Druckschrift 
11 (1854)
Entstehung
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den von der Stadt dazu geladenen Gästen. So groß war dabeider Zusammenfluß von Menschen aus allen Ständen, von nahund fern, daß ein Chronist jener Zeit dieses Fest naiver Weisemit den olympischen Spielen der Griechen verglichen hat. Anstattlicher Bewirthnng und fröhlichen Tänzen war dabei aller-dings kein Mangel: auch Würfelspiele eigenthümlicher Art fehltennicht. So hatten die Frauen des Hagen ans dem Platze eineGlücksbude errichtet, wo ein Jeder um einen beliebigen Gegen-stand würfeln konnte, welchen er selbst wählte: die Frauen derBude hatten dagegen das Recht, den Einsatz zu bestimmen. Eswird erzählt, daß einst ein kecker Junker um eine reiche schöneBraut zu würfeln verlangt, daß ihn aber die ungeheure Summe,welche man dagegen als Einsatz verlangte, von dem Wurfezurückgeschreckt habe.

In diesem gesteigerten Lupus offenbaren sich die erstenleisen, kaum bemerkbaren Spuren des verfallenden Gemeinwesens.Gleich den übrigen deutschen Städten, welche durch die Ver-wirrung des feudalen Mittelalters groß und mächtig geworden,war Braunschweig damals in seiner Entwickelung auf einemPunkte angekommen, von wo der Weg nicht wohl mehr auf-wärts, sondern nur abwärts führen konnte. Denn in demselbenMaße, in welchem am Ende des Mittelalters die Macht undder Einfluß der übrigen Stände des Reiches zu sinken begann,erhob sich allmählich die fürstliche Macht aus der Unbedeuten-heit, in welche sie schlechte Wirthschaft, Fehdelnst, besonders aberdie ewigen Theilungen der Territorien gestürzt hatten. Man-cherlei Umstände vereinigten sich, um in dem Verhältnisse derFürsten zu den Städten einen Umschwung zum entschiedenenVortheil der ersteren zu bewirken; diese Umstände waren auchan verschiedenen Orten verschiedene: allein ihre Wirkungen gingendurch ganz Europa. Eine neue Epoche der staatlichen Entwicke-lung bereitete sich vor: sie war nur möglich, wenn die Autono-mie nicht nur des Adels, sondern auch der Städte durch dieFürsten gebrochen und so die Selbständigkeit dieser beiden Ständevernichtet wurde.

War irgend eine Landesstadt im Verlaufe der Zeit selb-ständig und der fürstlichen Macht gefährlich geworden, so wares Braunschweig. An die Herstellung einer wirklichen Landes-hoheit in den welflschen Landen war nicht zu denken, so langedas stolze, durch fremde Bündnisse geschützte, ans feste Mauernund Thürme trotzende Braunschweig den Fürsten kampfgerüstetgegenüber stand, immer bereit, bei der geringsten Verletzungseiner erzwungenen Vorrechte zu den Waffen zu greifen. Eswar die Zeit gekommen, welche darüber entscheiden mußte, obdie Stadt eine Herzogstadt bleiben oder eine freie Stadt desReiches werden sollte. Sobald die fürstliche Macht sich nureinigermaßen befestigt hatte, begann sie diesen entscheidendenKampf, einen Kampf, der nicht rasch beendet werden konnte, denvielmehr ans beiden Seiten die Väter auf ihre Söhne, ihreEnkel vererbten, der nahe an 2 Jahrhunderte gewährt hat, in

welchem aber, wie es in der Natur der Sache und in der ganzengeschichtlichen Entwickelung begründet war, die Stadt schließlichunterlegen ist.

Schon Herzog Wilhelm der Jüngere suchte durch Ein-mischung in die inneren Zwistigkeiten der Stadt in derselbenfesteren Fuß zu gewinnen. Er nahm bei den Unruhen, welcheim Jahre 1488 wegen veränderten Münzfußes entstanden, Lüd-dicke Holland, das Haupt der Unzufriedenen, welche eine Um-wälzung in der Verfassung durchzusetzen suchten, in seinen Schutz,mußte aber geschehen lassen, daß Holland i. I. 1491 mit seinenAnhängern aus Brannschweig vertrieben wurde. Kühner undselbstvertrauender trat sein Sohn, Heinrich der Aeltere, gegendie Stadt ans. Die offen ausgesprochene Absicht seines Bünd-nisses mit Heinrich von Lüneburg war keine andere, als dieStädte Braunschweig und Lüneburg wieder zum Gehorsamgegen ihre Landesherren zurückzuführen. In diesem Sinne er-ging von Seiten des Herzoges an Braunschweig die Forderung,alle von seinen Vorfahren der Stadt überlassenen Güter undRechte: die Münze, die Gerichte, die Weichbilder Sack undAltewiek, ferner die Hänser Nenbrück, Campen, Assebnrg undVechelde ohne Entschädigung zurückzugeben. Auf solche Zumu-thung wußte der Rath nicht anders zu antworten, als durcheinen Fehdebrief, welchen er den beiden Herzogen zuschickte; abernoch ehe die Stadt ihre Rüstungen vollendet hatte, begannendiese an der Spitze eines zahlreichen Heeres, bei welchem sicheine Menge der umwohnenden Fürsten und Herren eingefundenhatten, rasch die Feindseligkeiten (1492). Die Assebnrg, welchezu weit von der Stadt entfernt lag, als daß sie wirksam ver-theidigt werden konnte, ward von den Brannschweigern geräumtund den Flammen übergeben: Vechelde, Neubrück und Campenim ersten Anlauf von den Herzoglichen genommen. Dann er-folgte der Angriff auf die Landwehren: den Thurm bei Rüningenbrannten die Bürger selbst nieder, den bei Glismarode stürmteder Herzog. Nachdem sich dieser so zum Meister der äußerenBefestigungen gemacht hatte, begann er die Stadt in nächsterNähe zu beschießen; allein 3 Tage lang (1013. September)versuchte sich das herzogliche Geschütz ohne großen Erfolg anden starken Mauern und Thürmen derselben. So zog sich dieBelagerung in die Länge und da der Winter herannahete, ver-wandelte sie sich bald in eine nicht sehr enge Einschließung. Mitgroßer Grausamkeit ward unterdeß der Krieg von beiden Seitenfortgeführt: schon stieg der Mangel an Lebensmitteln in Brann-schweig zu einer empfindlichen Höhe, als die um bundesmäßigeHilfe gemahnte Hansa der gefährdeten Stadt zu helfen beschloß.Es war vorzüglich Hildesheim, welches sich der Dienste erinnerte,die ihm die Brannschweiger kurz vorher bei einer ähnlichenGelegenheit geleistet hatten. Am 12. Februar 1493 zog eineMenge mit Lebensmitteln beladener Wagen ans dem Thore derStadt unter starker Bedeckung hildesheimischer Bürger. Nochan demselben Tage vereinigte sich diese Macht mit den Braun-

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