PS FRANZ PETRARCAS POETISCHE BRIEFE IN VERSEN ÜBERSETZT UND MIT ANMERKUNGEN HERAUSGEGEBEN VON F. FRIEDERSDORFF HALLE a. D. S. VERLAG VON MAX NIEMEYER 1903 OL Hau *t r ~th$ O Qlrtsyft- t*tsKS' »UND STADT-] »IBUOTHEK'j bciSSßJJOKF] L __ J 'ß>. A!m IjfrgJ l*C»A.A9?V Ö^O/ ^33 Die italienischen Gedichte Petrarcas, insbesondere seine Sonette, haben zahlreiche Übersetzer gefunden, die vom Reiz der Form angezogen, mit dem unerreichten Meister und der unerreichbaren Sprache einen Wettkampf wagten. Die lateinischen Werke des Dichters aber sind aufserhalb des Kreises der Fachgenossen wenig bekannt. Wenn dies auch aus verschiedenen Gründen erklärlich ist, so mufs es doch wenigstens für einen Teil der lateinischen Dichtungen bedauert werden; ganz besonders aber gilt dies von seinen poetischen Episteln: denn jeder der sich mit ihnen beschäftigt hat, mnfste sie als anmutige, liebenswürdige, formgewandte Dichtungen loben. Gewifs würden diese poetischen Briefe ebenso bekannt und wenigstens in Italien ebenso beliebt sein wie die Sonette, wenn sie nicht leider lateinisch geschrieben wären. Diesem Umstand hat man daher abzuhelfen gesucht, und schon 1829—1834 erschien eine italienische Übersetzung der poesie minori del Petrarca, unter Leitung Domenico Rossettis von einer Anzahl von Kennern herausgegeben. Indessen eine allgemeine Bekanntschaft der kleinen lateinischen Gedichte, namentlich der Episteln, scheint auch diese Ausgabe nicht erreicht zu haben; denn sie hat eine zweite Auflage nicht erlebt und ist schwer aufzutreiben. Die Ursache mag wohl an der Behandlung liegen, die den Gedichten zu Teil wurde. Denn die Gedichte wurden in kleine Gruppen (sezioni) geteilt und jede Gruppe einem anderen Übersetzer oder auch mehreren übertragen. So kam die Arbeit wohl schnell zum Abschlul's; aber es fehlt ihr die erste Bedingung des Gelingens: die Einheitlichkeit. F. Ifriedersdorff, Petrarcas poetische Briefe. 1 — 2 — In Deutschland ist eine metrische Übersetzung dieser poetischen Briefe bisher nicht unternommen worden. Zwar zitiert Geiger (Petrarka. 1874. Leipzig. Dunker u. Humblot) p. 60 u. 183 zweimal einige Verse aus Briefen des Petrarca in deutscher metrischer Form; aber es sind dies einzelne Bruchstücke, die ihre Entstehung dem Bedürfnis des Augenblicks verdanken. Der Grund dieses Fehlens einer deutschen Übersetzung ist wohl darin zu suchen, dafs Leute, die sieh eingehend mit Petrarca beschäftigen, auch selbstverständlich des Lateinischen hinreichend mächtig sein müssen, um seine Gedichte zu lesen. Ein Übersetzer dagegen wird sich in erster Linie immer nur an solche Leute wenden, die, ohne tiefere Studien zu machen, von dem weltberühmten Namen Petrarca etwas mehr erfahren wollen als im Konversations-Lexikon steht; an alle, die sich nicht damit begnügen wollen, ein fertig vorliegendes Urteil einfach nachzusprechen. Die poetischen Briefe sind aber besonders geeignet, den Dichter kennen zu lernen; denn alles, was ihn bewegte, liebte er in Briefen auszusprechen, sowohl in prosaischen, von denen ja eine Reihe Bände vorliegt, als in poetischen. Für diese poetischen Briefe hatte er sich offenbar den Horaz zum Vorbilde genommen, wie für die Africa und die Bukolika den Virgil. Aber aufser der hexametrischen Form ist wenig in den Briefen, was an Horaz erinnert; weder stoische und epikureische Philosophie, noch ästhetische Betrachtung der Poesie und bildenden Kunst, weder kluge Weisungen und Winke für praktisches und höfisches Leben, noch heitere Aufforderungen zum Genufs. Dagegen gemeinsam ist Beiden die Freude an der Natur, dort am Sabinum, hier an Vaucluse. Aber auch diese äufsert sich sehr verschieden. Denn Petrarca trägt seine Empfindung in die Natur hinein, seine Seele nimmt an dem Leben der Tiere, ja der Pflanzen teil und er kann nicht genug Worte finden, die Schönheit seiner Umgebung zu malen und auszusprechen, was er in dieser Umgebung empfindet. Das aber gibt gerade diesen poetischen Briefen ihren Wert; denn während die Africa beladen ist mit den Erfolgen seiner fleii'sigen Lektüre, sind die Episteln von grofser Selbständig- — 3 — keit, und Anlehnungen an die Dichter des Altertums sind in ihnen ziemlieh selten nachzuweisen. Sie zeigen also den Dichter in seiner hohen lyrischen Begabung, sie zeigen ihn. inmitten seiner Zeitgenossen, sie zeigen ihn in seinem Seelenleben, in seinen Widersprüchen und Inkonsequenzen, seiner Erregbarkeit, seiner treuen Dankbarkeit, seiner selbstquälerischen Grübelei, seiner Liebe, seinem Kummer, seinem Ehrgeiz, seiner Freundschaft und Feindschaft, seinem feinen Sinn für Schönheit, der ihn die Natur überall mit Ktinstleraugen betrachten läfst, und endlich auch in seiner begeisterten Vaterlandsliebe, für die er mehrfach die herrlichsten Worte findet. Selten schlägt er dagegen den Ton der gemütliehen Plauderei an, auch Ansätze zu Humor finden sich nur selten. Petrarca hat wie wenig Andere den „Wechsel der Jahrhunderte" an sich erfahren. Zu seiner Zeit von Priestern und Laieu, von Fürsten und Republiken hoch verehrt, in den nächstfolgenden Jahrhunderten nicht weniger allgemein bewundert, findet er heute bei uns Deutschen eine ungünstige Beurteilung. Man läfst die Schwächen seines Charakters allzusehr hervortreten, während man seine für die ganze Welt so bedeutenden Leistungen ihm allzuwenig anrechnet. Möchte die nachfolgende Übersetzung dazu beitragen, ein etwas günstigeres Lieht auf ihn fallen zu lassen und ihm neue Freunde zu gewinnen. Am 20. Juli 1904 wird man Petrarcas 600. Geburtstag feiern. Die Völker der Erde können dann an dem Grabe in Arqua bei Padua ihrem grofsen Lehrmeister, dem Begründer des Humanismus, ihren Dank abstatten. Wenn es an jenem Tage nicht an Leuten fehlen wird, die das frohe Empfinden hegen, sich über seinen Einflufs emporgeschwungen zu haben, so wird doch sicher die Zahl derer gröfser sein, die dankbar anerkennen, was von seiner Anregung ausging, und die es nicht vergessen, dafs die Grundlagen der Kultur, zu denen er seiner Zeit den Weg wies, dieselben bleiben müssen für die Menschen aller Zeiten. Alle aber, die sein Grab umstehen, werden die mit schwermütiger Sehnsucht gepaarte Vaterlandsliebe des Dichters nacbempfinden, der gleichsam aus dem Grabe zu ihnen spricht: — 4 — Und war an Kämpfen reich Mein Tag, so gönne mir den Trost, dafs einst Italiens Erde meinen Leib bedeckt. Lafs in der Heimat Gruft mich ewig schlafen! Wenn dann die Zeit dies arme Grab zersprengt, Fliegt noch die Asche gern durch Heimatlüfte. (Aus der Beilage zum Osterprogramm des Stadtgyumasiums zu Halle a. S. 1902.) Die poetischen Briefe Petrarcas sind sämtlich in daktylischen Hexametern verfafst, nur Ep. I, 6 besteht aus gereimten daktylischen Hexametern. Zur Wiedergabe dieser Verse habe ich mich des ftinfftifsigen Jambus bedient, der in der deutschen Sprache ebenso anspruchslos ist wie der Daktylus in den Briefen P.s, und dabei dem Daktylus in der Fähigkeit, die verschiedensten Gegenstände und Empfindungen wiedergeben zu können, mindestens gleicbkommt. Für dies Verfahren kann ich mich bekanntlich auf klassische Vorbilder berufen. Das Gedicht Ep. I, 6 habe ich in dem Nibelungenverse wiedergegeben, der mir an gereimte Hexameter am meisten zu erinnern scheint. Gedichte, in denen das lyrische Element besonders stark hervortritt, wie III, 11 und 12, III, 14 und 28 habe ich in gereimten Versen übersetzt. Die Grabschrift 1, 8 ist, um dem Originale genauer zu folgen, in Hexametern, die Grabschrift II, 9 in daktylischen Distichen wiedergegeben; endlich eine dritte Grabschrift 1, 14 ist in gereimten Nibelungenversen übersetzt, weil das Original ebenfalls gereimte lateinische Verse hat. Halle a. ö., Ostern 1903. F. F. Erstes Buch. 1. Widmung. l ) (An Barbato da Sulmona.) Wenn noch der fromme Fürst auf Erden weilte, 2 ) Den mir ein Unstern nahm, geliebter Freund, 3 ) Dann suchte nicht mein Brief, der Sehnsucht Bote, Den Weg voll Fährnis durch der Länder Weite, Durch wilde Meeresflut; 4 ) mit eignen Augen Sah' ich dein Antlitz, deiner Stimme Klang Dräng' an mein Ohr. — Nicht also will's der Tod. ') Widmung. Nach L. Geiger, Petrarca 118 widmete P. mit diesem Gedichte die nachfolgenden Episteln seinem Freunde Barbato kurz vor dessen 1363 erfolgendem Tode. Nach Rossetti p. 3 bogleitete P. mit diesem Gedichte die Übersendung des Canzoniere an Barbato. Jedenfalls stammt das Gedicht aus der späteren Lebenszeit P.'s. Es ist klar, dafs seit dem Tode der Madonna Laura (-J-1348) eine lange Zeit verflossen sein mufste, ehe P.v. 72 ff. schreiben konnte. Die Abfassungszeit dürfte um 1363 anzusetzen sein, als P. gegen 60 Jahre alt war. Er hatte seine noch nicht gesammelten poetischen Briefe zu einem Buche vereinigt, das er nun dem Barbato übersendet. *) König Robert von Neapel, f 1343, ein Enkel Karls von Anjou; als Graf von Provence war er P.'s Landesherr. 3 ) Barbato da Sulmona, Kanzler dos Königs Robert; die Freundschaft P.'s zu ihm äul'sert sich in den Briefen innig, obwohl er ihn erst 1341 bei seinem Aufenthalte in Neapel kennen lernte und ihn nur noch einmal 1343 sah. *) Da P. sich seit 1362 in Venedig aufhielt, ist die Reise von Venedig nach Neapel gemeint. — 6 — Wie gnädig schenkte mir der Ehren Fülle 1 ) Plinst jener Fürst, aus dessen Augen strahlte 10 Der Hoheit Ernst, des güt'gen Alters Würde! Sein edler Geist, entrissen uns, ging heim Zum Himmel. Nimmer klingt der Zauberton Des ernsten Wortes, das der Männer Herzen In Fesseln schlug und mit sich aufwärts riss, 15 Dess Lob, ein scharfer Sporn, mir Geist und Feder Zur Arbeit reizte. 2 ) — Doch nicht alles deckt Das Grab; die Liebe lebt, es lebt der Schmerz. Darf ich nicht mehr sein fürstlich Antlitz schaun, So darf ich weinen doch und sein gedenken! 20 Das soll nicht Tod, nicht Lethes Flut mir rauben! Doch aus des Lebens wohlerwogner Bahn Riss mich sein Tod. 3 ) Gemeinsam liebten wir Den gleichen Ort; doch hierhin, dorthin treiben Des Lebens Stürme mich, bald Meerestiefen 25 Bald Alpenhöhen scheiden mich von dir. Und leitet heimwärts endlich mich ein Stern, Dann führt das Schicksal dich an Maros Grab, 1 ) An seine Wiege 5 ) mich, und wieder trennt ') „Ehren Fülle" bezieht sich auf die Dichterkrönung, die nach einer dreitägigen Unterredung, welche König Robert im März 1341 zu Neapel mit P. abhielt, durch Vermittlung des Königs II. am 8. April 1341 auf dem Kapital erfolgte. Hierfür bewies P, dem Könige zeitlebens eine innige Dankbarkeit. 2 ) P. hatte dem Könige R. einen Teil seines unvollendeten Epos Africa vorgelesen. Der König erkannte die Bedeutung des damals 36 jährigen Dichters und munterte ihn auf, sein Werk fortzusetzen. Die Folge war, dafs in Sclvapiana bei Parma sich P., wie er selbst erzählt, mit neuer Energie der Africa zuwendete und endlich das ganze Gedicht, wie er versprochen, dem Könige Robert widmete, obwohl derselbe längst gestorben war. 3 ) Ohne die nach dem Tode R.'s in Neapel ausgebrochenen Wirron wäre ein längeres Verweilen P.'s dort oder gar seine dauernde Niederlassung möglich gewesen. 4 ) Nach Ansicht des Mittelalters war P. Virgilius Maro am Fufse des Posilip bei Neapel begraben. Das angebliche Grabmal wird noch jetzt gezeigt. °) Virgil war in dem Dorfe Andcs bei Mantua geboren. In Mantua hatte P. im Dezember 1354 eine berühmte Unterredung mit Kaiser Karl IV. Uns mancher Strom, trennt uns der Apennin. 30 So mufs von fern ich dich begrüfsen, mufs Der Brust Geheimnis anvertraun dem Briefe. Von manchem schweig' ich; nicht, weil's Mühe macht, Allein es scheut den unbescheidnen Blick Ein zart Geheimnis; dreisten Blick verträgt 35 Nur das Entweihte. Was du einst gewünscht, Send' ich dir heut; von meinen losen Liedern Ein Bruchstück, Zeugnis gibt's von müss'ger Zeit. Lies, lieber Freund, und du wirst bald erkennen, Dai's tollkühn, ohne wahre Geisteskraft, 40 Ich leichte Schwingen regte, Ruhmsucht mich, Den Unerfahrnen, jäh vom Neste trieb Und mich zu Himmelsfernen steigen liefs. Wie reut das Wagnis mich! Wie möcht' ich gern, Wär's möglich, rückwärts tun den Jugendflug, 45 Im Nest mich bergen, bis der Zeiten Lauf Mir Kraft gegeben! Doch schon kennt die Welt Den Sänger, seines Ruhmes Göttin eilte Verhängten Zügels dem Verdienst voran. Wie mir's im Busen stürmte, wie der Neid 50 Mich zäh bekämpfte, wie ich zärtlich bangte — Mein schüchtern Lied aus zarter Jugendzeit — Das lies! Da lies von Tränen, lies von Pfeilen Des Götterknaben, der mich Knaben 1 ) traf!------- Doch langsam löscht das Alter alles aus, Das Leben bringt uns Tod, Vergehn das Bleiben. Betracht' ich selber mich — ich ward ein andrer; Gesicht, Gewöhnung, Denkart — sie sind andre; Der Stimme Ton, die Sorgen selbst sind andre; Da P. aber von 1351—1361 sich bei den Viscontis in Mailand, 1361 in Padua, 1362 in Venedig befand, dürfte er unter „Wiege" hier nicht sowohl Mantua allein, als vielmehr ganz Ober-Italien verstehen. 0 Am 6. April 1327, angeblich an einem Karfreitage, erblickte P. in der St. Clarakirche zu Avignon zum ersten Male Laura. P. stand damals im 23. Jahre. Das lateinische puer puero seinen die Beibehaltung des Wortes Knabe zu erfordern. Auch ist zu bedenken, dafs seitdem mindestens 35 Jahre vergangen waren. — 8 — Errötend wich der blasse Neid dem Streben. 60 Doch wich er wirklich? wuchs nicht Jahre lang Er giftgeschwollen, wie mein Name stieg? Mag er's. Ihn lernt ein hoher Sinn verachten. Er schreckt mich nicht, kann nicht den Frieden stören Der Seele wie des Liedes. Lehrte doch 65 Des Lebens Schauspiel, oft von mir geprüft, Um nichts zu trauern, alles zu erdulden. Erfahrung hat mein Weinen lind gestillt, Vernunft war machtlos, doch Natur und Zeit Besiegten mich, der der Vernunft getrotzt. 1 ) 70 Die Glut, vom Tode rauh erstickt, sie schwand Nach langer Zeit; zusammen sank der Brand, Der mir im Herzen lohte, sank ins Grab. Ein enger Marmorsarg umschliefst, was einst Mich heifs entflammte. Kühlen Herzens nun 75 Bedaur' ich andre, die in Liebe brennen. Schon reut mich meine Glut. Es bebt mein Herz, Wenn es in Ruh' der frühern Stürme denkt. — Was ich gedichtet, scheint mir, sang ein andrer. Vergebens doch verberg' ich mich; mir folgt 80 Die Freundesschar, entflammt von gleicher Glut. Sie finden's süfs, wenn sie die eignen Leiden An meinen messen, und so nützt es nichts Sie abzuwehren; gröfser wird der Schwärm, Zieht — leider! — mich heraus ins helle Licht. 85 Von Stadt zu Stadt erklingt mein Lied, vom Volke Bejubelt; in verborgne Stille kann Nicht fliehn die Muse, kann zurück nicht weichen. So lals sie wirren Haars zu dir sich flüchten, In Hast, mit offner Brust, und flehn um Nachsicht, 90 Doch nicht um Lob. Es naht vielleicht die Zeit, Da sie mit stolzem Schritt, im Siegesprunk 2 ) ') Seine lange Jahre nach dem Tode der Madonna Laura fortlebende Liebe schien der Vernunft zu trotzen. 2 ) Gemeint ist die Vollendung seines Epos Africa, von dem er Barbato schon 1343 in Neapel ein kleines Bruchstück mitgeteilt hatte. Doch hat P. das Epos unvollendet hinterlassen. — 9 — Dich wieder aufsucht. Heut' erscheint sie nur, Wie damals sie in zarter Jugend war, Bevor sie ins Gemach den Spiegel stellte, 95 Um sich das Haupt, das lose Haar zu schmücken. Du hast sie stets geliebt; ihr ernstes Lied Sowie ihr Tändeln schufen Wonne dir. So nimm auch heut, was sie bescheiden bietet, Mit Güte auf; denn bis ich Grössres schaffe, 100 Sei dir der Jugenddichtung Kranz geweiht. 2. An Benedict. XII. 1 ) (Erster Brief.) Erhabner Vater, dem Verdienst und Tugend Und Herzensreinheit über Land und Meer Die höchste Herrschaft gab, dem Gottes Allmacht Und des Geschicks unwandelbarer Eatschluls Der Welten Zügel tibertrug, die fest In deinen Händen ruhn — o sieh mich an, ') Benedict. XII. (Jacob Fournier) wurde am 20. Dezember 1334 Papst in Avignon. Die Stadt Rom, durch die schon 20 Jahre dauernde Abwesenheit der Päpste in ihren Interessen schwer benachteiligt, hatte den dringenden Wunsch, dafs der Papst sie wieder zur Residenz wählen möchte. Sie flehte daher durch eine Gesandtschaft den neuen Papst an, zu ihr zurückzukehren; bekanntlich ohne Erfolg, da den Päpsten die zu einem solchen Schritte nötige Unabhängigkeit fehlte, wenn auch Fournier sein Vaterland Frankreich zu verlassen geneigt gewesen wäre. — P. bemüht sieh in dem vorliegenden Gedichte, die Bitten Roms zu unterstützen. Er führt dabei die Stadt Rom als redend ein und zwar als die Gattin des Papstes, der sie verlassen. Diese Vorstellung findet sich in den Briefen mehrfach; auch zu Paolo Annibaldi Ep. II, 12 spricht die Stadt Rom als Greisin, als Mutter; als Gattin redet sie in dem zweiten Gedichte Ep. 1,5 ebenfalls Benedict XII. an; auch zu Clemens VI. redet sie Ep. II, 5 als Gattin. Nach einer im Mittelalter ganz gebräuchlichen Auffassung hat Rom zwei Gatten, einen geistlichen, den Papst, und einen weltlichen, den Kaiser. Vgl. im vorliegenden Gedichte v. 10 die beiden Gatten und v. 208 ff. P. benutzt mit viel Geschick und Gefühl das Motiv von der verlassenen Gattin, die dem immer in der Ferne weilenden Gemahl ihre Not, — 10 — Wie ich gebeugt, mit aufgelöstem Haar Voll Jammer deine heil'gen Knie umfasse, Mit Küssen sie bedecke, und dabei 10 Dich meinen Gatten, Herrn und Fürsten heifse, Der in der Welt allmächtig herrscht, vor dem Die ganze Menschheit betend niedersinkt! — Wenn ich, wie einst, in Jugendschönheit prangte, Mit Rosenwangen, wenn das Herz mir feurig 15 Im Busen schlüge, wenn zur Seite mir Die beiden Gatten sehritten, würde leicht Der blofse Anblick, wer ich wäre, kund tun, Die höchsten Fürsten würden mich verehren Und meinen Namen braucht' ich nicht zu nennen. 20 Doch da die Rosen meiner Wangen welkten, Mein Haar des Schmucks beraubt ist, da das Alter Durch vieles Leid gesteigert mein Gesicht Unkenntlich macht — vernimm den alten Namen, Der laut die Welt wie keiner sonst durchtönt! 25 Ich heifse Rom. Kennst du das alte Antlitz? Kennst du der Stimme Beben? diese Glieder, ihre Trauer, ihre Sehnsucht ausdrückt, ihm aber auch ihre Hoffnung und die innige Freude über das bevorstehende Wiedersehen vortrügt. So fern uns die hier verhandelten Interessen heute liegen und so wenig das Bild von der Ehe zwischen Papst nnd Rom und Kaiser und Rom uns heute anspricht, hat P. doch verstanden unser Mitgefühl für die Verlassene zu erwecken und uns ihre Leiden und Freuden, ihre Trauer über den Verlust einstiger GrüTse nachempfinden zu lassen. Wir nehmen daher die etwas ruhmredige und breit ausgeführte Schilderung der Macht Roms im Altertum v. 75—110 mit in den Kauf und empfinden noch heute, einen wie grofsen Eindruck ein solches Gedicht auf die Zeitgenossen gemacht haben mufs. Es wurde eben P. hierbei nicht nur von einer lyrischen Empfindung getragen, sondern er fühlte als warmer Vatorlandsfreund, als begeisterter Verehrer Roms bitteren Schmerz über die bestehenden Verhältnisse und richtete sieh gern und freudig an dem Bilde einer besseren Zukunft auf. Er gehörte noch zu denen, die an dio Verwirklichung dos mittelalterlichen Ideals glaubton, dafs Kaiser und Papst gemeinsam einträchtig die Christenheit regieren könnten, vgl. L. Geiger, Petrarca, p. 164 ff. — Rossetti III, 317 IV, ann. 1 macht im Gegensatz gegen de Sade es wahrscheinlich, dafs das Gedicht 1386 geschrieben sei; dann gehört es zu den frühesten der Sammlung. — 11 — Von langem Sehnen hingeschwunden, kaum Auf schwachen Fttfsen sich zu halten mächtig? . So haben mich die Jahre zugerichtet, 30 Die auch den Riesen zwingen, so zerstörte Das Alter meiner reinen Stirne Hoheit. Doch wozu klag' ich, allzu töricht Weib? Zwar alles macht die Zeit, des Himmels EinfluJ's Und der Gestirne ruheloser Wandel 35 Zu nichte, — doch gar manches, das den Ursprung Noch weiter her als ich zurückverfolgt, Erlag dem Lauf der langen Zeiten nicht. Noch stelin in Argolis, in Latium Der Städte Kiesenmauern, noch erheben 40 Sich nnbezwungen ihrer Türme Zinnen. Sie wären längst dem Sturm der Zeit erlegen, Wenn's ein Gesetz der festen Folge gäbe Im Lauf der Tage. Denn bevor Quirinus, Der Held, den zu den Sternen hoch empor 45 Die Sage trug, die Brust der wilden Mutter Mit durst'ger Lippe sog, war Mantua') Bereits bewohnt von vieler Stämme Siedlern, War schon Autenor, durch den Brand, die See Hindurchgedrungen, Paduas Begründer, 2 ) 50 Stand Pisa schon, fern des Alpheus Strand, 3 ) Erglänzte aus der Städte Blütenkranz ■' In Latium so Tibur wie Präneste.' 1 ) Wozu Genaures sagen? Ist doch klar, DaJ's nicht durch Schuld des Alters mir die Stirn 55 So faltig ist und sich mein Haar entfärbt. l ) Mantnas Gründnngsjahr ist unbekannt, doch gilt die Stadt als alte etrurische Gründung, die später in die Hände der Kelten kam. a ) Padua führten die Körner auf trojanischen Ursprung zurück, desgleichen 3 ) Pisa, das wegen der gleichnamigen am Alpheus in Elis gelegenen Stadt ebenfalls in die trojanische Sago hineingezogen wurde. *) Tibur wurde von den Römern als eine Kolonie der Söhne des Sehers Amphiaraus bezeichnet. Horaz. I, 7. Pränestes Entstehungszeit ist unbekannt, jedenfalls ist sie eine uralte Ansiedlung, die StraboV, 2, 11 sogar für griechisch erklärt. — 12 — Du fehltest mir! und nie erstrahlte mir Ein schöner Tag; in wildem Streite lagen, Von keiner Bruderliebe stifs geeint, Die Söhne; ach! so wenig ehrten sie 60 In ihrem Trotz die hochbetagte Mutter. Das hat mein Angesicht entstellt, das hat So früh mich alt gemacht; das schuf mir Gram Ohn' Ende, liefs die Tränen nie versiegen. Und stets vergeblich stieg zum Himmel auf 65 Mein heilses Flehn, gemischt mit bittern Klagen. Vergeblich tat ich manch Gelübde, immer Blieb ich verstofsen aus dem Arm des Gatten, Des Herrn, des Vaters! Ach, mein Ein und Alles, Das warst nur du; durch dich allein vermochte 70 Auch meine Schönheit ihren Reiz zu wahren. 0 Erdengltick, o frommes, eitles Hoffen! Nun bin ich tief gebeugt, die einst gepriesen Von aller Welt, den sieggekrönten Scheitel Erhob bis zu der Himmelswölbung, stolz 75 Zu Boden alles trat: denn was der Schöpfer Des Menschen Willen Untertan gemacht, Der Bäche, Flüsse Lauf, das Meer, geschmiegt In seine Buchten, weit gedehnte Fluren, Und Städte, Waffen, Herden, Männer, Alles 80 Gehörte Rom! Erhob das Frührot sich Aus ferner Brandung, aus der See des Ostens, So grüfst' es mich als Herrin; warmer Hauch Des Westwinds, kalter Nord und feuchter Süd — Jedwedes Land, umspült von Meerestiefen, 85 Das in die Flut sich hinstreckt oder hoch Zu klaren Lüften aufwärts ragt, — es mufste Verspüren meine Siegeskraft. Vor mir Verzagten wilde Daker, kampferprobte Germanenkrieger, sprachgewandte Griechen, 90 Hiberiens rauhe Völker; auch die Parther 1 ) ') Inder, Parther und Athiopen sind tatsächlich niemals von den Römern unterjocht worden. — 13 — Entkamen nicht, obgleich mit Pfeilen sie Den Rückzug deckten; keine Wegesmüh' Entzog die Inder 1 ) ihrem blut'gen Schicksal; Des Himmels Glut erlöste nicht vom Joch 95 Die Äthiopen'), nicht das Eis die Scythen Am kalten Don, und nicht der Ozean Mit wildem Brausen machte frei die Briten. Karthago hat, das arge, meine Stärke, Dreimal bezwungen, schwer gesplirt, — so viel 100 Es Kriege gab mit Alexanders Reich, 2 ) so viel Erlitt es Streiche. — Wem ist unbekannt, Wie jahrelang der wilde Kampf getobt, Bis Pontus König unterlag und schwer Durch seine Glieder nach dem Herzen ihm 105 Das Gift gelangte, dem der Weg versperrt war? Nicht von Antiochus, dem harten Pyrrhus, Nicht von Jugurthas Arglist will ich reden, Auch nicht von andern Fürsten; Allbekanntes Soll nicht mein Wort voll Zagen wiederholen. 110 Doch als das sebnöde Glück, das gern Erbabnes Zu Boden wirft und starke Reiche stürzt, In schneller Flucht vom Tiberstrom die Fttfse, Die unbeständ'gen, wandte und entwich, Um allzu spät zu mir zurückzukehren — 115 Da trieb in wildem Wirbel mich sofort Der Sturm auf Klippen und auf Felsen hin. Verloren ging ererbter Hoheit Schmuck, Weil mich mein heiliger Gemahl verliefs. Wohl lebt mein Ruhm, doch schafft er nichts als Neid, 120 Und denk ich aller Zeit, erliegt mein Herz Dem Druck und duldet Qualen der Verzweiflung. Denn ach! von wem darf ich auf Rettung hoffen? Wer sichert mich mit starker Freundeshand, Wenn du, der Alles kann, mich Arme preisgiebst? 2 ) Siehe Fufsnote auf S. 12. 2 ) Die drei makedonischen Kriege erscheinen ruhmvoller, wenn man den Zusammenhang dos damaligen Makedoniens mit Alexander hervorhebt. — 14 — 125 Bald zerrten (o beweinenswerte Untat!) Die eignen Bürger roh an meinen Gliedern, 1 ) Bald ward ich Beute der Tyrannengier;' 2 ) Ehrlose Freier kamen, — mich zur Ehe Begehrten sie — und als ich sie verschmähte, 130 Gebrauchten sie Gewalt, — denn waffenlos — 0 Schmach und Schande! — war mein stolzer Leib Und keine Kraft mehr in des Weibes Körper Und nirgends sichre Flucht für die Verzagte. 0, dafs ich eigne Schmach berichten mufs! 135 Was wagte nicht, auf meine Schwäche zählend, Ein schmutz'ger Spröfsling von Corvaria 3 ) Mit hartem Strick umgürtet, angetan Mit Bettlerkleidern? Unerhörtes Rasen, Wohin versteigst du dich? Zu welchem Greuel 140 Erhebt sich deine blinde, tolle Gier? ■— Ein Bettler, nackt vom Fufse bis zum Knie, Gewohnt mit Waldeskräutern und mit Binden Von bittern Wurzeln seines Hungers Qualen Zu enden, schon bejahrt, war er frech genug 145 Als ein gemeiner Buhle, ohn' Erröten Am hellen Tage mein geweihtes Lager Unsittlich zu beschimpfen! — Ihn umringte Des Volkes rohe Schar und rief dabei Die Hohnesworte: „Seht, sie ist zu alt! 150 Drum hat ihr Mann sie satt! Er ging davon Und sucht sich andre Liebsten aus." — Allein Da nicht mit Schmeicheln, nicht mit Schreck und Drohn Mein Herz zu beugen war, ergriff ihn Wut; Er schleppte mich gewaltsam fort und hielt 155 Mich im Gewahrsam, bis die blut'ge Seite *) Die eignen Bürger sind die fohdelustigen Barone, Colonna, Orsini u. a. s ) Tyranneiigier und ehrlose Freier dürfte, trotz des Plurals, nur Ludwig den Bayern bezeichnen und den von ihm eingesetzten Gogenpapst Nicolaus V. ') Als Mönch hiofs Nicolaus V. Petrus von Corvaria, er war ein Minorit. Die Erhöhung eines Bettolinönches zum Papsttron wird als schimpfliche Entweihung dargestellt. — 15 — Mit deutschem Schwert zu gürten ihm gelang. 1 ) Vermagst du dies zu dulden, dann vermag Das Feuer mit dem Wasser sich zu einen In nie gesehnem Bunde, dann vermag 160 Das Lamm den wilden Wolf, den gelben Löwen Die junge Ziege in die Flucht zu treiben. Verschmähst im Alter du die Jugendliebe? Versäumst ihr beizustehn? mit starker Hand Zu stützen die Gesunkne und der Schwäche 165 Der schon Betagten treulich dich zu widmen? Mein Leben, einst so schön, es ist verödet Da du mir fehlst! So weint die Witwe einsam Beraubt der Zärtlichkeit des teuren Gatten, Den ins Exil zu fernen Küsten hin 170 Sein Unglück trieb; — zu Hause sitzt sie traurig, Und ihre Träne flielst am Tag der Freude. Sie harrt und harrt, und läfst die Blicke schweifen, Voll Sehnsucht, über weite Meeresfernen — So sitz' auch ich, — und wenn mein Auge wähnt, 175 Aus unsrer Kammer trätest du hervor, Ergreift mich herber Schmerz. — Ich fühl' es wohl, Nur allzudeutlich — nimmer kehrst du wieder I Dann ruf ich unablässig Tag und Nacht Nach dir, du herrlichster Gemahl; erschöpft 180 Vermag zuletzt die heisre Stimme kaum Zu beten, matte Worte noch zu lallen! Könnt' ich die Hügel dir vor Augen stellen, Hinabgestürzt von ihrer stolzen Höhe, Könnt' ich mein Innres dir enthüllen, sähe 185 Dein Auge mich aus tausend Wunden bluten, Du würdest weinen — wäre doch dein Herz Sonst kieselhart! — Und nun (o wende her l ) Trotz der Unterstützung Ludwigs konnte Nicolaus V. keinen Anhang in Rom finden. Doch hauste er gewalttätig, plünderte die Kirchen, um dem Kaiser Geld zu verschaffen, mui'ste aber zuletzt, als auch Ludwigs kriegerische Unternehmungen ohne Erfolg blieben, unter dem Schutze des Kaisers aus Rom sich entfernen. In unwürdiger Weise unterwarf er sich inletzt in Avignon dem Papste. — 16 — Dein Geistesauge, bist du gleich so fern) Sieh meine Gotteshäuser, aufgebaut 190 Mit so viel Mühe, wie sie wankend stehn Zum Fall geneigt — wie die Altäre, öde, Beraubt der Schätze, kaum von dürft'gen Wolken Des Weihrauchs dampfen! Sieh, wie selten nur Der Fremde den geweihten Raum betritt; 195 Sieh, wie im Bettlerkleide sich der Priester Dem Tempel naht — und hab Erbarmen, Vater, - Gestehe ein, dafs unverdient ich leide. Denn darf ich offen reden, (glaube nicht, Dals ich Vergangnes dir zum Vorwurf mache, 200 Nur tut mir's wohl, des Alten zu gedenken) Als mich des Glückes Lächeln auf den Gipfel Der Macht gestellt, als Königreiche flehend Zu meinen Ftifsen lagen, als ich Niemand Als meines Gleichen anerkannte, da 205 Begehrt' ich freien Willens dich zum Herrn. 1 ) Bezweifelst du's? Als ernster Zeuge steht Der Berg Sorakte da, aus einem Munde Bezeugt's der Wälder Zuruf. — Doch du sprichst: „Nicht ich allein, es war ein zweiter noch 210 Gebieter deiner Burg und dein Verlobter.' 2 )" Zu wahrer Bede ist mein Herz entschlossen Und Heuchelei liegt meinen Jahren fern! — Aus meinen Armen treulos zu entfliehn War jener schlecht genug; Germania 215 Hat ihn erobert, mein hat er vergessen. l ) Die Verse 201—218 beziehen sich auf die konstantinische Schenkung, durch die der Papst die Herrschaft über Rom erhielt, ohne irgend einen Rechtsanspruch, allerdings durch freien Willensakt des Kaisers, nicht der Stadt. Der Papst wird an den Berg Soracte und seine Wälder erinnert, als an Zeugen seiner der Schenkung vorhergehenden Schwäche. Denn nach der Legende des heil. Silvester, der Constantin den Gr. taufte, war dieser Kaiser anfänglich ein böser Christenverfolger und setzte namentlich dem Bischof von Rom Silvester so zu, dafs dieser sich auf dem Soracte versteckt halten mufste. Döllinger, Papstfabeln, p. 63. a ) Gemeint ist auch hier Ludwig der Baier, der sich aus Italien vollkommen zurückgezogen hatte. — 17 — Jetzt ist die alte Wunde längst vernarbt. Die Zeit vermag die Tränen lind zu trocknen Und liefs mich langsam den Verlust verschmerzen. Doch du bist meines Lebens letzte Hoffnung, 220 Du bist der Stab, der meinen Sturz verhindert, Auf den gestützt ich lange sicher stand; Du mir im Kummer holder, stiller Frieden, Der Schild, von dem des Schicksals Donnerschläge, So laut sie tönen, machtlos rückwärts prallen; 225 Du bist der Rettungshafen, dem entgegen Von wildem Sturm umhergescbleudert, leck, Mein Schiff so gern ich glücklich steuern möchte. — Dafs mir das eine Auge noch geblieben, 1 ) Das war mein Trost, so lang es ging; doch nun, 230 Da beide Augensterne mir genommen Ist unerträglich mir das stille Dunkel. Vernähmest du, was meinen Kummer tröstet, Ich meine, Rührung griffe dir ins Herz! Denn, — denke dir — mir armen Weibe kam 235 Erwünschte Kunde: immer sei mein Name In deinem Munde, häufig sprächest du Von deiner Gattin Not, ja du beklagtest Die arme Witwe! 2 ) — Heut berichtet mir Dieselbe Kunde: dafs aus deiner Stadt 240 Die Priester du vertreibst, die eignen Städte, Die eignen Häuser sie besuchen heilst! 3 ) — Wie darf ich glauben, dai's den Fremden du Ihr Recht gewährst, den deinen Recht versagst! — Noch mehr! du hast dich meiner Not erbarmt, 4 ) 245 Hast Hilfe mir schon jetzt gebracht, Geliebter, ') „Die Augen der Kirche" (oder der Stadt Rom) lieifsen im Mittelalter Papst und Kaiser. '•>) Dal's Benedict XII. seine Pflicht ernst nahm, ist nicht zu bezweifeln, sicher hat er mit Koms Lage lebhaftes Mitgefühl gehabt, a) Benedict XII. nötigte alle Bischöfe und Prälaten, die eigne Seelsorge wahrzunehmen hatten, Avignon zu verlassen und in ihren Diözesen zu bleiben. Vgl. Pastor, Geschichte der Päpste I 8 , SO. ') B. hatte 50 000 Gulden zur Herstellung der Kirchen Koms gespendet. F. Friedorsdorff, Petrarcas poetische Briefe. 2 — 18 Auf die icli nie gehofft, damit ich selbst Die Glieder mir umhüllte, nicht so nackt Dem stattlichen Gemahl entgegen träte. — Und hierzu kommt ein Zeichen nahen Glücks, 250 (Wenn's gleich von neuem Tränen fliefsen liefs) — Vor kurzer Zeit erfafste Krankheit dich') Mit hartem Anfall; für dein Leben bebt' ich, Da ich's vernahm, — und ist die Nachricht wahr, Hast du dem grausen Tod auf deiner Schwelle 255 Ins Auge unverzagt geblickt. — Man sagt, In jener Stunde gabst du den Befehl Zu mir die toten Glieder heimzutragen, Ins Grab der Heimat den erblafsten Leib Zu senken, in des Vatikans Gewölbe. 260 Warst du zur Heimkehr sterbend noch entschlossen, Als dir das Leben noch das Herz bewegte Und warmes Blut durch deine Adern wogte, Wie sollt' ich zagen, frohgemut den Völkern Italias den Tag des Glücks zu künden? 265 Schon mein' ich deines Wagens goldnen Glanz, Schon stolze Rosse, herrlich aufgezäumt Und weii's wie Schnee, 2 ) zu schaun, schon klingt im Ohr Des Einzugsfestes froher Jubelruf, Und immer horch' ich ängstlich, ob vielleicht 270 Mir von Toskana her ein Bote naht Mit lautem Ruf: Dein Gatte kommt zurück! — Dann röten sich die Wangen, schnell beginnt Die Hand das wirre Haar zu ordnen, schnell Die Wimpern, feucht von meines Jammers Tränen, 275 Zu trocknen! — Doch allein dir zu gefallen, Genügt mir nicht: auch meinen Schwestern schmücke Mit sanfter Hand ich sorglich das Gelock Und rede so zu ihnen: Seht, o seht "t ') Diese Angabe ist nach Rossetti sonst unbekannt, man beachte auch, dafs P. die ganze Sache nnr als Gerücht erwähnt. s ) Ein goldgeschmückter Wagen und schneeweifse Kosse sind für den Aufzug der Päpste üblich, nach der Stiftungsakte der konstantinisoheri Schenkung. — 19 — Den Herrn der Welt, der endlich wiederkehrt 280 Er ist des Vaterlandes sichres Heil, Er macht die Seufzer Latiums verstummen I Dann lagern jene sich auf grünen Hügeln, Am Meergestade; rings in allen Tälern Von hohen Felsen sehn sie niederwärts, 285 Belagern alle Wege, unverwandt Gespannten Auges, schaun sie emsig aus Nach deinem milden Antlitz! — Hast einmal Von Gott geführt, die Alpen du im Kücken, Und schreitest durch Italiens Segensflur 290 So wirst du Wunder sehn! Der Landschaft Reiz, Der Mensehen Schönheit, lauen Frühlings Milde, Und linde Lüfte ohne Frost und Hitze. Und siehst du das, ist eine neue Welt Dir aufgetan! — Die Städte leeren sich, 295 Durch alle Felder wogt die Menschenschar, Zum Himmel steigen frohe Lieder auf Alltiberall, mit Herzensfreude preist Ein jeder deinen heil'gen Namen. Ja! Gesegnet 1 ) wirst du heifsen, und gesegnet 300 Die Mutter, die dich herrlich uns gebar! Um so viel froher und beglückter wirst Du selbst dir scheinen, als das Morgenlicht Dem Auge reiner deucht nach langem Dunkel. Doch stets in Sorge schwebt mein ängstlich Herz. 305 So lafs dich mahnen, lafs besorgt dich bitten: Verschiebe nicht den Tag, der mich beglückt, Wenn andrer Städte Reize dich verlocken! Wohl mag dich köstlich Genua empfangen, Das an der Grenze Wache hält, gewil's 310 Wird dich Placenzia entzücken, wird Bologna dich mit seiner Gaben Glanz Bestechen, — sicher wird dich meine Tochter, 2 ) J ) Übersetzung des Namens Iäenedictus, den Jakob Fournier als Papst sich beigelegt hatte. '-') Florenz heilst Tochter, als römische Kolonie, ausgeführt unter Sulla. 2* — 20 — Die schöner ist als alle, wird dein Herz Florenz gewinnen, das so herrlich strahlt 315 Im Kranz der Blumen und im Schmuck der Künste, Und ungezählte andre; doch soll keine Der alten Gattin Bild hei dir verdrängen; Denn nie kann eine schöner sein als sie, Noch schienen andre jemals schöner! — Freilich 320 MuJ's dazu deine Heimkehr mich beglücken. Und nun, frisch auf, nicht mehr gezaudert, komm! Dir heiigen sich der Berge höchste Gipfel Und keine Mühsal hemme deinen Weg! Vor deinen Schiffen glätte seine Wogen 325 Der Ozean und deine Segel möge Mit frischem Hauch der Fahrwind friedlich blähn! - 3. Wer rettet das unglückliche Vaterland? 1 ) (An Aeneas di Tolomei aus Siena.) Du wirst Aeneas 2 ) auf erhabner Höh' Des Musenberges wandeln sehn, mein Brief: Bring ihm den Grui's, den ich dir anvertraut, Und dieses Lied, an bittern Klagen reich; 5 Sein Ohr wird freundlich deinem Worte lauschen! — ') Unter den Leiden, die Italien zur Zeit des Avignonischen Exils zu tragen hatte, stand obenan die Verheerung durch feindliehe Söldner- scharen. Besonders der ritterliche Abenteurer Johann, König von Böhmen, ein Sohn Heinrieh VII., verbreitete Schrecken um sich. Schon 1830 erschien er in Italien, von Brescia angerufen; im Triumph durchzog er das Land, viele Städte fielen ihm zu, doch vertrieb ihn eine Liga italienischer Fürsten, als Johann XXII. anfing sich seiner zu bedienen, um sie selbst zu beseitigen. Aber 13;S.'i kam Johann wieder, diesmal als Führer französischer Truppen Philipps von Valois und unterstützt von Johann XXII. Der Marschall Mirepoix und die Grafen d'Armaguac und de Forez nebst vielen Edlen Languedocs standen ihm zur Seite. Aber Johann wurde zurückgeschlagen, Graf d'Armaguac und sein Gefolge von den d'Este's gefangen genommen: „er verschwand wie Rauch". Gregorovius, Gesch. d. St. Rom VI, 177 ff. Den Schrecken, den das Erscheinen Johanns in Italien verbreitet hatte, die Besorgnis und den Schinerz eines edlen patriotischen Herzens drückt — 21 — Ach, warum spinnt den schwachen Lebensfaden Ihr immer weiter, harte Schicksalsmächte? Welch düstrer Stern verlieh mir zähe Kraft, Damit ich Leiden ohne Ende sähe? 10 Muls hier nicht jeder Tränenstrom versiegen? Wer kann die Seufzer nach Gehtihr in Verse, Wer kann des Vaterlandes kläglich Ende In Klagelieder angemessen fassen? 0, dafs doch alle meine Glieder tönten 15 Mit Menschenstimmen!') Dafs die Zunge mir Mit Erzesklang erschallte! Dafs der Wehruf Von meinem Leid die ganze Welt durchdränge! Doch ach, der Stimme Ton versagt; ich finde Des Liedes Anfang nicht! 0 bittres Los! 20 Mit Ketten sind wir und mit Schmach beladen Und müssen's dulden, dafs nach unsern Herzen Die Schwerter zielen, die so oft, zerbrochen, Beim Siegesfeste den Triumphzug schmückten. Fortuna, Schande dir, dafs du der Welt 25 Erhabne Herrin in der Knechtschaft Joch So schmachvoll beugst und sie so schändlich preisgiebst Den Feindesarmen, die sie tausendmal Geprefst in Fesseln auf den Rücken band! Der grimme Hannibal, Karthagos Feldherrn, 30 Sie würden weinen; war' auch noch so roh, Noch so entmenscht ein Volk, sein Auge würde Von Tränen überströmen, sah' es Rom Als Sklavin Galliern Tribute zahlen! Von ihrem Blute schwollen einst die Ströme P. in folgender Epistel an seinen Freund Aeneas aus. Sie wird mit Beeilt seiner berühmtesten Canzone: „Italia mia" an die Seite gestellt. — Sein Unwille richtet sieh besonders gegen die Franzosen, als die Nachkommen der von Rom unterjochten Gallier. Davon, dafs auch der Tapst im Bunde war, zu schweigen dürfte er gute Gründe gehabt haben. 2 ) Aeneas di Tolomei da Siena, Dominikaner, theologischer Lehrer im Kloster zu S. Maria Novella in Florenz; auch namhafter Dichter. (Eossetti, vol. I, sez. II, l.) ') Die Stelle ist beeinflufst durch Virgil, Georg. II, 43 ff. — 22 — 35 Und ihrer Töchter blaue Augen färbten Sich rot vom Weinen, als das Ungestüm Des grofsen Cäsar ihren Kriegsmut brach. Nicht Nymphen nur und Faune, Waldesgötter Der grauen Vorzeit, nein, den Herrn der See, 40 Ihn nehmen wir zum Zeugen unsrer Taten. 1 ) Denn angelangt am Saum der Länder, schreiten Wir kühn ins Meer hinaus. Mit Schaudern fühlt Das weite Weltmeer in dem Schwall der Wogen, Der nie berührten, harte Ruderschläge 45 Von Römer Hand und schenkt in seiner Tiefe Den blonden Briten trauervoll ein Grab.' 2 ) Wozu von Türmen an der Feinde Strand, Von Burgen und von festen Städten reden, Die drohend den Bezwungnen sich erhoben 50 Durch unsre Kräfte, von des Cäsar Ruhm Ein furchtbar Denkmal und für ew'ge Zeit Des Römernamens unvergefslich Zeugnis? Ich schweige von Torquatus 3 ), denn mein Lied Soll nicht den Adel preisen, nicht die Palme 55 Des Ruhms der Asche edler Ahnen weihn. Drum sei Camillus nicht erwähnt; ich schweige Von jenem Helden, den mit schwarzem Fittich Ein Rabe deckte; auch von dir, Marceil, Der Siegesbeute von erschlagnen Feldherrn *) Die Taten Cäsars erfolgten nicht nur zu Lande, wo die ländlichen Gottheiton ihnen zuschauten, sondern auch zur See. Cäsar, de hello gallico III, 7—16. 2 ) Cäsar erzwang durch ein Gefecht von der See aus die Landung in Britannien, Caesar IV, 20 ff. Er landete zum zweiten Male in Britannien und legte ein festes Schiffslager an, V, 11 ff. Im übrigen sind mit „Burgen" römische Kolonien und Kastelle gemeint. ") Torquatus erhielt seinen Beinamen von der Halskette, die er einem von ihm im Zweikampfe erschlagenen Gallier abnahm. Camillus erlöste das von den Galliern eroberte Rom. Valerius Corvus erhielt den Beinamen Corvus von einem Ilabon, der ihn im Zweikampf mit einem Gallier unterstützte. Marcellus tötete einen Gallierkönig am Po im Zweikampfe, während er selbst Consul war und brachte dessen Rüstung als spolia opima in den Tempel des Jupiter, was vor ihm nur zwei Mal geschehen war. — 23 — 60 Zum dritten Mal an Jovis Pfosten hing. Doch als der Bauer aus Arpinum erst Nicht mehr die Erde aufrifs mit dem Pflug, Nicht mehr die Scholle mit dem plumpen Karst In Stücken schlug, als Marius das Schwert 05 Mit rauher Hand so wild, so schneidig schwang — Wie schlug er drein! Er hat der Welt gezeigt, Dals der Latiner schlichter Bauernstamm Hoch über aller Länder Adel ragt! Doch ach, ins Gegenteil verkehrt ist alles! 70 So wandelt sich in Nacht der helle Tag, Wenn sich der Süd erhebt, der Schiffer nicht Bekannte Zeichen sieht und aus der Höh' Kein Leitstern freundlich durch das Dunkel glänzt. 0 Schmach! 0 Schande! Jetzt erhebt der Knecht 75 Sich wider seinen Herrn, der Freigelassne Sich wider den, der ihm die Freiheit gab. Und rings bedroht uns Hafs. Denn freilich, stets Entbrennt in Wut der Sklav, wenn er der Schläge, Der oft erlittnen, denkt. Wer hätte je 80 Aus Kerkers Nacht entsprungen seinen Wärter Mit heiterm Blick begrüfst? So wünscht der Stier, Der heimlich vom verhafsten Pflug entwich, Wenn er die Hörner an den Ulmen wetzt, Und mit Gebrüll die Lüfte wild durchtönt, 85 Den Pflüger sich herbei! Und eher wird Des Atlas dichter Wald zur Syrte hin Nach Libyen wandern, wird des Ebro Flut Das Haupt des Kaukasus bespülen, wird Den wilden Aar die fromme Taube würgen, 90 Die dunkle Krähe heller als der Schwan Und weil's wie Schnee erglänzen, eh' der Sklav, Der oft der Ketten und der Knechtschaft denkt, Der Geifselhiebe denkt, der Kutenstreiche, Sich furchtsam vor des Herrn Gebieterstirn 95 Zur Erde beugt! Nein, seiner Ketten ledig, Wird er die Arme, die gewalt'gen Glieder, Die noch der Schläge blut'ge Spuren tragen, — 24 - Zu seines Herrn Vernichtung grimmig regen! Denn keine Scheu tut seinem Wüten Einhalt! 100 Sind unsres Glückes Tage erst entflohn, Dann wird der Segen, der uns überströmte, Zum Fluch. Denn ob das Glück auch von uns wich, Es bleibt der Neid, gefallner Grölse Erbteil, Vernichtet unsres Glückes letzte Spur, 105 Erinnert qualvoll an verlornen Glanz. Auch wir empfinden unsres Ruhms Erlöschen. Rings stehn die Völker auf und schnauben Rache! Und wenn nicht Gott vom höchsten Himmelstron Erbarmend herblickt und das Unheil wendet, 110 Sind wir der Rache Opfer. — Doch was tun wir? Wir streben eifrig den bezwungnen Völkern, Ja, aller Welt ein Hohn und Spott zu sein. Ihr Ahnen, heil Euch, dals in freier Erde, Ein Volk von Siegern ihr gebettet seid! 115 Ach, unser harrt ein elend, dürftig Grabmal, Das einst voll Hochmut dies Barbarenvolk Mit FüL'sen tritt. Du Volk Italias, Sieh an, wohin dich falsche Herrsehbegier, Wohin dich Bürgerkrieg und Sünde brachte! 120 Wo herrscht noch Eintracht in des Reichs Zerfall? Kein Bund, kein Unterpfand der Treue gilt, Des Lebens heil'ge Ordnung ist entweiht. Wenn Sturmeswut den schwanken Kahn erfafst Und durch die Wellen jagt, so wären toll 125 Die Schiffer, die, von Hafs und Groll erfafst, Gen Ost der eine und gen West der andre Das Steuer drehten; das verlorne Schiff Zerschellte rettungslos am Klippenrand. So droht uns jetzt der Untergang im Strudel, 130 Vernichtung an den Klippen! — Unser Zwist Erhöht der Feinde Wut; wir geben preis Des Schiffs Bewachung in der Zeit der Not; Wir dulden's, dals durch alle Fugen schon Das Wasser dringt; es fliegt das Schiff dahin - 25 — 135 Von Sturmesboe gejagt, der Kiel erkracht, Und rechts und links erdröhnt der Bord; Vernichtung Droht nah und näher dem geborstnen Wrack. Ja, arg erkrankt ist Latiums stolzer Leib, Durch alle Adern schleicht der Seuche Gift, 140 Und rafft dahin, was an der Adria, Was an Toskanas Ufern Edles lebt. Von nie gekanntem Dunkel wird verhüllt Das heitre Lebenslicht. In seinem Hochmut Will drohend schon vom Alpengipfel her 145 Der Feind die Segensflnren gierig messen, So weit das Wunderland Hesperia, Das waffenstarke, sich erstreckt. Er mustert Die freien Städte, stark wie Königreiche, Und findet niemand, der auch nur die Namen 150 Von allen nennt; er staunt die Burgen an, Getürmt von Meisterhand und ohne Zahl Wie Stern' am Himmel und wie Sand am Meer; Der stolzen Schlösser bunte Marmorsäulen, Die Mauern staunt er an, die himmelhoch 155 Auf schlanken Pfeilern ragen, sieht das Gold, Das allgewalt'ge, in der Berge Adern Mit gier'gem Auge glänzen; — er bewundert # An beider Küsten Saum die tiefen Häfen, Der Felder Ährenschmuck, am Felsenhang 160 Die dunkle Traube und der Ulme Haupt Das sich mit Reben schwerbeladen neigt 1 ); Er sieht der Rinder und der Renner Scharen Auf weiten Wiesen grasen, sieht die Schwärme Beschwingter Sänger sich in Lüften tummeln; 165 Der Berge anmutsvolles Bild, im Tal Manch stillen, dunkeln See, und manchen Quell Der fröhlich sprudelnd viele Leiden heilt, Und in der Schluchten Nacht der Ströme Licht. J ) Wie schon im Altertum waren auch damals (und noch heute) die Aecker von Bäumen, namentlich Ulmen, umgeben, au denen man Weinreben zog. — 26 — Er bricht das süfse Obst,') und ihn entzückt 170 Allüberall des Götterlorbeers Duft. Doch nichts erstrahlt in wundervollem Glanz So wie der Männer Sinn, der Männer Art! Denn in der Herzen Tiefe wohnet Gott, Im ganzen teuren Lande! Nimmermehr 175 Ertragen solche Herzen Tyrannei! Welch eine Welt von Glanz! Mit Zaubermacht Erfafst sie ihn, entflammt des Herzens Brand Und seines Schlundes Gier zu heifser Glut. Der Seel'gen Leiber und der frommen Väter 180 Vom Blut der Unschuld nasse heil'ge Gräber Mit Andacht zu beschaun, das lockt ihn nicht! — Denn lieber als im Himmelreich gewinnt Er sich auf Erden Macht; mit arger List, Ein Wolf im Kleid des Schafes, lauert er 185 Sie zu erhöh'n. So wächst aus kleinem Reis Zu stolzer Höhe die Cypresse, so Des Unheils Riesenstrom aus kleinem Quell! Ein solcher Feind, fürwahr, kennt keine Bast. Und ohne Ende wächst der Frevel fort, 190 Der jetzt durch Luccas öde Mauern drang. 2 ) Doch wozu klagst du, Tor! Noch immer bleibt Ein einz'ger Weg der Bettung, und vielleicht, So spät es sei, führt er die alte Zucht Zu uns zurück. — 0, halte fest mein Herz 195 An diesem Hoffnungstrost! Der wilde Krieg, Er endet schnell, sobald sich unverhofft Ein Herrscher uns, ein hehrer König zeigt, 3 ) Der Schwert und Speer in starken Händen führt, Mit denen, treu der Ahnen Vorbild, einst 200 Italiens Jugend einer Welt gebot! — l ) Vgl. Ep. II, 12 „Die Birne". ») Lucca hatte besonders gelitten; von den Florentinern befreite es Johann von Böhmen, dann aber verkaufte er es an seine Feinde, die Pisaner. s ) P. stellt, wie Dante, noch auf dem Standpunkte, dafs König von Deutschland und Papst einträchtig die Welt leiten könnten. Vgl. Ep. I, 2 an Benedict. XII. — 27 — Hat doch der Griechen feingebildet Volk Des Xerxes, des Darius Heer zersprengt; Hat Tomyris doch wilde Männertat, Nicht durch des Sohnes blut'gen Tod geschreckt, 205 Mit starker Hand verübt, als sie das Haupt Vom Rumpfe schlug dem allgebietenden, Dem Perserfürsten. 1 ) — Doch was können wir? Wo blieb der Mut? des Kampfes heil'ger Zorn? Mit Stahl die Hände waffnen, auf den Feldern 210 Die Rosse tummeln, Pfeile durch die Luft Und durch die Fluten Schiffe zu entsenden, Wer hindert uns? Wenn das der Feind ersähe, Der seines Ursprungs jetzt vergifst, der sieb Allein glückselig, Herrn und König dünkt, — 215 Er fände, dafs hier tausend Kön'ge ständen! Dann würd' er lernen, wie wahrhaftig einst Wenn auch vergeblich, Cineas gesprochen Zum Helden Pyrrhus. 2 ) Dann begriff' er wohl, Wie viel bequemer nach der Väter Art 220 In Wäldern er den flücht'gen Hirsch erjagen Und Rehe niederstrecken konnte, als Die grimmen Löwen reizen, die so wild Mit Zahn und Klaue grause Wunden schlagen. Denn meint er uns im Scblummer zu umgarnen 225 Und stellt er Netze aus um unser Lager, Drin allzulang wir ruhten, täuscht er sich! Die frische Wunde und des Schmerzes Wut Entreifst uns endlich aus des Schlafes Arm Und weckt uns auf und endigt unsern Traum. 230 Dann ist die Zeit des Wahns vorbei. 0 nahte Doch endlich der beglückte Tag! Nicht länger Würde ich die Parzen der Versäumnis zeihn. *) Dem Kyrus. a ) Als Pyrrhus seinen Gesandton Cineas nach Rom zu Friedensunterhandlungen geschickt hatte, nach der Schlacht bei Ilcraclea (280), kam dersolbo unverrichteter Sache zurück und berichtete, der Senat sei ihm wie eine „Versammlung von Königen" erschienen. — 28 — Denn wieder sah' ich Siegeszüge Roms Den Rheinstrom überschreiten, sah' besetzt 235 Von Kriegern Latiums den Seinestrand Und jenen Gau, den die Garonne netzt! Dann spinnt den Lebensfaden weiter, Parzen, Bis mir das späte Alter zitternd nabt. Doch, ach, inzwischen plagt mich bange Sorge. 240 Die stets der Liebe folgt. Der Heimat fern, Verbannt ins Rhonetal und gramerftillt Mufs ich des teuren Mutterlandes Leid Voll blasser Furcht gewahren und mir ist, Als wenn ich stehend au des Meeres Strand 245 Die greise Mutter in der Fluten Graus Im Todesringen sähe.') Also mischt Sich Furcht und Hoffnung in des Sohnes Brust. — • Weil Frohes denn mit Ernstem so sich mischt, So lafs mich schliefsen mit gemischten Worten. 250 Soll ich frohlocken, trauern, hoffen, fürchten? Ich weifs es nicht. Denn voller Widerspruch Ist alles Ahnen, das mein Herz durchbebt. So leb denn wohl. Zeigt einen Ausweg dir Das Schicksal, tu ihn kund, denn also bringst 255 Du deinem bangen Freunde holden Trost. 4. König Robert in Vaucluse. 2 ) (An Diouysius Robert! aus Borgo di S. Sepoloro.) So kann dich nicht der helle Silberglanz Des kühlen Quells verlocken, nicht der Wälder Geheimnisvoller, hochgewölbter Dom, Wo scheues Wild die Ruhestätte findet, 5 Wo Waldesgötter gern verborgen weilen? ') Vgl. das Bild an der Wand des Senatspalastes, durch welches Cola di Kienzi die Kömer aufreizte: ein Schiffswrack auf stürmendem Meer; eine Mutter in Tränen, knioend im Gebet. Grcgorovius VI, 282 und 235 ff. a ) Dionysius Eoberti aus Borge di S. Sepolcro, eine Zierde der Pariser Universität und ein Freund P.s, war 1339 zum Bischof von Monopoli — 29 — Nicht jene Grotte in der Felsenwand, Von Sonnengold bestrahlt, des Dichters Lust? Kann nicht des Tales milde Balsamluft Dein Herz gewinnen, nicht des Berges Scheitel 10 Dich reizen, der durch klare Bläue schroff In kühnen Linien auf zum Äther steigt? Nicht Grlin der Rehen? Nicht des Ölbaums Schatten? Nicht Myrthenduft? Kann sich dein Auge nicht Der Wiese freun, die beide Ufer schmückt, 15 Von Pappellaub beschattet, übersät Von Blumen ohne Zahl und grünen Kräutern? Des Flusses nicht, der unsre Fluren teilt, Das stille Tal mit sanftem Rauschen füllt, Und unerschöpflich rastlos weiter strömt, 20 Wo Nymphen unermüdlich Reigen tanzen Und wo der Musen Lied ohn' Ende tönt? Rührt es dich nicht, dat's um der Gattin Sterben Der Tauber zärtlich girrend klagt, als brächte Er Totenopfer ihrem teuren Schatten? 25 Dafs Philomele um ihr grauses Los, 1 ) bei Bari iu Apulieu ernannt worden. Er zog deshalb über Avignon nach Italien. Dies gab P. eine erwünschte Gelegenheit, ihn in Avignon wieder zu sehen. Aber P. bemühte sieh dringend und, wie es scheint, vergeben? seinen hochstehenden Freund zu einem Besuche in Yaucluse zu veranlassen. Vorliegendes Gedicht sucht durch eine für damalige Humanisten sehr anziehende Schilderung der Heize des Tales der Sorgue den Freund anzulocken; da aber dies anscheinend nicht ausreicht, schliefst sich daran eine Erzählung von dem Aufenthalte des Königs Kobert von Neapel in Vaucluse, der au diesem Orte besonderes Gefallen gefunden habe. Die Worte, Gedanken, die Geistesgröße des Königs R. werden auf diese Weise der Hauptinhalt des Gedichtes. — Da nun gleich darauf Dionys von König K. an seinen Hof nach Neapel berufen wurde, so ist nicht unwahrscheinlich, dafs P. von dieser Absicht schon Kenntnis hatte und durch vorliegendes Gedicht, von dem er erwarten inufste, dafs es dem König bekannt werden würde, sich dem König in empfehlende Erinnerung brachte. Bekannt ist, dafs D. bei dem König dahin wirkte, dafs er P. den Lorbeer versprach. Das Gedicht füllt demnach in das Jahr 1339. D. starb 1342. *) Indem P. in seiner Umgebung Tiere und Pflanzen auf Heroen und Heroinen zurückführt, treibt er nicht nur gelehrte Spielerei, sondern sein Ton und Ausdruck beweisen, dafs er die Sagen des Altertums fast mit- — 30 — Um ihre Wunde, um des wilden Tereus Barbarisch rohe Tat beweglich jammert? Versteckt im Laub der hohen Ulme, läfst Ihr sanftes, stilses Lied sie rastlos tönen 30 In Nächten ohne Schlummer, ohne Ruhe. Doch ihre Schwester flattert früh am Morgen Und um des Gatten Wut, die eigne Tat, Die weinenswerte, um der Schwester Leid, Des einz'gen Sohnes unverdienten Tod, 35 Um alles das zugleich erhebt sie Klage. Noch ist der Mutter Brust vom Blute rot;') Sie eilt geschäftig durch der Häuser Mitte, Umflattert wild die Höfe, denn den Feind Sieht sie noch immer dröhn. Rührt dich das nicht? 40 Rührt dich Narcissus 2 ) nicht, der unverwandt Sein schönes Angesicht im Bach bewundert Und hingegossen vor dem Wasserspiegel Sich selbst vergifst? Und auch Aktäon' J ) nicht, Wie er zum Hirsch geworden, durch das Dickicht 45 Vor eignen Hunden, eignen Freunden flieht? Nicht Skylla 4 ), die des Vaters Purpurhaar Vom Scheitel schnitt und aus dem Wassernebel erlobt, jedenfalls nachempfindet; die gleiche Auffassung konnte er hei D. voraussetzen. Über die bekannte Sage von Philomele = Nachtigall, ihrer Schwester Procne = Schwalbe, dem Gemahl der letzteren Tereus = Wiedehopf, ihrem Sohn Itys vgl. üvid, Metam. VI, 421 ff., Horaz, Cann. IV, 12, 5 Und Aristophanes Vögel. ') Als Blut des von ihr getöteten eignen Sohnes Itys fafst P. die nach Brehni „hoehkastanienbrauue" Farbe der Kehle der Rauchschwalbe anf. Sie flüchtet noch immer wild vor dem mit dem Schwerte sie verfolgenden Tereus. 2 ) Über Narcissus Verwandlung in die gleichnamige Blume, Ovid, Met. III, 339 ff. 3 ) Über Aktaeon vgl. Ovid, Met. III, 138 ff. ♦) Skylla, Tochter des Nisns in Mcgara, schnitt aus Liebcsverblendung das rote Haar vom Kopfe ihres Vaters ab, worauf derselbe von den Feinden überwältigt werden konnte. Skylla wurde in den Meervogel Ciria verwandelt, Ovid, Met. VIII, C> ff. Cornelius Gallus, Ciris. — Der Elidier ist der Vater Nisus, der ein Seeadler geworden, seine Tochter verfolgt, die sich ins Meer gestürzt hat. Met. VIII, 145, vgl. Virgil, Georg. I, 404 ff. - 31 — Mit bangem Rufe steigend Umschau hält, Ob ihr der Rächer durch die Lüfte folgt? 50 Auch jener Held nicht, der es nie vergifst, 1 ) Dafs ihm der Tod Hesperie entrifs, Und von des Ufers Höhe stets aufs Neu Ins Wasser stürzt und sich den Tod ersehnt? Auch nicht der Lüfte König, Waffenträger 55 Des höchsten Zeus, wenn er auf Felsenhöh'n Das Lager baut für die erhoffte Brut? — Kann nicht die Bitte meiner treuen Liebe Ein wenig deine Festigkeit erschüttern Und deines Willens Stärke umgestalten, 60 Dafs du, den einem Vater gleich ich ehre, Die Herrlichkeiten Roms 2 ) verläfst und hier Mein stilles Leben schaust, auf kurze Zeit Als güt'ger Lehrer dieses Haus betrittst, Das treugesinnte mit Besuch beglückst 05 Und mitleidsvoll dein mildes Auge richtest Auf deinen Freund, der einsam träumt und sehwärmt? — Wenn denn so viele Bitten nichts vermögen, So mul's ich — sieh! — zum letzten Mittel greifen, Das um dein festes Herz die Schlinge legen 70 Und dich mit mächt'gem Zuge wider Willen Bezwingen soll! Der kühlen Quelle nah, Ragt eine Riesenpappel; sie beschattet Mit ihrer Zweige dichtbelaubtem Schilde Den Flui's, die Ufer und die nächste Flur. 75 Hier pflegte an der Landschaft Lieblichkeit l ) Aesacus, ein Solin des Priamus, stürzte sicli in das Meer, als er vor seinen Augen seine Geliebte Hesperie an einem Sohlangenbüs sterben sali. Thetys aber nahm ihn voll Mitleid auf und liefs ihn nicht sterben. Da aber Aesacus seine Selbstmordversuche hartnäckig wiederholte, wurde er in einen Tauchervogel verwandelt. Er stürzt sich noch immerfort ins Meer. Ovid, Met. XI, 758 ff. '*) Es dürften die Herrlichkeiten des in Avignon residierenden Papstes gemeint sein, von denen P. sich vergebens bemühte seinen Freund wegzulocken. — 32 — Die Ang' und Herz mit immer neuen Bildern Entzückt, der grolse Robert sieh zu freun, 1 ) Den müden Leib, das sorgenschwere Haupt Auf weichen Rasenhügel hingelagert, 80 Den Frieden dieser stillen Flur zu preisen. Auch sein Gemahl, die königliche Frau, 2 ) Der jede Göttin bei gerechtem Urteil Die wohlverdiente Palme lassen mul's, Mag sie der Schönheit, mag erlauchtem Blut 85 Sie gelten, war zugegen, und nicht minder, — Obschon des grolsen Gatten jüngst beraubt — Clemenza :! ), und der edlen Helden Schar Und auserlesener Damen stolzer Zug. Zum Spiele schreiten mit behendem Fui's 90 Die einen auf der Wiese grünem Plan; Sie tauchen fröhlich in die reine Flut Die Hände und mit kalten Tropfen schrecken Sie lachend die Genossen; andre eilen Ins Waldesdunkel, mit der Hunde Kläffen 95 Das Wild zu jagen; an die Angel knüpfen Den Haken andre, legen Netze aus Mit weitem Wurfe. Mancher lustig zechend Verjagt mit Wein die bösen Sorgen, mancher Auf kühlem Gras ermüdet hingestreckt, 100 Erfreut der Ruhe sich und schlummert sanft. Der König war allein. Er hegte tief Im Busen andre Sorgen. Hin zur Erde *) Nach Kossotti hielt sich Robert 1320 in Vauclause mit seinem ganzen Hufe einige Tage auf, da er 131!)—1324 in Avignon bei Johann XXII. residierte. '') Sancia, Königin von Aragonien, Tochter Jakobs, König von Majorka. (Eossetti), vgl. Ep. II, (i. 3 ) dementia von Anjou oder von Ungarn, Königin von Frankreich, war eine Tochter Carls I. Martell, älteren Bruders dos Königs Robert von Neapel, Königs von Ungarn und der dementia von llabsburg. Am 1«. August 1315 wurde sie mit dem König Ludwig X. vermählt, der im folgenden Jahre starb. Die Zeit ihres Witwenstandes brachte sie mit geistliehen Übungen in Avignon zu. Dort traf König Robert 1319 mit ihr zusammen. Sie starb 12. Oktober 1328 in Paris. — 33 — Den Blick und die gesenkte Stirn gewendet, Dem tiefsten Grund der Dinge sann er wohl 105 In ernstem Schweigen nach: durch welche Kräfte 1 ) Der starke Strom entspränge, der doch wieder So schnell verschwände, trieh's ihn zu ergründen, Und in der Erde unbegrenzte Tiefen Begierig nach Erkenntnis, heifs in Sehnsucht 110 Wies ihm sein Geist den Weg. Auch sprach er wohl Zur Göttin seines Glücks erhabne Worte: „Welch süi'ses Trugbild gaukelst du mir vor Und schmeichelst treulos mir mit falschem Lächeln? Ich weifs es wohl, dai's mich der Tod erwartet, 115 Ob auch die Welt, einmütig in Bewundrung, Mein Haupt allein mit Kronen schmücken wollte. Wenn auch die seltne Treue dich begleitet, Und du mir lange, gleich Metellus 2 ), huldigst, — Dies alles fällt dem Tod zur leichten Beute; 120 Ein Streich von ihm zerschmettert dein Geschenk. Kein Strom verrinnt mit so geschwindem Lauf, Wie unsers Lebens Zeit. Zwar reichlich schwellen Aus Quellen neugeboren Ströme wieder, — Doch wenn von uns das Leben schwindet, ach, — 125 Wohin entweicht's? Aus welcher Quelle je In aller Zukunft könnt' es sich erneun, Wenn nicht des Tods Bezwinger, der zur Hölle Als Sieger eindrang und das Tor des Grabes, Das seinen Leichnam barg, gewaltig sprengte, — 130 Der frohe Scharen von Entschlafnen aufwärts Zum Himmel mit sich ril's, — der arme Seelen Aus langer leidensvoller Qual erlöste, — *) Über das Wechseln des Wasserstandes der Sorgue vgl. Ep. III, 3, Anmerkung 2. "') Über das während eines langen Lebens sieh stets gleichbleibende Glück des Q. Metellus Macedonicus berichtet Valerius Max. VII, 1: Metellus war Haupt einer vornehmen Familie; drei seiner Sühne waren Konsularen, einer gewesener Censor und Triumphator, einer gewesener Prätor, drei Töchter waren in glücklicher kinderreicher Ehe verheiratet. „Seltene Treue" nach Horaz, carm. I, 35, 21 rara Fides. F. Triedersdorff, Petrarcas poetische Briefe. 3 — 34 — Im Herzen gnädig unsrer Not gedacht Und uns den Hoffnungsstrahl verliehen hätte: 135 Einst wieder aufzustehn aus Grabes Nacht." l ) — Das alles trug im Herzen tiefbewegt Der weise Fürst, — vielleicht auch an die Arglist, 2 ) Die schlimme, dacht er dann und sah im Geist In diesem kleinen Flufs das Ebenbild 140 Der Skylla und Charybdis und den Strand Calabrias, wo wilde Meeresflut Siciliens Flur vom festen Lande trennt Und schaurig brausend beide Küsten scheidet, Und wohlverdiente, strenge Strafe drohte 145 Sein Heldensinn Aoliens frechem Herrscher. Was er auch sann, ein so erhabner Fürst Kann Grofses nur und Ungemeines sinnen! — An ihn gedenkend zeigt auf Ufers Grün Der Bauer stolz den Platz, wo er geruht, 150 Dem alles Landvolk huldigt. — Bleibe nun, Daheim, wenn du's vermagst, — wo nicht, so komm, Mein Vater, teurer mir wie Sonnenschein, Bisher vergebens, wie das Licht ersehnt! 0 komm, wenn nicht zu mir, doch zur Betrachtung 155 Der holden Stätte, die der König liebte! — Noch hat die Zeit ihr keinen Beiz geraubt. Der Enkel Schar wird auf den teuren Platz In frohem Stolz dereinst mit Fingern deuten, Und alle Welt wird seine Schönheit rühmen, 160 Wenn unsre Zeit in grauer Ferne liegt. >) Über die geistigen und religiösen Interessen des Königs Robert, seine theologische Beredsamkeit vgl. u. a. Ep. 1,1, 11 ff. und Ep. II, (i. Ep. I, 14, 54 ff. a ) Mit den folgenden Versen spielt P. auf das Streben des Königs an, sich der Insel Sicilien zu bemiiehtigen, die von ßechts wegen ihm gehörte, aber von Friedrich III. von Aragonieu ihm vorenthalten wurde. L)eu Usurpator nennt P. „Äoliens Herrscher", wegen der kleinen äolischen Inseln an der sicilischen Küste, die zu Friedrichs Herrschaft gehörten. 5. An Benedict. XII. 1 ) (Zweiter Brief.) Verstoi'sen, dürftig, ärmlich angetan, Gering geachtet schien die Fremde, die Vor deiner heü'gen Tür, erhabner Vater, Sich neulich flehend niederwarf; — aus Zufall 5 War ich zugegen — keine Weggenossin War ihr gefolgt — so mutlos war die Treue! — Und fortgescheucht durch ihr betrübtes Los War jeder Freund. Bescheidne Bitte trug Bereits sie vor, und schon gewährtest du 10 Geneigtes Ohr der Klage, — da — o Wunder! — — Wie führt des Herzens Ahnung uns so richtig — Erschien mir wohlbekannt die würd'ge Frau! Abschreckend freilich war der erste Anblick, Und ungeordnet, wild ihr graues Haar; 15 Doch Hoheit lag in diesen Zügen, Ehrfurcht Gebot ihr hohes Alter und sie zeigte Noch manche Spuren ihrer alten Grüfse. ') Hatte P. in Ep. I, 2 die verlassene Roma selbst das Wort ergreifen lassen, um Benedict. XII. zur Rückkehr zu bewegen, so redet er hier in eigener Person. Er berichtet dem Papste, dafs er die greise Roma nnter^ den Bittstellern gesehen habe, und legt ihm ihre Bitte heimzukehren ans Herz. Ausführlich erörtert er, dafs nichts so herrlich in der Welt gewesen sei, wie sie, die jetzt so tief gefallene; dieser Glückswechsel müsse den Papst bewegen, sich der Verlassenen anzunehmen. Auch habe er sich verpflichtet nach Rom zu kommen, sobald die von Johann XXII. angeregte theologische Frage nach der visio beatificaus (vgl. Anm. zu v. 155) erledigt sei. Dies sei geschehen, also er sein Wort zu halten verpflichtet. Reicher Segen werde seinen Entschlufs lohnen. Das Gedicht vermochte noch weniger als Ep. I, 2 den Papst zur Heimkehr zu bewegen, er baute vielmehr den riesigen, festungsartigen Palast auf dem „rocher des Doms* zu Avignon, um sich gegen Frankreich zu sichern. P. hat hier und auch sonst z. B. Ep. III, 29 u. a. seine Kenntnisse des Altertums mit einer Breite vorgetragen, die wir weder mit dem Zwecke der Dichtung noch mit ästhetischen Rücksichten recht in Einklang bringen können. Es war wohl die Freude an den wieder entdeckten Schützen des Wissens, die ihn dazu trieb; aucli konnte er auf zahlreiche Leser rechnen, die gleich ihm sieh daran freuten. 3* — 36 — An ihr erschien nichts niedrig-, nichts geinein; Ihr Wort, des Geistes Zeugnis, tönte stolz 20 Und aus dem Auge blitzte edles Feuer. Der Reise Zweck und ihrer Klage Ursach, Woher sie käme, Name, Heimat, Abkunft, Erkunden wollt' ich. War latinisch doch Der Greisin Rede, ihr Gewand latinisch, 25 Ob alt auch und verschossen; dreimal kam Sie zum Palast, doch dreimal stockte mir Vor Scheu die Rede. Mitleidsvolles Flüstern Verriet indes mir ihren Namen. Seht, So hört' ich leise sagen, das war Rom! — 30 Ich war entsetzt. An diesem Beispiel lernt' ich, Wie wenig man dem Glück vertrauen darf. Kein andrer Tag bewies es je so deutlich. Denn wenn das Glück mit seines Rades Schwung Gleich alle Reiche launenhaft vernichtet, 35 Den Knecht erhöht zum Sieger, Herrscher stürzt Von ihrem Throne — nimmer hat es doch Sich so handgreiflich kundgetan, sich so Als weltbeherrschend jedem offenbart, Als da es Romas Macht zu Boden warf, 40 Die Frucht von so viel Kämpfen, so viel Mühen, Und ihres Hauptes eine Welt beraubte. Mag Griechenland, die Heimat hoher Worte, Die Lehrerin der Ruhmsucht, seine Helden Zum Himmel prahlend heben, unablässig 45 Im Liede sie verklären; mag Achill, Stolz auf Homer, den Herold seines Ruhmes, Der Feder seines Sängers mühelos Als Lanze sich bedienen; Theben mag Mit Weihrauch festlich Herakles begrüfsen 50 Und himmelhoch erheben; mag die Gunst Des Volks von Sparta Ledas Söhne tragen Bis zu den Sternen; mag die sünd'ge Herrschaft Zu Jovis Ruhme, mag der Sturz allein Zu seines Vaters Ruhme dienen; sei 55 Als alter Weiser Nestor hoch in Ehren; — 37 — Als Freund des Vaterlandes Codrus; als Der Zukunft kundig sei Tiresias Gepriesen, hochgelobt sei Diomed, Weil er das Blut der Göttin einst vergofs, 60 Und Jason, der entführt des "Widders Vliefs; Sei Liber, den die wilden Tiger zogen, Der froh den Thyrsus schwang, im Siegespomp Hindurchgedrungen zu des Indus Ferne; Ein eignes Lied mag die Atriden feiern 65 Und singen von der beiden Aias Hasen, Vom Helden Ithakas und seinen Listen Und seiner Irrfahrt, die zwei Lustren währte; Hinzugefügt sei seinem langen Wandern Des Helden Name, den beschwingte Pfeile') 70 Und einer Schlange Bifs berühmt gemacht; Hoch sei geehrt als Held Miltiades Ob seines Marathon, gepriesen Cimon Für seine Ketten, der des Vaters Leiche Mit also ungeheurem Preis erkaufte; 2 ) 75 Latit soll das Lied ertönen von dem Schmause Der Heldenschar am Thermopylenpai's; Der Salzesflut von Salamis entsteige Im Flammenhauch dein Ruhm, Themistokles — Gewandte Rede, bei bewehrter Faust 80 Empfehle dich Pisistratus, doch dich 0 Perikles, die waffenlose Rede; Mag kühne Tat den Tydeus, Kriegserfahrung Nach langem Leben Philopoemen zieren, Und an die ersten Feldherrn reihen; mag 85 Die Richter auf elysischen Gefilden Gerechtigkeit mit vollem Kranze schmücken, — Dals er die Schlange schlug, das bleibe ewig ') Cinigerum morsu illustrem steht im Text, was keinen Sinn hat. Ich lese: Pinnigeruin morsu illustrem: den Pfeiltriiger, der durch den Bil's berühmt wurde, d. i. Philoctet. ' i ) Cimun begab sich freiwillig in das Schuldgefängnis, in dem sein Vater gestorben war, um seine Leiche auszulösen und an seiner Stelle Schuldgefangner zu sein. — 38 — Des Kadmus Ruhm, und unvergessen sei Des Alcibiades gepriesne Schönheit, — 90 Athen, das redefrohe, ehre Theseus Der aus des Orkus Hainen wiederkehrte; Zu ihnen zähle Asiens Helden, füge Hinzu so Dardanos als Tros, hinzu Des Priamus gefeiert Haus, ja seihst 95 Zugleich der Perser und Assyrer Fürsten, Auch Cyrus, überströmt von Menschenblut, — Den meerumsptilten Pharus nimm hinzu, Auch, wenn du willst, die dürre Wüste; zähle Die Länder auf, da sich dem Süden zu 100 Der Erdkreis wendet, unbekannte Völker Magst du entreifsen der Vergessenheit; Carthago mag, nach drei verlornen Kriegen Meineidig wieder seinem Hannibal Samt seinen Brüdern, seinem Vater, der 105 Im Krieg gewaltig war, ein zweiter Mars, Auf's neue Waffen in die Hände drücken! Wozu von Libyens flücht'gen Reiterscharen, Vom Lande reden, wo der Tag versinkt! Auch Calpe nenne, ja ganz Spanien; 110 Von seinen tausend Führern preise den, Der einzig Lob vielleicht verdient, der lange Durch Plündern sich und Räuberei bewährte, 1 ) — Mich trägt von dort der Ozean zur Insel, Zur liochberülimten, die den eis'gen Pol 115 Wie lebend schaut, und gläubig rühmend preist Was trügerisch von ihm die Fabel meldet, — Nach Frankreich, das von Wäldern, Quellen, Schlachten, Von seiner Ritter tollen Liebeshändeln Die alles Volk bewundert, ewig singt; 120 Das seinen grofsen Karl und jene zwölf, Des Königs Paladine, und sein Reich Geschmückt durch so viel allerhöchste Zierden *) Rossetti findet hier eine Anspielung auf die sarazenischen Fürsten zur Zeit Karls des Grofsen; ich möchte eher an Viriathus denken, — 39 — Voll Stolz uns zeigt und doch so lange schon Erschöpft verharrt in tatenloser Ruh, — 125 Du magst noch ferner Deutschlands Völker nennen, Die hoch im Norden, wenn die Freiheit ruft, Zum Tode alle freudig eilen; — immer Was du auch finden, wo du's finden magst, Es ist gering, wenn du's mit Rom vergleichst! — 130 Durchs Land der Makedonier magst du wandern, Den jungen Feuerkopf, den alten Philipp Aus ihren Gräbern wecken: sammle drauf Was allesamt an Taten sie vollbracht, — Und wenn du dann, von Liebe nicht verblendet, 135 Das Urteil sprichst, so wird kein Zweifel bleiben: Sie reichen nie und nimmermehr heran An Romas Gröfse! Nun hat dieses Weib, Einst mit Triumphen ohne Zahl geschmückt, Verlassen jetzt von beiden hehren Gatten, 1 ) 140 Ein unvergefslich Beispiel aller Welt Gegeben von Fortunas Doppelwesen: Bedrängten war sie einst ein offner Hafen, Der Klippe gleich bedrohte sie den Stolz! — Und heut? — zu aller Spott ist sie geworden! — 145 Zu deinen Füfsen hat sie trauervoll Noch jüngst gefleht, — dein Herz bewahrt ihr Wort. Doch hielt dich fest die schwere, grofse Frage: Was schauen dürfte die erlöste Schar Wenn aus des Leibes Kerker sie befreit 150 Und abgetan sei ihrer Menschheit Fessel: Ob dann die Wolke sänke, dafs den Glanz Des Himmels sie und Gottes Antlitz sähen, Und ob erst dann, wenn aus geborstnen Särgen Die auferstandnen Leiber sich erhöben, 155 Sie reine Wonne säh'n, — doch nicht zuvor! 2 ) ») Vgl. Ep. I, 2 . 2 ) Johann XXII., der Vorgänger Benedict XII., hatte die Behauptung aufgestellt, dafs die Seligen nicht sofort nach ihrem Tode, sondern erst am jüngsten Tage das Antlitz Gottes schauten. Die Kirche hatte bis — 40 — Und wie du alles sorglich prüftest, alles Zusammenlasest Punkt für Punkt und emsig Durchsuchtest tausend Bände, wurde immer Hinausgeschoben der Entscheidungstag; 160 Und ward auch warmer Eifer angeregt Und war in Spannung auch der Menschengeist, Stets unentschieden blieb für ihn die Frage. Doch sieh! die Zeit ist da! Zur Ruhe kam Der lange Streit, den weise du beschwichtigt! — 165 Nach dir, nach seinem Gatten sehnt sich Rom, Voll Zukunftshoffnung, ganz Italia Erwartet freudig seines Vaters Heimkehr. Nimm an die Bitte, bringe gnädig Rettung! Dann soll dein Auge Christum ehren sehn 170 In aller Welt; dann soll als grofse Herde Die ganze Menschheit dir als Hirten folgen. Dann sollen Götzentempel, Götzenbilder Zu Boden stürzen, soll der falsche Wahn Von dir bezwungen seine Ohnmacht fühlen 175 Und nimmermehr der Menschen Herz verfinstern! In allen Ländern herrsche frommer Glaube, Und Lieb' und sel'ger Friede; von der See Verschwinde der Pirat, der Seuche Keim Verschwinde aus den Brunnen, aus der Luft 180 Verschwinde der Verpestung Todeshauch, Froh lache rings die Flur; der Ruhe Glück Erfreue jede Stadt, dem Volke gelte Die Tugend mehr als Gold bewundernswert, Das Laster mehr als Not und Tod gefährlich! 185 Es freue sich im Alter noch dein Blick An solchem Segen; — schaust du einst zurück Auf lange Zeit gepriesnen Glückes, dann Zum Sternenhimmel schreite sanft hinüber. Dein Lohn ist hier Verehrung aller Zeiten dahin gelehrt, dafs die Seligen sofort nach dem Tode Gott schauen könnten. Wegen heftigen Widerspruchs der Theologen muiste JohaunXXII. widerrufen, nach seinem 1334 erfolgten Tode dauerte der Streit noch fort und wurde erst 133G von Benedict XII. beendet. — 41 — 190 Und dort des höchsten Gutes voller Anblick, Nach dem bei Nacht und Tag die treue Schar Sich seufzend sehnt, Jerusalem sich sehnt, Das jetzt verkannt, vertrieben weint, bis einst Den Mliden sel'ge Kühe, den Bedrängten 195 Des Himmels nie empfundne Wonne winkt. X Friedliches Glück. 1 ) (An Philipp von Cabasolles.) Der Bürger Rasen scheuchte mich von Italien fort; Ich fluchte halb gezwungen halb froh zum alten Ort. Da liegt der Hain, die Quelle, — mein stilles FriedensglUck, — Doch treue, heitre Freunde, wer bringt mir euch zurück? 5 Hier Lust, dort Gram! Kein Frohsinn kann ohne euch gedeihn, Doch für das Glück der Heimkehr will Gott ich dankbar sein. Hier war ich Kind, hier Jüngling, hier mag das Alter nahn! Denn werden Glückespforten nicht schnell mir aufgetan, Verbleib' auf deinen Fluren ich friedlich bis zum Tod; 10 Hier bin ich nicht von Feinden, nicht von Gezänk bedroht. Philippus, edler Meister, hier werd' ich heimisch nun, Hier will am Sitz der Musen, an ihrem Quell ich ruhn! ] ) Aus den Kämpfen und Wirren Italiens, spezioll wohl aus denen, die das feste Parma umtobten, kehrte P. nach seinem sicheren Zufluchtsort in Vaueluso bei Avignon zurück. Aus dem eingeschlossenen Parma, in dem er einst glückliche Tage verlebt hatte, war er unter Gefahren mit List entkommen (vgl. Körting p. 214 ff.). Er kam 1345 wieder in Avignon an und wünschte nach langer Reise Ruhe zu finden. Aber in Vaucluse war vieles verändert, sein Garten verfallen; er mufste seine Arbeit von vorn anfangen. Leider war sein Freund, Philipp von Cabasolles, sein nächster Nachbar, dessen Schlofs auf der Höhe oberhalb der Sorgue lag, und mit dem P. aufs innigste verbunden war, noch abwesend, anscheinend m diplomatischen Geschäften an dem unruhigen Hofe von Neapel. Deshalb ruft P. seinen Freund mit herzlichen und ernsten Worten in diese Stille der ländlichen Flur zurück, warnt ihn vor den Gefahren der grofsen Welt und empfiehlt ihm Studien in der Einsamkeit. Mit Geschick versteht er es, dazwischen anzubringen, dafs er auch für Bepflanzung seines Gartens eine Unterstützung von dem Freunde haben möchte. — Das Gedicht ist das einzige, das P. in gereimten Hexametern gemacht hat; es schien der Nibelnngenvers zur Wiedergabe sich zu empfehlen. — 42 — Die müden flUcht'gen Musen liefs hier ich gastlich ein, Auch du, von mir geladen, sollst ihr Genosse sein. — 15 Hier machen traute Bücher dich aller Sorgen quitt, Und lassen mich vergessen, was ich im Kriege litt. Hier findest du Neapel, ich Parmas gastlich Haus — Nicht Kampfeslärm noch Tücke verdrängen mich daraus. Wer Lust hat, sammle Schätze, denn meinem stillen Sinn 20 Genügts, nicht dai's ich König, doch dafs ich Dichter hin. Nicht schäm' ich mich des Titels, der schon so viele schmückt, Hat dich das wilde Jagen nach Ehren mehr beglückt? Dich trägt ein schwanker Nachen durch Meere her und hin,i) — Kommt nie das Graun des Todes mit Angst dir in den Sinn? 25 Wird nie des argen Hofes Gefährlichkeit dir klar? Wie schwankt die Gunst! Die Schwelle umdräut der Sorgen Halt ein, ich rate weise, entflieh der bösen Welt, [Schar! So lange noch die Segel ein günst'ger Fahrwind schwellt. Hier wartet dein, o Meister, ein friedlich Lebensglück, 30 Hier aller Güter Fülle; o kehre schnell zurück! Lafs du den Geizhals sorgen für Reichtums Überschwang; Wohl glänzt das Gold, doch schlägt es das Herz in bittern [Zwang. Die Wand braucht keinen Teppich,' 2 ) des Mannes Kleid sei [schlicht, Die Kost sei gut, dann leist' ich auf Schlemmen gern Verzicht. 35 Was nützt am stolzen Lager ein Tritt von Elfenbein! 3 ) Wer gut sein Werk beendet, nur der schläft ruhig ein. 1 ) Die Erwähnung der Seefahrt ist nur bildlieh zu verstehen. Philippe de Cabasolles, Kardinal, gebürtig aus Cavaillon in der Provence, war anfänglich Kanonikus der dortigen Kathedralkirche, darauf Archidiakonus, ferner Propst und endlich Bischof daselbst, 1334. Darauf wurde er Patriarch von Jerusalem; Urban V. machte ihn später zum Kardinal und Bischof von Sabina, schickte ihn auch als Legaten nach Italien und Deutschland. Gregor XI. vertraute ihm die Administration der päpstlichen Länder, während er in Avignon safs. Ph. starb in Perugia 27. April 1372. 2 ) Bekannt ist die Sitte die Wände mit kostbaren Geweben zu behängen, (man denke an Kaffaels Arrazzi). 8 ) Das hohe Himmelbett wurde nicht selten vermittelst kleiner Treppen oder Tritte, die man beim Schlafengehen an das Bett schob, bestiegen. — 43 — Hier glänzt kein Purpurschimmer vom kunstverzierten Bett, Hier leuchtet nicht von Marmor schneeweifs die Lagerstatt; Auf Perlen nicht noch Purpur bereit ich dir den Pfühl, — 40 Wo Wellen dich umtanzen auf heiterm Rasenbühl. Nur bringe selber klüglich, da Gottes Gnadenhand Dir hohen Geist gegeben, dein Schiff ans sichre Land. Ich bleibe fest entschlossen, (naht doch der Tod sogleich!) Nach hohem nicht zu streben, — mein Gärtchen macht mich [reich. 45 Das zeigt mir, wie der Gärtner so träge hier geschafft, 1 ) Das fordert neue Stämme; den alten fehlts an Saft. Das sei, macht mich das Alter für Jugendwerke matt, 2 ) Gibt Gott mir langes Leben, des Greises Ruhestatt. In obstbeladner Zweige bequemem Schattendach 50 Stell' ich mit Angelhaken den stummen Fischen nach. Das andre spendet reichlich mir dies geschlossne Tal, — Zum Nachtisch krönen Pfirsich und Birne mir das Mahl, — 0 lafs dich von den deinen mit solcher Frucht versehn, Dann wirst den Altersleiden du glücklich widerstehn. 8 ) — 55 Dies schrieb aus Waldesdickicht dein Freund und weifs [zur Frist Noch nicht, ob an der Sorgue er Gast ob Flüchtling ist. Der ausschweifende Luxus machte auch aus diesem einfachen Möbel einen Prachtgegenstand. *) Über die Verwüstungen, die in seinem den Nymphen im Kampfe abgerungenen Terrain eingetreten waren; vgl. Ep. 111, 1, v. 41—51. 2 ) Die Basler Ausgabe von 1554 (Petri) und noch Rossetti lesen: Ut cum tempus mortis erit ad iuvenilia laevnm — nostra sit hie requies, si tantum tenditur aevum, obwohl offenbar v. 47 kein Hexameter ist und die Verderbnis in „mortis" ganz klar ist. Denn nicht vom Tode redet P., sondern von der Ruhe eines behaglichen Alters. Vermutlich hat P. geschrieben: ut cum tempus erit vitae ad iuvenilia laevum; demgomäfs ist auch übersetzt worden. 3 ) P. wurde mit zunehmendem Alter immer mehr ein Feind der Arzte und heilte seine Leiden am liebsten mit einer von ihm selbst bestimmten Diät, in der das Obst eine hervorragende Rolle spielte. Er liofs auch von seinem Vegetarianertum nicht ab, so sehr auch die Abnahme seiner Kräfte eine festere Kost notwendig zu machen schien. Körting, p. 133 u. 441 u. 443. — 44 — 7. Das Bekenntnis. 1 ) (An Giaoomo Colonna.) Du wünscht genau zu hören, was ich treibe, Wie's um mein Leben, um mein Wesen steht. Nun wohl, ich will die Wahrheit nicht verschweigen Und nichts Erdachtes will ich dir berichten. 5 Dem Selbstgespräch sei eitle Ruhmsucht fern. Vernimm zunächst: ich lebe wunschlos, froh Des schon Erworbnen, schlofs den Herzensbund Mit goldner, reiner Armut, und ich schäme Mich ihrer nicht. Wenn nur Fortuna mir 10 Mein kleines Gärtchen läi'st, mein enges Haus Und meinen Bücherschatz, so mag sie alles, Was sonst sie will, getrost von dannen tragen, Nur ohne Lärmen — es gehört ja ihr! Ich frage nichts nach Gütern, nach der Ahnen 15 Ererbtem Reichtum, der ein hohes Streben *) Die Person der von ihm in unübertroffenen Sonetten besungenen Laura hat P. in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dafs sie wirklich gelebt habe, Tochter eines Edelmanns de Noves gewesen sei und mit Hugo de Sade in Avignon 11525 vermählt worden sei, konnte erst durch de Sade im 18. Jahrhundert begründet werden. Auch aus der vorliegenden Epistel erführt mau über Laura und ihre Beziehungen zu P. nichts näheres. Das Gedicht zerfällt in zwei Hälften; in der ersten teilt P. seinem vertrauten Jugendfreunde Giacomo Colonna mit, welche Leiden ihm seine Liebe zu Laura verursacht habe, — wie er durch alle Welten geflohen sei, um ihr zu entrinnen. Hier erfahren wir wenigstens die Tatsache, dafs Laura eine Dame von altem Adel gewesen ist. Im übrigen schildert er seine Liebe als einen Kampf, in dem er seiner schönen, grausamen Feindin unterliegt. Die Qualen dieses Bingens sind ergreifend geschildert. Nach vergeblicher Flucht durch Länder und Meere habe er sich, sagt P., in die Einsamkeit von Vaucluso gerettet. In der zweiten Hälfte gibt er dem vertrauten Freunde eine Schilderung seines einsiedlerischen, den Studien gewidmeten Daseins, die zu dem schönsten gehört, was über die Freuden eines wissenschaftlichen Lebens je gedichtet worden ist. Das ganze Gedicht läfst uns einen tiofen Einblick in das Gomütsleben des Dichters tun. Als Abfassungszoit setzt Körting, der p. 089 das Gedicht eingehend behandelt und z. T. in Prosa übersetzt hat, mit grofser Wahrscheinlichkeit 1338 fest. — 45 — So schwer belastet, der die freie Seele In Fesseln schlägt und Leiden endlos schafft. Nur was Apoll mir gnädig schenkte, sei Unangetastet; meine freie Mui'se, 20 An der kein sorgenvoller Ehrgeiz hängt, Soll niemand stören. Nichts auf dieser Welt Erregt mir Neid noch glühend wilden Hafs, Und von mir selbst denk' ich gering, wenn auch Bislang mein Hochmut zu den Sternen flog 25 Und ich auf alle stolz herniedersah. Doch alles wechselt in der Welt; mir ward Genugsam klar, was an mir ist; die Träume Des Dichters irrten nicht. Was nützt es mir, Dafs ich den Durst im Musenquell ein wenig 30 Gelöscht, wenn nun ein andrer, heifser Brand Mein Herz durchtobt und unablässig rast? Was hilft es, dafs am Helikon gelagert, Der Menschen tolles Treiben ich von weitem Bequem belachte, wenn ich eigne Not 35 Erfolglos, ach! und endlos mufs bekämpfen? Was nützt der schöne Schein bei trüber Seele? Allein mich selbst, wenn auch mit Recht, zu loben Entspricht nicht meines Sangs bescheidner Art. Ich wtifste wohl, was mich beglücken könnte, 40 Doch Gram und Kummer nagen still geschäftig An meiner unglücksergen Brust. — 0 Freund, Du lang vertrauter, seh' ich doch schon hier Des Mitleids Zähren deine Wange netzen! Du willst mit wahrer Vaterliebe alles, 45 Was mich bedrückt, erfahren, ■— darum spornt Die Liebe mir den Kiel, ich folge willig. Ich Sprech es aus. Mir nützt vielleicht dein Bat. Es tut mir wohl, das schwerbeladne Herz Durch Klagen zu entlasten. — Mich verfolgt 50 Ein herrlich Weib, durch Tugend, alten Adel Daheim bekannt, im Lied von mir gefeiert Und so in aller Welt berühmt geworden. — 46 — Sie tritt mir kühn entgegen, es erfüllt Ihr Übermut mein Herz mit banger Sorge. 55 Von ihrem Herrschersitze hat bis heut Kein Mittel sie verdrängt, doch nahm sie einst Die Seele mir durch Einfachheit und Anmut Und durch der Schönheit Zaubermacht gefangen. Zehn lange Jahre 1 ) hatt' ich schon das Haupt, CO Das müde, murrend unters Joch gebeugt; Ich war empört, in eines Weibes Banden So lang zu schmachten. Durch geheime Qual Verzehrt, war ich ein andrer längst geworden, Und langsam glimmend war die düstre Glut Bis in das Lebensmark hinabgedrungen. 65 Ich rief den Tod, weil der erschöpfte Leib Zusammenbrach. — Da griff die Freiheitsliebe Mir in die Seele; ich ermannte mich. Zurück ins tiefste Herz drängt' ich den Gram, Das Joch zu sprengen spornt' ich alle Kraft. 70 Ein schweres Werk, die Herrin zu vertreiben, Die ein Jahrzehnt geherrscht, der Feindin Macht Zu brechen mit erschöpfter Kraft! — Dies Wagnis, Ich unternahms und Gott hat mir geholfen! Er löste gnädig aus der alten Schlinge 75 Mein Haupt und gab mir Sieg im langen Kriege. — Allein die Feindin, schwer getroffen, legte Die Hand an ihren Sklaven, sehritt zum Angriff Auch unter Schmerzen. Zärtlich süfse Blicke, Die stille Glut entfachen, scharfe Pfeile, 80 Die wonnig schmerzen, — das ist ihre Rüstung! Mit diesem warf auf schon betretnem Pfade Sie mehrmals mich zu Boden — was beginnen? Wie ihr begegnen? Nochmals sie bekämpfen? Sie wird mich härter knechten als zuvor! — 85 Drum flieh' ich ohne Ziel durch weite Fernen! 2 ) ') Da P. seine Laura nach eigener Angabe 1327 zum ersten Male gesehen hat, so inui's vorliegender Brief nach 1337 geschrieben sein. a ) Wenn es auch wahrscheinlich ist, dafs hiermit die 1330—1337 nach Italien unternommene Reise P.s gemeint sei, so ist doch, was er über den — 47 — Den Sturm der Adria, die See Toskanas, Durchfurcht' ich ktihn, — dem Joch entschlüpft, hab' ich Dem schwanken Kahn dies Leben anvertraut Und nicht gezittert. Denn ein schneller Tod, — 90 Wie konnte der mich schrecken, dem das Leben Verbalst war, der dem Ungemach erlag? Zum Westen gings. Pyreues Scheitel sah, Wie ich mich barg im sonnenhellen Grase, Mich sah der Ozean, wo Sol, erschöpft 95 Von weiter Fahrt im Meer Hesperiens kühlt Den Feuerwagen und den Atlas anschaut, Der durch Medusas Blick zu Stein geworden, Wo Felsengipfel lange Schatten werfen Und schnell die Nacht der Mohren Land verhüllt. 100 Zum Norden zog ich einsam, wo die Völker Mifstönend reden, wo die wilde Woge Am Strand der Briten wechselnd ebbt und flutet, Wo eisbedeckt der Boden nicht der Pflugschar Sich willig fügt und keine Beben duldet 105 Auf seinen Hügeln, wo statt goldner Saaten Auf magrer Haide dürrer Ginster wuchert. Was blieb mir noch als in der Schlangen Heimat Zum Schreckensort zu ziehn, zur heifsen Wüste, ., Und in der Tropenglut die schwarzen Leiber 110 Der nackten Äthiopen zu betrachten Und auszuforschen, wo Natur den Quell Des Nils im Schofs der dunklen Erde barg, Verlauf derselben sagt, sehr wunderbar. Er fuhr zur See von Marseille nach Civita vecchia, die Adria hat er unseres Wissens nicht berührt. Vielleicht hat er denselben Rückweg genommen und die Pyrenäen nur von Lombes aus, dem Bischofssitz seines Freundes Giac. Colonna (damals oder schon früher!) gesehen. Von einer Reise an den atlantischen Ozean, die man in v. 94 ff. vermuten niufs, ist sonst nichts bekannt; ebensowenig von einer Fahrt nach dem Kanal oder der Nordsee. Es scheint, dafs P. Eindrücke seiner früheren Reise, die ihn 1333 nach Paris, den Niederlanden und Deutschland brachte, zu einem freien Gesamtbilde vereinigt hat, um die Anstrengung und das Vergebliche seiner Flucht zu veranschaulichen. In dieser Absicht redet er auch von einer Reise nach Africa. — 48 — Den kein Jahrhundert kannte, den so viele Vergeblieh suchten? — Aus des Wandrers Seele 115 Entschwanden langsam Schmerz und Zorn und Furcht Und alle Stürme, sanfter Schlummer schloi's Mir endlich zu die feuchten Augenlider Und mein Gesicht erglänzte, selten zwar, Doch wieder hell in ungewohntem Lächeln, 120 Und minder herrisch, minder kampfbegierig Erschien den Träumen der Verlassnen Bild. — Weh mir! Was muls ich melden?! Doch du willst es! Schon wagt ich dreist die bittren Schmerzen, schon Die Martern toller Glut gering zu achten; 125 Die leicht verharschte Wunde, meines Leidens Nicht mehr erhoffter Stillstand täuschte mich. Die Zelte brach ich ab, ich kehrte heim, — — Zum sichern Tode — So verlangts das Schicksal, Das grausam mich bedrückt, so trieb der Wahn 130 Mein irrend Herz. — Kaum an die Grenze war Des heifsgeliebten Ortes ') ich gelangt, Da fällt des Kummers Last mir auf die Seele, Die jüngst noch frei war; es erfafst mich wieder Das alte Leiden mit erneuter Wut. 135 Was soll ich Armer reden? wie beginnen Die Kunde meiner zweiten Leidenszeit? Wer wird mir glauben? Welche Sangeskunst Vermag zu schildern, in wie bittrem Harme Den Tod ich oftmals rief, ja Schlimmres plante? 140 Wie schwere Pein der Trieb nach Freiheit brachte? Nichts mehr davon! Zum letzten Male sanken Die Sklavenfesseln mir vom Rücken nieder, Und keine Rettung hofft' ich als die Flucht. Nie scheut in finstrer Nacht der Schiffer so 145 Die Klippe, wie ich jetzt ihr holdes Antlitz Ihr suis berückend Wort, ihr goldnes Haar, *) Avignon, wohin P. am 10. August 1337 wieder heimkehrte. — 49 — Den Perlensehmuck am weifsen Halse fürchte, Den zarten Nacken und den Wonneblick, Der noch im Tode mich entzücken könnte! 150 Wär's möglich, dafs zum dritten Mal vergeblich Bei meinem Gott ich Hilfe suchen müfste, Der mir schon zürnt, dafs ich an heil'ger Schwelle 1 ) Des Ruders Trümmer, Fetzen nasser Kleider Verwahren, dafs mein wächsern Bild zu Füfsen 155 Der Marmortafel ich erblicken müfste, Gebeugt zum Dankgebete? — Solche Sorgen Verfolgten meine Seele; alles dacht' ich In bangem Geiste durch — sieh, da erschien Mir dieser Fels an abgelegner Küste, 160 Der nach dem Schiffbruch sichre Hilfe bot.'-) Ihm strebt' ich zu, und nun, in diesen Bergen Versteckt, bewein' ich meines Lebens Irrfahrt. Doch wieder folgt sie mir, verlangt ihr Kechti Bald zeigt den wachen Augen sich ihr Bild, 165 Bald stört es drohend mit erzürnten Mienen Den leisen Schlaf, ja oft um Mitternacht, Wenn dreimal ;) ) ich die Türe sorglich schlofs, Drang's durch ein Wunder in mein Schlafgemach Und fordert herrisch seinen Sklaven wieder. 170 Zu Eis erstarrt' ich; nach dem Herzen wandte Aus allen Adern sich des Blutes Lauf, Den Lebenssitz zu schützen — und gewifs, Bei hellem Lichterglanze wäre deutlich Die Totenblässe meines Angesichts 175 Des unerhörten Grausens Bild gewesen. Ich fuhr erschreckt empor; die Tränen strömten, Vom Lager sprang ich auf, und bis das Frührot ') Die aus dem Schiffbruch Entkommenen weihen ihre Kleider, Euder, auch ihr eignes Wachsbild nebst einer Inschrift, die ihre Bettung verkündet, dem rettenden Gotte. Schon Horaz, Carm. I, 5 benutzt dies Bild zur Bezeichnung eines Menschen, der den Gefahren der Liebe entging. ) Der Felsen, an dessen Fufse die Sorgue entspringt. 3 ) Abergläubische Menschen pflegten nachts Türen nnd Fenster sorgfältig (dreimal, weil drei eine heilige Zahl ist) zu verschliefsen, damit böse Geister und böse Träume keinen Zugang hätten. F. Friedersdorff, Petrarcas poetlsohe Briefe. a — 50 — Mit hellem Schein vom Himmel niedersah, Verharrt ich wartend, dann erst fand ich Mut, 180 Vom graunerfüllten Zimmer mich zu wenden. — Zum ßergwald eilt' ich, blickte scheu zurück Und spähte, oh die Böse, die den Schlaf Zu stören kam, den Weg zu sperren eilte. Wirst du mir glauben? Wenn der Pein entronnen 185 Die Waldesöde pfadlos ich durchstreife, Zeigt das Gesträuch (begreife mein Entsetzen) Ihr Bildnis wieder; aus dem Eichenstumpf, Aus klarer Quelle taucht's empor, es leuchtet Im Wolkendunkel, in der hellen Luft, 190 Und lebend steigt's hervor aus hartem Fels. So deutlich ist's, dafs Furcht den Schritt mir hemmte. Sieh, solche Fallen stellt die Liebe mir! Zu hoffen hab' ich nichts, des Himmels Allmacht Kann mich allein aus diesem Strudel retten, 195 Der mich vernichtet; aus der Feindin Macht') Kann nur ein Gott mich reil'sen und vollbringen, Dafs mein Versteck mich endlich sicher birgt. Genug davon! Doch du willst mehr erfahren! — So lafs dir kurz erzählen, wie alltäglich 200 Mein Leben sonst nach festem Plan verläuft. Es würzen Hunger, Arbeit und das Fasten Des ganzen Tages mir das leichte Mahl. Mir dient ein Bauer; wenn ich einsam wandre, Folgt mir mein treuer Hund, des Ortes Öde 205 Hat alle andren von mir fortgescheucht. Verbannt ist alle Wollust, die im Glänze Der Städte lieber haust und dort die Waffen Des Sinnentaumels schwingt. Statt ihrer wohnen Die Musen hier im weltentlegnen Tale, 210 Vom Bann befreit; ein Fremder stört uns selten, Nur wen'ge lockt der Sorgue Wunderquell. ') Wie stark die Ausdrücke P.s im vorliegenden Falle sind, zeigt v. 195. Er sagt de faucibns kostia, was entsprechend kräftig mit „der Feindin Schlund" zu übersetzen dock nicht angeht. — 51 — Ein Jahr schon 1 ) weil' ich hier; allein es fanden Kaum ein bis zwei Mal die ersehnten Freunde Im stillen Tal sich ein. So unterliegt 215 Die Liebe der Entfernung! Doch besuchen Mich oftmals Briefe, die in langer Nacht Am Feuer einsam mit mir plaudern, einsam Zur Sommerszeit im Schatten mit mir sitzen. So hab ich tags, so hab ich nachts Gesellschaft. 220 Unmöglich ist es, mündlich zu verhandeln: Denn Dornen, Schnee und mein bescheidner Tisch Schreckt alles ab. Längst haben in der Stadt Die lieben Freunde, die getreuen Diener Sich an Komfort gewöhnt; sie lassen mich, 225 Der ihnen Schlichtheit predigt, sehnöd' im Stiche. Und treibt einmal die Liebe wen zu mir, Bringt er mir Trost, als säfs ich im Gefängnis, Und macht sich schleunigst fort, verwundert sich, Dafs ich die Lust verschmähe, die im Herzen 230 Doch jeder für der Güter höchstes hält. Sie ahnen nicht, welch andre Lust und Freude Ich hier geniefse im geheimen Kreise Der Männer, die aus allen Erdenländern Und allen Zeiten sich hier eingefunden. 235 Durch Wort und Geist in Krieg und Frieden sind Sie hochbevühmt und doch so anspruchslos, Dafs sie, mit einem Winkel meines Häuschens Zufrieden, mir Gehorsam nie verweigern Und stets zur Stelle, nie verdrossen sind, 240 Und gehn und kommen, wie ich will und wünsche. Ich darf sie fragen nach Belieben, willig Erteilen Antwort sie in Vers und Prosa! Die einen kllnden der Natur Geheimnis, Den besten Rat im Leben wie im Sterben 245 Die andern; manche preisen Heldentaten Aus grauer Vorzeit, manche bringen Nachricht Von ihren eignen, längst vergangnen Werken. l ) Abfassungszeit des Gedichtes also 1338. 4 * — 52 — Mit heiterm Wort vertreiben die den Kummer, Ihr Witz erregt Gelächter; jene lehren 250 Uns alles zu ertragen, nichts zu wünschen, Uns selbst erkennen. Wieder andre gehen Für Krieg und Frieden, für den Landbau Lehren, Für's Marktgetümmel, für der Seefahrt Bahn. Sie richten auf, wen Unglück niederwarf, 255 Wem Glück die Segel bläht, den warnen sie, Und mahnen ihn, das Ende zu bedenken, Des Lebens Kürze und der Zeiten Flucht. Für so viel Dienste heischen sie als Lohn Bescheiden nur ein gastlich offnes Haus. 260 Auf Erden liefs die Mifsgunst sie nur selten Ein Obdach und nur laue Freunde finden. Kaum irgendwo geduldet, sind sie zaghaft; Ein Unterschlupf deucht ihnen gleich ein Schlofs, Bis dafs der Winter endlich abgezogen, 205 Der unsre Kunst zerstörte. Doch wenn wieder Ihr Sommer naht, braucht man nicht Baldachine, Der Wände Kalk in seidne Fracht zu kleiden, Noch dafs von heifsem Dampf die Küchen schwülen, Und dafs die Wölbung donnernd wiederhallt 270 Vom Lärm des vielgeschäft'gen Dienertrosses, Wenn er zum Prunkmahl Gang' auf Gänge schleppt. Die stille Schar, die mich besucht, begnügt sich Mit ihrem eignen Gut und teilts mit mir. Bin ich erschöpft, sie bettet mich auf liosen, 275 Erduld' ich Not, sie ladet mich zum Mahle, Zu heü'gem Brot, zu süfsem Nektar ein. Und nicht im Haus allein steht sie mir bei; Sie ist bereit, durch alle Waldestriften, Durch alle Auen, wo die Nymphen hausen, 280 Mit mir zu schweifen und das Volksgetümmel, Den Lärm der Städte, so wie ich, zu hassen. Oft wandr' ich einsam ganze Tage lang; Die Rechte führt den Kiel, es trägt die Linke Das Blatt, im Herzen leben bunte Träume. 285 So schleich ich still, und ol wie oft geriet — 53 — Ich unvermutet in des Wildes Lager! Wie oft ward schon dem hohen Geistesfluge Zum Friedensstörer selbst der kleinste Vogel, Bis ihn.der Fittich schnell von dannen trug! 290 Dann ist mir lästig, wer auf schatt'gem Pfade Entgegenkommt, wer leise mich begrül'st; Denn andren, hohen und erhabnen Dingen Geb' ich mich hin. In tiefes Waldesschweigen Versenkt sich meine still entzückte Seele 295 Und unerträglich ist mir andres Rauschen, Als dafs der klare Bacb im Sande rieselt, Ein leichtes Lüftchen um mein Schreibzeug spielt, Und ich der Lieder Rhythmus leise summe. Oft mahnt des eignen Körpers längrer Schatten 300 Zur späten Heimkehr, tadelt mein Verweilen, Oft zwingt die Nacht, den Schritt zurückzulenken. Dann zeigt den Weg und warnt vor scharfen Dornen Der Abendstern, und, wenn die Sonne schied, Der milde Mond. So leb' ich, so beschäftigt; 305 Und wenn mein Herzenskummer schwiege, meint' ich, Ich sei vollkommen glücklich, ja, es hätte Ein Glücksstern in der Wiege mir geleuchtet. 8. Die Grabschrift der Mutter. 3 ) Nimm den Trauergesang, entschlafene Mutter, entgegen, Neige hernieder das Ohr, wenn nicht im Himmel die Tugend, Würdigen Lohnes gowii's, auf andere Ehre verzichtet. — *) Eletta dei Canigiani, Petrarcas Mutter, Gattin des Notars Petracco, starb 1826, als Petrarca 22 Jahre alt war. Sie hatte nur ein Alter von 38 Jahren erreicht (vgl. Geiger, Petrarca IV, 4, Anm. 1 p. 276). P. kehrte 1326 von Bologna heim, wegen des Todes seines Vaters; gleich darauf verlor er die Mutter (Rossetti, sez. III, Ann. 19). Das erhaltene Gedicht auf den Tod der Mutter ist das älteste von seinen lateinischen Gedichten. Geiger a. a. 0. sagt mit Recht, das Gedicht verrät den jugendlichen Dichter; Körting, p. 50 nennt es eine allgemein gehaltene, schablonenmäfsige Lobpreisung, welche warme und natürliche Empfindung gar sehr vermissen läfst. Es enthält 38 Verse; soviel Jahre als die Mutter gelebt hatte, soviel Verse widmete ihr der Sohn (v. 85). Bei Geiger, p. 255 ist der Anfang — 54 — Ach, was kann ich dir bieten? Du weilst im Reiche des [Höchsten, 5 Bist Erwählte des Herrn, wie's schon dein Name besagte.') Auch auf Erden vorleiht dir ewigen Namen die Tugend, Würdig himmlischen Liedes —, die gottergebene Demut, Und der erhabene Geist und der Sinn für köstliche [Keuschheit, Der bei herrlicher Schöne in Kinderjahren erblühte, 10 Bis zum Ende des Lebens sich jegliche Stunde bewährte, Und je schöner du warst, je höher und lauter zu preisen. Zwar dein irdisches Leben, o Himmlische, währte nicht lange, Doch zum Muster des Volks hat's dich, du Reine, erhoben. Fromme verehren dich ewig, ich werde dich ewig beweinen. 15 Nicht weil Leid dich traf, tönt unsere Klage, — wir weinen, Weil du mich und den Bruder, geliebteste Mutter, verlassen, 2 ) Mitten in Trübsal, erschöpft, am pythagoreischen Kreuzweg/') Selig schwangst du dich auf, der wankenden Welt zu entrinnen; Aber ich flüchte mit dir, so bleibst du im Grabe nicht einsam. 1 ) 20 Ach, es schied mit der herrlichen Mutter des traulichen Hauses Glück und Freude und alles, was sonst im Herzen uns wohltat! des Gedichtes in flinffUfsigen Jamben wiedergegeben; ich habe gerade bei diesem Gedichte gemeint, den daktylischen Hexameter beibehalten zu müssen, weil nur so ohne Verstümmlung des Inhalts sich in 38 deutschen Versen die gleiche Zahl von lateinischen Hexametern wiedergeben liefs. *) Eletta = Electa, die Auserwählte. Dal's ein Sohn die Keuschheit seiner Mutter preist und zwar um so mehr lobt, je schöner die Verstorbene gewesen, widerstrebt unserm Gefühl. 2 ) Gherardo, jüngerer Bruder Petrarcas, trat 1.142 in das Karthäuserkloster zu Montrieu bei Marseille ein. Er lebte als Mönch in diesem Kloster noch nach P.s Todo, sehr angesehon wegen seiner Frömmigkeit und der Verdienste, die er sich erwarb, als das Klostor von der Pest heimgesucht wurde. P. Epist. famil. XVI, 2. Als der Tod in wenigen Tagen alle 34 Insassen des Klostors wegraffte, verlor er den Mut nicht. :l ) In früher Jugend, als noch nicht feststand, ob wir den Weg der Tugend oder des Lasters gehen würden. Zwischen diesen beiden Wogen, von denen schon Hesiod spricht, hat auch nach Pythagoras jeder heranwachsende Jüngling zu wählen; vgl. namentlich den Herakles am Scheidewege des Prodikos von Keos bei Xen. mein. II, I, 21. ') Aus v. 2!) erst verstehen wir, dal's er in Zukunft neben ihr bestattet sein will. — 55 - Oft schon mein' ich zu ruh'n hier unter dem nämlichen [Grabstein. Heut mit wenigen Worten bezeug' ich den Kummer des [Herzens, Einstmals sing' ich ein grösseres Lied; so lang ich noch lebe, 25 Soll mir die Zunge sich regen, die Treue der Mutter zu rühmen. Heute geleit' ich dich fort, fernhin zur Stätte des Todes; Sank der vergängliche Leib, der heut noch blühet, ins Grab hin, Möge die nämliche Urne, in der du, Teuerste, fortlebst, Meine Gebeine empfangen; dann leben wir beide zusammen, 30 Werden zusammen gepriesen, wenn meiner die Welt sich [erinnert. Will das harte Geschick dies anders, soll mit dem Leibe Einst der neidische Tod zugleich mir vernichten den Nachruhm, — Sei dir allein, ich flehe zu Gott, noch über das Grab fort Leben geschenkt; nie tilge der Tod den Namen der Reinen! l ) 35 Soviel Jahre der Tod dir gegönnt hat, hab' ich dir heute Verse geweiht und habe dir Seufzer gebührend gewidmet, Während den Augen der Deinen die düstere Bahre zu sehen Und die erkalteten Glieder mit Tränen zu netzen vergönnt war. 9. Der Liebesgarten. 2 ) (An Laclius.) Ein Gärtchen nenn' ich mein, das mir im Busen Die schon erloschne Flamme neu entfacht Und an vergangner Zeiten süfse Seufzer *) Mit Recht weist Geiger darauf hin, dafs aus dieser Stelle das jugendliche Alter P.s gefolgert werden mnfs; ein auf dem Kapitol gekrönter Dichter konnte nicht so reden. Dafs er seinen eignen Ruhm gewissermassen dem Andenkon der Mutter opfert, ist nach P.s Auffassung das höchste Opfer. a ) Lello, Sohn des Pietro Stefaneschi, war ein Jugendfreund P.s, der ihn wegen der Ähnlichkeit seines Namens mit dem Laelius dos Altertums und zum Zeichen ewiger Freundschaft Laelius nannte. Er war im Dienste der Colonnas und erlangte in demselben eine gewisse Bedeutung, vgl. Körting p. 81—82. Diesem Freunde schildert P., wie das stille Leben in seinem Garten zu Vaucluse die erloschene Liebe wieder entfacht. Die Reize der — 56 — Mich still gemahnt. — "Wie wonnig ist's darinnen, 5 Mag sieh im Frühling hunt die Wiese färben, Mag dir in Sommers Mitten, wenn die Sonne Dich scheitelrecht bestrahlt, das kühle Dunkel, Mag dir im Herbste süfse Frucht behagen Und lauer Sonnenschein bei Winterskälte, — 10 Mag höher dich der Vögel stifses Flöten, Das lieblich aus dem Dickicht schallt, entzücken Und ihrer Federn buntes Kleid. — Hier singt Die Nachtigall, von allen Waldessängern Die Königin, — laut übertönt den Chor 15 Mit honigsüfsem Schall das kleine Vöglein. Oft schleich' ich durch das Dickicht und erspähe, Wie sie auf hochbelaubtem Ast sich birgt. — Entzückend schaut ein andrer Vogel aus! Den wahren Namen kann ich dir nicht nennen, 20 Lafs ihn dir schildern, du erkennst ihn wohl! Sein Kopf ist schwarz und bläulichgrau die Brust, Meist unterm Laub der Rebe spielt er froh. Wie spricht aus kleinem Körper so gewaltig Ein Feuergeist! Wie schmeicheln sich dem Ohre 25 Die vollen Töne ein! 1 ) — Natur, der Duft der Blumen, der Gesang der Vögel, das Brausen des Wassers, das Echo der Felswand versenken ihn in wonnige Träume. Das Gedicht schliefst passend sich an Ep. I, 7, 185 an, wo er, wenn auch von Schrecken erfüllt, schildert, wie in der Einsamkeit ihn Lauras Bild aufsucht und zur Liebe zwingt. ') Gemeint ist der Mönch, die schwarzköpfige Grasmücke, nach Brehm einer der liebenswürdigsten, begabtesten und gefeiertsten Sänger. Das Gefieder der Oberseite ist grauschwarz, das der Unterseite lichtgrau, das der Kehle weißlich grau; der Scheitel ist beim alten Männchen tiefschwarz. Der Mönch ist in steter Bewegung; er hüpft unaufhörlich und mit gröfster Geschicklichkeit in den dichtesten Büschen umher, (unter dem Weinlaub wohl mit Vorliebe, weil er da viele Schnecken und Insekten findet). Dafs P. des Vogels Namen nicht kennt, ist interessant, wenn man hört, dafs auch Alexander von Humboldt ihn nicht erkannte, als er seinen weichen, melodischen Gesang in einem Garten der kanarischen Inseln bewunderte. Nach Brehm 2, 41VJ verdient er in der Stube den Kang vor jeder Nachtigall. Sein langer, in einem fort gehender Gesang ist flötender und mannigfaltiger u. s. w. — 57 — Das alles schürt Des Herzens leise Gluten unablässig, Und voller Beben spür' ich schon das Feuer, Das wohlbekannte. — Hatt' ich doch entsagt! Es war ja Zeit! Und dennoch rüstet wieder 30 Mit allen Waffen, goldgezierten Pfeilen Sich gegen mich der Schmerzenbringer Amor. Sieh da! Er wetzt den Pfeil auf glattem Schleifstein! ') Die grimme Spitze prüft er mit dem Finger! Behaglich spannt er — sieh! — den Todesbogen! 35 Er biegt, aufs Knie gestützt, des Joches Krümmung! Am Strang, der tief verwundet, spielt sein Daumen! Wohin entfliehnY Was tun? Es halfen ja Mir weder Meerestiefen, Alpenhöhen Noch langer Zeit Verlauf — das Alter naht 40 Und macht besonnen — dringend fleh' ich also Um Frieden an den pfeilbewehrten Feind. Er schlägt ihn ab! Verdoppelt seine Rüstungl Und sieh! — es ist entsetzlich! — überall Zu allen Stunden fällt der grause Gegner 45 Mit schnellem Flug mich an und ich erbebe, Voll banger Furcht, dafs er mit neuem Rohrpfeil Die alte Herzenswunde wieder aufreifst! ■ / Denn alles steht ihm bei; es wirkt für ihn Des stillen Platzes wonnevoller Anblick; ') Man beachte die genaue Sachkenntnis, mit der P. das Verfahren beim Spannen und Abschiefsen eines Bogens beschreibt. Amor schärft zunächst den Pfeil (lloraz, Carm. II, 8, 15— l(i wetzt Amor Feuerpfeile auf blutigem Schleifstein), dann „bespannt" er den Bogen, d. h. er befestigt die Seime, welche im Zustand der Ruhe nur an einem Endo des Bogens befestigt ist und lose herunterhängt, an dem anderen Ende des Bogens. Dies erreicht er, indem er das Knie gegen das biegsame Joch des Bogens stemmt uud die beiden Enden desselben so nahe zusammenbringt, dafs er das lose Ende der Sehne zu befestigen imstande ist. Nun ist der Bogen „bespannt" und in Gefechtsbereitschaft. Alsdann prüft er mit dem Daumen, ob dio Sehne für einen erfolgreichen Schufs straft' genug angezogen ist. Hierauf erst kann die für den Schills selbst erforderliche Bewegung des Zurückziehens der Sehne nach der Brust hin gemacht werden, der Bogen „gespannt" werden. Vgl. F. von Luschan, Über den antiken Bogen; in der Festschrift für 0. Benndorff, p. 189 ff. und besonders Ilias IV, v. 122 ff. — 58 — 50 Den Sang der Vögel unterstützt das Flüstern Des leisen Lufthauchs; zarte Farben ringen Mit sul'sen Düften um den Preis; es wollen Die schmucken Blätter nicht der Blütenpracht, Die Blüten nicht der grünen Wiese weichen, 55 Und Eos' und Veilchen, Lilie und Narcisse, Sie streiten mit um diesen Schönheitspreis. Und ach! wie wohlig ruht sich's auf dem Grase In Ufers Grün! Wie naht der Schlummer leicht Auf weichem Rasenbett! Wie rauscht der Bach 60 So schnell dahin! Welch tiefer Wohllaut tönt Aus seinen Wirbeln!-------Doch wer schildert sie, Die holde Nymphe und ihr Zauberlied, Das sie von Baches Ufer aus erhebt, Mit engelgleichem Ton, in stiller Nacht, (35 Und wenn die Sonne naht und wenn sie sinkt?') Sie kann die Götter selbst im Himmel rühren, Dem Donnergott den Keil entwinden, kann Den spröden Stahl mit sanften Blicken sprengen, Mit diesen Augen, d'rin die Allgewalt 70 Der Liebe wohnt, die jedes Herz verwundet, Die stille Glut, geheimes Sehnen anfacht. Aus ihnen sendet seine Feuerflammen, In Glut getauchte Pfeile jener Knabe, Der leicht beschwingt um meinen Garten flattert. 75 Und davon träum' ich, träume voller Wonne, — Wozu das führt — ist nur zu wohl bekannt! 2 ) — J ) P. verleiht dem Echo, in dein das Rauschen der Sorgue endlos wiederhallt,, die Züge seiner Laura. 2 ) Die letzten Worte heifsen bei P.: seit cetera nutrix; Rossetti übersetzt: sa la nutrice il resto = den Rest weite die Amme. Vergeblich bin ich bemüht gewesen eine sprichwörtliche Redensart zu fiuden, die, wie ich vermute, P.s Worten zu Grunde liegt. Was die Amme weifs, scheint mir nichts anderes zu bedeuten als „was alle Welt weifs". — P. will also sagen, dais in dieser Umgebung, unter diesen Eindrücken, er wieder der Gewalt der Liebe verfallen und die gleichen Torheiten begehen wird, wie alle Verliebton. Und welcher Art diese sind, — das weifs eben „jedes alte Weib", Vgl. die Lehren der „Vieille" im „Roman de la Rose". — — 59 — 10. Dem unbekannten Freunde. 1 ) Wer du auch bist, — der Sänger herbes Los, Ihr unverdient Exil entlockt dir Tränen; Du singst ein Lied, der Musen Flucht zu hemmen, Und deine Sprache zeigt, wie tief du fühlst! — 5 Hab' tausend Dank! Auch für dich selber trägst Mit hohem Geist du reichste Frucht davon, Wenn du beklagst, dafs Phöbus' Sängertal Verödet liegt, dafs sein geweihter Quell Versiegt, der deinen Durst in Jugendtagen 10 Mit süfsem Trünke allezeit gestillt. Doch ach! vergeblich läfst die trübe Klage Vor mir sich hören. Ach! wie könnt' ich helfen? Wie war' es möglich? — Hätt' ich's je gekonnt, So ist's vorbei; des Dichtergeistes Feuer 15 Ist ausgebrannt, von Volkeswut zertreten. Bedarfst des Helfers du bei deiner Klage, So hat das Glück dir diesen Wunsch gewährt. Doch Rettung bringen, da die Musen leiden, Ich kann es nicht, der Schmerz hat mich entwaffnet. 20 Mir blieb allein ein mattes Trauerlied. So leb' denn wohl, mein unbekannter Freund! Wie wunderbar! Ich lieb' — und weifs nicht wen! Doch zeigt sein edles Schweigen edle Art. Welch seltner Mann, der so erhabne Verse 25 Mir schenkt und seinen Namen mir verschweigt! — ') Ein Unbekannter hatte nuter Vcrschweigung seines Namens schöne Verse an P. gerichtet, in denen er don Verfall der Poesie und die Verbannung der besten Dichter beklagte. P. drückt dem Unbekannten seine Freude und sein Mitgefühl aus, erklärt sieh auch boreit in seine Klagen einzustimmen, doch aufser stände ihm zu helfen, da die Volkswut in ihm die poetische Kraft ertötet habe. So wenig wie der Name des Dichters bekannt ist, ebenso wonig ist es die Veranlassung seiner Verse. Vielleicht kam der Brief aus Florenz, aus dem ja P. infolge der Verbannung seines Vaters auch verbannt war, und war ein Versuch ihn zurückzurufen, wie Epist. 111, 10; vielleicht ist das Ganze nur ein geistreiches Versteckenspiel. — 60 — 11. Gewitternacht. 1 ) (An Cardinal Giovanni Colonna.) Was fang ich an? Well mir! Die weite Halle Des Göttervaters wankt und bebt, erschüttert In seinen Angeln kracht mit Donnerton Das hohe Himmelstor; voll Schaudern sah 5 Ich fahle, zack'ge Blitze eine Schlacht In naher Grotte schlagen''') — und dahin War meine Ruh' in stiller Mitternacht. Von Feuern glüht der Pol bald dort, bald hier, Die Wolken bersten; brüllend tost der Donner, 10 Ein Höllenschein erregt der Welt Entsetzen. Des Menschen Herz verzagt, das Tier erbebt. Entsetzlich schleudert Jovis starker Arm Aus seiner Himmelsburg die grausen Speere, Vernichtend Feuer haucht sein Odem aus. 15 Die Sterne fiiehn und hüllen Wolkenschleier Sich um das Strahlenantlitz, wollen nicht Den Weltenbrand erblicken, der der Menschheit Zu früh das alte Chaos wiederbringt! — Der Stern der Venus, der im ganzen Reih'n 20 Des Himmelschors am schönsten glänzt, entwich Vor allen andern, tiefbetrübt zu sehn, Data seinem milden Wesen die Natur 0 Ein furchtbares Unwetter, das in einer Nacht, losbrach und den Dichter vom Lager trieb, gab die Veranlassung zu einer eingehenden Naturschilderung, in der P. zunächst von der antiken Mythologie reichlichen Gebranch macht, dann die Wirkung des verheerenden Unwetters in seiner Umgebung beschreibt und zuletzt seinen Freund um ein Mittel gegen ähnliche Gefahren, insbesondere den Blitzschlag, bittet. Es ist bekannt, dal's P. durch Stürme, Gewitter, Erdbeben tief erschüttert wurde. Geiger p. 73, Körting p. 211. 240. Ob in der Bitte um Mittel gegen den Blitz wie llossetti annimmt, feine Ironie gefunden worden mufs, ist zweifelhaft. Vergleiche die berühmte Schilderung des Sturmes in Neapel in Epist. familiär. V, 5. '') Vom Schlummer in seinem einsamen Häuschen in Vaucluse aufgeschreckt, erblickt er die Grotte von Blitzen erhellt, als fände das Gewitter in ihr statt. — 61 — Sich schroff entgegenstellte. 1 -) Nicht wie sonst Erfüllt von Liebessehnsucht folgt beglückt 25 Der Kriegsgott seiner Freundin, nein, er bebt Vor überlegnen Waffen. Auch Merkur Hat nie so schnell die goldnen Fltigelschuh' Sich an den Fufs gebunden, die so oft Er doch im Dienst des lieben Vaters trägt. 30 Verschwunden ist des Atlas ganzes Haus; Die Schar der Jungfrau'n, deren letzte stets Verborgen bleibt, ist nirgends mehr zu schaun. Schon sind sie allesamt zugleich entfernt!' 2 ) — Wo sonst besät mit ungezählten Sternen 35 Die Himmelsstrafse weils wie Milch erglänzt, Herrscht tiefstes Dunkel. Auch der Sonnengott, Vorahnend die Vernichtung, stieg verfinstert Zur Flut hinab, bevor den holden Tag Das Wettergraus verderbe; hinter sich 40 Liels er allein die jugendliche Schwester. Jedoch auch sie entwich mit schnellem Lauf, Und nicht, wie sonst, erhellte sie voll Güte, Obgleich ihr Bruder fern, die lange Nacht. Am Boden liegt Ariadnens helle Krone, 3 ) 45 Zerbrochen und zerstreut; die Riesenschlange,' 1 ) Die sonst um beider Wagen Achsen glänzte, Versteckt im Ozean den Schuppenleib, Der treue Hüter des Gespanns, Bootes, 5 ) J ) Die saufte Göttin der Liebe entschwindet am schnellsten, geleitet von ihrem treuen Geliebten; auch der den Menschen wohlwollende Morcur verschwindet, (vgl. Ep. met. II, 18, 22.) 2 ) Mercur ist der Enkel des Atlas, der der Sage nach mit Pleione die sieben Plejaden zeugte. Diese sieben Jungfrauen wurden als Stornbild an den Himmel versetzt; nur sechs sind aber sichtbar, daher die Sage, dals die siebente sich aus Scham verhülle. 3 ) Die Krone der Ariadne, der Geliebten des Dionysos, war unter die Sterne versetzt worden. *) Die Schlange, ein Sternbild des nördlichen Himmels, zwischen beiden Bären = Wagen, vgl. Virgil, Georg. I, 245. D ) Bootes = Oehsontreibor, auch Arctophylax = Bärenhüter, Stern erster Gröfse in der Nähe des Bären. — 62 — Der zögernd nur vom Wagen wich, er suchte 50 Zuletzt von allen im Verstecke Schutz, Und nur Saturn blickt durch die Regennacht Mit bleichem Licht und schrägem Strahl hernieder. Ein hoch betagter Alter, dicht verhüllt Mit feuchtem Mantel, um die grauen Schläfe 55 Schlingt er den dunkelschwarzen Wolkenkranz. Zu gutem Werke träge, eilt behend Er hin zu jeder argen Tat; mit Staunen Erblickt man ihn; noch gestern war er fern, — Welch Zauberflügel trug ihn her? Wie kam's 00 Dafs er die Kiesenräume schnell durchmafs? ] ) Dafs ihm der Wassermann zu bösem Bunde 2 ) Sich schnell gesellte? Ja, der Himmel selbst Nicht fällig, so gewalt'ger Wucht zu trotzen, Und doch dem Sturm zu weichen nicht geneigt, 65 Gleich einem matten Ringer, wankt und bebt! — Denn weit hat König Äolus die Pforten 3 ) Des Kerkers aufgetan und läfst zum Kampfe Der Brüder ungestümen Schwärm heraus, — Sie schäumen Wut; er hetzt sie auf und dann 70 Läfst er sie zügellos von hinnen schiefsen. Auf sein Geheifs erschüttern sie die Welt, Des Himmels Antlitz hüllen sie in Nacht, Entsenden Wolkenbrüche; aus den Fluren Reifst ihre Wut die Blumen, wirft die Fische 75 Die lustig spielten, auf den Sand, zerschmettert Die armen Fischer an dem Felsenriff. Sein Wort gebietet, dafs im hohen Luftraum Voll Grimm sie streiten, einen Bruderkrieg Dem unheilvollen Wirrwarr zugesellen, 80 Der schon die Welt aus ihren Angeln hebt. Mit solchem Auftrag spornt er noch die Wilden, 0 Über Saturn als den Menschen feindlichen Planeten. Ep. inet. II, IS, 10. 2 ) Aquarins = der Wassermann, ein Bild des Tierkreises, bringt Regen (Ep. m. III, 1, 88) und erscheint an dem Unwetter deshalb mitschuldig. ") Zur folgenden Schilderung von Aolus, dem König der Winde, vgl. Virgil, Aen. I, 81 ff. — 63 — Erbittert sie und reifst mit eigner Hand Des Schlosses Riegel fort; er öffnet weit Das Tor, das krachend aufspringt, und verdoppelt 85 Der Ungeduld'gen Wut. In dichtem Haufen Und unverzüglich stürmen rasend sie Hinaus, des Königs Auftrag zu erfüllen! — Mit Schaudern sieht Natur, des Lebens Mutter, Die Wilden nahn, wehklagend läfst die Zügel 90 Sie sinken, weicht in fern verborgne Stätten Zurück und weint. Die Erde bebt, mit Grausen Erblickt auch sie den Aufruhr, der Vernichtung Ihr bringen will; und schwere Klage sendet Sie auf zu Jovis Thron. Sie wankt, den Stürmen 95 Wird sie zur Beute fallen, wird vom Kücken Die himmelhohen Bergen niederwerfen Und ihr bezwungnes Haupt in tiefster Tiefe Des Abgrunds bergen. — Sieh! Ein Regenstrom Ergiefst in ungemessner Flut herab 100 Sich aus den Wolken; laut ertönt das Dach Vom Hagelschlag, zu Boden sinkt der Kranz Des grünen Weinlaubs, auch der Wälder Schmuck, Er sinkt dahin. Von schwarzen Strömen dröhnt Die Grotte, wirbelnd reifst des Giefsbachs Strudel 105 Die Felsen mit sich, trüber wird die Flut, Die sonst smaragden glänzte; ausgetilgt Ist gänzlich aller Nymphen Jugendreiz, Den du besonders, ein erfahrner Kenner Der Schönheit, voll Entzücken lobst. Es kommt 110 Die alte Sündflut wieder; schon vermag Der Bauer auf dem Acker nicht zu stehn, Den er noch jüngst gepflügt, verzweifelt ringt Er mit der Meeresflut; er sieht den Pflug, Er sieht die Rinder fortgespült, das Dach 115 Herabgerissen, seines Herzens Hoffnung Ins gleiche nasse Grab hinuntergleiten, Und jammert, dafs Propheten ihn betrogen Mit falschem Spruch; gekommen sei der Tag, — 64 — Der alle Welt mit Feuersbrunst vernichten, 120 Der alles enden wolle; und er nennt Sich ein betrognes Opfer. Voll Entsetzen Erheben Mütter rings Geschrei, sie pressen Die zarten Kleinen sich ans Herz; die Stadt Hallt wieder von der Armen Jammerlaut. 125 Und während hier das Volk mit wildem Ruf Sein Leid beklagt, singt im gestickten Kleide Der Priester dort ein angsterfülltes Lied Und murmelt endlos Bitten, als vermöchte Er Meer und Wolken also zu gebieten. 130 Dann wieder reifst er an des Stranges Knoten, Und läl'st die Glockenstimme schrill ertönen. Das Mafs der Angst ist voll! — Mein eigen Haus Erbebt und wankt im Untergrund; es stürmen Vom Berge her mit lautem Bacheschrei 135 Die Nymphen all' herbei und dröhn Vergeltung Des Leids, damit ich kürzlich sie gekränkt. 1 ) Schon hat vom Bette mich der Schwärm getrieben, Papier und Feder fällt mir aus der Hand. Wenn nicht des Auges Irrtum fälschlich mich 140 Mit Furcht erfüllte, (denn der Blick durchdringt, Die schwefelgelbe Blitzesglut) so stürzt Vom nahen Bergesgipfel sich der Flufs Mit voller Wucht herab, zermalmt den Hain, Erdrückt der schwachen Mauern Widerstand 145 Durch Felsentrümmer; auf mein armes Dach Bricht alsogleich des ganzen Himmels Wucht Vernichtend nieder; seine Balken brechen, Von allen Seiten dröhn des Todes Sehrecken In fürchterlicher Nähe. Meine Sinne, 150 Mit Graun erfüllt bei dieser Fährnis Gröfse, Verlangen, dal's ich schweige. Doch an dich, Der stets zu helfen weifs, ergeht die Bitte: ') Aus dieser Stelle liifst sich folgern, dal's der Brief etwa 13.'18 oder 1339 verfal'st ist, nachdem P. die in Ep. met. III, 1 geschilderten Anstrengungen zur Eindämmung der Sorgue gemacht hatte. — 65 — Gibt's einen Weg dev Bettung, tu ihn kund! In meiner Not sei mir ein treuer Hort 155 Wie allezeit! Läfst sich des Höchsten Zorn Durch fromme Lieder wenden, schreib ein Lied Und schick es her! Gewährt es Trost und Nutzen, Am Meer des Ostens aufgelesne Steine 1 ) Bei sich zu führen, sende sie voll Mitleid 160 Als Waffen meiner waffenlosen Hand! Wenn's eine Pflanze gibt, die helfen kann, Mag deine teure Hand die Pflanze pflücken. Kurz, wie du kannst, hilf meiner Todesangst; Errette mich, bring mich in Sicherheit! — 165 Denn sonst ist diese Uiiglücksnacht die letzte Für mich und für die Welt. Vermagst du aber Mir keinen neuen Hat zu schenken, lai's Die alterprobten Waffen uns ergreifen! Dann sende, bester Vater, mir ein Bündel 2 ) 170 Vom heil'gen Laub des Phöbus, denn es grünt Kein holder Lorbeer hier auf den Gefilden; Zu ferne zieht die Bahn der Sonnengott, Der meinen Lorbeer liebt, in dessen Schatten So gern ich ruhen, dessen teure Blätter , 175 Im Schofs ich sammeln, dessen Stamm ich fassen Und fest umklammern möchte, wenn vom Himmel Der Donnergott erzürnte Blitze schleudert. Des Himmels Wüten halt ich meinen Schild, Den dunkelgrünen Lorbeerzweig entgegen. l ) Man schrieb Perlen und Edelsteinen geheimnisvolle Kraft zu; vgl. die aus Perlen und Edelsteinen bereitete Medizin des sterbenden Lorenzo dei Medici bei A. von lteumont, Lorenzo d. M. II, p. 558. a ) Zu den verschiedenen geheimnisvollen Kräften, die man dem Lorbeer zuschrieb, gehörte auch die, dal's er gegen den Blitzschlag schütze, vgl. Ep. m. IT, l, 12. Attilio Hortls, scritti inediti p. 323 ff., wo P. in seiner auf dem Capitol gehaltenen Rede alle wunderbaren Eigenschaften des Lorbeers aufzählt. F. Friedersdorff, Petrarcas poetische Briefe. — 66 — 12. Der Rabe. 1 ) Den Haben hier, den für so schöne Gabe Du als Entgelt zurück erbittest, soll Des Winters Abzug heimwärts zu dir führen. Voll Reiselust putzt er die Schwingen schon, 5 Wird sie bei Früblingsanfang kräftig regen, Entfliehen pfeilgeschwind und seine Lieben Beglückt besuchen im verlassnen Nest. Mag auf den Alpen Schnee in Masse liegen, Mag in den Lüften Wolkendickicht dräun, 10 Die Liebe dringt hindurch! — Hör' auf zu klagen Und tröste dein betrübtes Haus. Gewifs, Die Mutterliebe wird nicht ferner weinen, Ihr Schmerz wird enden, — denn die Hoffnung winkt! 13. Vor dem Sturm. (An Mastino della Scala.)' 2 ) Du möchtest wissen, was die Welt des Westens Mit Lärm erfüllt? So lafs dir kurz verkünden, Was jetzt geschieht; denn auf der Zukunft liegt Des Schicksals Dunkel. Ist die Stunde da, ') Unter dorn liaben ist nach Ilossetti ein Jüngling zu verstellen, der in Italien geboren, in Avignon und vielleicht bei P. zurückgelassen war, vol. III, sez. III, 18. Jedenfalls enthält das kurze lullet Andeutungen von Beziehungen privater Art, die wir nicht verstehen. Gerichtet ist es offenbar an einen Vater, der seinen Sohn wieder bei sich haben wollte und deshalb ]'. ein Geschenk gemacht hatte, um ihn zur Freigabe seines Sohnes zu bewegen. War P. sein Lehrherr oder Dienstherr? Ist in dem lateinischen corvus = der Habe eine Andeutung des Familiennamens enthalten? War P. wirklich in Avignon oder war er in Italien? P. hatte oft in seinem Hause Schreiber, zum Kopieren der Handschriften. Voigt I 3 , 107; Körting 306. -) Eduard III., König von England, erhob 1336 als Enkel Philipp des Schönen Ansprüche auf die französische Krone, nach dem Aussterben der männlichen Pinie der Capetinger. Dieser Anspruch war Ursache langer Kriege, die zwischen England und Frankreich mit wechselndem Erfolge geführt wurden. Die meisten europäischen Staaten wurden in — 67 — 5 Wo sich die Feldherrn messen, Riesenheere Im Kampfgetümmel durcheinander wogen, Dann soll die Feder, wen des Lebens Herrin, Das Glück, herabsetzt, wem die Siegesgöttin Zur Seite bleibt, dir gern getreulieh melden! — 10 Vernimm für jetzt, was sich entspinnt! Es sammelt Das rauhe Deutschland ungezählte Scharen; Das reiche England öffnet seinen Schatz, Der nie versiegt; zum Kriege spornt Brabant Sein ungebändigt Volk; auf seine Seite 15 Tritt Flandern, unabläss'ger Fehden Herd, Und Hennegau, das bei des Krieges Anfang Den Vortritt wünscht, erhebt sein Kriegsgeschrei, Auf staubumwölktem Felde dicht geschart, — Vielsprach'ger Lärm erregt der Franken Land. 20 Die Nachbarreiche schwanken, blutig naht Der Gott des Krieges, alle Herrscher rufen Der Heere Kern zusammen für die Schlacht.------- So schwankt die See, vom Wirbelwind gepeitscht, Wenn hier der eis'ge Nord, mit wildem Stofs 25 Dort feuchter Süd, und hier der Schiffer Graus, Der Ostwind rast, — schon dröhnen Fels und Klippe, — Zum sichern Hafen fliegt das Schiff, — es flüchten Geballt zu Häuf, Delphine nach der Bucht. Noch brach der Sturm nicht los, — doch donnernd prallen 30 Weithin erregte Wogen an den Strand. — Es stürmt im Westen jetzt, wie wenn im Wirbel Die Winde brausen durch die stille Luft. — Mitleidenschaft gezogen. Der erste Verbündete, der sich Eduard III. an- schlofs, war sein Schwager Wilhelm Graf von llennegau (v. 16 ff.), ferner Flandern und Brabant, v. 13 ff. Doch war es bei Abfassung des Briefes noch nicht zum Kampfe gekommen. Nach diesen Verhältnissen erkundigt sich Mastino II della Scala, Herr von Verona, bei dem damals in Frankreich wohnenden Petrarca und erhält von ihm nach besten Kräften Antwort. Den Schilds bildet der dringende Wunsch, dal's Italien der Frieden gesichert sein möge, — gewifs nicht ohne persönliche Anspielung auf Mastino, der als einer der unruhigsten Fürsten seiner Zeit galt. 5* - 68 — Die Welt ist wie verwandelt; Schreck und Sorge Erfafst die Menschheit; langen Friedens Hube 35 Tat ihr so wohl! — Nun regen sieh die Städte, Und jung und alt reifst Kampfeszorn dahin, Der Brandung gleich am weiten Seegestade. Und kurz und gut: es brennt vor Kampfbegier, Was zwischen unsern Alpen und der See, 40 Die fern im Norden ebbt, auf Erden lebt. — Das Ende sei, wie's Gott gefällt; doch grofses Erwartet man! 0 möchte dir erscheinen Des Heiles segensvoller Augenblick, Italia, mein armes Vaterland! 45 Denn immer warst du Tummelplatz der Kämpfe. Du strittest stets, lag auch die Welt in Frieden; 0, finde Ruhe, da des Schicksals Hand Die Welt in Waffen durcheinander wirft! 14. Auf den Tod des Meisters. 1 ) (An König Kotiert von Neapel.) Wohl möcht ich weinen, doch ich kann es nicht! Will sich mein Aug' in Tränen hüllen, stellt Sich Scham und Liebe meinem Schmerz entgegen; Es eilen Zorn und Kummer, drängen Scharen 5 Von Trauerfällen sich herbei und stellen Vor meine Seele sich. — Dem Nah'n des Todes Kann nichts die Spitze bieten, nicht Erfolg, Nicht Macht noch Tugend. — Ach, ich wufst' es längst! Doch heute wird's durch neue bittre Lehren 10 Mir doppelt klar. Wie viele wackre Männer, Italiens Söhne, raffte dreist der Tod, *) Dionysius Roberti ans Borgo di San Sepolcro, 1339 aus Paris naeli Italien gewandert (Ep. m. I, 4), hochangesehen am Hofe des Königs Robert von Neapel, starb 1342. P. sendet dem König dieses Trostlied, in dem er den Verlust beklagt, den Wissenschaft und Kunst erlitten, und widmet dem verehrten Meister eine Grabschrift. — 69 — Der bittre, fort! — Nur einen nahm hinweg Der Ruhm, der auch dem Tode trotzt, nahm ihn Auf ewig zu sieh und durch alle Zeiten 15 Heilst er ihn leben, heilst unsterblich ihn Durch alle Welten kreisen. Immer zwar War jener glücklieh, doch des Glückes Gipfel Erklomm er nun, da aus des Leibes Banden Er froh entwich, aus dunkelm Erdenkerker 20 Zum Lichte stieg. Gewifs, das Leben kann Unmöglich den mit sülsem Reize fesseln, Der wohl der flücht'gen Jahre Lauf erwägt. Und das hat er, wie keiner sonst, getan! — Denn ernsten Sinnes war sein tiefer Geist 25 Der Forschung zugewendet; klar erkannte Er jedes Wesens Art und Wandel, pflegte Der Menschen Schicksal weit vorher zu schaun. Je wen'ger an des Lebens nicht'gen Tand Sein Herz sich hing, mit um so kühnerm Flug 30 Stieg er zu Gott empor, zur Himmelswohnuug, Zum Reich der Frommen. Machtlos gegen ihn Und seine Gröfse war der schnöde Tod. Doch mir bewies er seine Tücke, mir, Der Welt, den Musen bracht er bittern Schaden. 35 Denn ach, den zweiten Vater nahm er mir; Nie lebt ein andrer so voll Mild' und Güte! Voll Milsgunst nahm er fort den Quell der Wabrheit, Aus dem der Welt des Wissens klare Bäche So reichlich flielsen konnten, nahm den Musen 40 In seines Ruhmes Strahlenkranz den Zögling, Dem keiner gleichen wird in fernster Zukunft. Nun weint um ihn, beraubt der schönsten Zier, Das edle Land Italia; es weint Auch San Sepolcro, das, so klein es ist, 45 Durch solches Bürgers Ruhm im fernsten Land Gefeiert war. — Und wenn sich Wang' und Auge Erlauchter Herrn mit Tränen netzen darf, Dann wirst auch du, Roberto, hoher Sprols — 70 — Von königlichen Ahnen, den mit Recht 50 In Asien und Europa zweier Reiche Erhabne Kronen zieren, fromme Tränen Dem Manne weih'n, mit dem aus deinem Lehen, Geliebter König, manche Freude schied. Wer wird mit dir die Sterne jetzt befragen?') 55 Geheimer Zukunft Schleier lüften? Wer Zuvor der Kriege wechselvollen Ausgang, Der Welten Wirrsal und der Fürsten Glück, Das launisch wechselt, dir verkünden? Wer Mit sanftem Wort dein Ohr erfreuen? Wer 60 Wird jemals deiner milden Rede lauschen, Verständnisvoll wie er? wenn du beredt Verkünden wirst des Himmels ernst Geheimnis, Dreiein'gen Gottes ew'ge Majestät, Der hehren Jungfrau unbefleckt' Empfängnis, 65 Den Willen Gottes, der den Tod bezwang, Die Tür der Hölle sprengte — und die Fülle Der Weisheit, die kein Fürst gleich dir besitzt! — Doch mir zumal ist Weinen Pflicht! Es weint Mit mir die Muse! 0 erheb' auch du 70 Mit mir zugleich, du Chor der Schwestern, Klage Um unsers Helikons Verlust! Auch ihr, Des heil'gen Haines Lorbeerbäume, weint; Erhabner Phöbus, weine! Du verlorst Den Herold, dessen Wort gewaltig klang. 75 Nun mag der Doppelgipfel des Parnafs, 2 ) Das öde Tal von dumpfem Klang ertönen, Und seufzen mag der Quell Castalias! Auch Cirrha möge jammern, denn es schied Von ihm ein hoher Gast; von Wehgeschrei 80 Ertönen mag der Pieriden Grotte, ') D. besafs aui'ser theologischen und humanistischen Kenntnissen auch solche in der Astrologie. Kr soll z. B. den Tod Castruccios vorhcr- gesagt haben, vgl. die Stellen bei Körting p. 91 und Kossettis argomonto, auch Geiger p. 60, der auch eine Überset/.ungsprobe mitteilt. 8 ) Über diesen bei Erwähnung der Dichtkunst damals unerläfslichon mythologischen Apparat vgl. Ep. m. III, 1, v. 100 ff. u. Anni. — 71 - Die einst, als jener lebte, suis erklang Von seinen holden Weisen! Welche Ehrung Vermag zu dauern übers Grab hinaus Für diesen Edeln? Welcher Preis erscheint 85 Dem Beigesetzten wertvoll? Für das Groi'se, Das er uns gab, wer giebt mit gleichem Mals Die Gegengabe ihm? Ich bin zu arm! — Ihr Musen, weiht ein Dankeslied dem Sänger Und setzt auf seinen Stein den kurzen Spruch: 90 Ein Mann, der neue Ehre dem Volke Korns gebracht, Der Freundestreue übte bis zu des Grabes Nacht, Im Umgang sanft und herzlich bei frohem Angesicht, Ein gottergebner Frommer, in Art und Handeln schlicht, Von tiefem Geist und glänzend mit wohlberedtem Mund, 95 Der Sänger Zier, ein Forscher, dem jedes Sternchen kund, Ein Mann, wie alte Zeiten nur selten sie gesehn, Und wie zu unsern Tagen noch seltner sie erstehn, Der unter vielen Tausend nie seinesgleichen traf, Dionysius, der berühmte, schläft hier den ew'gen Schlaf. i&* Der schwarze Tod. 1 ) (Der Dichter an sich selbst.) 0 bittrer Schmerz! Für welches Leiden spart Des Schicksals Grimm mich auf? Vorüber stürmt In wilder Hast die Zeit, zu Grunde geht Die ganze Welt, in Scharen seh' ich rings 5 So jung wie alt ins Grab hinuutersinken, Und keine Friedensstätte bleibt auf Erden, Kein ltettungshafen tut sich auf, es zeigt Sich nirgends des Entrinnens frohe Hoffnung. 0 Die furchtbare Pest, die 1318 Europa entvölkerte, gibt dem Dichter schmerzliche Betrachtungen ein. Vergebens änderte er seinen Aufenthalt, die Krankheit fand er überall. Seine Mutlosigkeit und Gebrochenheit kommt hier zu ergreifendem Ausdruck, aber auch die Zähigkeit, mit der er an der Welt hängt, besonders an den Ehren uud am Ruhm. Er kann trotz aller Verzagtheit nicht davon loskommen; er möchte weiter leben, um das Ruhmesziel zu erreichen. — 72 — Woliin ich angsterfüllt die Blicke wende, 10 Nur Leichenzüge sieht mein banges Auge. Von Klagerufen hallt der Tempel wieder, In dem sich Bahren häufen; weder Prunk Noch Standesvorrecht trennt den Edelmann Vom schlichten Bürger in des Todes Reich. 15 Der letzten Stunde Bild erfüllt die Seele, Des eignen Untergangs denk' ich mit Grausen. — Der Freunde Scharen, ach, sie sind dahin! Ihr liebes Antlitz, ihrer Stimme Klang, Vergebens ruf ich sie zurück; es schwinden 20 Die teuren Züge wie ein flücht'ger Traum. Dafs für der Toten Fülle Platz zu finden In heil'ger Erde Schofs, mich nimmt es wunder. So klagt Italiens Volk, erliegend schon So vielen Todesstreichen, — seiner Helden 25 Beraubt, erschöpft, beweint die gleiche Not Das edle Frankreich, weinen alle Völker Soweit die Sonne diese Welt bescheint! — Ist's Gottes Zorn, den unsre Sünde sicher So oft verdient? Hat die Natur allein 30 Sich so geändert, dafs die Luft verdarb? Dies böse Jahr hat auf die arme Menschheit Mit Pesthauch sich gestürzt und droht Vernichtung. Ein Todesatem weht aus dicker Luft. Vom seuchenschwangern Himmel schaut ergrimmt 35 Hernieder Jupiter und sendet Krankheit Und Todestrauer uns in Strömen zu. 1 ) Die Parzen reil'sen zornerfüllt in Hast Die Lebensfäden ab und würden gern, Wär's möglich, alle insgesamt zerreifsen. 40 Der Himmel, ach, begünstigt ihren Wunsch. Denn endlos seh' ich leiderfüllte Scharen Im Tod erbleichen und zur finstern Nacht Des Orkus niedersteigen. Zitternd denke ') P. äufsert an anderer Stelle die selir wahrscheinliche Ansicht, dafs die Seuche von Kauf leuten aus Indien eingeschleppt sei. Ekloge 9, 50 ff. — 73 — Ich alles durch, des nahen Todes Pein 45 Empfind' ich ahnend; um sein Haupt zu bergen, Gewährt nicht Meer noch Erde noch die Höhle Im Felsengrund dem Flüchtling Sicherheit. Ein riesenstarker Sieger ist der Tod, Und gegen ihn kann mich kein Obdach schützen. 50 Dem Schiffer gleich in wilden Sturmes Nöten, Wenn ihm vor Augen seiner Freunde Fahrzeug Die See verschlang, und er den eignen Kiel In seinen Fugen krachend bersten sieht, Die Ruder splittern sieht am Klippenrand, 55 Und dann der Meeresgischt das Steuer ihm Aus starken Händen weithin schleudert, also Erbeb' auch ich, voll ungewisser Sorge Bei so gewisser Fährnis! — Hat verstohlen Die Feuersbrunst des Hauses dürr Gebälk 60 Ergriffen, leckt sie gierig am Getäfel, Dem ölgetränkten, mit gefräfs'ger Flamme, So fährt des Hauses Dienerschar entsetzt Vom Schlafe auf; jedoch des Hauses Herr Vor allen andren eilt zum First des Daches 65 Und überschaut den Brand, mit treuem Arm Umfafst er seinen bangen Sohn und sucht Mit dieser teuren Last durch Feuersglut, Durch Tod und Schrecken sich den sichern Ausweg. So glaub' ich oft in scheuer Todesfurcht 70 Mit meinen Armen die verzagte Seele Umfafst zu halten, einen Weg zu suchen, Um sie zu tragen durch der Gluten Mitte Und mit der Tränen Flut den Brand zu löschen, Der mit Vernichtung droht. — Allein es zieht 75 Die Welt mich ab, die Lust gebietet Einhalt, Und stärker noch schlägt mich der Menschen Sitte In unheilvolle Fesseln. — Sieh, dahin Bin ich gekommen! Dichtem Nebel gleich Umhüllt mich eisigkalte Todesfurcht. 80 Ach, wer vermeint mit unerschrocknem Blick — 74 — Der letzton Stunde ins Gesicht zu schaun Und seines Sterbens ruhig zu gedenken, Der täuscht sich, der ist rasend, der vertraut Zu sehr der eignen Kraft! Wie oft ergreift 85 Gerechter Schmerz und der Entrüstung Ernst Mein schwankend Herz, wie sich's gebührt; wie ringen Sie mir im Busen, und bezwingen mich Durch klare Gründe; doch zuletzt gewinnt Die Leidenschaft den Sieg und mein Enschlufs 90 Bleibt guter Vorsatz. Oft mit bittren Tränen Bewein' ich meine Schwäche, rufe mahnend Mir selber zu: Du Tor, was soll das werden? Wo soll's hinaus? du Ärmster, welches Ziel Erstrebst du auf verschlungnem Pfade? Sicher 95 Ist dir der Tod. Was also mühst du dich, Da dir der Buhehafen winkt? Weshalb Willst du auf dürrem Sande Samen streun? Beackern das Gestade? Dich verlockt Der Hoffnung Trugbild, doch du folgst umsonst 100 Im ew'gen Kreislauf ihrer falschen Spur. 1 ) Der Jugend holder Schimmer ist verschwunden, Die Schläfen hüllen langsam sich in Grau, Und immer säumst du, tändelst wie ein Kind, Begehrst das Morgen, doch die Gegenwart 105 Ist dir verloren; immer hängt dein Los Von ungewisser Zukunft ab; du jagst Nach dem, was dich nicht angeht, doch das Gut, Das dir erspriel'slich ist, dem bleibst du fern. 0 mach' ein Ende deinem falschen Streben! 110 Benütze frisch den Tag, den zu erblicken, Dein Gott dir gönnt; wer weifs, ob dir noch morgen Die helle Sonne leuchtet. Denn der Tod, Du weifst es wohl, hüllt alles rasch in Nacht, Und überrascht uns immer unverhofft. ') Das Streben nach irdischer, geistiger Grüfte liegt im Kampfe mit der von dem Unglück anscheinend geforderten Weltentsagung, vgl. Pastor, Geschichte der Päpste l 3 , 1—ü. — 75 — 115 Wenn dir dein Wohl am Herzen liegt, so nimm Sofort in Angriff, was du immer wieder Hinaus in ferne Zukunft schiebst. Erscheint Es Vorsicht, die Entschließung zu vertagen Auf späte Lebensjahre? 0 wir Blinde, 120 Die tiber's Grab hinaus noch Pläne schmieden! Du hast erprobt, wie pfeilgeschwind das Leben Dahineilt, und du webst ein Truggewebe Von hoffnungsreicher Zukunft und erwartest Noch immer manches von der nächsten Sonne? 125 Bald wird dein Leib ein Frais der Geier sein Und eklen Würmer! — Drum ist jetzt, ist heut Die rechte Zeit, so lang die Glieder regen, So lang du selber dir gebieten kannst, Da noch die holde Freiheit und das Leben, 130 Das plötzlich endet, dir zu eigen sind. Im schnellen Fluge, sieh', entschwebt die Zeit! Dem Andrang der Sekunden weicht die Stunde, Doch schlägt sie Tag und Nacht in schnelle Flucht. Wenn diese fliehen, kehrt die Mondessichel 135 Die schmale, wieder nach durchmessner Bahn, Und Sonnen führt sie nach sich und den Lauf Der langen Jahre schliefst sie ab. Es bringen Die Jahre dann das Alter und den Tod. So eilt die Zeit im ew'gen Wechsel, so 140 Verläuft, nie rastend gleich dem Strom, das Leben Und iliegt davon und nimmer kehrt's zurück. Ergiel'st ein Strom von hohem Felsenriff Mit wildem Wogenschvvalle sich ins Meer, So stürmt er minder schnell dahin; ein Pfeil, 145 Von dürrer Sehne klirrend durch die Luft Entsendet, fährt zum Ziele minder schnell. Gedenke dran: seit aus der Mutter Schofs Du jammernd, nackt und arm, ein jammervoll, Ein elend Kind zum Lichte stiegest, seit 150 Den ersten Schrei die Lippe bebend tat, Hat Mühsal, Jammer, Klage, Sorge stets In deiner Brust gehaust und dir mit Qualen — 76 — Den Sinn verfinstert. Immer blieb dir fern Der Freudentag, da die erschöpfte Seele 155 Die nie gezählten Klagen enden konnte. Du flehst um Ruh, — das Schicksal will es nicht. Ich fürchte sehr, dafs dein gesamtes Leben Verstreichen mufs, bevor mit jener Ruh, Die einzig Heil ihm bringt, der müde Wandrer 160 Erquicken darf den tief erschöpften Leib. Vom dir bestimmten Tag verstrich bereits Ein grofser Teil, der Abend naht geschwind, Des ew'gen Todes Herold, und du wagst Den Sinn zu richten auf die ferne Zukunft? 165 In deinem Alter? Schläfst den tiefsten Schlaf Ganz ohne Sorgen, angesichts des Todes? Die Sonne eilt gen Westen zum Gestade, — Noch ist es Zeit, vergiei's die schuld'ge Träne Um deiner Lebenszeit Vergeudung, wende 170 Die Schritte dann zum ew'gen Vaterhaus, So lang noch schwaches Licht vom Himmel fällt! Auf wilder See warf dich der Sturm umher, Geborsten sind die Segel, zieh sie ein, Zieh ein die Taue, die der Sturm zerrils, 175 Und stirb im stillen Hafen! — Solches sprach Ich zu mir selbst, — da liefsen Schmerz und Gram Mich also rufen: Aus des Feindes Schlund Wer bringt mir Rettung? Aus des Todes Kerker Wer macht mich frei, führt mich zurück zum Himmel? 180 Wer zeigt durch so viel Schlingen, so viel Schroffen Den rechten Pfad zur Sternenhöhe? Ach, Vermein ich nur des Friedens Vaterland Von fern zu schauen oder schau ich's wirklich; Wie wenn ich stand' auf einem hohen Berge? 185 Es starren spitze Dornen mir entgegen, Und wilde Räuber droh'n, die einst die Fahnen Des höchsten Herrn verliefsen, 1 ) — o, wie oft J ) Nach Augustinus fiel eine Anzahl der von Gott geschaffenen Engel von ihrem Herrn ab; diese bedrohen den Menschen und reifsen ihn von der rechten Bahn fort, Ep. II, 3, 108. — 77 — Hab' ich umsonst den Weg gesucht, doch immer Bin ich zurückgeglitten. Und erschöpft, 190 Mit tiefem Seufzen ruf ich nach der Stätte, Die mir versagt ist. Ach, wer hilft mir Armem? Wer führt den sichern Pfad zum Himmel mich Zur ewig sel'gen, ewig frohen Schar? Und zieht das Fleisch mich nieder, hemmt mich Schuld, 195 Wer nimmt die Last von mir, wer gibt mir Flügel, Dals gleich wie Tauben ich mich aufwärts schwingen, 1 ) Nach so viel Leiden Ruhe finden kann?------- So bin ich jetzt gestimmt und nimmer sehe Ich einen Ausweg, den das Schicksal mir, 200 Der Zukunft Herrin, gönnte! immer kämpft So Furcht wie Hoffen um mein Herz. Doch bald Erscheint die Zeit, da mich das Ende lehrt, Was wirklich an mir war, was für ein Stern Des Glücks mir strahlte, wie ich auf dem Pfade, 205 Der mir gewiesen ward, gewandert sei, Ob schnell, ob lässig, — kurz, wie ich als Gast Des eignen Todgeweihten Leibes war. — ') Psalm 55,7: 0 hätte ich Flügel wie Taubon, dals ich flöge und etwa bliebe! Siehe, so wollte loh mich ferne weg machen und in der Wüste bleiben; ich wollte eilen, dals ich entrönne dem Sturmwind und Wetter. Zweites Buch. 1. Die Dichterkrörrang. 1 ) (An Giovanni Barrili.) Das wäre mir des Schicksals reichste Gahe, Das meines Herzens schönstes Glück gewesen, Wenn deine Freundeshand die Lorbeerkrone, Die neu verlieh'ne mir aufs Haupt gedrückt. 2 ) !) Die Überlieferung von Dichterkrönungen, die auf dem Kapitol iu , der Kaiserzeit stattgefunden, insbesondere durch Domitian, liefs in P.s Herzen den glühenden Wunsch entstehen, der gleichen Auszeichnung teilhaftig zu werden. Durch Vermittelung dos Königs Robert von Neapel wurde P. die ersehnte Ehre zu teil, am 8. April 1341, dem Ostersonntage. Genauere, zuverlässige Berichte über den Hergang aufter der vorliegenden Epistel fehlen; vgl. Voigt, Wiederbelebung des klassischen Altertums I», p. 125 ff. Körting p. 155. — Als Abfassungszeit des Gedichtes ist 1342 anzusehen; denn P. war 1311—42 in Parma, 1343 im Januar starb König Robert, von dem P. als von einem Lebenden redet; in v. 97 spielt P. auf seine neu erwachte Liebe zu Laura an und deutet an, dafs er wieder in Avignon sei. Das Gedicht mufs also entstanden sein, nachdem er Parma verlassen hatte und wieder in Avignon angekommen war, Ende des Jahres 1342. 3 ) Giovanni Barrili, gebürtig aus Capua, Ritter des Königs Robert, hatte den Auftrag, P. nach Rom zu begleiten und bei der Dichterkrönung den König zu vertreten. Am 2. April machten sicli beide von Neapel auf, aber Barrili trennte sich unterwegs von P. mit dem Versprechen, ihn vor den Toren Roms wieder einzuholen. Doch konnte Barrili sein Versprechen nicht halten, da er bei Anagni unter die Räuber fiel, denen er mit Mühe entkam und nach Neapel flüchtete. Auch P. wurde, als er April 1341 von Rom weiterreiste, von Räubern angefallen. Ein bezeichnendes Bild — 80 — 5 Datin wähnte wohl mein Geist, — der Chor der Musen, Der hehren, sei vom Helikon gestiegen Und tanze hier den lieil'gen Reigentanz; Gewalt'ger schlüge PLöbus nun die »Saiten Im Schmuck des Lorheers, 1 ) den im Tempetale 10 Zuvor er liebte, den ich glühend heute Nach so viel Zeiten liebe; aus den Wolken Der Göttervater sähe milden Blicks Den Kranz aus heil'gem Laube, nimmer schwänge Sein zornbewehrter Ann den Donnerkeil. 15 Ja, dieses Auge hätte solchen Glanz Noch nie gesehn und sah' ihn niemals wieder! Docli ach! Fortuna hat den sichern Lohn Mir grausam stets geraubt; sie neidet mir Den Ruhmeskranz. Nun hat auch dir, mein Freund, 20 Um meinetwillen so viel Wegemühu Ihr Groll bereitet, Schlingen dir gelegt! Doch klage nicht; ich bin's, dem immer Fallen Die Arge stellt, mir ziemt allein die Klage. Wohl kenn' ich ihre Arglist, ihre Tücke, 25 Womit der Menschen Tun sie böslich hemmt Und Wirrsal stiftet, ach, in schnöder Willkür! — der damaligen Zustünde in Italien, bezw. im Kirchenstaate. Rossotti vol. IT, sezione V, annotazione 7. Körting p. 187. *) Lorbeer. Daphne, eine von Apollo geliebte Nymphe des Tales Tempe in Thessalien, wurde von Zeus in den Lorbeer verwandelt, der von da an dem Apollo heilig war. Wenn P. sagt, daJ's er den Lorbeer glühend liebe, so meint er damit einerseits den Lorbeer als einen die Dichter auszeichnenden Schmuck, und seine vielfachen geheimnisvollen Eigenschaften, (vgl. P.s Kede bei Körting p. 181 ff. und p. 65, Anm. 2) andererseits seine Geliebte Laura, wegen des Gleichklanges ihres Namens mit laurea, der ihm hier und oft zu doppelsinnigen Ausdrücken Veranlassung gibt, so dafs schon bei P.s Lebzeiten seine Freunde scherzten, wenn er von Laura sänge, meinte er doch nur laurea = den Lorbeerkranz. Epist. famil. II, 9. „Wie kannst du behaupten, — — dafs in meinem Herzen Laura nichts anderes sei als jener poetische Lorbeer, den ich, wie meine lange, unermüdliche Bemühung bewiese, heifs begehrte; in betreff der lebenden Laura aber — sei alles ersonnen, die Lieder inhaltlos, die Seufzer fingiert?" — — 81 — Den neuen Streich unübertroffner Bosheit Ersann die Schlimme, dals den Ehrenschmuck Mir nicht die Hand des edlen Orso böte.') 30 Drei Tage noch, und es erlosch des hehren Senators Amt, — kurzdauernd ist die Würde, Die vormals endlos war, in heut'ger Zeit. Da trat der Herr der Feindin Dräun entgegen; Er war mir Führer, und zu letzter Frist 2 ) 35 Erreicht' ich froh das Tor des ew'gen Born. Geleit und Führung hattest du versprochen In fremder Stadt, — das Schicksal litt es nicht. Mich packt die Angst; es späht mein schneller Bote In alle Fernen, bis Neapels Grenzen 40 Müht er sich ab, — von dir ist keine Spur, Und seine Heimkehr endigt all mein Hoffen. Schon ist's der letzte Tag, am nächsten Morgen Verläuft des Amtes kurze Jahresfrist, Und dringend mahnt der hohe Graf zur Eile, 45 Dem kühne Tat manch schwere Sorge schuf. Zum Werke rasch, wie du mich kennst, entschlossen, Bereit' ich mich, und schnell berufen naht Die stolze Schar vom Stamm des Romulus. Von Freudenlauten tönt das Kapitol, 50 Als teilten diese altersgrauen Mauern, Dies heil'ge Dach der Spätgebornen Lust. Trompetenstöfse klingen; eifrig schart In dichten Haufen sich das Volk und lärmt, Des Schaugepränges froh. Doch Tränen auch, l ) Der hier genannte Orso ist Orso dell'Anguillara, damals „Senator" von Rom, dessen Amt mit dem Ostersonntage endigte, der damals auf den 8. April fiel. Auf diesen Umstand spielt dieser und die folgenden Verse an, denn der Senator wollte keinem andern die Ehre der Krönung P.s Überlassen, die nach diesem Tage seinem Nachfolger zugefallen sein würde. Rossetti, sezione V, ann. 6. P. war auf seiner ersten Eeise nach Rom 1337 in Capranica Gast des Orso dell'Anguillara gewesen. 3 ) P. kam in Rom am 6. April 1341 an; von drohendem Unglück und dem besonderen Schutze Gottes zu roden hatte er Veranlassung, wenn er an das Schicksal dachte, das seinen Begleiter Barrili verhindert hatte, rechtzeitig in Rom einzutreffen. F. Friedcrsdorff, Petrarcas poetische Briefe. 0 — 82 — 55 Das seh' ich wohl, vergiefst manch Freundesauge, Und in der Brust klopft hebend manches Herz. Nun tret' ich auf — rings Schweigen — alles lauscht. Da kam ein Wort des grofsen Meisters Maro ! ) Mir in den Sinn, das gab der Rede Anfang CO Olin' allen Umschweif. Denn der Sängerbraueh Gestattet nicht den Schwall der langen Rede. Wer das vergilst, den trifft der Muse Zorn! Flir kurze Frist rief dennoch ich vom Gipfel Cithärons sie, und in der Völker Mitte, 05 In Latiums Hauptstadt, baut' ich ihr das Haus! Zu kunstgewandtem Wort erhebt sich Orso, Setzt mir aufs Haupt des Dichtergottes Krone, Und endlos rauscht der Beifall der Quiriten. Kein gröfs'rer Held entstand zu unsern Zeiten 70 In Rom, in aller Welt, als Stefano, 2 ) Colonnas Sohn. — Er kündet laut mein Lob, Er kündet's mächtig. Heifs steigt in die Schläfen Mir dunkles Rot, Gemüt und Sinn verwirrend. Zu Boden drückt der Lobesrede Last 75 Trotz süfsen Schmeichelklangs. Sie ziemt nicht mir, Dem Fürsten ziemt sie nur, Siciliens Herrscher 1 Denn wer bin ich? Nur meines Königs Gnade Dank' ich dies Lob. Er schmückte mich zum Fest Mit seines Königsmantels Purpurfalten, 3 ) 1 ) Er begann mit dem Verse aus Virgil, Georg. III, 291. Sed mo Parnassi deserta per ardua dulcis Kaptat amor. Die Rede, lateinisch, war keineswegs unvorbereitet, wie es nach der Stelle scheinen könnte; dafür ist sie mit Citaten zu sehr überladen. Sie ist abgedruckt: Attilio Hortis, scritti inediti di P. p. 310 ff. 2 ) Stefano Colonna, Haupt der berühmten Familie und Vater des Giaeoino Colonna, des Bischofs von Lombes und intimen Jugendfreundes P.s. Auf seiner ersten Heise nach Rom 1337 war P. dem Stefano Colonna besonders nahe getreten. a ) Die Fürsten des Mittelalters schenkten oft Prachtgewänder, die sie selbst getragen, an Personen ihrer Umgebung als Auszeichnung, vgl. Jak. Grimm, Kl. Schriften II, p. 184 ff.: Über Schenken und Geben. Alwin Schultz, Höfisches Leben p. 499, vgl. auch Jak. Burckhardt, Kultur der Renaissance. 1. Aufl. p. 53. — — 83 — 80 Der höchste Herrscher nahm von eigner Schulter Dies Prachtgewand und lud's der meinen auf, Damit ich sein gedächt' und seiner Liehe. Das war's allein, was meinem Herzen Mut, Was meinen Lippen holde Worte lieh. 85 Denn er, des Wortes Meister, stand in Hoheit Mir gleich wie lebend königlich zur Seite, Er, den zuerst der stolze Purpur schmückte. Begeist'rung, hohes Hoffen, kühnes Wagen Dank' ich dem starken Helfer! — Als beendigt 90 Die Feier, steigt der Zug ins Tal und folgt Mir froh zu Petrus, des Apostels Schwelle. 1 ) Dort hängt mein Lorbeer am Altar des Höchsten, Der Erstlingsgaben liebt. — Mein Zeuge, Freund, Sei seine Allmacht, — in der Freuden Fülle 95 Ersehnt' ich dich, und unablässig rief Mein Herz, mein Auge, mein Gebet dich her. Auf ewig lebt in dankerfüllter Seele Dein teures Bild, dort ist sein sichrer Platz, Dort grub es tief die Macht der Liebe ein, 100 Dort haftet's fest, und nimmer soll es wankeu, Als wär's in Erz von Künstlerhand gefügt. Und nun genug der Worte, allzulange Ertönt mein Sang. Doch wenn den hehren König, Der Herrschersorgen ledig, du erschaust, 105 Dann sei bedacht, mich selbst und meine Treue Sanftredend zu empfehlen. Wie's gebührt, So bin ich sein; mich selbst und was mir eignet, Ob Feder, Rede, Hand, Talent, ob andres, Was irgend an mir, — ihm gelobt' ich's an! 110 Sein Dienst erhöht den eignen Augen mich, Ich rühme stolz mich sein! Und kann ich nicht Mit greiser Tat die grofse Gunst vergelten, So wächst zu seinem Preise doch mein Lied Von Africa! Nur wer den Ruhm verschmäht, l ) Gemeint ist die damalige Basiliea di San Pietro in Vatieano, deren Stelle heute die Peterskirche steht. 0* — 84 — 115 Kann Dichtung niedrig achten, der mein Müh'n Ich manche Nacht lang ohn' Ermatten opfre. Schon fühlt sie stolzen Mut; dem Herrscherthron') Wünscht sie zu nahn, sie treibt mich Tag und Nacht Zur Eeise an und bittet: Nimm mich mit! 120 Uns beiden winkt der Heiz Parthenopes, 2 ) Und doch, mit süfsen Banden fesselt uns Noch immer Frankreich 3 ) — endlich dennoch naht Der Tag der Heise, — beide treten wir Zugleich ins Haus, zugleich vor Augen dir! — 125 Leb' wohl, leb' ferner glücklieb, teurer Freund, Und mein gedenkend lies den Brief, den ich Mit flticht'gem Kiel in kurzer Stunde schrieb. 2. Ermutigung. (An Kardinal Bernhard d'Albi.) Ich höre, dals den heil'gen Dichtern du Dich fleiJ'sig zugewendet, hoher Vater. 11 ) ') Die Dichtung, sein Epos Africa, das er dem Könige Eobort zu widmen versprochen und an dem er in Parma 1341—42 fleifsig gearbeitet hatte, ist von hier an personifiziert zu denken. 8 ) Parthenopo, der Name einer Sirene, die am Strande von Neapel begraben sein soll. Infolge dessen wird bei Dichtern die Stadt Neapel selbst häufig Parthenope genannt. 8 ) Die Stolle beweist, dafs P. wieder in Avignon und in den alten Beziehungen zu Laura ist. Die hier gehoffte Reise nach Neapel trat er im folgenden Jahre an, allerdings unter so betrübenden Umständen, wie er es damals nicht voraussehen konnte. *) Der Kardinal Bernhard d'Albi, Bischof zu Khodez, der als Theologe, Jurist und Diplomat im Dienste der Kurie sich ausgezeichnet hatte, versuchte sich, durch P. angeregt, in lateinischen Versen und wünschte über seine Leistungen P.s Urteil zu hören. Da der hohe Geistliehe aber mehr Eifer als Talent für das Dichten bewies, kam P. in die Lage, ihm ein ungünstiges Urteil aussprechen zu müssen. Er tut dies mit Geschick und Vorsicht in dem ersten Briefe, den er an den Kardinal richtet; wohl erkennt er sein löbliches Streben an und weist auf das hohe, schöne Ziel hin, das er sich gesetzt habe; doch schon hier ist eine ironische Warnung vor zu grofsem Selbstvertrauen und Uuterschätzung der Schwierigkeiten der Dichtkunst (v. 15 ff.) unverkennbar. Zum Schlul's überreicht P. dem — 85 — 0 slifse Müh! 0 edles Streben! Lob Und Glückwunsch dir! Was gäbe schönres Labsal, 5 Was gröfsre Kuh im unruhvollen Dasein? Ich bin nicht blind aus Liebe; nein, ich weifs, Wie oft ich Frieden fand in heil'ger Grotte, Wie oft am Helikon ein Hafen sich Mir gastlich auftat, der nach Lebensstürmen 10 Den arg Herumgeworfnen still verbarg. Doch nimmer prahlt' ich, dafs als stolzer Dichter Im keuschen Keihn der Musen ich den Fufs Voll Anmut regte; nur der Liebe Allmacht, Sie rifs mich fort, das holde Reich zu schaun! 15 Doch wie gewaltig auf Parnassos' Höh'n Kannst schreiten du, bleibst du dem Plane treu! Schon seh' im edlen Eifer ich die Musen Dir Lorbeerkränze flechten, schon verziert Den roten Scheitel dir der grüne Kranz,*) 20 Der vielbesungne, und es schmückt zugleich Dich Rom mit Purpur und mit Lorbeer Hellas! Dich grülst des Haines Widerhall, das Rauschen Der Welle grülst in Cirrhas Quelle dich, Zu Ehren dir greift Phöbus in die Saiten, 25 Mit Hand und Fuls geschäftig tritt er Takt, Und rührt mit Kraft das goldne Saitenspiel! Beginne unverzagt den Wettgesang! Sei du ihr Spielgenofs! Es wird sie freu'u! Wenn dummes Volk in pöbelhafter Rede Kardinal ein Exemplar des Servius, des bekannten Kommentators Virgils, damit er ihm ein Führer sei in der Dichtkunst, - wohl zugleich in der Hoffnung, dafs der Kommentar ihm die Schwierigkeiten seines Vorhabens klar machen und von demselben abbringen werde. Körting p. 204. Kossetti, vol. 11, sezioncXIII, argomento 1. ') Hier und Vers 21 wird als besonders rühmenswert hervorgehoben, dafs der Angeredete den roten Hut der Kardinäle zugleich mit dem grünen Lorbeer der Dichter tragen werde. Dafs Bernhard schon bei Abfassung dieses ersten Briefes Kardinal war, ist aber daraus noch nicht zu folgern. P. meint wohl, er werde sich Kardinalshut und Lorbeer gleichzeitig verdienen. B. wurde 1336 Bischof von Lombes, 1338 Kardinal, durch Benedikt XII., vgl. darüber Rossetti a. a. 0. — 86 — 30 Die Dichter Lügner nennt, so lügt's! Lafs dich Dadurch nicht hindern! Denn wir scherzen nur! 1 ) Mit buntem Schein verhüllen wir die Wahrheit, Das Volk durchschaut die Hülle nicht! Erhahnes, Wir bergen's in. der Tiefe gern. Der Mensch 35 Bewundert mehr, was mühsam er gesucht! Weil sich das Gold im Schofs der Erde birgt, Gilt's um so höher, kommt's herauf ans Licht. Entstammt die Perle unbekanntem Strande, So glänzt am Ring sie heller. So erstrahlt 40 Nach Regenwolken auch der Himmel reiner; So grüfst nach Finsternis der Nacht das Auge Voll froher Hoffnung den ersehnten Tag. Wohlan! Wohin der neue Trieb dich führt, Dem strebe zu! Erforsche heil'ge Lieder, 45 Darin der Wahrheit Strahlenbild sich birgt! Des Feuergeistes Schwung enthüllt es bald; Der Nebel teilt sich sacht, und sieh, es leuchtet Entzückend aus der fmstern Wolke vor! — Mit kleiner Gabe möcht' ich deinen Weg 50 Dir sehr erleichtern! Du empfängst anbei Ihn, der Virgils verborgne Weisheit kündet, Den Servius. Begrüfs ihn milden Sinns! Er ist vor Alter scheckig, fahl von Antlitz, Und schäbig sein Gewand, — beacht' es nicht! 55 So muls ein Alter aussehn! 2 ) — Wenig Körner Gestatte ihm zu sä'n, zu seiner Zeit Ergibt sich, wird er recht gepflegt, daraus Ein endlos Saatfeld. Wenn den Weg bei Nacht Des Lämpchens schwache Flamme weisen kann, *) Über diese Auffassung der Dichtung und die wahre Aufgabe des Dichters spricht P. ausführlicher Ep. II, 11, v. 240 ff. '*) P. hat Servins, den Virgilkommentator, gründlich studiert; vgl. Nolhac p. 10l>. Er legte grofsen Wert auf Eleganz seiner Bücher, die meist auf Pergament geschrieben waren. Ein unansehnlich gewordenes Exemplar zu vorschenken, war ihm unangenehm; er entschuldigt sich daher mit feinem Humor wegen der äufseren Beschaffenheit der Handschrift; vgl. Nolhac p. (il. 87 — 60 Wenn Unsre Durstesglut im Sonnenbrand Des Büchleins kleine Welle löschen kann, Dann, hoher Vater, wird die kleine Gabe Dir wohl nicht unlieb und nicht wertlos sein! — 3. Warnung. 1 ) (An denselben.) Du machst mich zagen, hoch willst du hinaus! Es zeigt dein Brief, wie tief gelehrt du bist! Ja, kluges Forschen bringt viel Wissen ein; Gewifsheit setzt du an des Zweifels Stelle! 5 Dein Donnerwort beklagt das eigne Dunkel, Doch hell erleuchtet's andrer Herzen Nacht. Doch lala mich offen sein! Mein stürmisch Los 2 ) Erlaubt mir nicht, die Sternenbahn zu gehn; Der Himmel hat so hohe Geisteskräfte, 10 So hohe Sangeskunst mir nicht verlielm. 0 Der Kardinal d'Albi, noch mehr angespornt durch P.s Brief, setzte seine dichterischen Bestrebungen fort und suchte auch 1 zu^bestimmen, dafe er Gegenstände der Astronomie und Naturkunde d,e er selbst tobte, in Versen behandle. P. erklärt sich dazu au iser stände teüs weil er diese Wissenschaften nicht verstehe, v.9-10, teüs weil es in Avignon überhaupt unmöglich sei zu dichten, und widmet dem wüsten Treiben in dieser Stadt die interessanten Verse 12-50 Darauf geht er zur Befrachtung der einzelnen astronomischen oder naturkundlichen 1 ragen über, auf die ihn der Kardinal aufmerksam gemacht hatte, und Stellt diesen jedesmal andere religiöse oder ethische Fragen gegenüber, die zu kennen für den Mensehen (und wohl insbesondere für einen Kardmal) vielmal wortvoller und nützlicher sei. Zuletzt ersucht er den hochstehenden Dichter, wenn er weiter auf dem Felde der Poesie arbeiten wolle, die Grundlage derselben, nämlich die Metrik, sich anzueignen, darin dem gröfsten Herrn des antiken Kom, Augustus, folgend. - Der Brie! ist also eine nicht mehr mifszuvorstehonde „Warnung", dafs der Kardinal auf dem eingeschlagenen Wege nicht versuchen solle weiter zu gehen, wenn er wenigstens auf P.s Mitwirkung dabei zähle. 2 ) Das Wanderleben P.s verhinderte Vertiefung in die vom Kardinal empfohlenen Berechnungen und Spekulationen: - Sternenbahn und astronomische Studien. — 88 — Auch leid' ich von des heilsen Sommers Glut, 1 ) Vom lliesenlärm, der in dem Städtchen tost. 2 ) Zu eng ist für den Menschensehwarm der Raum, Zu eng der Himmel für das Sprachgewirr. 15 Von eis'gen Bergen sendet den der Nord, Vom fernen, reichen Strand schickt diesen England, Den einen macht der Ozean, den andern Uns Spanien zum Landsmann. Ein Gewühl Aus unbekannten Stämmen füllt das Städtchen; 20 Gewinnsucht führt aus allen Ländern sie Zuhauf und sperrt in ein Verliefs sie ein. Kein andrer scheut den Trubel so wie ich, Und mufs voll grimmen Argers ihn durchwandern. Wie mich dies Treiben quält; ist's unsagbar! 25 Da kommt die wilde Schar! Der stöhnt, der singt, Der fällt, den hebt seiu Liebchen auf; der fährt Mit Worten, der mit Hieben drein; der bändigt Ein Viergespann und füllt den Weg mit Kot. Hier fremde Pilgerscharen, 3 ) staubbedeckt 30 Auf schmalem Wege dort ein Wandrer; jener 1 ) Die Hitze im südlichen Frankreich, verbunden mit dem Mistral (Circius) galt als besonders drückend. (Vgl. Ep. m. III, 27, IS.) 2 ) Rossetti im argomento und Nolhac p. 153 Anm. machen darauf aufmerksam, dafs das Vorbild dieser Schilderung des unruhigen Avignon bei Horaz, Epist. II, 2 und bei Juvenal. satir. III zu finden soi. Jedoch ist nicht weniger notwendig hervorzuheben, dafs, im Gegensatz zu sonstigen Entlehmingen aus dem Altertum, nur der Stil und Geist, nicht die Züge und Worte eine Anlehnung verraten. Es ist das Avignon der Päpste, in dessen engen Gassen ein riesiges internationales Getriebe noch unangenehmer sein mufste als in dem grofseu Born, vgl. Pastor, Geschichte der Päpste I 3 , p. 77. Zugleich stützt die Schilderung P.s die Behauptung Pastors p. 72, dafs die avignonischen Päpste sich um die Ausbreitung dos Christentums in Indien, China, Egypten, Nubicn, Abessinion, der Berberei und Marokko grofso Vordienste erworben hätten; daher „unbekannte Stämme", „der Ozean", v. 19 und 17 und „Worte fremden Klanges" v. 87. — :l ) Vielleicht auch „fremde Söldnerscharen", denn der Toxt peregrina phalanx läfst auch diese Auffassung zu. Nur schien mir das geschlossene Eindringen von Pilgermassen für die päpstliche Hauptstadt bezeichnender; peregrinus = Pilger. — 89 — Bezwingt ein edles Rofs mit Sporn und Zügel; Der andre, schon von Blute triefend, stöfst Das Messer in des Rindes arglos Herz. _ In Tracht des Auslands prunkt der eine jener 35 Erfüllt den Marktplatz mit Drommetenschall Und ruft den Frevler vor das Tribunal.') Seltsame Worte fremden Klanges stöfst Ein andrer aus; man untersucht ihn, — clocli Er bebt und taumelt, Klagetöne dringen 40 Aus seinem Munde. - Dieser trägt den Freund Ins Grab, die Gattin jener; rings erdröhnt Von fleifs'ger Schmiede Hammerschlag der Ambos. Der gafft am Kreuzweg, läuft uns in die Quer, Der schreit mit lautem Jammerruf nach Brot. — 45 Wozu noch mehr? Auf Buh' ist keine Hoffnung. Auch martert mich der Hofdienst. Laut ertönt Wohin ich geh', die Welt von Streit und Lärm.') Und steht es so, wann kann ein Lied gelingen? Wann find' ich Kraft zu schöner Strophen Bau? 50 Im Walde lebt das Lied, es halst die Städte. Hier soll ich Grofses leisten? Ja, du fragst, Wo Land und Meer begrenzt ist, wie viel Nixen, Wie viel Tritonen in der Brandung schwimmen! Wie grofs der Sand am Meer ist, wie viel Fische i) Wie mir Herr Prof. von Brünneck gütigst mitteilte bestand im Mittelalter m sTdfraukreich der Brauch, schwere Verbrecher, ***** dreimaliger Ladung dem Gericht nicht gestellt hatten zum vierte*M. unter Trompetenschall und öffentlichem Namensaufruf (I, son de.tefflge et cry public) vorznfordern. Erschien der so vorgeladene Verbreche nicht, so wurde er für überführt erachtet (tenu pour atteint et convamcu du cas et crime ä luy impose). ») An Streit und Lärm fohlte es in Avignon zwar nie; doch wenn der vorliegende Brief, wie Eossetti bemerkt, nach 1343 geschrieben ist, als Bernhard d' Albi aus Spanien von seiner diplomatischen Mission heimgekehrt war, so könnte man in P.s Worten unter anderem eine Mißstimmung über die unter Clemens VI. (Papst 1343) eingetretene völlige Französierung des Hofes von Avignon finden. Pastor, Geschichte der Päpste I 3 , p. 92 ff. — 90 — 55 Das Weltmeer birgt in unermelsnem Schofs, Wie viel im Walde steckt an Wild und Vögeln, Wie viel der Ätna speit an Glut und Asche! Das weifs ich nicht. Auch ist mir unbekannt Des Weltalls Ordnung und der Sterne Bahn. 60 Wollt' ich um alle Ilimmelspole schweifen, — Wer legt mir Erdgebornen Flügel an, Der Welt Geheimnis zu erschaun und Pol Und Zentrum auszumessen V — Kühnes Wagnis! Kaum einem glückt's aus vieler Tausend Zahl! — 65 Geheimer Sternenkunde rühmt sich mancher, 1 ) Will Himmel, Erd' und Meer verwegen messen — Und kennt den Ton nicht, draus der Leib besteht, Und kennt die Nacht nicht, die den Geist umhüllt! Verhängnisvolle, weinenswerte Torheit, 70 Die alles lieber als sich selbst erkennt Und was das beste ist, zuletzt erstrebt! — Des Phöbus Wort am hochberühmten Tempel Heilst mich nicht Fremdes, heilst mich selbst erkennen. Meinst du, mich treibt der Geist, den Ptolemäern 2 ) 75 Und jenem Sikuler zu folgen, der Zum Unglück einst in Staub die Kreise schrieb? ;( ) 1 ) Hier und in dein ganzen folgenden Gedicht zeigt sich P. als ein entschiedener Gegner der Astrologen und Zeichendeuter, die er auch in anderen seiner Briefe bekämpft. Voigt P, p. 72 bemerkt sehr richtig über diese Ausfälle P.s: Vielleicht sind es für uns Gemeinplätze, aber er sprach sie zu einer Zeit aus, wo der Hofastrologe zu den angesehensten Gelehrten zählte, wo in Bologna und Padua besondere Lehrstühle für diese Wissenschaften errichtet waren, wo die Kirche es noch nicht wagte, die morgen- ländische Thaumatologie, welche durch die Berührungen mit dem Orient in Wissenschaft uud Loben gedrungen war, streng vom Glauben zu sondern u. s. w. 2 ) Der Plural „Ptolemäern" bei P. könnte bedeuten, „Leute wie Ptolemäus", der berühmte egyptische Astronom, um 151) n.Chr. Vielleicht aber hält er die in Egypten regierenden Könige dieses Stammes für Astronomen, ein lange verbreiteter Irrtum. Vgl. den auf der Schule von Athen des Raffael als „König" dargestellten Geographen und Astronomen Ptolemäus. 3 ) Archimedes, der bekannte Mathematiker und Mechaniker, verteidigte Syracus gegen die Körner 212 und wurde von einem Soldaten bei der — 91 — Wie. fand' ich Zeit dazu? Mich drängt der Tod; Ihm stehl' ich hastig Stunden, Tage ab. Das ist mein höchstes Streben. Doch du willst's! 80 Drum red' ich deutlich! Sieben Sterne schlielsen In ew'gem Lauf des Himmels Bahnen ein. 1 )-------- Ist's nicht viel besser, nach den schönen Sternen Zu forschen, die der Seele Aufruhr zähmen Und die sich scharen um die eigne Sonne? 2 )-------- 85 Die Sonne lenkt die Welt, allein sie kehrt Zurück zum Aufgang; wenn ihr Strahl erlosch, Herrscht dunkle, kalte Nacht auf dieser Erde. Auch die Gestirne, scheinbar festgeheftet, 3 ) Ziebn langsam ihre Bahnen und erfüllen, 90 Wie jeder weite, des Jahres grofsen Kreislauf.-------- In eines Jahres engen Kreis beschlossen Sinnt unser Hochmut Ewigkeiten nach, Vergibt des kurzen Lebens schnellen Lauf! — — Man streitet, ob die Sonn' inmitten steht, 4 ) 95 Ob nur an zweiter Stelle. — — Ob die Tugend Im Mittelpunkte steht, das läfst uns kalt! — Darüber streiten Babylon und Memphis!'') Aufs Altertum, auf Archimed und Plato Erstürmung der Stadt getutet, während er beschäftigt war, in den Glasstaub seiner Studiertafel mathematische Kreise zu zeichnen. Da er einen Himmelsglobus erfand, wird er auch zu den Astronomen gerechnet. ') Die dem Altertum bekannten Planeten: Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. 2 ) Den sieben Planeten, deren Betrachtung wertlos ist, stellt er die vier Kardinaltugenden der Alton, verbunden mit den christlichen Tugenden: Glaube, Liebe, Hoffnung, gegenüber. Ihr Mittelpunkt, zu dem sie führen, ist Gott. s ) Die Sterne, der Sonne folgend, bezeichnen durch ihre Bahn don Lauf des Jahres; diese Bahn bedeutet für uns das Leben, und trotz der Kürze dieser Bahn und unsres Lebens wollen wir aus derselben Bahn eine Zukunft erkennen! ') Die Frage, ob die Sonne der feststehende Mittelpunkt des Weltsystems ist oder die Erde, war noch eine offene. 5 ) Babylouier und Egypter sind die ältesten Vertreter der Astronomie und Astrologie. — 92 — Beruft man sich! — Man schäme sich zu fragen, Wie viel die Sonne grölser als die Erde,------- 100 Und träge zu vergessen, wie viel edler Die Seele als der Körper ist. 1 ) — Der Pöbel, Er schwatzt davon, was Jupiter und Venus, Die Glücksgestirne, was der rote Mars, Was des Saturnus kühler Strahl vermöge. 2 ) — 105 Doch hesser wär's zu lernen, was wir selbst, Was Gott in uns vermöge; wie die Last Des Körpers schwer uns niederdrückt, und wie Am Scheideweg uns Schlingen legt und Fallen Der starke Räuber ans dem Höllenschlund. 3 )------- 110 Dafs Luna strahlt, durch Phöbus' Licht erhellt, In stetem Wechsel, nie mit gleichem Antlitz Beim Aufgang wie beim Niedergang, dafs oft In Dunkel sie verschwindet, dann erneut Mit schmaler Sichel auftaucht, bis sie wieder 115 Dahinsiecht, — dafs Merkur, der Götterbote, Ein unbeständ'ger Stern, den Frohen Frohes, Betrübten Trübes bringt, — ist allbekannt!------- Doch wer der Seele Nacht erhellt, wie oft Ihr Wesen schwankt, wie oft im Kampf erliegt, 4 ) 120 Das ist uns gleich; auch wem das Glück Gewinn, Wem's Schaden bringt, für wen der Tod ein Glück, Für wen das höchste Unglück ist, nicht minder! 1 ) P. will nicht die Untersuchung physikalischer Gesetze überhaupt verwerfen, sondern diesen Bestrebungen nur nicht den ersten Rang einräumen. 2 ) Mars als feuriger Kriegsgott, hat angeblich rotes, Saturn, als alter, bösartiger Mann, hat kaltes Licht. 8 ) Über den Scheideweg vgl. Ep. I, 8, v. 17. Der starke Eäuber ist der Teufel, der Führer der von Gott abgefallenen Engel, vgl. Ep. 1, 15,186. ') Dem bald gröfser, bald kleiner, bald heller, bald dunkler erscheinenden Monde wird die Seele mit ihren wechselnden Zuständen, ihrer Verfinsterung (durch Trübsal, Unglaube, Zweifel) entgegengestellt. Wie der Mond sein Licht der Sonne, so verdankt die Seele ihre Erlösung aus Nacht, ihre Erleuchtung nur Gott. Aber nur das interessante Naturschauspiel wird von den Menschen beachtet, der seelische Vorgang nicht. — 93 — Die sieben Schwestern von verwandtem Stamme 1 ) Hältst dn mir vor, — wer kann sie allesamt 125 Genau besprechen! Seneca, den klugen, Befrag' um ihren Wert! — Jedoch du kennst ihn Und willst mich nur verlocken ihn zu preisen!------- Doch mich hat in des Lebens Wechselspiel Und Kampf der Reih'n der neun erhabnen Jungfraun 130 Allzeit beglückt. — Euch, sanfte Musen, dankt Der Sänger tausendmal! Den kühnen Pfad, Der endlos aufwärts zu den Göttern führt, Den wies't ihr mir! 0 führt' er mich zum Ziel! — Zu anderm wendet sich mein Lied; gestatte 135 Ein freies Wort! In ungebundner Rede Behandle, was du willst; ergeh' dich frei, Es ist erlaubt und einfach ist die Müh'! Doch willst zum Gipfel des Parnafs du klimmen, Die Schläfe dir mit grünem Lorbeer kränzen, 140 Lafs deine Verse Takt und Rhythmus zeigen 1 — Es lerne eilen in bestimmtem Schritt Die ungebundne Silbe. Deine Zeit Verschmähe nicht der Kleinigkeit zu opfern. In drei Triumphen zwang August die Welt; 145 Doch Musensang und zartes Lied verschönte Des Helden Ruhm.' 2 ) Der edle Herrscher führte Die Zügel der bezwungnen Welt; er lenkte J ) Der Gegner hatte P. daran erinnert, dafs doch die Astronomie auch zu den sieben freien Künsten gehöre, deren Pflege also seine Sache sein müsse. Die sieben freien Künste, die als Schwestern gedacht werden, heii'sen: Grammatik, Dialektik, Rhetorik (trivium), Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie (quadrivium). — P. lehnt es ab, den Wert dieser sieben Schwestern zu preisen, verweist dafür auf Seneca und erklärt, für ihn seien neun andere Schwestern, die Musen, im Leben bestimmend gewesen. — 2 ) Über die dichterischen Versuche des Augustus vgl. die Ann. zu Ep. II, 11, v. 248. P. scheint hier über ein Bruchstück zu sprechen, das dem August zugeschrieben wurde, und von der Erhaltung der Aeneis handelt, vgl. Nolhac p. 107. (Baehrens, Poet. lat. min. IV, 17Ü.) Schanz II 2 , 1, p. 6 erklärt es ausdrücklich für unecht. In jedem Falle verdient es das Lob nicht, das P. ihm widmet. - 94 — Die Völker, Herrn und Fürsten; Glück und Unglück Und Tod und Leben ruht' in seiner Hand. 150 Doch war des Herrschers Herrscherin die Muse. Er zwang die Hand, im Takt sich zu bewegen, Die eisern sonst den Schwertgriff hielt; er merkte Sich peinlich an, wo für die kurze Silbe, Wo für die lange sei der rechte Platz. 155 Noch lebt ein Lied des kaiserlichen Dichters, Das jetzt und ewig seinen Ruhm bezeugt. — 4. Absage. 1 ) (An denselben.) Zu Boden drückt mich deiner Schriften Masse, Die Riesenlast zermalmt die schwachen Schultern. Such' anderwärts dir ebenbürt'ge Geister! Mir gab der Himmel schwächern Geist; mir löst 5 Sich langsam nur der Zunge Band zum Lied. Dir hat Gott mehr geschenkt! Dein Geist beherrscht Den Himmel, deine Zung' ist eisern, rasch Vollführt dein Kiel von Stahl jedweden Angriff. Die Gottheit schüttet dir aus vollem Hörne 10 Viel Lieder in den Schols; dreihundert Verse Und zehnmal sieben schenkt dir eine Stunde, 2 ) — Wie viele würd' ein einz'ger langer Tag, Ein Monat, ja ein ganzes Jahr dir schenken? Wer mag's berechnen? Ich verwende oft 15 Den längsten Sommertag, bis spät es dunkelt, ] ) Von neuem hatte Kardinal d' Albi ein mifsratencs Gedicht an P. gesendet. Der Dichter geht auf das Thema desselben gar nicht ein, sondern bewundert mit offnem Hohne die Fertigkeit im Schreiben von Versen, durch die der Kardinal sich auszeichne, und stellt seine eigne, mühevoll und langsam sich vollziehende Dichtung dem gegenüber. Noch deutlicher als im vorigen Brief weist er ihn auf die groben prosodischen Fehler seiner Verse hin und erklärt zuletzt rund heraus, von solchen Dichtungen keine Notiz mehr nehmen zu wollen. ■) So sagt Iloraz, Sat. I, 4, 9, dafs ein schlechter Dichter oft über 200 Verse in einer Stunde diktiert habe, auf einem Beine stehend. - 95 - Auf wenig kleine Verse. So verstreicht Ein ganzer Tag. Doch freilich mich bewegt Des Nachruhms Ehre und der Enkel Urteil. Vor ihrem Schmähwort beb' ich; wage nicht, 20 Den Speeren vieler waffenlos zu trotzen. Denn weder Lohn noch Lockung oder Lust, Kein Mittel wird mich schützen, — wenn es nicht Die eignen Werke tun, genau geprüft In ferner Zukunft, wo die Asche einst 25 Im Grab zerfällt, die Zunge längst erstarrt, Den Dienst versagt, des Liedes einz'ge Hoffnung Auf dem beruht, was in ihm geistig lebt. Und dicht' ich langsam, zögernd, ist's die Schuld Der Sorge; immer sieht des Dichters Blick 30 Die fernsten Zeiten, — was er auch besinge. Doch dir genügt, des Lesers Blick zu blenden. Für Ruhm hast du auf anderm Pfad gesorgt. 1 ) Wohl dir, dals du ihm mutig eifrig folgtest! Ich end' in Finsternis, wenn nicht mein Lied 35 Von eignem Lichte strahlt; daher mein Bangen, Daher mein Eifer! Mag ich's zehnmal lesen, Doch halt' ich's zögernd fest, lafs es nicht fort, Noch immer nicht. Der Bote mag voll Eile' 2 ) An meiner Türe stürmisch klopfen; lieber 40 Entlafs' ich ihn mit leeren Händen, eh' Er, was mich schändet, in der Welt verbreite! Nur heut vergels' ich diesen Brauch. Ich weifs, Du siehst es gern. Ein Weilchen schreib' ich hastig, Dir scheint's vielleicht noch allzu langsam, — das 45 Ist freilich unsrer Freundschaft einz'ger Milston. Doch deiner Lieder sind so viel, sie spotten Der meinen, furcht' ich, die so wen'ge sind. Was du an einem Tage schaffst, das sieht Voll Spott auf meine Jahresmüh'. — Halt ein! 50 Ich bitte, mit Verlaub! Gedenke gütigst ') Nämlich durch seine der Kirche geleisteten Dienste; zugleich ein deutlicher Wink, sich mit dem so erworbenen Ruhme zu begnügen. 2 ) Der Brief böte ist gemeint, nicht etwa der Bote des Setzers! — 96 — An jenes Zwiegespräch, enthalten in Euripides' AlkestisP) Doch genug. — Ich sah Erstaunten Blicks dein schnell entstandnes Lied. Bei Gott, der kommandiert die Poesiel 55 Sprach ich bei mir; den ganzen Helikon Läfst er vergnügt nach seiner Pfeife tanzen! Die Mafse zählt ich dann; doch macht' ich Halt, Zwei-, drei- und viermal, war bereits erschöpft Auf halbem Wege. Wie ich dann genau 60 Jedwedes prüfe und dem Freundeskreise Dem Brauch gemäfs es zeige, nimmt sie alle Dies Eine Wunder, dafs so viele Mafse Auf so verschiednem Fufs, von soviel Silben Sich doch vereinen und za gleicher Zeit 65 Zu meinem Hause eilen. Dieses stützt Mit dreien Füfsen sich, mit vieren jenes, Das schwingt sich auf mit zehn; auf einem humpelt Das andre, — und doch schreiten sie vereint; Es harrt des lahmen das behende Mafs, 70 Das schwere eilt dem flücht'gen nachzukommen. 0, hätte Maro doch so reiche Fülle Der Redekunst besessen, — nie fürwahr Hätt' er so zäh sein unvollendet Werk Bis in des Lebens letzte Zeit gefeilt! 75 Was nun? Soll ich mich freuen? Soll ich klagen? Dich schuf Natur zum Dichter; doch es schädigt Der Rechte Kenntnis dein Bemüh'n! Sie lenkt Den Geist des Dichters ab. Allein dein Geist, Ergiebig, wie er ist, kann reichlich glänzen, 80 Liegt nur ein Teil von ihm der Dichtung ob. So greife frisch zur Feder, waffne kühn Die starke Hand; als Sieger hinter dir Läfst du die Ilias und ihren Ruhm ') Adinet, König von Thracien, der dem Tode verfallen ist, bittet seinen alten Vater vergebens, an seiner Stelle zu sterben. Umsonst hält Admet ihm das Kühmliche eines solchen Endes vor, der Alte erwidert: Nach bösem Rufe frag' ich nichts, bin ich erst tot. — — 97 — Und der Aeneis Herrlichkeit. Der Sieg 85 Macht nur geringe Müh! — So viel davon!------- Du fragst noch mehr? Behalt' es doch für dich! Du bist so reich an Wissen! Deine Eätsel Sind zu geheimnisvoll, kein Oedipus Kann je sie lösen, das kannst du allein! 90 Mag nun in Zukunft jener Feuerstrom Aus deiner Brust in unerschöpftem Fluls Je tausend oder je Milliarden Verse Auf mich ergielsen, — Verse voller Schönheit Und von erhabnem Klang, — ich werde schweigen, 95 Wenn nicht durch Gleichmafs und bescheidne Ordnung Sie wohlgefällig und voll Anmut sind. Und wenn sie nicht das Herz erquicken, will Ich sie nicht zählen! Mag auch ihre Zahl Dein Stolz und deine Sorge sein, und sich 100 Dein Herz erfreun an so geschwinder Dichtung. 5. An Clemens VI. 1 ) Betrogen hat mich mein geduldig Hoffen Nur allzusehr, hochheil'ger Herr und Vater; Ich harrte, bis ich grau ward, mahnte dringend Den säum'gen Gatten, bat ihn: komm zurück! — J ) Als Benedict XII. am 25. April 1342 zu Avignon gestorben war, wurde der Kardinal Petrus von S. Nereus und Achilleus zu seinein Nachfolger gewählt nnd als Clemens VI. am 19. Mai 1342 gekrönt. Er stammte aus dem edlen Hause Roger. Sofort beschlofs das römische Volk, Clemens VI. die senatorische Gewalt zu übertragen, in der trügerischen Hoffnung ihn Dach Eom zu ziehen (nach Gregorovius VI 4 , 220—221). P. schlofs sich diesen Bestrebungen an dnrch vorliegenden Brief. Dafs er nebst Cola di Kienzi 1343 im Januar als Gesandter im Auftrage Korns dies Gedicht überreicht habe, ist nicht zu erweisen. Aber P. war in Avignon, als Cola 1343 dorthin kam, und wurde mit ihm befreundet. Wieder ist es die verlassene Koma, die er zu ihrem Gatten sprechen läfst (vgl. Ep. I, 2). Sie beklagt ihre vergeblichen Bemühungen bei ihrem früheren Gemahle, Benedict XII., den sie der Teiluahinlosigkeit beschuldigt, schildert die freudige Begeisterung, mit der sie auf die Kunde von der F. Friedersdorff, Petrarcas poetische Briefe. 7 — 98 — 5 Doch ihn bewegte nichts; kein rührend Schreiben, Kein tränenfeuchter Blick der trauervollen Verlassnen Gattin, wenn sie tiefgebeugt, Die Wange nafs von frisch vergofsnen Zähren, Ihm in den Weg trat. Ach, der Türken Mitleid 10 Gewann ich eher als des Gatten Liebe! Wie ich in Staub gesunken dringend flehte Um Hülfe oder doch um Trost im Sterben, Sprach zur Entgegnung er nur glatte Worte, Hielt mich durch nicht'ge Reden hin und speiste 15 Sein armes Weib mit schalem Trostwort ab. Bald war Erkrankung schuld, dals er nicht käme, 1 ) Bald war die Frage peinlich zu erörtern, Ob fromme Seelen, die vom Körper schieden, Des Himmels Wonne sähen; bald betrieb er 20 Verworrnen Rechtes neue Ordnung, bald Der Sittlichkeit Veredlung, — baute Burgen 2 ) Wahl eines so edlen Gatten über die Alpen geeilt sei, und bittet ihn heimzukehren. „Denn Eom ist dein natürlicher Sitz, wohin dein Naine Petrus, wohin tausend heilige Erinnerungen dich rufen." ■— Sie zählt alsdann alle die Sehenswürdigkeiten auf, die damals das Entzücken frommer Pilger bildeten, und die ihn alle zur Heimkehr mahnen miü'sten. „Willst du aber nicht kommen, so segne mich wenigstens aus der Ferne, stelle die verfallenen Heiligtümer wieder her." — Mit eindringenden Worten schildert sie den Verfall der Tempel, die Not der Kirche und erinnert ihn an seine Pflicht der Hilfe. Endlich bittet sie, der Not zu steuern durch Gewährung eines Jubeljahres 1350; dies werde ihr immerhin ein Trost sein. Das Gedicht ist insofern interessant, als es, zusammengestellt mit devn Briefe de reb. fem. IX, 13, beinahe ein Fremdenführer durch die kirchliehen Sehenswürdigkeiten des damaligen Roms genannt werden kann, und doch wird der an sich trockne Stoff durch die Behandlung des Dichters, der seine persönlichen Eindrücke wiedergiebt, wie jeder fühlt, anziehend gemacht und belebt. — Andrerseits klingt betrübend hindurch die inzwischen eingetretene wirkliche Not Roms und die Überzeugung der Bittstellerin von der Erfolglosigkeit ihrer Bestrebungen. Clemens VI. belohnte die Verse P.s mit dem Priorat von S. Nicolaus de Miliarino bei Pisa, Gregorovius VI' 1 , p. 222, Anm. und Rossetti, argomento. 1 ) Über die Gründe des Verbleibens Benedict XII. in Avignon vgl. Ep. I, 2, v. 251 Krankheit, Ep. I, 4, v. 148 ff. visio beatificans, Ep. I, 2, 239 Disziplinierung der Geistlichkeit und Frage nach der Armut der Kirche. 2 ) Unter Benedict XII. begann der Bau des päpstlichen Palastes in — 99 — Von stolzer Höhe, liefs zum Himmel steigen Der Türme Zinnen. Immer viel geschäftig, Um alles eher sorgend als um mich, 25 Verharrt er teilnahmlos an fremder Küste; Und so verstrich die Zeit, die Tage floh'n, Bis endlich ohn' Erbarmen ihn der Tod Den Zoll entrichten liefs, nach ew'ger Ordnung. — Nun ward ich einsam, einsam mehr als je, 30 Und dunkler färbte sich des Trübsais Nacht. Doch Gottes Güte nahm sich meiner an, Sie schenkt dich mir zum Trost in meiner Not. Wie sind die Menschen blind! Sie klagen, zittern, Wo statt der Seufzer Jubel sich geziemte! 35 Noch eben brachte böse Todesbotschaft Mir jähen Schmerz und unverdienten Gram, — Da, unerwartet, wischt ein zweiter Bote Des Jammers Träne ab; — die Trauerkleider Befiehlt er abzutun; ein edler Gatte 40 Sei zu beglücken mich bereit. — Die Rede Versagte mir, kaum glaublich schien die Kunde, Im Herzen wogte stürmisch Lust und Bangen, Unfalsbar war die Freude. Jedes Zweifels Enthob mich schnell die zuverläss'ge Meldung, 45 Die vor mein Ohr den hoehgepriesnen Namen Des edlen Clemens trug; dann plötzlich fafste Mich Zagen; ja! des Glückes Übermafs Erdrückte fast mein vielgeängstet Herz. So hoch beglückt des einz'gen Sohnes Heimkehr 50 Der Mutter Herz, wenn sie den totgeglaubten, Den sie im Kampf gefallen wähnt, erblickt. Drum brach ich hastig auf; der Alpen Eis Durchschritt ich froh; — wie schien der Weg so kurz! Denn alle Mühe macht der Frohsinn leicht; — 55 Sollt' ich doch bald vor deinem Throne stehn, Aviguon, „Gemisch von Burg und Kloster, Gefängnis und Palast." Pastor I 3 , p. 88. — B. bekämpfte Bestechlichkeit und Gewinnsucht der Geistlichen, Pastor p. 59. 7* — 100 — Geliebter Gatte!-------Heil'ger Vater! Ach! Erbarm' dich meiner! nimm mein Flehen an! Lafs mich nicht einsam altern, mein Gemahl! Wohl kenn' ich dich und deinen hohen Wert; G0 Zwar bist aus fremdem Lande du entsprossen Und innig liebst du deiner Heimat Flur, Wo dir der Jugend holde Zeit verrann. Hoch ehrt daheim dich eine Schar von Fürsten Und mächt'ge Freunde sind die Frauken dir. 1 ) G5 Wohl scheint dies alles meinen Wünschen feindlich, Doch treue Gattenliebe und der Glanz Des Herrschersitzes trägt den Sieg davon. Mag auch vor dir allein die Welt sich beugen, Mag dich als Herrn das fernste Reich verehren, 70 Wo Herkules die Säulen aufgetürmt, Das Land zu scheiden von der See Gewoge, — Hier steht dein erstes Haus, dein höchster Sitz, Drauf heil'ge Väter thronten, der den Körper Des reinen Petrus trug, und jenen Clemens, 2 ) 75 Nach dem du dich benannt. — Und du, ein Clemens, Der früher Petrus hieis, — du regst dich nicht, Den Thron zu schaun, dem Haupt der Welt zu nahn? Im harten Stein die Spuren zu entdecken Von deines Heilands Fuls, 3 ) sein himmlisch Antlitz, 80 Getreu bewahrt in einer Jungfrau Tuch? 4 ) Und jenes Bild, das in des Tempels Wölbung Dem Volk erschien, mit ernstem Glanz noch heut Das Herz durchschauert und zur Andacht zwingt? 5 ) — x ) Clemens VI. (Pierre Koger) uuigab sicli ganz mit vornehmen Franzosen. 2 ) Petrus, der Apostel, gilt dem Dichter als der erste Bischof Roms; zu seinen frühesten Nachfolgern gehört Clemens von 91—1U0 nach Chr. 3 ) Nach Petrarca de reb. fam. IX, IS (super praedurain silicem aeternuui gentibus adoranda vestigia) befanden sich in der Kapelle Domine quo vadis, erbaut aufserhalb Roms an der Stelle, wo Christus dem fliehenden Petrus begegnete und ihn zur Rückkehr veranlafste, die Fui'sspuren Christi, die sich dem Marmor eingeprägt haben sollten. In Copie noch jetzt dort sichtbar. *) Das berühmte Schweil'stuch der heiligen Veronika. 5 ) Ein anscheinend ohne Maler entstandenes Bild Christi, in der Wölbung der Laterankirehe; da diese 1360 abbrannte, nicht mehr vorhanden. — 101 — Kann dich das nicht verlocken? Nicht die Wiege, 1 ) 85 Drin unser ew'ges Heil geruht? Die Pfosten Der sel'gen Tür, an der geduldig schwieg Der Schöpfer aller Dinge, als Maria Ihn sanft zur Ruh' gebettet? Nicht die Milch, 2 ) Nach der das Kind verlangte? Nicht der Jungfrau, 90 Der hehren, Mutterglück? Nicht jenes Streifchen, Geschnitten von des Himmelskindes Leib? Nicht seiner Kleider teuer werte Reste? Sein Haar, durch manch Jahrhundert wohl bewahrt? Der heil'gen Agnes Finger? 3 ) Wie erstrahlt 95 An ihm der Ring so hell, den voller Inbrunst In frommem Eifer glühend Gottes Priester Ihr angelegt, als sie dem heil'gen Bunde Sich willig fügte und durch solch Gelöbnis Die Gluten stillte! — Wozu deutlich schildern, 100 Wie Petrus bang entwich, doch als der Herr Ermahnend ihm begegnet, heim sich wandte? Verschwunden war des greisen Jüngers Furcht, Entschlossen kehrt' er um zum Opfertode. 1 ) ») Die älteste Kirche Roms, S. Maria Maggiore besafs die Krippe Christi, sie wurde daher auch ad praesepe genannt. 2 ) Die hier genannten Reliquien: die Milch der Jungfrau, Reste der Circnnieision und die Windeln Christi sah P. im Vatikan. — Vgl. de reb. fam. a. 0. Vaticanum lustrabit. . . ineunabula et circumcisioncm Salvatoris aspiciet et virginei lactis vascnlum candorc mirabili. 8 ) In der Kirche S. Agnese fuori le mura vor der porta Pia. Die heilige Agnes verschmähte irdische Liebe und wurde infolge dessen mit 1 il Jahren Märtyrerin. Noch nach ihrem Tode tat sie viele Wunder. Als der Priester Paulinus von Liebe gequält wurde, befahl ihm der Papst, einen Ring, der einen Smaragd trug, dem Bilde der heiligen Agnes an den Finger zu stecken. Das Bild streckte den Finger aus, emfing den Ring, bog dann den Finger wieder in die Hand zurück und behielt den Ring. Paulinus aber war von seiner Leidenschaft geheilt. Von einem marmornen Venusbilde in Rom wurde dasselbe erzählt. Gregorovius IV 1 , p. 630. •) An der via Appia liegt die kleine Kirche: Domino quo vadis? Nach der Legende begegnete hier der vor dem Märtyrertode fliehende Petrus dem Herrn und fragte ihn: Domine, quo vadis? Als Christus antwortete: venio iterum crueifigi, kehrte Petrus beschämt um. Von dem erwähnten Gemälde ist sonst nichts bekannt. — 102 — Mit eignen Augen sieh das Wunderbild! 105 Noch ist's vorhanden. Zwar das enge Haus, Erhaut aus dünnen Ziegeln, wankt; es bebt Sogar das Bild, so grofser Taten Zeugnis; Doch immer hängt an ihm des Wandrers Blick, Mag auch zur Eile wicht'ge Ursach mahnen. 110 Nicht schönen Schein, nein, Köpfe voller Leben Vermeint sein Blick zu sehn; in seinem Ohre Erklingt ihr Wort, und er erbebt und staunt. Denn voll Betrübnis wandert Gottes Abbild Nach Roms Palästen hin, indes der andre 115 Bescheiden, gleichsam betend sich verneigt Und ängstlich aufblickt zu der Lichtgestalt. Sieh, jener wandte heimwärts seine Schritte Zum sichern Tode, und nicht Kreuz noch Folter Macht' ihn verzagt, wenn er nur mich gewänne. 120 Und du willst zaudern? Deiner harrt bei mir Die reinste Freude, harrt ein friedlich Dasein In Thronesglanze, harret unumstritten Der Ehren höchste Stufe! Soll ich reden Von Häuptern vieler Helden? Von Johannes' 125 Gestrengem Antlitz und berühmter Wunde?') Vom harten Rost Lorenzos?' 2 ) Von dem Grabmal, Das — welch ein Schatz! — zwei Bluteszeugen birgt? Hier hat der groi'se Fromme, der zuerst Im Grab geruht, dem Neubegrahnen willig 130 Den Platz geräumt und beide schlummern selig Auf ewig unauflöslich fest umschlungen. Wer zählt die Leichen, in Kallists Gewölbe :1 ) ') In der Kirche S. Silvestro in Capite wird seit dem 13. Jahrhundert das Haupt Johannes dos Täufers aufbewahrt. a ) In der Kirche S. Lorenzo fuori lo mnra bei Korn, deren Gründung auf Konstantin zurückgeführt wird, zeigt man noch jetzt den Rost des heil. Laurentius, zu Tode gemartert, weil er die Gelder der Kirche nicht ausliefern wollte; ferner das gemeinsame Grab des Laurentius und Stefanus (Bischofs von Rom um 253—257). 8 ) Die bekannten Katakomben des heil. Kallistns an der via Appia. — 103 — Zu Wunderbauten aufgetürmt? Sieh an Die Wand aus Knochen! Sieh, zur Erde rieselt 135 Der hlut'ge Tau, den Löchern, sieh, entquillt Das heil'ge Nafs der Gräber. — All die Frommen, Verborgen in der Gruft des Vatikan, 1 ) Wer kann sie zählen? Darfst du sie erschaun, 0 hoher Vater, schafft es Wonne dir, 140 Als ob des Himmels Scharen dich umringten. Hier ragt auf hohem Berg des Tempels Bau, Wo ihm den Platz bestimmt in Sommersglut Gefallner Schnee,-) — den Tempel siehst du hier, Der niederstürzte, als die Gottesmagd 145 Den Sohn gebar, 3 ) — hier rliefst der Wunderquell Aus heifsem Ol, 1 ) — der Tiber hat sich hier Mit nie gekannter Flut vereint, — ein Strom So sülsen Wassers sprang aus Pauli Rumpf, Als sein geweihtes Haupt zur Erde sank. 5 ) 150 In dieser Grotte barg sich Sankt Silvester, 6 ) Hier sah im Traume Konstantin das Kreuz. *) Die sagre grotte Vaticane, Gänge mit Kapellen unter dem Fufs- boden der Peterskirehe in Rom, enthalten die Gräber violer Päpste und Kaiser. 2 ) Die Kirche S. Maria maggiore auf dem Esquilin. Nach der Sage erschien die Jungfrau dem Patricias Johannes und dem Papst Liberias (352—366) gleichzeitig, mit der Aufforderung, ihr eine Kirche da zubauen, wo sie am anderen Morgen (5. August) frisch gefallenen Schnee finden würden. 3 ) Komulus stellte angeblieh sein goldnes Bild in seinem Palaste auf, indem er sprach: „Es wird nicht fallen, wenn nicht eine Jungfrau gebiert". Als nun die Jungfrau Maria geboren hatte, stürzte die Statue sofort zusammen. Die Tradition machte aus dem Palaste des Romains bald die basilica nuova, bald den Tempel der Venus und Roma. Gregorovius IV, 632, Anm. (i. ") Die Kirche S. Maria in Trastevere wurde an der Stolle gebaut, an der zur Stunde der Geburt Christi plötzlich ein Quell heifsen Ols aus der Erde entsprungen sein soll. 5 ) Die bekannte Abtei dello tre fontane bei Rom enthält noch die Kirchen S. Vincenzo ed Anastasio und S. Paolo delle tre fontane, erbaut an der Stelle, an der Paulus enthauptet sein soll. Sein abgeschlagener Kopf tat drei Sprünge, — wo er niederfiel, entsprang jedesmal eine Quelle. ") S. Silvester, verfolgt von Konstantin, der noch ungetauft war. — 104 — Hier fafst' in weifsem Marmor er den Bach, Durch den er eklen Leidens ledig ward, Nach Gottes Weisung, als das Wort des Herrn 155 Ein Ende setzte dem erregten Streit. 1 ) Hier dieser Felsen ward bespritzt vom Hirn Des sünd'gen Zaubrers; 2 ) hier entsandte Gott, Dem Frevel zürnend, einen Bach von Blut, Aus dieser Scholle sprang das heil'ge Nafs! 160 Hier schlug die Schurken, als sie sel'ge Leiber Von hoher Mauer stahlen, fest in Schlingen Des Himmels Strafgericht; des Tores Öffnung Verfehlten sie in gottgesandtem Wahne Und starben zitternd den verdienten Tod . . . 165 Von Aarons Stecken, von der Bundeslade, : ') Von allen Unterpfändern, grols an Zahl, Die mir den alten wie den neuen Bund Verbürgen, lafs mich schweigen; eher würde Der Sterne Zahl in heller Mitternacht, 170 Der Sand am Meere dir genau berechnet! — Was meinem zweiten Gatten wichtig scheint, Ihm gar das beste dünkt, verschweig ich gern, — Die Schwellen hier, von stolzen Siegeszügen Oft überschritten, viel gepriesne Bogen, 175 Die vom Triumph der Weiterobrer zeugen, 0 Konstantin, mit dem Aussatze behaftet, sollte, rnn zu genesen, sieh in einem mit frischem Knabenblute gefüllten Teiche baden, aber durch die Tränen der Mütter dieser Knaben erweicht, verzichtet er auf das grausame Hilfsmittel und wendet sich, durch eine himmlische Vision belehrt, an Silvester, der ihn durch die heilige Taufe von der Krankheit heilt, worauf ganz Rom, Senat und Volk, an Christus glauben. Döllinger, Papstfabeln 63. 2 ) In der Kirche S. Maria Nova oder S. Francesca Romana sind an der rechten Wand zwei Steine eingemauert, auf denen Paulus und Petrus knieten, als sie die Bestrafung des Simon magus forderten. P. de reb. famil. IX, 13 spricht von dem Steine, der durch das sündige Gehirn des Simon befleckt wurde, vgl. Gregorovius IV 4 , 622: die gepflasterte Strafse, wo Simon magus fiel, war die via sacra. Simon, der Zauberer, vermafs sich fliegen zu können. 3 ) Der Lateran enthielt angeblich die Bundeslade, den siebenarmigen Leuchter und Reliquien von Moses und Aaron. Gregorovius IV", p. 643. — 105 — Die Marmortafeln, drauf der Feldherrn Name Und ihre Taten unvergänglich glänzen, — Sie übergeh' ich, — nicht vermögen sie Dein Herz zu locken, sind ihm ohne Wert. — 180 Doch aus der Kaisertaten Fülle wirst Du eine schätzen! — Zu Tarpejas Felsen Emporgestiegen war August. Es führte Sibylla ihn, verkündend ferne Zukunft Mit ernster Mahnung. Hier erschien ihm Christus. 185 Sein Herz erbebte. Aus dem Busen quoll Ihm so die Rede: Holdes Gotteskind, Erhabne Himmelszierde, einz'ger Sohn Des Gottesvaters, — lafs zu ew'gem Sitze Dir und der Engelschar gewidmet sein 190 Dies schöne Rom! Des Himmels Altar heilse') Die Stätte hier; an ihr erhebe sich Der Gottesmutter Tempel! — Thronen lafs Den Herrn der Welt und seinen teuren Enkel Durch deine Allmacht hier in dieser Burg, j 195 Dals sie von hier den Völkern streng gebieten, Von hier der Feldherrn und der Städte Macht, Ja, selbst der Fürsten Stolz sich unterwerfen! Sieh, deiner Hand vertraute Gott, vertraute Des Schicksals Fügung die Entscheidung an, 200 Ob sich der Wunsch erfüllen, — ob des Kaisers So frommes Wort im Wind verhallen soll! O, mache frei mein Herz von dieser Furcht! Bei allem fleh' ich, was im Himmel wohnt. Beleidigt war der Vater und der Sohn, 205 Die Herrn des Himmels; sieh, hier ragt das Zeugnis, Dals gottgewollte Rachetat vollstreckten Der Vater und der Sohn, die Herrn der Erde. Wem bebt das Herz nicht bei des Namens Klang, Der alle Welt durchdrang? Jerusalem! ') Die Kirche S. Maria in Aracoeli auf dem Kapital, war nach der Legende an der Stelle erbaut, auf der die tiburtiniache Sibylle dem zum Gott erklärten Augustus die Gottheit Christi offenbarte, indem sie ihm die Jungfrau mit dem Christuskinde zeigte. — 106 — 210 Dein Haupt verfiel dem Römerbeile, schmachvoll Verhandelt Roma deine armen Kinder!') — Mit Staunen wirst du von der Witwe hören, 2 ) Die in den Zügel fiel dem Herrn der Römer, Um Rache flehend für des Sohnes Mord. 215 Zur Armen beugt er gütig sich hernieder, Beruhigt ihre Klagen und verheilst In kurzer Frist Gewährung: „Sei gewils, Ich treffe selbst, sobald ich heimgekehrt, Des Schuld'gen Haupt mit des Gesetzes Schärfe." — 220 Doch heifser fleht sie, fällt ihm in den Arm: „Soll ich der Zukunft harren? Bleibst du aus, Was dann?" „So ist mein Erbe da." — „Wie kann Für deine Ehre fremde Mannheit sorgen?" — Das Wort bezwang ihn; Halt gebot er laut 225 Den kampfbegier'gen Scharen, liefs die Fahnen Ins Erdreich stofsen und erst dann erheben, Als ein verdienter Todesstreich den Nacken Des Frevlers traf. So ward das Mutterherz Beruhigt und die Siegesbahn betreten. — 230 Für diese Tat hat gottgefäll'ge Bitte Erlösung ihm gebracht aus Höllensehlund, Und Himmelswonnen darf er selig schlürfen. — Wo gäb's ein Beispiel rührender als dieses? Nicht als Gemahlin, nein, als flehend Weib 235 Ruf ich dich an! Erhöre mich! Verschiebe, Was sich gebührt, nicht auf die Zukunft, wenn Ein andrer herrscht! Ja, einst gefiel ich dir, Als dich noch keine Fessel an mich band! Zwar magst du's heut nicht hören, denn die arme, 240 Die alte Frau ist deinem Stolz zu schlecht. *) Der Triumphbogen des Titas, errichtet infolge der Zerstörung Jerusalems, die Vespasian begann und Titus, sein Sohn, beendete. 9 ) Zur Entstehung dieser oft erwähnten Sage gab ein Eelief beim Pantheon Veranlassung, das einen Heiter nebst Gefolge darstellte, dem eine weibliche Figur flehend entgegentrat. Die Sage von der strengen Gerechtigkeit des Kaisers Trajan veranlafste den Papst Gregor den Grofsen, Gott um Erlösung der Seele Trajans aus der Hölle zu bitten, was ihm auch gewährt wurde. Vgl. Dante, Purgatorio X, 70 ff. — 107 — Doch hattest einst du meinen Anblick gern Und sehntest dich nach mir! — So galt dein Lieben Nicht deiner Gattin, nur des andren Weib? So liebt der Pöbel; was ihm unerreichbar, 245 Begehrt er heifs, gibt preis, was er besitzt, Und lobt und tadelt, schmäht und huldigt launisch. Doch du denkst anders, nie verleiht Natur Gemeinen Sinn den großen Männern! — Auf! Verschiebe nicht den schönen Freudentag, 250 Der mich mit dir vereint, der Ruhe mir, Der Segen bringt, der alle Leiden endet Dem Land Italia und aller Welt.------- Und will's das Schicksal nicht, - ach, segne mich Nur aus der Ferne, denke treulich mein! 255 Manch hoher Tempel sinkt in Schutt und Moder, Der Schlösser arg geborstne Mauern wanken, Sie drohen schweren Sturz, wenn du nicht hilfst. Nur schwache Spuren sind gerettet noch Von meiner Schönheit, all mein Reiz ist hin. 260 Kaum kennt in mir die Weltberühmte wieder Wer noch mich anschaut, - so entstellte mich Beständ'ge Mühe, langes Leiden, Trauer Um mein verlassnes, gattenloses Haus. Doch ungebeugt ist meiner Hoheit Würde! 265 In stolzen Steinen redet sie zur Nachwelt. Die Welt bezeugt's, sank alles gleich in Staub. Ein Tempel, Sankt Johannes einst geweiht, 1 ) Gleich seinem Namensvetter, mir so wert, Er sank dahin in böser Feuersbrunst. 270 (- 0 Schmerz, o Jammer, dals als Waffe dient Des alten Heiligtumes Schmuck!) - Schon langst Milsachtet liegt der Bau. 0 bringe Hilfe! Auf heil'gem Boden lagert tiefer Schnee 0 duld' es nicht! Die Wand zerbröckelt, - lals • •„ Tatonnn die Mutter und das Haupt 0 Die Kirche San Giovanni in^Lateranc„du, > aller Kirchen", war 1808 abgebrannt C»V Ste ^^ Giotto malte sie aus. Sie ist Johannes dem Linier gew dem Evangelisten. — 108 - 275 Nicht Sturm und Eegen sie geschäftig lockern! Durch Taten zeige hier, dafs wohl verdient Dein Name Clemens 1 ) sei, dals unser Leid Die Seele dir ergreift. — Ergriff es doch Einst eines Toten ausgedörrtes Haupt 280 Und sein verblichen Antlitz. — Schaurig klingt's, Doch ist es wahr. — An jenem Tage war's, Als Feuersglut an heil'gen Mauern leckte. Die fromme Schar erbebte; tief erschreckt Umdrängte sie die Unglücksstätte, suchte 285 Vergeblich Hilfe. Denn bald Funken trug, Bald Feuergarben ein gewalt'ger Wind Hoch durch die Lüfte, hielt die Ketter fern. Da naht ein Priester. Aus geweihtem Räume, Um hastig ihn zu räumen, um zu retten, 290 Trägt er das Haupt des heiligen Pankraz. Die Rettung glückt, und mitten durch die Glut Entführt er seinen Schatz. Das edle Haupt, Von dem der Perlen Licht, des Goldes Schimmer Verdunkelt wird, — o unvergefslich Wunder! — 295 Es träufelt blut'gen Schweifs und blut'ge Zähren Vor aller Augen auf des Priesters Weg! 2 ) Erschüttert standen alle, hoch und niedrig. Das ganze Volk bezeugt's. — Und ich soll nicht Geduldig hoffen? Darf ein lebend Auge 300 Der Tränen Zoll versagen, den ein Schädel, Ein grauser Totenschädel dargebracht, Dem Tropfen aus den hohlen Augen quollen? — Das Haus des Bruderpaars Achill und Nereus, 3 ) Einst deines Ruhmes Titel, sieh es an! 305 Die heil'gen Bilder, des Gewölbes Bogen, Bedroht der Untergang; es stehen fest 1 ) Clemens = der Mildtätige. 2 ) Das Wunder soll bei dem oben angegebenen Brande sich zugetragen haben. 3 ) Die Brüder Nereus und Achilleus waren Prätorianer unter Nero und starben den Märtyrertod. Die ihnen von Leo III. geweihte Kirche hatte den Kardinalstitel dem nouerwählten Papste Clemens VI. verliehen. — 109 — Vier Säulen noch, wie durch des Himmels Wunder, In ihrer Farben buntem Glanz. Allein Auch sie bedroht das Ende; sie erwarten, 310 Dafs du sie rettest; andre tun es nicht. 0 sei barmherzig! Lals kein stolzes Schlofs Den schmucken Bau aus deiner Gunst verdrängen! Wohl dient das ganze Himmelreich dem Herrn, Wohl weist die Bahnen er dem Heer der Sterne, 315 Doch auch die Erde trifft sein Blick, und nicbts, So klein es sei, entgeht dem Gottesauge. Er denkt des Orts, wo seine Wiege stand In dieser Welt, — wo ihm der See gehorchte, Der ruhelose, und der feste Stein 320 Und Luft und Feuer. — Zu des Himmels Stufen, Zur höchsten Staffel stiegest du empor, — 0 wahre dir das weiche Herz! Es schenkte Dir deinen Namen, hob zum Himmel dich.------- Vom höchsten Throne scbaut zum Aventin 325 Der Heiland, auf des Tempels morsches Dach Und bittet: hilf dem halbverfallnen Bau! 1 ) Wo gibt's ein Ende? So viel Gotteshäuser, So viel Paläste sind, — so vielen Wunden Entströmt mein Blut. Die Mauern, hingesunken, 330 Gestürzt bald hier, bald dort, sie zeigen kläglich Den Überrest von einer Riesenstadt, Und wer sie sieht, kann nicht den Tränen wehreu. 0 hilf der Not! Du, der ja alles kann! Dem wir allein das Heil verdanken! Sieh 335 Der Witwe Jammerlos barmherzig an. — Zum Schlul's noch eine Bitte. Lafs das Jahr Das heil'ge, das der Welt zum Segen dient, In kürzern Fristen wiederkehren; lafs Den Trank des Heils den Kranken offen stehn, 340 Der Schuld die Gnadenhoffnung nahe sein; Und wird die See von wildem Sturm gepeitscht, So sei der Hafen nahe den Verschlagnen, x ) Nach Kossetti, annotat. 20 ist die an einem Abhänge des Aventin gelegene alte Kirche S. Balbina gemeint. — 110 — So sei in Sicht die sichre Küste, sonst Versinken elend wir im Wogenbraus. 345 Denn wer erreicht der Jahre höchstes Mafs? Wer bringt's auf volle hundert Jahr? Der Leib, Den kärglich die Natur uns schenkt, — der ist Für so viel Jahre nicht gemacht. Im Sturm Enteilt die Zeit, — das Leben wird zum Tode, 350 Schnell, wie das Lid sich übers Auge senkt. So stecke näher das ersehnte Ziel, 1 ) Das alle Welt der Sünden ledig macht, Verdammte freispricht und die Fesseln löst. Nichts Neues wird begehrt, nichts widerspricht 355 Der heü'gen Schrift, die so genau wie du Kein andrer kennt, wenn man mich recht berichtet. — Wohl kenn ich jene Zeit, da aller Welt Das zehnmal fünfte Jahr geheiligt war, Und merkte mir des Höchsten Worte an: 360 Es soll geheiligt sein, soll alle Schuld Erlassen; sei das Jubeljahr geheii'sen! — Du kennst das Wort der Schrift. — 0 gib Gewährung! Mit Seufzern, dir zu Füfsen liegend, fleht Dein Rom dich an! Denn wenn die Länder alle 365 Mir fromme Scharen senden, wenn in Strömen, So weit Italien reicht, aus allen Städten Mir Pilger nahn, zu schaun der Heü'gen Schwellen, Zu schaun die Mutter, die sie heii's ersehnt, — In meine Arme wähn' ich dann zu fassen 370 Dich, meinen Herrn, ob du auch ferne weilst! — Wie eine Mutter, die, getrennt vom Gatten, Zum Trost die Kinder zu sich ruft, und ihn, Der sie verliei's, umfafst zu halten meint, >) Im Jahre 1300 hatte Bonifacius VIII. ein Jubeljahr halten lassen, das der Stadt Rom durch massenhaft zuströmende Pilger reichen Gewinn brachte. Der Dichter bittet, das nächste Jubeljahr schon 1350 halten lassen zu wollen. Die Bitte wurde gewährt. Er beruft sich dabei auf die Worte 3. Mos. 25,10ff.: Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und soUt es ein Erlafsjahr heifsen. — 111 — Wenn jene sie umschlingt, die sie erblickt, — 375 So wird auch mir, wenn ich die Schar erblicke, Die uns als Eltern grtilst, ihr froher Jubel Ein Trost und meines Hauses Hoffnung sein: Was ich besitze, soll mir den Verlust Und so viel Freude meinen Kummer mildern! 6. Zu viel Kummer. (An Nieolö von Alifö.) Parthenope, 1 ) einst Stätte meiner Lust, Mein Kummer jetzt und meiner Seele Schmerz, Mein Auge weint um dich! Hier dürft' ich sonst Des grofsen Königs flammend Auge schaun, — 5 Ich such ihn jetzt umsonst, — er ist dahin! — Tret' ich ins Schlofs, ich schau ihn auf dem Thron; 2 ) Eil' ich zum Tempel, betend am Altar Erblickt mein Geist den Frommen hingestreckt! Ich seh ihn, wie von hohen Ufers Rand 10 Sein Blick die Flut beherrscht, indes sein Wort Des Himmels Huld, der Weisen Herz gewinnt. Auf grüner Wiese wandeln seh' ich ihn, Wie er verworrnen Volksstreit weise schlichtet, Zugleich sich selbst erquickend; seiner Feste, 15 Wo weises Mafs sich frohem Sinn verband An gastlich heitrer Tafel, denk ich dann, Und wie zum Krieg bereit sein Siegesschwert ') Zum Inhalt des Gedichtes vgl. Ep. II, 7. In beiden Gedichten befindet sich P. als Gesandter des Papstes am Hofe zu Neapel, niedergedrückt von den schmerzlichen Erinnerungen an den verstorbenen König Robert und aufser stände, seine Witwe Saneia zu trösten. Er bittet daher Nieolo d'Alunno aus Alifö, der Mitglied des höchsten Gerichtshofes in Neapel war, ihn aus dieser trüben Lage zu befreien. a ) Die Schilderung, die P. von seinem geliebten Könige gibt, ist interessant und anschaulich; Kobert war der treueste Vertreter des Papsttums. Gregorovius VI 4 , 232 nennt ihn einen glänzenden, aber unkräftigen und auch unedlen Herrseher. — 112 — Er feurig schwang, ein Jüngling trotz, des Alters! Auch wie er friedlich durch die Stralsen zog, 20 Auf weifsem Rofs, indes der Edeln Schar Ihn dicht umdrängte, zu des Volkes Jubel. Das ist vorbei! Wohin ich mich auch wende, Mir graut vor jedem Orte. Kaum bezwang, Als ich der Witwe hehres Antlitz sah, 25 Ich weislich meine Klage. Welches Gut Ist ihr genommen, welcher Glanz entrissen! Wie schwer bedrückt sie diese Trübsalsnacht Die bittre Klage tönt durch alle Säle, Wenn sie ihn einsam ruft, der ihr geraubt. 30 Das ist ihr Trost. Denn dals der Tiefgebeugten Zur Seite knieend, 1 ) ich nach frommem Brauch Ihr Trostesworte spende, gibt ihr nicht Auf ihre Klagen Antwort. Und doch ist Der Stoff zur Klage endlos, ohne Schranken. 35 Mit Tränen netz' ich jeden Stein, und währt Noch lange mein Verweilen, schwind' ich hin, Wie Byblis einst durch ihre sünd'ge Liebe 2 ) Durch echte Lieb' in Tränen aufgelöst. 0, habe Mitleid, komm, entführe mich! 40 Erlöse mich aus dieser Trauerstätte! — J ) P. war Hofkaplan der jungen Königin Giovanna geworden; in dieser Stellung war er natürlich käufig in der Gesellschaft der Damen des Hofes und bemühte sich, auch die Klagen der verwitweten Königin zu stillen, aber vergeblich. ' J ) Byblis entbrannte in sündiger Liebe zu ihrem Bruder Gannns und folgte demselben, als er vor ihr entfloh, durch die Länder, bis sie erschöpft unter Tränen zusammenbrach und in einen Bach verwandelt wurde. Ovid, Met. 9, 450. — 113 — 7. Neapel. 1 ) (An Barbato da Sulmona.) So wollt' es Gott! Die Stätte meiner Lust, Neapel, ward für mich durch Todesgraun Zum Schreckensort. Ach, endlich hofft' ich hier Statt Wandern Rast, statt Tränen Trost! Umsonst! — 5 Nur herber fliefst die Zähre, grimmer wühlt Der Schmerz am lieben Ort. Rings weint das Land, Von Leid erschöpft, gleich mir; das Sonnenlicht Entschwand den bangen Blicken; finstre Nacht Verhüllt den Tag. Nun schafft es tiefen Gram, 10 Dafs ich den Sternengleichen Herrscher kannte, Den König sah, den Erd' und Himmel ehrten, Und dann ihn schnell verlor. — Sein edles Bild Erstrahlt im treuen, dankerfüllten Herzen; Und was mir bleibt, das Zeugnis seiner Huld, 15 Vermehrt das Leid und macht es ewig dauern! 2 ) Von dieses lieben Landes Lustgestade Beschlofs ich schnell zu fliehn; allein mich hält Der sanfte Wunsch der Fürstin, und Gehorsam Erheischt im Grabe noch des Landes Herr. 3 ) *) Im Januar 1343 starb König Robert in Neapel; ihm folgte seine junge Tochter Giovanna, vermählt mit Andreas von Ungarn, unterstützt von einem Regentschaftsrat, den König Robert eingesetzt hatte. Dennoch brachen in dem Königreiche die heftigsten Parteikämpfe aus, und zwar grade au dem Hofe selber, den ein ränkevoller Franziskanermünch, ehemals des Andreas Lehrer, beherrschte. Der Papst, als Beherrscher dos Königreichs, wünschte die Ordnung wiederherzustellen und beauftragte mit einer Gesandtschaft, die diesem Zwecke dienen sollte, den Dichter Petrarca, weil dieser von 1341 her freundschaftliche Beziehungen zum dortigen Hofe unterhielt. Nach manchen Schwierigkeiten traf P. dort im Herbst 1343 ein, vermochte aber den Wirren in keiner Weise zu steuern. 2 ) Nee regia desunt Munera, quae luctum renovant facientque pe- rennem, heilst der Text. Doch sind andere munera des Königs als der in der „Diehterkrönung" erwähnte Purpurmantel nicht bekannt. An Stelle des bestimmten munera ist daher ein unbestimmterer Ausdruck getreten. a ) Die schnelle, unter den obwaltenden Umständen erklärliehe Abreise suchte die junge Königin Giovanna zu hindern, ernannte den Dichter auch zu ihrem Hofkaplan. Auf den Erfolg seiner Gesandtschaft hatte diese Auszeichnung aber keinen Einflufs. V. Friedersdorff, l'utraruaB politische Briefo. 8 — 114 — 20 So folg' ich denn; doch träge schleicht die Zeit Und mülsig Tage, Nächte hin; es schweigt Der frohe Liederklang; vergebens ruft Mein Saitenspiel zum Reigentanz die Musen. Mich treibt's hinaus, von diesen Mauern fort, 25 Vom Schlosse fort, darin mein Herr erblich! Nach dir verlangt mich, der so milde stets Mein Herz besänftigt und mein Ohr bezaubert. Den Musen dien' ich; hohen Dichtergeist Hat Götterhuld auch dir verliehn. Auch dich 30 Preist einst die Welt als Dichter, denn ich weifs: Der Mühen letzte, schwerste, scheust du nicht! 1 ) — Gib kurze East der fleils'gen Feder, komm! Kein Straucheln droht auf wohlbekanntem Pfad! Du sollst von ferne nur das Weingelände, 35 Von ferne nur das Doppelhaupt begrülsen, Das ragend der Vesuv erhebt, das einst Aus Wolken Flammen spie, dem Aetna gleich, Und Plinius' Haupt in düstrer Asche barg. 2 ) Auch Capri bleibe fern; der Südwind staut 40 Die Strömung dort und hemmt die Landung dir. 3 ) Der Fürstin Wunsch, die Heimkehr, näher schon Bestimmt, erlaubt mir weitre Fahrten nicht. 4 ) *) Barbato da Sulmona war nicht nur ein bedeutender Humanist, sondern wurde auch für einen grofsen Dichter gehalten; er schien mit Erfolg dem Ovid, der ebenfalls aus Sulmo stammte, nachzueifern. 2 ) Als am 24. August 79 n. Chr. Ilerculauum und Pompeji durch den ersten Ausbruch des Vesuv verschüttet wurden, kam auch der ältere Plinius, damals Kommandant der römischen Flotte zu Misenum, in Stabiä um. 8 ) Wörtlich: der Südwind, die Strömungen vermischend, beraubt dich des Zugangs. P. scheint zu meinen, dafs der Südwind, der natürlichen Meeresströmung entgegenwehend, die Landung erschwere. Von der starken Strömung, die bei völliger Windstille sein Schiff fast zum Scheitern brachte, erzählt Goethe in dem bekannten Erlebnis auf seiner italienischen Heise Bd. 23, p. 400 ff. *) P. wollte eigentlich den Mons Garganus und Brindisi besuchen, doeli die Witwe Koborts, Sancia, widerriet dies wegen der herrschenden Unsicherheit. So begnügte er sich mit einem Ausflug nach Bajä und Umgegend in Gesellschaft seiner Freunde. — 115 — Doch deines Maro Grab, des Meisters Asche, 1 ) Die unvergänglich bis zum heut'gen Tag 45 Jahrhundertlangen Wechsel überstand, Gleich seines Namens Euhm, die mir so nah, Sie such' ich auf, mein fester Wille ist's, Und mein Barbatus soll mich fuhren, wo Ein grauser Pfad durchbricht die Bergeswand, 2 ) 50 Zu Bajäs heifsem Quell, zum stillen Ufer Des See Lucrinus, zum Avernerschlund, Dem Schreckensort, von wo der Weg hinab Zur styg'schen Flut, zum Reich der Qualen führt, 3 ) Wie uns die Sage kündet. — Mir genügt 55 Des Todestores Anblick, seine Schwelle Vermeid' ich gern; mein Finger nur soll weisen Den Pfad, den einst Aeneas durch die Flut Zur Tiefe nabm, den ihn Sibylla führte, Soll weisen nach des Seemanns Ruhestätte,') 60 Der sterbend einem Berg den Namen gab. Dies Land, gepriesen in der Vorzeit Liedern, Ich hab's durchstreift auf königlichen Wunsch. Doch lieber sog mein durstig Ohr den Strom Der Königsrede ein; mein Reiseplan 65 Blieb immer Stückwerk, unnütz schien die Zeit, Die fern von ihm und seinem Blick verlief. Hier fand ich Rübe, doch das Schicksal gönnte a ) Da Virgil auf dem Posilip ein Landhaus hatte und in dessen Nähe bestattet wurde, hat die Überlieferung an ein Columbarium dortselbst den Namen: Grab des Virgil geknüpft (p. 6, Anm. 4). Dafs P. diese Stätte besucht und dort einen Lorbeer gepflanzt habe, der im 1 9. Jahrhundert noch zu sehen war, wird ebenfalls Überliefert. 1326 soll das Grab Virgils noch wohlerhalten gewesen sein. a ) Gemeint ist die bekannte Grotte des Posilip, ein aus dem Altertum stammender Tunnel. 3 ) Die ganze durch Schönheit und Erinnerungen an das Altertum berühmte Gegend, deren einzelne Örtliclikeiten hier wohl keiner Erklärung bedürfen, wird für den Dichter belebt und interessant durch die Erzählung des Virgil im 6. Buche der Aeneis, dafs vom Averner See aus Aeneas unter Führung der kymäischeu Sibylla in die Unterwelt hinabgestiegen sei. *) Das Vorgebirge Misenum, angeblich der Grabhügel des Misenus. 8* — 116 — Mir keinen Frieden, rifs mich boshaft los. Mein Sehnen zwar blieb ungestillt, allein 70 Auch das beglückt mich, dafs die kurze Lust Der reinen Freude keine Trübung litt. Zu Schiff dann stieg ich, von des Meeres Höh' Wollt' ich mich satt sehn an des Landes Reiz, Ertrug des heisern Fergen Redeschwall, 75 Der nur Misenum kannt' in dieser Bucht. Soll ich denn stets aus Büchern lernen? Deute Du selbst die Landscbaft, opfre gütig mir, — Ein seltnes Glück, — nur einen einz'gen Tag Und sei mein Gast vom Morgen bis zur Nacht! — 8 und 9. Grabinschrift des Königs Robert. (An Nicola von Alife.) I. Ob auch die weite, widerwärt'ge Fahrt Nacb manchem Abenteuer, mancher Müh' Mich geistig mehr als körperlich erschöpft, Nach Hause brachte, 1 ) — Euch vergafs ich nicht! 5 Kaum tritt der Fufs auf wohlbekannten Boden, Da greift die Hand, noch zitternd, schon zur Feder. Das Ziel ist hoch, die Kräfte schwach, — kein Wunder, Dals ich der Last erliege. Blöden Auges Schaut' ich hinauf in helles Sonnenlicht, — 10 Doch, lichtgeblendet, schloJ's ich rasch den Blick. Dein Wünschen, Bitten ging zu Herzen mir: ') Rossotti, vol. II, sez. XII, ann. 4 berechnet die Entstehungszeit dieses und des folgenden Gedichtes richtig; P. schrieb es nach seiner Rückkehr nach Avignon, die 1845 im Dezember erfolgte, um endlich ein Versprechen zu erfüllen, dafs er 1S43 bei seinem Aufenthalte iu Neapel nach dem Tode König Roberts gegeben hatte. Er entwarf die erbetene Grabschrift und sandte sie mit einem Widmungsgodicht an Nicol6 d'Alife. — Unter dem „nach Hause" v. 4 und dem „wohlbekannten Boden" ist daher Avignon zu verstehen, ein Ausdruck, der bei dem unruhigen Leben, das P. 1343—1345 geführt hatte, erklärlich ist. — 117 — Verdienst und Ehre des entschlafnen Herrn Verlockten mich, sein ragend Monument Zu zieren durch ein Lied. — Allein mein Geist 15 Liefs mich im Stich. Ein grofses Werk, zu preisen Gebührend diesen Herrn, den Herrn Siziliens! Es schlofs den Mund mir Ehrfurcht, liels mich zaudern, Doch Liebe gab mir Kraft! — Genug. — Ich tat's! — Das grolse Werk, ich griff es an! — Allein 20 Wie ich mit schwachem Menschenwort den Ruhm, Den göttlichen, in Verse fassen will, Versagt die Kraft mir in der Dichtung Mitte. Verzeih, wenn kurz sie ist! Doch findest du, Es sei dem Grabe lästig eine Inschrift 25 Von vielen Worten, nun, so nimm hinweg, Was dir zu viel scheint; ich erlaub' es gern! — Nach deinem Urteil hat der Grabschrift Mals Sich einzurichten. Doch die kleinen Verse, Die ich mit Tränen schuf, sieh freundlich an, 30 Wie sie auch sind, wenn er dir teuer war, Den eben uns der finstre Tod entrils! — II. Hier hält Ruhe der heilige Leib des erhabenen Robert, Doch zum Himmel hinauf stieg der unsterbliche Geist. Heut erblafste der Könige Zierde, die Wonne der Völker, Welkte der Ritterlichkeit edelste Blüte dahin. 5 Held von markiger Art, im Krieg ein Meister, besafs er Doch das friedlichste Herz. Niederzuwerfen das Joch Wäre, Jerusalem, dir mit ihm als Führer gelungen; Wenn er die Waffen erhob, hättest auch du sie verjagt, Immer geknechtetes Land, Trinakria, deine Bedrücker 10 Beide beweinen mit Recht ihn, der sie beide beherrscht.') i) König Robert von Neapel, Herzog von Calabricn, Graf von Pro- vence tthrifauchden Titel Kftrig von Jerusalem und I JJ*™^ Aber er hat nie versucht, Jerusalem wieder zu erobern üb dseine Versuchj sich ganz Sizilien anzueignen, waren nicht glucklich. Vgl. Ep. 1, 4, v. 137 fl. — 118 — Beiden versperrte der grimmige Tod den erlösenden Ausweg; Beide zu sklavischem Dienst sind sie aufs neue verdammt. Liebliche Bede, erleuchteter Sinn, sie zierten nicht minder Ihn, den Taten des Muts höher als alle gestellt. 15 Heut verstummte des göttlichen Worts lautredender Lehrer; Und wo fände Natur einen, der so sie verstand? Der gleich ihm die Kräuter erforscht' und die Bahnen der Sterne? Sämtliche Künste vereint weinen, dafs er sie verliels, Alle die sieben, — es weinen die neun kastalischen [Jungfraun. 1 ) 20 War er in Wort und in Tat doch wie ein Engel so sanft! Sanftmut hatte sein Herz zum Tempel sich selber erkoren, — Nun, da jener verschied, schied von der Erde sie ab. Hier liegt jegliche Tugend mit ihm im Grabe bestattet; Angenehm war er vor Gott wie in den Augen der Welt. 25 Ihn, den erhabenen Fürsten, der über die Menschen emporstieg, Bin ich zu loben zu schwach, Tränen ersticken mein Lied. Doch durch Länder und Zeiten erhebt ihn die Göttin des Ihr nie endendes Lied preiset in Ewigkeit ihn. [Buhmes, 10. Geistige Freundschaft. (An Gabriele Zamoreo ans Parma.) 2 ) Ich war allein, fern war der Chor der Musen, Der stillgeliebten, — garst'ges Leiden hatte Sie von der Schwelle fortgescheucht; sie weilten Am Heimatsquell, am Joch des Helikon. ') Zur Verbindung der sieben freien Künste mit den neun Musen Vgl. Ep. II, 3, v. 123 ff. 2 ) Gabriele Zamoreo, Rechtsgelehrter in Parma, auch als Dichter bekannt, richtete am 30. April 1344 einen poetischen Brief an P., der sich damals in Bologna befand, überschüttete ihn mit dem überschwenglichsten Lobe und bat in demütiger Weise um seine Freundschaft. (Mitgeteilt bei Rossetti II, 400). P. antwortete hierauf schon am 10. Mai in stolz bescheidener Weise, das Lob wenigstens zum Teil zurückweisend, die Freundschaft mit Vorbehalt annehmend. Doch scheinen beide Männer — 119 — 5 Es schweifte ruhelos, der Sorgen Beute, Mein Geist; es flog die Hand, von Schmerz geplagt, Bald hierhin, dorthin; keine lluhe brachte Das goldne Tageslicht, der tiefe Frieden Der stillen Nacht ward peinvoll mir gestört, 10 Von Schmerz erfüllt war selbst des Traumes Dunkel, Und träge lag die Feder, staubbedeckt, Mifsachtet das Papier, — die Hand war krank. 1 ) Mein Bett umgaben alte, seltne Bücher; Des Leidens Qualen sollten sie mir lindern. 15 Ein "Werk des Cicero vom höchsten Gut, Hatt' ich, gelockt von dieses Titels Prunk, Zur Hand genommen, doch in tiefe Nacht Fand ich den Sinn gehüllt, und hätte nicht Zuweilen seines hohen Geistes Licht 20 Hindurch geleuchtet, schwur' ich wohl, es sei In jener Zeit mein Vaterland von Irrtum Und von Verwirrung ganz erfüllt gewesen. (Doch später davon mehr, zur Sache nun). Vertieft ins Lesen, trachtend zu erforschen, 25 Was in dem Wust der Widersprüche Wahres, ' Safs ich aufs Buch gebeugt und schweigend da, Mich selbst vergessend und was sonst mich drückte. Da horch! mit hellem Klange nahte wieder Der Musen leichtbeschwingter Chor, ich sah 30 Den Götterreigen wieder, und mein Herz Erbebt' in Wonne. — Plötzlich glitt gefällig In meinen Schofs dein inhaltreicher Brief. Kein Irrtum, sprach ich, der bringt wicht'ge Kunde! Des Musenchores unverhoffte Heimkehr, sich nicht näher getreten zu sein, wenigstens sind keine anderen Briefe zwischen ihnen, wie es scheint, gewechselt worden. Der vorliegende ist ein interessantes Zeugnis des geistigen Verkehrs unter den Anhängern des Humanismus. 1 ) P. litt an der Krätze, einer damals verbreiteten Krankheit, als er s 'ch in Bologna befand. Nach einem bei Rossotti, vol. II, sez. IX, annot. 2 mitgeteilten Spottgedicht warf man den Bolognesern vor, dal's diese Krankheit bei ihnen heimisch sei. - 120 — 35 Und dieses Namens wohlbekannter Klang, Auf den die Volkesstimme sich vereinigt, Wie sonst auf keinen, leistet volle Bürgschaft. Denn von Person kenn' ich ihn kaum. So war's. Ich brach das Siegel, las wohl zehnmal alles: 40 Das Rot der Scham stieg mir ins Angesicht. Ihr Musen, seid mir Zeugen; solchen Ruhm Erhofft' ich niemals, ich verdient' ihn nicht. Wenn ich nur einen Abhang des Parnafs Ersteigen und von dort aus weiter Ferne 45 Auf dieses Riesenberges Gipfel dann Die grofsen Dichter schauen darf, so soll Mir das genügen. Freilich, hätte nicht Das Schicksal mich in grimmer Wut verfolgt Und war' die rohe Welt um mich verstummt, 50 War ich vielleicht noch höher aufgestiegen. Dafs jetzt du mich in Sternenhöbe rückst, Könnt' ich für Spott erachten, doch es läfst Dein lautres Wesen den Verdacht nicht zu. Nichts mehr davon, denn das ist Heuchlerart, 55 Das eigne Lob verkleinern und zugleich Auf anderm Weg erstreben, was man offen Verneint und abgelehnt. Allein es fällt Der Feder leichte Last dem Kranken schwer, Die Hand erzittert von des Briefes Länge. 60 So sei geendet denn mein Lied; es sei Der Kiel zur See, der Stern zum flachen Strande Zurückgewandt. — Was ich mir still gewünscht, Dafs uns ein Freundesbund vereine, das Begehrst auch du. Allein nach altem Brauch 65 Hat dich das Volksgerede wohl betrogen, Und sähst du mich, du fühltest dich enttäuscht Zu meinem Schaden. Deiner Bitte zwar Komm ich entgegen mit dem gleichen Wunsch; Doch bitt' ich, sieh zuvor, wie unbedeutend - 121 — 70 Der ist, den du begehrst. Ich aber will Fortunas Huld geniefsen; ich verzeihe Ihr tausend Ränke, Wundon und Verluste Für deiner Freundschaft grofse Gabe gern. Dir meines Geistes Wesen zu erklären, 75 Send' ich dir diesen Brief, der deinen Irrtum Dir zeigen, dir die Wahrheit melden soll, Dafs ich mit schwacher Kraft mich hoch erhob, Dals deine Güte allzuviel gehofft, Und allzu reichlich mein Verdienst geschätzt. 80 Doch deiner Liebe trau ich unverzagt, Bin deines Urteils sicher; wenn einmal Du deine Wahl getan, wirst du sie nicht Verspätet widerrufen. Liebe denn Mich warm, wie einst, und um so treuer nun, 85 Je mehr du mich erkennst. Es trennt uns zwar Der Länder Lage, und in Wort und Werken Sind wir verschieden. Doch die Liebe fügt In ein gemeinsam Joch der Freunde Nacken; Sie knüpft Erhabnes an das Niedre, sie 90 Verbindet Herrn und Knecht, Tyrann und Bettler; Den jungen Hund befreundet sie dem Löwen. Sie schenkte einst, August, dem Herrn der Welt, Zu Freunden Dichter wie Virgil und Flaccus; Sie band in öder, wilder Barbarei 100 Euripides als Freund an Archelaus; 1 ) Sie gab dem edlen Scipio ins Herz, Dals er des Ennius rauhe Gröfse liebte, Der seinen Lorbeer teilen, der im Leben, Im Sterben sein Genosse sein, und einst 105 Sein Grabmal hüten sollte.*) - Willst du mich TEuripides folgte „och in hohem Alter einer Einladung des Königs Archelaus nach Makedonien, wo er auch starb. ,, ») Beicht sichwohl auf die bei V ? £*-£*»• ™\£%*£ Bemerkung, dafs Scipio Afncanus der Altere ein ßiiu Dichters Ennius unter den Grabmalen der Cornel.schen Geschlechter aut stellen liefs. — 122 — An solche Gröfsen reihn, — vernimm, gleich ihm Hat Rohert mich, der Herrscher aller Herrscher, So lang er Leben trug, geliebt; und jetzt Blickt er aus Himmelshöhen mild herab 110 Auf meine Kleinheit. Kurz und gut, es schlingt Der Liebe Band um Pole sich und Länder, Verbindet Gras und Regen, Stein und Sterne, Vereinigt Berg und Tal, und Land und Meer, Verknüpfet Gott und Menschen, Höll' und Himmel. 11. Literarische Fehden. 1 ) (An Zoilus.) Vom hohen Finge ziehst den Dichtergeist Du niederwärts und lenkst die Feder mir Auf unwillkommnen Weg. Zu schweigen wäre ] ) Als Petrarca am 8. April 1311 in Rom auf dem Kapitol als Dichter gekrönt wurde, hatte noch keine von ihm veröffentlichte lateinische Dichtung bewiesen, dafs er wirklich der „neue Virgilius" werden würde. Nur seine nächsten Freunde und vielleicht König Robert von Neapel konnten ein Urteil haben, ob seine Entwürfe ihm Aussichten auf diesen Ruhm eröffneten. Um so mehr aber war es P.s Pflicht, nach der Dichterkrönung aller Welt zu beweisen, dafs er ein grofser Dichter sei. Indessen das verheifsene Epos Africa blieb aus; unablässig feilte der Dichter daran und hinterlielk es zuletzt unbeendigt. — Das „an Zoilus" überschriebene Gedicht zeigt, welchen Angriffen P. infolge seines Verhaltens ausgesetzt war. Ein uns dem Namen nach nicht bekannter Gegner hatte P. Vorwürfe gemacht, weil er ohne dichterische Verdienste als Dichter gekrönt worden sei. Der Angriff, dessen Berechtigung P. sicher empfunden hat, war um so unangenehmer, als der Gegner sich nicht offen an P. wandte, sondern den Namen eines gemeinsamen Bekannten zu diesem Angriff miJ'sbrauchte. P. suchte den Angriff mit Energie, ja mit Heftigkeit und stellenweise iu wegwerfendem Tone zurückzuweisen, — ein deutlicher Beweis, dafs er sich getroffen fühlte und die Grundlosigkeit des Angriffs, — der auch nicht der erste seiner Art war, — nicht zu erweisen vermochte. Der znr Abwehr geschriebene Brief wird aber für die Literatur dadurch wertvoll, dafs P. über die Grenzen der Verteidigung hinausgehend, seine Ansichten vom Wesen der Poesie und von der Aufgabe des Dichters _ 123 — Gebot der Vorsicht; doch den Stachel stielsest 5 Du mir ins Herz; es gibt kein Schwanken mehr! Verzeih', wenn dir mein offnes Wort milsfällt. Ich rede, weil ich mufs. — . Dem Dichter winkt Als Lohn der Arbeit, als der Mühe Preis Der edle Lorbeer, der so wen'ge ziert, 1 ) 10 Den ich allein in unsrer Zeit erhoffen, darlegt. Galt es doch vor P. für verwerflieh, eines Christen eines Geistlichen unwürdig, sich mit weltlicher Poesie abzugeben; galten doch die Dichter als Lügner und Vertreter eines sittenlosen Heidentums Diesen Anschauungen tritt P. mit Würde und Ernst entgegen und nimmt für die Dichter nach dem Vorbilde des Altertums eine bevorzugte, von Cot, verliehene Stellung, einen Anteil göttlichen Geistes in Ansprach und schreibt ihnen eine die ganze Menschheit veredelnde etherische Tätigkeit zu - eine Verteidigung, die in Ton und Inhalt als wohlgelungen beZei S 7vi:f doch auch nicht ganz mit den Anschauungen des Mittelalt s zu breclfen, sondern setzt in ausführlicher Weise zur Be- kräftigung seiner Ansieht auseinander, dafs die Poesie durch™etaen allegorischen Sinn habe, und dafs ihre höchste Aufgabe die moralische Belehrung der Menschen sei. . , Wer der Gegner war, von dem der Angriff ausging geht aus ,lern Briefe in keiner Weise hervor; wenn Kossetti vermutet (II, ez ^>^' dals der gemeinsame Bekannte, hinter dem sich derAnonym*.vor^ eckte Lancilotto degli Anguissola aus Piacenza war, so hat diese^, - «ich auf den Brief 11,14 stützt, jedenfalls einige WahrseheWiehkeit Denn dort verzeiht P. seinem Freunde Lancilotto nach von hm seh,ffl*h ge leisteter Abbitte und verspricht den Namen des heimliehen Gegners immer zu verschweigen. „Doch stets verschwiegen sei des Frevlers Name; Wohl macht mein Lied unsterblich, doch nicht ihn! Die Abfassungszeit des Gedichtes steht nichtfest; JJJ* « -- <* König Robert (f 1348) schon tot war Dafs er lange , Rossetti annimmt^ ist nicht bewiesen, vielmehr sagt P - ^"^J V '_ m Anfang, dafs Erliegendes Gedicht zu seinen Jugendwerken gehöre, wofür auch der ganze Ton spricht. , . tenden Orten vorgenommen war, meint P. ttbersenenzi ^ Krönung Mussatos zu Padua 1814, O^Ä ÄSfe »J* Der auf dem Kapitel verliehene Lorbeer liels ihn ais un folger der Dichter des Altertums erscheinen. — 124 — Allein mir wünschen konnte. — Dals der Lohn Vollbrachter Mühe folgt, — wo war' ein Tölpel, Der das nicht wüfste! Wenn du feiner Kopf Dran ernstlich zweifelst, — so bedanr' ich dich! 15 Doch sollte mich des Wortes Spitze treffen, So hast fürwahr den Pfeil du schlecht gewählt, Um mich zu fällen. Soll den letzten Tag Ich erst erwarten und zum Leichenpomp Der Mühe Lohn, das Reis des Lorbeers fügen? 20 Wenn einzig und allein des Werkes Schlufs Den Lorbeerkranz erwirbt, so hat Virgil 1 ) Mit der Aeneis Heldenliede nicht, So hat Lucanus nicht den Kranz verdient 2 ) Durch jene Dichtung, die mit Eömerblut 25 Begofs das Tempetal Pharsalias, Obgleich er kühn verbotnen Pfad beschritt Und ihm, wie allbekannt, Tyrannenwillkür 3 ) Den Kranz versagte. Doch noch mehr, ich mufs Den Vorwurf hören, dafs das Lorbeerreis 30 Wie einen Brautkranz ich ums Haupt gelegt! ') Bekanntlich liintcrlicfs Virgil bei seinem 19 v.Chr. erfolgten Tode die Aeneis unvollendet, so dafs L. Varius im Auftrage des Angustns die Herausgabe vollzog. Schanz, Litteraturgesch. II, 1, p. 49 ff. a ) M. Annaeus Lucanus, der 05 n.Chr. sich auf Neros Befehl das Leben nahm, hinterliefs ein unvollendetes Epos „Pharsalia", eine Erzählung des Bürgerkrieges zwischen Cäsar und Pompoius. Das im Mittelalter über Gebühr geschätzte Werk verschaffte seinem Verfasser den Ruf eines der bedeutendsten Dichter. Schanz, Rom. Literatnrg. II, 2, p. 80 ff. — Das Städtchen Pharsalus, bei dem 48 v.Chr. Cäsar den Poinpeius besiegte, lag in einiger Entfernung vom Flusse Peneus, der Thessalien durchfliefst und das im Altertum berühmte Tal Tempe bildet. 8 ) Nach Tacitus, Ann. 15,49 hatte Nero dem Lucanus das Dichten aus Eifersucht verboten. Die zwischen beiden bestehende Spannung wurde so grofs, dafs Lucanus sich in hervorragender Weise an einer Verschwörung gegen Nero beteiligte. Die Entdeckung derselben kostete ihm das Leben. P. scheint in diesen den Tod des Dichters begleitenden Umständen eine Rechtfertigung finden zu wollen dafür, dafs man das unvollendete Epos um so höher schätzte. - 125 — Mit Blüten schmückt die Jungfrau sich, doch Dichtern Geziemt der Lorbeer, der die Kaiser schmückt. Der gleiche Kranz bedeutet gleichen Ruhm. Welch unverdienter Vorwurf! Aber weiter! 35 Noch weiter spricht der kluge Mann! Er sagt: Ich sah im Lorbeersehmucke prangen ihn, Von dem ich nie gehört! — Als ob von allem, Was ruhmeswert, du stets vernähmst! Wie vieles, Ob auch bedeutend, hab' ich nie gehört, 40 Geschweige du! Welch winzig Teilchen bildet Von dieser Welt doch eines Mannes Ruhm! Drum soll der Weise mit bescheidnem Sinn Erhabne Dinge, doch bescheidner noch Sich selbst betrachten. Immerhin, du hast 45 Von meinen Werken nie gehört; es sei! Doch Robert liest sie, mein berühmter Landsmann,») Auf den Paris, die dritte Pflegestätte Der edlen Kunst, die Blicke staunend richtet, Zu dem aus aller Welt gelehrte Männer 50 Bewundernd eilen. Auch Äneas liest sie, 2 ) Der Stolz Toskanas, und gleich ihm Rainaldo,:') Des Dichtergottes Schützling, auch Johannes, 4 ) Der grofse Geist; mein Freund Barbatus liest sie,*) - " 0 Roberto de' Bardi, Kanzler der Pariser Universität, mit dem P. bei seiner 1333 nach Paris unternommenen Keise bekannt geworden war R. war Florentiner. P. war Ihm an Dank verpflichtet, weilR ihn «««««£■ krönung in Paris vorgeschlagen hatte. Nolhac Petrarque et 1 humanisme p 38. ») Enea da'Tolomei da Siena, ebenfalls Toskaner gehörte dem Dominikanerorden an, f 1348 in Siena, nachdem er mquisitore generale von Toskana 1345 geworden war. Rossetti zu sezione 11, 1. .) Nach Rossetti, annotarione 6 ist Rainaldo da Villafranca gemeint .) Daß, Johannes, der grofse Geist, - ingens, kern »J»«hl» als Giovanni Colonna, der Kardinal, Jugendfreund und Beschützer P.S. bemerkt Rossetti zur Stelle mit Recht. WoOTin i. iv,™ w ») Barbato da Sulmona, Kanzler des Königsreichs »jg^J J Petrarca Ep. 1,1 gewidmet. Vgl. die Anmerkung 8, p. de. Beiblatts des StadtgymnLlprogr. Ostern 1002. - Es ist nicht zu bezwdfeln dafe die genannten fünf Freunde des Dichters wenigstens einig, b Kern tnfe von dem Inhalte und von einigen Versen der Africa gehabt haben, ihr Urteü über — 126 — Kurz, wer mir zugetan und treu, vernimmt 55 Sie gern, verwahrt sie wohl im Schrein der Brust. Und sollte Mifsgunst, sollte Unglück mir Das Ohr der ganzen Welt verschliefsen, dennoch Will ich mir selbst, will ich den Musen singen, Und nimmer soll unwürd'ger Menge Beifall 60 Den Flug des Geistes zügeln mir noch spornen. — — Warum so oft doch wird der Lorbeerkranz Mir neidisch angefochten? Sollte nicht Ein Tadelwort genügen? — War vielleicht Es mehr geziemend, durch der Städte Bund 05 Das grüne Beis mit stolz erhobnem Haupt Zur Schau zu tragen, alle Völkerscharen Zu Zeugen meines stolzen Siegs zu rufen Und um des feilen Haufens Gunst zu buhlen In würdelosem Aufzug? Immer war 70 Das Lob erles'ner Edler mein Begehr. Wie kann der Beifall tausend hohler Köpfe, Die im Theater brüllen, mich erfreun? So wär's geringer's Lob, dafs König Kobert, Siziliens Herr, an meinem Lied sich freute, 75 Als dafs es rings der Pöbelschar gefiele? So war' es minder rühmlich, zu ersteigen Das hohe Kapitol der stolzen Stadt, Die einer Welt gebietet, als mit Fleils Die Einsamkeit der Sümpfe zu durchsuchen, 80 Der Wälder Dickicht, plumper Bauern Triften Und die zerfallnen Hütten ihrer Armut? Doch freilich, eurem kleinen Flecken blieb Mein Dichten unbekannt! — Und das macbt mir Dies Bauernnest zum Vorwurf? Was verschafft 85 Euch dieses Eecht? — Mir schien's genug, das Haupt Der Erde zu besuchen! Wer zur Burg Als Sieger aufstieg, pflanzt gelassen dort Sein Banner auf und ruht auf höchstem Sitz. das Werk soll nach P.s Ansicht auch der übrigen Menschheit genügen, die die Africa nicht kennen konnte, da sie nicht veröffentlicht war. — 127 Meinst du vielleicht, er soll die Abzugsgräben 90 Im Siegersclimuck besuchen und sein Wappen, Mit Ruhm gekrönt, an ekle Türen heften? — Ich bin bekannt, wo mir's gefällt! Am Tiber') Tönt meines Liedes Lob; Neapolis, Das kunstbeflissne, preist es hoch; des Naso, 95 Des Flaccus Heimat hält es hoch in Ehren; Auch jene Stadt, die voller Stolz zugleich Den Cicero, den Marius als Bürger Die ihren nennt, ja Gallien und die Rhone Sind seines Ruhmes voll! Unmöglich kann 100 So hohen Ruhmestiteln Schaden bringen Der Stumpfsinn eines Fleckens, dem die Gier Nach schnödem Golde und nach Tafelfreuden, Nach Schlaf und Nichtstun zehnmal teurer ist Als die erhabne Kunst. — In Mautua 105 Erwuchs Virgil, Verona sah Catull, Sah beide Plinius erblühn und hegt Auch heute noch manch edlen Dichtergeist. 2 ) Antenors Stadt, wie war sie reich an Sängern! 3 ) Zwar, die zur Zeit der Cimbern einst geblüht, 110 Mag niemand zählen, doch die Gegenwart Erfreut des Dichters sich aus Bergamo, Dem Padua ins Lockenhaar den Kranz ») P liebt es immer wieder zu betonen, dafe er in allen Städten Italiens und darüber hinaus bekannt sei. Noch vollständiger als hier ist das Verzeichnis Ep. III, 9 Ad Zenobium Florentinum. •) Die Ansicht ltossettis, annot.9, dafs mit den modernen Dichtern (ch'ebbero ricovero in Verona), die in Verona lebten, Dante gemeint sei, ist sehr unwahrscheinlich. P. denkt sicher an Humanisten, die damals in Verona lateinische Verse machten; vielleicht Guglielmö da Pastrengo oder Rainaldo da Verona. . ») Antenors Stadt = Padua; die Stelle ist dunkel. Wenn die Lesart richtig ist, setzt P. hier eine Anzahl Dichter, die im Mittelalter in Padua lateinische Verse gemacht haben, in Gegensatz zu einem Dichter der Neuzeit, der ebenfalls in Padua besondere Anerkennung fand. Unter den früheren Dichtern ist vielleicht der Paduaner Albertino Mussato gemeint, der Vorläufer Petrarcas; vgl. Voigt P, 17-19 über ihn und seinen Anhang. — 128 — Aus Lorbeer flocht, ihm, der ein Biedermann In Taten ist, nicht nur den Worten nach. 1 ) 115 Wo schneebedeckter Alpen Saum das Reich Der Römer endet, wuchsen Dichtergeister Heran in Menge. — Parma zeigt mit Stolz 2 ) Das halbzerfall'ne alte Denkmal noch, Drin sein Macrobius gebettet ruht, 120 Und bat mich oft, den alten Stein zu schmücken Mit neuen Versen. — Aus der gleichen Stadt 3 ) Stammt Cassius, und der fürwahr ist nicht Entartet!-------Anders deine feine Stadt! Sie hätte ewig wohl entbehrt des Sängers, 125 Wenn nicht das Schicksal dich ihr gnädig sandte, Um mit des Geistes und der Schriften Klarheit Ihr nächtlich Dunkel aufzuhellen, — sie, Die längst vergessen, bei der schnöden Menschheit Für immer der Verachtung zu entreifsen! — 130 Als schon Europa, als auch Asia Erbebten vor dem allgewalt'gen Rom, Da war das Joch des Kaukasus die Grenze Von so viel Ruhm; nie hat sich Rom beeilt Darüber fortzusteigen. — Aber ich 135 Bin deinem Dorfe unbekannt, und folglich Deckt schimpflich meinen Ruhm die finstre Nacht! Wenn von mir selbst ich je Bericht erstattet, l ) Nacli Kossetti, annot, 10 ist damit ein Dichter Bonatino aus Bergamo gemeint, der in Padua gekrönt wurde. Sein eigentlicher Name sei Buono da Castiglione gewesen, die Deminntivform des Namens Bonettino oder Bonatino. Wegen der Ableitung dieses Namens von bonus nennt ihn Petrarca Biedermann. a ) Macrobius, dessen Saturnalien P. fleifsig benutzte (vgl. Nolhac, p. 125 u. oft) gilt in der Gegenwart nicht als Sohu Parmas, sondern eher als Africauer. Auch von einem Grabmal des Macrobius in Parma ist heute nichts bekannt, — kein Wunder, wenn es damals schon verfallen war. 8 ) Cassius, einer der Mörder Cäsars, stammte aus Parma, das er besungen haben soll. Er dichtete Tragödien, Epigramme und besonders Elegien (vgl. Iioraz, Epist. I, 4, 3). „Nicht entartet", bezeichnet nicht Anerkennung der politischen Haltung, sondern der dichterischen Leistungen des Cassius. — 129 — So sei es jetzt! Aus Himmelshöhen legt Siziliens Herrscher für mich Zeugnis ah, 140 Er, aller Fürsten Zier. Den höchsten Preis, Den unerhörten, hat er mir verliehn, Als er auf Erden weilte; scheidend liefs Er Milsgunst mir, gepaart mit Ruhm, zurück, Aus klarer Ursach, weil der hohe Herr 145 So hoch die Werkchen schätzte, die ich schuf. Er hat sie hesser wohl als du gekannt. Denn er entzog manch nächtlich stille Stunde Den Herrscherpflichten, wachte manche Nacht Bei Lampenlicht, vergals den Schlaf, den Hunger 150 Und las und las! Und mich, den du nicht kennst, Mich hielt er also hoher Ehren wert, Dafs er ins Schlofs des Reiches Grofse rief. Um laut mein Loh vor ihrem Ohr zu künden. 1 ) 0 hätt' er wahr geredet! Doch nicht mir, 155 Dem König nur steht solches Urteil zu. Und er? Statt jeder grolsen Gabe bat Er um ein kleines Werk, die Africa. Wie sollt' ich's je vergessen! Mild gewährte Er mir den Abschiedskufs, den niemals, ach! 160 Das Schicksal mir zu wiederholen gönnte. Dann bat mit sanftem Wort er um zwei Gaben. Ich stand entsetzt. Ich, der so winzig klein, Dem Allgewalt'gen schenken? War es denkbar? Doch er, so reich an Mitteln, reich an Geist, 165 Der Tugendfreund, was wünscht' er sonst als Lieder? Ein Lied, darin sein Ruhm in fernen Zeiten Noch leben könnte, war sein erster Wunsch. Bescheiden lehn' ich ab; es sei zu schwach Talent und Feder; meiner Schultern Kräfte, 170 Erliegen würden sie so greiser Last. ~0Dte7e Stelle scheint für die Richtigkeit der Angabe Boccaccios *u sprechen, dais die Unterredung des Königs mit P. wen.gstens an einem Tage in Gegenwart des Hofes stattfand. Körting, p. 163 Dafe Robert Tag und Nacht studierte, sagt P. auch rer. mein. hb. I, eap. 2, 26. Lbenda sein Lob P.s „vor vielen Zeugen". J 1 . EriederBdorff, Petrarcas poetische Briefe. — 130 -- Er bittet dringend, — unentschieden bleibt Zuletzt der Wortstreit; zugestanden glaubte *) Er seinen Wunsch, — ich glaubt' ihn abgelehnt! — Den zweiten Wunsch gewährt' ich ihm mit Freuden. 175 Wo war' ein Hof so deines Nahens würdig, 0 greiser Scipio, als Roberts Hof! 2 ) Doch ach, Fortuna, jedes hohen Trachtens Mifsgünst'ge, falsche Freundin, rafft' ihn fort! Nun irrt mein Sang, als war' das Augenlicht 180 Ihm jäh genommen, ziellos durch das Dunkel, Weifs nimmermehr den rechten Pfad zu finden, Sieht keinen Hafen in der Meereswüste! Er eilt dem Grabe zu, dem Scheiterhaufen, Und hat so viele Jahre doch gekostet, 185 Ob manches Wirrnis auch den Abschluls hemmte. War' nur in euer Nest mein Werk zu senden, So war' es längst mehr als genug gefeilt! Doch manches macht ihm Sorge. Des Jahrhunderts, Das kommen soll, gedenkt es voller Bangen 190 Und zögert noch und schweigt. So langsam macht 3 ) Es seinen Weg, dafs eine Lorbeerkrönung, Die auf des Werkes Abschlufs warten würde, Wohl in des Todes Stricke fallen mülste, (Wovor mein ahnend Herz so oft gebangt). 195 So starb zuvor der Fürst, und keine Prüfung Könnt' ich erwarten nach des Herrschers Heimgang. Denn dich, Gewaltigster, kannt' ich noch nicht. J ) In ror. mem. lib. III, p. 513 wird dieser Wettstreit nicht erwähnt. P. versichert vielmehr, dal's den König zu besingen eine Wonne sein würde, und dafs sein Kuhin nur durch den Namen des Königs gewinnen könne. a ) An der oben angegebenen Stelle erzählt P., dafs der König ihn gebeten habe, die Africa ihm zu widmen, und dafs er auf der Stelle diesem Wunsche entsprochen habe. 3 ) P.s Dichten in lateinischer Sprache war ein mühevolles Studieren, das naturgemäl's nur langsam fortschreiten konnte. Vgl. Voigt P, p. 29 und des Verfassers Nachweise der mühsamen Arbeit P.s an den ersten 300 Versen der Africa in der Beilage des Osterprogramms des Stadtgymnasiums zu Halle 1890. Vgl. auch Nolhac, Petrarque et l'humanisme p. 105 ff. — 131 — Mein Unrecht seh' ich ein; ich hin voll Lust Der Zeit vorausgeeilt; gar manches Lied, 200 So meint' ich, war schon damals mir geglückt. Mir schien's genug. — Wo sind des Varius, 1 ) Des Hochgepriesnen, Lieder? Dennoch lebt In jeder Brust sein grolser Name. — Freilich Mit meinem Euhme steht es anders; ich 205 Bedarf gar vieler Werke, um zu steigen Zu Himmelshöh'n, — nichts hin ich ohne sie! — Doch willst du gar, dafs deinem Pöbelhaufen Mein Werk gefällt, — dann leist' ich gern Verzicht Auf meinen Dichternamen, reifse lieber 210 Vom Haupte mir den ernsten Lorbeerschmuck Und werf ihn fort und will für alle Zeiten Mich ruhmlos bergen in Vergessenheit!------- Genug! Es folgt der zweite Klagepunkt! — Doch welchen Weg soll ich beschreiten? Soll 215 Ich jammern? Soll ich schweigen? Wäre nicht Auf Hohngelächter Hohn die beste Antwort? „Mein Dichten reizt zum Lachen!" — Mag vielleicht Mein Leben, ich bekenn' es, dies verdienen, — Doch nimmer hat mein Dichten Spott verdient, 220 Das Tränen oft aus ernsten Augen lockte. Wie hat mein Schicksal traurig sich gewendet! Vom Tau der Tränen sah ich einst die Wangen Erhabner Senatoren sich benetzen 2 ) Bei meinem Sänge, sah die Königsstirn 225 Des unbezwungnen Robert sich voll Rührung Herniedersenken. — Und der ekle Pöbel Verlacht mich jetzt! O böse Schicksalswendung 1 — ') P. scheint den Dichter L. Varius zu meinen, der aus Horaz als Dichter und Mensch gleich bekannt ist. ») P. scheint die Ergriffenheit der Senatoren bei Gelegenheit der Dichterkrönung zu bezeichnen. Vgl. Ep. II, 1- Dort ist freilich von emein dichterischen Vortrage P.s keine Kede, der nach unserer Stelle angenommen werden müfste. Aber es ist nicht unbedingt nötig, das lateinische proloquor = vortragen - auf Verse zu beziehen. Über König Kobert v gl- die Stelle aus rer. mem. I, 2, 96 und III, p. 513. 9* — 132 — Auch gibst du zu gerechter Klage hier Von neuem Anlals. Welche Sprache führst du! 230 Wie ist sie mafslos dreist! Wie zügellos! Du raubst ergrimmt vom Helikon die Waffen, Du stürmst mit ihnen auf der Sänger Schar, Und unsre Schwerter brauchst du gegen uns! Zumal des Flaccus Waffen! Und doch sollten 235 Dich seine Schriften lehren, wie der Dichter, Der im Verborgnen sein geliebtes Werk Wohl zehnmal feilt, sich bald am Kopfe kratzt, Bald an den zarten Nägeln beifst; 1 ) sie sollten Dich lehren, an dein eignes Tadelwort 240 Die gleiche scharfe Feile anzulegen! Man schilt die Dichter lügnerische Narren; Beliebt ist diese töricht tolle Lüge. Allein sie singen lautre Wahrheit, leider Vor tauben Ohren; — doch gottlob, es ist 245 Gestattet, diese Hörer zu verachten. Der Dichter Streben nennst du deshalb kindisch ? Wie hat dich Kindertorheit in die Irre Mit diesem Wort geführt! — So war es kindisch, Was Cäsar trieb, was auch Augustus trieb,' 2 ) 250 Der doch der ganzen Welt gebot! — Im Herzen Des Dichters lebt geheime Gotteskraft, Im Dichtungsschleier birgt sich Himmelswahrheit, Und nur ein sonnenhaftes Auge kann Durch diese Hülle dringen, die zugleich 255 Nach aufsen glänzt und zum Begaffen reizt. So kommt es, dafs sie Kindern wobl gefällt Nicht minder als verehrungswürd'gen Greisen. Gewifs, zu schwärmen ist des Sängers Recht! ') Horaz, Satir. I, 10, 70 beschreibt mit denselben Worten das Verhalten eines mit schwerer Mühe arbeitenden Dichters. Vgl. die Herausgeber und Quintilian X, 3, 21. a ) Cäsars literarische und wissenschaftliche Interessen sind bekannt, weniger, dafs er auch dichtete. Ebenso schrieb August bekanntlich ein Trauerspiel Ajax, vernichtete aber das Manuskript. Über seine sonstigen Verse Suet. vit. Aug. 85. — 133 — Nur wenn sie hoch sich aufschwingt, kann die [Seele, 260 Der Sterblichkeit entrückt, Erhabnes singen. Tief unter ihrem Fulse, wesenlos Muls das Gemeine liegen! — Darum sprach Der Mann, den seine Zeit den Weisen hiefs, Der Piatos tiefes Denken übertraf, 265 Das ernste Wort: Es lebt kein grofser Geist, Dem nicht ein Körnchen Wahnsinn sich verbände. 1 ) Von allen Geistern sprach er dieses Wort! Warum verunglimpft man allein die Sänger? Allein du rasest weiter! Du vertreibst 270 Uns aus der Städte Mitte! — Nur gemach, Wir alle ziehn sofort mit Freuden ab. Wir lieben Waldesstille, widerwärtig Ist uns der Pöbelschwavm, und voll Entzücken Durchwandern wir die wonnevolle Flur. 275 Das wulste wohl der Weise, der zuerst 2) Der Staaten Wohl zu ordnen unternahm, Dals wir des Volkes Bräuchen, dals das Volk Den unsern feindlich sein und bleiben wird. Drum liels dem Volke er den Stralsenlärm; — 280 Die reiche Flur, den stillen Waldesfrieden, Die Einsamkeit, das ungestörte Träumen, i) P. meint offenbar den Ausspruch des Aristoteles, den er aus Seneca, de tranquillitate animi 17, 10 kannte: Es gab nie einen grofeen Geist ohne eine Beimischung von Wahnwitz, ^u kommt der Ausspruch des Aristoteles bei Cicero, Tuscul. 1, 38, 80: alle geistreicheMänner soen Melancholiker. Auch v. 258 ff. finden ihr Vorbild in Seneca, de tranq. animi am Schlufs. , ») Gemeint ist Plato, der bekanntlich in seinem Idea Staateden Dichtern keinen Platz anwies und die Kunst überhaupt numsowe.t u lassen wollte, als sie Nachahmung des Guten wäre. Dafs di Gegner der Dichtkunst aus diesen platonischen Lehren eine Waffe zum An griffe gegen die Dichter entnahmen, zeigt besonders Petrarca EplSt "'^m Vorwand Adressat unseres Briefes hatte offenbar gegen P a » s f"^™ Angriffe gerichtet; P. widerlegte diese geschickt, indem edemW ohl sollen und der gerechten Einsicht Piatos eine Anordnung zusehneb, d.e doch eigentlich einen andern Grund gehabt hatte. — 134 — Das wies er uns, den Sängern, gütig zu! Denn unverändert bleibt die Wesensart. Stets hätte jene vor der Wahrheit Tiefen 285 Entsetzen nur und bange Scheu gefafst, — Stets hätte uns vor dieses Haufens Toben BetrUbnis, Friedenssehnsucht, Ungeduld, Und Widerwillen bis ins Herz erfüllt. So ist für beide Teile wohl gesorgt. 290 Nicht harter Bann verjagt uns aus der Stadt, Wir folgen gern des Herzens freiem Triebe. Hat nicht der Stagirit erklärt, dafs Dichter Zuerst der Gottheit Spuren nachgeforscht? l ) Nennt sie nicht Marcus heilig, 2 ) angeweht 295 Vom Geist des Herrn, der Gottheit höchste Gabe? Doch fern sei jeder Anwalt eignen Stammes, Lais Fremde ehrlich unsre Sache führen! Und doch, der Sieg ist unser, läfst du nur Die Sänger reden in der Sänger Sache! — 300 Wer würde der Heroen Heldentaten, Wer ihren ernsten Sinn, ja, ihre Namen Noch kennen? Wer durch tausend Müh'n die Geister Zum steilen Pfad der Tugend spornen? Wer Des sorgenschweren Lebens düstres Leid 305 Durch Sangeskunst verscheuchen, wenn der Welt Der Geist der Musen fehlte? Tonlos wäre Der Mund der Menschen, unbekannt die Tugend Trotz eignen Glanzes, jedes edle Streben, Es wäre tot, und auch der Römer Sprache 310 Entbehrte jenes festen Untergrundes, Auf dem der Tempel ragt der freien Künste, Die unsren Blick in ferne Weiten lenken : ) Aristoteles (aus Stagira) würde sicli mit dieser Aufserung in Gegensatz zu Plato und vielen anderen Philosophen setzen. a ) Vom Geiste der Gottheit angeweht nennt Cicero die Dichter mehrmals, z.B. pro Archia poeta VIII, 18 und de natura deorum II, 66,167; dafs sie aber heilig und wie durch eine gnädige Gabe der Götter uns zuteil geworden seien, sagt eigentlich Ennius, den Cicero pro Archia a. a. O. zitiert. - 135 — Und den Geschlechtern später Tage einst Berichten werden von der Gegenwart!------- 315 Doch sagt Aquin: Ein Chörilus ist hier 1 ) Zu finden, und gar zahlreich ist die Schar Verworfner Dichter, die viel Zeit und Müh' Auf ein gemeines, schrautz'ges Buch verwandten. — Gewifs; doch, bitte, nenne mir den Stand, 320 In dem nicht viele Minderwerte lebten? Die Geistesgaben, sie sind selt'ne Güter; Sie waren's stets und werden's ewig bleiben! Nur wen'gen glückt der Flug zu stolzer Höh'! Schau an Virgil! Erseheint dir knabenhaft, 325 Wie er die See und Erd' und Himmelszonen In klaren Worten schildert? Doch wie vieles Hüllt er geheimnisvoll in Schleier ein! Dafs Äolus der Brüder finstrer Schar 2 ) Mit Macht gebietet, dafs die Bergeslast ') Thomas von Aquino wird als Hauptvertreter der Scholastiker zitiert, welche die Poesie als unsittlich verwarfen. Vgl. Voigt P, p. 28. Vermutlich hatte sich P.s Gegner der Vorwürfe der Scholastiker gegen ihn bedient. Über den schlechten, aber nicht unsittlichen Dichter Chörilus vgl. Iloraz, Ep. II, 1, 233 und die Herausgeber. 2 ) In epist. rerum senilium IV, 4, de quibusdam fictionibus Virgilii gibt P. fast einen Kommentar dieser Stelle, auf die er a. a. 0. ausdrücklich verweist; er gibt somit zugleich die deutlichste Vorstellung von seiner Auffassung der Poesie als allegorisch. Er versteht dort unter den Winden zornige Aufwallungen und leidenschaftliche Begierden; sie wohnen unter dein Berge, d.h. unter dem Zwerchfell (nach Plato). Aoneas ist der vollendete Mann, das Epos schildert seinen Weg zur Vollendung. Der Wald ist das Leben, in dessen Mitte erscheint Venus, d.h. die Lust, die in der Mitte des Lebens am leidenschaftlichsten ist. Die Wolken sind Täuschungen der Empfindung, die von Edelmut und Mitleiden geleitet zu sein meint, bis aus dieser Täuschung die Liebe unverhüllt hervortritt. Iopas und Bitias sind Vertreter der verschiedenen Geistesarten, wie sie bei den Mensehen in ihrem Verkehr hervortreten, Iopas der Weise, Bitias der der Sinnlichkeit ergebene. Die Unglücksnacht bedeutet das Dunkel der menschlichen Irrtümer; die Leidenschafton unbesonnener junger Männer bringen über das Vaterland das Unglückspferd, indem sie die Mauern der Besonnenheit und Klugheit brechen, und ans dieser ihrer Erfindung ergiefst sich dann Leidenschaft, Zwietracht u. s. w. über das in Wahn und Vergessenheit versunkene Volk u. s. w. — 136 — 330 Auf ihren Schultern ruht, indes er selbst Auf hohem Sitz als Herrscher thront, — dafs fromm Aneas, dafs Achates treu sich zeigt, — Was soll's bedeuten? Dafs in Waldes Mitte Die beiden Helden Venus trifft, in Nebel 335 Den Leib der landesfremden Männer hüllt Und Wolken gleichsam mit Gewölk umschliefst — Was will's besagen? Dafs Iopas singt, Dafs Bitias voll Kraft mit einem Zug Die volle Schale leert, was deutet's an? 340 Was soll das Unglückspferd? Was soll der Brand Der Unheilsnacht, des Sinon frecher Hohn? Was soll's, dafs bei des Sohnes Raserei') Durch Feindesschwerter ihm die Mutter naht, Die Göttin, die sofort in finstre Nacht 345 Entschwebt, doch seinem Blick die Göttermächte, Die Feinde Trojas, und ihr Wüten zeigt? Wohin gerat' ich? Jede Zeile hat Hier ihren eignen tiefverborgnen Sinn! Hat, andrer zu geschweigen, nicht Horaz 350 Den graden und den krummen Weg gezeigt, Ein Feuergeist, der grofse Männer schuf! Genug von unsern Sängern! Sollte Orpheus, Amphion, oder Linus, Phöbus' Sohn, Musäus, des Gesanges Vater, sollten 355 Sie alle, deren Namen Hellas einst Bewundernd unter Götterbilder schrieb, Des Ruhmes Unvergänglichkeit durch Tand Erworben haben? — Keine Erdenhöhe, Euripides, kommt deiner Hoheit gleich. 360 Nichts Grofses gleicht an Gröfse dir, Homer! 2 ) a ) P. ebenda: Aneas will Helena töten, Venus läfst es nicht zu, da ja auch bei strengen Censoren die Liebe meistens Entschuldigung findet. Venus entschwindet aber sofort, denn die Lust verweilt nicht unter Gefahren. Mit ihrer Entfernung ist die feuchte Wolke geschwunden, die des Helden Augen umhüllte; nun erkennt er das Nahen der Götter und ihren Zorn. a ) Die ganze Aufzählung griechischer Namen rührt aus Cicero her. P. konnte zu wenig Griechisch, um Euripides und Homer zu lesen. Die Verse 361 ff. finden dagegen ihr Vorbild in Horaz, Epist, I, 2, 12 und 18 ff. — 137 — Gibt's Orte, Häfen, Küsten beider Meere, Gibt's Strudel, Flotten, Schlachten, Seelentriebe Von Mensch und Tier, die er nicht klar erkennt, Obwohl des Augenlichts beraubt? Er malte 365 Der Völker und der Fürsten Geist und Art, — Vom Pöbel schied er wohl den Laertiaden, Und liels mit wohlbedachter Kunst ihn wandern, Zu Skyllas Hunden, zu Charybdis' Strudel, Zu Polyphern, zum Sänge der Sirenen, 370 Zum Zaubertrank der liebestollen Circe, Damit der Held uns dies verachten lehrte! Genug der Worte! Was der Meister Plato, Was Sokrates, was jene Schar uns lehrte, Die einst den stolzen Namen „Weise" führte, 375 Es ist nichts andres, als was heute noch Wir Sänger euch zu künden pflegen! Gut, Hör' ich dich sagen; doch warum soll ich Den steilen Bergpfad gehn, da so bequem Ein eb'ner Weg zum gleichen Ziele führt? — 380 Was Mühe dir erscheint, verlacht der Dichter; Ihm ist's Genuls! Ein kurz gefafster Spruch Stärkt sein Gedächtnis; mit Behagen lälst Er fort und fort der Weise Wohllaut tönen.------- So sei fortan Verzeihung dir gewils, 385 Wenn du uns kindisch nennst, schmähsttcht'ger Alter; Doch treibt es dich, den gottverlieh'nen Geist Herabzuziehn, dann bleibe sorglich fern Dem Pfad der Sänger, — diese Leute kommen Gar leicht in Wut! — Was du noch weiter schreibst, 390 Erwähn' ich nur mit Abscheu. Du behauptest, Es sei ein ekler Geilsbock unser Lohn. 1 ) ') Vgl. Horaz, ad Pisones. 220, wo der Dichter der Tragödie spottweise bezeichnet wird als ein Mann, der um einen geringwertigen Gcifsbock den Wettkampf aufführt, — eine Anspielung auf die Überlieferung von der Entstehung des Dramas aus dem Feste des Dionys in Athen, bei dem angeblich ein solcher Preis verliehen wurde. Im Munde des Gegners des P- ist es eine plumpe und geschmacklose Verhöhnung der Poesie. — 138 — Mag andern solcher Lohn genügen, mir Setz' ich als Ziel den nimmer welken Kranz Des Ruhmes und der Ehren. Weils doch jeder, 395 Was unterm Zottelfell des stöls'gen Bockes Sich birgt! Kothurne sind's und Tänzerschuhe! 1 ) Vermeinst du wirklich, was die Musen schenken, Erkannt zu haben? Armer Tor, du irrst! Denn unsre Zeit, da schon die Dichterglut 400 Sich ausgetobt hat und erkaltet ist, Hat gern der alten Zeiten schlichten Brauch Beiseit' gestellt und sucht sieh andern Lohn. Du fragst mich ferner, welchen Namen ich Zum Leitstern mir gewählt. — So steh' ich denn 405 Schon vor Gericht? Man wendet gegen mich Gesetze an? Verfalst ein Protokoll? 2 ) Doch wer ich bin, und welchen Weg ich wandle, Davon erzählt mein Lied, ob ich auch schweige. Willst du noch mehr? Der lange Brief begehrt 410 Den Schlufs. Er soll ihm werden. Findest du, Dafs er zu laut in andre Ohren klang, So wird mir wohl Verzeihung, glit'ge Nachsicht Erhalt' ich leicht von Hörern oder Lesern! Denn nicht mit hohen Worten wollt' ich Ruhm 415 Erstreben; deine Frechheit rils mich fort! Auch fühl' ich mich zum Rächer nicht berufen Des ganzen Helikon, — denn wie bedarf, Wer so gewalt'ge Kämpfer um sich schart, Wohl meiner Hilfe! — Ist doch auch das Schwert, 3 ) 420 Das du zum Kampfe schwingst, von Blei, es wird *) P. scheint sagen zu wollen: selbst in der Zeit, als der Dichter um diesen Preis sich bemühte, war er nur ein Symbol für höchste Anerkennung der Leistungen in tragischer und komischer Dramatik. Heute winken dem Dichter reellere Belohnungen. 2 ) Nach Cicero, Tuscul. V, 11, 38, wo der Lehrer zum Schüler halb im Scherz sagt: Du hältst mir ja förmlich ein Protokoll vor. 3 ) Wohl in Anlehnung an Cicero, ad Atticum 1, 16, der eine Aufserung des Hortensius wiedergibt: Clodius könne selbst durch ein bleiernes Schwert getütet werden, d. h. er müsse iu jedem Falle unterliegen. Bleierne Schwerter waren Theaterrequisiten. Petron. sat. ed. BUcheler p. 65, — 139 — Beim ersten leichten Hiebe stumpf und bricht. Auch als Verfechter eignen Dichternamens Hab' ich mich nicht zum Kampf gewappnet; nur Dafs du mit frechem Mut der Muse Hoheit 425 Verachten willst, wer könnt' es schweigend dulden? Zum Schlufs nun glaube nicht, dafs diese Verse, Die ich dir widme, sich auf dich beziehn. Sie gelten dem, der dich zum Kampfe trieb. Es ist dein Geist, dein Herz, das Dichtung liebt, 430 Mir wohl bekannt; doch, Freund, in deiner Schrift Erklingt des andern giftig schmähend Wort. Wie's immer war, in seiner Seele brennt Des Neides fressend Feuer — (denn dir selbst Ist diese Seuche fremd!) — So möge denn 435 In hellem Glänze Africa erstrahlen, So möge mir der Musen keuscher Chor Des Dichtergottes Heiligtum erschliefsen, So mög' Apoll aus Himmelshöh'n mich segnen! Doch jenem Manne, Teurer, melde dies 440 In meinem Auftrag: Dafs so oft den Euhm Der andern er herabzieht, er die Kunst Herabzieht und der Edlen schönsten Trieb. 12. Die Birne. 1 ) (An Luchino Visconti.) Wenn damals, als die Welt in Gold erglänzte, Noch von Saturn beherrscht, durch Hellas' Städte Die Kunde von Italiens Obst auf Schwingen J ) Seinen Freunden Proben von den Erträgnissen seines Gartons, von seinem Fischfang u. a. zu senden unter Hinzufügung anmutiger Verse, entsprach den liebenswürdigen Formen dos Verkehrs, die P. zu beobachten pflegte. Kr sendete an Giovanni Colonna (ep. III, 4) oin Gericht Fische, an Luchino Visconti (III, 6) eine Anzahl junge Bäume, — an denselben schickte er mit dem folgenden Gedichte eine Sendung Birnen. Die Schönheit dieses selbstgezogenen Obstes gibt ihm Veranlassung in schwungvollen Versen die Herrlichkeit, die natürliche Anmut, den — 140 — Des Ruhms geflogen wäre, nimmer hätte 5 Eurystheus den Aleiden so viel Taten Zu tun gezwungen; seine gold'nen Äpfel Besälse noch der Hesperidengarten, Reichtum Italiens zu preisen. „Zur Macht bist du bestimmt", ruft er, „zur Herrin der anderen Völker! Das dentet deine Lage an, denn wie mit dem Hacken erschütterst du den Erdkreis, wie einen Sporn streckst du Hydruntum aus, Tarent ist die Fufssohle, Khegium die Zehe u.s.w." — So verherrlicht er das ganze Land, immer der bekannten Vorstellung folgend, dal's Italien auf der Landkarte die Form eines gestiefelten und gespornten Fufses habe. Hierdurch wird das Gedicht sehr merkwürdig! Denn dieser heute jedem Kinde geläufigen Vorstellung von der Gestaltung Italiens begegnen wir anscheinend hier zum ersten Male. H.Nissen, Italische Landeskunde I, p. 48, schreibt darüber: „Ich weifs nicht, welcher Schöngeist auf den geschmacklosen Einfall geraten ist, Italien nicht mehr mit einem ausgereckten Eichenblatt wie Plinius oder dem Rückgrat eines Fisches wie Biondo, sondern mit einem menschlichen Bein zu vergleichen. Albcrti (155(1) führt das seitdem typisch gewordene Bild in aller Breite aus. —" Das vorliegende Gedicht zeigt uns zunächst, dafs in der breiten Ausführung dos genannten Gleichnisses P. die Priorität gebührt; er hat 200 Jahre vor Alborti das Bild poetisch durchgeführt. Über den Geschmack ist schwer zu richten, — dal's das Bild eines Fischgerippes geschmackvoller sei als das eines menschlichen Fufses, werden manche Leute nicht finden. Jedenfalls sind derartige Vorgleiche für naive Auffassung anschaulich und lehrreich. Die Pädagogen unter den Geographen benutzen daher diese Art von Bildern gern und aus Grundsatz. Die Hauptsache scheint jedoch, dafs dieser Vorgleich Italiens mit einem Fufse — wie man auch über ihn urteilen möge, und ob er gleich auch schädliche Folgen gehabt habe, wie Nissen sagt, — doch offenbar erst dann aufkommen konnte, als gute Karten eine deutlichere Vorstellung von der Gestalt Italiens gestatteten. Nach den Karten des Altertums und auch nach der Poutingerschen Tafel des 13. Jahrhunderts konnte niemand auf einen solchen Vergleich kommen, — aber im 14. Jahrhundert, zur Zeit P. s, da ermöglichten genaue Messungen unter Benutzung des Kompasses zum ersten Male zuverlässige Karten, zunächst für Zwecke der Seefahrt, dann auch Weltkarten, uud gerade Italien ging auf diesem Gebiete aller Welt voran (vgl. Stavenliagen, Italiens Kartonwesen in geschichtlicher Entwickelung, ,'10. Bd. der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, p. 279if.). Von dieser Zeit an konnte die Meinung der Alten, dafs Italien dreieckige Gestalt habe, nicht mehr bestehen bleiben; die Phantasie wählte bezeichnendere Bilder, und wenn der Vergleich mit einem Fufse nicht bezeichnend wäre, wie hätte er dann durch alle Jahrhunderte „typisch" bleiben können? — 141 — Vom Drachen schlecht bewacht; der König würde Nach dieser Frucht verlangen und kein Gold 10 Dem anerschaff'nen Wohlgeschmacke vorziehn. Gesegnet bist du mehr als alle Länder, Mein Latium, mein teurer Heimatstrand! Mit Gold hat Ceres und mit Grün Minerva, Mit Purpur Bacchus dich geschmückt; du schenkst 15 Den Ziegen Laub, den Bienen Honigblüten; Bings grasen Herden fröhlich auf den Wiesen, Die köstlich du mit klarem Wasser tränkst. — Wie deine Gärten duften, deine Schachte Von Golde funkeln, deine Wälder Schatten 20 Mit alter Bäume dunkelm Laube spenden! Geflügel sehwärmt und Wild, des Jägers Freude, Des Vogelstellers Lust; von Fischen wimmelt's In deiner Seen Tiefe; rasche Ströme Durcheilen deine Flur; es decken Häfen In ganz anderem Lichte aber erscheint die Sache, wenn man erwägt, dafs P. überhaupt geographische Studien liebte (Voigt I 3 , 155), und gar wenn man vernimmt, dafs von ihm überliefert wird, er habe selbst eine Karte Italiens gezeichnet (vgl. Voigt ebenda). Zwar wird dies von anderen bestritten; aber merkwürdig palst doch zu dieser Nachricht, dafs vorliegender Brief aus Parma stammt (1347), und dafs in Parma die Brüder Pizzigani lebten, die damals eine Weltkarte herausgaben. Wie, wenn P. mit ihnen in Berührung gekommen wäre, von ihnen gelernt hätte? Dann hätten wir ja das „milieu", aus dem das Bild Italiens als eines Pulses hervorging! (vgl. Stavenhagen, a.a.O.). Wie dem auch sein mag, gewifs sagte P. mit der Durchführung des Bildes vielen seiner Landsleute etwas Neues und benutzte mit Glück eine an sich nicht besonders geistreiche Idee, um seine Mitbürger zur Vaterlandsliebe, zu stolzem Selbstgefühl, zu kraftvollem Widerstand gegen das Ausland anzufeuern. Kr durfte hoffen, wenn er so dichtete, sich auch das Wohlgefallen des Fürsten Luchino Visconti zu erwerben, der von 1339—134!» über Mailand herrschte und 1347 auch Herr von Parma wurde. (Eossetti, vol. II, sez. XI, argo- mento dell' epistola V.) Vielleicht wurde dem neuen Herrn bei einem Besuche in Parma dieses Lied von Italiens Herrlichkeit mit einem Körbchen herrlicher italischer Birnen überreicht. So wurde eine italische Birne Veranlassung zu einem würdigen Lob- liede Italiens, durch das P. ungewollt uns in Krinnerung bringt, dafs in geographischer Forschung sein Vaterland damals den ersten Platz einnahm. — 142 — 25 Dir beide Seiten, deinen stolzen Sitz Umrauscht des Doppelmeeres wilde Brandung! Aus Quellen sprudelt wunderbare Heilung; Die Sonne lacht selbst im verborgnen Tal: Im Sommer spenden eis'ge Gletscher Kühlung, 30 In Winters Mitten leuchtet dir der Lenz Und Himmelsblau an mildem Lustgestade, Wo duft'ge Winde das Gewölk verjagen! Mit hohen Zinnen pranget Stadt und Burg Zum Schreck des Feindes; mächtig stehst du da 35 Durch Klugheit und des Volkes trotz'ge Kraft! Dals dir zu Land und See die Macht gegeben, Die Lage kündet's an. — Als ob die Welt Du mit dem Hacken stiefsest, hast Otranto Dem Sporne gleich du vorgestreckt; du wirfst 40 Dem Meer des Nordens Brindisi entgegen Als Beinesmuskel; doch nach Osten hin Deckt Croton dein Gelenk; es stellt Tarent, Die Griechenstadt, des Fufses Sohle dar, Die Zehe Reggio, wo der West sich bricht, 45 Neapolis der Wade Mitte, Pisa, An Arnos hohem Ufer, Genua Den Oberschenkel, — deinen Rücken bildet Venedig und Ravennas alte Burg Und Rimini, des Reiches Grenze einst, 50 Ancona auch, das auf der Adria Gewalt'ges Tosen stolz herniederblickt! Was soll ich, Mailand, das als Rückenmark Die Riesenkräfte gibt, was Padua, Das mächt'ge nennen? Wozu dich, Verona, 55 Das starke, — wozu dich, der Wissenschaft Getreue Pflegerin, Bologna, dich, Florenz, das mir das Leben gab, — vor alters Die Blumenstadt genannt, doch nun verwelkt, Zerrissen von des tollen Pöbels Hand, 60 Von Kämpfen todesmatt! Wozu den Strand Der beiden Meere und am Bergeshang Die beiden Gau'n besingen? Nimmer fände — 143 — Ein Ende solches Lied! — Inmitten steht Reate, 1 ) — steht, des Landes starkes Knie, 65 Das Haupt der Welt, steht Roma, allgebietend, Des Herrn erhab'ne Burg, sein Erdensitz, Und Blitze schleudernd hält's die Welt in Furcht, Unsterblich durch Triumphe ohne Zahl! — Sei mir gegrüfst, du kriegsgewalt'ges Land, 70 Du Lehrerin des Friedens! Hohe Geister Sind dein erles'ner Schmuck; der Rede Wohllaut Dein schönstes Kleinod; hoch erhebt dein Haupt Sich über and're meerumschlung'ne Länder! Kein Sänger singt dein Loblied jemals aus, 75 Der Helden und des Rechts erhab'ne Mutter! Einst sing' auch ich gewaltig deinen Ruhm! — Zu kurzem Liede bot der Obstbaum heut' Den Anlals, — dafs von Ästen süfses Obst, Nicht gold'ne Frucht, Italiens Fluren ernten, 80 Das galt's zu zeigen! Ich erprobt' es selbst! Die eisigkalte süfse Birne hier, Ein kleiner Teil vom Segen deiner Flur, Schau sie nur an, sie lobt sich reichlich selbst! 13. Schutz den Trümmern Roms! 2 ) (An Paolo Annibaldi.) Wenn ich der feinen Art, des milden Blicks, Wenn ich der Reden denke, die so deutlich Von deines Herzens Hochsinn Zeugnis gaben, x ) Wenn P. die uralte Stadt Reate, heute Kieti, als Mittelpunkt Italiens bezeichnet, so genügt ein Blick auf die Karte, um zu beweisen, dafs P. diese Bezeichnung so zu sagen von einer Karte ablas, die den nnsrigen entsprach. Dafs früher schon Beate als Mittelpunkt Italiens bezeichnet worden sei, ist nicht nachweisbar. 2 ) Als P. 1337 Rom zum ersten Male besuchte, waren Stefanno Colouna und Paolo Annibaldi Senatoren. Unter ihrer Führung besichtigte P. die Monumente Roms, die ihm durch ihre Erhabenheit einen ebenso tiefen Eindruck machten wie der Zustand der Verwahrlosung, in dem er — 144 — Ist's eine Lust mir, an der Reise Fährnis, 1 ) 5 An ihre Leiden still mich zu erinnern. Denn einen Freund wie dich, den sucht man gern In allen Ländern, allen Meeren auf, Und scheut für solchen Preis die Mühsal nicht! Die wilde Gier treibt zu des Auslands Fernen 10 Uns Menschen hin, wir fürchten nicht die Klippen Der wilden See, nicht ihre Ungeheuer, Wenn uns das Gold im Schacht der Fremde lockt. Für solchen Tand ist uns das Leben feil. Uns reizt der Steine Glanz im Schofs der Erde, 15 Ja, selbst das Pfefferkorn am dunkeln Zweig. Nur Freundesliebe dünkt uns schlechte Ware. Mit Unrecht! Für kein Gold der ganzen Welt, Für keinen Preis ist Freundestreue feil. Dein Ruf, mir längst bekannt, dein mannhaft Wesen, 20 Und mehr als das, des Himmels Wille, zog Mich zu dir hin. Der Hoffnung solchen Glücks War' ich gefolgt bis zu der Welten Ende. So weite Fahrt erspart mir das Geschick, sie fand, ihn erschütterte. Bekanntlich dienten die Paläste und Tempel Roms im Mittelalter den Bedürfnissen des Augenblicks; bald wurden sie als Festungen in den Strafsenkämpfen benutzt, bald wurden ihre Eisenteile zu beliebigen praktisch (in Zwecken verwendet, bald dienten ihre wertvollen Säulen und Steine zum Aufbau von Kirchen und Privathäusern, bald wurden ihre Marmorteile zu Kalk verbrannt. So hausten die Körner in Rom schlimmer als ihre Feinde. Annibaldi hatte dem Dichter anscheinend gelobt, dieser Verwüstung eiii Ende zu machen, und wird nun an die Erfüllung seines Versprechens erinnert; vgl. Rossetti vol. II, sez. XIV, 2, annot. 2. — Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom VI', 691 if. — Damals trieb Rom oinen Handel mit Statuen nach Neapel hin, vgl. Körting, Petrarca p. 115 und Rossetti 1.1. ') Auf seiner ersten Reise nach Rom scheint P. die Seefahrt von Marseille aus nach Civita vecchia gewählt zu haben wegen der Unsicherheit der Landwege. Er blieb zunächst in Capranica beim Grafen Orso dol- 1'Anguillara, wo er von den friedlosen Zuständen des Landes eine nur allzu deutliche Vorstellung bekam. Die Reise nach Rom trat er endlich in Begleitung des Bischofs Giacomo Colonna an, mit einer Bedeckung von 200 Reitern, welche die Reisenden gegen Angriffe der feindlichen Orsini schützen sollten. Körting, Petrarca p. 115. — 145 — Das gütig uns gewährt in Freundesländern 25 Als Zeitgenossen nachbarlich zu wohnen. Der Zeiten Wirrsal war uns hinderlich, Erst spät, auf kurze Frist, lernt' ich dich kennen, Und rasch entzog mir den ersehnten Anblick Mein Schicksal, — doch dafs ich dich einmal sali, 30 Hat mir's gewährt, und weilst du nun auch fern, Ich seh' dich vor mir, höre tief bewegt Der Rede weichen Klang, wie mir zur Seite Die Trümmer Roms, — ein weinenswerter Anblick! — Du mir erklärtest, tränenfeuchten Auges 35 Zu mir gewendet, stockend also schlössest: „Sieh diese Reste der zerfallnen Heimat! Sie treu zu hüten ist mir liebe Pflicht. Nie soll des Frevlers Hand den heil'gen Steinen Zerstörend nahn, so lange Paullus lebt!" — 40 In freudevollem, tiefbewegtem Herzen Lebt nun dein Wort, ein wahres Fürstenwort, Ein Männerwort, so frei, so stolz, so fromm! Doch um Erfüllung des Gelübdes fleht Die greise Roma nun den jungen Sohn: 1 ) 45 „Bleib deinem Worte treu! Erbarme dich Der tief Gefallnen! Edlen Herzen ziemt Die edle Sorge, ziemt der Liebesdrang, Der sich des Glücks der Vaterstadt erfreut, Ihr Unglück abwehrt, der mit treuer Hand 50 Die Kranke stützt und sie vom Sturz erhebt. Nicht dir, der Vaterstadt gehört dein Leben! Gibt's höh're Pflicht, als diese teure Bürde, Ein guter Sohn, den Schultern aufzuladen! Wer die Verlassne rettet, erntet Ruhm! 55 Und hoher Ruhm hat Roma einst geziert In ihrer Blüte. Zeugen dieses Ruhms Sind dort die Mauern. Sie, die kein Jahrhundert, ] ) Nach dem Vorbilde des Syimnachus (Norden, Ant. Kunstp. II, (MG) wird bei P. die Stadt Kom personifiziert als Greisin und redend eingeführt, auch als verlassene Witwe; vgl. die Briefe an die Päpste: I, 2 an Benedikt XII., an denselben I, 5 und an Clemens VI., II, 5. V. Friedersdortt', Petrarcas poetische Briefe. 10 — 146 — Kein Sturm, kein Zorn des blutbedeckten Feinds Zu Boden warf, — die edlen Kömer selbst, GO 0 Jammer! Römer werfen sie zu Boden! Wirf ihrem Rasen mannhaft dich entgegen! Nur hierin folge nicht der Ahnen Spur! Mag Kampfesmut, mag Kriegesruhm dich zieren, Verschleudro gleilsend Gold mit offner Hand, 65 Sei Meister in des Degens sichrer Führung, Lafs edle Rosse, lafs der Hunde Spürsinn, Lals Waldesgrün dich immerdar erfreun, Mag jede edle Kunst dir teuer sein — — Doch altersgraue Schlösser niederwerfen, 70 Der Erde Schofs mit roher Hand entweihn, Das, glaube mir, ist eines Feindes Tat! — Weil sie von Hannibal, aus Punierblut, 1 ) Gezeugt sich wähnten, hat die Ahnen wohl Ein falscher Wahn vermocht, der heil'gen Stadt 75 Zerstörung sich zu freun. Das war ibr Recht, Durch Erbschaft, meinten sie, und was vor Zeiten Der Ahnherr nicht getan, das taten sie. Dein edles Herz sei dieser Täuschung fremd! Wohl strahlt der Name hell im Waffenruhm, 80 Der Name Hannibal, doch seiner Gröfse Sind seine Frevel gleich, sein Ruhm der Scbande! Du weilst es wohl. — Das Haus der Scipionen, Das gottgeliebte, das sich Namen schuf Von seiner Feinde Fall, das wünsche dir 85 Als deines Namens Ursprung; ja, vielleicht ') Hiernach scheint es, dafs die Familie Annibaldi sich an der Zerstörung der Monumente lioins besonders beteiligt hatte. Wegen ihrer angeblichen Abstammung von Hannibal, dem Puuier, meint sie jedoch P. nicht entschuldigen zu dürfen. Er empfiehlt daher dem Paolo Annibaldi, seinen Namen von der Besiegung des Hannibal abzuleiten, wie Scipio den Namen Africanus von der Besiegung Africas erhielt. Der ganze Inhalt des Briefes macht es mehr als zweifelhaft, dafs Paolo sein feierliches Versprechen, die Trümmer ßoms zu schützen, gehalten hat. Der Brief wendet sich demgemäfs über ihn hinweg an alle Kömer, besonders an alle Edlen Roms. — 147 — Hat Hannibals, des Afters, Niederwerfung Nach altem Brauch den Namen euch verliehn. So folge mutig greiser Almen Spur, Errette Rom und sei in höchster Not 90 Ein fester Stab 1 ) der hochbetagten Mutter!" 14. Mit offenem Visier. 2 ) (An Lancilotto degli Angnissola.) Erstaunlich war's, wie leidenschaftlich, jäh, Dein Ungestüm dich fortrifs. Immer ehrtest Gleich Göttern du die Dichter; doch du holst Zu grimmen Streichen gegen alle aus, 5 Da einer dir verhalst! War' ich allein, Und nicht der ganze Helikon gekränkt Von deiner Wut, ich Heise Nachsicht walten. — Entrüstet griff die Hand zum Kiel, dem Zorne War's ein Genuls, in biss'gen Versen dich 10 Mit hartem Wort zu treffen! - - Doch, sieh da! J ) Wortspiel mit dem Namen Scipio. Als nomen substantivum bedeutet scipio: der Stab. a ) Unter dem Namen Lancilotto degli Anguissola, eines vornehmen Kriegsmannes, der aber auch die Dichtung liebte und mit P. befreundet war, hatte ein unbekannter Gegner P.s einen heftigen Angriff gegen den «Dichter, seine Krönung und gegen die Dichter überhaupt gerichtet. Die j Antwort gab P. in dem „an Zoilns" betitelten Briefe Ep. II, 11. Auf die Nachricht von dem Mifsbrauch, den man schändlich mit seinem Namen getrieben, beeilte sich Lancilotto, sich bei P. zu entschuldigen, indem er ihm den wahren Namen des Gegners nannte. Mochte diese Entschuldigung auch schon eintreffen, ehe der Brief an Zoilus beendet war (vgl. Ep. II, 11 v. 440 ff.), so konnte doch P. dadurch natürlich nicht bewogen werden, die Antwort zu unterdrücken; doch fügte er hinzu, dafs er an L.s Gesinnung nie gezweifelt habe. Der vorliegende Brief II, 14 erwidert auf L.s Entschuldigung in versöhnlichem Sinne, schildert mit Humor den Zwiespalt, in dem sich P. dem unerklärlichen Auftreten L.s gegenüber anfänglich befunden habe, drückt die Entrüstung über seinen heimtückischen Gegner aus, den er bestraft dadurch, dafs er seinen Namen nun erst recht nicht nennt, lobt die geistigen Bestrebungen L.s uud fordert endlich seinen anonymen Feind zu offenem Kampfe heraus. 10* — 148 — Der Kiel war balkenschwer; er machte Halt Nach jedem Schritt und sprach: „Nun zückst du mich Voll Wut auf deinen Freund, der nichts verschuldet." — Soll ich die Frechheit dulden, sie nicht strafen? — 15 „0 gib ein Ziel, eiu Ziel mir, deiner würdig!" Als so der Kiel noch sprach, ertönte klagend Die Angel an der Tür. Was gab's? 0 Wunder! Dein Bote stand davor! Und was er brachte, Erriet ich ahnungsvoll am Klang der Tür! 20 Entschuld'gen willst du dich; du schiebst die Schuld' Dem wahren Frevler zu. — Wie glänzend schön Erstrahlt der Wahrheit offnes Angesicht! Sofort ist mir die Bosheit klar; Verzeihung- Erhalt der träge Kiel, und voller Lust, 25 Ja, voll Begierde folgt er jeder Wendung. Ich rieht' ihn grimmig auf des Feindes Blölsen, Und reichlich zahl ich heim der Sänger Schmach. Doch stets verschwiegen sei des Frevlers Name; Wohl macht mein Lied unsterblich, doch nicht ihn!! — 30 Und nun zu dir! Dafs du, der Fahne treu, Den Hügel und den Quell der Musen liebst, Dafs du die rohe Schar verschmähst und fliehst, Die jede edle Kunst mit Ftifsen tritt, Das machst du recht! Zu Himmelsburgen führt 35 Dich dieser Weg, und wenn die nicht'ge Menge Verschollen längst, erstrahlt dein Name hell! Verzeih, dafs ich zum Tadel mich entschlofs. Ist jener Zänker so in Neid entbrannt, Dafs ihm zu schweigen eine Marter dünkt; 40 Wenn's eine Lust ihm schafft, mit schnöden Worten Mein friedlich Dichten zu beschimpfen, — wohl! Warum versteckt er sich? Er trete vor Ins offne Feld, er unterzeichne sich Mit eignem Namen, hülle nicht ins Dunkel 45 Des fremden sich; er kämpf in eigner Rüstung! Denn auch Patroklus, der im Helm des Freundes Achill sich gleich gewähnt, war zwecklos tapfer Und sank, getroffen von des Hektor Stol's. — 149 — 15. Trostlied. 1 ) (An Giovanni Colonna.) 0 schnöder Tod! Wie oft ist tränenschwer Durch dich mein Auge, matt mein Lied geworden! Wie hast so oft du mit dem Lied die Träne Und mit der Träne du das Lied vereint! 0 arme Menschheit! Elend Los der Menschen! Dafs wir die Teuren, die im Tod erblichen, ') Am 20. November 1347 erlitten die Barone von Koni im Kampfe mit dem wunderbaren Tribunen Cola di Kienzi eine schwere Niederlage an der porta S. Lorenzo. Die nackten Leichen von mehr als 80 grofsen Herren blieben dem Hohne des Volkes ausgesetzt. Am schwersten wurde das Haus Colonna getroffen, dem P. von Jugend auf befreundet war. Es fielen Stefan Colonna der Jüngere und sein Sohn Giovanni Colonna, ein blühender Jüngling von 20 Jahren, ferner der Exsenator Pietro Colonna samt seinem Vetter Pietro, Baron von Belvedere. Den tragischen Tod des Vaters, Sohnes und Oheims schildert Gregorovius VI 4 , 296 ff. So überlebte der greise Stefano Colonna seine blühende Nachkommenschaft. P., von lebhafter Trauer, ja von Entsetzen über dies Schicksal erfüllt, vermochte dennoch diese Empfindungen nicht unbefangen zu äufsern. Denn in seiner Begeisterung für die nationale Gröfse Korns und Italiens hatte er sich offen und freudig Cola di Kienzi angeschlossen; wohl mochte er sich von ihm abwenden, als seine Handlungen unmöglich mehr zu billigen waren, aber das gute Verhältnis zu den Colonnas war dahin. Er richtete an Kardinal Giovanni Colonna, den Bruder des gefallenen Stefano des Jüngeren, ein Beileidsschreiben in Prosa nach langem Zögern und an ebendenselben vorliegenden langen Trostbrief. Welche Antwort er erhielt, ist unbekannt, doch ein näheres Verhältnis zu Giovanni Colonna entstand nicht wieder, da dieser schon 1348 an der Pest starb. Aber in beiden Briefen, dem prosaischen und poetischen, befindet sich P. offenbar in keiner entsprechenden Stimmung; er vermag keinen Trost zu geben, da ihm die Töne einfachster Herzenswärme fehlen, seine Briefe lassen kalt. Er wehklagt über das Unglück der Häuser, — worin es bestanden, sagt er aber nicht; er stellt Betrachtungen über Sterblichkeit und Menschenschicksal an; wie dies aber auf den vorliegenden Fall zutreffe, bleibt unbekannt. Im übrigen ist die Kunst des Aufbaues des Gedichtes zu loben: es erscheinen die Musen und diktieren dem Dichter Betrachtungen und Ratschläge für den Kardinal Giovanni Colonna. Eine für uns ermüdende Aufzählung von Unglücksfällen und tragischen- Ausgängen berühmter Männer des Altertums scheint am meisten bestimmt den Empfänger zu trösten. — 150 — Ins Grab versenken sehn, das graue Haar In bittrem Schmerze raufen und vereinsamt Nach trübem Alter langsam sterben müssen! 10 Wenn einst mein Auge bricht, wer wird es schliefsen? Ins Grab mich betten, wenn du weiter wütest? Welch Unheilsstern bringt mir so arges Leid? So soll die Teuren all' ich überleben? Soll weiter leben, nicht vom Gram getötet? — 15 Weh dir, erlauchtes Haus! So tönt die Klage, Jetzt Haus des Unglücks, das zu Asche ward Durch so viel Scheiterhaufen! Das der Lohn Der Brudertreu, die, ach, so innig war! Bejammernswerte Mutter! Ach, ihr Schwestern, 1 ) 20 Nun so verlassen, — welches Klagelied Entspräche eurem Grame? Welcher Strom Von Tränen so gehäuftem Leide? Kann So schweren Schlag ein klagend Wort umfassen? 0 kriegsgewalt'ges Herrscherhaus, der Säule 25 Von Marmor gleich, nie hat des Himmels Dräu'n Dich je erschüttert, nie der Blitz gestürzt, Den zürnend Zeus entsendet, nie der Sturm, Der schon zehn Jahre tobt, 2 ) zu Fall gebracht; Du warst in Krieg und Frieden Romas Stolz 30 Ihr schönster Schmuck, du warst der Biedern Schirm, Der Frevler Schrecken, — ach, du sinkst dahin, Du sinkst in Trümmer! Feindlich spinnt die Parze Die zarten Lebensfäden deiner Söhne Auf rasch gedrehter Spindel ab und lälst 35 Im Tode sie verstummen! Welch ein Ende! War das verdient durch so viel Heldenmut, Durch so viel weltbekannter Taten Glanz?------- >) Unter Mutter dürfte die Gattin Stefano des Jüngeren zu verstehen sein, unter den Schwestern die sechs Töchter des alten Stefano, über welche Gregorovius VI», 201, Anni. 2 Auskunft erteilt und für die P. eine hohe Verehrung empfand. s ) Die Fehden der Barone dauerten seit Jahrhunderten, aber seit seiner 1337, also vor zehn Jahren, zuerst nach Eom unternommenen Reise kannte P. die dortigen unruhigen Verhältnisse und deren Einflufs auf das Hans Colonna genauer. — 151 — So sprach ich klagend; unablässig stöhnten Aus tiefster Brust die Seufzer, meine Tränen 40 Benetzten Brust und Wange, — da erklang Von heitrem Himmel einer Stimme Laut. Woher sie kam? Ein Rätsel war's. Doch hört, Was ich vernahm: „Warum vergeblich schelten Auf Götterallmacht und des Himmels Ratschluls? 45 So jung wie alt streckt ohne Wahl die Sense Des Todes nieder; unverändert steht Die gleiche Ordnung für die Menschheit fest. Bekämpfen willst du, Tor, was ewig gilt? Die Parzen spinnen, keinem Zwang gehorchend, 50 In freier Willkür euren Lebensfaden. Sie dehnen ihn, zerreilsen ihn und kennen Nicht Rast noch Ruh, hast du das nie vernommen? Ein Krieger, der die Ehre liebt, er wirft Den treuen Schild in Kampfesnot nicht fort; 55 Ein Schiffer packt das Steuer fester nur, Wenn ihn die Bö umheult, und unverzagt Sieht er die Ruder treiben auf der Flut. Ihn kann die See ersticken, nicht erschrecken. Doch andre machen schmachvoll Kehrt, sobald 60 Der Feind in Sicht; sie zittern vor der Brise, Die leise nur von Süden säuselt, bangen Vor'm ersten Windstols, der durchs Tauwerk pfeift. Sie enden drum, wie sich's gebührt; der Feige Vergeht mit Schmach bedeckt; den Wackern ziert 65 Ein Heldentod. — Und du? Ein leichter Pfeil Des Unglücks streift dich flüchtig, und du bebst? Wenn auf der See des Lebens sich die Wogen Ein wenig kräuseln, gibst das Schiff du preis? Und Seufzer dienen kläglich dir als Waffen? 70 Hat dir so viel zu lesen und zu forschen Nicht mehr genützt? Der Steuermann bewährt Sieh nie bei Meeresstille, nie der Feldherr In träger Friedensruhe. Was sie können, Das bringt die Fährnis an den Tag. — — 152 — Wie töricht 75 Ist doch der Menschheit Irrtum, fest zu halten, Was fallen mufs, als könnt' es ewig dauern! Drum bricht untröstlich aus des Herzens Tiefe Der Schmerz hervor, und Sehnsucht und Verlangen Zerreilst die Seele. Niemand zeigt sich dankbar, 80 Der einst das Glück genofs; vergessen ist Sofort die Herrlichkeit; als bittre Kränkung Erscheint's, dal's nicht mehr euer ist, was ihr Doch flüchtig einmal nur besitzen durftet. — Was euch vertraut ward, das gewöhnt euch an 85 Zurückzugeben mit der gleichen Miene, Wie ihr's voll Lust empfingt. Und weil den Tag Der Wiedergabe niemand kennt, so richtet Euch täglich auf der Herrin Botschaft ein, Die nur verlangt, was Rechtens ist. Dir wurde 90 Die Bahn gewiesen gleich beim ersten Schritt: „Auf diesem Pfade sollst du vieles Leid, Doch wenig Freude finden und die Zukunft, Wie sie auch sei, mit sanftem Blick ertragen." Was auch das Schicksal fügt, die gleiche Lehre 95 Erteilt der Schöpfer jedem Neugebornen, Und immer lehrt Natur die gleiche Satzung: Was süfs im Anfang war, das endet bitter. Was euch das Herz entzückt, vergeht geschwind. Auf kurze Lust folgt ew'ge Bitternis. 100 An Reichtum schliefst sich Not; verlassnes Alter Beweint die Kinder, treue Brüder trennt Der arge Tod, den Seelenbund der Freunde Zerreifst er plötzlich. Wenn die liebe Schar Dich froh umschlofs in langen Glückestagen, 105 Wenn heitre Rede von geliebtem Munde Bald hier, bald dort so rein, so innig klang, Trat nie das eigne Los dir vor die Seele, Nie die Bestimmung, dafs ein letzter Seufzer Den Kranz von Freunden bald zerreil'sen mufs? 110 Wem ist das Morgen, ach, das Heut gesichert? — 153 — Wen wird des heut'gen Abends blasser Schein Noch lebend sehn? Ja, diese kurze Stunde, Wer wird sie ganz verleben? Wen verschont In ihrer Frist des Todes arge List? — 115 Seid froh des Freundes, der von euch entweicht; Seid froh der Brüder, Kinder, — seht sie an, Als zögen sie davon. Noch ist es Zeit, Geniefst sie schleunig; säumet nicht; es eilt Geschwinden Flugs der Tag! — Ihr schätzt gering 120 Die Gegenwart; um das Verlorne nur Erhebt ihr Klage. Jedes Glück gefällt Erst dann den Menschen, wenn's damit vorbei! — Was ihr geurteilt, das verkehrt der Tod Ins Gegenteil. Wen ihr verabscheut, den 125 Betrachtet ihr voll Scheu am Band des Grabes. Denn niemand ist im Herzensgrunde standhaft. Doch wer euch liebt und noch auf Erden weilt, Der läfst euch kühl; — sobald er abgeschieden, üurchtönt ohn' Ende Jammerruf die Luft. — 130 Vor eurem Auge zieht mit dumpfem Sänge Manch düstrer Zug vorüber, und es nimmt Euch dies nicht wunder. Hat der erste Tag, Als nackt, mit Wehgeschrei, ins Licht des Lebens Ihr eingetreten, euch doch schon belehrt! 135 (Doch fauste wohl die zarte Geisteskraft Noch nicht, was euch bevorstand). In der Folge Hat jeder Tag des ersten Wink bekräftigt; Allein die wilde Lust schlägt euch in Bande, Und nie gesättigt wird der Hang zur Freude. 140 Drum schaudert ihr vor'm Ende, schämt euch nicht, Dafs ihr des Arztes Hand und Hals umklammert Mit bittren Tränen und so feige seid, Den Weg zu enden, den so lang ihr ginget. Und weibisch, wie ums eigne Ende, klagt 145 Ihr um der andern Tod; denn tief im Herzen Bewahrt ihr kein erhabnes, grolses Vorbild, Und immer lügt euch schmeichlerische Hoffnung. Ihr tändelt lässig, bis die Frist verstreicht, — 154 — Vergefst die alte Zeit, beschaut gemächlich 150 Mit kühlem Sinn die Gegenwart, und nie Erspäht die Zukunft ahnend euer Blick. So bleibt ihr Kinder bis zum letzten Hauch. 'S ist allbekannt! Genug! — Wie darfst du klagen? Zu Ende ist dein Weg, so kehre um, 155 (Ist's möglich) lege ab das Kleid der Menschheit, Und kannst du's nicht, so trage stillgefafst Mit wackrem Sinn, was dir das Schicksal bietet. Auf langem Wege muls jedweder Wandrer Viel Übles tragen, Staub und Wind und Regen, 160 Bald Sonnenglut, bald eis'gen Frost und Schnee, Bald tiefen Sumpf, bald steile Felsenschroffen. Doch mannhaft trag' er alles, denn das Leben Ist aller Mühen Heimat; Buhe findet Der müde Wandrer erst an Grabes Band. 165 Schau in der Welt dich um! Alltiberall Erscheint des gleichen Leids vielfache Spur. Du klagst um eignes Weh, beweine lieber, Was alle trifft, der ganzen Menschheit Jammer! Fällt dir die Menge lästig, deucht gering 170 Dir ihre Niedrigkeit, wohlan, so lafs Der Edlen Spuren einsam uns betrachten. Erinnre dich, wie jähen Sturz erlitt, So reich an Helden einst, das Haus Cornels, Gleich ihm Ämilius' Haus; wie beide Brüder 175 Der Tod nach so viel Siegerschlachten würgte, Durchs Schwert den einen, durch den Flammentod Den andern; 1 ) wie er durch Exil und Kummer Den hohen Scipiaden fortgerafft, 2 ) Und dessen Enkel durch der Gattin Arglist; 3 ) ') Die Brüder P. und Cn. Scipio, die Spanien sechs Jabro lang verteidigt hatten, kamen um, der eine fiel in offener Schlacht, der andere verbrannte in einem belagerten Turme. Livius XXV, 32—36. a ) Scipio Africanus der Ältere starb, zerfallen mit den Körnern, ivn Exil zu Liternum. ») P. Cornelius Scipio Ämilianus, der Zerstörer Carthagos, soll von seiner Gattin Sempronia, Schwester der Gracchen, vergiftet worden sein. Sie wollte den Tod ihrer Brüder rächen. — 155 — 180 Wie gegen Remus er Verdacht ersann, 1 ) Damit schon damals sich die Mauer röte Von Bruderhlut; wie er mit Leib und Leben Verschwinden Hers Quirinus, den entführten? 2 ) Wie er den wilden Tullus 3 ) plötzlich schlug 185 Mit Blitzesschlag und mit dem schuld'gen Aruns Zusammenrennen liefs den reinen Brutus?*) Wie er die Decier sich in Feindesschwerter B ) Begeistert stürzen liels, und in das eigne Sabinus, Chäreas, 0 ) den strengen Cato? 7 ) 190 Wie er Mareen - *) durch List, doch Regulus 9 ) Durch Wachen fortgerafft und Sullas ,0 ) Leben In einem Strom von Blute ausgelöscht? Er hat durchs Schwert zerstückelt Marius, 11 ) Durch blut'ge Klauen Rebius, das Haupt J ) Remus, erschlagen aus Eifersucht von seinem Bruder Romulus, beim Bau der Mauern Roms. 5 ) Es ging die Sage, dal's Romulus, der unter dem Namen Quirinus als Gott verehrt wurde, nicht zu den Göttern entrückt, sondern von Senatoren -während eines Unwetters getötet worden sei. 3 ) Tullus Hostilius, dritter König Roms, kam mit seiner Familie durch Blitzschlag um. *) Aruns, Sohn des Tarquinius, und Brutus, der Befreier Roms, fielen in der Schlacht, der eine von des andern Hand. 6 ) Im Kampfe gegen die Latiner weihte sich Decius der Vater, im Kampfe gegen die Saumiter Decius der Sohn dein freiwilligen Tode für den Sieg. 6 ) Cornelius Sabinus, einer der Mörder des Caligula, desgleichen Chärcas; letzterer soll sich mit demselben Schwerte getötet haben, mit dem er Caligula umgebracht hatte. ') Cato Uticensis stürzte sich nach dem Siege Cäsars in das eigne Schwert. 8 ) M. Marcellns, Eroberer von Syracus, fiel in einen Hinterhalt des Hannibal und wurde von einer Lanze durchbohrt. Livius üb. XXVII, 25 ff. °) M. Atilius Regulus, besiegte anfänglich die Punier in Africa während des ersten punischen Krieges, fiel aber dann in ihre Gefangenschaft und wurde unter Martern getötet, indem sie ihn angeblich am Schlafen verhinderten. 10 ) Sulla starb nach ekelhafter Krankheit an einem Blutsturz. u ) Während des Sullanischen Sieges wurde Marius, ein Bruder des bekannten Feldherrn, gliederweise zerstückelt, Rebius mit Händen zerrissen. — 156 — 195 Antons auf fluchbeladnen Tisch geschleudert, 1 ) Besudelt hat er Romas Rednerbllhne Durch Ciceros vom Rumpf getrenntes Haupt 2 ) Und beide hellste Sterne ausgelöscht Am Ruhmeshimmel röm'scher Redekunst. 200 Mit tausend gift'gen Pfeilen traf er Crassus 3 ) Und stillte spät ihm seinen Durst nach Gold; In heifsen Kalk versenkt er Catulus, 1 ) In Erdenschlünde Curtius/') und Haufen Von Steinen warf er auf Albin, ,; ) erschlug 205 Pompeius' Söhne an getrennten Orten, 7 ) Den Fabierstamm rief er an einen Platz, 8 ) Arglistig ihn zu morden, traf mit Flammen Des grofsen Cäsar Tempel, und das Haus Bracht' er zu Fall, das alle andern Häuser 9 ) 210 Zu Fall gebracht. ') Während der Marianischen Greuel wurde dem berühmten Kedner Antonius das Haupt abgeschlagen und auf Marius' Tisch gesetzt. 2 ) Durch die Proskription des Triumvirn Antonius geächtet, fiel Cicero durch die Schwerter der Häscher des Antonius. A. liefs den Kopf des berühmten Redners auf der Rednerbühne aufstellen. 3 ) Crassus fiel bei Carrhae im Kampfe gegen die mit Pfeil und Bogen fechtenden Parther. Der Sieger gofs in den Mund des Toten flüssiges Gold. 4 ) Catulus, von Marius zum Tode verurteilt, endete durch Einatmen tödlicher Gase. 6 ) Curtins, ein römischer Ritter, sprengte bewaffnet in einen Erdschlund, der auf dem Forum entstanden war und der sich nach diesem Selbstopfer von selbst sclilofs, während vorher es unmöglich gewesen war ihn auszufüllen. *) Albinus, ein Legat Sullas, wurde vom Heere infolge unbegründeten Verdachtes gesteinigt. Valer. M. IX, 8. ') Sextus Pompeius wurde in Milet auf Befehl Antons getötet; Gnäus fiel in Spanien bei Munda. *) Das ganze Geschlecht der Fabier, 306 an Zahl, war ausgezogen, um die Grenze gegen die Vejentcr zu bewachen; doch fielen sie alle im Gefecht an der Cremera. So kam das ganze Haus der Fabier um, nur einer wurde gerettet. 9 ) Cäsar, an den Iden des März 44 in der Curie ermordet, hinterliefs keinen Sohn, so dafs sein Haus nur durch Adoption des Octavius fortbestand. — 157 — Doch nicht in Rom allein Bewies der Tod sich mächtig, seine Wut Hat Fürsten von des Thrones stolzer Höh' Hinabgestürzt und hat in kurzer Frist Verschlungen ganze Völker. Nieder warf 215 Er Trojas Glanz und selbst Sagunt, das treue; In Schutt zerschlug er dich, Numantia, Und dich, gewalt'ge Byrsa, dich, Corinth, Du schön geschmückte, licfs in Menschenblut Ersticken Cyrus, 1 ) durch der Flammen Graus 220 Verzehren Alkibiades,-) und Wogen Ergofs er auf Xanthipp; 15 ) durch Steineswurf Aus Weibeshand hat Fyrrhus ■') er zerschmettert, Durch lange Kerkerqualen dich vernichtet, Miltiades; 5 ) hat Hannibal durch Gift 6 ) 225 Bezwungen gleich dem Herrn des Pontus, 1 ) nebst Dem Herrscher Macedoniens Alexander. 8 ) Nicht einmal dich hat seine Wut verschont, 0 Sokrates; '•') er warf den Hunden hin *) Cyrus, Perserkönig, fiel im Kampfe gegen die Skytheuköuigin Tomyris; sie selilug ihm den Kopf ab und steckte ihn in einen Schlauch voll Blut. 2 ) Alkibiades wurde von den Mördern, die Pharnabazus ausgesandt hatte, umgebracht, indem sie an das Haus, in dem er schlief, Feuer legten und ihn mit Pfeilen niederschössen, als er das Feuer durchbrach. s ) Xantliippus besiegte im ersten punischen Kriege als Söldnerführer der Panier die Kömer unter Regulus. Er soll darnach von den Puuiern ertränkt sein. *) Pyrrhns, König von Epirus, wurde beim Sturme auf die Stadt Argos durch einen Ziegelstein getötet, den ihm ein Weib auf den Kopf warf. 6 ) Miltiades, Sieger von Marathon, wurde von den Athenern als Verräter zu einer Geldstrafe verurteilt. Da er nicht bezahlen konnte, warf man ihn ins Gefängnis, und er starb daselbst. °) Hannibal vergiftete sich iui Hause des Prusias von Bithynien, weil die Körner seine Auslieferung vorlangten. ') Mithridates, König von Pontus, tötete sich selbst nach langem Kampfe gegen die Kömer, um nicht in die Hände der Feinde zu fallen. 8 ) Der schnelle Tod Alexanders in der Blüte des Lebens gab Veranlassung zu dem Gerücht, dafs er an Gift gestorben sei. 6 ) Sokrates, der edelste und weiseste Mensch, trank unschuldig verurteilt 309 den Schierlingsbecher. — 158 — Euripides,') ihn gräfslich zu zerfleischen, 230 Des Adlers Beute stürzt' er aus den Wolken Auf Äschylus' dem Tod geweihtes Haupt. 2 ) Homer, den heü'gen, rafft' er hin durch Gram, 3 ) Dich, Sophokles, durch eitle Lust, (wofern Von solchen Dichtern statthaft, dies zu glauben). 1 ) 235 Die Seele Pindars hat im Schlaf, 6 ) Philemons 0 ) In heitrem Lachen er entführt, da schon Der schwache Leib sie nicht mehr fest uuischlofs. Wer kann die Namen nennen? Diesen knüpfte Am Strick er auf, er schlug ans Kreuz den andern, 240 Warf jenen vor die Räder, stürzte diesem In Massen Schnee aufs Haupt, zu eis'gem Tode; Dem andern Steine, seines Hauses Trümmer; Vom hohen Felsen jählings warf er diesen, Und jenen rafft' er hin durch gift'ges Kraut, 245 Durch eines Schwamms Genufs; gewaltsam diesen, Sein Hirn verspritzend an der Felsenwand, Den Weg des Atems schlofs er jenem ab; Durch einen Wurmstich, dem kein Blut entflols, Erschlug er diesen; liefs den andern enden 250 Durch Vögelschnäbel, liefs den Fischen ihn Zum Köder werden, liefs durch scharfen Zahn Des Raubzeugs ihn zerreifsen, streckt ihn hin l ) Euripides, der im Alter als Gast bei König Archelaos von Makedonien lebte, soll von Hunden zerrissen worden sein. a ) Ein Adler liefs eine Schildkröte, die er in den Klauen trug, auf Äschylus' kahlen Schädel fallen und tötete ihn dadurch. s ) Aus Kummer, dafs er eine von Fischern ihm vorgelegte Frage nicht zu beantworten vermochte, soll Homer gestorben sein. ') Sophokles trug in hohem Alter mit einer seiner Tragödien den Preis davon. Aber da die Entscheidung der Richter nur mit einer Stimme Majorität zu seinen Gunsten ausfiel, tötete ihn Aufregung und Freude. 5 ) Pindar schlief im Theater ein, den Kopf an das Knie seines Lieblings gelehnt und starb so, ohne dafs irgend jemand es gewahrte. °) Philemon, griechischer Komödiendichter, soll vor Lachen über einen von ihm selbst gemachten Witz gestorben sein. — Die Beispiele von Vers 230 an stehen hintereinander bei Valerius Maxim. IX, 12, den P. also so zu sagen in Verse gesetzt hat. — 159 — Durch Hitze, Hungersqual und harte Müh'; Durch Faulheit andre und durch Schlemmerei. 255 Durch Liebeslust erschöpft liefs er vergehn Im Arm der Dirne jenen, liefs den andern In langer Altersschwäche matt verenden. Doch andre nahm er schnell hinweg, durch Hitze Des Fiebers und der Krankheit scharfen Anfall. 260 Wozu berichten von der Männer Tod, Der Reiche Sturz, der Städte Untergang Und von den Völkern, die im Sturm vergingen? Es kommt die Zeit, da diese Welt zerbricht, Und Erd' und Meer und Höll' und Himmel wankt! 265 Und ihr vermögt zu klagen um so Kleines? Erhabner Trost, gemeinsam zu vergeh'n Mit einer Welt, mit ihr gemeinsam sterben? Seht hin! Zum Untergang eilt alles, und Ihr wollt für euren Leib ein bleibend Heim 270 Hienieden finden? Wer das Recht bedenkt, Die Macht bedenkt, mit der erbarmungslos Der Tod gebietet, wird mit Fassung hören, Dafs er des Fürstenhauses Säule traf. War' unbewegt ihr Riesenbau geblieben, 275 So wuchs der Neid ins Unermess'ne fort. Denn himmelhoch erhob sie sich. Sie stieg Durch Gottes Hand; nur ihre Seiten streifte Sein starker Arm; auf festem Grunde ruht Der Prachtbau unerschüttert, und es flammt 280 Im Äther hoch der helle Säulenknauf. Wohl rasen Stürme um das stolze Haupt, Wohl ballen Regenwolken, zucken Blitze Um seinen hohen Scheitel hin. — Was macht's? Denn Ruhe herrscht, und stiller Frieden wohnt 285 Nur in der Tiefe, im versteckten Tal. Doch auch in Tälern ist das Sterben bitter; Nur mehr bemerkt wird's, wenn der Todesstreich Erhabnes trifft und edle Augen schliefst. Und wenn der Tod in dieser Welt nächst Gott 290 Und Himmels Ratschlufs unerbittlich herrscht, — 160 — Unwidersprochen — zürn' ihm nicht darum! 0, wollt' er endlich nah'n, mit klarem Licht, Mit wolkenlosem, reinem Tagesglanz, So spät es sei, dein trübes Aug' erhellen! 295 Wo gab' es gröfsres Glück? Denn nieder drückt Nur allzuschwer des Erdenlebens Leid. Erlöser Tod, du rufst zum ew'gen Frieden Den Frommen, du zerbrichst des Sklaven Joch Dem Herrn zum Trotze, nimmst der Ketten Druck 300 Besiegten vom gebeugten Nacken, endest Das Leid Verbannter, sprengst des Kerkers Tür, Du gibst den Guten ihr gerechtes Erbe, Du nimmst den Raub den Frevlern! Nichts vermag Bei dir Befehl und Bitte, Gold und Gunst. 305 Nein, unentwegt, der Schmeichelei unnahbar, Am ersten Tage eingesetzt, gebietest Du, alles mit Geduld zu tragen, kündest Der Mühen Ende an. Und wärst du nicht, Unendlich war' des Lebens Kerkerpein. 310 Doch Klagen voller Undank lohnen endlos Dein treues Wirken, selbst der Arme schilt, Wenn du, ihn zu beseligen, dich nahst!" — So drang vom Himmel mir der Stimme Ton Ins Ohr und brachte Tröstung meinem Leid. 315 Den Blick erhob ich, hörte Musen singen Und sah die neun erhabnen Schwestern; deutlich Erkannt ich jede und verstand ihr Wort. Erato war's, die sprach. Der Jungfrau wandte Ich voller Scheu mich zu. „Gestatte gütigst 320 Dein mahnend Wort in Blätter einzutragen; Du selber sprich es vor." So bat ich sie. Und sie darauf: „Mein Mühen ist umsonst, Wenn nicht Kalliope ihr Lied erhebt Und mit Gesang, was ich erschuf, verschönt, 325 Wie's ihre Art." Mit sanftem Lächeln nahm Sie dann der Schwester Hand, und beide sangen In holder Eintracht fort, wie sie begonnen. Doch da die Feder langsam folgte, fügten — 161 — Sie kurze Pausen in die Verse ein. 330 So sangen sie, ich schrieb. Was allen gilt, Hast du bisher vernommen; höre jetzt, Was sich auf dich bezieht. — Zuvörderst meide Den Zorn des Herrn, der aus den Sternen blickt. Was er bestimmt, das wage nie zu tadeln, 335 Denn Tod und Leben ruhn in seiner Hand. Und was du tust, — vergii's es nicht! — erschaut Aus nächster Näh der liohe Kirchenfürst. Sei stets bedacht, dafs nicht die heitre Stirn Der Schatten deines Angesichts ihm trübe! 340 In ihm wohnt höchste Milde, seinem Wesen Entspricht sein Name. 1 ) Wie dein Antlitz ihm Du zeigst, wird auch das seine er gestalten, Und weinst du, kann die Träne er nicht hemmen. So zähme deinen Kummer, trockne ab 345 Die nassen Augen, keine Spur entdecke Sein milder Blick von deinem Seelenschmerz. Nur seinem Bat (und wer kann besser raten?) Vertraue deinen Gram, im treuen Herzen Bewahre seine Worte, seine Lehren. 350 Er wird dir zeigen, dafs die arme Welt, Die er nach Recht regiert und leitet, voll Von Jammer ist, des Todes Statt; dafs keiner Bejammern darf den Todesstreich, der wohl Woher er kam, wohin er geht, bedenkt. — 355 Sei stark in Liebe, die den greisen Vater,-) Den Enkel tröstet, der so schön erblüht, Der dir so wert ist durch des Herzens Adel; Sei du ein Tröster deiner Brüder Kummer, Dem tiefgebeugten Hause. Hoch vor allen 360 Erstrahlt dein Beispiel! Hat sie dreimal doch Mit schweren Wunden des Geschickes Grimm ') Clemens VI.; Clemens = der Mildtätige. Ep. 11,5,277. 2 ) Dies ist Stefano Colonua, der Ältere, damals über 110 Jahre alt, der seine Söhne sämtlich überlebte. F. l'riudoradorff, Petraroas poetische Uriefe. 11 - 162 — Geschlagen, hat geraubt drei teure Männer, Und dreimal Asche in die Luft gestreut Und dreimal angefüllt die Totenurnen. 365 Ein Unglücksbote folgte wild in Hast Des andern Spur. Auf dich allein gewandt Ist jedes Auge jetzt und hängt an dir. Bezwingst du deine Tränen, weinet niemand; Doch weinst du, fliefsen Tränen ungehemmt 370 Bei jedermann. — Auch deiner Feinde Bosheit, Die höhnisch grinst, enttäusche fest entschlossen! Zu Boden tritt die bösgesinnte Brut! Sei fest und stark, die Welt soll nimmer wähnen, Colonnas Macht sei nicht mehr säulengleicb. 375 Durch alle Welt drang deines Namens Ruhm; So hoch erhob dich deines Hauses Gröfse, Dein Leben sonder Makel. Unser Volk Erblickt in dir den Pol, auf dem es ruht, Und voller Stolz nennt Rom dich seinen Sohn. 380 Sie achten drauf, wie du dich gibst und führst. Du stehst so hoch, drum treffen alle Blicke Und alle Lästerzungen dich. Es hängt Von vielen ab, wer über viele herrscht. Denn schonungslos bemächtigt sich des Herrschers 385 Das Volksgerede. Drum emporgeschaut, Wenn Donner kracht! Für deines Namens Ehre Ist nichts zu schwer; wenn auch getreue Hut So groi'sen Ruhmes grol'se Mühe bringt. Wohlan, beschirme treu die eigne Ehre 390 Und deiner Brüder Heil! Sie wandern schon Den Weg des Lebens, steigen auf zum Himmel. — Soll deine Klage hemmen ihren Flug? Betrachte rings das ungezählte Leid, Das Zufallsspiel, dem alle wir verfallen, 395 Das Los der Sterblichkeit, wohin auch immer Das Glück uns stellt, den wilden Wogenschwall, Das Ebben, Fluten dieser Lebenssee — Kein Zweifel bleibt, es gibt nur einen Hafen, — 163 — Und der bist du, Erlöser, Retter, Tod! 400 Mifsgönnst den Brüdern du, dafs sie gelandet, Wo keine Woge ihren Kahn bedroht? Beweinst du eignen Schaden? Nicht die Liebe, Nicht deines hohen Geistes edle Art Gestatten dirs. Die Träne mufs versiegen! 405 Und wenn der Tod zuerst dahingerafft, Was seine letzte Beute schien, so finde Die Schicksalsfügung nicht beweinenswert! Er nahm, was sein war. Gleichen Zoll entrichtet, Was sterblich ist, doch nicht zu gleicher Frist. 410 Die Jahre bucht der Tod; er übersieht Kein flüchtig Stündchen, rechnet nie zu wenig Und nie zu viel; und ist das Ziel erreicht, Das uns der Schöpfer setzt, so stimmt die Summe. Mag der zuletzt, zuerst ein andrer sterben, 415 Sie beide stehn zu rechter Zeit am Ziel. •— Wie ist die Spanne kurz, die hohes Alter Und Kindheit trennt! Wie sind die Strecken winzig, Die andre Stufen scheiden! Und verliefsen In Jugendblüte die Geliebten dich, 420 So glaub', es war zu ihrem Heil, vielleicht Zu deinem Heil. Verschlossen bleibt den Menschen Die Wahrheit stets, und immer zagt die Seele, Wenn sie der Zukunft denkt; sie sucht im Dunkel, Was nutzen, schaden kann, mit blindem Tasten. 425 Soll ich das Trauerlied dir weiter singen? Des gleichen Leides Fälle dir berichten? Soll ich von Brüdern dichten, die so herb Der Tod getrennt hat? Ach, wie selten langten Gemeinsam sie am Ziel des Alters an! — 430 Getreu der eignen Würde halte Mals In Tränen, zeige hellen Blick der Welt Und heitern Sinn! Nur Toren weinen ewig Um kurzen, unersetzlichen Verlust! Nie kehrt zurück, was du begehrst, vergebens 435 Sind Worte, Bitten; ja, du schmähst umsonst! Für deine Schmähung ist das Schicksal taub. 11* — 164 — Doch, arme Seele, was betrübst du dich? Warum bist du voll Unruh? 1 ) Sieh, es kommt Der Tag des Endes, wo das Weinen schweigt, 440 Wo deine Sehnsucht endlich sich erfüllt. Wozu die Qual? Schnell, wie ein Schatten, naht Der Tag des Glücks, da wir den Lauf vollbracht Und teure Brüder, heifsgeliebte Kinder, Die nur vorangeeilt sind, wiedersehn. 16. Die Berufung. (An Rinaldo da Villafranca.) Mich sandte jener, der den Himmelsherrn, Des Donners und der Sterne Herrn, vertritt, Vor kurzem nach Neapel, dem geliebten, Dem vielbesungnen. In geschäftiger Eile 5 Tat ich die Fahrt.' 2 ) Wie war der Auftrag schwer, Der Ausgang ungewil's, gewil's die Mühe! Das zog mich an, zugleich bestürmte mich Des Wiedersehens süJ'se Sehnsucht. ■— Ach, Noch stand ich kaum au wohlbekannter Schwelle, 10 Da war ich abgekühlt, da war geschwunden Die sehnsuchtsvolle Ungeduld! — Mir war, Als sah' den Himmel ich, beraubt der Sonne, Und muiste seufzen; war vom Throne doch Gesunken er, der gleich der Sonne hell 15 Erstrahlte in Siziliens Königsschlofs. Ins Grab geschlossen war mit ihm die Sonne, Und ohne ihn lag wie in finstrer Nacht Verwaist das Reich. Der Edelleute Tränen, Des gramerfüllten Volkes bittre Klagen, J ) Psalm 42, 6. a ) Über die Sendung P.s nach Neapel vgl. Ep. II, 7, aun. 1. — Rinaldo ans Villafranca lebte in Verona und war Lehrer des Sohnes P.s. Der Dichter besehreibt in behaglichem Geplauder eine Wanderung durch die Umgebung von Neapel und übermittelt an Rinaldo eine Berufung nach Neapel, die Giovanni Barrili und Barbato an R. ergehen liel'seu. - 165 — 20 Des schmerzzerrissnen Landes düstrer Anblick Erneut die Qual. Wohl stehn die Mauern noch, Doch das Neapel, das ich prangen sah Im Städtekranz Ausonias, — 's ist kaum Das vierte Jahr 1 ) — das — leider! — ist es nicht. 25 Es sank das Haupt, die Rüstung fiel, die Waffe Entglitt der kriegsgewohnten Hand. Zu Boden Warf eine Stunde all die starke Wehr. So viel vermag ein Mann, und so viel Leid Bringt eines Mannes Tod! — Ich war erschüttert, 30 Und wollt' ich sprechen, unterbrach mein Schluchzen Die angefangne Rede, meinen Auftrag Vermocht ich kaum der Königin zu melden, Als mir Gehör die hohe Fürstin gönnte. Vom Tod des Gatten sprach sie kurz und traurig, 35 Und was mir anvertraut war, wies dem Rat Des Königreichs sie zu und hiefs mich warten. Allein nicht zwecklos soll mein Tag verstreichen, Nicht träger Schlummer mir die Stunde kürzen, Und da der Geist, gebeugt, die Bücher meidet 40 Und sich zu dichten sträubt, durchstreif ich wandernd Dies von der Dichtung hochgepriesne Land. Der Freundesachar ist alles rings vertraut, Und jeder ist mich zu erfreun beeifert. Da steht das Haus, darin Sibylla lebte,' 2 ) 45 Die Schicksalskünderin; sein Riesenbau Erhebt sich drohend am Avernerufer, Dem schwefelgelben, zwar von Alter morsch, Doch furchtgebietend. Der Prophetin Stimme Erschallte sonst aus hundert Pforten, heut — ») Ausonia = Unteritalien, die Zeitangabe ist nicht ganz genau. P. war 1341 vor Ostern zum ersten Male in Neapel gewesen; 1343 im Herbst kam er wieder hin. ») An der Südseite des Avernersees bemerkt man Grotten und Gänge, in den Tuffelsen gebohrt. Eine dieser Höhlen hat jetzt den Namen der Grotte der Sibylla. Diese will offenbar P. andeuten. Doch entspricht der Schilderung bei Virg. Aen. VI mehr die Höhle der Sibylle am Ful'se der Akropolis von Cumä. Zur ganzen Stelle vgl. Itinerarium Syriacum. — 166 — 50 Zerfallen sind sie und bedeckt von Trümmern. Und wenn der Zeit noch eine Pforte trotzt, So ist sie stumm. Die Götter sind verstummt, Verstummt die Priesterin: ein einz'ger Gott Verkündet Erd' und Himmel seine Allmacht. 55 Manch bunter Vogel nistet im Gemäuer, Es wallt im See die finstre Flut, doch unten In seiner Tiefe, schwarz wie Pech, bemerkt Das Auge dunkelfarb'ge Fische spielen. Der Schwefeldampf, der Stätte Aussebn zeigt, 60 Wie nah die Hölle liegt. Des Berges Höhle, — Den man mit Recht Barbarenberg>) genannt — Zum Sitz der Schatten führt sie niederwärts, Wie glaubhaft man berichtet. Denn ich selbst Begnügte mich, des Pluto Schlofs von fern, 2 ) 65 Von fern den Eingang anzuschaun, von dem Noch keiner wiederkam Denn nicht allein Die alte Sage und der Sänger Lied Erweckt Entsetzen, nein, es scheut der Hirt, Der rohe Bauer sich dem Ort zu nahn, — 70 Und mag der Schiffer aus dem Wogenbraus Sich ungeduldig nach dem Lande sehnen, Doch wagt er nie, die Stätte zu betreten! — Von Durst nach Gold getrieben, das in Masse Am Grund der Höhle sie verborgen wähnten, 75 Versuchten kürzlieh ein'ge kecke Burschen, Wie man sich dort erzählt, den Weg zu schreiten, Der Kückkehr nie gestattet. Sie erreichten Wohl ihren Zweck, das finstre Schattental Mit seinen Beizen hielt sie fest, vielleicht 80 Auch kamen sie vom Wege ab und fielen In Todes Stricke, — kurz, sie wohnen heut Im Haus des Höllenfürsten, blieben Bürger Des Tartarus. *) Gemeint ist der heute auf den Karten Monte Gauro genannte Berg, früher Monte Barbaro genannt. 2 ) Vgl. Ep. II, 7, v. 5 1 ff. — 167 — Doch ich will nichts berichten Als was ich sah. — Es reihen rings umher 85 Sich Hügel hier an Hügel, heilse Quellen Entsprudeln hier den Grotten, Himmelstau Belebt die Flur mit segensreichem Nafs. Es bebt die Küste von des Meeres Wucht, Das, wenn es schwillt, mit salz'ger Flut bedeckt 90 Die Fluren rings und auch den See; so schleudert Neptun das "Wasser, das er allzu reichlich In sich geschlürft, zurück auf seinen Bruder. 1 ) Des Berges andre Seite steigt empor Hoch übern Acheron; vom steilen Gipfel 95 Erblickt' ich selbst hart an des Berges Fuls Den düstern See; und alles war so grausig, Genau, wie ich's gelesen! Ich vermifste Nur Charons Nachen; alles andre stimmt! 2 ) Unsichtbar bleibt der tiefe Styx, des Orkus 100 Erbarmungsloser Herrscher; ruhig schläft Der greise Fährmann in der Erde Tiefen, Hat müde sich gerudert. Ja, wir wissen Nur allzu gut, man kann die Furt durchwaten, Und keiner Ruderstange Stol's bedarf's, 105 Noch dafs am schlanken Mast sich Segel blähen. Ein jeder macht den Weg allein zu Fuls! Doch deine lieben Augen werden müde, Wenn ich dir alles schreibe; kurz, ich sah, Was nur zu sehen war, und kaum verstrich 110 Ein andrer Tag in meinem Leben froher, Kaum kehrt ein andrer je so fröhlich wieder, ') Die Stelle beweist, dafs zu P.s Zeit noch der Kanal bestand, durch den Augustus vom Julischon Hafen bei Misenum ans Lncriner- und Avernersee miteinander verbunden hatte; durch diesen gelangte das Seewasser bei geeignetem Wetter bis in den Avernersee. Die vulkanischen Veränderungen der ganzen Küste im 16. Jahrhundert haben diesen Zusammenhang der Binnenseen mit dem Meere aufgehoben. a ) Beachte das Behagen, mit dem P. feststellt, dafs seine Eoiso- beschroibung ihn richtig belehrt hat, — ganz wie ein „moderner Mensch", der mit Baedeker reist. — 168 — So wert, bezeichnet und vermerkt zu sein Mit weilser Kreide. Nicht den Wunsch allein Zu sehn, zu lernen hab ich voll befriedigt, 115 Nicht wen'ge Namen zweiten Ranges nur Aus Phöbus' ödem Haus umgaben mich, — Das Schönste war: An diesem Freudentage Gesellte mir das Glück zwei Geistesleuchten, Ein edles Sängerpaar; und wenn zur Seite 120 Sie rechts und links mir wallten, sog im Geiste Mit einem Ohr ich Maros hohes Lied, Homers Gesänge mit dem andern ein. Du möchtest Namen, Stand und Heimat wissen? Johann Barrili war der eine, ihn l ) 125 Erzeugte Capua,das hochberlihmte; Im Musendienst hat er den ersten Platz. Er führt allein für Latium die Waffen, Er ist allein des Vaterlandes Stolz, Seit uns des Todes Grimm den König raubte 130 Und in den Himmel, der nach ihm verlangte, Den Herrn Siziliens trug. Der andre war Mein teurer Freund Barbatus, 2 ) dem Apoll In Herz und Mund den Gotteshauch ergossen Und seinen Lorbeer um das Haupt geschlungen. 135 Bescheiden trägt er wohlverdienten Schmuck; Doch um so lieber haust bei ihm die Muse Und ich nicht minder, wenn des Schicksals Wille Mich Capua und seine Fruchtgeh'lde Besuchen heilst. Er stammt aus Sulmo her; 140 In ihm fürwahr blüht seinem Heimatlande Ein zweiter Naso! — So, lebendig plaudernd, Verkürzten wir zu dritt in muntrer Bede Uns einen Tag. Doch als in Phöbus' Tempel 3 ) J ) Über Johann Barrili vgl. Ep. II, 1, v. 4, Anm. 2. 2 ) Über Barbatus vgl. Ep. I, 1, v. 2, Anm. 3. 3 ) Gemeint sind die Überreste römischer Bäder unweit des Avernersees, die im Volksmunde Tempel des Apollo heifsen. — 169 — Wir plaudernd traten; — war es da ein Wunder, 145 Dals du erschienst, als vierter zu uns kamst? Mit Schmeicheln, Bitten wollten sie mein Herz Ins Wanken bringen, fanden tausend Gründe, Dafs ich mein Wanderleben willig schlösse, Bei ihnen bliebe; — doch da unbeständig 150 Mein Schieksalsstern mich in die Irre führt Und nie mir Ruhe gönnt, ward ihr Verlangen Auf dich allein gerichtet. Deinen Namen Nannt' ich aus Zufall, mit verdientem Lob Ihn hoch erhebend. Beide horchten auf: 155 Welch neuer Sänger? Nochmals wollten sie Den Namen hören. Kurz und gut, sie baten, Dich als Genossen sollt' ich ihnen senden! Beschworen mich bei unsrer alten Freundschaft Geliebtem Bund, bei allem, was mir teuer, 160 Versprachen auch, dals hohe Ehre dein Und reicher Lohn bei wenig Mühe harre. — Nie soll im Alter unabläss'ge Sorge Noch harte Arbeit, noch der wilden Knaben Vorlaut Geschwätz, 1 ) noch Lebensüberdruls 165 Dich niederdrücken; nein, in froher Mufse, In ihrem Kreise sollst du weilen, sollst Dir endlich selbst zurückgegeben sein Am Lebensabend. — Und was solche Leute Verheilsen, fordert unbedingten Glauben! 170 Sie wollen Grolses, können Grölsres leisten! Der gleiche Ruhm, das gleiche Streben macht Euch zu Genossen, denn ein Seelenband Verknüpft die Herzen und umschlingt euch traut, Seid ihr gleich fern, einander unbekannt. — 175 Wohlan versuch's! — Wenn dich nach Ruhm verlangt, — Er kann dir nirgends heller strahlen; wenn Du holden Frieden suchst, — auf unsrer Erde Gibts keinen stillern Hafen. Doch begehrst J ) Einaldo war Lehrer in Verona, er sollte also sein Lehramt niederlegen und in Neapel der Kunst und Wissenschaft leben. — 170 — Du Freiheit und Besitz, — das Schicksal spart 180 Hier, was du willst, dir für dein Alter auf. Wenn gar die ernste Sorge dich bewegt Um deines Grabes Stätte, 1 ) — welches Ufer Gewährt den Gliedern sanftre Ruh als dies, Das unsres grölsten Dichters irdisch Teil 185 Und deines Landsmanns teure Reste birgt? Auf diesem Hügel ruht Virgil, nach ihm Auf jenem Plinius 2 ) — in ihrer Mitte Zu schlummern zauderst du? Den Hügel hier Hat Mantua besetzt, Verona jenen — 190 Du bist im Vaterlandel Nicht zur Reise In wilde Fernen lad' ich dich, du sollst Den Ebro nicht, noch gar den Indus schaun, Noch zum Hydaspes ziehn. Du hast es besser! Du sollst Italiens Land und Luft geniefsen, 195 Italiens Wasser trinken! Nicht den Atlas, Den Himmelsträger, sollst du überschreiten, Nicht zum Olymp auf Wolkenpfaden klimmen, Nicht in Nemeas Wald, am Erymanthus Gefahr bestehn, noch mit dem Ungetüm 200 Aus Lernas Sumpfe ringen, nicht die See Bei Karpathus, noch wo die Syrte brandet, Sollst du befahren. Sanfter noch als sonst Trägt dich die Flut des Po bei heitrem Sommer; Durch seiner Wälder Dunkel leitet dich 205 Auf scliatt'gem Wege Vater Apennin, Und schon der sechste Tag bringt dich bequem Zur Flur Toskanas aus der Heimat hin. Nun schreitest flink du über sanfte Hügel, Vorbei an schmucken Städten auf den Hügeln, ') Für sein Grab sorgte der fromme Christ des Mittelalters beizeiten, nicht nur, wie bekannt, Päpste und Fürsten. a ) Hiernach ist anzunehmen, dal's, wie man noch jetzt ein Grab Virgils am Posilip zeigt, damals auch irgendwo ein Ctrab des Plinius zu sehen war, der bekanntlich beim Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. umkam. Ep. II, 7. - 171 — 210 Und ehe noch der fünfte Tag erschien, Stehst du in Rom! Und voll Ergriffenheit Schaust du den Tiber und die heü'gen Tempel. Ein Geist wie du, der hatte längst die Pflicht Sie anzusehen, längst das Haupt der Welt 215 Sich aus der Nähe gründlich zu betrachten. Drauf wird der fünfte Tag nach kurzer Fahrt Durch holde Fluren von Campania Vereinen dich den sehnsuchtsvollen Freunden. 0, eile schnell herbei! Du kannst nur so 220 Dir selber leben und zufrieden sterben! Tu, was ich rate! Lies bedacht die Verse, Die nicht von mir sind: „Lals mich offen sein, 1 ) So lang dich Galathee beherrschen wird, Wirst du auf Freiheit keine Hoffnung haben, 225 Noch um Ersparnis je dir Sorge machen!" 17. Selvapiana. 2 ) (An Barbato da Sulmona.) Leb wohl, geliebter Freund! Mir folgt dein Bild, Wo ich auch immer gehe, sitze, schlafe, Wie dir das meine. Denn der Liebe Allmacht "ÖDiTangeftthrtcn Verse sind aus Virgil, Ekloge I, wo sie^Tityrus der Hirt, auf sich selbst anwendet: So lange mich (die Ilirtm) Galathea beherrschte, konnte ich nicht m Wohlstand und Freiheit gelangen - 1. verändert sie etwas und wendet sie auf Einaldo an; wir dürfen wohl annehmen, dafs P. fürchtete, .arte Rücksichten würden K. verhindern, der schönen Berufung zu folgen. ,. , .,.„ t .) Wenn P eine wirkliche, nicht eine erdichtete Situation schildert hat er soeben Neapel und seinen Freund Barbato da Sulmona in dieser Stadt verlassen und befindet sieh auf der Reise nach Parma.D esc Situation wiederholt sich zweimal im Leben des Dichters; Erjten < 341 ; als er nach der Dichterkrönung in Neapel sich Mai 341 n Azzo da Correggio, dem Tyrannen von Parma, begab. Dort blieb er bis 1842 Damals", durch die" herrliche Natur von Selvapiana aagere£, suchte er sein Epos Africa zu Ende zu führen. Diesen Aufentha .In*«ma und die Schönheiten von Selvapiana, sowie deren Wirkungen auf em Dichter- gemüt schildert er im vorliegenden Gedichte mit vieler TVarmo. Aber er — 172 — Ist stärker als der Tod. Es soll uns nicht 5 Der schwarze Sumpf des finstern Acheron, Nicht Lethes Flut, die trübe strömend schleicht Und Schlaf verbreitet, voneinander scheiden! Das Schicksal freilich, dem wir murrend folgen, Will räumlich uns, wenn auch nicht lange, trennen. 10 So liegt denn Capua im Bücken dir, 1 ) Und Capri hast du jederzeit vor Augen, Du kannst Puteoli, Misenus' Grab Zur Rechten sehn, den fernen Silarus, Den Doppelgipfel des Vesuv zur Linken 15 Erhlieken, dir zu Füfsen rauscht die Flut Am Seegestade in der stolzen Stadt, Die einer schönen Jungfrau Namen trägt. 2 ) Zwei Städte lagen dort, in beiden hauste Dasselbe Volk — nun nennt sich's eine Stadt, 20 Doch sind's der Völker zwei, verschiednen Wesens. 3 ) schildert, sie als etwas Vergangenes. Das Gedicht kann also nicht wohl ans 1312 stammen. Zweitens trennte sich P. von Barbato in Neapel im Dezember 1343 und begab sich zum zweiten Male nach Parma, wo er bis Anfang 1345 blieb. In diese Zeit füllt aller Wahrscheinlichkeit uach unser Gedicht. Wenn Eossetti es in 1348 verlegt, so läfst er aufser acht, dafs nach v. 1—28 doch offenbar P. von Neapel aus, unter Zurücklassung seines Freundes Barbato, nach Parma zu reisen im Begriff ist. : ) Der Dichter schildert genau den geographischen Standpunkt, den Barbatus einnimmt, falls er das Gesicht dem Meere zuwendet. — Misenus' Grab = das Vorgebirge Misenum, angeblich so benannt, weil dort ein Genosse des Aeneas, namens Misenus, begraben liegt. — Silarus, ein Flnfs in Lucanien, der sich etwas nördlich von Pästnm ins Meer orgiefst. Da aber dieser Flufs unmöglich von Neapel aus gesehen werden kann, und da er zusammen mit dem Vesuv genannt wird, ist vielleicht der Sarnus gemeint. 2 ) Parthenope, die Sirene, angebliche Gründerin Neapels, vgl. p. 27, 2. — Parthenope bedeutet Jungfrauenantlitz = schöne Jungfrau. 8 ) Livins VIII, 22, 5. „Paliiapolis lag nicht weit von da, wo jetzt Neapel liegt. In beiden Städten wohnte dasselbe Volk, stammend aus Cumä." Zwei griechische Siedelungen, von Cumä ausgehend, kannten dort noch im 4. Jahrhundert v. Chr. die Römer. Aus beiden erwuchs Neapolis. Seit aber 1205 der Papst das Königreich Neapel den Anjous zum Lehen gegeben hatte, war in der Hauptstadt wie auch auf Sizilien neben der einheimischen italienischen Bevölkerung eine grofse Anzahl Franzosen zu finden- — 173 — Hier bleibst du ohne mich. Doch nein! Mit mir! Zu jeder Stunde und an jedem Orte! — Ich mufs nach Haus. Der königliche Po Will mich zur Rechten, Vater Apennin 25 Zu seiner Linken haben; auch die Flur, Die an die Parma stufst, den kühnen Bach, Der Brückenjoche sprengt, verlangt nach mir — Und Silvaplanas schattig dunkler Wald.') Dort strömte heil'ges Dichterfeuer wieder 30 Mir durch des Herzens Eis. Mein Heldenlied Von Africa war lange ganz verstummt: Da trieb des Waldes Zauber mich zum Dichten, Da drückt' er plötzlich den entfallnen Griffel Mir in die Hand. Des weifs ich ewig Dank! 2 ) — 3,5 Auf grünem Hügel prangt ein hoher Wald, So hoch er ist, der „niedre Wald" genannt. Zur Wolkenhöhe steigen Buchenwipfel; Kein Sonnenstrahl durchdringt sie; bunte Blumen, Des Frühlings süffle Kinder, duft'ge Wiesen 140 Sind ihrer Füfse Teppich. Droht mit Hitze In schwüler Sommerszeit ein böser Stern, Da fliefat der Bach, der seine Gluten löscht, Da weht ein milder Wind von nahen Bergen, Wo Felsen riesenhaft dem Wetter trotzen. •) Die Lage Parmas, in einiger Entfernung vom rechten Ufer des Po und von den nördlichen (linken) Abhängen des Apennin wird noch genauer bestimmt durch das stürmische Flüfschen Parma das dem L go santo am Monte Orsaio entspringend, unmittelbar vor der Stadtien Wüd bachBaganza aufnimmt und mitten durch die Stadt toflrt.Se ne Wüdhut ist im Laufe der Zeit durch bedeutende Brückenanlagen gezähmt worden. - Silvaplana, lateinische Form für Selvapiana. % Das Gedicht Africa wurde 1339 erdacht und begonnen in der Ein- samket von Vaule. Dieser Anfang ^>™.!XZ££t samkeit und Beifall zu erregen ^«^gab sÄelnac* verschaffen. Noch voll von diesem Kahme begao er sion « Parma, und als er eines Tages jenseits des Flusses Enza.spazieren .&* gelangte er nach 8^1»^"/"^^^»^^ entzündete, und Modena), dessen Schönheit seine Be f ! ste ™ n * ™ „ " ' dafs er dort die Arbeit an der Africa wieder aufnahm u.s.w. (Rossetti, sez. I, 3, 21), vgl. p. 7, Anm. 2. — 174 — 45 Hier lafs mich ruhu. Ich sehe mir zu Füfsen Italiens teure, weite Segensflur, Im Westen dort der Alpen hohen Wall. Wie lebt's im heil'gen Walde von der Vögel, Des Wildes muntrer, tausendstimm'ger Schar! 50 Doch wo der kühle Quell aus Waldesschatten Hervorbricht, schwellen üppig weiche Gräser. Inmitten köstlich prangt ein Blumenhügel, Den keines Gärtners Hand so kunstvoll baute; Ihn schuf der Dichter holde, weise Freundin, 55 Ihn schuf Natur mit eigner Liebeshand. Melodisch rauscht der Bach, die Vögel sehlagen. Wie ruht sich's weich auf grünem Rasenbett, Im Waldesfrieden, unterm Blätterdach, Vor Windeswehn durch Bergeshang gedeckt! 60 Des Hirten plumper Fufs, des Bauern Karst Entweihn die stille Stätte nie; es sieht Des Waldes Hüter sie voll Scheu und deutet Aus sichrer Ferne mit dem Finger her. — Welch wunderbarer Duft! Die Stätte gleicht 65 Des Himmels Auen, keiner Erdenflur! In ihrem Frieden weilt die Muse gern. Verstohlen eilt' ich her, es ahnt' es niemand. Noch war der frische Lorbeer nicht verwelkt An meiner Schläfe, keinen Monat war's, 70 Seit Romas Kapitol den Sänger sah, Der von des jungen Ruhmes Glanz berauscht Im Busen neue, fremde Regung spürte. Hier nahte mir die Muse. Africa Erschien im alten Glanz. Kein Schwanken mehr. 75 Da warf ich alles hinter mich und gab Dem Lieblingswerk mich hin mit ganzer Seele! Nun ist der Platz mir teuer wie kein andrer, Ihm eil' ich zu, des hohen Ziels bewul'st. Hier soll mein Lied, bleibt nur das Glück mir treu, 80 Vollendung finden. Durch des Himmels Gunst Wird strahlend dann in höchster Schönheit Glanz Mein Held, mein Scipio, mein Heldensang Die Welt durchziehn mit stolzem Siegeslauf! — 175 — Du fragst vielleicht, was einst icli dichten werde, 85 Wenn mir die Parze langes Leben gönnt. Allein dies Eine sei auch dir verschwiegen. Doch sei gewifs, ich schaffe voller Lust Und träge Träume weis' ich von der Tür. /1§7 An Zoilus. 1 ) War' einmal nur, o Neider, deiner Schwelle Der Musen keuscher Keigentanz genaht In deinem langen Leben, hättest einmal Den Götterschmans des Phöbus und den Trank 5 Aus seiner Liederquelle du geschmeckt, Dann könnte leichten Herzens mein Gesang Dein mäkelnd Urteil dulden! — Aber dich, ') Eine nicht genannte Person, die aber von hoher Stellung, reich und von Einflute gewesen sein mufs, hatte P.s Dichtungen kritisiert. Dies genügt, um den Dichter zu einem an Heftigkeit selten übertroflenen Ausfalle zu reizen zu einem Schmähgedichte, in dem er seinem ladler Geiz, Maugel an Bildung, Bosheit und Niederträchtigkeit vorwirft, sich seine tadelnden Bemerkungen verbittet und ihn auf seinen untergeordneten Standpunkt zurückweist. Woran jener Gegner eigentlich Kritik geuut hatte, bleibt dabei ganz unerörtert; es wird ihm eben jedes Recht zur Kritik bestritten. . , Die Vermutung, dafs dieser Tadler derselbe gewesen sei, an den das Gedicht „Literarische Fehden" (p. 122) sich richtet, liegt nahe; sie wird auch von Eossetti befördert, der beide Gedichte ohne Zwischenbemerkung hintereinander abdruckt - man könnte ja annehmen, dals der Tadler auf Gedicht 1 noch einmal geantwortet habe und Petrarcas Gedicht 2 darauf die Koplik sei - doch würde in diesem lalle 1. wohl auf Gedicht 1 irgendwie angespielt haben und auf die schon früher gegen ihn erhobene Anschuldigung jenes Zoilus. „v. mQ „ Trotz der Heftigkeit der Sprache P.s ist nicht unbedingt auzunehmen, dafs die Kritik des Anonymus eine scharfe oder heftige gewesen_ sei genügte doch in einem anderen Falle der Vorwurf eines Q^tefeWer« um ihn zu dem Andrae Mantuano überschriebeneu heftigen Gedieht von über 100 Versen zu reizen. Kossetti, vol. I, sez. VII, 1. -..„„„„„ Das Gedicht zeichnet sich durch Abrundung ^ Form «nd Prägnanz des Ausdrucks aus, sowie durch eine gewisse strophische Gliederung. — 176 — Den Unverstand zum Kritikus gemacht; Was gehn die Musen, was mein Lied dich an? 10 Denn lahmte gleich jedweder Vers, mir brächte Dein Urteil keine Not, — zum Himmel trüge Mich doch der Genius, — dein blödes Auge Vermöchte nimmer solchen Flug zu schaun! Was gehn die Musen, was mein Lied dich an? 15 Es ward durch Himmelsweiten mein Gestirn Geschieden von dem deinen; denn Saturn') Verlieh dir Geld und Gut und Geiz und Gier; Doch plumpen Geist und stumpfes, schwaches Hirn! Was gehn die Musen, was mein Lied dich an? 20 Doch ich, ich bin der Musen Freund; ich habe Was mir genügt; es glüht im Herzen rastlos Der Dichtung Feuer mir, und diese Gabe Dank' ich dem sanften milden Licht Merkurs. 2 ) Was gehn die Musen, was mein Lied dich an? 25 Aus deinem Hause durch verruchte Satzung Hast du Virgil und seine Zunft gewiesen, — Des zeiht man offen dich; kein Diener wagt Die Namen nur zu nennen, und du selbst Erklärst mit Stolz: Die Plato aus dem Staate 30 Dereinst verwies, verweis' ich aus dem Haus! :) ) Was gehn die Musen, was mein Lied dich an? Sie zu verjagen, wahrlich, tat nicht not; Sie waren immer fern; sie scheuten stets Des Protzen Schwelle! Wolltest mit Gebet 85 Du jetzt sie rufen, — traun, es war' umsonst! J ) Auf den Planeten Saturn wurden die Eigenschaften des Gottes Saturn übertragen; er gilt daher für ein mächtiges, aber unheilvolles Sternbild. Da S. das goldene Zeitalter regiert haben soll, glaubte man, dafs er Reichtum verleihe. Iloraz, Carm. II, 17, Virgil Aen. VIII, 319. 2 ) Merkur bildet hier als Freund der Sänger, denen er die Leier schenkte, den Gegensatz zu Saturn; wie Iloraz, Carm. II, 17 Jupiter. Auch hier sind die Eigenschaften des Gottes, der der Geber alles Guten für die Menschen ist und besonders auch die Kedegabe verleiht, auf den Planeten Merkur übertragen. Iloraz, Carm. 1, 10. a ) Vgl. „Literarische Fehden", v. 274 und Anmerkung. — 177 — Sie zielin daliin, wo man sie hegt und pflegt. Was gehn die Musen, was mein Lied dich an? ' Verzeih' den Dichtern, schone, die du banntest, 0, wende fort dein ungeweihtes Haupt 40 Vom Musendienste, wahre deine Zunge, Dafs nicht der Neid auf unheilvollen Weg Dich blindlings spornt und ins Verderben treibt! Dann soll dein feister Wanst an fetter Kost, An schwerem Wein, an weichem Pfühl sich freun! 45 Dann soll des Glückes Göttin dir von Gold Die Körbe 1 ) schwellen lassen, Erz und Silber Soll sie zu hohen Bergen um dich häufen! Dann soll dir Indien mit Elfenbein Im Prunkgemach die Wände fein bekleiden,' 2 ) 50 Der Ozean in Fülle auf dich laden, Was man erbeutet aus gepries'nem Tang; 3 ) Von deinen plumpen Fingern soll das Licht Aus einer Last von Edelsteinen funkeln; Nie soll des Efeu mörderische Eanke 55 Die Bäume dir erwürgen, nie die Myrte, Nie Phöbus' Lorbeer deine Saat ersticken! Die Erde spende Feigen, Öl und Wein, Und von den Kufen triefe dir der Most, Und nie verlange der erschöpfte Winzer, 00 Und nie der müde Pfliiger von dir Geld! So sollen alle deine Freuden steigern. Wer Mangel leidet, finde keinen Platz 1 Dem armen Freund verschliel'se sich die Tür! Sei mit dir selbst in deiner Gier beglückt! 65 Von keinem Gaste je belästigt, zähle ») Zur Aufbewahrung des Geldes bediente man sich im Altertum der aus Binsen oder Enten geflochtenen Körbe; fiscus = Korb; später = Staatskasse. Vgl. bei Seneca, de ira III, 33, die in der Ecke liegenden fisci. 2 ) Vgl. über mit Elfenbein geziertes Getäfel Horaz, Carm. II, 18 oder Petr. epist. 1, 6, wo von einer Treppe aus Elfenbein die Kede ist, auf der man in ein Himmelbett steigt. ") Gemeint seheint Bernstein, der damals in weit höherem Werte stand als jetzt. Tacitus Germ. 45. I 1 . l'rieücradorff, l'etrurcus pootischo Briefe. 12 — 178 — Du deine Schätze, die sich um dich häufen. Der Haufe wachse stets, doch nimmer sieh An ihm dich satt! — Allein mit Reden hör' Nun endlich auf; gib dich der Ruhe hin; 70 Die macht dich fett. Und willst du's nicht, so ende Der Dichtung groben Tadel — oder gib Uns einen Grund für deine Worte an! Zwar du milsfällst, der Grund wird mir gefallen!! Doch wozu hilft's, dem Feinde der Vernunft 75 Vernunft zu lehren? Schweige, frecher Tadlerl Und präge dir zwei alte Sprüche ein: Der Schuster soll bei seinem Leisten bleiben, Der Esel pafst sich nicht zum Lautenschlagen 1') 19. Der Hausbau. 2 ) (An Guglielino da Pastrengo.) Du fragst mich, was ich treibe? — Was die Menschheit Fortwährend treibt. — Was ich begehre? — Ruhe. — *) P. benutzt ein bekanntes lateinisches Sprichwort: Sus Minervam docet = Das Schwein belehrt (die Göttin) Minerva, d. h. ein Dummer und Unwissender bemüht sich, dem Klugen und Weisen Belehrungen zu erteilen. P. macht daraus den Versschlufs: Sus nulla Minervam, d.h. kein Narr soll sich unterstellen, dem Weisen Vorschriften zu machen. Da unser Sprichwort: „Das Ei ist klüger als die Henne" mit dem lateinischen sich doch nicht recht deckt, auch nicht kräftig genug scheint, habe ich ein anderes, dem Sinne nahe kommendes Wort verwendet, welches die Mahnung enthält, dafs Unfähige nicht das treiben sollen, was ihnen nicht gegeben ist. 2 ) Der Brief, eine Antwort auf ein fingiertes Schreiben Guglielmos, gibt Auskunft über des Dichters Lebensauffassung und Stimmung und teilt Betrachtungen mit, zu denen ihm der Bau seines Hauses in Parma Veranlassung gibt. Das Gedicht ist interessant dadurch, dafs es das unruhige, widerspruchsvolle Wesen P.s in anschaulicher Weise darstellt. Die Abfassungszeit ist nach Kossetti sez. IX, annot. 4 mit Wahrscheinlichkeit 1347, da in diesem Jahre P. von Avignon nach Parma reiste, nachdem 1340 Papst Clemens VI. ihm ein Kanonikat in Parma übertragen hatte. Auf diesen neuen Gunstbeweis beziehen sich die Worte v. 15 „mag Fortuna" — der neuen Würde sollte das neue Haus entsprechen. — Über Guglielmo da Pastrengo s. Ep. III, 3, Anm. 3. — 179 — Was ich erhoffe? — Keine Ruh'. — Wohin Ich ziehe? — Hin und her. — Nach welchem Ziele? — 5 Ich eile gradeswegs geschwind zum Tode. — Mit welchem Herzen? — Das kein Zagen kennt, Entschlossen aus des Kerkers Nacht zu scheiden. — Wer mich begleite? — Was auf Erden sterblich. — Mein Ziel? — Das Grab. — Und was danach? — Der Himmel, 10 Und wird mir der versagt, vielleicht die Hölle. (Doch diese Strafe, Gott, erlals mir Armen!) Wo jetzt ich bin? — In Parma. — Wo beschäftigt? — In meinem Gärtchen, auch im Tempel, doch Nicht selten lockt's mich in den Wald hinaus. — 15 Mein Leben? — Das gewohnte, mag Fortuna Mir gnädig gleich die beiden Hände reichen Und mir den Platz in ihrem Schofse bieten. — Mein Antlitz? — Wenig heiter. — Und im Herzen Welch grolses Werk? — Mein Epos Africa. — 20 Der Lohn des heilsen Strebens? — Eitler Ruhm, Denn echten Ruhm verdient allein die Tugend. — Mein zweites, wicht'ges Werk — es ist ein Haus, Das ich mit Marmor köstlich schmücken möchte, 1 ) (Docb, leider, deine Berge sind so fern, 25 Auch strömt die Etsch nicht, was ich sehr beklage, In gradem Lauf zu uns hinab), allein Ein Vers des Flaceus schreckt mich und erinnert 2 ) Mich an das Grab, drum mufs der Himmelswohnung Ich oft gedenken, spare dann die Steine 30 Zu andern Zwecken auf, — so kühlt sich ab Das Feuer und die Liebe für mein Werk. Dann sind die Bauten alle mir verbalst, Dann möcht' im Wald ich ewig wohnen! ') Guglielmo da Pastrengo lobte in Verona. Die Provinz Verona Produziert noch heute Marmor und verschiedene Bausteine. Diese auf der Etsch, an der Verona liegt, nach Parma zugeschickt erhalten zu können, wäre für P. zweifellos sehr vorteilhaft gewesen, wenn es möglich wäre. 2 ) Horaz, Carm. II, 18,16ff. „Du baust Häuser, ohne an dein Grab su denken." 12* — 180 — Plötzlich Hat eine Ritze, kaum dem Auge sichtbar, 35 Ganz fein und dünn, im Bauwerk sich gezeigt. Wie ich's gewahre, fang ich heftig an, Den Meister und sein Ungeschick zu tadeln, Mit vielen Worten. — Doch der spricht bedächtig: „Dals sich der Boden, schwer belastet, senkt, 40 Kann Menschenkunst nicht hindern. Kurze Zeit Bedürfen Fundamente, neu gelegt, Um solcher Last zu trotzen. Freilich nichts Ist völlig unbeweglich; was der Mensch Auf Erden baut, kann nicht unsterblich heii'sen. 45 Doch diese Mauern halten sicher aus, So lang du lebst und deine Enkel leben!" 1 ) — Ich war verblüfft, dann sprach ich still zu mir: „Verachte nicht den ungeschickten Mahner; Er spricht die Wahrheit. Sieh doch an, du Tor, 50 Des eignen zarten Körpers schwachen Bau! Bring dich in Sicherheit, so lang du kannst; Denk an dein eignes Heil vor allem andern! Dein Haus wird stehn; dein Körper wird zerfallen, An einem Tage wirst du beide räumen!" — 55 Ich schwieg betroffen; mein begonnen Werk Wollt' ich aus Angst verlassen; doch es hielt Die Scham mich ab; mit Fingern hätte ja Das Volk auf solch zerfallnen Best gewiesen. So dräng' ich hastig auf des Bau's Vollendung. 60 Doch mit sich selbst zerfallen schwankt mein Herz. Bald find' ich Lust an Catos knappen Räumen, 2 ) An jene kleinen Gärtchen denk' ich gern Wie Curius, der Held, sie einst besafs 3 ) x ) Das Haus lag nach Eossctti im borgo di 8. Giovanni Nr. 9 und stand noch zur Zeit der Herausgabe seiner Übersetzung. Der Maurer hatte also recht. 2 ) Die überlieferte Lesart Catenis hat Eossetti in Capenis verändert; mir scheint die Änderung in Catonis näher liegend. s ) Cato und Curius werden hier, wie so oft, als Vertreter der altrömischen Einfachheit verbunden genannt. Auch ihre Landhäuser lagen nahe beisammen, doch war das des Curius, als aus älterer Zeit stammend, — 181 — Und Epikur;') doch aus der Namen Fülle 65 Als bestes Beispiel tritt mir vor die Seele Der Greis im magern Gärtclien, den Virgil Wie er berichtet, zu Tarent erblickt, Am Fuls des Festungsturmes; 2 ) — wünsche dann Mir wieder Mauern, die zum Himmel ragen, 70 Wie ßomulus sie baute, wie die Dächer Von Ninive, die an die Wolken reichten. Ein kleines Gärtchen schätz' ich dann gering. Dann schweift mein Geist in unermessne Fernen, Stellt sich die Ebne vor, wie sie der Fluls, 75 Den Fluls sich vor, wie ihn der Berg durchschneidet, Und um die Flur giefst er ein Weltmeer aus.------- Drauf kehrt er um, bewundert wieder Kleines, Und glüht von Hals des Hochmuts und der Pracht. So mufs ich ewig mit mir selber ringen, 80 So peinigt mich mein vielbegehrend Herz, So irrt es ruhelos durch Flut und Nebel! — Doch greiser ist die Flut, drin ohne Steuer Die Schar der Toren in die Irre fährt! Drob wird mein Herz getröstet; es gewinnt 85 Die eignen Stürme lieb, wenn es den Blick Auf solcher Kiesenmenge Schiffbruch lenkt. Und schlieMich, wenn ich alles recht erwäge, So muls ich lachen, — lachen über mich Und über alles, was auf Erden lebt! noch einfacher als das des Cato, vgl. Cicero, de senectute 16, 55. „Wenn ich sein Landhaus betrachte, (sagt Cato von Cnrius) - denn es hegt nicht weit von dem meinen - kann ich nicht genug die Genügsamkeit des Mannes oder die Einfachheit seines Zeitalters bewundern." „...,. i) Der Garten des Epikur, den P. hier als Muster der Einfachheit nennt, lag in der Stadt Athen und hatte dem Epikur 80 Minen gekostet. In ihm versammelten sich die Jünger um den Lehrer, so lange er lebte, «nd nach seinem Tode hielten sie in diesem Garten Erinnerungsfeurn an ihn ab im Monate Gamelion jedes Jahres. Er ist das Vorbild spaterer Freundschaftsgärten, vgl. den Garten und Freundestempel Gleuns in Halberstadt. ■) GeorgicaIV, 120 ff. berichtet Virgil von dem kleinen, geringwertigen Garten eines Greises, den dieser durch Sorgfalt schöner und ertragreicher gemacht habe als jeden andern. Drittes Buch. 1. Der Dichter als Landmann. (An Giovanni da Colonna.) Hast du vom Grenzstreit mit dem Volk der Nymphen, Den ich energisch führe, schon vernommen? Schroff ragt des Berges zackig Haupt gen Himmel Und bietet Sturm und Regenschauern Trotz; 5 An seinem Fufse sprudeln Quellen, liegt Der Nymphen stolzes Reich. Mit leisem Rauschen Entspringt der Sorgue klarer, kühler Quell, Dem Aug' ein Wunder. Wie er mächtig strömt, Wie lieblich durch krystallne, kühle Wogen 10 Das helle Grün smaragdner Kiesel leuchtet!') Hier fiel ein dürft'ger, steinbesäter Acker Mir zu und ward des Krieges erster Anlafs^ Als Mitbewohner wünscht' ich in des Tales Bequemer Ruh die lang verbannten Musen; 15 Hier könnten sie den Lärm der rohen Menge, Ihr wildes Treiben ungestört verachten. Allein die Nymphen schalten's argen Frevel, « Seinem in Avignon residierenden Freunde, dem Cardinal Colonna, oluse nebst der Grotte und der Qu eile der Sorge einznricht Bemühungen, a* Fufse des Wasserfelbeto .£*** J^a« ^ unter dem Bilde eines Krieges » WW "P ausgezeichnet. Ab- durch glückliche Mischung von Humor und urasi au e fassungszeit vermutlich 1346. — 184 — Dafs ich Verbannten ihr Besitztum schenkte Und, selber fremd, in fremder Leute Wohnsitz 20 Neun alte Mädchen schleppte, die doch jeder Kings auf der Welt von seiner Tür gewiesen, Und die nur mir im Werte höher ständen Als tausend Nymphen. — Bald auf engem Raum Erblüht' ein schmuckes Gärtchen, selbstgepflanzt, 25 Erstand ein wohlgepflegter, grüner Platz, Als schnell die Nymphen aus der Felsenburg Herniederstürmen und den schwachen Bau Mit wildem Anprall schonungslos vernichten. Wir klammern rasch uns an die nächste Klippe, 30 Vom sichern Orte ängstlich Umschau haltend. Doch stehn wir bald im Felde wieder, wagen Uns wieder vor ins offne Land, entschlossen, So schimpflich nicht zum zweiten Mal zu fliehn. Indes durchzog der Sonnengott die Bahn 35 Der Himmelswölbung, wieder Sommer ist's. Da mufs ich sehn, wie Übermütig, frech Die feuchten Nymphen meinen Bau zerstören, Die Musengrotte schänden! Ich war rasend. Allein was half's? Willkürlich lenkt das Schicksal 40 Der Menschen eitle Pläne, ja, verkehrt Sie oft ins Gegenteil. Zum Kampfe schick' ich Mich wieder an, da treibt's in weite Fremde, An ferne Küsten mich gewaltsam fort. Ich mufs Vaucluso, die junge Saat verlassen. 45 Ich muls nach Rom, aufs hohe Kapitol Die Musen führen, das ihr staunend Auge Seit so viel hundert Jahren nie geschaut. Im sechsten Jahre kehr' ich endlich wieder. So lange Zeit hab' ich die See, die Alpen 50 Nur allzu häufig hin und her durchkreuzt. 1 ) ') Ans v. 48 ergibt sich mit Wahrscheinlichkeit das Jahr 1346 als Abfassungszeit des Gedichtes. Am 1. September 1340 erhielt P. noch in Vaucluse die Aufforderung zur Dichterkrönung; im Anfang 1341 reiste er nach Neapel, 1341—1342 hielt er sich in Parma auf. Per Tod des Papstes — 185 — Dafs doch die Zeit, unmerklich, leise gleitend, Auf Erden alles umstöfst! Ach! wie anders Erschien die stille Flur, die kühle Grotte! Von meiner Hände Werk blieb keine Spur. 55 Der Feind zerrifs den Damm, zertrat das Feld, Und Fische spielten auf der Musen Sitz. Zu schwerem Kampf muls ich entschlossen schreiten, Und Schmerz und Zorn gibt meinen Waffen Kraft. Das rauhe Landvolk kommt, die Schar der Hirten, 60 Geringen Lohnes froh, die Angel wirft Der Fischer fort und streitet hochgeschürzt. Wir wälzen Felsenblöcke, wir zerreifsen Der Mutter Erde altersgraue Glieder, Ja, selbst den Berg durchwühlt der Eisenzahn. 65 So schlagen, so verjagen wir die Nymphen Und baun an Ufers Rand ein festes Schlofs Den heil'gen Musen. Im Vorübergleiten Mag nun der Feind sein eignes Leid beseufzen Und unsre Freuden schaun; nach so viel Kämpfen 70 Kann er nur wehrlos dröhn und leise murren. Jedoch nicht uns allein gebührt die Palme; Das Hundsgestirn, des Löwen Sternbild stand Uns sichtbar bei, gewann uns Phöbus' Hilfe. 1 ) Benedikt XII. und der Regierungsantritt Clemens VI. veranlafsten ihn zur Rückkehr an den päpstlichen Hof nach Avignon. Damals fand sich (im Winter) für einen Aufenthalt zu Vaucluse keine Zeit. Im Januar 1343 starb König Robert von Neapel, und P. erhielt eine diplomatische Mission an seinen Hof, die ihn bis zum Dezember 1343 in Anspruch nahm. Von Neapel begab er sich wiederum nach Parma und blieb dort bis Ende Februar 1345, darauf reiste er nach Verona und traf endlich in Avignon wieder ein am 19. Dezember 1345. Von hier dürfte er sich wieder im Frühjahr 134G nach Vaucluse begeben und die dauernde Eindämmung seines Gärtohens und Hauses vorgenommen haben, also tatsächlich im sechsten Jahre nach seiner Reise zur Dichterkrönung (v. 45) und nach mehrmaligem Hin- und Herreisen. ,. , , ., ») Dem antiken Vorbild folgend bezeichnet P. gern die J^res^iten mit den Zeichen des Tierkreises, in denen die Sonne steht, also Bild des Löwen = Hochsommer; v. 82. Wassermann - Winter; ebenso mit den in der betreffenden Jahreszeit aufgehenden Sternbildern (Hundsgestirn) Es entspricht ferner antiker Vorstellung, dafs diese Sternbilder nebst den — 186 — Mit Bogen, Köcher, mit den Feuerpfeilen, 75 Mit allen Waffen trat er in den Kampf Für unsre Sache und am hellen Mittag, Naht' er als Helfer uns aus Himmelshöhn. Zur Nacht, wetteifernd mit dem Bruder, lieh Diana freundlich uns ihr mildes Licht 80 Und hielt das Dunkel länger fern als sonst. Doch spür ich wohl den Plan verborgner Tücke! Bis Wintersterne Schnee und Kegensturm Uns bringen, bis der Wassermann die Urne Auf uns herabgiefst, hält der Feind sich still. 85 Dann will er jäh mich überfallen, dann Wird aus der Höhle weitem Schlünde dort Ein wilder Strudel zur Vernichtung brechen. Ich bin bereit! Schon hat mein wackres Heer Aus Felsentrümmern und aus Feldgestein 90 Den festen Winterdamm getürmt; es soll "Uns nicht der Po, nicht der Araxes schrecken, Die sonst der Deiche und der Brücken spotten! Der Sieg ist mein! Gesichert ist der Friede Für alle Zukunft. An dem klaren Strome 95 Stell' ich vereinzelt nur als Posten auf Mein ländlich Heer, das in der Flut sich badet. Nun fleh' ich, Gott, lafs hier mich wiederfinden Die goldne Vorzeit, lafs mich Lorbeer pflücken Und Kränze flechten, heil'ge Reigen schaun, 100 Wenn auch Apoll beleidigt schweigt, wenn auch An Cirrhas heil'ger Stätte Winterfrost Und eis'ges Schweigen lange Jahre herrscht!') Nicht Beifallslärm im stolzen Festtheater, Gottheiten der Sonne und des Mondes in dem Nymphenkrioge Partei ergreifen zu Gunsten des Dichters. J ) Der Dichter spricht die Hoffnung aus, dafs so sehr auch die Gegenwart poetischen Bestrebungen abhold sei, es ihm gelingen werde, die or- storbene Dichtkunst zu beleben. Über die Mifsachtnng der Dichtkunst vor Petrarca vgl. Voigt-Lehnerdt, Wiederbelebung des klass. Altertums I 3 , p. 28.- Körting, Petrarca p. 650 ff. — Cirrha, Hafenstadt von Delphi, dem Apollo heilig. — 187 — Nicht eines Volkes Jubelruf erfleh' ich, — 105 Nein, wen'gcr Freunde ungeschminktes Lob. Und trauern die, — hier biet' ich ihnen Labung An gastlich frohem Tisch, auf keuschem Lager. Schon mein' ich Helikons gespaltnen Gipfel, Schon jenen Quell, der Rosseshuf entsprang, 1 ) 110 Den ganzen Sängerhain in grüner Pracht 2 ) Bei mir zu schaun, — schon kehrt die Zeit der Frommen, Da noch der Dichter heilig war, zurück! Willst du das ansehn, lieber Freund, erfüllt Die gleiche Friedenssehnsucht dich, so eile! 115 Nie wirst du mehr das Stadtgezänk der Ruhe Des stillen Landes vorziehn. Zage nicht :! ) Vor schlechter Küche, vor dem harten Lager, Wo dich der Strohhalm ungebührlich sticht. Verändrung liebt ein Fürst noch mehr als andre. 120 Ermüdend wirkt der Prunk; der Freuden Wechsel Erhöht die Lust und gibt ihr neuen Reiz.") Ein leckres Mahl, des Ätna edle Weine/') Des Feuerbergs Vesuv uralten Jahrgang, Viel blankes Silber, feines Tuch aus England, 125 Getaucht in Purpur, duftend zum Entzücken, Kannst du auf kurzem Wege selbst beschaffen/') Lafe mich für andres sorgen! Weicher Rasen Und grünes Baumgeäst winkt dir zur Rast, Und süfser als der reinsten Laute Ton 130 Erhebt die Nachtigall ihr keusches Lied, *) Die Dickteiquelle Hippokrene = Bofsbaoh, entsprang aus dorn Hufschlag des Flügelrosses Pegasus. ») Zur Vorstellung von heiligen Hainen, in denen die Sänger mit den Göttern verkehren, vgl. Propertius IV, 6. Horaz, Garm. 1, 1. >) Er erteilt seiner Küche in Vaucluse oft ein wenig günstiges Zeugn.s. Epist. I, 7, 201 ff. ') Zum Gedanken vgl. Horaz, Carm. HI, 29, 13 ff. . i Das monte rubenti des Textes scheint mir - monUross, bekannte Vorberge des Aetna. Dafs am Aetna ein ausgezeichneter Wein wachst, ist allbekannt. „ , . „. ,,„, «) Die Entfernung von Avignon bis Vaucluse betragt etwa 24 km. — 188 — Das trillernd aus der weichen Kehle dringt Und gleich der Jungfrau hräutlich zartem Grufs Voll Liebessehnsucht durch das Dickicht schallt. Ich biete ferner weisheitsvolle Bücher, 135 Den Chor der Musen, (das Terrain der Nymphen, Das wir erobert, ist ihr fester Tanzplatz), Mit Ranken reich umsponnen Rebenhügel, Viel honigsüfse Feigen und ein Bad In unsres Flusses Mitte, Vogelschall, 140 Der nimmer endet, in des Berges Schlund Die tief verschwiegne Grotte, und im Tal Den kühlen Schatten unterm Waldesdach. 2. Zauber der Töne. 1 ) (An Rinaldo von Villafranca.) Aus Sternenhöhe stieg ein Genius Zu uns hernieder, ward am Strand der Maas Ein Mensch wie wir und blüht' am Seinestrom Zu zarter, wonnevoller Jugend auf. 5 Ihn grüfst die Rhonewelle heut' als Gast. Der Musen Gunst verleiht ihm Zauberkräfte, Und seine Hand beherrscht der Töne Reich. Die Sorgen fliehn, wenn er die Saiten rührt, Die Wälder folgen seines Liedes Klange, 10 Er hemmt die Ströme, heilst die Stürme schweigen. Ihn führt' ich gern von seiner Heimat Flüssen Zu unsrer Ströme grünen Ufern hin, Damit auch er das Nafs der hellen Etsch, Des stolzen Po bewundre und entzückt 15 Italiens süfse Lüfte in sich trinke. - ') P. empfiehlt seinem Freunde Kinaldo aus Villafranca, dem Lehrer seines Sohnes in Verona, einen jungen Künstler, der, wie P. hofft, bald als sein Begleiter nach Italien kommen wird. Wer der junge Virtuose war, ist völlig unbekannt. Das Gedicht ist interessant, weil es P.s Liebe zur Tonkunst erkennen läfst. 189 — — Ich bat, verhiels, — glaubt' ihn gewonnen — da Zog er dem höhern Ziel ein niedres vor! Als er im Sehlofs den Priestern sich genaht, Die Rom mit purpurrotem Hute schmückt, 20 Da stockt er ratlos, um den Weg verlegen, Und ungewifs, ob in der Schätze Fülle Er Goldesglanz begehren oder mir Und meinem treuen Rate folgen sollte. Nun bangt ihm vor der Alpenhäupter Schnee, 25 Vor ihren sturmumbrausten Felsenschroffen; Doch lockt zugleich ihn des gepriesnen Landes Glücksel'ge Ruh, ihm schlägt sein Herz entgegen In Lieb' und Sehnsucht. Wie der junge Kopf Das Herz bestimmen wird, wer möcht' es ahnen? 30 Doch sei gewils, die Seelenstürme haben, Wenn er die Saiten meistert, keine Macht; Wo er gebietet, walten Ruh' und Frieden, In seinen Händen wohnt der Freuden Fülle, Die düstre Klage schweigt und eilt von dannen, 35 Bezwungen von der Töne Wunderkraft. Kommt er mit mir, so wird er Frieden bringen Der Flur, den Wiesen, die der Po durchströmt, Den klaren Seen, den anmutsvollen Bächen, Die segenspendend das Gebirg entsendet, 40 Mit silberhellem Lauf die Flur zu schmücken. Doch dir zumal wird er Erholung bringen Von bittren Sorgen, wird dich mächtig starken Zu edlem Streben, wird mit Feuergeist Die Feder füllen. Dann wirst du bekennen: 45 Von ungestilltem Liebessehnen singt Beim ersten Morgenrot die Nachtigall, — Doch nicht so schön wie er; es singt der Schwan, Wenn er am Lebensabend schon den loa Sich nahen fühlt, ein überirdisch Lied,— 50 Doch nicht so schön wie er; es ruhn die Stürme Auf wilder See; der Himmel lächelt wieder, Und selbst die Tränen, die um jähen Sturz — 190 — Des kühnen Phaeton die Schwestern weinen,') Sie sind gestillt, und nur vereinzelt noch 55 Beseufzen sie des Heldenjttnglings Fall. 3. Die Geliebte des Freundes.-) (An Guglielmo da Pastrengo.) :i ) Die Sehnsucht trieh aus lautem Stadtgettimmel Ins stille Tal mich hin, zum Sorguequell, 1 ) Der wunderbar mit hell kristallnen Fluten Der Dichterseele Trieh und Schwung verleiht. J ) Phaeton, der Sohn Apollos, stürzte bei dem Versuche, den Sonnon- wagen zu lenken, zur Erde und kam so um. Nach der Sage stürzte Ph. in den Eridanus = Po. Da seine Schwestern ihn unaufhörlich beweinten, wurden sie in Pappeln verwandelt und ihre Tränen in Bernstein. Der Sinn der Stelle ist demnach: Auch der heftigste Kummer, der in Ober- Italien sich zeigt, wird beruhigt werden von der Tonkunst meines Schützlings. 8 ) Der Dichter schildert Lage und Beschaffenheit des Tales von Vaucluse, erinnert den Freund an die gemeinsam dort verlebten Stunden und erzählt seine Begegnung mit der Dame, die Guglielmo verehrte. Der Name dieser Dame ist nicht bekannt, doch beweist v. 55ff., dafs sie eine Edelfrau war. Das Gedicht dürfte zu den frühesten der Sammlung gehören, da ans v. 25 ff. hervorzugehen scheint, dafs noch nicht lange Zeit vergangen, seit Benedict. XII., Papst seit 1834, dem Dichter das Kauonikat von Loinbes verliehen (25. Januar 1335); Abfassungszeit um 1337, nach Beendigung der ersten Heise nach Rom. 8 ) Guglielmo da Pastrengo, geboren zu Pastrengo im Gebiete von Verona, Humanist, lebte als Notar nnd Richter in Verona, war mehrfach als Gesandter im Dienste der Scaliger in Avignon, wo er vielleicht schon 1335 mit P. bekannt wurde. Beide verband Liebe zum Altertum und innige Freundschaft. *) Am Ende eines engen Tales (vallis clausa = Vaucluse), am Fufse eines Kalkfolsens von 071 m Höhe, befindet sich eine hohe und weite Höhle, die weltberühmte Grotte von Vaucluse, aus der die Quelle der Sorgue entspringt. Das Tal wird von Felsen halbkreisförmig abgeschlossen, eine Felsbildung, die im Süden von Frankreich nicht selten vorkommt, cirque genannt. Die nächsten Felsen oberhalb der Quelle steigen senkrecht 200 in in die Höhe; sie schüefsen das Tal der Sorgue gegen Süden, Osten und zum Teil auch gegen Norden ein, wie P. eben hier beschreibt. Das Wasser der Sorgue füllt, wenn es hohen Stand hat, die ganze 9 m breite Höhle aus und stürzt sich mit lautem Brausen über das vor der Höhle liegende - 191 — 5 Hier hast du froh mit mir ins Tal gerollt Den Felsblock, hast zur Saat den magern Boden Bereitet, - sähst du doch in Frtthlingspracht Den Garten, abgetrotzt dem Felsenhang! Vom tiefen Strome wird er hier umschlossen, 10 Dort deckt ihn eisigkalte Bergeswand; Des Südwinds Gluten wehrt ihr Rücken ab, Um Mittag Schatten spendend. Offen steht Dem Westwind zwar das Tor; allein auch ihn Sperrt eine Mauer aus, ein ländlich Werk, 15 Das auch dem Vieh, den Fremden Eintritt wehrt. Sieh, wie in hohen, grünbelaubten Zweigen Der Luft beschwingte Sänger Nester baun Und unterm Blätterdach sie künstlich bergen! In Felsenhöhlen sieh die Wasservögel 20 Ihr kleines Haus mit Moos geschickt umkleiden! Sieh, wie die zarte Brut sich ängstlich birgt In treuer Liebe Fittich und nach Futter Mit schwachem Schnabel zitternd hascht Ls hallt Die Felsenwölbung rings von Tönen wieder 25 Die zärtlich klagen, und in buntem Wechsel Freut bald das Auge sich der Farben Pracht Bald lauscht das Ohr dem Klange. Nimmer hört Der Reiz des wechselvollen Spieles auf, In dem sich köstlich Ruh' und Arbeit mischen. natürliche Felsenwehr, einen prachtigerlArMck «r£Ä£ £Ä liefert dann Vl.O-l^jiOl^^^ dagegen siekern nur schwache »^vorgelagerten Felsmassen in die wehr durch. Dann kann man dto VWJM g ^ ^ Grotte hinabsteigen und in der Hefe die^Quelle ^ ganz ruhiger Oberfläche erblicken. So bietet£te Q ieu ^ verschiedene Eindrücke. Die 1'arb6 de Wassers de S kkren obwohl Fabriken sich auch an ihr befinden, von am ne^ Grün. Eingehendste Nachrieht über ^^£^11 de und der Quelle gibt die Schrift von *J»JJ*™' p^, LltelHe Pendice, p. 195—240. — 192 — 30 Kaum einen heifsersehnten Friedenstag Verlebt' ich hier; mit so viel Fesseln hält, Mit so viel Sorgen mich der Hofdienst fest. Mein ist die Schuld; die Kette legt' ich willig Mir leider an; noch war mein Nacken wund 35 Vom alten Joch, als ich ein neues auflud. 1 ) Wie gern gedenk' ich jetzt des frohen Tages, Als ich den Quell, die Flur, den Erdbeerbaum, Den ich gepflanzt, den Lorbeer meiner Heimat,' 2 ) Bequem beschaute, als in Wald und Wellen 40 Du mir zur Seite bliebst, mein Blick dich traf. Der Hügel hier, die Wiese dort, sie boten Zur stillen Buh' den weichen Kasenpfühl, Und murmelnd zog die silberhelle Woge, Wenn froh wir scherzten, uns zu Ftilsen hin. 45 Hier luden wir zu heiterm Fest die Musen, Die in Verbannung lang geschmachtet, ein, Und voll Entzücken baten wir zu Gaste Die Sängerschar aus Griechenland und Bom; Hier, wo ihr heil'ges Lied erklang, verstummte 50 Das eigne Leid. Bei muntrer Wechselrede Hielt uns das Mahl vereint tief in die Nacht.------- Dem dacht' ich nach, da war die kurze Frist Des Tags dahin, und zögernd trug der Fufs Den späten Wandrer heimwärts von Vaucluse. 55 Schon lag die Schlucht, der schatt'ge Grund des Tales Im Blicken, leuchtend glitt der Strom dahin ') Unter dem alten Joch scheint P. sein Verhältnis zum Kardinal Giovanni Cülonna zu verstehen, das, so angenehm es für ihn in mancher Hinsieht war, doch eine gewisse Beschränkung seiner Freiheit zur Folge hatte; unter dem neuen Joch das nähere Verhältnis zum päpstlichen Hofe, in das P. trat, seitdem ihm am 25. Januar 1335 das Kanonikat von Loinbes verliehen war. a ) Dafs in Avignon und speziell in Vaucluse damals kein Lorbeer wuchs, sagt P. ausdrücklich Ep. 1, 11 am Schlufs: es grünt Kein holder Lorbeer hier auf den Gefilden. — 193 — Zur Linken mir,i) da naht ein muntres Volk Von Männern und von Frauen, bunt gemischt. Von fern zwar sind die Formen kaum zu scheiden; GO Der Franken Putz erschuf uns Doppelwesen, DaXs an der Tracht nicht Mann noch Weib du kennst.») Doch wie sie nah'n, erkenn' ich auch die Züge, Den zarten Schleier, reich besetzt mit Steinen Das Stirnband, dieser Locken goldne Pracht, 65 Das Purpurkleid mit breitem Saume, 3 ) Ringe Gleich Sternen leuchtend. Schon umdrängt die Schar Den Wandrer, grüfsend, fragend. — Ja, sie war's! Sie war's, für die du leidvoll, freudvoll glühst! Wie war sie schön! Und doch, in jenem Auge 70 Schienst du zu wohnen, mich zu grüfsen, mir Die Hand zu bieten mit vertrauten Worten! „Wohin begibt sie sich?" fragt' ich die Diener. „Zum vielgerühmten Quell," erklang die Antwort: So schien's, allein mich deucht, ihr Wandertrieb 75 Entsprang aus anderm, tief verborgnem Quell! Verschlagner Liebesgott, wo sind die Künste, *) Der Dichter geht den Weg bergab, der am rechten Ufer der Sorgue entlang führt und noch heute von allen Besuchern benutzt wird Daher hat er den Strom zur Linken. Wo er übernachtet, erwähnt er nicht ») Die Stelle beweist, dafe in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts der französische Einfluß auf die Trachten begann der seitdem die Welt beherrscht hat. Da aber die neue Tracht enge, die Körperformen genau zum Ausdruck bringende Kleider vorschrieb, ist nicht klar, warum P. von weitem Männer und Frauen nicht unterscheiden konnte. Vermutlich meint er das überziehkleid, das von Männern und Frauen f^^ getragen wurde: wenn es nach damaliger Mode mit Uberfallkragen od.r Kapuze getragen wurde, konnte es wohl den bezeichneten K.ndnick hervorrufen. Das Überziehkleid reichte bis zur Erde war bei den Frauen länger als bei den Männern und mutete daher beim Gehen von den Dama .uf- genommen werden. Es war ohne Ärmel und an den Seiten weit und tief ansgeschnüte. ^ ^ ^^ knöpfen versehl Lnir ringsum mit Zacken oder Zotteln ausgestatte: dfcse dürfte p hier meinen. Das Haar trugen die Damen nicht geochten und aufgebunden, sondern frei hängend, daher auch Stirnbänder (Weiss, Kostümkunde III, 1, 60 ff.). I 1 . Frlederadorff, l'etraroaa poetiüolio Briefe. — 194 — Die du nicht kennst und deine Jünger lehrst! ■— Sie wulste längst vielleicht, dals du der Ruhe Dich hier erfreut hast; da sie dich nicht fand, 80 Ging sie den Spuren nach. Dir zog sie nach, Dein Bildnis stand vor ihrem Lieheshlick. Das war nicht Täuschung! Wer der Liebe kundig, Der sah: hier eilt ein liebend Weib dem Freunde, Dem heimgekehrten, zu. Schnell war ihr Schritt, 85 Das Auge, leuchtend hell, vor Freude strahlend Umfing mit Wonneblick das liebe Tal. Mich trieb's zur Umkehr; war sie doch dein Abbild Schnell wandt' ich mich, mit dir meint' ich zu schreiten, Dein Wort zu hören, selber dich zu schaun. 90 Führt doch die Liebe gleich und gleich zusammen!------- Sie weist mich ah! — So blickte Daphne strenge, Als sie des Phöbus Huldigung zurückwies, Diana so, als durch Aktäons Vorwitz Sie grollerfüllt war. Freilich führt den Bogen 95 Die Schöne nicht, kein Köcher ziert die Schulter; Doch ihre Augen schiefson süfse Pfeile! Die kennst du wohl! Wer jemals liebte, kennt sie! — So schieden wir. Die Nacht schlol's mir die Lippen. 4. Friedensschlufs. (An Giovanni Colonna.) ') Nun ist der Juli wieder da, nun soll Ein Briefchen wieder dich besuchen, dir Bericht erstatten von des Landmanns Sorgen! Den grol'sen Streit um meinen kleinen Garten, Und wie er ausging, was für Gründe mich ') Das Gedicht schliefst unmittelbar an Ep. III, 1 an. Hatte P. dort dem Kardinal Colonna triumphierend berichtet, dals er den Nymphen das für seinen Garten erforderliche Terrain abgerungen habe, so inuis er hier gestehen, dals er nach langem Kampfe einsieht, dafs er die Nymphen nicht bezwingen könne, sondern sich mit einer kleineu am Felsen klebenden Scholle begnügen werde. — 195 — Zum Kriege mit den Nymphen zwangen, das Vernahm genau ein jeder, wie mich dünkt, Zu dem der Ruf von meinen Liedern drang, Zu dem die Volksgunst meinen Namen trug. 10 Denn schon zehn volle Jahre kämpfen wir') Erbittert wilden Kampf. Nicht länger hielt Sich Troja gegen Hellas, Gallien Sich gegen Rom. Nichts liels ich unversucht. Allein, was mich der Sommer hoffen liel's, 15 Verdarb der nächste Winter; ständig wuchs Der Quelle Mächtigkeit, und ich erlag Der langen Arbeitslast. So stand ich ab; Aus eignem Triebe gab den Weg ich frei. Kein Felsenbollwerk, keine Mole mehr 20 Versperrt des ungeberd'gen Stromes Lauf. Nun bricht er tosend sich an alten Felsen. Die Woge trug des Dammes einen Teil, Den andren trug der Landmann mit sich fort. Was einst uns Mühe machte, ward vernichtet 25 Durch eine zweite Müh'. Allein ich halte An meinem Vorsatz fest und werd' ihm folgen! So wie des Schiffes Steuermann den Kiel In Sturmesnöten bald nach Osten wendet, Bald nach des Nordpols kalten Sternen dreht, 30 Des Ziels gedenkend, wie der Sturm auch rase! — So kann ich nie der Übermacht erliegen, Und nicht vergeblich wird mein Ringen sein. Der Kiel soll mir gehorsam steuern lernen Nach ganz verschiednen Ufern, immer sollen 35 Den Winden meine Segel offen stehen, Das Steuer will mit fester Hand ich zwingen In jeden Kurs, der mir beliebt! - Wenn einst Ein lieblich Spiel es war, die muntren Nymphen Aus eignem Haus und angeerbtem Reich 40 Mit vielem Lärm zu jagen, ist doch Krieg "*) Da P sich 1337 in Vauoluse ansiedelte, fällt das Gedicht ia 1347. 13* — 196 — Ohn' Ende drauf und viele Not gefolgt. Denn sie erfreuten sich des Winters Gunst, Mir stand der Sommer bei. — Allein der Kampf Ward stets mit Scherz und frohem Sinn geführt! 45 So kommt es, dai's trotz aller Sorg' und Not Er mich noch heute reizt und fesseln kann! War' mir gestattet, mit so kleinen Dingen Erhabnes, mit des engen Wildbachs Strudel Des Ozeans Gewoge und die Macht 50 Des Dichters zu vergleichen mit des Herrschers Gewalt'gem Heerbann, würd' ich also sprechen: So hat der stolze Xerxes seiner Perser') Streitbares Heer auf schwanker Schiffe Steg Hinüber durch den Hellespont geführt, 55 So wagte Cäsar manch Jahrhundert drauf Die Felsenspitzen von Brundisiuin Zu sperren mit der Eisenkette Zwang Und von der unterworfnen See gewaltsam Pompejus' Heldenscharen auszuschliefsen, 60 So hat vermessen Gaius in der Bucht Des schönen Bajä einen dritten Bau Als Beispiel seines GröJ'senwalins getürmt. In Trümmern liegt der Bau, es sieht der Schiffer Am Meeresgrund die Beste, kann sie zählen. 2 ) 65 liier ist für mich der Hellespont, hier Bajä, liier mein Brundisiuin, hier ist mein Athos, ;i ) Den ich durchstechen will! — Allein es zieht Ein neues Sorgen in mein Herz: ich sehe, 'S ist schwere Arbeit, die Natur zu zwingen! ') Der Brückenbau des Xerxes über den Hellespont, der Versuch Cäsars, den Hafen von Brundisiuin vom Lande aus zu sperren und Pompejus mitsamt seiner Flotte eiiizusehlieiseii, die Anlage einer Brücke von Puteoli nach Bajä durch Caligula, um auf derselben im Panzer Alexanders über die Parther zu triumphieren, werden als die verwegensten Unternehmungen gegen die Gewalt der See zusammengestellt. 2 ) Vgl. Itinerarium Syriacum. 8 ) Xerxes liefs den Athos durchstechen, um für seine Flotte bessere Fahrt zu haben. — 197 - 70 Drum mag das Wasser seine Eigenart, Der Fluls sein altes Bett getrost behalten! Doch jene Scholle, die am Felsen klebt, Von Anbeginn der Nymphen Tummelplatz, Sie bleibe mein und meiner Musen Sitz! 75 Denn sie genügt mir, Gäste hab' ich selten, Es legt ja niemand mehr auf Lieder Wert, Und vielen Narren gilt mein Leben hier Als Narrheit. — Diese Scholle wird umschanzt, So dals kein Sturzbach sie erschüttern kann, 80 Er mttfste sonst die schroffe Felsenwand Aus ihren Wurzeln reifsen. Läfst die Sorge Dir etwas gute Stimmung, läfst der Hofdienst Dir etwas Zeit, so komm heraus und sieh Verehrter Freund, dafs aller Dinge Zustand 85 Sich hier verändert hat, dafs ich den Nymphen Und jene mir den Platz geräumt; zu Ende Ist unser Dräun, der Krieg ist beigelegt. Als Waffen schwing' ich jetzt ein kunstreich Netz Und, — ein verschlungnes Irrsal für die Fische, - 90 Ein Binsenfleehtwerk, das dem Wasser wohl Gestattet durchzufliefsen, doch den Fischen Ist's ein Gefängnis, draus mit keiner List Sie je entrinnen! An des Schwertes Statt Sind krumme Haken, wohlgespickt mit Ködern, 95 Sind schwanke Buten und ein kleiner Dreizack Getreten; Fischer bin ich selbst geworden Vermag den schnellsten Fisch in voller Fahrt Im Bücken wohl zu treffen, und am Grund Ihn aufzuspießen. Sieh, die erste Beute 100 Der Wasserjagd, ich sende sie zu dir; Zugleich ein Lied, wie's hier im engen Haus Und im geschlossnen Tal entsteht, woselbst Manch netter Fisch für deine Tafelfreuden Und manches Liedchen für dein Ohr gedeiht. — 198 — 5. Des Dichters Hund. 1 ) (An Giovanni Colonna.) Jedwedes Ding erliegt der Zeit; nur das, Was du mir schenkst, gewinnt an Wert und Nutzen Im Zeitenlauf. — Ein Hund, an Königspracht Und Königsmahl gewöhnt, auf Purpurdecken 5 Nach Prinzenart gewöhnt zu ruhn, der kam Aus Spanien in dein Haus. Der Heimat Sitte Vergafs er schnell, und mehr als Spaniens Schlösser Behagt ihm bald das reiche Römerhaus Mit guter Kost und langem Schlaf; er fand 10 Im neuen Haushalt alles nach Begehr, Und froh genofs er deines Daches Frieden. Als scheidend ich den Abschiedsgrufs dir sprach, 2 ) Gabst du zum Trost mir diesen Weggenossen. Zwar spürt' er wohl, dafs von dem höchsten Platze 15 Er tief hinabstieg; aber willig bot, Wenn auch betrübt, er seinen Hals der Kette, Bescheiden folgend dem bescheidnen Herrn. Nun hat er längst die alte Pracht vergessen, Springt frühlich durch das Gras, durchschwimmt den Flufs, 20 Schnappt nach den Wellen, tummelt sich im Nassen Und teilt mein Mahl und meiner Mulse Freuden. Das hohe Schlols, die reichbesetzte Tafel Entbehrt er gern, denn mehr Genüsse schafft Ihm Brot und Wasser und mein kleines Haus. 25 Wie gut ihm das bekommt! Wie glänzt die Haut, Die reingewaschne! Seine Stirn ist frei, x ) Giovanni Colonna, »Sohn des „jungen" Stefano Colonna, des ältesten Solines des „alten" Stefano Colonna, war Kardinal am päpstlichen Hofe in Avignon und wichtigster Gönner P.s, der vor der Niederlassung m Vaueluse im Hause des Kardinals lebte. Eossetti hält diesen Brief fl» den ersten von allen an den Kardinal geschriebenen. P. bedankt sich für einen Hund, den ihm der Kardinal in die Einsamkeit nach Vaueluse mitgegeben; da er nach Vaueluse 1337 zog, kann das Gedieht schon in diesem Jahre entstanden sein. 8 ) Gemeint ist der Abschied vom Hause dos Kardinals bei P.S Übersiedelung nach Vaueluse. — 199 — Sein Blick ist klar, von Wohlbefinden leuchtend. Den Nacken trägt er höher jetzt als sonst, Und kräftig ragt der breitgebaute Rücken. 30 Er sieht mit Stolz das reicbgeschmUckte Halsband, Mit Hochgefühl den breiten, roten Gürtel, Aus dem die weifsen Säulen glänzend strahlen.') Daran erkennt er stolzbewulst, dafs einst Er dir gehörte! — Meine Wiese meidet 35 Des Nachbars frecher Hirt, und seine Herde Hält er respektvoll fern. Ein strenger Hüter Bewacht mein Tor; das lästig dreiste Volk Scheut meine Schwelle, die es sonst bestürmte. So leb' ich frei, mein eigner Herr. Zur Seite 40 Hab' ich beständig ihn, und wenn erschöpft In stiller Kammer ich die Glieder strecke Und Schlaf mir auf die müden Augen sinkt, So hält er draufsen Wache. Schlaf ich länger, Als sich's gebührt, so macht er Lärm, erinnert, 45 Laut scheltend, dals die Sonne schon erwacht, Und kratzt die Tür mit ungeduld'gem Fuls. Tret' ich heraus, ruft er mir freudig Beifall, Läuft mir voran den wohlbekannten Weg, Schaut oft zurück. Hab' ich an Baches Rand 50 Mich weich gebettet, Träumen nachzuhängen, Macht er die Runde, mustert jeden Zugang. Zur Erde streckt er dann die weilse Brust, Weist mir den Rücken, fremdem Volk die Zähne! Am klaren Quell weils ich ein stilles Platzchen, 55 Umringt von Fels und Flut, nur Vögel finden Den Zugang; oft mit bangem Herzen eilt ich Zum lieben Ort. Da macht er Halt, besetzt Den Weg und sperrt den Fels mit starkem Leibe. Dort meldet jedes Nah'n er leise an 60 Stürmt dann hervor, wenn ich's nicht hmdre, - - sorgsam Bewacht er so des Dichters stilles Sinnen. 4.„« f i!rh>l in den weilse Säulen i) Der Hund trug einen breiten, rjUm Gürtel **m (oder Streifen) eingestickt waren, das Wapptn der uo auf rotem Felde (Colonna = Säule). — 200 — Je nach Geheifs zeigt er sich wild und zahm, Bös gegen Fremde, artig gegen Freunde, Die schmeichelnd er mit frohem Wedeln grtilst, 65 Die Ohren senkend. Doch wer ihn erhlickt, Wie er den Weg, quer hingestreckt, versperrt, Der macht sich zitternd fort. Der arme Landmann, Der um verschlungnen Rechtsfall, um der Wirtschaft Verlegenheit, auch um der Töchter Mitgift 70 Mich zu befragen liebte, — schien ich doch Ein zweiter Appius und Acilius 1 ) ihm — Er stört nicht mehr des Dicbtersitzes Frieden, Sorgt selbst für seine Sache. Meinen Wunsch, Der mir des Lebens höchstes Glück erscheint, 75 Mit mir allein zu sein, seh' ich erfüllt, Und tausend Freuden dank' ich deiner Gabe! — Er tanzt im Tal, am Bachesrand sich müde, Den hellen Sang der Kinder äfft er nach, Treibt unaufhörlich Possen. Doch die Gänse, 80 Die durch die Pfütze watscheln, nimmt voll Grimm Er stets aufs Korn. Er jagt sie längs dem Ufer Auf hohe Klippen; flieht ins tiefe Wasser Ein arg verfolgter Vogel, stürmt er nach, Schleppt aus des Baches Mitte ihn ans Land, 85 Zum fetten Mahl für seinen Herrn, bedacht Durch seine Beute meine Kost zu bessern. Doch spafst er nur, weil ihn die Wasserjagd Ergötzt, — und zürnt er auch ein wenig, ist's, Weil ihm das Schnattern auf die Nerven fällt! 90 Er ist ja wie ein Lamm; kein junges Tier, Kein Schäfchen, kein verirrtes Zicklein wird Er jemals necken; ja, ich sah ihn stutzen, Als jäh ein Hase seinen Weg gekreuzt. Doch kot'ge Säue, krafterfüllte Rinder 95 Packt mutig er mit scharfem Zahn ans Ohr. — l ) Der Dichter scheint ein paar recht strenge Vertreter der Gesetze vereinigen zu wollen; es dürfte daher der Dezemvir Appins Claudius g e ' meint sein und Acilius (nicht Aquilius, wie andere lesen), von dem sehr strenge Gesetzesbestimmungen über das Schuldreeht herrühren sollen. — 201 — So war der Hund geartet, den aus Indien Einst Alexander als Geschenk erhielt.') Das war ein Königshund und darum stolz. Er schnappte nicht nach so gemeinem Wild, 100 Wie Hirsche, Bären, Eher sind; er sparte Nur für die höchste Jagdlust seine Kraft. Drum ward er arg verkannt von seinem Herrn, Der hitzig, wie er war, das edle Tier, Das bessres Los verdiente, töten liefs. 105 Man schickt ein andres Tier. Das war geübt, Die grimmen Löwen, ries'ge Elefanten Zu werfen, dafs vom Fall die Erde dröhnte. Das wirkte. Jetzt ersah der junge König, Wie's um die Hunde stand; es tat ihm leid, 110 Dafs er geirrt und übereilt den Kämpfer Erschlagen, weil ein würd'ger Gegner fehlte. — Des meinen edle Art kenn' ich genau: Ein säugend Lämmchen reizt ihn ohne Schaden; Jedoch die Löwin, ja die Tigerin, 115 Der man ihr Junges nahm, erschreckt ihn nicht. Mich deucht, du warst dabei, wie im Palast ) Des höchsten Kirchenherrn er sich betrug. Er tobte plötzlich, lärmte, bellte wütend "*) Die Geschichte wird in mehrfachen Variationen entfbltbei Curtius, 9, 6; Aelian, d. nat. an. 8,1. P. aber folgt dem Plinlus, ^^^Z »Der König'von Albanien hatte dem Alexander etaenHund von ungeheure Grofse geschenkt. ^™^£^JS^<^ ™ Über, Antilopen in Freiheit setzen. Der Uiinu vci. und rührte sich nicht. Erzürnt über die *ffl*^g?%X ™ *" liefs der heifsblütige Herrscher to Hund öt n De * ^ ^ banien schickte einen zweiten und lieft sagen, er sü nid|t und sah oder Elefanten die Probe machen '^, % % e Schilderung des sofort einen Löwen zerschmettert.' -• EetoJ J» ^ dßr ße . Kampfes dieses Hundes mit einem Elefanten, sie merkung, dafs infolge des Falles des Elefan en d Erde b ^ . ») über die Sitte der Fürsten des ««JJ^j}^ wi lde Tiere « ihren Schlössern zum Zeitvertreib und als Sehens^ g «u halten, vgl. Jak.Bnrckhardt, Kultur der Ren"* „ A ; Auch sei an Schillers „Handschuh" erinnert, sowie an die Bern und Bernburg u. a. — 202 — Und stürmte grimmig vor, das Haar gesträubt, 120 Zum Angriff auf den Löwen, den im Käfig Man dort ihm zeigte. Ja, es fiel mir schwer Ihn wegzubringen; wie betrübt er war, Zeigt' er durch tiefes, langes Heulen an. Doch nun genug! Zum Schlufs noch meld' ich eins: 125 Wenn er von deinen Leuten wen erblickt, Aus Zufall oder wenn sie Botschaft bringen, — Denn ob auch fern, bleibst du den Deinen nah — Dann fafst ihn Sehnsucht nach des Schlosses Hallen, Dann sind das Tal, die Fluren ihm verbalst, 130 Dann sehnt er sich das alte Glück herbei, Und liefs' ihm freie Wahl das Schicksal, ja! Er eilte freudig auf Colonnas Burg! —') 6. Die jungen Bäume. 2 ) (An Luchino Visconti.) So blühet, stolze Stämme, manch Jahrhundert Und traget redlich Frucht dem edeln Herrn! Steigt froh empor, ihr schlanken Bäume, strecket Zum Himmel auf die obstbeschwerten Zweige, Beschützt mit dichtem Dach des Rasens Grün Und haltet fern der Sonne Feuerpfeile, Wenn einst des Sommers Dürre wiederkehrt! — ') Die letzten Verse beweisen, dafs zwischen dem Dichter in Vaucluse und dem Kardinal in Avignon ein freundschaftlicher Verkehr fortgesetzt wurde. Boten übermittelten Briefe und Geschenke, (vgl. Körting p. SS mit Anm. (i) und man blieb sich nah auch in der Trennung. Seine eigenen Empfindungen überträgt der Dichter auf seinen vierfüfsigen Begleiter. 2 ) Wie P. mit Ep. II, 12 „Die Birne" an Luchino Visconti eine Sendung Obst aus dem eigenen Garten abgehen liil'st, so sendet er hier demselben Herrn eine Anzahl junge Bäume zur Anpflanzung und begleitet dieses Geschenk mit Versen voll Anmut, die eine Huldigung für den Empfänger ausdrücken. Luchino liebte die Wissenschafton und war selbst Dichter. Das Gedieht dürfte in Parma zu derselben Zeit und unter denselben Umständen entstanden sein, wie Ep. II, 12. _ 203 — Schon schmolz der Schnee, der Zephyr weht, der Winter Ist abgezogen; sieh! im Blütenkranze 10 Erscheint der Lenz, des Frostes Reich ist aus. Bei Frtihlingsnah'n sollt das Gewand ihr wechseln, In Grün euch kleiden und der Zeit gemäls Ein fröhlich Antlitz zeigen; also will's Der hohe Herr, der seinen Teil von euch 15 Schon heute gnädig fordert, der vielleicht Die reifen Früchte mit erhabner Hand Zu pflücken sich herabläfst, wenn ihr wachst. Er ist's, zu dem Italiens Volk emporschaut. Ihm dienen sturmumsauste Alpenhäupter, 20 Ihm dient der Apennin, des Landes Vater, Durch seine reichen Fluren wälzt der Po Mit Königsstolz die schaumbedeckten Wellen Und sieht mit Staunen auf der Türme Zinnen Gekrönte Schlangenhäupter furchtbar dräunJ) 25 Sieht rechts und links, auf beiden Uferstrichen Denselben Herrn verehren, dem die Flut An Pisas und Anconas Strand gehorcht. Ihm huldigt nördlich von der Alpen Kette Manch Königreich und wünscht ihn sich zum Herrn.*) 30 Er schlägt den Frevelmut in harte Fesseln Und legt ihm Zügel an; er lenkt das Volk Mit rechtem Mals; als dritter seines Namens *) Bringt er Hesperiens tieferschöpftem Lande ») Das Wappen der Visconti ist eine aufgerichtete, kronetragende Schlange. Odho Visconti soll 1099 bei der Belagerung von Jerusalem einen vornehmen Sarazenen überwunden haben, dessen Helm eine Schlange als Ziorat trug. Diesen Helm nahm ihm Odho ab. ») v. 28 und 29 sind eine dichterische Ausmalung des politischen Einflusses der Visconti. , , ■) Matte«, Visconti begründete die Herrschaft der Visconti to_MaUand; der älteste seiner Söhne, Giangaleazzo, war der erste w,rkhoho Her eher bis 13 28; ihm folgte sein Sohn *^%^SÄ*Ä und als dieser 1839 ohne Erben gestorben war, toigie '"' Visconti der weite Sohn Matteos, der Oheim Azzos, nämlich Luchino Visconti, bekannt als kräftiger Herrscher; er erwarb u. a. auch rarma. — 204 — Die goldne Zeit und ihren Glanz zurück, Und Mailands Volk lehrt er den Römergrundsatz: Besiegte schonen, Stolze niederwerfen! 1 ) 7. An Pietro, Dantes Sohn. 2 ) Wenn Wahrheit aus des Sängers Ahnung spricht, Darf ich getrost auf schöne Zukunft hoffen. Mein langes Leid erblickt vom Himmelsthrone Wohl voll Erbarmen meines Gottes Güte 5 Und meinen Tränen ist das Ende nah. 0 Tag der Euhe, mir so lieb, o komm, So spät es sei! — Dafs du das Nah'n des Heils Vor mir erlebtest, war Verdienst der Liebe Zum Vaterlande! Denn je heller einst 10 Der Stern des Glücks auf unsre Wiege blickte, Mit um so wärmerm Herzen lieben wir Die teure Mutter. Rege Sorge treibt Nun deinen allzeit wachen Geist; es schwand, Was dich verdrofs, und nur die Liebe lebt. 15 Doch mir verzeih den kurzen Brief, es lähmt Ein Schmerz die Hand. Wenn sie die Feder führt, Meint einen dicken Balken sie zu schwingen, So matt ist sie! — Du weist genau warum. *) Nach einem bekannten Verse Vcrgils, der dies als Leitsatz römischer Politik bezeichnet. a ) Pietro, Sohn des Dichters Dante, war nach Florenz heimgekehrt, nachdem er lange das Wanderleben seines verbannten Vaters geteilt und nach dessen Tode in Verona als Anwalt gelobt hatte. Wie es scheint, hat er in einem Gedichte P. eingeladen, ebenfalls nach Floren/, heimzukehren. P. glaubt jedoch nicht an baldige Befriedigung der Sehnsucht seines Herzens. — Vieles ist in dem Briefe dunkel. In v. 1—7 scheint P. Dank auszusprechen, dafs Dantes Gedicht ihm Hoffnung auf Heimkehr macht; inwiefern aber Dantes Sohn wegen des Glückssterns, unter dem er geboren sei, das Vaterland mehr als andere liebe (v. 9—12), ist unverständlich- Auch warum P. zu schreiben schwer fällt, ist unaufgeklärt, noch dunkler ist, wie Dante dazu kommen soll, diesen Grund zu wissen. — 205 — 8. Gemeinsames Streben. (An Zanobi da Strada) 1 ) 0 sei gepriesen, dafs die Vaterstadt, Wenn auch verödet, glückte dir zu sehaun, Und dafs auf Phöbus' Felsen dir gelang Der Schwestern Reigen selig zu erblicken! 5 Dein Auge sab, was nie die schnöde Welt, Nie rohes Volk, nie blinde Nachwelt schaut! Erhabnes Schauspiel, nur geweihten Geistern Von Gott gestattet! So viel tausend Bilder, Der Menschheit Wesen, Streben, Hingen, Kämpfen, — 10 Von hoher Warte durftesj du's gelassen Zu deinen Ftifsen sehn! — Du sahst auch mich, Wie ich auf weitem Umweg mühsam tastend Im Dunkel irrte. — Ja, dich rifs dahin Des heifsgeliebten Lorbeers hohe Sehnsucht! 15 Drum bist du mir gefolgt, den du getrost Verleugnen durftest, da ich allzu kühn Des Lorbeers gottgeweihte Zweige brach. So richtet auf den Bannerträger sich, Der zagend steht, des tapfern Streiters Blick, — 20 So prüft des sturmbewährten Seemanns Auge Den unerfahrnen, fremden Steuermann. Wer so nach Hohem strebt, sich selbst dabei Florenz geboren, war in Strada von 1332—186; M * mm ,*,,.. qn , ' wurde dann auf Verwendung hochstehender Freunde ***?}£ "Z Hof von Neapel berufen, und 1855 von Kai f' K f ^ *™ J e £ acuter gekrönt. Er war mit P. befreundet und stand mit m in bnc Hohem Verkehr. Ep.HI,9. Naeh Rossettis Annahme hatZ_.sem D ebto Tönung P. angezeigt und ihm angedeutet, dafs er dato ihm, setaem Vorbilde, Dank schulde. P. antwortet im vorliegenden Brief ind m er J glücklieh preist, dafs er in der Heimat eben ar und .emg ens nahe derselben die Dichterweibe erlangen konnte, v. 1 6. Mm s jelle den Dichter hoch über alles Irdis-J^J"^ "^fuTin d er1 keinen Dank schuldig, da P. trotz semer Krönung im .um* Einsamkeit wandele (v. 11-16) und ungeeigne geworden seZ.s *u sein (v. 17-21). Doch versichert er ihn seiner innigen Liebe. — 206 — So schön bescheidet, mich so innig liebt, — Kurz, wer so ist wie du, — den schlief« ich froh 25 Im Geist mit beiden Armen an die Brustl — 9. Absage an Florenz. 1 ) (An Zanobi da Stada.) Den Weg zur Heimat geht man leicht, den Weg Zur Fremde schwerlich leichter. Deine; Freundschaft-) Zieht mich nach Haus; mich zieht zurück der Abscheu Vor dieser wohlbekannten Menge. Kann 5 Dem Herzen ich gebieten? Es umschliefst Mein Heimatsort viel Übles und viel Gutes, In ihm vereint sich Bitterkeit und Lust. Zugleich sie zu ertragen, sie zugleich Zu fliehn, ist meine Pflicht, und unzulässig 10 Ist jede Auswahl zwischen Gut und Schlimm. ') In dem vorliegenden merkwürdigen Briefe erklärt P. seinem Freunde Zanobi auf dessen Einladung, wieder nach Florenz zu kommen, dafs er dies entschieden ablehnen müsse, uud macht seiner Vaterstadt, wenn er auch einiges Gute an ihr anerkennt, die bittersten Vorwürfe. P. war ja in der Tat, da sein Vater aus Florenz verbannt gewesen war, selbst im Banne von Florenz, uud bis dahin hatte Florenz noch keinen Versuch gemacht, seinen berühmten Sohn zurückzurufen, oder gar ihm sein väterliches Vermögen (v. 20) zurückzugeben. Dem Unwillen darüber gibt P. hier bittern Ausdruck. Allein die Stadt Florenz, in der er an Boccaccio, Zanobi u. a. einfliifsreiche Freunde hatte, war nicht im geringsten feindlich gegen ihn gesinnt. Dies zeigte sich, als P. 1350 nach Florenz kam. Er wurde mit Jubel aufgenommen uud sogar 1351 feierlichst als Dozent nach Florenz berufen, unter Wiedererstattung seines Erbgutes. Wer sollte nun nach Kenntnis unseres Briefes nicht annehmen, dafs P. befriedigt in Florenz eingezogen sei? Dennoch tat er es nicht, trotz Boccaccios eifriger Bemühungen setzt er sein Wanderleben fort. Vorliegender Brief ist demnach vor 1351 entstanden. Der Brief gibt ein frappantes Beispiel der aufgeregten und inkonsequenten Natur des Dichters, der zuerst über eine nicht erlangte Anerkennung aufscr sich gerät, und dann, nachdem er sie erlangt hat, sie gar nicht mehr haben will. 8 ) Die Interpunktion bei Rossetti ist nicht haltbar. Es unifs heifsen: Dulce iter in patriain, dulcis fuga rarior! Ferner: quid facias animae? v. 3. — 207 — Florenz bestimmt Verbannung, öffnet nicht Die Tlir auf meine Bitte!<) Ins Exil Trieb mich der Bürger Hochmut. Der fürwahr Verschliefst die Stadt, der gleiches Recht vernichtet. 15 Man kann verbannt sein ohne Volksbeschlufs, Verwundet ohne Schwertstreich. — Ist's ein Wunder? Wer kennte nicht den Frevelmut der Klique, Die durch des Volks gedankenlose Nachsicht Verwöhnt ist, die gewaltsam Häuser raubt, 20 Der Ahnen Erbgut uns gewaltsam nimmt, Bei der die Klagen ungehört verhallen Und Bitten fruchtlos sind? - - Was soll ich's leugnen? Ich bin ergrimmt! — Verzeih' ein offnes Wort, Obgleich es prahlend klingt. Das stolze Korn 25 Nahm mich in seinen Schofs als Bürger auf, Neapel, Lieblingsort des grofsen Maro, Empfing mich gern, und König Robert hat Den Freundesbund gesegnet. Ja, noch mehr! Bologna, kundig der Gesetze, Pisa, 30 Die edle Perle am Tyrrkenerstrand, Venedig, das der Adria gebietet, Das eine Welt für sich ist, Padua, 2 ) Der Chronikschreiber Heimat, Mantua, 3 ) Das Smyrua Latiums, des Heldenliedes 35 Uralte Mutter, und das feste Parma*) Des Reiches Schild, wie uns die Lieder melden, Als schweres Unglück Romas Pforten drohte. - Wozu Hesperiens stolze Städte nennen, Die meinen Namen gern ins goldne Buch 40 Mit höchsten Ehren schrieben, den allein Florenz aus seinen Bürgerlisten streicht! _ Noch mehr! - Der heifse Zorn führt meine Feder! - "~~"Wp. jemals einen wirklichen Antrag auf &**£*»> ^ habe und dieser abgelehnt worden sei, ist sonst nicht bekannt. B ) Padua = Heimat des Livius. 3 ) Mantua = Heimat Virgils. bedeutende Kolle im ') Parma spielte als römische Kolonie eine Deaeu Kampfe gegen die Gallier. — 208 — Nacli Frankreich rief mich Philipps edler Sohn, 1 ) Als Eigentum begehrten mich die Briten, 2 ) 45 Die weltentlegnen. — Hatt' ich's nicht verdient, So dank' ich's güt'ger Sterne Gunst, die freundlich Besänftigt meines Unsterns bösen Willen. Mich reifst der Ärger fort. Verzeih das Schelten Des Tief gekränkten! — Nimmermehr bin ich's, 50 Der aus der Heimat flieht, sie flieht vor mir! So ist's der Brauch, manch grofses Beispiel zeigt's! Sieh da, sieh dort die Gräber wackrer Männer, Die in der Heimat Scliofs nicht durften rub.nl Wen deckt ein Leichenstein in fremdem Staube? 55 Was sind's für Bürger? Wessen Asche ist's? 3 ) Mich trösten ihre Namen und ermahnen Mit Gleichmut mich Geringes zu ertragen! J ) Gemeint Ist König Johann von Frankreich, der 1350 auf den Thron kam; dieses Jahr dürfte demnach auch Abfassungsjahr des Briefes sein. a ) Von Beziehungen P.s zu England ist sonst nichts bekannt. 3 ) Wenn die Zahl der in der Verbannung gestorbenen Florentiner auch nicht gering sein mochte und P.s eigner Vater auch zu ihnen gehörte, so hat es doch etwas Verlockendes sich vorzustellen, dafs P. an Dichter hierbei dachte (deren Namen ihn trösten!) vielleicht an Dante! Ist diese Annahme zulässig, so gewinnen wir ein neues Moment für die Beurteilung Dantes durch Petrarca. — 209 — 10. Wer mag jetzt dichten? (An Francesco Bruni.) 1 ) Wie ich die Musen, Phöbus' Lautenklang Und jenen Lorbeer liebe, den zuvor Im fernen Land ein Gott geliebt und der Von alters her die Dichtung suis belohnt, — 5 Das weilst du wohl. Doch statt der Musen wohnen Im Herzen mir die Sorgen, grausig spielt Das Unglück auf zum Tanz, und ihr Gebieter, Der grimme Tod, beginnt den Unheilsreih'n. Kein toller Wolf verfolgt die Lämmer so 10 Mit Zähnefletschen, keine Tigerin, Die eben Junge warf, die zarten Kälber; Kein Adler packt so wild mit scharfen Fängen Die fromme Taube, wie mich und die Meinen Der grause Tod verfolgt! Mich lälst er übrig, 15 Doch jene rafft er hin. Von Schmerz gebeugt Verliels die Muse ihr begonnen Werk, Elegisch stimmt sie an ein Trauerlied. Ermattet sank die Feder; es verschmachten Die dürren Schollen meiner Africa, 20 Von der der Pfluger längst erschöpft gewichen. Ihm rauscht nicht mehr der Quell Kastalias, Er spürt den Duft nicht aus dem Lorbeerhain, Nein, düstre Trauerweiden und Cypressen Und Scheiterhaufen muls er weinend netzen 25 Mit einem Strome, dem der Seele Stürme Und finstre Wolken ewig Nahrung geben. Zum Heldenliede mahnst du mich; es hindert Den stolzen Plan ein unheilvoller Stern Und warf des Dichtergeistes leicht Gefährt 30 Auf andre Bahn. Zu Kranken führt man mich, T^Francesco Bruni, Lehrer der Ehetorik in »^^S U ^»s V., hatte P. gebeten, sein Epos AM» zu voüendsa. R-J» »fgea seines betrübten Gemütszustandes s.ch dazu ^^^J^haJ. Als Entstehungszeit ist wohl 1848, das Jahr der großen Pest, anzuneü ™. I'riodersdorff, Potraroas pootlsolie Briefe. - 210 — Der seiher krankt; die Träne soll ich trocknen, Und ach! ich weine selbst! 0 feindlich Schicksal! Wie bist du hart! Ach, in so kurzer Frist Fünf Männer uns zu rauben! Hätte solche 35 Die Vorzeit uns geschenkt, — in Mantua, 1 ) Dem schon den Kranz Italiens Muse reichte, War jenes Lied zur Meisterschaft gediehn, Dem einst Homer in Smyrna Nächte weihte. So sind sie fort, die Göttlichen? Doch nein! 40 Bei dir ist alles. Führe du zurück Apoll, die Musen, samt dem Helikon! 2 ) Mein Lied kann nur noch klagen und vermag Nur andern noch zu sagen: Klaget nicht! — ') Hütten jene fünf kürzlich verstorbenen Männer zur Zeit der geistigen Blüte Italiens gelebt, so hätte Mantua, (wo Virgil geboren ward), das Epos wirklich zur Vollendung kommen sehen; doch scheint die Stelle verderbt und der Sinn nicht mit völliger Sicherheit herzustellen. 2 ) P. erklärt seinen Freund für hinreichend dichterisch begabt, um die Poesie selbständig fördern zu können. — 211 i 1 ) 11. Todesahnung. (An Guglielmo da Pastrengo.) Dos Todes Nahen spür' ich an heiJ'sen Fiebers Brand, Dazwischen tönt vom Turme des Wächters Ruf durchs Land. Mit rauhem Ton durchdringt er die stille Mitternacht Laut schmettern Hornsignale, rings dräut des Feindes Macht. 5 Verödet stehn die Fluren durch wilder Räuber Tat Das Blut der Hingewürgten durchströmt die grüne Saat Auf ihres Hüttchens Schwelle die Männer schweigend stehn, Durch finstre Gassen hallet der Weiber jammernd Flehn. Zu viel des Leids! Ich flüchte zu dir, mein Fels und Hort, 10 Erhabner Geist, und sehne mich von der Erde fort! Doch wenn von Schmerz bezwungen verstummt des Kranken Tut Fama meinen Namen durch alle Welten kund. [Mund, 12. Genesung. 2 ) (An denselben.) Der Kampf war aus, mich packte mit Siegerfaust der Tod, Da war's ein bittres Tränkchen, das seinem Grimm gebot. Die Hand des kund'gen Arztes rifs mich von Grabes Rand. Zum Sternenhimmel wieder ist nun mein Blick gewandt. 5 Noch schwankt der Tritt, noch kündet der Stimme [schwacher lon, Der Wangen Blafs, dafs mühsam ich Todesnot entilohn Doch spür' ich Lebenshoffnung. Auch dir, der «^J^ Sei frohes langes Leben, wie du es wünschst, geschenkt. t- ttt -i A um 1 Über Zeit und 1 ) Über Guglielmo da Pastrengo Ep.Ul.d. anm. 0^ des Gedichtes" kann man nur «^^f^ÄS man *afc P. sich krank, in einer belagerten Stadt bei"* a > ' „ 4B KU »**t dazu, an den Aufenthalt des Dichters in Parma, vielleicht , denken; vgl. Körting p. 213 ff. 2 ) Scheint Fortsetzung von Nr. 11 Z« sein. 14* — 212 — 13. Schwere Aufgabe. (An Giovanni Barrili.) 1 ) In Sturmesnot erlesen, um das Schiff Des Staats mit sichrer Hand zu lenken, fühlst Du hoher Ehre schwere Last gesellt. Der dir so hohen Auftrag gab, mich dünkt, 5 War deines liuhmes Freund, doch deiner Kuh' Und deines Friedens Feind. — Das Steuer fordert Erprobten Meisters Hand, so oft der Ost Sieh auf die Wogen stürzt, mit dumpfem Krach Des Schiffes Rumpf verborgne Klippen streift, 10 Und salz'ge Fluten dringen durch das Leck. — Doch schläft die See bei heitrer Himmelsbläue Und fächelt Zephyr abendliche Kühle, Ist's eine Lust zu steuern; es bedarf Dazu nicht Kunst, nicht Kraft; du kannst das Steuer 15 Jedweden zarten Händen anvertraun. Du aber, Teurer, steuerst durch die Syrien, Wo voll Gefahren sich die Brandung bricht, Zur Küste, wo der Skylla Hunde heulen, Wo die Charybdis auf und nieder wallt, 20 Zum schwarzen Meer, zur wilden Donaumündung. Doch Mannesmut siegt überall; sei auch Die Tiefe voll Gefahr: du steuerst sicher Mit hohem Geist dein Fahrzeug hin zum Port. Und so bin ich voll Hoffnung, so voll Liebe, 25 So quält mich Sehnsucht und Besorgnis, dal's — Ob's dich auch wundert — ich nach Wegen suche, Die mich von sichrer Küste hin zu dir *) Giovanni Barrili (vgl. Ep. II, 1, Anm. 2) hatte offenbar von König Eobort einen schweren Auftrag erhalten und P. davon Mitteilung gemacht. P. antwortet mit dem Ausdruck des Glückwunsches und dor Teilnahme; er wünscht, die Gefahren an der Seite seines Freundes mitzumachen. Offenbar handelt es sich um einen politischen Auftrag; Kossetti vermutet, es sei die Verwaltung von Arles und Avignon gewesen; ein solcher Auftrag würde es erklärlich machen, dafs B. infolge desselben gerade au P- schreibt, der ja Avignon genau kannte. — 213 — Und auf dein Fahrzeug führen. Dir vereint Trotz' ich der See und ihren Ungeheuern 30 Und lande mit dir in der sichern Bucht! — 14. Dem Staatsmann Heil! (An Nicola Acciajoli.) 1 ) Wohl freut den Landmann der bestellten Flur Prachtvoller Anblick, wenn er seinen Schatz An goldnen Ähren überschaut; und doch Erscheint ihm holder auf dem Rasenbuhl 5 Die hohe Eiche und der Buche Grün Und seiner weinumrankten Ulme Stamm. Wohl hört der Hirt mit Stolz der Herde Lob, Doch wählt er sich den mächt'gen jungen Stier Mit höh'rer Freude aus und läfst ihn fern 10 Von andrem Vieh sich fetter Weide freun. Er streichelt ihn, vor andren pflegt er ihn, Ihn zeichnet er durch Schmeichelnamen aus, Umwindet sein Gehörn mit duft'gem Kranz. So blicken wir auf deine Taten hin. 2 ) 0 Johanna, Königin von Neapel, vermählt mit Andreas von Ungarn, bestieg 1343 den Thron nach dem Tode König Roberts, ihres Vaters. Ihr Gemahl Andreas wurde 1845, nicht ohne ihr Wissen ermordet, da er selbst zu regieren bemüht war. Sein Bruder, König Ludwig von Ungarn, fiel infolgedessen 1347 in Neapel ein, eroberte das ganze Reich und tötete die Mörder. Johanna hatte sich inzwischen mit Ludwig von Taront vermählt und war 1348 nach der Provence geflohen. Da aber die Pest 1348 den König Ludwig zum Verlassen Neapels nötigte, kehrte Johanna zurück, nachdem sie Avignon an den Papst verkauft und mit dem Erlöse ein Heer gerüstet hatte (1348). In dieser schwierigen Lage setzte sie Nicola A., der schon unter König Robert ein verdienter Heerführer gewesen war, zum Verwalter des Königreichs Neapel ein. P. wünscht dem vornehmen Freunde Glück zu dieser hohen, wenn auch schwierigen Stellung und empfiehlt sich ihm. a ) Die Stelle scheint arg verdorben zu sein; um einen erträglichen Sinn zu gewinnen, bin ich der Übersetzung bei Rossetti gefolgt. — 214 — 15 Denn wie viel Ruhm und Segen strömt von dir Auf unsre Heimat, unser Vaterland Und auch auf mich! Es pocht der Freunde Herz, Da wir die schwersten Mühen mit Geduld Dich überwinden und mit feiner List 20 Den ärgsten Schlingen dich entschlüpfen sehn, Der Feinde Schrecken, deiner Freunde Trost, Vom rechten Wege nicht durch Unheils Drohn, Nicht durch des Glückes Gaukelspiel verlockt! Der du als Held in Not und Glück erprobt, 25 Dir hat das kampferschöpfte Vaterland Des Schiffes Mast und Steuer anvertraut. So wird in Sturmesnot ein Steuermann, Ein Kämpfer so im Schlachtgewühl gekiest. Zu edlem Streit, zu unbekanntem Ziel 30 Führt dich dein Los. Fahr wohl! Gedenke mein Und sei dir selber treu! — Im Herzen glüht Bei allen Wackern, allen, die dich lieben, Der eine Wunsch, der allgemeine: dir, Des Landes Hoffnung, seiner Edlen Stolz, 35 Zu Dank zu leben! Gütig rechne du Der treuen Schar mich, deinen Sänger, zu! — 215 — 15. Mifsachtete Tonkunst. (An Floriano da Rimini.) 1 ) Einst pflegte Orpheus durch der Töne Zauber Des Meeres Wut, der Tiere Grimm zu zähmen; Die Bäume folgten lauschend seinem Lied, Und hoch erhob die sangesfrohe Zeit 5 Bis zu der Götter Schar den edeln Sprofs 2 ) Erlauchter Ahnen. Unsrer Zeit erstand Ein zweiter Orpheus, glaubt mir, der dem alten In keinem Stücke weicht. Nur freilich heut Ist taub für Töne, was auf Erden lebt, 10 Und voller Stumpfsinn! — Kehrte heut zurück Der alte Sänger, er vermöchte nicht Die Leidenschaft zu zügeln und die Prunksucht, Und vor der Gier, die stets nach Golde lechzt, Ergriff' er scheu die Flucht. So überreich 15 An Schuld ist diese späte Zeit, so glänzend Errang den Preis sie auf des Lasters Bahn! — Vermöchten jene Alten, deren Glieder Verwesung längst in Grabesnacht verzehrt, Mit Jugendfrische aus dem Tal des Styx 20 Zu neuem Leben wieder aufzustehn, — Sie kehrten grausend sich von Tafeln ab, Daran Gefahren dröhn, und von der Wirte Mit Blut befleckten Händen, — wären nimmer Mit ihnen unterm gleichen Dach zu hausen, 25 Dem gleichen Schiff sich zu vertraun bereit. 3 ) ') Hatte P. schon in Ep. 111, 2 seine grofse Liebe für Musik und Verehrung der Künstler gezeigt, so iiufscrt er sich hier noch nachdrücklicher in demselben Sinne. Wir wissen nichts über Floriano, den er hier dem Orpheus vergleicht; doch scheint es, dafs er in Avignon nicht den erwarteten und von P. gehofften Beifall fand. P. schuldigt deswegen das eigene Zeitalter und die Gesellschaft von Avignon in harten Worten der schwersten Verfehlungen an. 2 ) Orpheus galt als Sohn Apollos und der Muse Kalliope. 8 ) Nach Horaz, Carm. III, 2, 28. Nach P.s Worten müfsto man annehmen, dafs in Avignon der Giftmord an gastlicher Tafel häufig gewesen sei. — 216 — Ja, dieser Ort, wo aus dem Weltkreis sich Der lastervollen Menschheit Hefe sammelt, Er treiht und spornt der Zeiten schlimmen Geist. Vergebens kämpft ungleichen Kampf allein 30 Die Tonkunst mit den beiden Unheilsmächten. Mich deucht, die Hügel sind hier schroffer noch Als Rhodope, 1 ) der Rhonestrom erbraust Weit wilder als der Hebrus, und die Herzen Sind hier von festem Stahl und hartem Kiesel, 35 Und wildes Feuer lodert in den Adern! Hier meinst du Rinder auf der Flur zu sehn, — Doch halbe Männer sind's! Du meinst, im Schlofs Lustwandeln Männer — halbe Rinder sind's! — Hier lauert in des Irrgangs Finsternis 40 Gar mancher Minotaur; 2 ) an mancher Spur Verrät sich lichtesscheue, blinde Lust Beim eklen Nachwuchs voll Verworfenheit! Die Söhne treibt die gleiche wüste Gier, Und unersättlich wie die Väter füllen 0 Rhodope, ein Gebirge in Thrakien, und der Hebrus, ein Flüfs daselbst, werden hier erwähnt erstens, weil die Bewohner Thrakiens im Altertum als rohe, gefühllose Barbaren galten und zweitens, weil nach der Sage Orpheus in Thrakien von schwärmenden Bacchantinnen getötet worden sein soll. 2 ) Minotaur = ein sagenhaftes Ungeheuer, halb Mensch, halb Stier, in dem Labyrinth auf Kreta, genährt durch Menschenopfer, v. 4li spielt darauf an, dafs Athen verpflichtet war, jährlich sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen nach Kreta als Opfer zu liefern, von welchem gräfslichen Tribute Theseus seine Vaterstadt befreite, indem er den Minotaur tötete. — P- vergleicht hier von v. 36 ab Avignon mit dem Labyrinth, seine Bewohner, hoho Geistliche, mit Minotauren. Dasselbe Gleichnis findet sich bei ihm mehrfach. Gewifs ist, dafs in Avignon, namentlich unter Clemens VI., ein lippiges, sittenloses Leben sich entwickelte. Wieweit die Vorwürfe P.s im einzelnen berechtigt sind und worauf sie sich speziell beziehen, kann hier nicht festgestellt werden. Doeli ist nicht unwahrscheinlich, dafs er seiner Gewohnheit gemäfs verlmfste Personen in den grellsten Farben gemalt hat. Ihm die Berechtigung zu seinen Vorwürfen deswegen abzusprechen, weil er selbst nicht frei von Fehlem gewesen sei, (wie Pastor, Geschichte der Päpste I 3 , 75, 77) ist nicht zulässig; mindestens kann mau zu seiner Entschuldigung dasselbe sagen, was Pastor für die Geistlichen in Anspruch nimmt, dafs sie echte Kinder ihrer Zeit waren. 1 3 , 90 ff. — 217 — 45 Mit Strömen Blutes sie den Riesenschlund. Nicht sieben nur, nein, tausend junge Leiber Von zarter Unschuld finden jährlich hier Ein grauses Ende, — nicht Athen allein Wird hier geplagt, — das ganze Weltall ist 50 Willkommne Beute ihrer Mordbegier! Geh fort! ich mahne dich! beweise lieber Dem Volk Italias, was du vermagst! Dann wirst du sehn, wie Fels und Eiche lauschen, Ja, selbst der Bär der Töne Wohllaut folgt. 16. Die Allmacht der Liebe. 1 ) (An denselben.) Der Sänger Orpheus — unser Orpheus hier, Nicht in der Kunst, nur in der Zeit der zweite, — Er fUgte schon sich unabläss'gem Fleh'n, Verschmähte mutig die gemeine Last 5 Armsergen Reichtums; denn ein hohes Ziel Erstrebte kühn sein Geist; — doch wie er nun Zum Aufbruch rüstet, sieh, verlegt den Weg Mit Macht ihm Amor, hält mit starker Hand Den schwachen Mann zurück. — Ein zartes Weib, 10 0 Wunder, übermannt den grofsen Geist! Und Scham und Manneswort und Bitte sind Dagegen machtlos. So erliegen all Wir einem Zauber; auch die Kunst der Töne Wird Sklavin Amors, dem ja Land und Meer, 15 Ja, dem der Göttervater selbst gehorcht. •) Das Gedicht bezieht sich nach der Überlieferung auf denselben Florian.» da Rimini wie Nr. 15. P. hatte den jungen Künstler durch Bitten vermocht, nicht den glänzenden Anerbietungen des päpstlichen Hofes zu folgen, sondern nach Italien zu ziehen, (vgl. Ep. III, 2), doch im Moment des Aufbruchs hielt die Liebe den Jüngling zurück. 218 — 17. An Giovanni Boccaccio. 0 war' es wahr, war' mir das Los gefallen, — Wie du in liebevoller Täuschung wähnst, 1 ) — Durch Liederklang die Sorgen einzuschläfern, Wie sollte dann von nie betretner Klippe 5 Aus Kirrhas Wolkensitz, wie sollte dann Vom hohen Rand Kastalias mein Lied So hold ertönen und dich liebend trösten! Doch frei bekenn' ich's, — Liehe flihrt dich irre, Die Götter oft und Menschen täuscht, die stets 10 Parteiisch unser klares Urteil trübt. Doch wenn das Volk sich meiner Lieder freut, Kann das dir Grund zu schwerer Klage geben? Nun kennt sie alle Welt, doch sie entgingen Des lieben Freundes Eifer! Wie verdrieMich! 15 Wie höchst betrübend für die Lieder selbst Und auch für mich! — Das ist die erste Mahnung, Die auf den Weg ich meinen Versen gebe, Dafs sie den Pöbel meiden, sich begnügen Mit auserwählter Kenner Lob, dafs sie 20 Dem Ohr des Schmeichlers ängstlieh sich versagen Und niedrig achten wüsten Beifallslärm! — Doch war' das Schicksal meiner Dichtung hold Und dürft' ich einstmals unvergänglich schweben ') Im .Jahre 1349 etwa wurden von Florenz aus verschiedene Annäherungsversuche an P. gemacht; man wünschte ihn dort zu sehen, vielleicht festzuhalten, wenn er zur Feier des Jubeljahres l r*50 nach Born zog. Unter diese Versuche sind diejenigen Briefe zu rechnen, auf die 111,7. III, '.) Antwort gaben. So schreibt auch Boccaccio an den hochverehrten Dichter einen Brief voll Anerkennung seiner Dichtungen, indem er bedauert, sie noch nicht zu besitzen. P. dankt, lehnt das Lob bescheiden ab, da es zu hoch für ihn sei und beklagt, dafs seine Gedichte anderen eher als Boccaccio zugegangen seien. Doch könne er gegenwärtig, von der Not der Zeit niedergedrückt, überhaupt nicht dichten. Nach v. 12 ff- könnte es scheinen, dafs B. von italienischen Gedichten P.s gesprochen hatte, doch wie v. 21 ff. zu verstehen gibt, sind lateinische Gedichte, insbesondere das Epos Africa gemeint. — 219 — Von Mund zu Mund in ernster Männer Kreis, 1 ) — 25 Ein Ziel so hoch, ein Weg so steil und doch So heifs von mir erstrebt, — ich fafst' es nicht! Denn zu genau kenn' ich den eignen Wert! — Wohl möcht' ich dichten, doch entsetzlich krachen Des Schicksals Donnerschläge, und ein Sturm 30 Von Schmerz und Kummer braust auf mich herein. So viel Verluste, so viel bange Sorgen! Wer kann sie still ertragen? Unglücksboten, Sie nah'n von hier, von dort. Der schwarze Tod Entrifs den einen Weggesellen mir, 35 Den andern frafs das blut'ge Schwert, im Kerker Mute dieser schmachten, jener siecht dahin. Ein Frais der Geier und ein Raub der Tiere Ist der geworden, und des Meeres Fische Benagen jenen in der Tiefe Schlund. 40 Ach, nicht von Stahl ist dieses Herz, es deckt Kein Erz den Busen, ihn zerreilst der Schmerz! Vom eignen Schicksal schweig' ich; allzulange 2 ) Mülst ich von Leid berichten; doch es zielt Nach dieser Brust mit scharfem Pfeil das Unheil, 45 Und grimmig wird dies Herz von ihm berannt. Noch stemm' ich mächtig mich dem Sturm entgegen Mit eigner Schwerkraft, denke manches Beispiels, Wo Mannesmut des Unheils Dräun bezwang; Zuweilen auch erbeb' ich in Besorgnis. — 50 So unterwlihlt der Seelenschmerz des Leibes Gesund Gedeihn, so trübt den Seelenfrieden In stiller Brust des Lebens wilder Kampf. Und dennoch hoff' ich, dennoch werd ich siegen! Und zeugen soll von wilder Feindin Sturz :l ) 55 Ein stolzes Siegesdenkmal. — Nur so lange ') Diese Worte stammen aus der Grabschrift, die Ennius sich selbst setzte und in der er sich rühmt, „lebendig zu schweben von Mund zu Mund". 2 ) Die Pest des Jahres 1348 hatte dem Dichter seine besten Freunde "nd auch Madonna Laura entrissen. 3 ) Diese Feindin ist die Göttin Fortuna, der er trotzt; das Siegesdenkmal soll ein unsterbliches Gedicht sein. — 220 — Die Schlacht noch steht, ist meine Seele trübe. Und wagt sie auch vielleicht ein Lied, so wird's Dem Kenner kaum genügen. — Aber dir, Den alles freut, was ich versuche, dir 60 Erfüll' ich gern den Wunsch! Empfange drum Dies kurze Lied, und wenn in meiner Schrift Erschöpfung sich verrät, hör' auf zu klagen! 18f Die ideale Wohnung. 1 ) (An Barbato da Sulmona.) Des Landes Stille mitten in der Stadt Und mitten auf dem Land der Stadt Behagen Geniefs' ich hier. Fühl' ich mich einsam, winkt Des Volks Gedränge; ist mir das zuwider, 5 So winkt mir Rückkehr an den stillen Platz. So scliöncn Wechsel bietet eine Stadt, Ein einzig Haus, das meinen Geist befreit Von Trübsinn und von Bitterkeit. 2 ) So oft Ich aus dem Tore trete, wird mein Sehnen 10 Gar schnell gestillt, denn Aug und Ohr erfreut Des Lebens buntes Bild, und was mich drückt Und trübe stimmt, ist alsobald entflohn. Bin ich des Lärmens satt, so darf ich nur ') In den Jahren 1353 bis 1361 hielt sich P. grüfstenteils in Mailand auf und wohnte dort in einer stillen (lebend unweit der Kirche S. Anibrogio. Auch in prosaischen Briefen spricht er von diesem Aufenthalt und rühmt, dal's derselbe ihm den Vorteil gewährte, sich nach Belieben den lästigen Besuchern zu entziehen oder auszugehen und den Hof des Galeazzo Visconti zu besuchen. Nach Eossetti ist der kurze Brief, in dem er seinem alten Freunde Barbato von dieser angenehmen Lage Mitteilung macht, etwa aus 1358—1359, weil er gerade in diesen Jahren keine Eeiscn in öffentlichen Angelegenheiten zu machon hatte. 2 ) Die überlieferte Lesart: Senium qttae pellit in iram, ist, wie auch Rossotti erkennt, unhaltbar; er schlägt vor: Senium quae pellit iniquuni, ohne es doch in den Text zu setzen. Ich vorsuche zu lesen: Senium qnao pellit et iram. — 221 — Der Schwelle wieder nahn, — mit einem Schritt 15 Entrinn' ich allem Bittern; läst'ges Volk Wird durch der Angel Drehung ausgesperrt. Wie friedlich ist's hierinnen! Solche Ruh' Genofs der Denker und der Dichter Schar Nicht in Apollos liederreichem Tal, 20 Noch in Athenes heil'ger Stadt. Es fanden Die frommen Väter in Ägyptens Sand In stiller Wüste solchen Frieden nicht. — Verschone mein Versteck, Fortuna; schreite Vorüber gnädig am bescheidnen Daehl Lal's deinen Zorn an Königsburgen aus! — OK 19. Neue Reise. (An denselben.) Dem Ruf des Schicksals mufs der Mensch gehorchen. Mir ist befohlen durch der Alpen Eis, Eh' noch ein Sonnenstrahl den Schnee durchdrang, Durch Schreckensorte, wo das Elend haust, Zum rauhen, oft betretnen Rhonestrand l ) J ) P. soll von neuem in höherem Auftrage eine Eeise unternehmen, nach Avignon, und zwar noch vor Beginn des Frühjahrs. Schon dieser Umstand erklärt seinen Widerwillen, dazu kam, dafs die nächsten Wege von Italien nach Südfrankreich durch lleeresmacht verlegt waren (v.58-üü), so dafs er einen beschwerlichen und nicht ungefährlichen Umweg durch das Trentino, an den Eheinquellen vorbei, über die deutschen Seen nehmen zu müssen erklärt (v. 55 ff.). So bricht er denn in bewegliehe Klagen aus und preist seinen Freund B. glücklich, weil ihm solche Unruhe erspart sei. — Wann die in Kede stehende Keise gemacht sei, hat Kossetti eingehend untersucht und kommt II, 386—387 zu dem Ergebnis, dafs P.s Angaben auf keine seiner bekannten Keiseu passen. Er hält es deshalb für wahrscheinlich, dafs P. hier eine Keise meine, die er 13Ü1 von Padua aus nach Vaucluse unternahm, aber nicht ausführen konnte, da er die Wege gesperrt fand. Er kehrte daher von Mailand wieder nach Parma zurück. Bio Annahme K.s gewinnt sehr au Wahrscheinlichkeit, wenn man sieh klar macht, wie sehr die Verzagtheit und Unlust des sonst immer reisefertigen Dichters die Spuren des herannahenden Alters zeigen. — 232 — Den Weg zu nehmen. Ach, welch böser Geist Führt mein Geschick, lenkt feindlich meine Sterne? Milsgünnt das Glück ein Grab im Heimatlande Dem müden Wandrer, nun, so will ich gern 10 Am fernen Pole ruhn, — ich bin auch da, Wo Schlangen wohnen, wo der Südwind haust, Im Tal des Kaukasus, des hohen Atlas Bereit zu leben und zu sterben: doch So lang ich lebe, lafst mich Himmelsluft 15 Mit vollen Zügen atmen; sterb' ich dann, Gönnt mir ein Stückchen Land, so rauh es sei, Den Leib hinein zu senken. Das allein Erfleh' ich mir von allen Erdengütern. Fortuna, du versagst auch das! Du treibst 20 Bald hier, bald dort mich um, mir bleibt fortan Nicht Land, nicht Luft zu eigen, gleich als war' Ich nirgends heimisch, Fremdling überall. Ein bleibend Heim, ich flehe, schenke mir, Wo du auch magst, du harte, und lafs ab 25 Vom grausen Spiele. Sieh, aus deinem Reiche Begehr' ich nicht der grofsen Güter Fülle; Lafs mich bescheidne Armut still geniefsen, Dies kurze Dasein auf entlegner Flur Verleben, — bis der Tod, mein Retter, naht 30 Und Freiheit bringt. — Die Zwischenzeit nur lafs In argem Wirbel nicht vergehn; mich lockt Nicht Ehrgeiz, nicht der Habsucht schnöde Gier. Du zwingst mich, endlos lange Pein zu dulden, Die reifsend schnell im Lauf der Zeiten wächst. 35 Wo winkt ein Hafen? Wo des Alters Frieden? 0 schlimmer Lebensweg! 0 arges Rätsel! Die Höhe bebt, die Mitte schwankt, und drunten Wird man zertreten! Unten wandr' ich gern, Doch zittert stets, wie auf dem Höhenpfad, 40 Mein Herz und schwankt erregt, als schritt ich hin Den Weg der Mitte. Hart bedrückt mich das! Wer leitet mich durch dieses Lebens Wirrsal? Wollt' ich um Ungewitter, um die Wut — 223 — Des Donnrers auf dem Höhenpfade klagen. 45 Um Sturm und Brandung, Schiffbruch in der Flut, So würde Fassung mir und Urteil fehlen. Doch auch im seichten Wasser stürzt die Woge Mir wild aufs Haupt; auf flachem Strande bringt Mir Sturm und Flut Vernichtung. Wenig half's, 50 Die hohe Stellung ängstlich zu vermeiden. Gerecht fürwahr ist meine Klage; doch Sie kommt zu spät, mufs angehört verhallen! Mein Schicksal naht mir wieder, und icli mufs Die weite Fahrt beginnen, mufs verlassen 55 Die teuren Freunde, mufs die Alpenhöhe Trentinos schnell durchziehn; die junge Donau, Den neugebornen llhein, die deutschen Seen Besuchen; denn die offnen Strafsen sperrt Des Feindes Schwert. Was hilfts? Gehorsam wird 60 Durch Zwang nur schwerer; besser ist's, das Joch Zu tragen ohne Murren, still gehorchen. Wie köstlich war dies Jahr, doch allzu kurz Und allzu flüchtig! Ach, es hatte wohl Fortuna mein vergessen, ihre Lust 65 Liefs sie an andren aus, die mit dem Schwung Des Kades sie zum Sturze brachte, mir So stifse Mufse gönnend. Nun aufs neu' Lädt sie mir dornenreiche Arbeit auf, Und sieh! verhafste Müh' verscheucht den Frieden! 70 Barbatus, willst du glücklich bleiben, dann Verlasse nimmermehr dein trautes Nest! — 224 — 20. Ein Bergsturz. 1 ) (An Guglielmo da Pastrengo.) Aus klaren Diamanten aufgetürmt, Nicht aus Gestein, erhebt der Grenzwall sieh Des Vaterlands. Ihn hätt' ich froh erblickt, Wärst du bei mir! Nun mulst' ich einsam schauu 5 Die Schwelle und das Tor, von hartem Eis Durch höchsten Künstlers Hand so fest gefügt, Manch wilden Gielsbach und die blaue Etsch, Die friedlich rauschend sich ins Tal ergiefst. Des hohen Ursprungs strömt sie stolz bewufst, 10 Doch steigt sie sanft herab und bittet nur Um Zutritt zu der Erde schönerm Teil. Bescheiden dankt sie ihres Schöpfers Güte, Die sie Veronas stolze Zinnen schaun, An grünen Hügeln und am Tummelplatz 2 ) 15 Des Mars vorübergleiten läi'st und dann Ihr Adrias berühmte Städte zeigt, Doch nicht den Ister, nicht das wilde Peuke, 3 ) Nicht eis'ge Steppen, noch den düstern Strand, An dem des Skythenmeeres Woge brandet. 20 So lenkt des Schicksals Allmacht unser Los, Und Lamm und Wolf, ja Strom und Land gehorchen Dem gleichen Zwang. Mit angsterfülltem Blick Sah ich des Felsenberges Niedersturz, 4 ) x ) Der Versuch des volgarizzatore von Rossctti, einen tiefen, geheimen Sinn in diesen Brief zu legen, ist nicht gelungen; P. gibt nur in Kürze seinem Freunde Guglielmo die Eindrücke wieder, die er auf einer Reise nach der Nordgrenze Italiens empfangen hat. 2 ) Tummelplatz des Mars heilst die lombardische Tiefebene, in der so viele Schlachten geliefert wurden. s ) Peuke ist eine Insel im Donaustrome; vgl. Strabo VII, 301. 4 ) P. war auf seiner Fahrt auch an die Stelle eines berühmten Bergsturzes gekommen, den schon Dante, Inferno XII, 4 erwähnt, um die Schrecken des Einganges zu einer anderen Bulge zu schildern, (vgl. die Herausgeber zur Stelle). Ein Flui's, anscheinend die Etsch, war durch denselben von seiner Bahn abgelenkt worden (v. 24). — 225 — Sah Nymphen zornig sich zur Umkehr wenden, 25 Vom Pfade abgesperrt zum rechten Rand Des Tals sich stürzen. Wohl verkündet war Des Unheils Nahn durch eines Warners Stimme; Man schalt ihn toll,-------und hingeschmettert ward Das arme Volk in grausiger Vernichtung. 30 Den Menschen kommt der Tod stets unverhofft, Und keiner kennt des eignen Endes Stunde. 21. Im Banne des Zauberers. 1 ) (An Giovanni Barrili.) Der Stoff ist endlos, knapp die Zeit; vernimm Des Unheils Kern. In alte Schlingen fiel Ich unversehens. Wozu deutlich schildern Das finstre Chaos, die verschlungnen Gänge, Dies neue, nie entwirrte Labyrinth, Darin das arme Volk mit bangem Schritt Umherirrt und zur Schwelle nimmermehr, Der einmal überschrittnen, wiederkehrt? Wie oft macht' ich mich frei! Mein Unstern führt 2 ) Dafs vorliegender an Giovanni Barrili zn einer nicht näher zu bestimmenden Zeit gerichtete Brief des Dunkeln viel enthält, ist von Rossetti mit Nachdruck betont; er findet ein doppeltes Kätsel darin, weil er v. 1—9 auf P.s Verhältnis zu Laura bezieht, v. 10 ff. aber auf politische Missionen, die P. für die Viscontis oder den Papst habe übernehmen müssen. Dazu stehe aber v. 9 Inhaltlich in Widerspruch, weil ein Gesandter so hoher Herren nicht den Ärmsten gleiche. Eine völlige Lösung des Rätsels oder besser, eine Erklärung der einzelnen, absichtlich geheimnisvollen Ausdrucke wird sich heute kaum finden lassen. Eine Beziehung auf Laura vermag ich nicht zu sehen, wenn auch von „Schlingen" die Rede ist. Mir scheut las ganze Gedicht sich auf den Aufenthalt P.s in Avignon zu ^ziehen. Denn unter dem „Labyrinth" versteht er öfters diesen Ort; vgl. ap.JU,» und Ep. III, 22 u. 28. P. beklagt, wieder in diesen Schreckensort geraten *u sein, dem man schwer entrinnt, in dem viele gleich ihn, hoffnungslos irren, aus dem nur dos furchtbaren Herrschers Befehl einen Ausweg verschafft, - der ZIl völligem Verderben führt. Unter letzterem kann man sehr wohl gefährliche Missionen verstehen. 15 f. Eriedendorff, l'otrarcuB poetische Briefs. — 226 — 10 Zum Kerker mich zurück, und gleich den Ärmsten Mui's ich nun wandern, bin mir selbst zur Qual Und streife ziellos durch die düstern Gassen. Ein König spricht im Donnerton; es steht Von Unheilslosen voll die Schicksalsurne. 15 Wen trifft zuerst das Todeslos? Wen ruft Als zweiten sein Geschick? Es retten mich Nicht Zauberfäden, nicht die Mitleidsworte Der königlichen Jungfrau; nimmer zeigt Als mein Erlöser sich ein Dädalus. 1 ) 22. Das neue Labyrinth. (An Francesco de' Rinncel.) 9 ) Du fragst verwundert nach dem Grund des Zögerns. Ein Labyrinth ist's, das zuerst am Nil, In Gnossus dann, auf Lemnus drittens stand Und endlich Clusium berühmt gemacht. 3 ) Doch altersschwach wird alles; sieh, es stürzen Zusammen diese Kerker sämtlich, und Die fmstern Höhlen schaun das Sonnenlicht. 0 Zur Erklärung vgl. Anin. 2. 3. 4 auf Seite 227. ,J ) Francesco de'Eiuucci, Prior von S.S. Apostoli in Florenz, wurde mit P. 1350 bekannt. P. führte mit ihm einen vertraulichen Briefwechsel, in dem er F. als Simonides anredet. — Für das Verständnis unseres Briefes genügt es zu bemerken, dafs Fr. sich bei P. nach den Gründen erkundigt hatte, die ihn so lange in Avignon festhielten. P. antwortet mit bitterer Ironie, dafs hier ein neues Labyrinth entstanden sei, in das er geraten und aus dem er keinen Ausweg finden könne (vgl. Ep. III, 21). Da " ie Bekanntschaft beider Männer aus 1350 datiert und P. seit August 1353 nie wieder nach Avignon zurückgekehrt ist, so schliefst Kossetti richtig, dai's unser Brief ebenso wie 111,21 und 23 zwischen 1351 — 1353 entstand. 3 ) P. folgt Plin. N. II. XXXVI, 84 ff., der von vier Labyrinthen berichtet, dem ägyptischen, kretischen, lemnischen und italischen. Diese angeblichen Irrgärten waren in Wirklichkeit entweder Tempelanlagen, wie in Ägypten, oder Palastbauten, wie in Kreta oder Lemnos, oder Gräber, wie in Italien das Grab des Porsena bei Clusium. _ 227 __ Doch Kretas Bau, in aller Welt berühmt, Behielt allein den Namen, und das Volk 10 Pries nur den Einen als des Plans Erfinder, 1 ) Der schlau zugleich den beiden Liebeskranken, Der Mutter und der Tochter, Trost gebracht.' 2 ) Beklagenswerte Fürstin! Ach, ein Stier Entflammte deine Sinne! Eingehüllt 15 In einer Färse trügerisches Bild Begehrtest du, in Wahrheit Kuh zu sein! Die Glut der Tochter war von bessrer Art, ;i ) Und wenn sie auch den Vater kränkte, fand Verzeihung doch die wilde Leidenschaft. 20 Zusammensank der Schreckensbau, sobald Des Helden Arm, von Weiberlist bewaffnet, Des Ungeheuers zott'ge Brust durchstiefs. Mit flücht'gem Fittich schwang sich in die Luft Der schlaue Künstler und entkam, betrübt, 25 Dafs ihm der Ozean den Sohn entrifs. 4 ) Er fand erst Ruhe am Euböer Strand, Wo mit argiver Sterz kampanisch Land Chalkider Männer pflügen, und genas, Wo Bajäs Wasser lebenspendend rauscht. 5 ) 30 Doch wozu spinn' ich aus, was dir bekannt? 0 Das bekannteste Labyrinth ist das von Kreta geblieben, sein Erbauer Dädalus in aller Welt berühmt. ») Die Mutter = Pasiphae, die Tochter = Ariadne. Mir Pasiphae verfertigte Dädalus das Gebilde einer jungen Kuh zu dem v. 16 angegebenen Zwecke. Der Tochter gab er ein Knäuel Wolle, mittels dessen sich Theseus aus dem Labyrinth herausfinden konnte. ") Ariadne entfloh mit Theseus und verletzte dadurch die Kmdes- PHichten. Theseus tötete den Minotaur = das Ungeheuer v. 22. «) Dädalus entfloh aus Kreta über das Meer nach Sizilien auf selbstgefertigten Flügeln, mit ihm sein Sohn Ikarus, der unterwegs verunglückte und im Meere ertrank. , ,. ~ , ■) Von Sizilien soll Dädalus auch nach Unteritalien in die Gegend von Cuinä undBajä gekommen sein. In v. 26-29 wird in umschreibender Weise Ouinä bezeichnet. P. folgt der Überlieferung, dafs es von Be- wohnen, der Stadt Chaleis auf Euböa gegründet sei; arg.v.sch - griechisch. Über Dädalus' Flucht nach Com» Virgil, AeneisVI, Uff. 15* — 228 — Verschweige Unbekanntes? Wie auf Schwingen Zum andern Weltkreis Dädalus entwich, Wie an der Rhone linkem Ufer neu Er jene Kerker, neu das Irrsal haute 35 Und neu die martervolle Grotte schuf? 1 ) Wie dort kein Führer den verirrten Schritt Zum Rückweg freundlich durch den Faden leitet? Und wie ich neulich in die Schlinge fiel,' 2 ) Der ich mit Ehren nicht entschlüpfen kann? 40 Nicht Theseus, nicht Ariadne, kühn gemacht Durch Dädalus' Genie, ja, nicht er seihst, Der Meister, fände hier der Rettung Pfad. So mufs der Zorn ihn ebnen, muls der Schmerz Mir Schwingen leihn! Ja, lieber nackt und blofs 45 Will ich entrinnen als in wilder Fremde Ein Grabmal finden. Auf! Hinweg! Im Fluge Durchstreif ich schon Liguriens Berge, freundlich Ersehliefst sich mir der Alpen Pal's! Dahinten Lals ich der Päpste oft verfluchtes Scbloi's! — *) P. setzt nun, als eigne Erfindung, mit Bitterkeit der Sage hinzu, dafs Dädalus weiter nach der Iilione geflogen sei und dort ein neues Labyrinth gebaut habe. Vielleicht denkt er bei diesem Bau au den päpstlichen Palast. 2 ) Zum Ausdruck „Schlingen" vgl. Ep. 111,21,2, „alte Schlingen", der also auf das Labyrinth zu beziehen ist. P. schliefst mit der Hoffnung, dafs der Mut der Verzweiflung ihm wie Dädalus Schwingen zum Entkommen verleihen werde. — 229 — 23. Avignon. 1 ) (Au denselben.) Was Flaccus einst zur Weltstadt sprach: Ein Untier Mit vielen Köpfen bist du, 2 ) — das natürlich Bezieht auf sich das kleinste Dörfchen heut! Aus rauchgeschwärzten Mauern schritten einst 5 Im Zottelfell der Pfltiger und der Hirt, — Doch jetzt der Schelm, der überall zu Hause, Der ruhelose Kaufmann, dessen Kiel Die Meere all durchfurchte, der das Ruder, Gefertigt aus des Heimatswaldes Holz, 10 In fernen Meeren schwingt; der Astrolog, Der düstre Sterne nächtelang bewacht Und was sie dröhn, der Welt zuvor verkündet, Der in prophet'schen Sternen Unheil liest, (Doch oft nur scheinbar); auch der Wunderdoktor, 15 Der selbst vom Tod mit Zauberwurzeln heilt; Der Alchimist, der frech aus Kraut und Pulvern Ein künstlich Gold zu schaffen sich vermifst; • Der Charlatan, der Wunden durch Besprechen Zu heilen und des Volkes guten Glauben 20 Durch tausend Kniffe zu betrügen weifs; Der Rabulist, der aus Gesetzes Banden Und Stricken Lösung erst verheilst und dann Die Menschen anführt, doch an seinem Pulte Von hochentzückten Kunden stets umdrängt! ') Seine zunehmende Abneigung gegen Avignon und den Aufenthalt daselbst drückt P. seinein Freunde Francesco de' Rinucci aus, indem er schildert, was aus den einfachen Bürgern, die in alten Zeiten in dem kleinen Orte wohnten, geworden, welche Leute sich ihnen zugesellt und welchen Einflufs sie ausgeübt hatten. Trost kann nur die Poesie geben. J ü dieser Hinsicht ist unser Brief eine Ergänzung zu Ep. II, 3, v. 10ff. — Gewiß ist, dals bald nach diesem Liede P. Avignon verliefe, um nie dahin aurüekzukehren. Zu beachten ist, dals auch hier v. 55 und 59 das Bild y on Dädalus und vom Labyrinth sich wiederholt. 2 ) So nennt Horaz, Ep. 1, 1, v. 7(1 das Volk von Rom wegen der unendlichen Verschiedenheit seiner Gedanken und Wünsche. — 230 — 25 Wer zählt die Meister in der Gaunerzunft, Die rings erwachsen, — von gemeinem Stamm, Doch wie Tyrannen grimm? Denn was bisher Die Welt entsetzt als toller Herrscher Tat, — Als Sullas Frevel, Neros Wahn — gedeiht 30 In jedem Sumpfe! So, in breitem Strome, Ergofs sich Asiens Laster auf dies Land! Und wir, die Herde, die des Schlächters harrt, — Verfallen dieser gicr'gen Wölfe Zahn, — Wir folgen unsern Herrn, denn zu gebieten 35 Auch dieser Welt, das haben schon vor alters Die grofsen Kirchenfürsten sie gelehrt! — Gefährlich ist ein lauter Schmerzenssehrei, Und ungehört verhallt gerechte Klage. Der Kummer selbst ist strafbar; in der Brust 40 Verschliefst er sich und weint geheime Tränen. 0 traute Muse, öffne jedes Segel, Setz' alle Ruder ein und lals uns fliehn Aus diesem wilden Meer der Leidenschaft! Lafs wandern uns des Friedens Pfad, lals uns 45 Des Lebens buntes Bild besingen, uns Das Volk besingen und sein wechselnd Mühn! — • Doch ohne Schaden kränkt man dieses Volk, Und tausend Fehden, tausend Kämpfe kämpft's Auf tausend Wegen, und der gleiche Wahn 50 Beherrscht es ohne Unterschied. Wie bald Wird jeder Wald verschlagne Ränkeschmiede Aus seinem Holze schnitzen; jeder Busch Von seinen Dornen Piatos Weisheit ernten, Aus jeder Grotte Cicero hervorgehn, 55 Von jeder Alpe sich ein Dädalus Empor zum Himmel schwingen! Steht es so Im stillen Lande, ist's ein Wunder dann, Wenn in dem Volksgetümmel Wirrwarr herrscht, Die Stadt ein labyrinthisch Irrsal wird? — 60 Wenn uns der trübe Anblick niederdrückt, Wenn er der Seele holden Frieden stört, — 231 — Was zaudern wir, die Fesseln abzustreifen Und froli zu flüchten in der Freiheit Land? Das Volk mag ausgetretne Bahnen ziehn 65 In seinem Stumpfsinn, aber wir, mein Freund, Wir wollen kühn auf nie betretnem Pfad Empor uns schwingen auf den Göttersitz. — — 232 — 24. Italia, mein Vaterland! 1 ) Willkommen, heil'ges gottgeliebtes Land, Wo Frevler zittern, Fromme sicher wohnen! Dir gleicht kein andrer, vielbesungner Strand An Segen, Schönheit, Ruhm durch alle Zonen! — Vom Meer bespült im Ost und West zugleich Lälst du dein Felsenhaupt im Äther glänzen; Du bist der Helden, du der Weisen Reich Und freust dich doch an zarter Musen Tänzen. Wie bist du stark durch Heldenmut und Gold! Natur und Kunst, vereinigt dich zu schmücken, Beschenkten dich mit Reizen wunderhold Und lehrten dich, die Welt damit beglücken. Dir eil' ich zu, nach langer Zeiten Lauf; — 0, lafs bei dir ein bleibend Heim mich gründen! Dem müden Manne tu die Pforten auf, Lafs mich ein Grab in Frieden bei dir finden! Nur soviel Erde, dafs den Leib sie deckt, Die gönne mir! — Von hohem Bergesrücken Der grünen Alm 12 ) zu FUfsen hingestreckt Erschau' ich dich mit jubelndem Entzücken! — Der Nebel fällt, der Wind erhebt sich leis, Den Heimgekehrten schmeichelnd zu begrüfsen; - Du bist's, o Heimat! Aller Länder Preis! Dir, schöne Mutter, sinkt der Sohn zu Flifsen! ') Dor Dichter hatte sich in steigender Unzufriedenheit mit dem Leben in Avignon zum endgültigen Verlassen dieses Ortes entschlossen (1353). War doch Laura schon 1848 gestorben und verwirklichten sich doch auch die Hoffnungen nicht, die ihn an den Hof des Papstes zurückgeführt hatten. Von den Alpen aus erblickt er nun voll Wonne sein geliebtes Heimatland, bittet um gütige Aufnahme und begrüfst es als seine schöne Mutter. a ) Gebennä oder Cevennä, wie in den Ausgaben steht, ist eine ungenaue Bezeichnung P.s für „Alpe", denn von den eigentlichen „Ce- vennen" aus kann man Italien nicht sehen. — 233 — 25. Italia über alles. (An Bischof Ilildebrand de' Conti in Padua.)» Vom Ozean des Westens kehrtest jüngst Du reich an Ehren heim, und wieder ziehst Du durch die Wälder und die rauhe Flur, Wo eisig ihren Strom die Donau wälzt. 5 Dein hoher Geist ist mir bekannt; ich weils, Du hast Europas Länder wohl durchforscht. Vor solchem Richter tat' ich gerne kund, Wie wenig Frankreichs hochgepriesne Flur, Wie wenig der Teutonen wildes Feld, 10 Wie wenig sich der Briten Inselreich Mit dir, Ausonia, 2 ) vergleichen kann, Und wie gewaltig dies Hesperia 11 ) Von jenem zweiten unterschieden ist. Auch ich war vieles zu beschaun bemüht 15 Und drang zu fernen Ländern eifrig vor. Zwar neu ist mein Verlangen nicht; schon längst Gefiels den Dichtern und der Weisheit Lehrern Hiervon zu reden, ganz besonders kennt Des grofsen Maro Verse alle Welt. 4 ) 20 Lafs mich's denn nach den andren noch versuchen, Zum zweitenmal die gleichen Lieder singen, Wenn auch mit rauhem Ton.'') Ich weils zwar wohl: Mit diesem Sang erwerb' ich vieler Hafs; Doch wenn die Wahrheit andres nicht vermag 25 Als Feinde schallen, bleibe immerhin Kein Mensch mein Freund. Nie hat die Dichtergabe ') Hildebrand, Bischof von Padua, hatte in päpstlichen Geschäften viele Länder besucht; 1347 lieft er sich in Padua dauernd nieder Nach dieser Zeit dürfte auch unser Brief entstanden sein, der P.b Vaterlandsliebe sowie seinen Kummer über Italiens Zustände offen darlegt. ') Ausonia = Italien. 3 ) Zweites Hesperia = Spanien. ') P. meint Georg. II, 130ff, Verse, die überhaupt für das ganze Gedicht vorbildlich gewesen sind. ») d. h. im Vergleich zu den berühmten Versen Virgils. — 234 — Auf solche Art mir Freundesgunst verschafft, Und gehe Gott, dafs sie es nie vermöge! Die Wahrheit will ich reden, feierlich 30 Gelob ich's dir; ich schrecke nicht zurück Vor einer Welt von Feinden! Sollte wer Dies ungern lesen, mög er's überschlagen! Lies du's allein! Für dich und für die Musen Sing' ich mein Lied; der Pöbel bleibe draufsen! 35 Lafs deinen Geist durch alle Länder schweifen, — Ob durch die Städte, drin wir selber hausen, Ob durch die Völker Assurs, (denn zur Ferne Enteilt er gern), ob zu Ägyptens Zaubern, Die jener Lügenpriester schlau betrog, 40 Der sich den Gottgesandten fälschlich nennt, 1 ) Ob hin zu unbekannten Kulten, wo Unheil'ger Götter grause Tempel stehn, Die Priesterin das Messer furchtbar schwingt, In Eingeweiden wühlt und voller Lust 45 Das arme Volk auf ekle Opfer starren Und sich mit leerer Sorge martern sieht: — Sei, wo du willst, verweile, wo du magst, Stets wirst du sehn, dafs auch des Landes Bürger Gar manches fürchten, manches schwer entbehren. 50 -------Wohin versteigst du, kecke Muse, dich? -------Halt ein! Das Volk wird deinen Sang begeifern! — ■-------„Das ist sein Brauch, ich halt' an meinem fest!" — Einst war die Rebe, war der Pallas Gabe,' 2 ) Der edle Ölbaum, Gallien unbekannt. 55 Es hat erst spät dies goldne Nafs gekostet, Nachdem es römisch ward. Noch immer prangt Nur selten dort der Ölbaum; doch das Obst, Das duftig in Italien reift, den Strauch, Daran entzückend Goldorangen gllihn, 1 ') — 60 Du suchst vergebens sie. Der Erde Schofs ') Mohammed. ') Pallas schenkte ihrem Lieblingslande Attika den Ölbaum. 3 ) P. sagt wörtlich: nirgends sind Sträucher von goldiger Farbe, — was mir schon damals auf Orangen zu beziehen nicht unmöglich scheint. — 235 — Entströmt kein gleifsend Gold in reichen Adern, Noch sprudeln Quellen, die der Kranke segnet, Noch liefern edle Schafe feine Schur. (Wohin versteigst du, kecke Muse, dich!) 65 Oh du durch deutsche Schneegefilde wanderst, Oh durch der wilden Donau starres Eis, Ob durch das Volk am rechten Strand des Rheins, Dem der Polarstern aus der Höhe leuchtet, Durch Sueven, die vom Raub zu leben freut, 70 Durch Böhmens Volk, des Auge blau erstrahlt, Dort wo der Eibstrom weite Fluren netzt, Durch's Volk am Bug, der Sumpfgeschöpfe zeugt, Die wenig Tage leben, ob durch Stämme, Geschieden durch die kalte Flut des Don,------- 75 Sie alle schulden Bachus keinen Dank, Noch Dank der Pallas, wenig Dank der Ceres.') Kein Wort von ihnen! Aus der Ähre schallt Sich auch der Brite meist den Trank und preist Anstatt der Trauben stifser Apfel Saft. 80 Die edlen Weine holt durch wilde Fluten Er selten her und zahlt die stil'se Lust Mit seinem armen Leben! Was geniefst Denn Flandern, wenn es dürstet? Süfsen Met Und Wein, den's aus der Fremde mühsam holt. 85 Und wie erwärmt sich jener Teil der Welt? Mit Haufen Torf, am Sonnenlicht gedörrt, Durch ihres Sommers Arbeit aufgespart Für Winterstrenge. — Allzulange währt s, Die Länder herzuzählen, die mit Eis 90 Der Nordstern überzieht. Doch fruchtbar wird Vom Hauch des Zephyr, von des Eurus Hauch Das Land des Südens, auch der Auster bringt Auf Regenwolken seinen Segen ihm. Doch, wenn Natur die Hand entzieht, ach, dann TU dort wächst nirgends der Ölbaum oder die Bebe, auch nur spärlich Getreide. — 236 — 95 Fehlt überall so viel, ist Überall So viel im Wege! Ach, wer weils das nicht! Hier fehlt der Wälder schattenspendend Dach, Dort stifsen Wassers Fülle, diese Flur Versinkt im feuchten Sumpfe, jenes Land 100 Wird von Gestrüpp und totem Sand erstickt. Hier lauern Tiger in des Urwalds Nacht, Dort fliegen Greife durch die Eisesluft, Hier leben wilde Panther, grimme Löwen, Dort wachsen gift'ge Kräuter, Unheilspflanzen, 105 Hier hausen Seuchen, Nattern wimmeln dort. Doch unser bleibt der Seele wahres Gut Und ihre höchste Macht; es bleibt das Lied Der Götterleier, welche Hellas einst Als es erlag, auf Latium übertrug, 110 Und mit ihr edle Künste ohne Zahl. Was steht im Wege dir, Italia, Wenn Mavors dir nicht roh im Wege stände? Was fehlet Euch, Italiens edle Söhne, Wenn euch nicht immer, immer Frieden fehlte? 115 Was uns gehört, ist allen andern kund, Drum sei enthüllt, was an den andern ist! Wohin versteigst du, kecke Muse, dich? Halt ein, du darfst nicht weiter! Dreimal schon Rief ich dich an; nun endlich höre auf. — 237 — 26. Um eine Silbe! (An Andreas aus Mantua.) 1 ) Zieh hin, mein Brief, es trage dich der Po! Du gleitest leicht im Freundesstrom zu Tal, Bis dich der Sohn des tiefen See Benacus, 2 ) Der dir begegnet, abzubiegen mahnt; 5 Dann halte dich zur Linken, und du wirst Stromauf auch hier in Freundesfluten fahren, Nach Mantua, — einst hehrer Musen Sitz, ;! ) Jetzt eines Herzogs unbezwungner Feste, Die Hörnerklang und Leierspiel vereint 10 Und Mars im Bunde mit Apoll verehrt. — Dort lebt ein Mann, der meinen Kuhm verkündet, Ihn suche auf und bring ihm Trost und Grufs. Er ist um mich bekümmert, denn es schreckt Ihn das Geschrei der unverständ'gen Menge, 15 Und tief im Herzen wurmt ihn ihr Geschwätz. •) Ein unbekannter Kritiker hatte dem P. vorgeworfen, dafs er in einem lateinischen Gedichte eine kurze Silbe als lang gebraucht hatte. Dieser kleine Vorwurf setzte den reizbaren Dichter dermaßen in Zorn, dafs er mit unserem langen Briefe darauf antwortete und auf den Kritiker die härtesten Vorwürfe, ja Schmähungen häufte. Den Brief sandte er an einen Freund Andreas nach Mantua; doch wissen wir von diesem Freunde nur, was ans dem Briefe selbst hervorgeht, nämlich dals er ein groiser Verehrer P.s war. Auch Abfassungszeit und Ort des Briefes ist unbekannt; aus den ersten Versen geht nur hervor, dafs P. seinen Brief auf dem Wasserwege, den Po abwärts und den Mincio aufwärts, nach Mantua beiordern wollte. Er muls ihn also in einer Stadt geschnoben haben die am Po oberhalb des Einflusses des Mincio lag, oder die mit dem Po durch einen Nebenflufs verbunden war. Vermutlich in Parma. Der Brief ist mit den an Zoilus, Ep. II, II und II, 18 gerichteten Briefen zusammenzustellen als Beispiel der literarischen Streitschriften jener Zeit. ») Benacus = Gardasee, sein Sohn = Ausflufs ist der JDndo, an dessen rechtem Ufer Mantua liegt. Vom Po biegt das Schiff Mnks in den Mincio ein, und links fahrend landet es bei Mantua am rechten Ufer des Miucio. «) Heimat des Virgil, jetzt beherrscht von Guido von Gonzaga, der die Musen liebt (vgl. Ep. III, B0). — 238 — Mit heitrer Miene tritt ihm froh entgegen, Darauf beschwieht'ge also seinen Groll: Wo ist ein Ruhm, der keine Feinde hat? — Doch, was sieh hier als Grund der Feindschaft zeigt, 20 Ist allzu winzig. Freilich, soll ein Feind, Der Neidesqual zehn lange Jahre trug, Nicht endlich finden, was er lästern kann? Im Innern kocht das Gift und macht sich Luft, Wo's immer sei. Hier ist es eine Silbe, 25 Auf die sein gift'ger Bedestrom sich stürzt! — — Mich trifft der schwere Vorwurf, eine Silbe, Die kurz doch sei, hätt' ich als lang gebraucht! — — Fürwahr, der Neid ist blind, denn er verkündet Nur lauter noch das Zeugnis meines Ruhms. 30 Welch hohes Mai's von Schönheit gibt sich kund, Wenn selbst des Richters Unbill nur so wenig An so viel Werken auszusetzen weils! Auf schönem Antlitz fällt das kleinste Fleckchen Den Blicken auf; ist häuslich das Gesicht, 35 So Übersicht man leicht ein kleines Mal Der Blick, von allem abgestofsen, haftet Nicht fest an einem Mangel. — — Hab' ich wirklich Die kurze Silb' als lang gebraucht? und schliefst Der Versbau jeden Zweifel aus? Hat nicht 40 Ein Doppelkonsonant der Silbe Wert Verdoppelt? — Hält man mich für so verarmt An Witz und Geist, dafs ich davon nichts wüfste? So wenig Lob hat meine Liederkunst Mir eingebracht? So wenig half es mir, 45 Dafs ich den Lorbeer schon als Knabe liebte?------- Doch sei's; man mag mein Wissen tadeln. — Bin Ich so verwirrt, dafs offnen Widersinn Ich rede? ohne Unterschied, ob lang, Ob kurz dieselbe Silbe setze? Nein! 50 Das wahrlich glaubt mein kecker Tadler nicht, Obgleich sein tolles, weinerhitztes Hirn Viel sonderbare Blasen treibt! — Es sieht Gar mancher wachen Auges tolle Träume; — 239 — Er fiebert nicht, allein sein schwacher Kopf 55 Erliegt der arg erkrankten Phantasie. Wenn so der kranke Geist Gespenster sieht, Was sieht, was kann in seinem Rasen sehn Der Liehe und des Weins unreiner Diener! Der Sklave seiner Lüste, tief versunken CO In Völlerei und Faulheit, der dem Becher Die Nächte fröhnt, bis endlich Morgen wird! Man kennt den tollen Hund an sichern Zeichen. Das Haar gesträubt, im Blicke wilde Wut, Vermeidet er das kühle Nafs und bellt 65 Ohn' allen Grund! — Jedoch die Silb' ist kurz!! — Was dann? Erschüttert das vielleicht die Welt? — Aus welcher Schule ist er denn gelaufen, Der Schulfuchs, dieser eselhafte Sänger? Der Wein macht ihn so kühn, macht ihn zum Dichter. 70 Die Elster — seht! - hat Wein genascht; die Musen Bekämpft sie nun mit weinbenetztem Sehnabel! 1 ) Nun wird der Affe bald mit Tigern raufen, Die Spinne weben mit der Pallas Kunst, Und Schwanenlieder wird der Rabe krächzen! 75 0 Riesenkraft des Weines! Du vermagst, Die Scham zu bannen, Geist zu wecken, Stumme Machst du zu Rednern! Er, der eben noch Des Dorfs ihm anvertraute Rechnung führte Mit unbeholfnem Kiel und das Gezänk 80 Des lauten Markts für karge Löhnung buchte,') Den treibt sein Unstern, dafs an meinen Liedern Er jetzt sein Mütchen kühlt und wüste Verse ») Dio neun Töchter des Picros von ^ ih \ A ^ JnJtZ^l Namen der neun Musen gab, forderten diese zun, Wettkampf nn.Gkwage heraus. Die Musen siegten, und die neun Schwestern wurden zur Strafe i" Elstern verwandelt. Ovid, Met. I, 298 ff. ») Hiernach war der Kritiker Angestellter ™*^™ ^^ v.78 und v.94 ist „Dorf" doch wohl nicht ganz wörtlich zu nehmen. — 240 — Wie ihn Kratinus lehrte, von sich gibt, Im Lärm der Schenken! l ) — Unerwartet kam 85 Zum Musenberg ein ungebetner Gast Und hat den Platz besudelt. Ihn ersah Der Musenchor und löste schnell sich auf, Der Lorbeer welkte, trübe flois der Quell Kastalias, in Stücke schlug am Felsen 90 Apoll die Leier, da sein Kunstgenofs Die Herrschaft antrat. Diesem huldigt nun Der Musen niemals tibertroffne Kunst Und des Parnassus zwiegespaltner Gipfel. Sieh da, vom Dorf ein neuer Kritikus! 95 Vom Himmel fiel ein zweiter Aristarch, 2 ) Und wetzt das Messer der Kritik! Er selbst Ist nie zu fassen; seine Werke schreibt Er nie mit Tinte; auf die Tafel malt Er sie mit Strömen Weins! Den Kampf um Troja, 100 Der Helden Bilder und der Feste Fall!») Wie dreist er andre meistert! Hoher Ruhm Erscheint es seinem nachtumbullten Geiste, Am hellen Himmel Rauch und Nebelwolken Mit scheelem Auge zu erspähn. Der Jubel 105 Um eine Silbe scheint ihm wohlverdient! Er merkt ja nicht, dai's ihn sein Scharfblick täuscht, Und rühmt sich grundlos, hat am eignen Auge ') Kratinus (vgl. Iloraz epist I, 19, v. 1 ff.) berühmt als Dichter der alten attischen Komödie, auf den der Ausspruch zurückgeführt wird, dafs Wassertrinker schlechte Dichter wären. 2 ) Aristarch, berühmter alexandrinischer Gelehrter und Ilomerkritiker. Die von ihm für unecht angesehenen Verse Homers bezeichnete er am Rande der Handschriften mit kritischen Zeichen, oßsXoi .genannt = Spiefse. P. hat daher geschrieben: obclis armatus acutis = mit scharfen Spiefsen bewaffnet. Da dies im Deutschen schwer verständlich sein würde, habe Ich es mit einer anderen, gebräuchlicheren Wendung wiederzugeben versucht. 8 ) Vermutlich nach üvid, Heroldes 1, 1, 39, wo Penelope erzählt, wie mancher der heimgekehrten Griechen Pergamum, die ganze Landschaft um Troja, die Lager u. s. w. mit Wein auf den Tisch gemalt habe. _ 241 — Den Star und schilt die andren blind; wie einst Das blinde Mädchen, dem das eigne Haus 110 Verfinstert schien, nach einem Führer rief, Ins Helle sie zu führen. (Wohlbekannt Ist dir der Scherz, der Seneca, den ernsten, Zum Lachen brachte.) l ) Unser Schlaukopf freilich Besitzt ein Lied, von mir mit eigner Hand, 115 Wie er behauptet, abgefafst; er zeigt Die falsche Silbe jedermann und schuldigt Mich öffentlich des Irrtums an. 0 Wunder! Dieselbe Silbe weist in meinem Hause, Wie sich's gebührt und ziemt, ihr rechtes Mafs, 120 Die rechte Dauer auf! Wenn so die Urschrift Der Abschrift widerspricht, warum ergeht Ein Richterspruch in so gehäls'gem Sinne? War nicht vielmehr die Hast der Feder schuld, Des Schreibers Irrtum, der bei hohen Dingen 125 So oft sich findet? — Und da wagt der Mensch, Der Neider, boshaft meinem Dichtergeist Den Fehler beizumessen? Doch es sei! Er sei so frech! Dann trifft mich einmal nur Der Tadel, der so häufig andre Dichter, 130 Ja, selbst Virgil getroffen. Denn im Herzen Des Dichters wechselt Glut und Eiseskälte; Auch Maro, stürmisch wie ein Held, ist doch Auf einem Fufse manchmal lahm. Was frei Von jedem Makel ist, das schuf ein Gott; 135 Doch Menschenwerk ist niemals tadelfrei. Drum, wenn der Kläger ehrlich Klage führt Und Recht begehrt in gutem Glauben, bleibt ') Seneca Ep. 50 erzählt von einer plötzlich erblindeten Sklavin seiner Frau. Die Sklavin habe ihre Erblindung nicht wahrgenommen, sondern oft nach einen. Führer verlangt, um gehen zu können, da das Haus ganz finster sei. Darüber sei gelacht worden, um so mehr, als sie als „ISarnu zur Unterhaltung diente. So sei der Mensch blind hinsichtlich seiner eignen Fehler. F. Friedersdorff, Petraroas poetlaohe Briefe. 1'» — 242 — Verzeihlich meine Schuld. Darm mag der Neid, Der hämisch, zäh, vernunftlos Schlingen legt 140 Dem edlen Streben, winden sich und drehn Und neue Mittel stets zu Tage fördern, Um schwerer meinen Ruhm ergrimmt zu treffen. Was sonst als Milsgeburten kannst du zeugen, Du ekler Neid? Die lächerliche Frucht 145 Von deinen Wehn ist eine kurze Silbe! Du hast dazu zehn volle Jahr gebraucht! Fürwahr, es zeugt in Hinterindiens Wäldern In kürzrer Frist ein Riesenelefant 1 ) Drei Riesenjunge, welche Türme tragen! ') Nach Brehm I, p. 705 beträgt die Tragezeit der Elefanten 20 Monate und 18 Tage. Danach würde ein Elefantenweibchen ()—7 Jahre gebrauchen, um drei Junge hervorzubringen. Was für eine Bewandtnis es mit den v. 21 und 146 erwähnten zehn Jahren hat, kann man nur vermuten. — 243 — 27. Parma. (An Levis, genannt Sokrates.) 1 ) Du sprichst vorgeblich, Freund; mein Herz ist fest, Ich bleibe, wo ich bin; und den Entschlafe Bringt nicht der Rhone reifsend schneller Strom Zum Wanken, nicht die ungehemmte Wut 5 Des Mistral, die den Ort erbeben macht, Darin du lebst und einst zu sterben denkst; 2 ) Nicht tausend Viergespanne, die bei euch Durch enge Gassen dröhnend, polternd rollen. Hier fand mein Hoffnungsimker festen Grund. 10 Der Liebe sufses Sehnen rufst du wach, Das soll die Ketten sprengen, die mich halten; 1 ) Schon Im Mai 1341, nach der Dichterkrönung in Eom, war P. mit Azzo da Correggio, der sich in demselben Jahre der Herrschaft in Parma nach Vertreibung der Scaliger bemächtigt hatte, in ein enges Freundschaftsverhältnis getreten und war bei ihm in Parma bis 1342 geblieben, (vgl. Ep. II, 17 Selvapiana). Auch als er 1343 nach Beendigung semer vergeblichen Gesandtschaft von Neapel nach Hause reisen mufste, blieb er wieder bei Azzo da Correggio und zwar bis 1345. Dieses Verhältnis dos Dichters zu dem Fürsten, der durch die Art, wie er sich Parmas bemächtigt hatte, durchaus nicht an gutem Eufe gewonnen hatte, und P.s langes Verweilen an diesem Hofe wurde von manchen seiner Freunde übel vermerkt, (vgl. über diese Verhältnisse Körting p. 185ff.). Zu diesen gehörte auch Levis, genannt Sokrates, ein Jugendfreund des Dichters; sein eigentlicher Name war Ludwig, er stammte vermutlich aus Kempen bei Ilerzogcnbusch. P. lernte ihn im Hause der Colonna kennen und blieb mit ihm in stetem schriftlichen Verkehr; er legte seinem Freunde L. wegen seiner besonnenen Weisheit und Milde den Namen Sokrates bei. Letzterer blieb bis zu seinem 1361 erfolgten Tode in Avignon, vermutlich als Beamter der Kirche. Offenbar hatte Sokrates den Dichter ermahnt, von Parma nach Avignon heimzukehren, hatte ihn mit der Erinnerung an Laura, an seine Freunde, an die Güte des Papstes zu gewinnen versucht; anderseits auch von Azzo da Correggio unvorteilhaft gesprochen, vor ihm gewarnt. P. antwortet auf alle diese Gründe, sie einzeln zurückweisend, wobei er jedoch zu verstehen gibt, dafs Lauras Bild noch immer den meisten Einflufs auf ihn ausübe, und erklärt sich fest entschlossen, in Italien zu bleiben, dort auch sterben zu wollen. ») Mistral, heftiger Wind, der der Provence eigentümlich ist und die ganze Landschaft in Staub hüllt. 16* — 244 — Du rufst Erinnrung wach und solltest doch, Dafs ich vergäfse, dringend mich ermahnen. Die holde Anmut, die so schnell vergeht, 15 Der Schönheit wohlbekannten, flücht'gen Schein Hältst du mir vor und stellst die alte Zeit Gleich wie ein Denkmal deutlich mir vor Augen. Das eben war's, was mich vou dannen trieb, Der Kampf war aus. und Flucht die einz'ge Kettung. 20 Die Jugendstreiche liegen hinter mir, Im Sturmschritt eilt der Jahre Lauf zum Ziel. Einst war mir's wichtig, meinen Lockenschmuck Voll Kunst zu pflegen und mich aufzuputzen Aus eitler Lust, — doch das ist abgetan, 25 Das liegt dahinten, das kehrt niemals wieder! Mich lockt ein hohes Ziel. Was störst du mich? Ist's deine Meinung, dafs schon wohlbetagt, 1 ) Ein matter Buhle, ich von Liebe brennen, Ihr Joch und ihre Ketten dulden soll? 30 Verhüt' es Gott! Dem Knaben gönnt man gern Manch süfse Torheit, Männern ziemt der Ernst. Dafs ich im Mund der Leute war, dafs man Mit Fingern nach mir wies, wie reut es mich! Kein Wort davon, ich bitte! Denn noch jetzt 35 Seheint mir ein Tadler meiner Führung, wer Dem reifen Manne Jugendlust empfiehlt.' 2 ) So soll des Freundes liebes Bild mich locken? Das hat so oft zu dir mich hingezogen: Jetzt zieht das meine dich, wie's ziemt, zu mir. 40 Soll mich des heil'gen Vaters Wunsch bestimmen, 3 ) Der oft genau nach meinen Fahrten fragt Und nach den Gründen meiner langen Säumnis? Von seiner Höhe schaut er milden Blicks Auf seine Schar, der, wenn als letzter auch, ') P. dürfte bei Abfassung dieses Briefes 41) Jahre alt gewesen sein. J ) Über das flotte Leben, das P. als „Avignoneser Stutzer" geführt hatte, vgl. Körting p. 83 ff. 3 ) Nach der gewöhnliehen Datierung dieses Briefes müfste Papst Clemens VI. (1342—1352) gemeint sein. — 245 — 45 leb mich gesellen darf. — Mag doch die Habsucht Der Menschen schwache Herzen endlos plagen! Mich freut der Habe friedlicher Genufs. Verlangst du mehr zu wissen? Glaube nur, Die Treue wird durch Trennung nicht geschwächt!') — 50 Sein Arm ist lang, gewaltig seine Hand, Sie herrscht auf Erden, sie umspannt die Meere, Verschliefst das Höllentor, erschliefst den Himmel! Mich lockt kein Hoffen, fesselt kein Verlangen, Kein zehrend Feuer flammt in meiner Brust!------- 55 Verschlagner Liebesgott, der alle Kniffe,' 2 ) Der jeden Weg der List versucht und ihn Mit Sorgen täglich neu umgibt; — ich weifs, Du bist auch hier mein Feind, du schwingst auch hier Die scharfen Waffen, ich erkenn' es wohl. 60 Doch welche Stätte ist von Fährnis frei? Wo knüpft sich grofses Lob an träge Ruh? Der Ruhm gesellt der Mtihe sich, er blickt In froher Tatkraft voll Verachtung bin Auf mattes Träumen wie auf bange Sorge. — 05 Du sagst mir: der dich fesselt, ist doch nur Ein Mann, ein Sterblicher; so hängt dein Los Von eines einz'gen Leben ab. — Ich bitte, Welch irdisch Los hängt nicht von andern ab? Hängt nicht an einem dünnen Lebensfaden? 70 Soll ich, dem Tode nab, voll Unverstand Den nicht'gen Wunsch empfinden, dals der Freund Mir ewig lebe? Wer das Leben kennt, Sich selber kennt, kann so sieh nie vergessen. Den Fürsten überlebt sein bessrer Teil, 75 Sein Ruhm; ihm bringt der letzte Tag Verklärung. Erhabne Tugend lebt in fernen Zeiten, Sie steigt durch eigne Kraft zum Äther auf, ') P. erklärt, gegen die Freundlichkeiten des Papstes nicht unempfindlich, duch mit seinem bescheidenen Lose zur Zeit zufrieden zusein; a "ch tue die Abwesenheit von Avignon seiner Treue keinen Abbruch. 2 ) P. unterbricht sich gleichsam, indem er fühlt, dafs doch die Liebe z u Laura auch hier ihn verfolgt und ihn zur Rückkehr bewegen könnte. — 246 — Sie bettelt nicht bei Fremden um des Lobes Bescheidne Gabe. Und wenn je mein Lied 80 Von Männern Grolses zu verheifsen wagte, So ist's von ihm; auch seines Adels Glanz, So schwer er wiegt, kann sein Verdienst nicht steigern. Allein noch schärfer treffen deine Pfeile Von hier, von dort mein Herz: du sagst, die Treue 85 Sei selten überall, sei falscher Schein! — So hell auch Tugend, Wissen, Künste strahlen, Der Preis gebührt der Treue selt'nem Kleinod. Und diesen Mann, — wenn je ich wahr geredet, — Ihn ziert fürwahr der Treue selt'ner Schmuck. 90 Umsonst bemühst du dich; wenn alte Tugend In unsrer Zeit noch lebt, wenn irgendwo Noch Biederkeit und Treue Wohnung finden, So ist's in seiner Brust. Wie lange Zeit Hab' ich mit ihm in Eintracht schon verlebt! 95 Das gleiche Band soll künftig uns verbinden. Vereinigt sind wir jederzeit, und reich An Wechsel eilt der Tag dahin, es kürzt Ein ernst Gespräch den langen Gang der Stunden Bis in die Nacht. Ergreift mein altes Sehnen 100 Mich dann und wann, enteil' ich schnell der Menge, Durchstreif allein die weite Flur und strecke ' Allein am Bach auf zartem Gras mich hin. So seh ich sorglos heifse Sommertage, Die Wut des Löwen seh ich frei von Leid 105 Verstreichen, bis der kühle Herbst sich naht Und mir das Netz mit Vögelscharen füllt. Mir folgt der Musenchor, und so verrinnt Im Waldestraum des Lebens kurze Frist. So leb' ich gern, ich bin genug gewarnt 110 Durch manch Erlebnis; nimmer soll der Hof, 1 ) Darin die Ehrsucht und die Milsgunst herrscht, Mich wiedersehn. Obgleich vom Wandern matt, ') von Avignon. — 247 — Tritt lieber doch mein Fuls Italiens Flur, Sieht froher doch mein Blick der Heimat Sterne, 115 Der Heimat Himmelsblau. Und wenn dereinst i Der letzte Tag Erlösung endlich bringt Von langer Mühsal, will im Sterben ich Das Glück geniefsen, dals mein mattes Haupt Im Schols des grolsen Freundes ruht, der mir) 120 Den Zoll der Tränen weiht, des fromme Hand Ins Grab mich bettet. War an Kämpfen reich Mein Tag, so gönne mir den Trost, dafs einst Italiens Erde meinen Sarg bedeckt, Lals in der Heimat Gruft mich ewig schlafen! 125 Wenn dann die Zeit dies arme Grab zersprengt, Fliegt noch die Asche gern durch Heimatlüfte! - — 248 — 28. Niemals! 1 ) (Ad denselben.) Wenn sieh Cäsar an Amycläs 2 ) kleinem Throne läfst genügen, Wenn die Kronen er verachtet, Furcht ihn fafst vor [Kriegeszügen, Und wenn Appius 3 ) erzittert vor verhafsten Pöbels Toben, Cicero verstummt und alle Galbas 4 ) hohe Schönheit loben, 5 Wenn sie Hannibal 5 ) den treuen, Scipio den falschen nennen, Und als Muster keuscher Sitte Catilina 6 ) anerkennen, Wenn Achill im Schmuck der Waffen von Thersites wird [bezwungen Und Homer die Lieder vorträgt, die dem Chörilus 7 ) gelungen, Wenn der Sonne Strahlen plötzlich Orkus' Nacht mit Licht [durchdringen 10 Und im Todestal den fahlen Schatten Tageshelle bringen, Wenn die Stiere leichten Fluges zu den Sternen aufwärts [sehweben 8 ) Und die Mücken durch das Weltmeer bin zu fernen [Ländern streben, ') Auf erneute Aufforderung seines Sokrates, nach Avignon heimzukehren, antwortete P. mit Brief 28 und erklärt, sein Entschlufs könne nur dann geändert werden, wenn die unmöglichsten Dinge möglieh würden. Diese Form der Versicherung, ursprünglich durchaus volkstümlich, ist bei den Dichtern schon früh beliebt geworden; vgl. Virg. Eklog. I, v. 60ff. u. ö. Dennoch brach P. sein feierliches Versprechen und kehrte 1345 noch einmal nach Avignon zurück. 2 ) Amyclä, angebliche griechische Kolonie am Golf von Gaeta, als toter Ort sprichwörtlich. 3 ) Appius Claudius, der Decemvir, unbeugsamer Aristokrat. 4 ) Galba wurde mit 73 Jahren Kaiser, nach der überlieferten Porträtbüste war er sehr mager und häfslich. 6 ) Die Perfidie aller Punier war bei den Römern sprichwörtlich, folglich mufste der gröfste Punier nach römischer Meinung auch diese Eigenschaft in hervorragendem Mafse besitzon. Scipio, sein Gegner, erseheint als II.s Gegenbild und darum treuer als andere Römer. 6 ) Catilina, bekannter Wüstling und als unsittlich verschrieen. Sallust, Catil. c. 5. e. 15 ff. ') Chörilns, berüchtigter Dichter, der von Alexander den Auftrag erhielt, seine Taten zu besingen. Horaz, Ep. II, 1, 232. 8 ) So Virgil, Ek. 1, v. 00 „Hirsche werden in der Luft grasen". — 249 — Wenn der Tanais ein Sumpf wird, hartes Eis den Nil [umschliefsct, Ew'ger Schnee auf Memphis *) lagert, ew'ger Regen niederließet 15 Auf die Fluren, die der Gorgo grausen Blutstrom in sich [tranken, 2 ) Wenn Aurora feucht emporsteigt, wo sonst Abendsonnen [sanken, Und zum Land der braunen Inder sie die Sonne rückwärts [leitet, Wenn der Po zurück zur Quelle auf Liguriens Alpe gleitet, Aus dem Ätna kalte Fluten, aus der Sorgue Flammen schlagen, 20 Wenn dem Wind die Wolken trotzen, Lüfte Äcker mit sich * [tragen, Wenn auf Bergen Fische spielen, in der See die Löwen [scherzen, — Dann erschüttern deine Lieder den Entschlufs in meinem [Herzen! ') Memphis in Ägypten galt als Ort, an dem Schnee unbekannt sei. Horaz, Carm. 111, 20, 10. •) Die libysche Wüste. Perseus, durch die Luft fliegend, schlug der GorgOne Modusa das Haupt ab und entführte es durch die Lüfte. Das geschah in der libyschen Wüste. Auf diese fielen also die Blutstropfen von dem abgeschlagenen Haupte herunter, und es entstanden aus ihuou Schlangen. Ovid, Mctam. IV, 010ff. — 250 — 29. Das Patengeschenk. (Glückwunsch zur Geburt Marco Viscontis.) Erlauchtes, gottgeliebtes Kind, du strahlst Im Glänze jetzt, den dir die Ahnen gaben, Doch stolze Völker werden bald dich ehren; Sei dir das Leben hold! Die zarten Jahre 5 Umfächle Gllickeshauch! Wie lange schon Bist du vom Vaterhaus und Vaterland Und auch von mir ersehnt! So komm beglückt, Und Gltickessterne mögen freundlich leuchten Auf deine Bahn; dann bringst du neues Glück 10 Zur hohen Blüte deines alten Stammes! — Dich grillst als Herrn der Po, den unsre Ströme Als König ehren; dich im Purpurkleid Ticino, 2 ) dem der Stolz die Woge schwellt Ob seines grolsen Vaters; dich des Lambro 15 Bescheidne Flut; die blaue Adda dich, ') Nach dem Tode Giovanni Viscontis, Bischofs und Herrn von Mailand, folgten auf dem Throne M.s die Sühne seines Bruders Stefano, namens Matteo, Barnabo und Galcazzo. Barnabo heiratete am 13. Oktober 1350 Beatrice, Tochter Mastinos dolla Scala; diese gebar 1354 den Sohn, von dem das Gedicht 29 handelt. Zu seinen Paten gehörte P.j er legte ihm den Namen Marco bei, schenkte ihm einen goldenen Becher und widmete dem Vater Barnabo diesen Gliickwunschbrief, in welchem er alle die Tugenden grofser Kömer, die jemals Marcus genannt waren, dem Neugeborenen als Beispiel vorhielt und ihm wünschte, daf's er sie erlangen möge. Zur Aufzählung der Namen vgl. Anm. 1 zu Ep. I, 5 an Benedict XII. a ) P. nennt zuerst die linken oder nördlichen, dann die rechten oder südlichen Nebenflüsse des Po. Der Ticino entströmt dem Lago Maggiore, der deshalb sein grofser Vater heilst; Lambro, sonst Lambrus im Lateinischen; die Adda, ein besonders langgestreckter Nebenflufs, durchströmt dasVeltlin, den Corner See, schiffbar bei Cremona und Piacenza; Oglio = Ollius lateinisch. Es folgen die rechten Nebenflüsse: Tanaro, Trebbia, schlachtenberühmt, nach P. jetzt zufriedener und den Kömern freundlicher, seit dieselben ihr ein bequemeres Bett gegraben. Taro, Parma, Enza, kleine Gewässer, die aber im Frühling infolge der Schneeschmelze oft gefährlich werden; vgl. Ep. II, 17, v. 25ff. Der Keno ist bekannter als die eben genannten, weil er bei Bologna vorbeifliefst und wegen des Gleichklanges mit dem deutschen Khein = Rhenus zu Wortspielen Veranlassung gibt, wie hier. — 251 — Die langgestreckt den schönsten Gau durchwandert, Der Oglio, der mit schneller Woge schäumt, Der reiche Tanaro, die Trebbia, besser Für uns gesinnt, seit ihr des Ufers Weite 20 Behagen schuf; der rauhe Taro dich, Der donnernd von der Felsenkuppe stürzt, Dich Parmas kleiner Bach, die Enza dich, Die rasend schäumt, so oft der Schnee zerrinnt, Dich unser Reno, zwar an Wogenschwall 25 Dem Rheine nicht gewachsen, doch umweht Vom süfsen Hauch der Luft Italias. — Doch wozu kleiner Flüsse Namen nennen? Die Brandung des Tyrrhenermeers, soweit Sich sein Gestade dehnt, in heller Bucht 30 Die Häfen ohne Zahl, sie huld'gen dir! Denn unbezwungne Völker, freie Männer, Sie holen gern sich Herrn aus eurem Stamme. Gewaltig schon vom ersten Anbeginn Hat dir der Ahnen Kraft, das eigne Glück, 35 Des Hauses Ruhm und günst'ger Sterne Schein Die Macht bereitet und der Himmelsherr, Der Menschenlose voller Weisheit lenkt. Auch du, erhabner Vater, hebe stolz Zur Brust empor den heilserflehten Sohn 40 Und lehr' ihn schreiten auf der Ahnen Bahn, Des alten Stamms gewalt'gem Beispiel folgen! Gefechtsberichte, rühmenswerte Namen, Glorreiche Taten mögen andre lernen; Es mögen andre sich an Kriegserzählung 45 Erfreun, — im eignen Hause findet er Des Ruhmes Vorbild, findet mächt'gen Sporn Zu jeder frohen Tat im eignen Stamme! Er werde hoch geehrt wie Ahn und Urahn! Er lerne früh des Vaters Beispiel folgenl — 50 Wächst lebensfroh das edle Kind heran, Reich' ihm die Schale hier und lafs ihn trinken Mit Rosenlippen! Kleine Gabe ziemt Dem kleinen Geber; bin ich doch so klein, — 252 — Und er so grofs! Doch seiner Tage Zahl 55 Sie ist noch klein, des Lichtes Schwelle hat Er eben nur berührt, noch schaut er auf Mit unbestimmtem Blick zum Himmelsdom. Nicht seinem Rang, der zarten Jugend nur Entspricht die kleine Gabe. Freut sie ihn, 60 So sei das blanke Gold sein Spielgerät. Wächst er heran, mag er voll Stolz verachten Die rote Gabe aus der Erde Tiefen. Doch dann vielleicht wird ihn mein Lied ergetzen, Und, liest er's, wird er also bei sich sprechen: 65 „Als aus der heil'gen Quelle man mich hub, Hat mein erhabner Vater hoch geehrt Den so geringen Diener. Seine Hand, Die treuergebne, hat dies edle Haupt Berührt, — und doch war er ein winzig Teil 70 Der grol'sen Fllrstenschar. — Er legte mir Zum guten Zeichen, der Verheifsung voll, Den Namen Marcus bei, der hell erstrahlt Von grofser Männer Ruhm, damit dereinst, Wenn mich der Ruhm der Geistesgröße lockte, 75 Wenn nach des Redners Palmen ich verlangte, Mit hellem Lichte mir den Doppelpfad Zwei Leuchten Romas wiesen: Marcus Varro •) Und Marcus Cicero, nebst Marc Anton 2 ) Als drittem Stern; doch wollt' ich hoch hinauf 80 Zur steilen Höhe steigen, wo die Weisen Der Pieriden klingen, sollte Marcus Pacuvius ;i ) den Himmelspfad mir deuten. Sollt' ich fürs Vaterland in Liebe glüh'n, ') M. Terentius Varro, der gelehrteste Mann des römischen Altertums, Zeitgenosse Ciceros, den er aber lange überlebte, da er über 90 Jahro alt wurde. a ) Marcus Antonius, Vorgänger Cieeros auf dem Gebiete der Beredsamkeit. Cicero hat ihm in seinem Buche „vom Redner" ein glänzendes Denkmal gesetzt. 3 ) M. Pacuvius, Schwestersohn des Ennius, lebte im zweiten Jahrhundert v. Chr., bedeutender tragischer Dichter. — 253 — Getreu ihm bis zum Tod, so sei für beides 85 Ein leuchtend Beispiel Marcus Regulus. 1 ) Wenn nach dem Thron zu streben Liebe mich Und Hoffnung reizten, würde Marcus mir, 2 ) Der hochgesinute Herrscher, Vorbild sein. Wollt' ich durch Wissenschaft und milden Sinn 90 Mich gern hervortun, fand' ich überall Erlauchte Führer, die das Scepter schmückte. Wenn Kriegesruhm und Kraft und Heldensinn, Wenn Ehrbegier mich lockte, wenn verächtlich Mir Mammon sei, sollt' ich auf Cato 8 ) schaun 95 Und Curius, die beide Marcus hiefsen. Wollt' ich im Schlachtenstaub zu Boden treten Der Fürsten Macht, sei Marcus Glabrio, 4 ) Wollt' ich die Völker zähmen, sei vor Augen Lebendig mir Marcus Nobilior 5 ) 100 Und zwischen beiden meines Vaters Ohm, 0 ) Der Siegesftirst, den unsre Zeit erzeugte. (Denn diesen Marcus gaben wir der Welt, Die andern gab sie uns.) Wenn Tempelbau, Wenn Städtegründung, wenn der Siegeskranz 105 Der wilden Seeschlacht mir Verlangen weckte, a ) M. Atilins Regulas, Foldhorr im ersten punischen Kriege, starb in puuischer Gefangenschaft; Idealgestalt echt römischer Tugenden, vgl. lloraz, Carm. III, 5. *) Der Dichter scheint die Kaiser M. Cöcceius Nerva, M. Ulpius Nerva Trajauus, M. Aurelitis Philosophus zu bezeichnen. 3 ) Wie Ep. II, 19 verbindet?, auch hier als Vertreter der Einfachheit M. Porcius Cato und Curius Dentatus, darin dem Cicero im Cato maior folgend. Doch hiefs Curius mit, Vornamen Manius. *) Glabrio besiegte IUI in der Schlacht bei den Thermopylen den König Antiochus, hiefs aber Manius Acilius Glabrio. 6 ) Marcus Fulvius Nobilior, Konsul 189 v.Chr., unterwarf Ätolien, war Gönner des Ennius. Cicero, Tusc. I, 2, 1. °) Marco Visconti, zweiter Sohn Matthäus' V., des Grofsen, wurde 1329 von Azzo, dem Sohne seines älteren Bruders Galeazzo, ermordet. Der jüngste der ftinf Söhne Matthäus' des Grofsen hiefs Stefano und war Vater Barnabos, dos Vaters des Täuflings. Also war Marco Visconti der Oheim Barnabos. — 254 - Sei Marc Agrippa mir der Sporn zur Tat. 1 ) Wenn Bruderliebe, wenn der sehlichte Sinn Des frommen Herzens, wenn der Ruhm mich freute, Verschmäht zur rechten Zeit und dann verdoppelt 110 Zurückgekehrt, sei Zeuge mir der Sieg Des Marcus Fabius, dem Volk ein Wunder, Des einz'gen Siegers, der Triumph verschmähte. 2 ) Des Landes Not, des Volkes Unheil wenden, Aufs eigne Haupt sie lenken, aller Wohl 115 Mit eignem Blute gründen, keine Schmach Erdulden, lehrt die Tat des Marc Horazl 3 ) Wie sich der Adel Volkes Gunst gewinnt Und Herzen an sich knüpft, das zeigen klar Valerius und Horaz der Zweite, Marcus 4 ) 120 Sind beide sie genannt. Ein tapfrer Führer, Ein Held sein unter Wunden, Marcus lehrt's/») Popilius geheifsen; durch Gefahren Gewandt sich durchzuhelfen, Marcus Kaeso, 6 ) ') M. Vipsanius Agrippa, Feldherr und Schwiegersohn Augusts, Erbauer des Pantheon; auch die Anlage von Colonia Agrippina = Cöln führt F. auf ihn zurück. 2 ) M. Fabius Vibulanus, Konsul 483 v. Chr., gewühlt unter seines Bruders Vorsitz, zeichnete sich im Kriege mit Veji aus, lehnte aber den ihm angebotenen Triumph ab, mit Rücksicht auf die Trauer über die Gefallenen. s ) Gemeint ist der überlebende von den Drillingen, die mit den Curiatiern aus Alba Longa kämpften. Er heilst sonst Publius, doch Cicero pro Milone 3, 7 nennt ihn Marcus Horatius. Er erkämpfte dem Vaterlande den Sieg, tötete aber seine eigene Schwester wegen ihrer Liebe zu einem der gefallenen Curiatier. l ) Marcus Horatius Barbatus war mit L. Valerius Foplicola Urheber der leges Valeriae Iloratiae, der volksfreundlichen Grundlage der römischen Verfassung. M. Valerius führte als Diktator das Volk vom Mous sacer nach Rom zurück und wurde Begründer des inneren Friedens. Cicero, Brutus 14,54. 6 ) M. Popilius Laenas, Konsul 359 v. Chr., schlug, während sein adeliger Kollege Scipio krank war, in einem heftigen Kampfe die Gallier; an der Schulter verwundet, liefs er sich vorbinden und kämpfte weiter. Livins VII, 23 ff. ") Marcus Kaeso kann kein Römer heifsen, denn Marcus und Kaeso sind beides Vornamen, jeder Römer aber hat nur einen Vornamen; also ist Kaeso wohl verschrieben. — 255 — Fest zu beharren, Marcus Livius. 1 ) 125 Des Feindes Nacken beugen unters Joch, Der Freunde Mauern durch den Frieden sichern, Mit einer Tat, das konnte Marc Gegan! 2 ) Ein Feindestor durch Mut und Waffen sprengen, Die zarte Unschuld und das Vaterland 130 Von bösem Druck befrein, im hohen Alter Sich schmücken mit Triumphen ohne Zahl, Das kann Camill, 3 ) der biedre Held, mich lehren, Der Marcus hiels. Doch wie der eigne Fehler Gebessert ward durch eigne Klugheit, kann 135 Mir Marcus Ruffus •») zeigen. Gilt's die Freiheit, Die heifsgeliebte, — waffne mir das Herz Marcus Castritius. 5 ) Mit Schwertes Schärfe Die Flucht zu hemmen, in die Schlacht zurück Verwirrte Scharen treiben, dafür sei 140 Mir Marc Ämil ü ) ein Vorbild. Zwänge mich Die höchste Not, den Feind hinabzuschmettern, Der schon der Heimat Zinnen kühn erstieg, So sei mein Leiter Marcus Manlius. 7 ) Dem Vaterland das Leben hinzugeben, >) M. Livius Salinator, vom Volke ungerecht verurteilt, zeigte diesem gegenüber eine bewundernswerte feste und ernste Haltung; spater ward er mit Tib. Claudius Nero Sieger am Metaurus über Ilasdrubal,207. ») M.Geganus, 447, 443, 487 Konsul, triumphierte über die Volsker und war Censor. , 3 ) M. Purins Cammus, Eroberer von Veji, befreite Rom aus den Händen der Gallier und stand bis in das höchste Alter siegreich im leide. *) Richtiger Rufus, der bekannte magister equitum des FaMus Im zweiten punischen Kriege, M. Minucius Rufus, der seine aufangliche Übereilung durch Bescheidenheit wieder gut machte. ») M. Castritius, Stadthaupt von Placentia, antwortete auf die Drohung des Cn.Carbo: „Ich habe viele Schwerter!" voll Freiheitsliebe: Und ich viele Jahre.« Die mutige Antwort war seine und seiner Vaterstadt Rottung. Valerius Max. VI, 2,10. . , . ,. ') M.ÄmiliusLepidus zeichnete sich schon als Knabe durch die gröfete Tapferkeit aus, indem er in der Schlachtreihe Feinde tötete, Mit- ^Älu. rettete das Kapitol, indem er die Gallier hinunterstiefs, die es bei Nacht erstiegen. — 256 — 145 Ein gräfslich Los sieb willig aufzulegen, Dazu ermahnt mich Marcus Curtius, 1 ) Im gottgeweihten Waffenschmucke glänzend. Wie unentwegte Treu dem treuen Freunde Geschuldet sei, das zeigt mir Marc Luculi, 2 ) 150 Und wie viel Edelmut auch nach dem Tode Dem Feinde, lehrt ein andrer Marc Anton. 3 ) Den Vater ehren heilst mich Marcus Cotta 4 ) Und Marcus Scaurus streng sein für den Sohn. 5 ) Verschmähn die Ehren, mafsvoll sie begehren, 155 ßutilius Marcus. 6 ) Wenn mein irdisch Herz Vielleicht der Güter unerschöpfte Fülle Sich anzuhäufen wünscht in blindem Wahn, Ist Marcus Crassus 7 ) da. — Gelüstet's mich Vom stolzen Sitze Kaiser und zur Erde 160 Der Fürsten Stolz zu werfen, Marcus Brutus 8 ) Ist hier und seine furchtbar bittre Rache. Wenn mich die Tat des starken Arms, wenn mich ') M. Curtius, römischer Kittor, stürzte sich bewaffnet und zu Pferde in einen auf dem Forum entstandenen Erdschlund, der sich auf keine Weise ausfüllen lassen wollte. Sofort schlofs sich der Schlund. 2 ) M. Licinius Lucullus, Bruder des berühmten Lucullus, mit dem er sehr einträchtig lebte; beide verklagton zusammen den Q. Servilius und waren zusammen Adilen. 3 ) M.Antonius, der Triumvir, von dem sonst nicht viel Gutes berichtet wird, bestattete eiuon toten Gegner ehrenvoll und hüllte ihn in seine eigne Schärpe ein. *) M. Cotta verklagte den Cn. Carbo, von dem sein Vater verurteilt war, und setzte seine Verurteilung durch. 6 ) M. Ämilius Scaurus riet seinem Sohne, der aus der Schlacht geflohen war, sicli zu töten. 8 ) Rutilius, aber nicht M., sondern Publius, wurde nach gewissenhafter Verwaltung Asiens von den Zollpächtern aus Rache angeklagt; verurteilt lebte er in Smyrna in Zuriickgezogenheit und nahm auch eine Zurückberufung nicht an. ') Gemeint scheint M. Licinius Crassus Mucianus, den Tac. Ilist. I, 10 und 11,5 entsprechend P.s Versen schildert. 8 ) M.Brutus helfet sowohl der Mann, der den König Tarquinius Superbus vertrieb, als der Mörder Cäsars. — 257 — Der Ruhm des Siegs in blut'gem Zweikampf lockte, Der beide Feldherrn Mars zum Opfer bringt 165 Und heil'ger Tempel First mit Waffen schmückt Erschlagner Feinde, trete vor die Seele Mir Marc Marcell ] ) und jener andre Marcus, 2 ) Dem gottgesandt ein Rabe Hilfe brachte. Dafs gegen viele Scharen einer vieles 170 Sich unterfängt, dem ganzen Kriege einer Sich kühn entgegenwirft, lehrt Marcus Scäva. :) ) Doch Beute sich und Ehre zu erwerben, Ob ungleich auch der Kampf, der Leib zerhackt, Des Helden Brust durchbohrt von tausend Wunden, 4 ) 175 Gibt Marcus Sergius das edle Beispiel. Wenn mich mein Sehnen treibt, durch frommen Sinn Den Himmel zu verdienen, möge mich Aus der Verkünder Christi heil'ger Vierzahl Der zweite spornen, welchen flügeltragend 180 Ein Leu begleitet, dem ein Tempel prangt Am Strand Venezias, den alle Welt Mit reichen Ehren fort und fort erhebt, Der Marcus heilst und dessen Namen mir Im Lebensbad der Taufe eigen ward." 5 ) 185 So wird er bei sich sprechen! Sorge du, Erlauchter Vater, dafs er treuen Dienst, Wie ich ihn dir geleistet, von mir heischt. Und sollte einst der Zeiten Flucht entziehn In Mifsgunst mir des jungen Helden Bild, — 190 Ich flehe, rufe mich, den Fernen, dann 1 ) M. Claudius Marcellus tötete als Feldherr einen gallischen Heerführer. 2 ) M. Valerins Corvus siegte im Zweikampf über einen gallischen Führer, indem ein Rabe ihm Beistand leistete. ») M. Scäva, ein Centurio Ciisars, vorrichtete bei der Belagerung von Dyrrhachium und in der Schlacht bei Pharsalus Wunder der Tapferkeit. *) M. Sergius Silus war der Götz von Borlichingen der römischen Geschichte; er verlor schon im zweiten Dienstjahre die rechte Hand, erhielt dann im ganzen 23 Wunden u. s. W.; vgl. Plin. VII, 29. 6 ) Der Apostel Marcus und die berühmte Kirche S. Marco in Venedig. F. Friedersdorff, Petrarcas pootisolio Briefe. 17 — 258 — Ihm ins Gedächtnis! Mögen andre viel Wetteifernd ihm die reichsten Gaben weih'n, In meinem Herzen glüht wie Feuer heifs Der Treue Kleinod! Das empfiehlt mich ihm 195 Und mein bescheidnes Lied, aus tiefem Herzen Emporgedrungen. Doch du wägst gerecht Nach wahrem Werte alle Dinge ab. 80 werde denn das reine Herz gelobt Des treu ergebnen Dichters, und verachtet 200 Das Gold, entstiegen aus der Erde Nacht. — 259 — 30. Der Roman von der Rose. 1 ) (An Guido Gonzaga, Herrn von Mantna.) Erlauchter Fürst! Wie sehr Italiens Sprache An Kunst und Wohllaut alle übertrifft, — (Nur Griechisch nehm' ich aus, sofern der Ruf Und Cicero die Wahrheit reden) 2 ) — das 5 Beweist dies kleine Schriftchen ;1 ) hier. — Zum Himmel Erhebt's der Franke, der ja stets als Meister Der schönen Rede galt, und voll Entzücken Stellt er's den höchsten Werken gleich. Man denke! Der ganzen Welt verkündet hier ein Franke, 10 Was er geträumt: — wozu die Eifersucht, Wozu die Liebe fähig ist; wie heifs Die Glut in Jünglingsherzen brennt; wie auch Das Alter gern von Liebe schwatzt; womit Der Liebe holder Wahn im Kampf sich rüstet, *) P. überreicht dem Fürsten, der ein neues gutes Buch zu lesen wünschte, den berühmten französischen Rosenroman von Guillaume de Loris und Jean de Mung, seinem Fortsetzer. In diesem Roman erzählt der Dichter den Traum eines Jünglings, der voll Verlangen, eine herrliche Rose zu pflücken, viele Leiden und Gefahren besteht, bis er sein Ziel erreicht. Das Ganze ist eine allegorische Darstellung der Liebe. Amor schiefst dem Jüngling fünf Pfeile in die Brust und entflammt ihn zur heifsesten Liebe. Eifersucht (Jalousie) bewacht die schöne Rose und baut eine Festung; eine Alte (la vieille) teilt in cynischer Weise dem Liebenden ihre Lebenserfahrungen mit; auch praktische Ratschläge, wie man Liebe gewinnen soll, werden dem Liebenden zu teil, wie in Ovids ars amatoria 1,515 ff. — P. setzt den Inhalt des Werkes herab und stellt die alten Liebesdichter, vielleicht auch seine eigenen Sonette, höher. Die Mitwelt und die nächste Nachwelt teilte sein Urteil nicht, die Franzosen, z. B. die Pariser Ausgabe au VII, tome V, p. 15 —16, stellen den Roman Dante gleich und höher als alles, was in Italien gedichtet sei. Die Gegenwart dürfte P. recht geben. 2 ) Ein offenes Bekenntnis der Unwissenheit im Griechischen. Im Brutus, c. 00, §310 sagt Cicero, dafs die griechische Sprache reicher an „Sehmuck der Rede" sei als die lateinische. (Vgl. die Herausgeber). 8 ) Der Ausdruck ist als ironisch anzusehen, wenn nicht vielleicht eine besonders klein geschriebene Handschrift damit bezeichnet ist. Denn der Roman umfafst über 22 000 Verse. Ein Traum in drei Bänden. 17* — 260 — 15 Wie leicht ein schöner Blick uns tödlich trifft, Wie Müh' und Kummer, Lust und Last sich paaren, Wie Seufzer, Lächeln gleich gefährlich sind, Wie über seltne Freuden sich in Strömen Die bittre Tränenflut ergiefst. — Genug! 20 Wo konnte weiter sieh die Bahn erschliefsen, Wo reicher sich die Mühe lohnen, wo In gröfsrer Fülle Redestoff sich bieten? Doch er, berichtend seine Traumgesichte, Spricht wie im Traum und scheint in Schlaf versenkt, 25 Obwohl er wach ist. — Besser wahrlich hat Dein Untertan den Liebesschmerz gemalt') In jenem Liedo voller Schwung und Tiefe, Wo Dido ihre grofse Seele aushaucht, Getroffen von des Liebsten Schwerte; — besser 30 Sang auch Veronas Dichter 2 ) oder jener, Der Sulmo 3 ) als der Liebeslieder Heimat Mit kecken Worten aller Welt verkündet, Und auch Properz,' 1 ) der Umbrer, der ein Leiter Dem Dichter aus Pelignerlande ward. 35 Wozu von andern reden, die vor Zeiten Und die erst jetzt in Latium erblüht? — So heifse dennoch freundlich ihn willkommen, Den ich dir schenke, nimm ihn gnädig an. Ein Werk des Auslands, das dem Volk gefiele, 40 Das wünschtest du, — nichts Bessres liefs sieh finden, Wenn nicht ganz Frankreich samt Paris sich irrt. Trau meinem Wort und denke freundlich mein. x ) Virgil aus Mantua schildert besonders im vierton Buch der Aeneis den Schmerz Didos, die von Aeneas verlassen, sich mit dem Schwerte des Treulosen tötet. '') Catullus aus Verona. 3 ) Snlmo war die Heimat des Ovid, der v. .'!4 als Peligner bezeichnet ist. *) Properz wurde in Umbrien geboren; bei Rossetti ist die Stelle aus Ovid (Trist. IV, 10) angegeben, in der dieser sich als Nachfolger des Properz bezeichnet. 261 31. Dem Lieblingsschüler. (An Francesco Bruni.)') Dem jungen Dichter Heil! Wie freut es mich, Dals ich mit Flammenworten dieses Herz Zum Edeln spornte! Welcher Ruhm für mich, Dafs meine Schule solche Geister bildet, 5 Dafs ich für sie, die keine Lehrer kannten, Genossen fand und ihnen Waffen lieh! — Dem edlen Ziele strebe rüstig zu! Und immer heifser lafs dein Ringen werden! ., Dann wirst du siegen, und vom Göttersitz 10 Des Musenbergs der wildbewegten Menge Unholdes Lärmen hoheitsvoll verachten! Doch, da Natur Gedanken dir voll Tiefe Und Schwung verlieh'n, vernimm die letzte Mahnung: Mit treuem Fleifs gib deiner Kunst dich hin! 15 Erwäge dreimal jede Silbe; nimm Zu ihrer Messung stets aufs neu bescheiden In Anspruch deine Finger. Achte drauf! Verschmähst du so Geringes, wird das Gröfste Entstellt durch böse Flecken; deine Schuld 20 Besudelt dann ein heitres, zartes Bild! Gleich einem Sohne lieb' ich dich; ich rede Aus vollem Vaterherzen, — was der Sohn Erringt, dem Vater kommts zu gut! Geduld! Die Zeit der Ernte kommt, und reich belohnt 25 Wird treuer Fleifs. Bekennen wirst du laut, Geliebter, dann, dafs deinen Ruhm zu gründen, Mich unablässig treue Sorge trieb. *) Die Annahme, dafs Bruni der Adressat sei, ist unsicher; Ep. III, 10 spricht ihm P. aber eine solche Begabung für Poesie zu, dafs er auch hier wenigstens als Adressat angenommeu werden kann. — 262 — 32. Viel Köpfe, viel Sinne. (An Sokrates.) Des Lebens kurzen Kreislauf füllt der Mensch Mit tausendfachen Wünschen aus und eilt Auf tausend Bahnen nach dem gleichen Ziel; Doch den ersehnten Weg verfehlt er meist. 5 Der Weg ist rauh und steil; des Körpers Last Bedrückt uns, macht den Aufstieg schwer. Es steigt Der Pfad empor durch schroffe Felsen, bietet Gefahren rings und maclit den Wandrer schwindeln. Rings droht ihm jäher Absturz, rings der Tod. 10 Auf halber Höh' zwar geht man sicher, doch Nur wen'ge wandeln dort. Die meisten sieht Man tief im Tale einsam irre gehn, Durch Finsternis den Weg zur Hölle schreiten. Was hindert, ach, so sehr die arme Menschheit? 15 Wer zwingt sie, von des greisen Griechen Kreuzweg') Nach links zu biegen und den Weg nach rechts So sehr beständig zu verschmäh'n? Es ragt Das wahre Leben auf erhabner Höh, Doch durch den Abgrund wandeln wir zum Tode. 20 Die Sterne kreisen leuchtend auf der Bahn Nach ew'ger Ordnung; doch zur Erde senken Wir scheu den Blick, wir haften an der Erde. — Bald graben gleifsend Gold wir tief im Schacht Und meiden gern des hehren Himmels Licht; 25 Die Schatten stören wir im finstern Reich, Wenn nur die gelbe Ader uns Metall Ergiebig schenkt, das uns so wonnig scheint, Ob's grofse Fährnis auch und Sorgen bringt! Bald ist der Gaumen unser Herr, er heifst 30 Uns Länder, Meere plündern, ja die Luft, Des Himmels weite Räume! Doch beliebte Sie zu betrachten unserm Geiste, wahrlich In uns erwlichs' ein andrer heil'ger Hunger, *) Pythagoreischer Kreuzweg s. Ep. I, 8, 17. — 263 — Und andre Speise heischte dann das Herz! 35 Warum verschwendet ihr so grofsen Aufwand, Ihr schwachen Kreaturen, und vernichtet Das eigne Wohlbefinden, das so schön Bei magrer Kost gedeiht, durch Unmafs leidet? Ist doch kein andres Streben so gemein 40 In jedem Punkte. Doch, wie nenn' ich jene, Vom Volk vergöttert auf der Rednerbühne, Die nach des Pöbels launenhafter Gunst, Nach seinem Beifall jagen? Und wie jene, Die, ach, die Lust am Morden und des Mars 45 Ruchlose Gunst zu Taten treibt, die fröhlich Von heifsem Blut die Waffen dampfen sehn Und das Gefilde triefen vom Gemetzel? Trompetenstöfse, doppelschneid'ge Schwerter, Ein Strom von Blut aus klaffend offner Wunde, 50 Zerfleischte Leichen, grausenhafte Bilder Der ärgsten Art, erschrecken nicht ihr Herz! Wie nenn' ich jene, denen Treu und Ehre, Ja, alles feil ist, was man heilig nennt, Wenn sie des Glückes höchste, schwanke Stufe 55 In Hast erklimmen auf gewagtem Steg? Und jene, die ein langes Leben nutzlos Im Schulgezänk verbringen, ihre Zeit Vergeuden, um ein Jota grimmig streitend? Wie jene, die im Angesicht des Todes 60 Die Sorge quält um ihres Prachtbaus Dach, Das doch zerfallen mufs? Und wieder andre, Mit Gram erfüllt durch harten Druck der Gattin, Der schlimmen, durch des Sohnes Störrigkeit, Der keiner Lehre, keiner Zucht sich fügt, 65 Den Trug des Dieners, der drei Sprachen redet? Und die ein dorn'ges Feld, der Schafe Sterben, Des Bienenschwarmes Flucht, die bittre Sorge Um stilsen Honig und die Furcht vor Schaden Und des Gewinnes schnöde Hoffnung treibt 70 Zu atemloser Jagd, und deren Durst — 264 — Nur mehr entbrennt, je mehr sie sich errafft? Die aulser sich geraten, wenn die Ernte Zu flau geworden, wenn der Händler zögert, Wenn auf der See die Winde streiten, wenn 75 Das Schiff den Syrten, den verrufnen, naht, Wenn durch der Skylla Heulen, der Charybdis Gewalt'gen Strudel es sich winden mufs, Und deren Glück in Winden stets und Fluten An dünnen Tauen auf und nieder schwankt? ') 80 Wie jene, die der Seele Feuertrieb Aus ihrer Ahnen Sitzen jagt und wild Hin über See und Klippen treibt, die kläglich Auf öder Flut ihr Leben fristen, die Ein Grab im Schofs der Wogen finden, wenn 85 Ihr nackter Leib die Gier der Fische stillt? Noch andres reizt zum Lachen. Dafs der eine Sein Netz in finstrer Nacht zu spannen liebt Und Kriege in den Wäldern führt, der andre Den grimmen Keiler in des Tales Sumpf 90 Mit hohem Mut bekämpft, indes der Hirsch In tiefen Wald mit weitem Satz entflieht Und andre zur Verfolgung lockt. Wie viele Besehleichen leisen Tritts im dichten Busch Ein scheues Vöglein; ihnen schnürt Erregung 95 Die Kehle zu. Der wilden Gänse Schwärm, Der durch des Himmels liegen wölken streicht, Betrachten andre himmelan gewendet; Ein starres Bild aus kaltem Marmor scheint Gar mancher, der zum krummen Angelhaken 100 Sich niederbeugend nach dem Fischlein späht. Noch andre zieht die rauchgeschwärzte Schenke Mit eklem Fettgeruche mächtig an, Das Würfelspiel auf unheilvoller Tafel Erregt ihr Herz und raubt sie aus; es schlägt 105 Der Zirkus andre fest in seinen Bann, Der Spiele bunter Wechsel hält sie fest l ) Vgl. Cicero, Tusc. 5, 14, 41 „Das an Schiflstauo geknüpfte Glück." — 265 — Bis in das Abenddunkel, sie vergessen So Speis' als Trank. — Wie aber nenn' ich euch, Die tolles Sehnen nach der Liehe Lust 110 Zu allen Zeiten martert? Schlaflos schwindet Die Nacht dahin, ein kurzer banger Traum Bringt keine Ruh', verderblich tobt das Gift, Das süfse, in den Adern, treibt die Armen In kalten Schnee, in Regensturm hinaus, 115 Dafs auf der spröden Freundin Schwelle sie Den unbeschützten Leib mit Wonne lagern Und sich der eignen Qualen freun, denn immer Betört die Hoffnung ihr vertrauend Herz Und facht aufs neu die wilden Gluten an. 120 Wie endlich nenn' ich euch, die vor den Spiegel Der flticht'gen Schönheit Selbstbewundrung bannt Und frischer Wangen rasch verblühter Reiz? So äfft die eigne Lust, der eigne Wunsch Die Menschheit insgesamt; doch was allein 125 Sie glücklich machen und den rauhen Pfad Des Lebens ebnen könnte, eben das Milsachtet jedermann, — das ist die Tugend! — — 266 — 33. Was wird aus uns? (An Francesco de' Kinucci.) l ) Zwar leb' ich, doch mein Schicksal klag' ich an, Dafs mich's die Zeit der Spätgeborncn sehn, In Ungliicksjahre mich geraten liefs. Wie stand' es gut um mich, war' in der Vorzeit 5 Ich einst geboren oder sollte künftig In ferner Zukunft erst geboren werden. Denn weit beglückter lebte einst die Welt Und wird, ich hoff's, in Zukunft glücklich leben. Die Zwischenzeit, die böse Gegenwart 10 Ist allen Schmutzes voll; es fiel ihr zu, Den Leidenskelch bis auf den Grund zu leeren. Aus dieser Welt sind Kunst, Verdienst und Glanz Entwichen, blinder Zufall, Sinnenlust, Sie schwingen dreist das Scepter, uns zur Schmach. 15 Wir sind verloren, wenn zur Rettungstat Wir nicht die letzte Kraft entschlossen sammeln. Ein düstrer Strudel schleudert uns auf Klippen; Man scharrt uns ein, der dürft'ge Grabstein nennt Den wesenlosen Namen, — unser Ruhm, 20 So heils erstrebt, er ist ein leerer Schall. Der Aschenkrug zerfällt, es trägt der Wind Die Asche fort. — Zur Erde mufs sich bücken Der Wandersmann, der auf verwaschnem Stein Die Inschrift sucht, die längst in Stücke sprang, 25 Und kann sie doch nicht lesen. — Alles wird Vernichtet von der Zeit; willst du ihr trotzen, ') Über Fr. de' E. s. Ep. III, 22 und 23. Der Dichter teilt seine schmerzliche Unzufriedenheit, in so bösen Zeiten leben zu müssen, — ein bei ihm beliebtes Thema — seinem Freunde mit; selbst das höchste Streben des Humanisten, das nach Unsterblichkeit des Kuhmes, erscheint ihm vergeblich. Nur das Streben nach himmlischen Dingen kann von dem Drückenden dieses Gedankens befreien. Die Anwesenheit des Freundes würde diese Bemühung erleichtern; darum schliefst P. mit einer Einladung. _ 267 — So schwinge hoch dich von der Erde auf! In losem Sande kann dein Schiff nicht ankern! — Auf meinem Helikon, im Rasengrün, 30 Am Rand des Baches, der aus stiller Grotte Geschwätzig sprudelt, schrieb ich hastig dir Dies kurze Briefchen, safs dabei inmitten Der beiden Lorbeerbäume, die für dich Dereinst ich selber pflanzte und dazu 35 Mit vielem Seufzen sprach: „Ihr Bäumchen, wachst! Er wird vielleicht in eurem Schatten ruhn". — 268 — 34. Das Jubeljahr. 1 ) (An Guglielmo da Pastrengo.) Was treibst du? KUstest endlieh du zur Fahrt Nach Roms geweihten Stätten? Wirst noch länger Die Mühe scheun, die ewig Segen bringt? Noch länger sie verzögern? Viele Jahre 5 Besitzt dich dein Verona, und es soll In ferner Zukunft noch zu seiner Freude Dich, seinen Stolz, besitzen, bis es trauernd Zu später Ruh' in seinen Schofs dich bettet. Gilt Rom dir nichts? Verhtit' es Gott! Es ist 10 So lange kund mir deine Sinnesart, So oft erprobt' ich deinen Feuergeist, — Ich weifs genau, dein edles Streben wies Dich längst nach so erhabnem Ziel und spornte Im stillen dein Verlangen; doch es hält 15 Mit starkem Zügel dich die treue Sorge Für's Haus, für's Vaterland und für die Deinen. Doch laut ergeht des Himmels Ruf an dich! Und du kannst zaudern? Sieh, der schmale Weg, Der Weg des Heils, ist gnädig aufgetan, 20 Geebnet hat ihn Christi frommer Knecht Mit heil'ger Rede, und schon wandern drauf Gesellig Griech' und Brite, Keif und Cimber, Der Cypriot vereint dem Iren sich, Der Daker sich dem Sueven, der in Knoten 25 Sein Rothaar bindet. — Du allein machst Halt, ') Was P. inEp.II, 5,360ff. im Namen der Stadt Rom erbeten hatte, war von Clemens VI. gewährt worden; 1350 war als Jubeljahr festgesetzt worden, und von allen Seiten zogen Pilger nach Rom, um des reichen Segens der Kirche teilhaftig zu werden. Und bei ihnen war auch P., der die Reise dorthin über Plorenz unternahm. Er fordert seinen innig geliebten Freund Guglielmo in Verona (Ep. III, 3, Anm. 1) mit herzliehen und dringenden Worten auf, an der Pilgerfahrt teilzunehmen, ohne irgend welche Rücksicht auf irdische Verhältnisse, Familie u.a. Doch scheint die Aufforderung keinen Erfolg gehabt zu haben. Bemerkenswert ist der frische, reiselustige Ton des Gedichtes, der an Bufspsalmen durchaus nicht erinnert. — 269 — Du Sohn Italias? So wenig gilt Das Gute dir, das nahe liegt? So sehr Zur Ferne willst du schweifen? Bis zum Himmel Kann dich beglückten Pilger aufwärts tragen 30 Ein kurzer Anlauf? Und du nimmst ihn nicht? Das ist zu arg! Willst du die Zeit erwarten, Bis wiederkehrt das Jubeljahr, die Sonne Zum zweitenmal auf ihrer Himmelsbahn Der Jahreskreise fünfmal zehn erfüllt 35 Und uns die Stunden wiederbringt, die jetzt In Torheit wir verlieren? — Wer zum Himmel Die weite Reise machen will, hat Eile! % Es drängt die Zeit, dich darf die Zukunft nicht, Die sorgenvolle, hindern, nicht das Schmeicheln 40 Der zartbesorgten Herzen dich umgarnen; Der Mutter achte nicht, wenn sie die Schwelle Dir flehend sperrt; des zarten Sohnes Kufs Soll dich nicht rühren; lals den Vater weinen, Den hochbetagten; lafs im Wind verhallen 45 Betrübter Freunde Seufzer; nicht die Tochter, Erblüht in Jugend, schon des Gatten harrend, Des Bruders Liebe, zärtlich treue Worte Der bangen Schwester, ja, der Gattin Flehn, Das innig zarte,-------nichts mehr fessle dich! 50 Nein, schreite mutig über sie dahin! — Am Ziele winkt der höchste Lohn!------- Ich weil's, Du brauchst die Mahnung nicht. Dem trauten Heim Enteilst du froh, und nimmer blickt dein Auge Darauf zurück. Den frommen Stab erfafst 55 Die Hand mit Eifer, und im Chor der Pilger, Die froh dich grüfsen, ziehst du mit nach Rom. Doch sprich, verschmähst du jetzt mich als Gefährten? Der beste Weg ist mir bekannt, auf ihm Geleit' ich gern, wer mit mir pilgern will. 60 Leb' wohl, o Welt, und alle Jugendfreuden, Bezwungne Lust des Fleisches, lebe wohl! Inhaltsverzeichnis. Nr. Erstes Buch. Soite 1. Widmung. (An Barbato da Sulmona).......... 5 2. An Benedict XII. (Erster Brief)............ 9 3. Wer rettet das unglückliehe Vaterland? (An Aeneas di Tolornei aus Siena) ................... 20 4. König Robert in Vaucluse. (An Dionysius Roberti aus Borgo di San Sepolcro).................. 28 5. An Benedict XII. (Zweiter Brief)............ 35 6. Friedliches Glück. (An Philipp von Cabasolles)...... 41 7. Das Bekenntnis. (An Giacorno Colonna)......... 44 8. Die Grabschrift der Mutter............... 53 9. Der Liebesgarton. (An Laelius)............ 55 10. Dom unbekannten Freunde............... 59 11. Gewitternacht. (An Cardinal Giovanni Colonna)...... 00 12. Der Rabe..................... 66 13. Vor dem Sturm. (An Mastino della Scala)........ 6ti 14. Auf den Tod des Meisters. (An König Robert von Neapel) . . (18 15. Der schwarze Tod. (Der Dichter au sich selbst)...... 71 Zweites Buch. 1. Die Dichterkrönung. (An Giovanni Barrili)........ 79 2. Ermutigung. (An Cardinal Bernhard d'Albi)....... H 8. Warnung. (An denselben).............. 87 4. Absage. (An denselben)............... 94 5. An Clemens VI................... 97 6. Zu viel Kummer. (An Nicolö von Alife)......... 111 7. Neapel. (An Barbato da Sulmona)........... 113 8 und 9. Grabinschrift des Königs Robert. (An Nicolo von Alifö) . 116 10. Geistige Freundschaft. (An Gabriele Zamoreo aus Parma) . . 118 11. Literarische Fehden. (An Zoilus)............ 122 12. Die Birne. (An Luchino Visconti)........... 139 13. Schutz den Trümmern Roms! (An Paolo Annibaldi)..... 143 14. Mit offenem Visier. (An Lancilotto degli Anguissola) .... 147 15. Trostlied. (An Giovanni Colonna)........... 149 16. Die Berufung. (An Rinaldo da Villafranca)........ 104 li. Selvapiana. (An Barbato da Sulmona).......... 171 18. An Zoilus..................... m 19. Der Hausbau. (An Guglielmo da Pastrengo) ....... 178 — ■ 272 — Nr. DritteS Bu0h - Seite 1. Der Dichter als Landmann. (An Giovanni Colonua)..... 183 2. Zauber der Töne. (An Einaldo von Villafranca)...... 188 3. Die Geliebte des Freundes. (An Guglielmo da Pastrengo) . . 190 4. Friedensschlnfs. (An Gioranni Colonua)......... 194 5. Des Dichters Hund. (An Giovauni Colonua)........ 198 6. Die jungen Bäume. (An Luchino Visconti)........ 202 7. An Pietro, Dantes Sohn................ 204 8. Gemeinsames Streben. (An Zanobi da Strada)....... 205 9. Absage an Florenz. (Au Zanobi da Strada)........ 206 10. Wer mag jetzt dichten? (Au Francesco Bruni)....... 209 11. Todesahnung. (Au Guglielmo da Pastrengo)....... 211 12. Genesung. (An denselben)............... 211 13. Schwere Aufgabe. (An Giovauni Barrili)......... 212 14. Dem Staatsmann Heil! (Au Nicola Acciajoli)....... 213 15. Milsachteto Tonkunst. (An Floriano da Bimini) ....... 215 16. Die Allmacht der Liebe. (An denselben)......... 217 17. An Giovanni Boccaccio................ 218 18. Die ideale Wohnung. (An Barbato da Sulmona)...... 220 19. Neue Reise. (An denselben)............. 221 20. Ein Bergsturz. (An Guglielmo da Pastrengo)....... 224 21. Im Banne dos Zauberers. (An Giovanni Barrili)...... 225 22. Das neue Labyrinth. (An Francesco de' Riuucci)...... 226 23. Avignon. (An denselben)............... 229 24. Italia, mein Vaterland!................ 232 25. Italia über alles. (An Bischof Hildebrand de' Conti in Padua) . 233 20. Um eine Silbe! (An Andreas aus Mantua)........ 237 27. Parma. (An Levis, genannt Sokratos).......... 243 28. Niemals! (An denselben)............... 248 29. Das Patengeschenk. (Glückwunsch zur Geburt Marco Viscontis) 250 30. Der Roman von der Rose. (An Guido Gonzaga)...... 259 31. Dem Lieblingsschüler. (An Francesco Bruni)....... 261 32. Viel Köpfe, viel Sinne. (An Sokrates).......... 262 33. Was wird aus uns'? (An Francesco de'Rinucci)...... 266 34. Das Jubeljahr. (An Guglielmo da Pastrengo)....... 268 Druck von Ehrhardt Karras, Halle a. S.