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Ihre Selbstbiographien nebst einer kurzen Geschichte d. Hauses Zinzendorf
Entstehung
Seite
170
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I 70 SELBSTBIOGRAPHIE DES GRAFEN KARL VON ZINZENDORF.

zu bleiben, und alsdann wieder zurück in seiner Mutter Hauszu gehen, da Dresden von den Preussen umgeben und derAntritt seiner dortigen Hofrathsstelle beinahe unmöglich war,indem ohne Besoldung und ohne Mittel nur einigermassenzu Dresden auskommen zu können, nicht thunlich er-schien. Die Mutter und selbst die gottesfürchtigen Freundezu Köstriz willigten ein. Der unerfahrene Jüngling, vollEhrbegierde, voll Verlangen, zu sehen und in der Welt etwaszu versuchen, voll Empfindsamkeit und Herzensreligion, vonallen Lastern entfernt, ging mit dem festen Entschlüsse nachWien, seine väterliche Religion zu verlassen. Arbeitsam, ausser-ordentlich schüchtern, voll Sehnsucht nach einer unabhängigenStellung, kämpfte er drei Jahre gegen sich selbst und gegenalle Versuchungen von aussen und bekannte sich dennocham Ende aus Trübsinn, Schüchternheit, Vernünftelei und Ehr-geiz zu der kirchlichen Verfassung seiner Ureltern und seinesin Wien angestellten ältesten Halbbruders. Den 28. Januar reisteer mit der Diligence von Jena ab und kam über Saalfeld, Koburg,Bamberg, Nürnberg, Amberg, Regensburg den 7. Februar 1761in Wien an.

Des Grafen Fleiss und gute Sitten wurden zu Wien be-wundert, der Hof- und Staatskanzler, Graf von Kaunitz-Rietbergverlangte von ihm eine Nachricht über seine zu Jena gemachtenStudien, \velche er auch am 25. August 1761 übergab. Dieerste Zeit seines Aufenthaltes zu Wien beschäftigte er sich mitLesung der nützlichsten Werke über Handel und Finanzen, mitUebersetzung von geschriebenen und gedruckten Abhand-lungen aus diesem Fach, mit einer vollständigen Sammlungüber die Geschichte seines Geschlechtes, dem Ursprung derspäteren umfangreichen Sammlungen, mit Auseinandersetzungder Geschichte des Wasserburger Fideicommisses. Diese Be-schäftigungen sowohl als der Zufall, dass sich das Hofraths-Dekret zu Dresden nicht gleich fand, waren Schuld, dass derGrat weder, als ihn den 1. Mai die Mutter zurückrief, nochauch, als er im October, um sich des Eintritts in den Reichs-Hofrath fähig zu machen, seinen Platz bei der Dresdener Landes-regierung antreten sollte, Wien verliess und nach Sachsen zu-rückkehrte.