V i e v t e s Kapitel.
§. Nach der allgemeinen Betrachtung derSchönheit ist zum ersten von der Proportion,und zum zweiten von der Schönheit einzel-ner Theile des menschlichen Körpers zu reden.Die Schönheit kan zwar ohne Proportion nicht ge-dacht werden, und diese ist der Grund von jener;da aber einzelne Theile des menschlichen Körpers schöngebildet sein können ohne schönes Verhältniß derganzen Figur: so kan man füglich über die Propor-tion/ als über einen abgesonderten Begrif und ausserdem Geistigen der Schönheit/ besondere Bemerkun«gen machen/ die ich nebst einigen Gedanke» von der iGratie an die Zusäze von der Schönheit überhaupt >>hier anhänge.
§. 2. So wie nun die Gesundheit ohne anderesVergnügen kein großes Glük scheinet- so ist/ eineFigur schön zu zeichnen/ nicht hinlänglich/ daßdieselbe in der Proportion richtig sei; und so wiedie Wissenschaft von gutem Geschmake und von Em-pfindung gänzlich entfernet sein kan / eben so kandie Proportion/ welche auf dem Wissen bestehet/in einer Figur ohne Tadel sein/ ohne daß dieselbedadurch schön ist. Viele Künstler find gelehret inder Proportion/ aber wenige haben Schönheiten her-vorgebracht/ weil hier der Geist und das Gefühl mehrals der Kopf arbeitet. Da nun das Hdealische derSchönheit von den alten Künstlern als das höhere ^Theil derselben betrachtet worden/ so haben sie dieserdie bestimten Verhältnisse unterworfen/ und diese