DN o r m s.
Sin Denkmal längst enlschwund'ncr schon'rcr Zeiten.Stehst Du, o Worms, am dunkeln Rhcinesstrome!Du sahest einst Germaniens Volkerkraft,
Du sahst die Herrlichkeit des alten Roms,
Du sahst den Glanz des deutschen Kaiserthums,Du sahst den Mann, der einst mit kräftigem SinnDer Welt die Glaubensfreiheit wiedergab!
Und blieb Dir nichts aus jener hehren Zeit,Als Deines Domes Pracht und Deiner Kirchen Zier,So weilt doch gern der Geist auf Deiner Stätte,An die so manche große That sich knüpft.
orms — ehedem eine ansehnliche Reichsstadt und ein glänzenderBischofssitz, gegenwärtig (seit 18lt>) eine Stadt zweiten Ranges im Groß-herzogthum Hessen und zugleich Sitz einer Garnison, eines Gymnasiums ec.,mit etwa 832k Einwohner in 9KZ Wohnhäusern — liegt in einer zwar un-gemein fruchtbaren, aber ziemlich flachen und einförmigen Gegend, nicht weitvom Rheinstrome, welcher nur das Ufer der nach Mainz zu gelegenen Bor-stadt (in der Gegend des Liebfraustiftes) berührt und über welchen hier einesehr besuchte fliegende Brücke führt.
Wenn irgendwo, so war es hier eine schwierige Aufgabe für den Zeichner,in der Totalansicht die wenigen architektonischen Glanzpunkte einer großartigenVergangenheit in malerischer Gruppirung hervortreten zu lassen und dieser diein gehaltloser Weite sich ausdehnende Häuserreihe einer kleinlichen Gegenwartin angemessener Weise unterzuordnen. In dieser Hinsicht fand sich wohl keinbesserer Standpunkt, als die der Stadt schief gegenüberliegende Insel, gewöhn-lich die Maulbeerau genannt, zumal da sich hier zugleich auch der volle Rhein-strom in seiner ganzen Majestät darbietet; ein Vortheil, welchen keiner dergewöhnlichen Gesichtspunkte auf der hintern Landseite gewährt, so sehr es dochzu den charakteristischen Zügen des alten „^Vorme? ->» «lem Itloe" gehört,den Spiegel des sagenberühmten Stromes sich vorleuchten zu sehen. Inwessen Erinnerung tauchten jetzt nicht bei dem Anblick des freundlichen, leben-vollen Totalbildes (l>ro. I.) die ehrwürdigen Erinnerungen an die uraltenSagen von Siegfried und Chriemhilde, dem Königsdome und dem Rosen-garten, dem Landungshafen und den Buhurdstätten unwillkürlich hervor,während ihm zugleich die Alles umgestaltende Gegenwart mit ihren durchDampfeskraft getriebenen Schnellschiffen auf der Spiegelfläche des Flussesmächtig entgegentritt. Doch folgen wir der Reihe der einzelnen Punkte, wiesie uns das Bild an die Hand giebt. Wir beginnen deshalb mit der
Lltbfrauenkirche, als dem äußersten Punkte außerhalb der Stadt.
(Geschichte.) An der Stelle dieser Kirche stand ursprünglich eine kleinedem heil. Petrus geweihte Kapelle, welche Kaiser Heinrich II. um das Jahr1VVK aus eignen Mitteln stiftete. Späterhin, als die Verehrung der MutterGottes immer allgemeiner ward, wurde dieselbe der heil. Jungfrau Mariaumgeweiht und seitdem wegen häusiger durch die hohe Himmelskönigin voll-brachten Wunder ein weithin berühmter Wallfahrtsort. Dies machte esmöglich, daß in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts an der Stelle deralten unansehnlichen Kapelle ein neues und großartiges Kirchengebäude aus
den frommen Schenkungen jeder Art aufgeführt werden konnte, welches so-dann Biscdof Emicho im Jahr I2U3 zu einer Collegiatkirche erhob und mitdenselben Vorrechten versah, deren sich auch die ander» Stiftskirchen seinerDiöcese erfreuten. Einen weiteren nicht unbedeutenden Zuwachs erhielt inder Folge diese Kirche durch die reichlichen Jndulgenzbriefe, welche ihr imJahre IZIO der Erzbischof von Mainz und die Bischöfe von Breslau undStrasburg ertheilten; noch mehr aber durch die Schenkung der Einkünfte derbenachbarten Pfarrei St. Amand, welche sie der Freigebigkeit des BischofsHeinrich im Jahre l3t» verdankte. Mehr und mehr nahm nun die Vereh-rung der heil. Jungfrau zu, und fast aus ganz Deutschland fand hier all-jährlich ein solcher Ausammenfluß von Menschen Statt, daß der Rath unddie Bürgerschaft von Worms nach Abreißung der früheren im Jahr 14K7von Grund aus (?) eine neue größere Kirche, das Werk vieler Jahre, er.bauen ließen; weshalb auch wohl an der Decke dieser Kirche die noch jetzovorhandenen Wappen der ehemaligen Zünfte von Worms angebracht wordensein mögen. Diese Kirche erhielt sich nun glücklicherweise in den vielen Zer-störungsstürmen, welche an ihr vorübergingen; nur im Jahr lS8g wurdesie bei dem allgemeinen Stadtbrand der einen Thurmspitze beraubt. Gegen-wärtig gehört die Kirche zur Pfarrei St. Martin, und wird nur noch anden hohen Mariensesten sowie an dem Frohnleichnamstage zum Gottesdienstegebraucht.
(Beschreibung.) Was die Architektur dieser Kirche betrifft, so zeichnetsie sich zwar durch ihre freundliche Symmetrie aus, noch mehr aber durcheine für die Zeit ihrer Erbauung besonders auffallende Einfachheit undSchmucklosigkeit im Aeußern wie im Innern. Die einzige eigentliche Sculp-turarbeit an der ganzen Kirche befindet sich über der nach Westen zu liegen-den Hauptthüre. Im Felde des Giebelbogens erblicken wir hier die sterbendeMaria, umgeben und beweint von ihren Freunden und Freundinnen, und un-mittelbar darüber ihre Krönung durch Christus; in den Seitenbögen abersind rechts die sieben klugen und links die sieben thörichten Jungfrauen ab-gebildet. Das Ganze bildet somit eine schöne Allegorie, wodurch Maria alsVorbild der Weiblichkeit für Zeit und Ewigkeit dargestellt wird. Eine auf-fallende Erscheinung in der innern Construction dieser Kirche ist der freieRundgang um den Hochaltar, welchen nach Außen hin der östliche Umbaueinschließt. Einzelne Theile des mittleren oder Hauptschiffes müssen wegenihres, besonders an den engen F-nstersprengungen erkennbaren älteren Styls