^ o & O KJ — ^1 H-l W O ^ C- < -> LL CL m p: —. fi, a; 2 erq rt g • — — i-l Z t? P PC/3 = 3 : 1 n i CL a> O o ^ 5^ 2 Q g fcs. ifl *1 i erq i 3 er § 3 > CL O rD < —s 11 > 3 cl 3 CL 3 ST -n 3 D- 5 3 5 cl CL CD XI p c 3 CZ) ET r" 3 a S o 3- 3 n> 3 P- P 3J C P CO o Ul — 355 —' Tabelle V. Analyse von 825 ausgestorbenen Geschlechtern. i u in Zweigliedsgeschlechter. Anzahl 381. Sa. Männliche gestorbene als: -2 l:s S bß "ü 3 3 S £ 4i3| 40/ 393 167 393 987 413 40715601380 Weibliche: ü D i . C D ÖÜ £ o o> c £ bß ^ u « (U .« T3 " *QJ tP > -c 243 387 92 243 896 644 508 i 722 1783 Weibliche: .£3 O U r£ m rt - TD O •J) I II 159 126 III 197 141 IV 172 100 V Sa. C-n K) 00 367 03 03 ö 15 £ 03 o t/3 bß '45 226 233 50 '45 5" 57' 322 Weibliche: 0 « 2 ^ "o -f 3 399 476 407 44 186 275 277 55 1326 ; 793 47 64 CD .Sa. F tlnfgliedsgeschlechter. Anzahl 49. Männliche gestorben als: TD r- I — — II 36 48 III "7 79 IV 107 6l V 56 48 VI — a & •"* -d 5° 94 21 316 236 5° 190 333 262 125 960 Weibliche: 03 CU i c 5 'S 'S 73 bß '5' 283 244 148 16 CJ 70 '35 170 104 24 5°3 Anmerkung. Während die männlichen Personen nach dem Zivilstand und dem Alter, zur Zeit ihres Todes, aulgeführt sind, sind die weiblichen Mitglieder nur nach ihrer Zugehörigkeit zum Geschlechte, d. h. entweder als in demselben geboren oder verheiratet aufgenommen. Ist die Frau also sowohl im Geschlechte geboren wie verheiratet, so wird sie zweimal aufgeführt. — Die Gliederrechnung geschieht nur nach der Mannesseite. Der Anfang derselben ist der „Stammvater", der erste geadelte (baronisierte) oder naturalisierte. Zuweilen kommt es vor, daß zwei und 356 — Sechsgliedsgeschlechter. Siebengliedsgeschlechter. Anzahl 25. Anzahl 6. Glied Männliche gestorben als: Weibliche: Kinderlose Ehen Glied Männliche gestorben als: Weibliche: Kinderlose Ehen Unmündig Mündig unverheir. Verheir. od. Witwer Summa Im Geschlechte geborene Ins Geschlecht verheiratet. Unmündig b/)*~ £ ^ G >-< w Gliet Unmündig Mündig unverheir. Verheir. od. Witwer 1 Summa Im Geschlechte geborene Ins Geschlecht verheiratet. in JD 53 £2 I 11 III 4+1 Um ! 00 5+4 +5 5+ 4 84- 1 4 13+0 + 1 8+4 +5 3 Summa 4+' 4+s 5+9 [3+0 13+0 8+9 — Dreigliedsgeschlechter. Anzahl 43. Männliche: Weibliche: 25+158 42+196 1+ 28 >>3+ 39 45 +* 3 1 4+ 22 16— {—2 (17+7) Summa 161 —f-107 "3+130 247 + 142 521+379 345+398 246+192 — Fünfgliedsgeschlechter. Anzahl 100. Männliche: Weibliche: 6+ 1 540+ 82 340+337 > >3+335 332-!- 1 401 -i- 89 3°8 + 34> 103+328 4+ 21 1 29 253+ 7 240+117 88+224 8+ 35 0 0 1 1 1 LT) Summa 528+234 284+221 699+300 1 5 1 >+755 1 148 + 780 7 >8 + 383 — Stand, den sie beim Tode hatten. Sind mehrere Geschwister oder Verwandte gleichzeitig geadelt, um ein Geschlecht zu bilden, so sind nur der oder diejenigen mitgerechnet, deren Linien noch fortleben. Die übrigen (mit ihren Linien) sind ausgeschlossen. Dagegen sind natürlich alle von ein und demselben Stammvater ausgegangenen Linien und Zweiggeschlechter, mögen sie ausgestorben oder noch lebend sein, in ein Geschlecht zusammengeführt. Die Aussonderung der im Auslande ansässigen Zweige ist in der Weise vorgenommen, daß die Miinner, die ausgewandert oder im Auslande (in Finland, Pommern u. s. w.) geblieben sind, in ihrem Gliede und in dem Zivilstand, den sie bei der Auswanderung hatten, aufgeführt sind, aber nicht ihre Frauen, wenn sie verheiratet waren, und natürlich ebensowenig ihre Kinder. 359 Sechsgliedsgeschlechter. Anzahl 99. Glied Männliche: Weibliche: Kinderlose Ehen Unmündig Mündig unverheir. Verheir. od. Witwer 5 ■jn Im Geschlechte geborene Ins Geschlecht verheiratet. I II in IV V VI VII 115 191 199 >42+ 34 62+174 107 100 H 't 25 72+127 16+115 _ 99 223 2-7 24'-+ 5° 86+188 5-+ 26 99 445 568 58'+ 75 300+349 83 + 3'5 324 502+- 5 500+ 81 284+293 73+320 '+ '5 129 269 307 + 9 216+100 71+223 2+ 29 9 4' 46 (42+4) Summa -09+208 436+267 931+264 2076 + 739 1684+714 994+361 —: Siebengliedsgeschlechter. Anzahl 112. Glied Männliche: Weibliche: Kinderlose Ehen Unmündig Mündig unverheir. Verheir. od. Witwer rt LH Im Geschlechte geborene Ins Geschlecht verheiratet. I II in IV V VI VII VIII 155 243 256 249+ 2 237+118 74+332 1 29 166 155+ 3 190+ 61 89+263 12+136 112 257 361 447+ 6 363+174 9'+295 3+ 26 + I 12 54' 77o 858+ 9 802+237 417+676 89+494 434 669 815+ 7 681+257 378+652 81+464 2+ 21 164 337 418 487+ 27 323+273 63+339 + 29 18 57 71 97 (80+13) Summa 1214+452 741 : 463 1634+5013589+1416 3060-^1401 1792+668 — Achtgliedsgeschlechter. Anzahl 83. Glied Männliche: Weibliche: S rG W Unmündig Mündig unverheir. V erheir. od. Witwer Summa Im Geschlechte geborene Ins Geschlecht verheiratet. ! t/3 O O 3 I II in IV V vr VII VIII IX 59 >74 . 2 55 299 267+ 3 209+ 97 80+279 80 105 '75 180+ 3 141+ 68 72+236 9+ 86 84 189 264 369 409+ 18 296+162 53+291 + >6 84 328 543 799 888+ 21 704+233 334 + 624 89+381 284 466 717 801+ 27 634+256 296+640 69+361 + 10 123 230 327 432+ 1 447+ 45 270+250 55+308 2+ 14 3 ?«!?++1 1 1 Summa 1343+379 762+393 I 664-I-48/ 3769 + 1259 3267+1294 1886+618 — Neungliedsgeschlechter. Anzahl 46. Männliche: Weibliche: E faaf, Beiträge gitr n aturn? i Hei t fdktff(tdiert Coe feUTeßaftsl'eßr e. ©tue «oiniitluttg uott ^veiSfdjrifteit fjerauSgcgebcu oon jßrof. Dr. A3- @. 3' c 8l er i' 1 SSerbiubung mit fßvof. Dr. Goitrnb utib Sßrof. Dr. ^»accfel. lüas fernen tuir aus beu prtngtptcn bei Defgenbengtbeone in Vegieburtg auf bic ittiterpolitifdjc lEuttoüfclung unb tSefetggcbmig ber Staaten? So lautete ba§ Steina beS oor 3 Säuren ergangenen fßretSauSfdjreibettS. ©einig eine geitgemäfje ginge! SBebettft man, toefdje gorfdjritte bie Sfaturnnffeufdinften im 19. galjrfjuubert gemnd)t baben, inSbefoubere tute bie ©rfenntniS ber tierifdjen unb pffang-- tietjeu Cvganifation buvd) bie ®cfgcubcugtt)corie in ein neues 2id)t tarn, tooburef) aitd) bie ©tclluug be§ Wenjdjen in ber Statur in übertafdjenber Weife beleuchtet tuuvbe, ja erfdjeinl e§ nlS eine unoermciblidje unb überaus luirijtige Stufgabe, ba§ Verhältnis ber neuen Slnfdjauungen 51t beit i)lvublemen be§ ©taatstebenS unb öffentlichen SebeuS ein= geljeub 511 unterfudjen. ®n§ ©ammcltucvf wirb bie tieften Strbciteu enthalten, weldjc auS beu 60 eilige* gaugeneu Stbt|anbtungcu unb Schriften ausgewählt mürben. Wie bic Verfaffer nmud)ertei Vcriifctt aitgefjörcu utib ucrftf)icbcitc ©tubien gcmndjt l)abcn, fo l)at aud) jeber berfelben bnS ®l|cuut in eigenartiger Weife aufgefaßt, ©bett barunt mar cS pnffetib nnb gmcrfiuiifiig, bic prciSgefrünten Strbciteu unb und) einige anbere ©rtjriftcu in einem ©ammetwerfe gu bereinigen. ®ie SSielfeitigfeit ber S3etrachtungSroe|je unb bie bamit gufnntmenbängenbe Q-ittfc ber ©ebanfen Werften unbeftrittene Vorgüge beS ©animelmerteS fein. ®agu fommt, baff atle aufgenommenen Slbtjanbtungen bttrdjauS nttgcmeiitucrftniiblid) fiitb, ba fetjou bie Veftimnumgen bc§ fßreiSau§fcf)vei6enS bieg jur Vebiugintg madjteu. ®a§ ©ammelmcrt wirb fotgenbe S3iid)er unb Schriften umfaffen: Einleitung uou .'peinritii Gruft Jicgtcr, Dr. phil, Sfkof. an ber UniOerfität gena. Vf)ilofopt)ic ber Slitpnffuttg oon .ffciitrid) ffliatjnt, Sireftor ber Sanbtoirtfi^aftSfdjule in Weilburg au ber £a£)n. 6rjd)ieu foebett. fßreiS: 6 Warf, geb. 7 Warf, für 8lb= nehmet be§ ©numtelioerfeS 4 Warf 50 fßf., geb. 5 Warf 50 ißf. ©nrwiuiSmuS unb £ogintwiffciifd)nft oon Strtfjur SRuppiit, Dr. phil., in Wngbeburg. @rfd)ieu joeben. ißreiS: 3 SOJarf, geb. 4 Warf, für S(bne()mer beS ©amntetoerfeS 2 Warf 40 Sßf., geb. 3 Warf 40 iß f. Vererbung 1111b SluStcfe int ficbcnStauf ber Viilfer oon Wilhelm ©rljnlliitatjcr, Dr. med., Sfrgt in Wiindtcit. — Tiefe Stbffanbhmg fjat bei ber fßreiSbeiuerhuug beu erften Iß reis ermatten, ©rfdjeiut int Oftober 1903. Statur utib ©cfcüfdjnft. ©ine fritifdje Unterfudjung über bie Vebeutung ber ®efgeubengtbeorie für ba§ jogiale Sehen Oon Sltbert .fbeffe, Dr. jur. et phil. in .fiafte a. ©. Tic Sßringipicu ber uatürtidjeu nnb fogintcu GutmidctuugSgcfd)iri]tc ber 3Kenfd)t)eit, ant[)ropotogiid)=etf)noIogifd)e ©tubien Oon ©urt WidinctiS, ©djriftftelter in Wündjen. ©ogiotogic Oon GfcuttjcroputuS, Dr. phil., Vriontbogcut in fjürict). ©er natürliche ©taat unb feilt !)icd)t oon tperntniut fyricbmnitit, Dr. jur. in Vertut, ©er Wettfnmpf her SBölfer, mit befottberer Siegugttnfjntc auf ©eutfrijtaub itub bie IBcrciuigtcu Staaten oott Stmertfa üott @11141 ©djatf in Sietu=S)orf. (Stcuberuug beS ©itelS bleibt oorbebalten.) Organismen uub Staaten, ©ine Uiiterfitd)itug über bic biotogifdjcit ©riiublngcu beS 6Sefeltfd)aftS(cbeiiS oon Sttfrcb Wctf)iicr, Dr. med., St igt in SBreStau. Tie ererbten Stillagen uub bic SJciiteffuitg ifjrcS SBcrteS fiir baS Oolitifd)c ücbeu oon Söattcr .ftiider, Dr. phil., ißfarrer iit SSeitberftabt in Württemberg. ©ri)(nf;iuort üou .fieiuriri) Gruft Siegfer, Dr. phil.. iß ruf. in ßetta. Um beut ©eianttioerfe eine weite Verbreitung gu ermöglichen, wirb ber fßreiS fo niebvig nngefeßt, bafj er fiir bie gange Sfeilje 40 Warf bei beut brojdjierteu uub 50 Warf bei beut gebunbeuen ©jemplar nicht überfteigt. Qfebev SSaitö ift eittgeln fiiuflid), aber nur gn erhöhtem fßreife. Gilt ©eil ber Sibbattblungen wirb ttod) itt biefem Qafjvc, bie folgenben im uiidjften galjr erfdjeitteit, fo bafj ba§ Gange im tpcvbft 1904 fertig üorliegen wirb. Ant. Kämpfe, Buohdruckerel, Jena.