1769 -1770, 229
seine vornehme Bildung zu verwerthen und zu vollenden, als ihnsein Vater nach Sorau rief und nöthigte sehr gegen seinen Wunschund ohne Rücksicht auf seine Liebe zu Caroliuen im Januar 1770ein Ehebündniß mit Johanne Ernest ine Müller zu schließen.Davon erzählt seine Tochter Sophie: „Sie war damals sechzehnJahr alt schien gutmüthig und sanften Herzens zu sein sah gutaus hatte einen gesunden und starken Körperbau und 4000 Thlr.im Vermögen. Er hatte ihr vor der Verbindung so viel abschreckendeDinge von sich gesagt, weil er sich nicht imstande glaubte sieglücklich zu machen, und weil ein geheimes Gefühl in ihm wollte,sie sollte ihn ausschlagen. Alles half nichts. Sie hatte eine festeNeigung zu ihm gefaßt; von andrer Seite, wo jeder Widerstandunnütz war, wurde er gedrängt. Er sah in sich ein Opfer,kämpfte, känipfte lange und hart und — ergab sich. Oft, wenner über diesen Zeitpunct seines Lebens mit mir sprach, sagte er,es wäre ihn: da gewesen, als wenn die Last einer ganzen Weltauf ihm läge. Dann, aber freilich nicht ohne heftige Rückfälle,hätten die Pflichten des Sohnes des Gatten und bald auch desVaters ihn so fest angezogen, daß er obschon nicht vollkommenglücklich in seinen: Schicksale doch minder gleichgültig dagegen ge-worden wäre. Meine gute Mutter so jung unerfahren ohne alleGeistesbildung — ihre Eltern waren gestorben, als sie noch fastkleines Kind war, und ihre Vormünder thaten nichts weiter alsfür ihr Vermögen Sorge tragen — konnte freilich meines VatersGeiste nicht ganz genügeleisten. Bei näherer Bekanntschaft aber,zu deren Entwickelung einige Jahre nöthig waren, fand er inihr einen Schatz, der ihn alles Uebrige vergessen machte. Siebesaß eine unermüdliche Güte des Herzens, die sie zu Allem ver-mochte, was zu leisten nur in Menschenkräften steht. Sie bildetesich nach und nach immer mehr aus wurde eine zärtliche sorgsameMutter war treue liebevolle Gattin sanfte geduldige Pflegerin derzwölf Jahre kranken Schwiegermutter unterstützende Gehülfin desraschen und feurigen Schwiegervaters. Mein Vater sah und fühltedies war nun mit allen seinen Empfindungen außer Streitließ meiner Mutter Gerechtigkeit widerfahren liebte und achtetesie in gleichen: Maße und lebte die ganze Reihe von Jahren ihres