Augsburg.
(Fortsetzung.)
achdem wir im 10. Heft die beiden vornehmsten Gebäude der Stadt,die Domkirche und das Rathhaus, hervorgehoben haben, fahren wir fort,nunmehr auch die übrigen merkwürdigen Puncte derselben, soweit sie zu-nächst unsere Totalanficht (ysr. 6) darbietet, erklärend durchzugehen, in-dem wir dabei, von der linken zur rechten Seite fortschreitend, hauptsächlichnur die innere Stadt berücksichtigen.
Der erste hier einigermaßen am Horizonte bemerkbare Höhepunct be-zeichnet das rothe Thor, welches auf die Heerstraßen über München nachTyrol und über Landsberg nach Italien führt. Schon im Jahr 1428 ließder Rath, den Besuch der Hussiten fürchtend, hier einen starken Thurm er-bauen. Einen neuen errichtete 1022 Elias Holl. Die schöne dabei befind-liche Thorbrücke und der Doppelkanal wurden erst im Jahr 1777 von Joh.Christ. Singer errichtet. Seine gegenwärtige Benennung erhielt das Thorvon seinem äußern rothen Anstrich; früher hieß es das Spital- auch Haun-stätter und Huchstätterthor. — Zunächst diesem Thor ragt die S«. kllr ichs-Kirche wegen ihres erhabnen Standpuncts auf einer Anhöhe höchst ansehn-lich und gleichsam über die übrige» Gebäude der Stadt thronend empor.Diesem Umstände verdankte auch wol zur Zeit der Römer diesen Platz seineBestimmung zum Capitol der nach den Gebräuchen jenes Volkes eingerichte-ten vindelicischen Pflanzstadt. An die Stelle desselben trat, wol zu gleicherZeit mit der auf dem unteren Forum der Stadt erbauten Kirche (der nach-herigen Domkirche), d. i. bereits im 0. Jahrhundert, eine Capelle für diein Augsburgs christlicher Borzeit hochberühmte Glaubenszeugin, die heiligeAfra. In dieser ersten Anlage aber erlag sie gleich der so eben genanntenunteren Kirche den verheerenden Einfällen der Ungarn, bis der um dieStadt vielfach verdiente Bischof Ulrich (geb. 800) die später auch nach ihmgenannte Kirche zu St. Ulrich und Afra von neuem wieder ausführte. Alsauch diese schon nach 100 Jahren baufällig wurde, stellte sie Bischof Em-briko wieder her. Bischof Luitolf ließ in derselben eine Capelle für denunterdeß geheiligten Ulrich bauen und seine Gebeine dahin versetzen. DieEhre einer Hauptkirche wurde ihr darauf durch Bischof Bruno zu Theil,der zugleich das Stift statt der früheren Kanoniker mit 12 Benediktinernbesetzte. Im Jahr 1407 legte Bischof Peter den ersten Grundstein zu einerneuen Kirche, welche indeß nicht lange nachher durch die Gewalt eines Or-kans umgestürzt wurde. Run endlich begann im Jahr 1477 der Bau desgegenwärtigen Gotteshauses, welcher aber so langsam vorangieng, daß imJahr ISO» erst der Hintere Theil des Gebäudes eingeweiht werden konnte(bei welcher Gelegenheit Kaiser Maximilian mit großem Gepränge selbst denGrundstein zum Thor legte), und das Ganze erst seit dem 20. Aug. 1007in seiner gegenwärtigen Gestalt (Zlv Schuh lang und 94 Schuh breit) voll-kommen ausgeführt dastand. Der 300 Schuh hohe stattliche Thurm, zuwelchem am 1. Juli 1500 der Grundstein eingesenkt wurde, hatte seineBollendung nur einige Jahre früher (1594) erhalten. Die Merkwürdigkei-ten dieser Kirche bestehen hauptsächlich in Folgendem. Der Hochaltar, sowiedie beiden Nebenaltäre, unter welchem rechts die Gebeine des heil. Ulrich,links die der heil. Afra ruhen, sind von Joh. Degler auf das meisterhaftestein Holz ausgearbeitet. Verschiedene Gemälde, unter andern von Rottenham-mer, Christoph Schwarz, Peter de Witte u. f. w. zieren die Altäre; auchsind an dem einen Theil der Orgeldecken zwei schätzbare Gemälde im alt-deutschen Style angebracht. Auszeichnung verdienen ferner die von PlacidusBerhelst mit Marmor ausgelegte Gruft des heil. Ulrich, das kunstreiche me-tallne Crucifix mit den Bildern der Mutter Gottes und des Apostels Johan-nes von Reiche!, der Taufstein von Marmor, welchen zwei schön in Metallgegossene Kinder tragen, verschiedene in Holz geschnitzte Büste» von Heiligenüber den schön gearbeiteten Sitzen im Chor und mehrere Glasmalereien. —In unmittelbarer Verbindung mit der eben angeführten katholischen St.Ulrichskirche steht die evangelische gleiches Namens, welche erst 1520 an dieStelle des früher hier vorhandenen, 1474 zusammengestürzten katholischenPredigthauses trat. Das Aeußere, wie das Innere dieser Kirche hat nichtsausgezeichnetes. Das Merkwürdigste in derselben sind außer dem in der
Sakristei aufgehängten Portrait vr. Martin Luthers von Cranach, die vonGaop verfertigten Silberarbeiten am Altar un-d an der Kanzel, wovon dieersteren die Taufe Christi und die letzteren die Bergpredigt darstellen. —Der nächste deutlich unterscheidbare Höhepunct bezeichnet das Schwibbogen-thor, eins der kleineren Nebenthore Augsburgs. Dieses war ehedem einbloßer Schwibbogen, welcher in die nunmehr verschwundene Vorstadt Wage-hals führte, die sich im 14. Jahrh, außerhalb desselben befand und sich bisan die jenseits dem Rothen Thor gelegene, jetzt gleichfalls nicht mehr vor-handene St. Servatiuskirche erstreckte. — Wir erreichen jetzt die ehemaligeslrcdigerkirchc, welche seit 1808 nebst andern Kirchen und Klöstern ge-schlossen ist und nunmehr als Waarenmagazin benutzt wird. Die ihr vor-dem ungehörige Himmelfahrt Mariä von Lanfranko befindet sich gegenwärtigin der königl. Bildergallerie der Stadt. — Hierauf folgt die katholischeKirche zu St. Moritz, welche nur im Innern einiges Sehenswerthe(einige Gemälde von Joh. Heiß, einen Schüler Schönfelds, von Joh. Rot-tenhammer, Matthias Kager u. s. w. besitzt. — Zwischen dieser Kirche unddem Rathhaus sehen wir jetzt die Hauptpfarrkirche der Protestanten, dieSt. Anna Kirche, emporragen. An ihrer Stelle befand sich seit IZ21 einaus den gesammelten Beiträgen der hiesigen Bürgerschaft erbautes Karme-literkloster. Als aber im Anfang des 10. Jahrhunderts die Lehre des Evan-geliums sich immer weiter ausgebreitet halte, traten die Karmelitermönchezur protestantischen Kirche über, verließen im Jahr 1534 ihr Kloster undnach mancherlei Schicksalen kam dieses Gotteshaus, welches bereits im Jahr1006 gänzlich erneuert wurde, in Gemäßheit des westphälischen Friedens-schlusses 1649 in den Besitz der Evangelischen. Seine gegenwärtige Gestalterhielt dasselbe erst bei der Renovation im Jahr 1747. Wenn diese aucheben keinen besondern Eindruck auf den Schönheitssinn macht, so ist dasInnere der Kirche desto reicher an sehenswerthen Kunstgegenständen. ZehnSäulen stützen das Kirchenschiff, dessen Decke drei schöne Gemälde von Joh.Georg Bergmüller, die Bergpredigt, Christi Kreuzestod und das jüngsteGericht, schmücken. Die von Hcinr. Eichler gearbeitete Kanzel ist ein Mei-sterstück in ihrer Art zu nennen. Eine wahre und sinnige Zierde der Kircheist ferner das über dem Taufaltar angebrachte Meisterbild Cranichs, Chri-stus unter den Kindern, mit der Ueberschrift: „Ein Vater über uns Alle."An der Emporkirche sind 12 Vorstellungen aus der Leidensgeschichte Jesu vonJohann Spielbergs und Jak. Fischers kräftigen Pinsel. Hinter der Kanzelhängen zwei schöne große Gemälde von Joh. Heiß, die Geburt und Aufer-stehung Christi; dann eine Auferweckung des Lazarus und die Anbetung derWeisen aus dem Morgenlande. Ueber der Emporkirche zieht das Gemäldevon Franz Friedr. Frank, eines gebornen Augsburgers, Jakobs und JosephsAnkunft in Aegypten vorstellend, den Blick des Kunstfreundes auf sich. Ei-niges Andere von Werth malten Andr. Schwarz, Heinr. Schönfeld, Joh.Ulrich Mayer, Christoph Amberger, Anton Mozart?c. Andere, zum Theilihres Alters wegen merkwürdigen Gemälde, wie das altdeutsche Bild in derSakristei, Christi Himmelfahrt, sind von unbekannten Meistern. DieseKirche ist außerdem wegen der vielen in ihr errichteten Grabstätten undTrauerdenkmälern von Marmor und Metall mit verschiedenen Inschriftenmerkwürdig; in ihnen schlummern zum Theil Männer, welche sich, wie un-ter andern der berühmte Philolog Hieronymus Wolf, durch ihre Verdiensteeinen bleibenden Ruhm in der Geschichte Augsburgs erworben haben. — Jen-seits des Perlachthurms erblicken wir die Katholische und ganz nahe dabeiauch die evangelische Kirche zum heil. Kreuz. Die erstere, ehedemzu dem nunmehr aufgelösten Kloster gleichen Namens gehörig, ist schön,geräumig und für die gläubigen katholischen Christen besonders durch das inderselben aufbewahrte wunderbarliche Gut, eine vorgeblich in eine Fleischfascrverwandelte Hostie, höchst wichtig. Ihre gegenwärtige Gestalt verdankt siedem Kloster-Prälaten Fackler, der sie 1502 von Grund aus neu erbauenließ; ihre Einweihung erfolgte im Jahr 1508, und nach und nach wurde ihrInneres mit schätzbaren Gemälden (darunter von Rottenhammer, Joh. G.Bergmäller, Joh. Mayer, angeblich sogar von Pet. Paul Rubens geschmückt