Aeußern angeregte Neugierde eine an Ueberfüllung grenzende Befriedigung;man ist nach dem Anblick der vielen und kostbaren Decken- und Wandgemälde,Tapeten, Mcubeln, Parquetböden zc., von der höchsten Bewunderung hin-gerissen, und glaubt ein Feenschloß gesehen zu haben. — Unter den Sälenist der auf der Ostseite in der Mitte des Schlosses befindliche sogenannteKaisersaal der größte, schönste und imposanteste; er mißt 88 Sch.K Z. in der Länge und SK Sch. in der Breite, und seine Höhe istjener der 2 oberen Stockwerke gleich; 2» cannelirte Säulen dorischerOrdnung von Gypsmarmor mit vergoldeten Kapitälen tragen das rings-umziehende mit Vergoldung geschmückte Gesims, über welchem die Deckeemporsteigt. An den Freskogcmäldcn der Decke, die sich auf die zu Würz-burg stattgefundene Vermählung K. Friedrichs Barbarossa mit Beatrix,Prinzessin von Burgund, beziehen, hat I. B. Tiepolo das Höchstegeleistet, was dieser Art die Kunstwelt von ihm kennt. Von diesem berühm-ten Venetiancr finden wir in der Hofkirche, die am Ende des vorderenlinken Schloßflügels eingebaut ist und an den Hofgarten grenzt, auch zweiherrliche Altarblätter in Oel, davon das eine die Himmelfahrt Mariä, dasandere den Erzengel Michael darstellet. Das Innere dieser Kirche hatüberaus reiche Verzierungen, drei herrliche Altäre mit marmornen Säulenund einige schöne Heiligen-Statuen, Gallcrien u. s. w. — So weit dasgroße Gebäude der Residenz reichet, ist es, mit Ausnahme des östlichenTheils, mit den schönsten Kellern von 33 Sch. Breite und an 3« Sch. Höheversehen, deren 228 Fässer 2101; Fuder Wein aufnehmen können. — Inganz unregelmäßiger Figur umgibt endlich die Residenz von der Ost- undSüdseite der etwa 40 Morgen große Hofgarten, welcher einen Reichthumder schönsten in- und ausländischen Pflanzen und sehr anmuthige Anlagen,jedoch nach verschiedenem Geschmack, enthält, und dem Publikum zumangenehmsten Spaziergang geöffnet ist.
>ro. 3 stellt die Licbkrauc»-Kapelle dar. Auf der Stelle, wofrüher die Synagoge der Juden und später ein zu Ehren der h. Mariageweihtes Kirchlein gestanden, wurde 1377, bei dem Andränge zahlreicherGläubigen von nah und fern zu diesem berühmt gewordenen Wallfahrts-orte, der Grundstein zu der jetzigen herrlichen Kirche gelegt, welche nebstdem 1441 angefangenen Thurm endlich 147!>, also nach 102 Jahren, ihreVollendung erhielt. Als Baumeister, oder, nach damaliger Benennung,als Werkmeister haben sich an diesem Kirchenbau verewigt: der sogenannteWerkmann der Stadt Meister Weltz, der Steinmetz; Ebcrh. Friedeberger,der Steinmetzmcister von Frankfurt (von 1441 — 14««); Linh. Strohmaier,Hans Dietrich und noch viele andere aus nahen und fernen Gegenden. Derdamalige fromme Sinn der Zeit that sich durch die reichlichen Stiftungenund Gaben kund, welche die Bewohner der Stadt für diese Kirche spendeten.Der alterthümliche Bau derselben erlitt eine unpassende Veränderung, indem2 Jahre vorher statt des 1713 vom Blitze getroffenen und abgebrannten,spitzigen blcigedeckten Thurmdaches eine schwerfällige, mit steinernen Statuenverzierte Laterne und ein italienisches Dach aufgesetzt wurden, auf dessenGipfel das kolossale Bildniß der h. Maria, ein treffliches, reich vergoldetesund bewegliches Kunstwerk von Kupfer, steht und die schon von Bonisazihrem Schutze gewidmete Stadt überstrahlet. — Man kann diese Liebfrauen-Kapelle , sagt Scharold in seiner ausführlichen Baugeschichte und Beschrei-bung derselben, mit Recht als eines der herrlichsten und ehrwürdigstenDenkmäler ansehen, mit denen unsere Altvordern ihre innige reine Fröm-migkeit und ihre kräftige Kunst an den Tag gelegt haben. Noch ist sieunter den vielen hiesigen Kirchen das alleinige schönste Ueberbleibsel ausjener Blüthenzeit des Mittelaltcrs, in der die sogenannte gothische, eigent-liche altdeutsche Baukunst den höchsten Höhepunkt und mit diesem also einengeläuterten Geschmack völlig eigenthümlicher Art erreicht hatte. Sie trägtalle die mannigfaltigen Eigenthümlichkeiten und Schönheiten an sich, welchedie altdeutsche Baukunst in jener Glanzperiode entfaltet hat, theils durchdie Spitzbögen der Thüren, Fenster und Gewölbe, durch hohe, kühne Pfeiler,welche oben nach allen Richtungen gleich den Baumästen sich trennen unddie Rippen oder Gurten der Gcwölbefelder bilden, theils auch durch die
abwechselnden, aus Blätterbüscheln, Ranken, Stabgcwinden, kunstreich durch-brochenen Thürmlein, Postamenten u. s. w. bestehenden Zierrathen. Beieinem dem Charakter einer Kapelle angemessenen, weder zu großen noch zukleinen Umsange, zeigt das Langhaus auf beiden Seiten eine auffallendeUngleichheit. Es zieren nämlich die Südseite desselben und des Chors 12mit vortrefflichen Standbildern von Tilman Riemenschneidcr gezierte, weitüber den Dachstuhl pyramidenförmig auslaufende Strebepfeiler und einelängs dem Dachstuhle bis an den Ohor gehende, schön durchbrochene Gallerte,während die Nordseite eines solchen Schmuckes entbehrt, und keine andereVerzierung besitzt, als blos ein über dem Eingang angebrachtes Hautrclief,die Empfängniß Mariä auf eine gar materielle Weise darstellend. Der Grunddieser Ungleichheit liegt in dem Bedacht, den der Baumeister auf die Um-gebung genommen. Südlich ein großer freier Raum (einst der sog. Juden-jetzt seit 174« der Marktplatz), nördlich dagegen eine fast unmittelbareAnlehnung an bürgerliche Wohnhäuser; auf jener Seite also alle Gelegenheitund Schicklichkeit, um Schmuck und Zierde anzubringen, auf dieser hingegendas gerade Gegentheil. Oben in der tiefen, zwischen den mittleren 2 Strebe-pfeilern des Langhauses portalartig gebauten Südseitcnthüre stellet einSteinbild die Krönung Mariä in fast ältester christlicher Weise dar; andiesen Pfeilern selbst sind Adam und Eva, an den übrigen aber die lebens-großen Bildnisse der 12 Apostel aufgestellt, und geben dem «ordern Bauwerkeeinen ganz eignen Zauber. Am Hauptportal auf der Westseite hat derBaumeister alle Kunst in schönen Verhältnissen zusammengedrängt undhauptsächlich auf den Eingang geworfen. Ein weiter Spitzbogen verjüngtsich nach Innen in immer kleiner werdende Bögen, an denen viele zierlichestumpfe Thürmlein oder Thronhimmel angebracht sind, und enthält obenauf einem Hautrelicf eine sehr bizarre Darstellung des jüngsten Gerichts.Dieß vielfach staffirte Bild ist in 2 Abschnitte getheilt; oberhalb der Himmel,darunter Erde und Hölle zugleich. Am letztern ist besonders merkwürdig,wie der Papst, Bischöfe, Mönche, Klosterfrauen, Ritter u. f. w. vom Satan .mit aller Gewalt in den Höllenrachen gezogen werden; ein nicht seltenesSittcngemälde damaliger Zeit. Bevor wir in die Kapelle treten, wollenwir erst dem Thurm unsere Aufmerksamkeit schenken. Angebaut an derNordseire des Langhauses, erhebt sich derselbe bis zum Dachstuhl des Lang-hauses ohne allen Schmuck, blos viermal begurtet. Bis da hinaus führtinnen eine hölzerne Treppe von 97 Staffeln. Erst hier, wo, nun vonallen 4 Seiten frei abstehend, das schön durchbrochene rein altdeutscheBauwerk aus rothen Steinen emporsteigt, fängt zugleich auch eine vortreff-liche steinerne Wendeltreppe von 91 Tritten an. Aufder Höhe von S4 Trittendieser Treppe gelangt man ins Glockenhaus, und nach weiteren 37 Trittenaufwärts steht man in einem anziehend schönen gothischen Gewölbe. Weiteraufwärts hat nun das Alterthümliche ein Ende, indem, wie schon obenerwähnt, der oberste Theil des Thurms 1711 modcrnisirt wurde. Soweitsich die altdeutsche Bauart des Thurms erstreckt, bemerkt man an demGestein 27 verschiedene Steinmetzenzeichen und eine dem Erze ähnliche Bin-dung und Festigkeit. Vom erwähnten gothischen Gewölbe gelangt man auf9 hölzernen Lcitertritten zur äußern Gallerie, welche 4 Sch. 0 Z. Höhe .hat, und eine bezaubernd schöne Aussicht über die ganze Stadt und hinausaus ihre Umgebungen gewährt. Beim Herabsteigen vom Thurme, welchermit dem auf dessen Gipfel befindlichen 18 Sch. K A. großen Mariäbiidbeiläufig 2K« Sch. Höhe mißt, treten wir in den Dachboden des Langhauses,und kommen vorn auf einer 88 Tritte hohen, aussen am Chor angebauten,steinernen Wendeltreppe hinab in den Chor, auf einen Standpunkt, vonwelchem aus das Auge, von den üblen Eindrücken geschmackloser Altäreweniger gestört, die ganze innere Architektur in ihrer sinnvollen Schönheitbesser betrachten kann, als vom Haupteingange aus. Auf jeder Seite desLanghauses ist dessen gewölbte Decke durch 4 achteckige, schlank und kühnemporstrebende Pfeiler getragen; jeder derselben ist in der Mitte mit 4aus Holz geschnitzten Heiligenbildnissen geziert, welche auf einem von Blät-terbüscheln gebildeten Postamente stehen, und oben mit einem stumpfenBaldachin bedeckt sind. Hohe schmale Fenster erhellen sehr freundlich den