einer früheren Zeit zugeschrieben werden, als das 15. Jahrhundert, und da-her in dieser Hinsicht, wie so häusig, nach der architektonischen Ansicht die ge-schichtlichen Angaben berichtigt werden.
In einiger Entfernung von der Liebfrauenkirche erblicken wir das eigent-liche Hauptgebäude und gleichsam die Krone und Zierde der ganzen Stadt,die Oomkirche zum heil. Peter und Paul, wovon ?iro. 3. eine beson-dere Ansicht nebst den nach Osten hin angränzenden Häusern und Straßender innern Stadt darbietet. Wir knüpfen die Geschichte und Beschreibungdieses merkwürdigen Denkmals altbyzantinischer Baukunst an das eine wiean das andere dieser Bilder an.
(Geschichte.) Schon in der frühesten christlich-germanischen Zeit (ur.kundlich wenigstens schon im Jahr 8Z8) stand an der Stelle der gegen-wärtigen Kirche eine Basilika (Hauptkirche) des heil. Petrus, und ihr zurSeite nach dem seit dem 8. Jahrhundert mehr und mehr aufkommenden Ge-brauche wohl schon um die Mitte desselben die Daufkirche (Baptisterium.)des heil. Johanne-. Letztere hatte sich ganz unversehrt in ihrer ursprüng-lichen höchst merkwürdigen Form bis auf das Jahr >807 erhalten, wo sieunter dem Regiment der Franzosen auf den Abbruch versteigert und daraufin den folgenden Jahren mit größter Mühe und Anstrengung — so felsen-fest waren die Steinquadern in einander gefügt! — völlig niedergerissen,so daß sich gegenwärtig nur noch einige wenige Säulen und Kapitäleim Besitze eines Privatmannes erhalten haben. Es war ein achteckigesRundgebäude, durchaus aus großen Quadern in einer Dicke von 12 Schuhzusammengesetzt und mir einem hutförmig zulaufenden Kuppeldach versehen,unter welchem ein mit kleinen Säulen eingefaßter Umgang hinlief. DasInnere bestand ans drei über einander gebauten Gewölben, von welchen dasobere mitten auf dem Dach des andern stand, das mittlere, in das mangeraden Fußes von der Erde hineinging, zur eigentlichen Kirche diente unddas untere bis auf die kleinen schmalen Fenster unter die Erde reichte. DieDom Kirche selbst, zu der wir nach dieser kleinen Abschweifung wieder zurück-kehren, wechselte im Laufe der Zeiten vielfach ihre Gestalt, bis sie ihr ge-genwärtiges Aussehen erhielt. Schon im Jahr 872 wurde die aus frühesterZeit stammende Basilika vom Blitz getroffen und völlig in Asche gelegt.Zwar versuchten es nun die nächstfolgenden Bischöfe nach Kräften, sie aufdie Dauer wieder herzustellen; aber alle ihre Bemühungen wurden durch dieverheerenden Einfälle der Normannen, welche im 9. Jahrhundert mehrmalsden Rhein aufwärts selbst bis nach Worms drangen, immer wieder vereitelt.Erst dem würdigen, um die Stadt hochverdienten Bischof Burkard, welcherzu Ende des 10. Jahrhunderts das so oft unterbrochene Werk mit heiligemEifer wieder aufnahm, gelang es endlich, an die Stelle der bisherigen unan-sehnlichen Kirche nunmehr einen großen und erhabenen Bau zu errichten. Erkam damit in so ungemein kurzer Zeit zu Stande (von 998—1018), daßderselbe seinen Zeitgenossen wie durch ein Wunder emporgestiegen zu seinschien. Auf den dringenden Wunsch Kaiser Heinrich II., welcher um dieseZeit auf einer Reise durch Worms kam, wurde sie noch vor ihrer gänzlichenBollendung im Jahr IVI8 in seiner und vieler weltlichen und geistlichenFürsten Gegenwart auf das Feierlichste eingeweiht. Nach der Chronik desehemaligen Klosters Kirschgarten bei Worms fiel zwar bereits zwei Jahrenachher der östliche Theil der Kirche nächtlicher Weile gänzlich zusammen,allein schon nach den nächsten zwei Jahren war derselbe auf einem unverwüst-lich festen Fundament noch prachtvoller als vorher wieder aufgeführt. Dochdlieb es Burkards siebentem Nachfolger, Bischof Eppo (reg. v. 1107—>115),vorbehalten, die letzte Hand an das riesenmäßige Werk zn legen, woraufdie Kirche im Jahr tlio nochmals eingeweiht, jedoch erst im folgendenJahre völlig ausgebaut wurde. Gleichwohl ward schon im Jahr Il8t eineWiederherstellung der in den häufigen Kriegsstürmen jener Zeit vielfach zer-fallenen Kirche nöthig, welche denn auch Bischof Konrad II. mit solchemErfolge unternahm, daß seitdem das Gebäude wenige Veränderungen erlittenhaben mag. Zu den bedeutendsten Veränderungen, von welchen wir außerden Kapell-Anbäuen und anderen noch außcrwesentlicheren Ausätzen wissen,gehört, daß im Jahr 1429 der eine Hintere Thurm, welcher zunächst an den
Bischofshof stieß, zusammenfiel und einen Theil des letzteren zerschmetterte,worauf er im Jahr 1472 durch Bischof Reinhard mit der Klerisei Kostenwieder aufgebaut wurde. Im Uibrigen scheint das erhabene Gebäude allenStürmen der Zeit trotzen zu wollen. Die Mauern der ganzen Kirche sindso stark und felsenfest durchaus aus Quadern aufgeführt, daß sie selbst denvon den Franzosen angelegten Minen widerstanden, obgleich dieselben sich vieleMühe gaben, auch dies Gebäude, wie den Dom zu Speier, 1889 bei derallgemeinen Zerstörung der Stadt in die Luft' zu sprengen. Dagegen zer-schmolzen leider die mit Blei gedeckten Dächer der Kirche von der die ganzeAtmosphäre durchdringenden glühenden Hitze; auch bekam wohl damals dasGebäude durch die Erplosion des Pulvers die an einigen Stellen desselbennoch jetzt sichtbaren Ritze.
(Beschreibung.) Unter allen byzantinischen Bauten behauptet dieDomkirche von Worms durch die edle Großartigkeit und zugleich ruhige Be-schlossenheit und Einfachheit der Form im Aeußer» wie im Innern eine derersten Stellen. Vier mächtige runde Thürme begränzen die beiden Chöreder 470 Schuh langen und 110 Schuh breiten Kirche, und gewähren ihr,nebst den über denselben hervorragenden Kuppeln, besonders aus einer ge-wissen Ferne betrachtet, das Ansehen einer wahren Burgveste Gottes, wozuauch die hohe Lage des ganzen Gebäudes nicht wenig beiträgt. Wenn deröstliche (nach der innern Stadt zu gekehrte) Chor durch seine reichen undgroßartig stylisirten Formen einen imposanten Anblick gewährt^ so hat da-gegen der westliche Chor durch seine Abwechselung und Mannigfaltigkeit, be-sonders aber durch seine doppelten Umgänge mit reicher Säulenstellung, mehrein malerisches Ansehen. Dieser Chor verräth auch besonders am rechtenThurme, sowie an der mittleren großen Fensterrose, bereits den Uebergangin den altdeutschen Styl; was-sich nun nach der oben angegebenen Nachrichtganz natürlich dadurch erklären läßt, daß man bei der Wiederherstellung deseinen hintern Thurmes im 15. Jahrhundert auf die ältere byzantinische Ge-staltung des noch stehenden linken Thurmes nur insoweit Rücksicht nahm, alsnöthig war, um die Symmetrie des Ganzen nicht völlig zu zerstören, im Ue-brigen aber dem herrschenden Geschmack der Zeit huldigte, wodurch eben dasauffallende, fast räthselhafte Formgemisch des neuaufgeführten Thurmes ent-stand. Gleichfalls neu, und zwar theils aus dem 14., theils aus dem 15.Jahrhundert, sind die dem alten byzantinischen Bau im deutschen Style an-gefügten Seitenkapellen, wovon die an der Südseite des Doms den mitreicher Sculpturarbeit verzierten Haupteingang der Kirche einschließen. ImGiebelfelde unmittelbar über dem Eingange erblickt man hier Christus, Maria,einen knieenden Bischof (Burkard) und den heil. Petrus; das Ganze bedeutetwohl die durch die Fürbitte der heil. Gottesmutter von Christus erhalteneEinweihung der Kirche auf den Namen des heil. Apostels. In den Seiten-bögen über dem Eingange befinden sich Darstellungen aus dem alten undneuen Testament. Von den zunächst an den beiden Seitenwänden stehendenFiguren bezeichnen die linker Hand die vier Evangelisten, die rechter Handaber wahrscheinlich die vier Hauptprophete» des alten Testaments. Ganz obenin der höchsten Spitze des Giebelfeldes erscheint ein mit einer Mauerkronegeschmücktes Weib, welches auf einem Thiere reitet und, wie die an dem viel-gestaltigen Haupte und den demselben entsprechenden Füßen sichtbaren Attri-bute der vier Evangelisten (Ochse, Löwe, Mensch, Adler) deutlich erkennenlassen, die triumphirende christliche Kirche bezeichnen soll. Rechts und linksfolgen nun noch an den nächsten Eckpfeilern verschiedene Figuren, wovon sichdie linker Hand als bekannte Heiligenbilder zc. von selbst erklären, die vierrechter Hand aber eine besondere Deutung erfordern. Von diesen bezeichnetnämlich die erste obere Figur mit der Büchse in der Hand und den beidenVerehrern zu ihren Füßen den wahren Glauben, die unmittelbar darunterbefindliche aber mit der Binde um die Augen, zurückgefallener Krone, zer-brochenem Speer und mit dem Bock und Messer in der Hand das Juden-thum; die zweite obere mit zerbrochenem Scepter das Heidenthum und dieunter dieser stehende mit dem Scbild in der rechten Hand und den Kröten,Schlangen und Eidechsen auf dem Rücken den Irrglauben. — Diese undandere noch unwesentlichere Ansätze ausgenommen, gibt die Domkirche den