— 262 —32. Viel Köpfe, viel Sinne.
(An Sokrates.)
Des Lebens kurzen Kreislauf füllt der MenschMit tausendfachen Wünschen aus und eiltAuf tausend Bahnen nach dem gleichen Ziel;Doch den ersehnten Weg verfehlt er meist.5 Der Weg ist rauh und steil; des Körpers LastBedrückt uns, macht den Aufstieg schwer. Es steigtDer Pfad empor durch schroffe Felsen, bietetGefahren rings und maclit den Wandrer schwindeln.Rings droht ihm jäher Absturz, rings der Tod.
10 Auf halber Höh' zwar geht man sicher, dochNur wen'ge wandeln dort. Die meisten siehtMan tief im Tale einsam irre gehn,Durch Finsternis den Weg zur Hölle schreiten.
Was hindert, ach, so sehr die arme Menschheit?
15 Wer zwingt sie, von des greisen Griechen Kreuzweg')Nach links zu biegen und den Weg nach rechtsSo sehr beständig zu verschmäh'n? Es ragtDas wahre Leben auf erhabner Höh,Doch durch den Abgrund wandeln wir zum Tode.
20 Die Sterne kreisen leuchtend auf der BahnNach ew'ger Ordnung; doch zur Erde senkenWir scheu den Blick, wir haften an der Erde. —Bald graben gleifsend Gold wir tief im SchachtUnd meiden gern des hehren Himmels Licht;
25 Die Schatten stören wir im finstern Reich,Wenn nur die gelbe Ader uns MetallErgiebig schenkt, das uns so wonnig scheint,Ob's grofse Fährnis auch und Sorgen bringt!Bald ist der Gaumen unser Herr, er heifst
30 Uns Länder, Meere plündern, ja die Luft,Des Himmels weite Räume! Doch beliebteSie zu betrachten unserm Geiste, wahrlichIn uns erwlichs' ein andrer heil'ger Hunger,
*) Pythagoreischer Kreuzweg s. Ep. I, 8, 17.