— 237 —26. Um eine Silbe!
(An Andreas aus Mantua.) 1 )
Zieh hin, mein Brief, es trage dich der Po!Du gleitest leicht im Freundesstrom zu Tal,Bis dich der Sohn des tiefen See Benacus, 2 )Der dir begegnet, abzubiegen mahnt;5 Dann halte dich zur Linken, und du wirstStromauf auch hier in Freundesfluten fahren,Nach Mantua, — einst hehrer Musen Sitz, ;! )Jetzt eines Herzogs unbezwungner Feste,Die Hörnerklang und Leierspiel vereint
10 Und Mars im Bunde mit Apoll verehrt. —
Dort lebt ein Mann, der meinen Kuhm verkündet,Ihn suche auf und bring ihm Trost und Grufs.Er ist um mich bekümmert, denn es schrecktIhn das Geschrei der unverständ'gen Menge,
15 Und tief im Herzen wurmt ihn ihr Geschwätz.
•) Ein unbekannter Kritiker hatte dem P. vorgeworfen, dafs er ineinem lateinischen Gedichte eine kurze Silbe als lang gebraucht hatte.Dieser kleine Vorwurf setzte den reizbaren Dichter dermaßen in Zorn,dafs er mit unserem langen Briefe darauf antwortete und auf den Kritikerdie härtesten Vorwürfe, ja Schmähungen häufte. Den Brief sandte er aneinen Freund Andreas nach Mantua; doch wissen wir von diesem Freundenur, was ans dem Briefe selbst hervorgeht, nämlich dals er ein groiserVerehrer P.s war. Auch Abfassungszeit und Ort des Briefes ist unbekannt;aus den ersten Versen geht nur hervor, dafs P. seinen Brief auf demWasserwege, den Po abwärts und den Mincio aufwärts, nach Mantua be-iordern wollte. Er muls ihn also in einer Stadt geschnoben haben dieam Po oberhalb des Einflusses des Mincio lag, oder die mit dem Po durcheinen Nebenflufs verbunden war. Vermutlich in Parma. Der Brief ist mitden an Zoilus, Ep. II, II und II, 18 gerichteten Briefen zusammenzustellenals Beispiel der literarischen Streitschriften jener Zeit.
») Benacus = Gardasee, sein Sohn = Ausflufs ist der JDndo, andessen rechtem Ufer Mantua liegt. Vom Po biegt das Schiff Mnks in denMincio ein, und links fahrend landet es bei Mantua am rechten Ufer desMiucio.
«) Heimat des Virgil, jetzt beherrscht von Guido von Gonzaga, derdie Musen liebt (vgl. Ep. III, B0).