Druckschrift 
11 (1854)
Entstehung
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Braunschweig liegt in der großen Ebene, welche sich anden nördlichen Abhang des Harzes anschließt und sich in all-mähligem Abfalle zn den Gestaden der Nordsee hin verflacht.Die vom Harze herabkounnende Ocker durchströmt die Stadt innördlicher Richtung und bildet ober- wie unterhalb derselbenein weites flaches Thal, dessen Ränder sich kaum einige Fußüber den Spiegel des Wassers erheben. Die Stadt liegt geradeans der Scheidelinie des fruchtbaren Hügel- und des unergiebi-gen Flachlandes, so daß, wenn man aus den nördlichen Thorenderselben wandert, man bald ans den sandigen Haideboden dernorddeutschen Ebene trifft, während südlich gegen den Harz hinvortreffliches Acker- und Waldland sich ausbreitet. Von Fernegesehen gewährt Brannschweig wegen der vielen, zum Theilmalerischen Thürme einen stattlichen Anblick. Am Besten über-sieht man die Stadt vom Nnßberge oder von der nördlichenSeite ans, etwa in der Nähe von Lehndorf, wo der Harz unddas nähere Hügelland einen angenehmen Hintergrund des land-schaftlichen Bildes abgeben. Will man von einem näherenStandpunkte ans einen Ueberblick über die Stadt haben, sowähle man entweder den sogenannten am Angnstthore gelegenenWindmühlenberg oder den Andreasthurm, von wo ans nament-lich die Schönheit der Promenaden und der Reichthum derStadt an Gärten überraschend hervortritt. Das Innere derStadt ist dem größten Theile nach wenig ansprechend: fast keineder zahlreichen Straßen ist gerade gebaut, die meisten sind eng,krumm und winklich, die Hänser in der Regel niedrig, mit einPaar Stockwerken und kleinen Erkern. Jene hohen, sich stufen-weise anfgipfelnden Erker, welche wir in andern alten Hanse-städten so hänsig finden, sind in Braunschweig fast ganz ver-schwunden. Der Umfang der Stadt, die im Verhältniß zu ihrerEinwohnerzahl einen ziemlich großen Flächenranm bedeckt, beträgteine gute Stunde. Die Zahl der Straßen ist 119, die derMärkte 7, die der anderen öffentlichen Plätze 11. Unter jenenzeichnen sich einige durch die Merkwürdigkeit oder Schönheitihrer architektonischen Umgebung ans, wie der Kohlmarkt, be-sonders aber der alte Stadtmarkt, der die Freude und die Be-wunderung eines jeden Fremden erregen wird. An Kirchen undKapellen besaß Brannschweig sonst einen größeren Reichthum:einige derselben gingen schon in früherer Zeit ein, andere, wiedie Aegidienkirche, erst in neuerer. Jetzt besitzt die Stadt außerden in baulicher Hinsicht nicht merkwürdigen Kirchen der Refor-mirten und Katholiken acht lutherische Kirchen, von denen derDom, die Brüdern-, die Andreas-, die Martini- und endlich dieKatharinenkirche eine nähere Beschreibung verdienen. Auch dieAegidienkirche, obgleich den gottesdienstlichen Zwecken entzogen,ist einer solchen wohl werth. Die Ocker durchstießt, indemsie sich in mehrere Arme theilt, die Stadt und macht eine MengeBrücken und Brückchen nöthig, welche die einzelnen Straßenmit einander verbinden.

Es liegt weder in dem Umfange noch in dem Zwecke dieserBlätter eine iiüs Einzelne gehende Beschreibung der ganzen Stadtzu geben; wir beschränken uns vielmehr darauf einige der merk-würdigsten Punkte hervorzuheben und werden uns dabei an dieAbbildungen, welche dem Werke beigegeben sind, anschließen.Es scheint Passend, in der Reihenfolge, soweit es sich thun läßt,den geschichtlichen Weg einzuschlagen, und die mittelalterlichenBanwerke in den Vordergrund zu stellen, da diese in der Thatden Hauptschinnck der Stadt ausmachen, so daß einer der gründ-lichsten Kenner der mittelalterlichen Knust ^) behauptet hat,Brannschweig sei nach Cöln und Nürnberg in dieser Hinsicht dieinteressanteste Stadt Deutschlands. Wenden wir uns zuerst zueinem ehrwürdigen Denkmale romanischer Baukunst, dem Dome.

Der Tom und seine Umgebung.

Der Dom, auch Burg- oder St. Blasinskirche genannt,liegt ziemlich in der Mitte der Stadt, und machte sonst einenTheil der fürstlichen Burg Dankwarderode ans. Jetzt ist erans beiden Seiten von freien Plätzen umgeben, ans der Süd-seite vom Wilhelms-, auf der Nordseite vom Bnrgplatze. UnsereAbbildung zeigt das Gebäude von der letzteren Seite aus gesehen.

Herzog Heinrich der Löwe ließ, als er i. I. 1172 vonseiner Pilgerfahrt nach dem gelobten Lande zurückkehrte, die ansder Burg gelegene Kapelle, welche von dem brnnonischen GrasenLudolf^) erbanet und vom Bischöfe Godehard von Hildesheimi. I. 1039 dem heiligen Petrus und Paulus geweihet wordenwar, abbrechen und an ihrer Stelle den jetzigen Dom aufführen.Die neue Kirche erhielt zu Schutzheiligen den heil. Blasins,Bischof von Sebaste, Johannes den Täufer und den h. Tho-mas (Becket), welcher kurz vorher (1170) in England denMär-thrertod gefunden hatte, wie man allgemein behauptete aufAnstiften Heinrichs II. von England, Heinrichs des LöwenSchwiegervater. Der Bau der Kirche ward i. I. 1194 voll-endet, dieselbe noch in diesem Jahre vom Bischof Hermann vonHilvesheim eingeweiht und der Herzog legte in ihr die ansPalästina heimgebrachten zahlreichen Reliquien nieder. Aberschon im folgenden Jahre zerstörte am 26. Juli Abends derBlitz die Thürme bis ans das Mauerwerk herab, und Heinrichder Löwe, welcher damals schon ans dem Todbette lag (starbam 6. August 1195) konnte nicht mehr für die Wiederherstel-lung derselben sorgen. Erst eine spätere Zeit hat diese Thürmevon Neuem aufgebaut, jedoch nicht vollendet, weshalb sie nochjetzt mit einem Nothdache versehen sind. Sie gehören wahr-scheinlich derselben Epoche an, wie das im gothischen Spitzbogen-stil ausgeführte Glockenhans, welches sich zwischen beiden befindet.

'-I Kallenbach.

Fälschlich wird dieser Ludolf oft Markgraf genannt, da erstsein Sohn Ekbert I. die Markgrafschaft in Thüringen und Mei-ßen erhielt.