Druckschrift 
1 (1888)
Entstehung
Seite
204
Einzelbild herunterladen
 

204

Felix in England 1829.

den Querstrassen denselben und noch weit grösseren Skandalerlebt und dass man dann etwa ein Viertel des bewohntenLondon erst durchschnitten hat, so mögt Ihr Euch erklären,dass ich halb verrückt bin. Aber historisch!

Nachdem ich den letzten maladen Brief an Euch abge-schickt hatte, führte mich Klingemann vor Allem nach einemenglischen Kaffeehaus (denn hier ist Alles englisch), natürlichlas ich gleich die Times, und da ich als guter Berliner zuerstnach dem Theater sah, erfuhr ich, denselben Abend sei Othello,und die first appearance der Mde. Malibran; trotz Müdigkeitund Seekrankheit entschloss ich mich also hinzugehen; Klinge-mann lieh mir die nöthigen grauen Strümpfe, da ich diemeinigen in der Eile nicht finden konnte und doch in der Ita-liänisclien Oper in vollem Staat mit schwarzer Binde erscheinenmusste, wie alle noble Welt; dann gings nach meiner Wohnung,von da nach der Italiänischen Oper längs tlieatre , wo ich inden pits Platz fand (kostet eine halbe Guinee). Grosses Haus,ganz mit purpurnem Zeuge besetzt, sechs Reihen Logenübereinander, mit purpurnen Vorhängen, aus denen die Damen-gesichter herausschauen, mit weissen grossen Federn, Ketten,Juwelen aller Art überdeckt, ein Geruch von Pomade undParfüms strömt einem beim Eintreten gleich entgegen undmachte mir Kopfschmerzen, in den pits alle Herren mit neu-frisirten Backenbärten, überall gedrängt voll, das Orchesterrecht gut, dirigirt von Herrn Spagnoletti (im December willich ihn nachmachen, es ist zum Todtlachen), Donzelli (Othello)voll Bravour, sinnreichen Verzierungen, schreit und stösstschrecklich in die Stimme, singt fast immer ein wenig zuhoch, aber mit unendlichem haut goüt (dahin rechne ich z. B.,dass er in der letzten Wuthscene, wenn die Malibran fast un-angenehm stark schreit und raset, alle Schlussfälle der Reci-tative, die er sonst heraustrompetet, nur ganz matt und leiseund kaum hörbar hinwirft und dergl.). Die Malibran, einejunge, schöne, herrlich gewachsene Frau mit toupirten Scheiteln,voll Feuer, Kraft, Coquetterie dabei, die Verzierungen theilssehr gewandt und neu erfunden, theils der Pasta nachgeahmt(so wurde mir ganz wunderlich, als sie die Harfe nahm und