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der einen, Gewalt und List von der anderen Seite hingestellt.Aber diese Anschauung, die sich bis zur französischen Revolutionerhielt, drückte ebenso wie die erstere, theologische, hauptsäch-lich die populäre Denkart aus. Was hat die wissenschaftlicheForschung und in erster Reihe die Geschichtsschreibung hierübergesagt? Wie haben sie die Stände beurteilt? Und wie habensie ihr Entstehen erklärt?
Zuerst sei daran erinnert, daß die Geschichtsschreibungbis zum heutigen Tage gar keine Antwort auf diese Fragen ge-geben hat. Mit so vielem anderen, hauptsächlich politischenFlandlungen und Personalien beschäftigt, ist die offizielle Ge-schichtsschreibung an diesem unzweifelhaft größten Ereignis derGeschichte meistens stillschweigend vorübergegangen. Von denTagen Rousseaus an bis zur Gegenwai't sind es Philosophen,Ökonomen und Soziologen gewesen, die dieselbe zu beantwortenversucht haben. Die Antwort ist sehr verschieden ausgefallen; mankann jedoch hierin zwei Richtungen beobachten. Die eine schließtsich an die letztere der oben genannten populären Anschauungs-weisen mit oder ohne Zusatz der Selektionslehre an. Am konse-quentesten, wenn auch einseitigsten, ist hierbei L. Gumplowicz 1 )gewesen. Er sieht in dem ganzen Standeswesen ausschließlichein Resultat des Rassenkampfes. Die Mehrzahl der s. g. Evolu-tionisten geht nicht so weit, betrachtet aber gleichwohl die Ständeals ein Produkt des Konkurrenzkampfes und einer darauffolgen-den natürlichen Auswahl. — Die andere Auffassung dieser Dingeist neueren Datums, und man kann kaum sagen, daß sie bishervoll gewürdigt ist. Diese sieht in den Ständen eine für die Ent-wickelung der Gesellschaft unumgängliche Organisation und suchtdie Ursache ihrer Entwickelung, von einigen Ausnahmen abge-sehen, in der sozialen Arbeitsverteilung. Wahr ist zwar,daß betreffs des Kastenwesens Indiens, der ausgeprägtesten sozialenOrganisation, welche die Geschichte kennt, schon vor langer Zeiteine ähnliche Auffassung sich geltend gemacht hat; aber manblieb hierbei stehen und versuchte nicht, dieselbe Anschauungauf die Erscheinung in ihrer Gesamtheit anzuwenden. Erst dieSoziologen der Jetztzeit haben Ernst damit gemacht, obschonfreilich ihrer Gewohnheit nach unter Beziehung auf mehr biolo-
i) Der Rassenkampf. Innsbruck 1883. In späteren Schriften scheintGumplowicz diese Auffassung mehr nach der unten im Text angeführten hin modi-fiziert zu haben.