41
Mittel der geistigen Unterhaltung, während der lebendige Vortragvon Dichtungen in demselben Maße abnimmt. Auch auf demGebiete der Musik geschieht eine Umwälzung. Bisher wurdesie hauptsächlich von den fahrenden Spielleuten, welche auch diebesten Pfleger und Verbreiter des Volksliedes waren, besorgt.Jetzt tritt an deren Stelle „der fürstliche Kapellmeister mit derCantorei". Eine weitere Folge davon war, daß sich die Musikvom Texte loslöste und selbständig wurde- die Texte werdennunmehr in Druckwerken gelesen, die Melodie wird auf Instru-menten gespielt- es beginnt die Trennung zwischen Dichter undMusiker. Der größte Feind des Volksliedes endlich erwächstaus dem sich immer weiter ausbreitenden Humanismus. Erzüchtet einen Gelehrtenstand heran, welcher fremde Stoffe undFormen aus aller Herren Ländern zusammenschleppt und damitauf lange Zeit die Litteratur beherrscht. Die Volksdichtungtritt in den Hintergrund zurück; doch wirkt sie selbst noch vonhier aus segenbringend. Zur Zeit der Ausländerei vertritt siefast allein noch das Heimathliche und Nationale in der Litteratur.Zur Zeit, wo sinnlose metrische Silbenzähluug oder antike Vers-messung in den Schwung kam, hält sie allein noch das alte,der deutschen Sprache angemessene Grundgesetz der Betonungund der Versmessung nach Hebung und Senkung fest. Von ihrgeht denn auch der Anstoß zur Regenerirung der deutschenMetrik ans. Sie beeinflußt im weiteren Verlaufe die Kunst-lyrik und erzeugt aus derselben die Mischgattung des sogenanntenGesellschaftsliedes, welches der Lyrik des 17. und zum Theileauch noch des 18. Jahrhunderts ihre besten Produkte zuführt.sVgl. von Waldberg, Renaissancelyrik S. 6 ff.).
Eine neue Zeit für die Schätzung des Volksliedes kam erstin der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit dem EinzugShakespeares in Deutschland und mit der ersten Ausgabe vonVolksliedern. Ihrer ganzen Art nach standen Shakespeares
<867)