Druckschrift 
6 (1846)
Entstehung
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Aber noch höher steigt unsere andächtige Bewunderung,unser heiliges Staunen, wenn wir in den prächtigen Chortreten, dessen kühne, 150 Fuß hohe Wölbung sich in vollende-ter Herrlichkeit darstellt. Besonders günstig, um einen voll-ständigen Ueberblick davon zu gewinnen, ist der dem Hochaltarzugewandte Standpunkt unweit der Glasthüre unter der Orgel.Die himmelan strebenden Bogen, auf ihre rohrartigen schlankenSäulen gestützt, die unzähligen Abwechselungen an den Säu-lenknäufcn, die 66 Fuß hoch um den Chor herumlaufende Gal-lerie, die an die Säulenstämme sich lehnenden Apostelbildermit ihren goldenen Prachtgewändern, ihre eben so reich ver-zierten und gemalten Consolen und Thurmbedachungen mitmusicirenden Engeln, die herrlichen Glasgemälde mit ihrentausendfältigen Kaleidoskop-Figuren, die kolossalen Abbildungender alttcstamentarischen Könige, die am Fußende angebrachtenWappen der Fürsten, Grafen und Herren, welche sich an derAnfertigung der Gläser betheiligten, das magische Licht, welchesdieser von allen Seiten den Sonnenstrahlen zugänglichen Weltvon unbeschreiblichen Verhältnissen, Formen und Farben denhöchsten Zauber verleiht, Alles das bildet ein majestätischesGanze, fähig, die Seele in tiefstes Staunen zu versenken.Kommen nun endlich die so mächtig und hinreißend ergreifendenTone der herrlichen Orgel dazu, so wandelt selbst den kälterenBeschauer ein unwiderstehlicher Drang stiller Erbauung an;man findet sich gleichsam auf einen überirdischen Standpunctversetzt, und unwillkürlich mabnt das Vorhandene an einehöhere Idealwelt.

Nur eine Störung ergreift bei diesen Gefühlen schmerz-haft den Ortskundigen: es ist die Lücke des an der Nord- oderEvangeliums-Seite des Altars ehemals vorhandenen Taber-nakel-Gehäuses. Dort nämlich, wo nun der Erzbischof seinenSitz hat, erhob sich einst vom Boden bis fast in die Spitzedes Bogens als Monstranz-Behälter eine auf das kunstreichstevon Stein geformte Kegelgruppc aus vielfach über einandergethürmten Heiligenblenden, Säulchen, Bogen, Thürmchen,Laubknäufen und Vegetabilien. Dieses weltkundige Meister-werk der architektonischen Sculptur, das Höchste, was derMeisel in dieser Art jemals hervorgebracht haben mag, mußtei. I. 1766, in einer Zeit, wo man, den Rath und die Ab-mahnung der Kunstverständigen verachtend, das Unnachahm-liche der Tagcsmode opferte, unter den Hammerschlägen derRohheit sein Haupt neigen; die herabgeschlagenen Bruchstückewurden als Schutt in den Rhein gefahren, gleichsam als hättemit den letzten Spuren des Meisterwerks auch die Schandeseiner Zerstörer getilgt werden sollen.

Die rechts und links im Cbore sich gegenüber stehendenGrabmäler, aus schwarzem Marmor und Alabaster gefertigt,gehören, wie ihre Inschriften besagen, den beiden kölnischenErzbischöfcn und Kurfürsten aus dem gräflichen Hause Scha-wenburg an. Das südliche oder rechts stehende gilt dem Kur-fürsten Adolph, erwählt am 81. Jan. 1517, gestorben am 20.Sept. 1556.

Das nördliche gehört dem Kurfürsten Anton von Scha-wenburg, erwählt i. I. 1556, gestorben am 18. Juni 1558.

Diese Denkmäler, welche der i. I. 1558 erwählte und156S zu Brüssel verstorbene Johann Gebhard I. von Mans-feld, gleichfalls Erzbischof und Kurfürst von Köln, seinen bei-den Verwandten als Nachfolger i. I. 1561 errichtete, sind indem nicht ganz ungefälligen, so genannten Cinque-Centisten-Stile geformt, den die Franzosen mit der Benennung: Stilder Wiedergeburt, bezeichnen.

Die zu beiden Seiten neben diesen Monumenten Hangen-den Tapezicreien enthalten vier alttestamentarische Scenen undvier kirchlich-sinnbildliche Darstellungen in kolossalem Maaßstabe.Auf den an den beiden äußersten Enden befindlichen nämlichsind

oben links:

Der Prophet Elias mit dem ibm Nahrung spendenden Engel,oben rechts:

Der Mannaregen in der Wüste,unten links:

Ein israelitisches Schlachtopfer,

Unten rechts:

Der Hohepriester Melchisedech mit den Schaubroden, vorge-stellt; die vier mittleren erklären sich durch die darauf vorhan-denen Inschriften:

links: ^mor äivinus, und Lvclesiae triumplrus.rechts: Hoo ost eorpus, und kllles eatboliea.

Diese Tapeten rühren aus der von einem gewissen Gobelin i.I. 1170 in Paris angelegten Kunstfärberei her, welche Lud-wig XIV. i. I. 1617 zur königlichen Tapeten-Manufacturausdehnte und unter die Leitung seines Hofmalers Carl LeBrün stellte, woher diese Gattung von Tapeten Gobelin-,richtiger aber nach der Art ihrer Ausführung entweder Basse-odcr Hauptelisse-Tapeten heißt. Die in Rede stehenden achtErcmplare wurden i. I. 1687 von dem Cardinal und Fürst-bischöfe von Straßburg, Herrn Egon von Fürstenberg, alsConcurrenten des zur erzbischöflichen Würde gelangten Baicr-fürsten Joseph Clemens dem Dome verehrt; sie gehören einerviel früheren Epoche der nun zur höchsten Vollkommenheit ge-diehenen Manufactur an und haben in Bezug auf die Muster-bilder von P. P. Rubens, welchen sie nachgebildet sind, einenerhöhten Werth. Leider hat ihr Farbenglanz durch die Zeitbedeutend eingebüßt, woran die ungehinderte Einwirkung derMittagssonne ihren Theil haben mag.

Nebenbei verdient hier bemerkt zu werden, daß sich hinterdiesen Tapeten noch alte Wandgemälde in Tempera-Farbenvorfinden. Angenommen, daß bei der Einweihung des Chorsdie Chorwände nicht ungeschmückt geblieben sein dürften, kannman beim Anblick dieser Wandgemälde der Versuchung nichtwol entgehen, deren Verfertigung in den Anfang des vierzehn-ten Jahrhunderts zn setzen. Sollte einst dem herrlichen Dom-chor auch seine alte Einfassung wieder werden, so würdedurch die Unterbringung der ihm etwas fremdartigen Wand-bedcckung an einer andern schicklichen Stelle sein eigenthümlicherCharakter nur gewinnen.

In dem untern Theile des Chors erwähnen wir noch denbeim Eingänge liegenden Leichenstein des am 15. Sept. 1Z72