Neuwied.
^!age. Zwischen zwei Wendungen von Morgen gegen Abend,welche der Rhein bei Urmitz und Andernach beschreibt, fließt der Strombei Neu wird von Mittag gegen Mitternacht. Auf dem rechten Uferligt diese Stadt unter 50" 25' der Breite und 27° 7' 40" der Länge.Rings um dieselbe dehnt sich eine freundliche Ebene aus, die eineLänge von 2, und eine Breite von ^ Stunden hat. Sie wird vonden äußersten Vorsprüngen des Wester-Waldes, dem Sapn-, demWiedbach und dem Rhein begrenzt. Das linke Stromufcr ist höher,nur gegen Andernach eben, sonst von mehren Hügel-Reihen durch-zogen, welche zu dem System der Vorder-Eifel und des laacher Vul-kans gehören.
Boden. Es ergibt sich aus dem eben gesagten, daß der Kesselum Neuwied theils aus angeschwemmten Erdreich, theils aus vulkani-schen Erzengnissen besteht. Wirklich kommen, selbst am rechten User,namentlich bei Engers, Bendorf, Hcimbach, Weiß, :c. häufig bedeu-tende vulkanische Aschen-, oder Tuff- und Bimsstein-Ablagerungen vor,während am linken Ufer theils schon verwitterte, theils noch feste Lava,vulkanischer Sand, Tuff, Schlacken, zc. zu Tage gehen. Die vondem laacher Feuerberg geschleuderten vulkanischen Bombe» sind tief indie Kalktnff-Lage» des Brohlthals versenkt; die meisten Eruptions-Tuffe befinden sich dagegen bei Plaidt, Kretz und Kruft, wo sie zurTraßbercitung ausgebeutet werden. Weiter oben bei Bell gräbt mandie feuerfesten Backofen-Steine und die sogenannte» Weiber-Steine.Die Abhänge des Wcster-Waldes bieten Grauwacke; Basalte zc. zeigensich erst auf der Höhe des Gebirges.
Klima. Ein beständiger Luftzug, der durch die viele» Seiten-Thäler und den Streit der wärmern Luft in der Ebene mit der kälterndes Wester-WaldeS entsteht, ist das am meisten auffallende Wahr-zeichen der Witterung von Neuwied. Obschon im Winter die Kältemanchmal bis auf l5, ja 2V Grad R. steigt, friert der Rhein dochselten zu, und zu Schlittenbahn kommt es nicht oft. Schon imFebruar wehen milde Lüfte, dagegen wird selbst im Sommer, bei 25bis 27 Grad R., die Hitze nie drückendschwül Der heitern Tage sindim allgemeinen doppelt so viele, als der bedeckten. Im Herbst hatman starken Morgen-Nebel und schöne warme Nachmittage.
Vegetation. Unter solchen Bedingungen kann der Boden desKessels von Neuwied nicht anders als sehr fruchtbar sein. Die Ebeneund das Ncttethal erzeugen Getreide und Hülsen-Früchte in großerMenge. Zn jenem Thale, wie bei Heddesdorf, Jrlich, Nieder- undOber-Biber, Gladbach :c. ist der Obstertrag bedeutend. Auf der Hü-gel-Kette von Jrlich, bis Leudeödorf, wird viel Wein gebaut, derjedoch nicht zu den prciswürdigen Sorten gehört.
Bevölkerung. In den ersten Jahren nach seiner Gründung(1649), hatte das aus dem Orte Langendorf erwachsene StädtchenNeuwied kaum 200 Einw,, eine Zahl, die sich bis zum Tode des GrafenFriedrich, gegen Ende des l7. Jahrhunderts, bis auf ll00 oder l200 ver-mehrt hatte. Seitdem stieg sie allmälig, vorzüglich um Mitte des vorigenJahrhunderts, durch häufige Einwanderungen gcwerbsamer Menschen,die fast allen christlichen Glaubcns-Meinungen angehörten, und von de-ren friedlichen Zusammen-Lcben auch die Jsracliten nicht ausgeschlossenwaren. Daher kam es denn, daß 1300 der Ort bereits 4000 Seelen ent-hielt, daß 1820 seine Bevölkerung sich auf 4657 und 1340 auf 6002 See-len belief. Von der letzten Zahl waren Katholiken 1726, Evangelischeund Herrnhuter 3945, Menvnitcn 51 und Juden 230. Jetzt (1344) kannman im Ganzen 6300 Einw. annehmen. Die Zahl der Gebäude bcläust
sich auf 23 öffentliche, 538 mcistentheils zweistöckige Wohn-, 525 Wirth-schafts-Häuser und 14 Fabriken, zusammen auf >100 Gebäude.
Geschichte. Wie bereits erwähnt, befand sich an der Stelle desheutigen Neuwied ein dem Grafen zu Wicd gehöriger Ort, des Na-mens Lang endorf. Im 30jährigen Kriege zerstört, wurde er durchden Grafen Friedrich, der für sich selbst hier ein Haus erbaute, wie-der hergestellt. Ein schöner Weingarte» umgab des Gründers Wohn-sitz, in dessen Nähe mehre andre Häuser entstanden, welche eine»Weiler bildeten, der ebenfalls den Name» Langendorf erhielt. Eserwachte nun um jene Zeit eine Auswanderungslust in Deutschland,deren Ziel die freien Niederlande waren. Da faßte Graf Friedrichden Gedanken, wo möglich die fleißigsten dieser Auswanderer in seinemLande, durch ihnen zu bietende überwiegende Vortheile, zurückzuhalte».Zu solchem Zweck beabsichtigte er die Gründung einer Stadt, welcheursprünglich auf der Höhe bei Jrlich, oberhalb des von ihm begonnenenSchlosses Friedrichsstein, entstehen sollte, der zweckmäßigern Lage we-gen aber endlich hart am rechten Ufer des Rheins erbaut wurde.
Der Graf nannte sie Neuwied. Er verschenkte ansehnliche Län-dereien zu Baustellen, lies auf eigne Kosten Häuser aufführen undtrat sie Kauflustigen zu geringen Preisen ab, oder belehnte rechtlicheLeute damit. Die von West gegen Ost sich erstreckende Schloßstraße,wie die von Nord gegen Süd gerichtete Rheinstraße waren die zuerst be-bauten Stellen. Bei Friedrichs Ableben bestand die Stadt aus 170bis 130 Häusern, mit beiläufig 1100 bis 1200 Einwohnern. Neuwiedsollte, nach einem vorher entworfenen Plane, regelmäßig angelegtwerden und die Straßen sich im Rechtwinkcl durchschneiden, ein Vor-haben das, mit geringen Ausnahmen, wirklich in Ausführung gebrachtwurde, als 1653 die kaiserliche Genehmigung eintraf. Die Gerecht-same, welche der Graf 1622 Neuwied gewährte, bestanden in voll-kommener Ncligions-Freihcit, Befreiung von Leibeigenschaft, wie vonalle» Frohndiensten; Verlegung der Jahrmärkte von Ober-Biber nachNeuwied, Handels-Freiheit, Beseitigung aller Monopole, freier Fisch-fang im Rhein und Jagd auf demselben, Zugcstehung einer eignenOrtsvbrigkeit, zc. :c.
So blühte das Städtchen rasch und freudig empor, obgleich zuEnde des 17. Jahrhunderts die militärischen Räuber-Banden, welcheLudwig XIV. an Mosel und Rhein geschickt, den neuen Ort fast ebenso hart mitnahmen, als uralte Städte, unter andern das nahe Ander-nach. Sie zündeten das Schloß und viele Häuser an, brandschatztenund plünderten die Einwohner, und verfolgten weithin den mit Müheentfliehenden Grasen Friedrich *). Ungeachtet der fortwährendenKriegsdrangsale, stellte dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm das Schloßvon 1707 bis 1712 wieder her, und gab 24 Jahre nachher der Stadteine neue Polizei-Ordnung, welche Graf Alexander vervollkommnete.
Unter der Regierung des letztgenannten, von 1737 bis 1791, er-freute sich Neuwied eines sehr gedeihlichen Zustandes. Der Graf liesviele Häuser bauen, legte Fabriken an, beförderte Ackerbau und Ge-werb-Thätigkeit und wurde, seiner ausgezeichneten Verdienste wegen,1734 in den Reichsfürstenstand erhoben. Drei Jahre nachher begingenStadt und Land das 50jährige Jubelfest der Regierung ihres Wohl-thäters und 1788 das seiner 50jährigen glücklichen Ehe. Er starb den
') Tret angesehnc Bürger von Neuwied wurden als Geisseln na» Mont-Royalgeschleppt, wo man sie > Jahr ,o Monate als Kriegs.Gcfangne behandelte, bissie gegen Erlegung von aävo Thlr. ausgclost wurden. Hätte man sich des Gra,fcn bemächtigen können, würde er dasselbe Schicksal getheilt haben.