Die Herzoglichen ihrerseits blieben den Bürgern Nichtsschuldig; ihre Lieder gingen aus demselben Ton:
In Hoffart sie ldie Bürger) ersoffen,
In Trotz und UebermuthUnd scind doch lose TroppfenEntsprossen aus bauerschen Bluedt-Darum auch vorhanden istIhr Fall, wie man wird spuren,
Glaubt mir, in kurzer Frist*).
Ehe der Herzog indeß einen geregelten Angriff auf dieStadt begann, machte er einen Bersnch, sich ihrer durch Listund Ueberfall zu bemächtigen. Am 14. Oktober 1605 erschienvor dem Aegidienthore ein langer Zug von Frachtwagen, wel-chem mehrere Kutschen Vorausfuhren. Die Wache am Thore,die nichts Böses ahnte, ließ sie ungehindert durch das aufge-zogene Thorgatter fahren. Alsbald sprangen die angeblichenKaufleute von den Wagen, stießen die Wache nieder und gabenden in den Frachtwagen versteckten Soldaten das verabredeteZeichen. Diese bemächtigten sich, von ihren Offizieren geführt,ohne ans weiteren Widerstand zu stoßen, des Aegidien- undMagniwalles und richteten das hier vorgefundene Geschütz gegendie Stadt. Die Bürger, von denen gerade ein großer Theildem Leichenbegängnisse der Frau des Bürgermeisters Gerken bei-wohnte, hatten kaum noch Zeit den Steinthorwall und die innereRingmauer zu besetzen, um den Feind von weiterem Vordringenabzuhalten. Dieser, dessen Zahl durch Zuzug von Wolfenbüttelher sich stündlich vermehrte, fing an sich auf den erobertenWällen zu verschanzen nnd ein wohlgenährtes Feuer ans dieStädter zu unterhalten. Schon entsank diesen der Muth, schonhielt der Rath die Stadt für verloren und verbargen sich seineMitglieder in ihren Hänsern, als ein Zufall der Sache eineandere Wendung gab. Der Stadttrompeter nämlich, der vomWalle herab den Bürgern das Signal zum Einstellen des Feu-erns geben sollte, (denn man hatte zu unterhandeln beschlossen)blies, durch eine in der Nähe einschlagende Kugel außer Fassunggebracht, statt dessen das Lärmzeichen. Die Herzoglichen, welchedurch langen Kampf ermüdet und von dem herabströmenden Re-gen durchnäßt waren, ließen in der Meinung, man blase zumAngriff gegen sie, von ihrem Bordringen ab und zogen sich aufdas Aegidienthor zurück. Zu gleicher Zeit sammelte Jürgenvon der Schulenbnrg, ein 70jähriger im Kriege ergrauter Greis,die verzagenden Bürger, welche, ihrerseits durch das Lärmzeichenerschreckt, zu fliehen begannen und führte sie gegen den Feind.Dieser widerstand dem Angriffe nicht lange und zog ans der
*) Aus einem Manuscript der Bibliothek in Hannover von Have-mann (Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg II.I>. 5) citirt; ein anderes in macaronischen Versen geschriebenesSpottgedicht vom Jahr Iö00, welches handschriftlich sich inWolfenbüttel befindet und den Titel führt: dortum cnrmenü« I 'diln'oelvs et klimroeliis etc. bezieht sich darauf, daß Hein-rich Julius der erste braunschweigische Herzog war, welcherbei seinen Truppen eine Uniform einführte.
Straße nach Wolfenbüttel ab, indem er Viele der Seinigen,welche das zufällig niederstürzende Thorgatter abschnitt, in denHänden der Sieger zurückließ.
Nun begann Heinrich Julius mit allem Ernste die Belage-rung der Stadt. Am l8. Oktober besetzte er alle Straßen,welche zu ihren Thoren führten und ließ vor jedem Thore eineSchanze aufwerfen. Dann folgte die Beschießung der Stadtans des Herzogs zahlreichem Geschütze; allein der geringe Er-folg, den dieses hatte, steigerte nur noch den Uebermnth derBürger. „Wäre Bronswiek Waters rike — so wäre nich sinesGlike," sang man in der Stadt, und es ist möglich, daß diesesLied den Herzog auf den Gedanken brachte, den er, als die Be-lagerung nur langsame Fortschritte machte, auszuführen beschloß.Unterhalb Braunschweig, in der Nähe des Dorfes Oelper ver-engt sich das Thal der Ocker so sehr, daß es möglich schien, denFluß an dieser Stelle abzudämmen und die Stadt durch dieWassersnoth, die daraus entstehen mußte, zur-Unterwerfung zuzwingen. Sobald der Herzog sich von der Ausführbarkeit diesesPlanes überzeugt hatte, befahl er die Arbeit in Angriff zu neh-men. Nach 6 Wochen war der Damm vollendet, der, in derMitte mit einer Schleuse versehen, die Fluthen der Ocker aus-stattete und in kurzer Zeit die Stadt unter Wasser setzte. Mitjeder Stunde wuchs in Brannschweig die Noth: bald warenalle Mühlen zerstört, so daß das Brod ungeheuer im Preisestieg; auf Kähnen fuhr man durch die Straßen. Da schien sichdie Stadt demüthigen zu wollen; allein kaum hatte sie vom Her-zoge einen Waffenstillstand erlangt und war durch Aufziehungder Schleuse bei Oelper dem Wasser ein Abfluß eröffnet, alssie wieder den alten Trotz zeigte. Noch einmal brachten diezurückgestauten Fluthen Noth und Gefahr über die Bürger, nnddiese, erbittert über die vielen Verluste, welche sie in diesemKriege erlitten hatten, zwangen den Rath mit dem Herzoge zuunterhandeln. Eine Deputation der Bürgerschaft reisete nachWolfenbüttel und bat Heinrich Julius, der Stadt zu schonenund ihr seine Gnade wieder zuzuwenden. Dieser, der Ehrlich-keit und Aufrichtigkeit der Bürger vertrauend, ließ sogleich dieDammschleuse zerhaueu und gewährte eine voreilige Verzeihung.Denn auch diesesmal hielten die Brannschweiger nicht Wort.Sobald der Herzog sein Kriegsvolk bis auf 3 Compagnien Leib-wache entlassen hatte, begann der Rath, welcher einen großenTheil der ehemals herzoglichen Soldaten in Sold genommenhatte, die Feindseligkeiten von Neuem ^); ja er versuchte sogar
*) Darauf bezieht sich ein Lied der damaligen Zeit, welches v. Ve-chelde in Tobias Olfens Geschichtsbüchern der Stadt Braun-schweig hat abdrucken lassen. Mögen hier nur die folgendenVerse stehen:
Als roth Löw' b'gunt zu fühlen Wie roth Lew' Lust bekäme
Die große Wassersnoth, Und ein geworben Heer,
Begunte er zu hülen Da war er nicht mehr zahme,
Und bat um Gnad durch Gott- Griff wieder zum Gewehr:
Das Rößlein und sein Herre, „Dem Rößlein weiß nachtrachte,
Der edle Fürst so gut, „Thue Schaden ihm und Weh,"
Abwandle Kriegsgewehre Dem Kriegsvolk er auflagte.
Und auch die Wassersfluth. Daß solches so gescheh-