Druckschrift 
11 (1854)
Entstehung
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An dem Portale des nördlichen Krenzflügels bemerkt manVertiefungen in dem einen der steinernen Thürpfosten, welchewahrscheinlich davon herrühren, daß die Steinmetze hier früherihre Instrumente schärften. Die Volkssage jedoch weiß dieseNisse und Furchen poetischer zu erklären. Als Heinrich derLöwe gestorben war, so erzählt sie, folgte der treue Löwe, deiner auf seiner Pilgerfahrt einst das Leben gerettet und der ihnvon der Zeit nicht mehr verlassen hatte, trauernd dem Leichen-begängnisse seines todten Herrn. Da man ihm den Eintritt indie Kirche versagte, so blieb er draußen vor der Thüre liegen,und als ihm diese trotz seines Heulens und Kratzens nicht ge-öffnet wurde, legte er sich nieder und starb. Die Spuren sei-ner Klauen sind aber bis ans den heutigen Tag noch in jenenVertiefungen erkennbar. Diese Legende führt uns von demDome zu dem auf der Nordseite desselben in der Mitte desBnrgplatzes ausgestellten metallenen Löwen.

Daß Heinrich der Löwe denselben hat errichten lassen,unterliegt keinem Zweifel und zwar geschah dieses nach demZeugnisse Alberts von Stade i. I. 1166. Welchen Zweck aberder Herzog dabei vor Augen hatte und welche Bedeutung diesemmerkwürdigen Denkmale beizulegen sei, darüber gehen die An-sichten weit auseinander. Der gewöhnlichen Erzählung zu Folge,welche sich zuerst bei eben jenem mittelalterlichen Geschichts-schreiber findet, sollte dieser Löwe den Feinden des übermächtigenHerzogs ein Zeichen sein, daß Heinrich seinen Beinamen nichtumsonst führe und daß er sich gegen ihre Angriffe werde zuvertheidigen wissen. Hiergegen läßt sich nun freilich anführen,daß der Löwe, wenn er auch nach Osten blickt, wo des Herzogsmächtigste Feinde, namentlich Albrecht der Bär, wohnten, dochkeineswegs eine drohende Haltung hat. Nach der MeinungAnderer hätte Heinrich dieses Kunstwerk mit ans dein Orientegebracht, entweder als Beutestück oder als Geschenk des byzan-tinischen Kaisers, der ihn bekanntlich sehr zuvorkommend aufnahm.Allein dieser Annahme steht entgegen, daß nach dem Urtheilevon Kennern dasselbe nicht, wie man lange glaubte, byzantini-scher Arbeit, sondern höchstwahrscheinlich in Niedersachsen, mög-licherweise in Braunschweig selbst gegossen worden ist, so daßwir darin ein werthvolles Zeugniß niedersächsischen Kunstfleißesans jenen fernen Zeiten besitzen. Auch streitet dagegen die be-stimmte Angabe Alberts von Stade, daß die Standsäule schoni. I. 1166, also vor Heinrichs Pilgerfahrt errichtet worden sei.Das Volk, welches dieselbe mit der oben erwähnten Legende inVerbindung bringt, läßt sich seinen Glauben nicht nehmen, daßdamit dem treuen Löwen des Herzogs ein Denkmal habe errichtetwerden sollen. Am Meisten hat die Meinung eines neuerenForschers H für sich, daß dieser Lauenstein, wie ihn der Chronist

'-b) C. Schiller a, a. O. >i- 8.

Botho nennt, für Braunschweig und namentlich die Burg die-selbe Bedeutung hatte und haben sollte, wie für andere Städtedie bekannten Rolandssäulen, welche den Königsbann oder über-haupt die oberste Gerichtsbarkeit in den Städten bezeichneten.Dieses ist um so wahrscheinlicher, als ja Heinrich der Löwedadurch, daß er den bisher offenen Ort mit Mauern umzog,der eigentliche Begründer der Stadt geworden ist.

Welche Bedeutung jedoch der Löwe ursprünglich auch ge-habt haben mag, der Bürger von Braunschweig sieht ihn seitlange als ein Erinnerungszeichen der großen Vergangenheitseiner Vaterstadt an und hängt an diesem Standbilde mit jenerLiebe, die wir nur Gegenständen zu widmen Pflegen, welche mituns von Jugend ans verwachsen sind. Als es daher währendder westfälischen Zeit verlautete, daß die fremde Regierung beab-sichtige dasselbe einznschmelzen, entstand eine solche Gährnngunter dem Volke, daß man den Plan fallen ließ. Der ausBronze gegossene Löwe.hat eine gestreckte Stellung, niederhangen-den Schweif und aufgesperrten Rachen. Seine Brust war bisvor Kurzem großenteils durch eine Tafel verdeckt, auf welcherman die Worte las: Ueneieus Uno Uni ^rnlin ünx Unvaimoet Laxonüio ml semMei-imm e! oi'jnmi« et nominis sni meine-rimn Lrnlmviei in avile nmjerum suernm jmlntie nnne ad in-earnate <Ine N6UXVI in. I>. p. Diese Tafel ist jetzt fortgenom-men und befindet sich ans dem herzoglichen Museum. Früherrnhete der Löwe mit seinen Vorder- und Hinterfüßen ans zweiSäulen; auch war er vergoldet, wovon sich noch jetzt schwacheSpuren zeigen. Im Jahre 1616 ließ Friedrich Ulrich aufseine Kosten einen neuen Pyramidalischen Unterbau Herrichten,wie die beigefügte lateinische Inschrift besagt, zum Gedächtnißder von ihm unternommenen Belagerung der Stadt und dernach geschehener Huldigung von Seiten der letzteren wiederher-gestellten Eintracht. Später ist dieser Unterbau einige Maleerneuert und verändert worden, zum letzten Male i. I. 1841.Es wird erzählt, daß es in früherer Zeit eine gewöhnliche Be-lustigung der Fürsten gewesen sei, von dem Altane der Burgans kleine Münzen in den Rachen des Löwen zu werfen; wasvorbeifiel, gehörte dein armen Volke, welches unten harrete.Der Löwe stand nämlich mit seinem Haupte gerade der altenBurg Dankwarderode, der jetzigen Bnrgkaserne gegenüber.

Welche Bedeutung diese Burg der Brnnonen für die Ent-stehung der Stadt gehabt hat, ist oben in der Geschichte der-selben angedeutet worden, sowie daß der ursprüngliche Bau i. I.1091 ein Raub der Flammen wurde. Nach diesem Brandebaueten die Bürger dieselbe zwar wieder auf, allein Heinrichder Löwe ließ nach seiner Rückkehr ans dem gelobten Landeeinen ganz neuen herrlichen Ban entstehen. Er bauete, wieBotho sagt,den Pallas nnde dat MoyshnS", d. h. die Pfalz unddas Gemüse- oder Küchengebäude. Der Name des letzteren