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11 (1854)
Entstehung
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1441. Der hölzerne mit Marmorreliefs gezierte Deckel desselbenist jedoch ans späterer Zeit, ein Geschenk des BürgermeistersJobst Kale vom Jahre 1618. An Grabdenkmälern ist dieKirche sehr reich: das Merkwürdigste von allen ist das des Pa-triziers Gerhard Pawl. Es ist ein Werk des bekannten HansJürgen, welcher i. I. 1530 das Spinnrad erfand und welcheran demselben sein eigenes Bild angebracht hat. An der äußerenMauer der Kirche befindet sich das Denkmal des tapferen Chri-stoph von Nauchhanpt, FähndrichS im Heere des Herzogs Fried-rich Ulrich, welcher i. I. 1615 bei der Belagerung der Stadteinen rühmlichen Tod fand. Er ward von den Bürgern, welcheauch in ihrem Feinde den Heldenmnth ehrten, ans dem Martini-kirchhofe feierlich bestattet und seine Braut errichtete mit einigenFreunden ihn: das Denkmal, ans welchem er in Lebensgrößeund in voller Rüstung dargestellt ist. Kein Grabstein bezeichnetdagegen die Stelle, wo der letzte Graf v. Wnstrow, Oberst undStatthalter von Wolsenbüttel, begraben liegt, welcher bei einemAusfalle der Bürger während derselben Belagerung erschossenwurde. Er hatte dem Herzoge geschworen, binnen dreier Tagein der Stadt zu sein: nun trug man ihn als Leiche in das Thor.

Auf der südwestlichen Seite der Martinikirche schließt sichan diese die St. Annenkapelle an. Sie ward i. I. 1434 voneinem Bürger Wasmod von Kemme und seiner Frau, einergeborenen v. Broitzen gestiftet und zeichnet sich durch den Reich-thum ihres architektonischen Schmuckes ans. Die äußeren Pfei-ler des achteckigen Gebäudes tragen die Standbilder der h. dreiKönige und der Mutter Gottes in Tabernakeln. Das Innereder Kapelle, welches besonders reich an Ornamenten ist, enthältneben vielen anderen Figuren daS Bild der h. Anna mit dergekrönten Mutter Gottes auf dem Arme, welche ihrerseits wiederden kleinen Christus im linken Arm und in der Rechten dieWeltkugel trägt. Die Fülle der Ornamente, das schöne Stab-werk der Fenster, die fantastischen kleinen Basreliefs an denunteren Theilen der Nischen, die zierlichen Consolen, auf denendie Statuen stehen, machen diese Kapelle zu dem reichsten Bau-denkmals gothischen Stiles, welches die Stadt besitzt.

Einfacher und reiner ist der Stil, in welchem das herrlicheAltstadt-Nathhaus erbanet ist, welches, wie erwähnt, dienordwestliche Ecke des Altstadt-Marktes einnimmt. Kallenöach^)hat nicht angestanden, dasselbe für das beachtenSwertheste Rath-hauö auf deutschem Boden zu erklären. Es wird durch zweiFlügel von je über 60 Fuß Länge gebildet, welche unter einembeinahe rechten Winkel zusammenstoßend gegen den Platz ihreFront, ihre Giebel aber der Martiuikirche und der Breitenstraßezukehren. Den beiden Frontseiten sind je 4 im Spitzbogenstilerbauete Arkaden vorgelegt und aus diesen erheben sich, als Bor-

Atlas zur Geschichte der deutsch-mittelalterlichen Baukunst.

München 1847.

bau des zweiten Stockwerkes, ebenso viele Lauben, welche einenoffenen, vor dem Hauptgebäude hinlaufenden Gang bilden.Solche Lauben, auch Louben oder Liewen genannt, liebte manim Mittclalter vorzugsweise an Rathhäusern anzubringen: vonder des braunschweiger Altstadt-Rathhauses herab pflegten dieHerzoge bis in die neueste Zeit hinein die Huldigung der Stadtentgegenzunehmen. Die Pfeiler, welche diesen Arkadenvorbauschmücken, laufen in zierlich durchbrochene Spitzbogen aus, derenMaßwerk von Rundbogen unterspannt ist. Diese durchsichtigenHallen mit ihrem steinernen Schmuck von Blättern, Pflanzen,Kronen u. s. w. machen in dem reinen, edlen Stil, in welchemsie gehalten sind, die anmuthigste Wirkung. An den 9 Pfeilernder Bogenlanben befinden sich je zwei Nischen, welche steinerneBildsäulen von Fürsten enthalten, welche entweder wirkliche odervermeinte Ahnherrn des welfischen Hauses sind. Am erstenPfeiler nach der Martinikirche zu steht Kaiser Heinrich 1 mitseiner zweiten Gemahlin Mathilde, am zweiten sein Sohn undNachfolger Otto der Große mit seiner Gemahlin Adelheid.Dann folgen am dritten und vierten Pfeiler Otto II. mit seinerGemahlin, der griechischen Theophano und Otto III. mit seinerangeblichen *) Gemahlin Marie Sophie von Arragonien. Amfünften Pfeiler, welcher die Ecke bildet, wo die beiden Flügeldes Gebäudes zusammenstoßen, steht die Bildsäule des KaisersLothar allein. Weiter kommen an den Pfeilern des von Westennach Osten laufenden Flügels die Standbilder Kaiser Ottos IV.und seiner Gemahlin Beatrix, Heinrichs des Löwen und seinerGemahlin Mathilde, des Herzogs Wilhelm Langschwert undseiner Gemahlin Helene von Dänemark und endlich HerzogsOtto des Kindes und seiner Gemahlin Mathilde von Branden-burg. Die sechs Kaiserbilder tragen Scepter und Reichsapfelin den Händen, sowie die Krone auf dem Haupte, die Bilderder Herzoge Heinrich und Wilhelm den Herzogshut, das desHerzogs Otto eiue Klappmütze. Der Stil, welcher in diesenStatuen herrscht, sowie die Tracht namentlich der Frauen, end-lich die fast allen gemeinsamen Schellengürtel '^) deuten auf das15. Jahrhundert als diejenige Zeit hin, in welcher diese Bild-säulen gearbeitet worden sind. Auch wird diese Vermuthungdurch die kürzlich wieder aufgefundenen Banrechnnngen bestätigt.In der Giebelsront, welche der Vreitenstraße zugekehrt ist, be-findet sich außer den in einer Nische aufgestellten Muttergottes-bilde ein zweifeldiges Wappen mit den beiden Leoparden imunteren und dem aufgerichteten Löwen im oberen Felde. Indem Inneren des Gebäudes ist besonders der große oblongeSaal, die große Dornse genannt, bemerkenswerth. Er dientefrüher zu den Huldigungen und zu den Versammlungen des

5) In Wahrheit ist Otto I!U nie vcrheirathet gewesen.

Die Sitte der Vornehmen, ihre Kleider, Gürtel, Schuhe u. s. w.mit Schellen oder Dnst'ngen (von Duz, Doz, Thus, Dus d. i.Klang) zu besetzen, ward erst im !4. Jahrhundert in Deutsch-land allgemein.