Gotthard.
127
und heute früh, wird mir das Herz weit und gross, verlässtmich alle Ruhe. — Ich will versuchen, Dir in möglichsterOrdnung zu erzählen, was ich gesehen, was ich erlebt.
Gestern früh um 7 Uhr fuhren wir hei etwas bewölktemHimmel von Altdorf ah, dem klaren Himmel zu, nach Süden.Bürglen und das Scliäehenthal links lassend, kamen wir in'sReussthal, welches hier mit hohen Felsen umschlossen, abersehr breit und überaus fruchtbar ist. Nussbäume, andreFruchtbäume und Tannen von ausserordentlicher Schönheit.Man fährt an einem Thurm Gessler's und der alten YesteZwing Uri vorbei. Links die Surenengletscher, Windgalle,Bristenstock und andere Schneeberge und Gletscher. Auf denvorderen Bergen herrliche Alpen sichtbar. So, in mannig-faltiger wechselnder Umgebung, gelangt man nach Amstäg,3 Stunden von Altdorf, am Fuss des Gotthard. Hier be-ginnt die neue Gotthardstrasse, welche diesseits 2 Stundenweit bis Wasen fahrbar und auf der Tessiner Seite fertig ist.Die Strasse ist bald rechts bald links von der Eeuss in denFelsen gesprengt, trefflich gebaut und durch Mauern gesichert.Ueber die Abgründe wölben sich kühne Brückenbogen. EinRiesenwerk und ewiges Denkmal für die Kantone Uri undTessin. Es ist erhebend, zu sehn, wie menschliche Beharr-lichkeit den Willen der Natur beugen kann. Hinter Wasenhört allmälig die Vegetation auf, das Thal verengt sich mehrund mehr, immer schroffer steigen die Felsen, immer wilderbraust die Reuss. Bei Göschenen, dem einzigen Dorf auf demganzen Wege, zeigt sich zur Linken der Reuss, der furchtbareGöschener Alpgletscher; er war der erste, dem wir so nahetraten. — Sobald man die Scliöllenen erreicht, verschwindetdie letzte Spur von Leben und Nähe der Menschen. Ringsumher siehst Du nichts als himmelhohe Felsen, zwischendenen sich die Reuss ihr furchtbares Bette gebrochen hat.Hier verliert sie ganz das Anselm eines Stromes, sie bildeteinen fortdauernden, wütlienden Wassersturz. So steigt dasEntsetzen mit jedem Schritt, bis es endlich an der Teufels-brücke seinen höchsten Gipfel erreicht. Du befindest Dich ineinem vollkommen geschlossenen Felskessel, vor Dir, in mehreren