24b Geschichte der Kunst.
§. 3. Die Betrachtung des Einzelnen in derSchönheit muß vornehmlich auf die äussersten Theileder menschlichen Figur gerichtet sein/ weil nichtallein in denselben Leben, Bewegung/ AuSdruk undHandlung bestehet/ sondern weil ihre Form dieschwereste ist/ und vornehmlich den eigentlichen Un-terschied des Schönen vom Häßlichen und der neuenArbeit von der alten bestimmet. Kopf/ Hände undFüße sind im Zeichnen das erste/ und müßen esauch im Lehren sein.
§. 4. In der Bildung des Gesichts ist das so-.qenante griechische Profil die vornehmste Eigen-schaft einer hohen Schönheit. Dieses Prosil ist einefast gerade oder sanft gefenkete Linie/ welche die Stirnmit der Nase an jugendlichen/ sonderlich weiblichenKöpfen beschreibet. Die Natur bildet dasselbe we-niger unter einem rauhen als sanften Himmel; aberwo es sich findet/ kan die Form des Gesichts schön sein:den durch das Gerade und Völlige wird die Groß-heit gebildet/ und durch sanft gefenkete Formen dasZärtliche, i) Daß in diesem Profile eine Ursacheder Schönheit liege/ beweiset dessen Gegentheil: denje stärker der Einbug der Nase ist/ je mehr weichetjenes ab von der schönen Form; und wen sich an ei-nem Gesichte/ welches man von der Seite siehet/ein schlechtes Profil zeiget: kan man ersparen/ sichnach demselben/ etwas Schönes zu finden/ umzu-sehen. Daß es aber in Werken der Kunst keineForm ist/ welche ohne Grund aus den geraden LiniendeS ältesten StylS geblieben ist/ beweiset die starkgesenkete Nase an ägyptischen Figuren/ bei allen
t) Dieses sogenaüte griechische Profil wird nach denZeugnissen der Reisenden auch »och jezo in der Naturgefunden und besonders in den mittäglichen Landern Eu-ropas. Meyer.