Druckschrift 
11 (1854)
Entstehung
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Besonders hervorzuhebende Merkwürdigkeiten besitzt dieKirche nicht, doch ist noch zu erwähnen, daß während der Be-lagerung der Stadt durch Heinrich Julius am 16. December1606 eine 22 Pfund schwere Kugel in die Kirche drang. Auchbei der Belagerung durch Friedrich Ulrich schlug am 11. Oktober1615 eine Bombe in die Kirche, als der Prediger eben denGottesdienst geendet hatte.

Die Aegidienkirche.

Es ist oben bei der Geschichte der Stadt erwähnt worden,daß die Schwiegermutter Kaiser Lothars, Gertrude, dem heil.Autor zu Ehren ein Benediktinerkloster gestiftet habe. Ihr war,erzählt die Sage, der h. Autor im Traume erschienen und hatteihr befohlen, seine in Trier wenig geehrten Gebeine nach Sachsenzu bringen. Auf dem Köpfeberge,da man die Malefikautendecolliret" *) und wo eine Kapelle der armen Sünder stand,hielten die Pferde, welche den Leichnam des Heiligen zogen, anund dieser Ort ward deshalb zur Stiftung des Klosters aus-ersehen und fortan Liebfranenberg genannt. Nachdem man nochdie Gebeine des h. Aegidius aus Arles in der Provence herbei-geholt hatte, ward i. I. 1115 am 1. September in Beiseinvieler Großen die Einweihung vollzogen und zwar zu Ehren derh. Dreieinigkeit, des h. Kreuzes, der Maria, des EvangelistenJohannes und der h. Autor und Aegidius. Bei der BelagerungBraunschweigs durch Kaiser Philipp von Schwaben ward dasAegidienkloster, welches außerhalb der Stadt lag, geplündert.Dafür vereitelte, wie oben erwähnt worden ist, der h. Autoralle Bemühungen der Belagerer, sich der Stadt zu bemächtigen.Dankbar erwählte ihn diese seitdem zu ihrem Schutzpatrone undfeierte fortan seinen Namenstag durch eine jährliche Procession.Auch Pflegte man später bei häufigen Gelegenheiten, wo entwedereine Gefahr von Außen abgewandt oder ein innerer Zwiespaltbeigelegt worden war, dem Heiligen Ehren zu erweisen oderihm kostbare Geschenke zu machen. Eine solche Ehre war dieStiftung der Autorskapelle neben dem Altstadt-Rathhause zurSühne des Aufstandes von 1374. Zum Andenken der Beilegungjener Streitigkeiten, welche in den Iahreu 1445 und 1446 dieBürger entzweiten, ward dem Schutzheiligen ein silberner Sarg,aus Dankbarkeit für den der Stadt während der Belagerungvon 1494 gewährten Schutz ward ihm das Bild der Stadt inSilber verehrt.

Im Jahre 1278 ging bei dem großen Brande, welcherdamals einen großen Theil Braunschweigs verheerte, auch dasAegidienkloster in Flammen auf. Dem Neubau, welcher balddarauf begonnen und muthmaßlich erst im 15. Jahrhundert voll-endet ward, verdankt die jetzige Aegidienkirche ihr Dasein. ImJahre 1632 beschädigte ein Sturm den Thurm der Kirche und

Rehtmeyer a. a. O.

das in Folge davon errichtete Nothdach ward i. I. 1814 gänz-lich abgebrochen. Statt des 1763 durch den Blitz zerstörtenDachreiters steht jetzt ein kleiner, winziger Glockenstnhl ans demDache der Kirche.

In Folge der Reformation ward das Kloster aufgehoben,seine Güter großeutheils durch Herzog Julius der Universitätzu Helmstedt geschenkt, die Kirche dem protestantischen Gottes-dienste übergeben. Als bei der Belagerung von 1615 das Iung-frauenstift zu St. Leonhard, welches vor dem Steinthore gelegenwar, zerstört wurde, versetzte mau die Nonnen in das Aegidien-kloster, dessen Räume leer standen. In neuerer Zeit (1832)ist das Kloster indeß zu einein Gefängnisse umgewandelt undden Conveutualiunen eine andere Wohnung in der kleinen Burgangewiesen worden.

Ein schlimmeres Schicksal noch als das Kloster traf dieKirche. Nachdem sie seit 1717 auch als Garnisouskirche gedienthatte, ward sie 1811 unter der fremdländischen Regierung inein Heu- und Torsmagazin verwandelt. Glasgemälde, heiligeGefäße, Glocken, ja die metallenen Epitaphien wurden meist-bietend vertrödelt, unter den letzteren besonders das Denkmal,welches die gesammelten Gebeine der Aebte deckte. Bon diesensind die merkwürdigsten der erste Abt des Klosters, Goswin,welcher 1117 von Ilsenburg nach Braunschweig berufen wurde,ferner der gelehrte Heinrich Woltorp, welcher Heinrich denLöwen nach Palästina begleitete und später Bischof von Lübeckwurde, Eberhard, unter welchem jener Brand stattfand und derNeubau begonnen wurde und endlich Heinrich Hucknatel, welcheraus der Kirchenversammlung von Kostnitz eine ziemlich kläglicheRolle spielte.

Unserer Zeit und vorzüglich einigen alte Kunst schä-tzenden und liebenden Männern gebührt der Ruhm, dasherrliche Gotteshaus der Entehrung und Entwürdigung entzogenzu haben, in welche der Barbarismus einer für Deutschlandschmählichen Zeit dasselbe gestürzt hatte. Das Jahr 1836 sahdie in ihrer alten Einfachheit und Würde wiederhergestellteKirche ihre Thore öffnen, nicht zwar zu gottesdieustlichen Ver-richtungen, aber doch zu edleren Zwecken, als wozu man sie bisdahin gemißbraucht hatte. Seit diesem Jahre wird das ehr-würdige Gotteshaus zu den Kunstausstellungen, großen musika-lischen Aufführungen und anderen öffentlichen Festen benutzt.

Das Innere der Aegidienkirche, von welchem unsere Ab-bildung eine Ansicht giebt, macht durch den edlen gothischen Stil,in welchem die Kirche erbauet ist und durch die große Einfach-heit, in welcher dieselbe jetzt alles Schmuckes beraubt dasteht,einen überraschenden Eindruck. Die gewaltigen und bei ihrergroßen Höhe doch schlank erscheinenden Säulen, welche das Mit-telschiff tragen, geben dem Ganzen einen außerordentlich erhabe-nen und majestätischen Charakter. Vorzüglich tritt dieser beidem h. Chöre hervor, welcher von drei Seitenhallen umschlossenist und zu welchem aus dem Schiffe der Kirche eine breite Treppe

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