Druckschrift 
1 (1837)
Entstehung
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Thürmen versehen, bis an deren Stelle zwischen 1415 und 1511, also inner-halb 96 Jahren, der jetzige kolossal über die Stadt emporragende Pfarr-thurm am westlichen Ende des Schiffs errichtet ward. Und doch hatte nachdieser langen Frist, welche hauptsachlich der öfters eintretende Geldmangelverursachte, der Thurm bei weitem nicht die ihm ursprünglich bestimmteHöhe erreicht. Denn, nach dem im Stadtarchiv aufbewahrten Bauriß, wollteman sich keineswegs damit begnügen, so wie es jetzo der Fall ist, 3 sehrhohe Kreuzgewölbe über einander und ein viertes Schlußgewölbe darauf zusprengen, sondern es sollte auch noch auf den Tragsteincn des obersten Ge-wölbes eine 47 Fuß hohe Pyramide als der würdigste Schluß des Ganzenaufgerichtet werden. Der Thurm, dessen jetzige Höhe nicht viel über 269Schuh beträgt, würde in diesem Falle die Höhe von 307 Schuh erhaltenhaben, und nach seiner Bollendung ohne Zweifel einer der ansehnlichstenThürme aus der jüngern Periode des gothischen Kirchenbaustyls in Deutsch-land geworden seyn» Doch kann dieser Thurm, obschon nicht vollendet,noch immer für einen der stattlichsten in Deutschland gelten, und bietet vonseiner ansehnlichen Höhe herab eine herrliche Aussicht in die reizende Um-gegend dar. In dieser Kirche war es bekanntlich, wo seit mehrerenJahrhunderten die deutschen Kaiser gewählt, seit einigen auch, anstatt inAachen, der eigentlichen Krönungsstadt des Reichs, gektönt wurden. DieWahlkapelle selbst ist ein schmales, dunkles, kaum einer so wichtigen Hand-lung würdiges Gewölbe.

Auch die stattliche Mai «brücke hat ihre nicht ganz uninteressante Ge-schichte. Nachdem außer einer hölzernen zwei in verschiedenen Zeiträumenerrichteten steinerne Brücken nach einander dem zerstörenden Andrang derWogen nicht hatten widerstehen können, legte man endlich, im 14. Jahr-hundert, durch Erfahrung klüger, den jetzigen dauerhaften Bau an, der,zuweilen ausgebessert, seit 5 Jahrhunderten schon unerschütterlich dasteht.Diese Brücke ist 386 mäßige Schritte lang und 11 dergleichen breit, undruht auf 14 großen gewölbten Bogen mit Pfeilern, die selbst der stärkstenGewalt des Eisgangs zu widerstehen vermögen. Zu dieser ungemeinenFestigkeit des Ganzen tragen besonders jene runden Pfeiler an den mittel-sten Bogen bei, welche erst 1746 aufgeführt wurden. Auf beiden Seitender Brücke sind steinerne Brustwehren und 3 Fuß breite Steige für dieFußgänger angebracht. Es befinden sich auch zwei Mühlen auf der Brücke,die ursprünglich für die Nothfälle des befestigten Frankfurts berechnet waren.Da wo noch jetzt das Kreuz mit dem vergoldeten Hahne steht, pflegte manvor Zeiten bis zum Jahr 1613 mancherlei Verbrecher, an Knieen, Händen,Armen und dem Hals gebunden, in den Main hinabzustürzen und zu erträn-ken, eine in älterer Zeit sehr gewöhnliche Todesstrafe. Anstatt desKreuzes stand hier ehedem eine der heil. Katharina geweihte Kapelle, nachder frommen Sitte des Alterthums, bei den Richtplätzen nicht nur Kreuze,sondern zuweilen auch Kapellen zu errichten. Auch der über dem Kreuzbefindliche Hahn war nicht ohne Bedeutung. Er sollte den armen Sünder,gleich wie den heil. Petrus, an die schuldige Buße für seine Sünden erin-nern. An den beiden Enden der Brücke befanden sich ehmals zweistattliche Thürme, wovon der diesseitige durch verschiedene charakteristischeFiguren und Darstellungen besonders merkwürdig war. Beide haben dem,freie Bewegung, freien Raum liebenden, Geist der neueren Zeit weichenmüssen.

Wenn nun auch auf diese Weise nach und nach gleichsam ein alterthüm-licher Charactcrzug nach dem andern aus der Physiognomie der Stadt Frank-furt getilgt wurde, so blieben doch, zur wahren Freude aller derer, welchegeschichtliche Erinnerungen lieben, selbst bis auf die jüngste Zeit, besondersin dem ältesten Theil der Stadt, deren noch viele zurück. Die Ansichten>ro. 3 und 4 sind vornehmlich reich daran, und verlangen daher auch eineetwas ausführlichere Erklärung.

5iro. 3 stellt den ansehnlichen freien Platz, dcrkömerbcrg ge-nannt, mit den um denselben herumliegenden Gebäuden vor. Aus dereinen Seite des Bilds reihen sich hier von dem unteren Ende desPlatzes an, welcher durch das Fahrthor nach dem Landungsplatze am Main

zuführt, in sanft aufsteigender Linie verschiedene alterthümliche Gebäude,unter welchen das ungefähr in der Mitte liegende Rathhaus, derkömer genannt, dem ganzen Platze seine Bedeutung und seinen Namenverleiht; die daran stoßende Straße (die neuen Kräme) führt nach einemähnlichen freien Platze, der Liebfrauenberg genannt. Auf der andern Seitesetzt sich das Bild in einer Reihe der besuchtesten Kauf- und Gewerbslädenbis zu dem Anfang einer Straße fort, die nach dem Markt und der Dom-kirche führt. In buntem Gewühle drängt sich hier beständig, mehr wieauf irgend einem andern Puncte in Frankfurt, die Volksmenge zusammen.Ein Brunnen, mit der Bildsäule der Gerechtigkeit geziert, gewährt mitseinen vielen springenden und laufenden Quellen dem Ganzen noch mehrLeben und Abwechslung. Das zierliche Bild erhält sodann durch die hieretwas hervortretende Ecke der Ricolaikirche einen genügenden Schluß. Inder Mitte des Platzes erblickt man die verschiedensten Figuren und Gruppenunter einander gemischt. Der Bürgermeister fährt zur Sitzung am Rath-hause an z Leute vom Lande begegnen sich ; Elegants zu Fuß und zu Pferde,Frachtfuhrleute, Reffträger, Passagiere, die nach dem Marktschiffe zu-eilen, und welche Gattung von Menschen sonst noch zu dem stehenden Cha-racterzuge einer reichen Handels - und Industriestadt gehören, alles eiltdurcheinander hin. Es ist ein treues Bild aus dem jetzigen täglichen Lebenund Verkehre Frankfurts.

An diesen Platz und die ihn umgebenden Gebäude knüpfen sich vielebedeutungsvolle Erinnerungen. Hier pflegte vor Zeiten, wenn der Wahl-tag herankam, die sämmtliche Bürgerschaft nach ihren verschiedenen Graden,Abstufungen und Quartieren dem Haupt und den Gliedern des Reichs beidem bevorstehenden großen Werke Sicherheit und unverbrüchliche Ruheeidlich anzugeloben. Von hier aus begaben sich am Wahltage selbst dieChurfürsten und ihre Gesandten, die zuerst in Prachtkutschen herangefahren,und sich auf dem Römer versammelt hatten, nunmehr zu Pferde in feier-lichem Aufzuge nach der Domkirche, um daselbst nach vollendeter Messe iuder Wahlkapellc den künftigen Kaiser zu wählen. Hier drängte sich späteram Krönungstage das versammelte Volk in stürmischem Gewühle, um denneugekrönten Kaiser mit ungestümem Vivatrufen zu begrüßen, wenn er mitScepter und Krone in feierlich prächtigem Zuge über die mit buntfarbigemTuch belegte Brücke aus der Domkirche zu Fuße daherschritt, oder sich wäh-rend der Tafel an den Fenstern des Kaisersaales in seinem Ornate zeigte.Hier lag der Hafer aufgeschüttet, aus welchem der Erbmarschall sein silber-nes Gemäß anzufüllen daherritt. Hier lag auch ein Handbecken nebstGießsaß und Handquele bereit, welche der Erbkämmerer nunmehr dem Kai-ser zu überbringen hatte. Hier stand die große Bretterküche mit demTage lang gebratenen Ochsen, von welchem der Erbtruchscß dem Kaiser einStück in einer silbernen Schüssel überbrachte. Dort war der Springbrun-nen mit 2 großen Kufen, rechts und links, errichtet, in welche der Doppel-adler auf dem Ständer weißen und rothen Wein aus seinen 2 Schnäbelnausgoß, bis auch der Erbschenk daherritt, von dem Weine für den Kaiserzu holen. Hier endlich streute der Erbschatzmeister aus reich gestickten Beu-teln rechts und links Gold - und Silbermünzen vom hochgcbäumten Rosseüber das jubelnde Volk hin, dem zuletzt doch Alles Preis gegeben wurde.Um den gebratenen Ochsen entstand dann vor allem ein ernster Kampfzwischen den Innungen der Metzger und Weinschröter, welche letztere inden späteren Zeiten öfters den Sieg davon trugen. Noch sind aus demPlatze aus dem vergitterten Gicbelfenstcr ihres dicht an der Ricolaikirchegelegenen Zunsthäuschens 2 gehörnte Stierhäupter als Siegeszeichen hervor-starrend zu sehen. Auf diesem Platze huldigten früher die Bürger demKaiser; und hier schwuren sie, der Freiheit beraubt und vom Feinde unter-jocht, dem ersten und letzten Fürsten der Stadt Gehorsam. Hier endlichgelobten sie am 3. Jahrcsfeste der Leipziger Rettungsschlacht (1816) derneuen Versassung ewige Treue. In den Meßzeiten ist der ganze Berg,dessen Gegend zu den besten Meßlagen geHort, mit hölzernen Buden bedeckt,und gewährt mit den gleichfalls reich mit Waaren angefüllten unteren Hallendes Römers das Bild Eines großen und weitläustigen Waarenmagazins.