Unbekannte und bekannte Ahnen x ). Das Geschlecht istin seiner Raumgestalt eine Summe gleichzeitig lebender, durchBlutsverwandtschaft auf der Männerseite verbundener Individuensamt ihrer Frauen; in seiner Zeitform bildet es eine Kette, derenzusammenhaltende Glieder Väter und Söhne sind. Der Naturnach ist diese Kette beinahe unendlich; denn sie führt bis zumAnfang des Menschengeschlechtes hinauf. Sie ist ferner für allederselben Zeitgeneration angehörenden ungefähr gleichlang. Dergleichzeitig lebende König und Bauer haben ungefähr eine gleicheAnzahl Vorfahren. Dies ist das physische Geschlecht; mit diesemhaben wir jedoch hier nichts zu schaffen. Das historische hatein ganz anderes Aussehen. In der endlosen Reihe Glieder, diedas natürliche Geschlecht enthält, vermögen wir nur eine geringeMinderzahl wahrzunehmen. Diese bilden das historische Ge-schlecht, das demnach nur ein größerer oder kleinerer willkür-lich ausgesonderter Teil des physischen ist. Ferner ist die Längedes letzteren von dem ersten bekannten Stammvater an bis zumEndpunkte in der lebenden Generation für verschiedene Ge-schlechter verschieden. Bei den historischen Geschlechtern unter-scheidet man infolgedessen, je nachdem die bekannten Gliedermehrere oder weniger sind, zwischen alten und neuen Geschlechternund spricht von vielen oder wenigen Ahnen — alles relative,dem physischen Geschlechte fremde Begriffe, welche indessen inder Geschichte und der Gesellschaft eine überaus große Rollegespielt haben.
Es ist also die Kenntnis der vorhergehenden Glieder, diedas Alter der Geschlechter bestimmt. Je weiter zurück diesesWissen sich mit Sicherheit erstreckt, desto älter ist das Ge-schlecht und umgekehrt. Die Kenntnis der Menschen von ver-gangenen Gliedern ist durch mehrere Umstände bedingt. Dererste ist die lebende Erinnerung und die Tradition unter denNachkommen. In der älteren historischen Zeit war dies dashauptsächlichste, wenn nicht einzige Mittel zur Bewahrung desbewußten Zusammenhanges mit den Vätern. Die Tradition wirktedamals auch mit ganz anderer Kraft als jetzt. Die Menschenwerden immer gedächtnisschwächer, je mehr Mittel die Kulturihnen gibt, die Bilder der Vergangenheit ohne Anstrengung des
i) Ahnen hier nicht in der technischen Bedeutung der „Ahnentafel", sondernallgemein in gleichem Sinne wie Vorfahren (natürlich die der Mannesseite).