Druckschrift 
6 (1846)
Entstehung
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WN e i l b u r s

Ehemalige Residenz der Fürsten von Nassau-Weilburg,von denen, nach dem Aussterbcn aller übrigen Zweige derwalramschcn Linie, die gegenwärtigen Herzoge von Nassau ab-stammen. Die äußerst malerisch auf einem Vorhügel, am linkenLahnufer, gelegene Stadt, enthält, ohne die Garnison, eine Be-völkerung von 2600 Seelen. Seit der Verlegung der herzog-lichen Residenz nach Wiesbaden und Biebrich, hat Weilburgsowohl an Lebhaftigkeit, als an Wohlstand und Annehmlichkeitviel verloren. Die schmale Hügel-Halbinsel, worauf es liegt,und die auf drei Seiten von der Lahn umschlungen ist, deräußere Anblick der Stadt, mit dem hochgelegenen herrschaftlichenResidenz-Schlosse und die schönbebüschtcn, mit Landhäusern ge-schmückten Höhen am rechten Ufer, verleihen ihm eine gewisseAehnlichkeit mit Bern, jedoch nur im verkleinerten Maßstabe.

Im Innern der Stadt hört die Aehnlichkeit auf. Nachdemman von der schönen Steinbrücke über den Fluß den Abhangangestiegen, welcher dreimal länger, aber weniger bebaut istals der Stalden zu Bern, gelangt man auf eine geräumigeTerrasse, unter welcher die ziemlich große Kaserne des in Wcil-burg in Besatzung stehenden Theiles des ersten Infanterie-Re-giments erbaut ist. Zur Rechten zieht sich eine mittelbreite,5 Minuten lange Straße bis zum frankfurter Thor. Gradeauserhebt sich eine andere nicht zum besten gepflasterte Straße ge-gen den viereckigen Markt und das etwas höher gelegene her-zogliche Schloß. Alle übrigen Gassen sind schmal, winklig, baldbergansteigend, bald ziemlich steil sich hinabsenkend.

Die Häuser sind im Durchschnitt gut gebaut, größtentheilszwei- und dreistöckig. Man sieht es ihnen auf den ersten Blickan, daß sie früher stärker bewohnt und daß ihre Eigenthümerehemals wohlhabender waren. Das Schloß bietet keine impo-sante Vorder-Seite, doch ist es nicht ohne Geschmack gebaut,geräumig, im Innern fürstlich eingerichtet und von reizendenGärten, in verschiedenen Abtheilungen und Terrassen, um-schlossen. Es wurde zu Anfang des 18. Jahrhunderts, nebstdem schönen Marstall, dem Rcithanse und andern Gebäudenaufgeführt. Säle und Zimmer sind schön möblirt und enthal-ten manche Knnstgegenstände von Werth. Der schön angelegteGarten ist mit Bildsäulen, Vasen, Springbrunnen, Gallerten,einer Orangerie und vielen seltenen Pflanzen geziert. Gegendie Lahn ruht er auf einer hohen Mauer, die bald nach ihrerErbauung einstürzte, aber stärker und fester wieder hergestelltwurde.

Sehenswcrth ist auch die Kirche im Schloßgarten. Sie istmit einer hölzernen Wölbung versehen, woran die Arbeit rechtgut ist. Kanzel und Orgel sind Meisterwerke. Von dem amMarkt stehenden Glockcnthurm hat man eine befriedigende Aus-sicht auf die Stadt und ihre Umgebung. Im obern Theile desThurms ist ein großer kupferner Behälter, in welchem sich dasvon jenseit der Lahn über eine hölzerne Brücke hergeleiteteWasser sammelt, welches die Lauf- und Springbrunnen imSchlosse, im Lustgarten und in der Stadt versorgt. Nebendem Tburm ist das hübsche Rathhaus. In der Mitte des vonfreundlichen Häusern umschlossenen Marktplatzes erhebt sich eingroßer, mit Bildhauereien verzierter Laufbrunncn. Die evan-gelische Pfarrkirche ist größer und ansehnlicher als die katho-lische. Beide enthalten einige gute ältere und neuere Gemälde,Steindenkmale und Holzschnitzereien.

Das seit 1817 bestehende Landes-Gymnasium *), bisherdas einzige im ganzen Herzogthum, dem nun ein zweites inWiesbaden zur Seite gestellt werden soll, ist eine eigentlicheVorbereitungs - Anstalt für die Universität. Als solche steht sieunter der Leitung eines Direktors, der den Titel Oberschulrathhat. Fünf ordentliche Lehrer oder Professoren und mehrereNeben-Lehrer sind dabei angestellt. Der Unterricht wird in4 Hauptklasscn ertheilt, in deren jeder in der Regel die Schü-ler ein Jahr verweilen. Die Zahl der letzten beträgt zwischen14V und 15V. Das Gymnasial-Gebäude ist von 1780.

Gcwcrbthätigkeit und Handel sind in Wcilburg nicht vonBedeutung. Die Stadt hält einen Wochenmarkt und fünfJahrmärkte. Viel wichtiger sind die in der Umgegend in großerZahl bearbeiteten Eisen-Bergwerke und Gruben. Auch dieBaumschule, welche ziemlich starke Versendungen macht, darfnicht übersehen werden, eben so wenig als die in der Nähe derStadt am Wcilbach, in reizender Gegend, gelegene wimpfischeAnlage, bestehend aus einer großen Papier-Mühle und Stein-gut-Fabrik, einer Mahl- und Walk-Mühle und mehreren Nebcn-Gebäude». Das weilburgcr Steingut-Geschirr ist sehr geschätzt,wird weithin ausgeführt und dem von Wedgwood gleich ge-achtet. Die neuen verbesserten Buchdrucker-Pressen, welche ausder Eisenhütte zu Löhnberg hervorgehen, dürfen ebenfalls nicht

*) Es war seit der Kirchen-Reformation eine lateinische Schule undseit der Mitte des vorigen Jahrhunderts Gymnasium für dienafsan-wcilburgschen Lande.