Was aber die Freude der ersten Entdecker ungewiß und dunkel gelassen hat, das will die ruhigere Be-trachtung unserer Tage gründlicher erforschen, selbst auf die Gefahr hin, daß solche Forschung das Andenkenfrüherer Zeiten manches romantischen Schmuckes entkleide. In dem sorgfältigen Aufsuchen jeder wirklichenSpur der Vergangenheit beweist sich eine dankbare Gesinnung am meisten. Eine urkundliche Geschichte derFamilie Maneß wird das würdigste Zeugniß unserer Vorliebe für jene Erinnerungen, das beste Geschenksein, das wir, eingedenk mancher frohen Stunde auf Mauegg, Denen anbieten können, die nach uns dorthinkommen werden.
Mögen es daher unsere Leser entschuldigen, wenn wir aus dem Versuche einer solchen Geschichte ihnenin Kürze mittheilen, was sich auf die edle Familie im Allgemeinen, insbesondere dann aber ans die Besitzerder freundlichen Burg bezieht.
Vom Ursprünge der Familie Maneß.
Der Ursprung der Familie Maneß läßt sich, wie wohl derjenige der meisten Geschlechter heutiger Zeit,nicht mit völliger Bestimmtheit nachweisen. Ob sie von ursprünglich freiem (allemannischem) Stamme vonGüterbesitzern der Umgegend, vielleicht später Vasallen der Abtei Zürich, hergekommen, oder aus Ministerialen(Beamten) des Reiches oder der Abtei sich zu höherm und ritterlichem Stande emporgearbeitet, muß unentschiedenbleiben. Alles was wir wissen, ist, daß sie schon in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts im Besitzetheils von wahrem Eigen (Grundeigenthum, für das sie keinen Lchensherrn zu erkennen hatten), theils vonLehen der Abtei und anderer Grundherrn in und um Zürich waren.H
Dagegen bietet ihr Name — Manezze oder Manez nach der ältesten Schreibart — eine auffallendeVerschiedenheit von den übrigen', aus jener Zeit bekannten Zürcherischcn Geschlechtsuamcn dar. Denn errührt weder von einem Amte oder Berufe her, wie: Meyer, Keller, Zoller, Mülner, Pfistcr u. a. m.;noch von einem Orte, wie: von Kloten, von Lunkuft, von Beggenhoven, von Hottingen, in Gassen, amStad, von Set. Peter u. a, m.z noch verdankt er einer körperlichen Eigenschaft seinen Ursprung , wie: Brun,Schwarz, Wyß, Wello („der starke"); oder ist ein ganz willkürlicher Zuname, wie: Fink, Meis, Biber,Löw, Schafli u. a. m. Vielmehr scheint die Znsammensetzung des Namens: Man-ezze, d. h. Manns-esser,Manns-tödter,2) auf eine That, auf einen bestimmten Vorfall hinzudeuten, aus welchem derselbe enisprun-gen sein mag. Und eben dahin weist auch das bekannte Zeichen oder Wappen des Geschlechtes, das schonauf den ältesten Siegeln desselben sich findet und, unbezweifelter Maßen, einen Zweikampf Gewappneterdarstellt, von denen der Eine, unter dem tödtlichen Streiche erliegend, sein Schwert aus den Händen ent-gleiten läßt. Welches aber dieser Vorfall gewesen sei, ist bei dem Mangel aller Nachrichten nicht auszumiteln.
Ferner ist der Umstand auffallend, daß das Geschlecht der Maneß, obschon bereits in der Mitte desdreizehnten Jahrhunderts eines der bedeutendsten und zahlreichsten, in den Zürchcrischen Urkunden des zwölftenJahrhunderts neben anderen jener Namen, die weit minder bekannten Familien angehören, nirgends vor-
') Wenn wir hier uns bestimmter wissenschaftlicher Ausdrücke bedient haben, um die Standesverhäitnisse früherer Zeiten zu bezeichnen,so möge unö der Umstand zu Gute kommen, daß dieselben sich in allgemein verbreiteten Werken, wie „das alte Zürich" vonHerrn Kirchenrath vr. Vögelin, „die Geschichte der Republik Zürich" von Herrn Dr. Bluntschli u. a. m. hinreichend erläutert finden.
2) Die richtige Aussprache hat daher den Ton auf die erste Sylbe. „Müneß" und nicht auf die zweite - Maiwß fwie eS gewöhn?iich geschieht) zu legen, insofern man nicht vorzieht, bei der vollern Form: „Manösse" stehen zu bleiben.